WINNETOU I

1893 schreibt Karl May, spät wirklich "entdeckt" durch seinen Verleger Fehsenfeld, mit dem Schwung und der Kraft neuen Selbstbewußtseins eines seiner schönsten Bücher. Und legt nachträglich gleichsam ein Fundament. Nachdem die Schilderung von Winnetous Tod längst (ein gutes Jahrzehnt vorher) geschrieben ist, erzählt er nun von den Anfängen; wie Old Shatterhand in den Westen und zu seinem Namen kam, wie Winnetou und Old Shatterhand sich kennenlernten. Sam Hawkens, Mr. Henry, Winnetou, Nscho-Tschi, großartige Gestalten der Phantasie … wir erleben Freundschaft, Zuneigung, Liebe ...

Schein und Sein, Lug und Trug, die Doppel- oder auch Mehrfachbödigkeit der Realität, Rollenspiel, Lebenslüge, immer wieder thematische Schwerpunkte bei Karl May, manchmal freilich so unauffällig unterlegt, daß es gar nicht jeder merkt oder auch merken soll … Jedenfalls wird die Tatsache, daß die Blutsbrüderschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand im Grunde auf einer ausgefeimten Trickserei beruht, auf einer Täuschung, in familienfreundlicher Aufbereitung der Angelegenheit auf Freilichtbühnen oder Kinoleinwand meist dezent unter den Teppich gekehrt, und sicher auch gern überlesen. Dabei beschreibt May sehr detailliert, wie sich Hawkens und Shatterhand, notgedrungen, den Kopf zerbrechen, wie sie die Apachen am besten hereinlegen, um selber mit heiler Haut davonzukommen; man macht mit den Kiowas gemeinsame Sache, lässt die Apachen aus dem Hinterhalt überfallen, um die Häuptlinge dann anschließend befreien und als Retter dastehen zu können. Zahlreiche Tote gibt es bei diesem abgekarteten Spiel, das ist, da wir es sozusagen mit einem Optimierungsproblem zu tun haben, nicht zu vermeiden … Und dass er Winnetou dann befreit hat, muß der Erzähler später erst einmal beweisen, man traut ihm nicht. Der Grat zwischen zum Tode verurteilt werden und Blutsbrüderschaft ist schmal. Schon kompliziert, die Maysche Psyche und Welt. (Im „Scout“ / Winnetou II ist es einigermaßen ähnlich, da macht man gemeinsame Sache mit den Komantschen … In der (Welt-) Politik ist es, wie wir immer wieder sehen, auch nicht anders.)

Interessant zu beobachten der „lange Atem“ in diesem Buch. Verglichen mit anderen ist es eher handlungsarm. Was ist z.B. in „Durch die Wüste“ oder „Von Bagdad nach Stambul“ schon alles passiert bis zur Mitte des Buches. Und hier wird erst einmal sozusagen in aller Ruhe breit expositioniert, dann geht es in den Westen, und bevor die eigentlichen Verwicklungen einsetzen, werden erst einmal Büffel gesichtet, Spuren gesucht, Pferdejagd betrieben, ein Bär erlegt …

 

Einleitung

„Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein [...] Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem 'kranken Mann', [...]“, nun, letzteres hat sich geändert, er erscheint uns heute recht selbstbewußt.

Mays Haltung zur Indianerthematik erscheint in dieser Einleitung recht ambivalent ... Er nennt die Dinge schon beim Namen, ohne sich indes wirklich zu engagieren ...

„Ganz unstreitig gehörte diesen das Land, welches sie bewohnten; es wurde ihnen genommen. Welche Ströme Blutes dabei geflossen und welche Grausamkeiten vorgekommen sind, das weiß ein Jeder, der die Geschichte der 'berühmten' Conquistadores gelesen hat.“

„Der Weiße kam mit süßen Worten auf den Lippen, aber zugleich mit dem geschärften Messer im Gürtel und dem geladenen Gewehre in der Hand. Er versprach Liebe und Frieden und gab Haß und Blut. [...] das schleichende Gift des 'Feuerwassers' brachte man ihm [...], dazu die Blattern und andere, noch viel schlimmere und ekelhaftere Krankheiten, welche ganze Stämme lichteten und ganze Dörfer entvölkerten.“

„Darüber erbittert, rächte er sich nun an dem einzelnen Bleichgesichte, welches ihm begegnete, und die Folgen davon waren dann stets förmliche Massacres, welche unter den Roten angerichtet wurden.“

Und das Folgende wird in seiner Differenziertheit manchmal seitens schlichter Schwarzweißdenker gern übersehen: „Dadurch ist er, ursprünglich ein stolzer, kühner, tapferer, wahrheitsliebender, aufrichtiger und seinen Freunden stets treuer Jägersmann, ein heimlich schleichender, mißtrauischer, lügnerischer Mensch geworden, ohne daß er dafür kann, denn nicht er, sondern der Weiße ist schuld daran.“

„Und werden einem Stamme einmal hundert 'extra fette' Ochsen zugesprochen, so haben diese sich unterwegs in zwei oder drei alte, abgemagerte Kühe verwandelt, von welchen kaum ein Aasgeier einen Bissen herunterreißen kann.“ An solchen Stellen wird, ohne daß es direkt ausgesprochen wird, deutlich, worum es geht: Völkermord.

„Welch eine stolze, schöne Erscheinung war er früher, als er, von der Mähne seines Mustangs umweht, über die weite Savanne flog, und wie elend und verkommen sieht er jetzt aus in den Fetzen, welche nicht seine Blöße decken können!“

„Ich kann nur klagen, aber nichts ändern; ich kann nur trauern, doch keinen Toten ins Leben zurückrufen.“

„Ich? Ja, ich!“ Bei Karl May geht es immer um ihn selber ... „Habe ich doch die Roten kennen gelernt während einer ganzen Reihe von vielen Jahren“ ...

Winnetou „soll nur körperlich gestorben sein und hier in diesen Blättern fortleben, wie er in meiner Seele lebt“.

 

1. Kapitel – Ein Greenhorn

Die Betrachtungen zum „Greenhorn“ übernahm May, überarbeitet und stellenweise ein bißchen 'entschärft', aus seinem früheren Text „Der Scout“ (siehe auch dort).

„Ein Greenhorn macht im wilden Westen ein so starkes Lagerfeuer, daß es baumhoch emporlodert, und wundert sich dann, wenn er von den Indianern entdeckt und erschossen worden ist, darüber, daß sie ihn haben finden können.“

Der Erzähler glaubte, „ein außerordentlich kluger und erfahrener Mensch zu sein; hatte ich doch, so was man zu sagen pflegt, studiert“, und muß dann feststellen, „Daß dann das Leben die eigentliche und richtige Hochschule ist“ ... So ist das.

Schön die Passagen beim wohlwollend-väterlichen Mr. Henry (für den ist der junge Old Shatterhand in spe eine Art Ersatz-Sohn, das steht im Buch, und für jenen ist der alte Mann eine Art Ersatz-Vater, letzteres steht indes nur zwischen den Zeilen), Vaterfigur, Eigenbrötler und Sonderling (weil schwer traumatisiert) in einem.

„Aber steckt die Nase ins Leben, versteht Ihr mich, so ungefähr fünfzig Jahre ins Leben hinein; dann werdet Ihr, aber auch nur vielleicht, erfahren, worin die richtige Klugheit besteht!“

Wir erleben die Entstehung des Henrystutzens, dürfen dabei zuschauen ...

Der junge Mann weist Mr. Henry auf etwas hin, das dieser offenbar nicht bedacht hat, „Wenn Ihr ein Gewehr fertigt, welches fünfundzwanzigmal schießt, und es in die Hände jedes beliebigen Strolches gebt, so wird drüben auf den Prairien, in den Urwäldern und den Schluchten des Gebirges sich bald ein grausiges Morden erheben; man wird die armen Indianer niederschießen wie Cojoten, und in einigen Jahren wird es keinen Indsman mehr geben. Wollt Ihr das auf Euer Gewissen laden?“ Schnell überzeugt, verabschiedet sich Henry von der Idee, viel Geld mit seiner Erfindung verdienen zu wollen ...

Dann geht’s zum Zureiten zu einem Rotschimmel, „der es Euch schon besorgen wird“. „Als ich abstieg, zitterten mir die Beine vor Anstrengung; aber das Pferd triefte vor Schweiß und schäumte große, schwere Flocken; es gehorchte nun jedem Drucke und Rucke.“ Henry ist beeindruckt und erkennt seine Grenzen, „Da lobe ich mir meinen alten Polsterstuhl, der nichts dagegen hat, wenn ich mich auf ihn setze“.

Auch die heimliche Prüfung vor den Surveyors verläuft mehr als erfolgreich, „Sir, Mann, Mensch, Jüngling, Greenhorn, aber habt Ihr mir eine Freude gemacht!“

Henry erwähnt, die Feldmesserei-Kenntnisse hätten ja möglicherweise auch 'Flunkerei' sein können, und der Erzähler sagt putzigerweise „Flunkerei? Mr. Henry, wenn Ihr mich solcher Dinge für fähig haltet, werde ich Euch nicht mehr besuchen!“ Dabei hat er, Autor May, das 'Flunkern' sozusagen erfunden ... Natürlich weiß er das auch und macht sich einen klammheimlichen Spaß daraus, hier Empörtheit vorzutäuschen.

Sein „farewell-feast“ solle gefeiert werden, erfährt der Erzähler von einem Marmelade naschenden Mädchen in einer rührenden Szene, und kann zunächst nichts damit anfangen. Dann macht er angesichts Sam Hawkens die Erfahrung, daß ein Westmann nicht unbedingt so aussehen muß wie man sich das vielleicht vorstellen mag ... Der fremde Mann wirkt zunächst wie die „Karikatur eines Präriejägers“, die gleiche Formulierung steht übrigens schon in „Old Firehand“ von 1975 beim Erstauftritt Hawkens, Karikatur dort noch Carricatur geschrieben. Hawkens spricht „mit einer dünnen Stimme, die wie eine Kinderstimme klang“.

„Erschreckt nicht, Myladies und Mesch'schurs; es ist ja weiter nichts! Hatte meine eigenen Haare mit vollem Rechte und ehrlich von Kindesbeinen an getragen, und kein Advokat wagte es, sie mir streitig zu machen, bis so ein oder zwei Dutzend Pawnees über mich kamen und mir die Haare samt der Haut vom Kopfe rissen. War ein verteufelt störendes Gefühl für mich, habe es aber glücklich überstanden, hihihihi!“ Der Mann hat trotz einer traumatischen Erfahrung sich seinen ganz eigenen Humor bewahrt, von einer Witzfigur im üblichen Sinne ist aber wirklich weit und breit nichts zu sehen. Die gängige, durch Film und Bühne verdorbene Sichtweise in Sachen Hawkens greift völlig fehl.

„Ihr seid hier bei braven Menschen, aber ein Hauslehrerposten ist nichts für Euch, Sir, gar nichts. Ihr müßt nach dem Westen.“

„Diese guten Menschen hatten beschlossen, mich glücklich zu machen“, zumindest literarisch hat er so etwas somit einmal erlebt.

Am Ende schiebt ihn Henry „zur Tür hinaus, doch ehe er sie schloß, sah ich, daß ihm das Wasser in den Augen stand.“

 

2. Kapitel – Klekih-petra

„Wir befanden uns beinahe am Ende des herrlichen nordamerikanischen Herbstes“ ... Immer wieder schön, wie May eine Stimmung erzeugt, eine Atmosphäre herüberbringt.

„Meine Kollegen waren echte Yankees, welche in mir das Greenhorn, den unerfahrenen Dutchman sahen, dieses letztere Wort als Schimpfwort genommen. Sie wollten Geld verdienen, ohne viel danach zu fragen, ob sie ihre Aufgabe auch wirklich gewissenhaft erfüllten. Ich war als ehrlicher Deutscher ihnen dabei ein Hemmschuh“ ... Ob nun Yankee oder Deutscher, das bleibt sich gleich, es gibt sie überall, solche und solche ...

Der Erzähler hat es mit Trinkern und Faulpelzen zu tun. - Es ist schon etwas abgedroschen, sei aber gern noch einmal erwähnt: Mays Gestalten sind immer wieder auch eigene (seine ...) Anteile, im Außen gespiegelt. Andererseits verarbeitet er einmal mehr (wie immer wieder ...) Enttäuschung und Verdruß mit zweifelhaften Mitmenschen.

„Ich wurde von diesen halbwilden, schwer zu zügelnden Westmännern täglich wohl zehnmal ein Greenhorn genannt, und doch richteten sie sich unbewußt nach mir, indem ich sie bei der Meinung ließ, daß sie ihrem eigenen Willen folgten.“

Hawkens macht Mr. White darauf aufmerksam, daß Old Shatterhand in spe „die Faulheit seiner Kollegen vertuscht“.

Unser Mann muß sich von seinem Chef Bancroft als „niederträchtiger Lügner“ und „heimtückischer Verräter“ bezeichnen lassen ...

„Mr. Bancroft, Ihr habt zuviel Schnaps getrunken und nicht ausschlafen können. Ich nehme an, daß Ihr noch betrunken seid, und es mag also so sein, als ob Ihr nichts gesagt hättet.“ Die Zurechtweisung gerät beeindruckend, „der Ausdruck meines Gesichtes schien ihn zu erschrecken“.

Rattler erhält „die Faust an die Schläfe, daß er steif wie ein Sack niederstürzte und betäubt liegen blieb“.

Ein anderer „sprang auf mich ein. Ich empfing ihn mit einem Fußtritte in die Magengegend. Dies ist ein sichres Mittel, den Gegner zum Fall zu bringen, nur muß man dabei sehr fest auf dem andern Beine stehen.“ Auch dieser erhält „den betäubenden Fausthieb“, worauf Old Shatterhand zu seinem Namen kommt. Die Anregung gibt übrigens Mr. White, Hawkens greift sie nur auf. (Man wird es vermutlich gemeinhin von Freilichtbühnen anders in Erinnerung haben. In deren Konzepten bzw. Etat ist halt für einen Mr. White üblicherweise kein Platz ...)

Nach einem Ausritt bleiben Hawkens und der Erzähler „noch ein Weilchen liegen, um uns über religiöse Dinge zu unterhalten.

Hawkens war nämlich ein frommer Mensch, wenn er dies auch gegen Andere nicht zutage treten ließ.“

Dann geht es an die Büffel, die der Erzähler „beobachten“ und „belauschen“ will, was Hawkens köstlich amüsiert ... „Ich fühlte jetzt nur das Interesse des Zoologen; das war dem kleinen Sam vollständig unbegreiflich.“ ... „Belauschen, nur belauschen. Grad so, wie ein kleiner Junge seine Augen neugierig an eine Ritze des Kaninchenstalles legt, um die Karnickels zu belauschen! O, Greenhorn, was muß ich alles an Euch erleben!“

Und daß man „Heut, am Sonntage!“ etwa nicht jagen solle, den Zahn zieht der erfahrene Freund seinem Schüler auch gleich.

Noch sind die Verhältnise nicht so, wie sie sehr bald sein werden, „Schweigt und gehorcht!“ schnauzt Hawkens, „in einem Tone, den er noch nie gegen mich angewendet hatte. [...] Hätte nicht ein so gutes Verhältnis zwischen uns bestanden, es wäre ihm gewiß eine sehr kräftige Antwort geworden, so aber schwieg ich und ritt langsam im Schattenstreifen, den der Wald herniederwarf, hinter ihm her.“

Büffel ... „Das war des Indianers Brot; die Weißen haben es ihm genommen. Der Rote schonte das Wild, weil es ihm Nahrung gab; er erlegte nur so viel, wie er brauchte. Der Weiße aber hat unter den ungezählten Herden gewütet wie ein grimmiges Raubtier, welches auch dann, wenn es gesättigt ist, weiter mordet, nur um Blut zu vergießen. Wie lange wird es dauern, so gibt es keinen Büffel und dann nach kurzer Zeit auch keinen Indianer mehr. Gott sei es geklagt!“

„Mir war ganz sonderbar zu Mute. Wie man den Bison jagt, das hatte ich sehr oft gelesen; darüber konnte man mir nichts Neues sagen; aber es ist ein Unterschied zwischen dem Papiere, auf welches man solche Beschreibungen druckt, und der Wildnis, in der man diese Jagden erlebt. Heute sah ich zum erstenmal in meinem Leben Büffel.“

„Wollte ich, oder wollte ich nicht? Ich weiß es nicht. Oder ging mein Rotschimmel mit mir durch?“

„Es konnte nicht mehr rennen; seine Bewegungen waren nur noch ein langsames Laufen; aber mit tief gesenktem Kopfe und blutunterlaufenen, grausam vorwärts glotzenden Augen kam es auf mich zu, näher und näher wie ein schweres Verhängnis, welches nicht aufzuhalten ist.“

„Wenn Ihr es Euch wirklich in den Kopf gesetzt habt, als Ritter aufzutreten, so spielt den Ritter Toggenburg, aber keinen andern“, sagt Sam. Dieser Ritter kommt des öfteren vor im Gesamtwerk. „Zu einem Bayard oder Roland fehlt Euch das Zeug. Verliebt Euch in eine Büffelkuh und setzt Euch täglich in die Abendsonne, um zu warten, 'bis die Liebliche sich zeigt und ins Tal herniederneigt.' Und sogar auch dann könnt Ihr eines Abends als Leiche dasitzen und von den Coyoten und Aasgeiern aufgefressen werden.“ Wobei übrigens auch das „als Leiche dasitzen“ noch zum (falsch wiedergegebenen ...) Zitat gehört.

Ein Lob Sams bleibt aus, „Ich war ihm trotzdem nicht bös, denn ich bin niemals ein Mensch gewesen, der um des Lobes willen etwas tut.“

„Da mir mein schwerer Bärentöter bei dem, was wir vorhatten, hinderlich war, hätte ich mich gern einstweilen seiner entledigt; aber ich hatte gelesen und gehört, daß ein vorsichtiger Westmann sich nur dann von seinem Gewehre trennt, wenn er ganz sicher weiß, daß er nichts zu befürchten hat und es also nicht brauchen wird. Dies war aber hier nicht der Fall“.

Der Erzähler belauscht Hawkens und Kumpane, „Es wird ein tüchtiger Westmann aus ihm werden.“ – „Und zwar sehr bald“ – „Wißt ihr, Gents, er ist dazu geboren, wahrhaftig und ganz regelrecht dazu geboren. Und dabei die Körperkraft! Hat er nicht gestern unsern schweren Ochsenwagen fortgezogen, ganz allein und ohne daß ihm dabei jemand geholfen hat? Wo der hinhaut, da wächst jahrelang kein Gras.“

Aber er soll nicht wissen, was sie von ihm denken ... „Weil es ihm in den Kopf steigen könnte. [...] Er ist ein ganz bescheidener Kerl und gar nicht zum Hochmut angelegt; aber es ist stets ein Fehler, wenn man einen Menschen lobt; man kann den besten Charakter damit verderben.“

„Hast du dich denn dafür bedankt, daß er dir das Leben gerettet hat?“ – „Ist mir nicht eingefallen!“ – „Nicht? Was muß er da von dir denken!“ – „Ist mir ganz egal, was er von mir denkt, vollständig egal, wenn ich mich nicht irre. Natürlich hält er mich für einen unverständigen und undankbaren Halunken; aber das ist Nebensache; die Hauptsache ist, daß er sich nicht überhebt, sondern so bleibt, wie er ist. Hätte ihn freilich am liebsten umarmen und küssen mögen.“ Zur Sam Hawkens-Figur fällt auf: die wirklichen Freunde des Ich-Erzählers in Mays Werken sind oft weder 'gut situiert' noch sonderlich gepflegt oder gebildet, seltsame Käuze, wunderlich anzusehen, mit allerhand Macken. Aber, sozusagen, unbezahlbar.

Und schon wieder, in Sachen Mustangs: „Weil ich es gelesen habe.“ Drauf Sam: „Hol Euch der Teufel! Alles habt Ihr gelesen, und da ist es nicht gut möglich, Euch zu überraschen. Da lobe ich mir die Leute, welche gar nicht lesen können!“

„Laßt die Bestie laufen; die bändigt kein Mensch, wenn ich mich nicht irre.“ – „Das wäre! Möchte mich von keinem Maultiere beschämen lassen, dessen Vater kein Gentleman, sondern ein Esel gewesen ist. Es wird gehorchen müssen. Paßt auf!“

„Eine Pferderippe muß sich unter dem Schenkel des Reiters biegen; das drückt die Eingeweide zusammen und macht Todesangst. Während das Maultier dieselben Mittel, mich abzuwerfen, wie vorher bei Sam versuchte, nahm ich den Lasso auf, welcher, vom Halse herabhängend, auf der Erde lag, wand ihn zusammen und faßte ihn dann hart hinter der Schlinge fest. Diese zog ich an, sobald ich bemerkte, daß sich das Tier niederwerfen wollte; durch diese Manipulation und den Schenkeldruck wurde es auf den Beinen gehalten. Es war ein böser Kampf, ich möchte sagen, Kraft gegen Kraft; ich begann aus allen Poren zu schwitzen; aber das Maultier schwitzte noch weit mehr; der Schweiß rann ihm vom Leibe, und vom Maule troff der Schaum in großen Flocken. Seine Bewegungen wurden schwächer und mehr unwillkürlich; sein erst wütendes Schnauben ging in ein kurzes Husten über, dann endlich brach es unter mir zusammen, nicht mit Willen, sondern weil es von seiner letzten Kraft verlassen worden war. Da blieb es bewegungslos und mit verdrehten Augen liegen. Ich holte tief, tief Atem; es war mir, als ob in meinem Körper alle Sehnen und Bänder zerrissen wären.“

„Heavens, was seid Ihr für ein Mensch!“ ruft Sam. „Ihr habt ja mehr Kräfte als das Tier gehabt! Könntet Ihr Euer Gesicht sehen, so würdet Ihr erschrecken!“ So ist das, wie hieß es seinerzeit über einen interessanten Politiker, kein Maß, kein Mittelmaß.

Als Charly „Ihr seid mein Lehrer und mein Freund. Mehr brauch ich doch nicht zu sagen“ zu Sam sagt, „wurden seine kleinen, listigen Aeuglein feucht“ ...

Konfrontation mit dem Grizzly, „Es war ein böser Augenblick.“ Die anderen haben sich auf Bäumen in Sicherheit gebracht, „denn man hat wohl selten oder gar nie einen Grizzly aufbäumen sehen“.

Einer „lag mit dem Oberleib, sich mit beiden Armen am Stamme festhaltend, auf dem ersten, niedrigen Aste, und der Grizzly, welcher sich hoch aufgerichtet hatte, wühlte ihm mit den Vorderpranken in den Schenkeln und dem Unterleibe“.

Gewehrkolben über den Kopf hilft beim Grizzly nicht, „Ich riß den einen Revolver heraus, sprang ganz nahe zu dem Bären heran, welcher mir zwar seinen Kopf, sonst aber den Rücken zukehrte, und schoß ihn ein-, zwei-, drei-, viermal in die Augen“.

„Schnell stand ich neben ihm, holte aus und stieß ihm das Messer zweimal zwischen die Rippen.“

Die anderen sollen von den Bäumen herunter, „Diese berühmten 'Westmänner' waren nicht eher dazu zu bewegen, als bis ich den Bären einige Male hin- und hergewendet und ihnen dadurch bewiesen hatte, daß er wirklich tot sei.“

Rattler will nicht hören, da „faßte ich ihn [...] mit beiden Händen bei den Hüften, hob ihn empor und warf ihn an den nächsten Baum, daß es krachte. Es war mir in diesem Augenblicke des Zornes ganz gleichgültig, ob er dabei etwas brach oder nicht.“

Auftritt Klekih-petra, „hinter einem Baume hervor“, wie das Glasmännchen in einer Hauff-Verfilmung. „Sein Auge blickte außerordentlich intelligent“.

„So habt Ihr das Gebiet gekauft?“ fragt Klekih-petra, als er vom Eisenbahnbau hört, und erhält zur Antwort „Ich bin beauftragt, mich an den Vermessungen zu beteiligen, und dies tue ich, ohne mich um das übrige zu bekümmern.“

Auftritt Intschu-Tschuna und Winnetou, der „machte gleich heut, wo ich ihn zum erstenmal erblickte, einen tiefen Eindruck auf mich. Ich fühlte, daß er ein guter Mensch sei und außerordentliche Begabung besitzen müsse. Wir betrachteten einander mit einem langen, forschenden Blicke, und dann glaubte ich, zu bemerken, daß in seinem ernsten, dunklen Auge, welches einen sammetartigen Glanz besaß, für einen kurzen Augenblick ein freundliches Licht aufglänzte, wie ein Gruß, den die Sonne durch eine Wolkenöffnung auf die Erde sendet.“

Anläßlich der Bestandsaufnahme der Situation erkennt Winnetou „Die Bleichgesichter sind sonderbare Menschen.“

Interessante Szene, „Du gehörst zu diesen Leuten?“ – „Ja.“ – „Und hast mit vermessen?“ – „Ja.“ – „Du wirst bezahlt dafür?“ – „Ja.“

„Da hat man endlich einmal ein junges Bleichgesicht gesehen mit einem tapferen Herzen, offenem Gesicht und ehrlichen Augen, und kaum hat man gefragt, was es hier tut, so ist es gekommen, um uns gegen Bezahlung unser Land zu stehlen. Die Gesichter der Weißen mögen gut sein oder bös, im Innern ist doch Einer wie der Andere!“

„Wenn ich ehrlich sein will, so muß ich sagen, daß ich keine Worte zu meiner Verteidigung hätte finden können; ich fühlte mich innerlich beschämt. Der Häuptling hatte recht; es war so, wie er sagte.“

Der vom Bären zerfleischte heißt Rollins. Die Schuld an dessen Tod wird dem Erzähler in die Schuhe geschoben ... So sind sie, die lieben Mitmenschen. Nicht immer, aber Immer mal wieder. Rattler erhält durchaus zu Recht „eine so gewaltige Ohrfeige, daß er wohl sechs bis acht Schritte weit fort und da zur Erde flog“. (In ähnlichem Zusammenhang war einmal das Wort „Gewaltphantasien“ zu lesen. Was heißt Gewaltphantasien, wenn es einfach nur um die Angemessenheit von Reaktionen geht ...)

Intschu-Tschuna führt mit Bancroft eine Art Grundsatz-Diskussion über die Geschichte Amerikas ... was nützt es ihm daß er völlig Recht hat ... nichts ...

„Wie ist es nun mit den zwei Brüdern, dem roten und dem weißen Bruder? Seid ihr nicht der Kain, und wir sind der Abel, dessen Blut zum Himmel schreit? Und dazu verlangt ihr noch, daß wir uns umbringen lassen sollen, ohne uns zu wehren!“ (Sascha Schneider wählte das Kain und Abel - Motiv als Deckelbild zu diesem Band.)

„Eure Gesetze haben zwei Gesichter, und diese dreht ihr uns zu, wie es zu euerm Vorteile ist.“ So ist das. Noch heut’.

Charly, so Bancroft, soll auch etwas sagen, aber „Ich habe zu messen, nicht aber Reden zu halten.“

„Ich habe mich von den Weißen und ihrem Treiben zurückgezogen; ich mag nichts mehr von ihnen wissen“ äußert Klekih-petra im Vieraugengespräch, nachvollziehbar.

„Ein Deutscher, der ein vollständiger Apache geworden ist! Kommt Ihnen das nicht außerordentlich vor?“ – „Außerordentlich nicht. Gottes Wege erscheinen oft wunderbar, sind aber stets sehr natürliche.“

Der Erzähler beobachtet Klekih-petras Gesicht, „Das Leben hatte tiefe Runen in dasselbe eingegraben, die langen Grundstriche des Grames, die durchquerenden Gedankenstriche des Zweifels, die Zickzacklinien der Not, der Sorge und Entbehrung. Wie oft mochte sein Auge düster, drohend, zornig, ängstlich, vielleicht auch verzweifelnd geblickt haben, und nun war es klar und ruhig wie ein Waldsee, den kein Windstoß kräuselt, der aber so tief ist, daß man nicht sehen kann, was auf seinem Grunde ruht.“

Der weiße Apache berichtet von seiner Vergangenheit als Revolutionär, „Wer keinen Gott anerkennt, dem ist auch kein König, keine Obrigkeit heilig.“

„Sie nannten meinen Namen als den des Verführers. Das war der Keulenschlag, welcher mich, nicht äußerlich, sondern innerlich traf.“

„Um mich innerlich zu festigen, floh ich die Welt und die Menschen; ich ging in die Wildnis.“

„Da sah ich den roten Mann sich verzweiflungsvoll sträuben gegen den Untergang; ich sah die Mörder in seinem Leibe wühlen, und das Herz ging mir über von Zorn, von Mitleid und Erbarmen. Sein Schicksal war beschlossen; ich konnte ihn nicht retten; aber eins zu tun, das war mir möglich: ihm den Tod erleichtern und auf seine letzte Stunde den Glanz der Liebe, der Versöhnung fallen lassen.“

Klekih-petra hat wohl halbbewußte leichte Todesahnungen und „blickte wie in stiller, unbewußter Sehnsucht das Tal hinab“.

Der Winnetou geltende Schuß Rattlers trifft Klekih-petra.

Intschu-Tschuna spuckt dem Erzähler ins Gesicht ... „Räudiger Hund! Länderdieb für Geld! Stinkender Coyote! Wage es, uns zu folgen, so zermalme ich dich!“ Dieses Motiv wird uns in Band 25 „Am Jenseits“ seitens des Münedschi wieder begegnen, beide Male bleibt es ungestraft. Zwei Erfahrungen dürften sich hier jeweils mischen und auf diese Weise zum Ausdruck kommen: in ungerechter Weise verkannt werden auf der einen, nicht wirklich 'reinen Gewissens' sein auf der anderen Seite.

Hawkens ist ratlos, „Ich antwortete nicht; ich sattelte mein Pferd und ritt fort; ich mußte allein sein, um diese fürchterliche halbe Stunde wenigstens äußerlich zu verwinden.“

 

3. Kapitel – Winnetou in Fesseln

Hawkens informiert über Feinheiten in Sachen Bärentatzen, „Am delikatesten sind sie, wenn sie schon von Würmern durchbohrt sind. Aber so lange können wir nicht warten, denn ich fürchte, daß die Apachen sehr bald kommen und uns das Essen verderben werden.“

„Dort lag der Mörder, noch immer sinnlos betrunken. Ich hätte ihn niederschießen mögen, aber es ekelte mich vor ihm.“

Überlegungen zu den letzten Worten Klekih-petras, „ist dem Sterbenden vergönnt, wenn er von seinen Lieben scheidet, im letzten Augenblicke, wenn die eine Schwinge seiner Seele bereits im Jenseits schlägt, einen Blick in ihre Zukunft zu werfen? Fast scheint es so, denn es wurde mir später möglich, seine Bitte zu erfüllen, obgleich es jetzt den Anschein hatte, als ob eine Begegnung mit Winnetou mir nur Verderben bringen könne.“

„Winnetou hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, einen Eindruck, wie ich ihn noch bei keinem andern Menschen empfunden hatte.“

Hawkens registriert daß dem Erzähler der Appetit vergangen ist, „Und haltet lieber Denkübungen! Ich sage Euch, daß Ihr Euch das nicht angewöhnen dürft. Auch mich ärgert das, was vorgekommen ist, gewaltig, aber der Westmann muß sich an solche Auftritte gewöhnen. Man nennt den Westen nicht umsonst die 'dark and bloody grounds' - die finstern und blutigen Gründe. Ihr könnt es glauben, daß hier der Boden auf jedem Schritte, den Ihr darauf tut, mit Blut getränkt ist, und wer eine so empfindliche Nase hat, daß er dies nicht erriechen kann, der mag daheim bleiben und Zuckerwasser trinken.“

Hawkens vertritt Bancroft gegenüber seinen Wunsch, den Erzähler auf Kundschaft mitzunehmen, „Habe ich aber dieses Greenhorn bei mir, welches mit seinen kleinen Ladieshänden den stämmigsten Kerl mit einem Schlage zu Boden schmettert, so ist es sehr wahrscheinlich, daß wir heiler Haut wiederkommen.“ Auch im „Schwarzen Mustang“ ist von diesen „Ladieshänden“ die Rede.

Hübsches Gespräch mit Hawkens über Schriftstellerei, „Muß doch außerordentlich interessant sein, solche Bücher zu lesen. Wenn ich nicht selbst ein Westmann wäre, würde ich nach dem Osten ziehen, mich dort recht hübsch behaglich auf ein Kanapee setzen und solche schöne Indianergeschichten lesen. Ich glaube, man kann rund und fett dabei werden, obgleich man die Bärentatzen nur auf dem Papiere zu essen bekommt. Möchte wirklich wissen, ob die guten Gentlemen, welche solche Sachen schreiben, einmal über den alten Mississippi herübergekommen sind! [...] Wer ein richtiger Westmann ist, der hat sicher das Schreiben verlernt, und wer keiner ist, der mag es unterlassen, über Sachen zu schreiben, die er nicht versteht. [...] Zounds! Der Lehrer seiner Leser! Und Geld verdienen! Sir, Ihr seid übergeschnappt, wenn ich mich nicht irre! [...] Gibt es denn nicht Lehrer und Schulmeister genug auf Erden und in der Welt? Müßt Ihr die Summe dieser Leute denn vergrößern?“

„Und was für ein elendes Leben würdet Ihr als Buchmacher führen! Ihr müßtet anstatt des herrlichen Quellwassers des Westens dicke, schwarze Tinte trinken, an einer alten Gänsefeder kauen, anstatt an einer Bärentatze oder einer Büffellende. Ueber Euch würdet Ihr anstatt des blauen Himmels eine abgebröckelte Kalkdecke haben und unter Euch anstatt des weichen, grünen Grases eine alte Holzpritsche, auf welcher Ihr den Hexenschuß bekommt.“

„Durch das Buchmachen berühmt werden! Hat man jemals eine so jämmerliche Behauptung gehört! Ich noch nicht, wirklich noch nicht! Was wollt denn grad Ihr von Berühmtheit wissen!“

Und im Eifer rutscht Sam auch das heraus: „Alle Teufel, ist das ein Mensch, wenn ich mich nicht irre! Habe ihn lieb wie einen Sohn und meinen ganzen Narren an ihm gefressen, und da soll es mir gleichgültig sein, was er treibt!“

Und auch das erkennt er: „Ja, schlaft ein, Ihr Galgenstrick! Das ist besser, als wenn Ihr wacht. Denn so lange Ihr die Augen offen habt, ist kein ehrlicher Kerl sicher, nicht von Euch an der Nase herumgeführt zu werden. [...] Ich habe Euch nun durchschaut. Ihr seid ein Filou, vor dem man sich in acht zu nehmen hat!“

Beim Folgen der Spur der Apachen muß Hawkens erneut erkennen, daß das Wissen „aus den Büchern“ doch einiges für sich hat ...

„Nicht übel gedacht. Steht so etwas auch in Euren Büchern zu lesen, Sir?“ – „Wörtlich und genau auf diesen Fall passend nicht; aber es kommt darauf an, wer ein solches Buch liest und wie er es liest. Man kann wirklich viel daraus lernen und dann in der Wirklichkeit für andere, ähnliche Fälle anwenden.“ Und genau das ist der Punkt. Hier hat May etwas sehr Wesentliches gesehen und vorgetragen. Angelerntes Buchwissen nützt gar nichts, wenn man nicht „sieht“, übertragen kann, wenn man keine Querverbindungen herstellen kann ...

„Na, nehmt mir's 'mal nicht übel, wenn mir bei solchen Dingen der Käfer über die Galle läuft! Kommt so ein Greenhorn nach dem Westen, hat noch kein Gras wachsen und keinen Erdfloh singen gehört und treibt schon gleich beim ersten Kundschafterritte dem alten Sam Hawkens die Schamröte ins Gesicht.“

„Das richtige Schließen ist sehr wichtig“, trägt der Erzähler Hawkens vor, womit er durchaus Recht hat und sich ja u.a. auf weiter oben gesagtes bezieht, um unmittelbar darauf seinen Freund zu genau dieser Aussage so richtig auf den Arm zu nehmen ... das ist u.a. das Reizvolle, man weiß bei Karl May manchmal nicht so recht woran man ist ... bzw. man muß schon ein Gespür dafür entwickeln, das jeweils herausfinden, auseinanderhalten zu können ... So ist er halt, er geht mit einem Thema, das er durchaus ernst nimmt, im gleichen Atemzug ernst und unernst um. Viele sind damit überfordert und ziehen oft ganz falsche Schlußfolgerungen, interpretieren ganz falsch.

Auch der Witz mit Sekundaner, Tertianer und Quartaner wird ganz nebenbei ganz trocken eingestreut, Hawkens sowie gar mancher Leser wird es gar nicht richtig mitbekommen haben, daß da irgendwo ein Witz war ...

Sam Hawkens erweist sich als erster potentieller Bearbeiter Mayscher Texte, „Ihr erzählt alles, was wir miteinander erlebt haben?“ – „Ja.“ – „So laßt das weg, daß ich die abgezweigte Spur hier nicht gefunden habe!“

Begegnung mit den Kiowas, „Wenn Old Shatterhand es erlaubt, werden wir seine Freunde und Brüder sein. Wir lieben solche Männer, welche ihre Feinde mit einem Schlage niederschmettern. Darum wirst du hochwillkommen sein in unsern Zelten.“ Darauf der Erzähler: „Das hieß mit andern Worten: Wir brauchen Spitzbuben von einer solchen Körperkraft, wie du sie besitzest; darum komm zu uns. Wenn du mit uns und für uns mausest, stiehlst und raubst, sollst du es leidlich gut bei uns haben. Trotzdem antwortete ich so ziemlich mit jener Würde, welche ich mir später ganz zu eigen gemacht habe“ ...

„Er zog eine Pfeife hervor, deren lieblich-niederträchtige Penetranz meine Nase schon von weitem empörte, und stopfte sie mit einer Mischung, welche aus zerstoßenen roten Rüben, Hanfblättern, geschnittenen Eicheln und Sauerampfer zu bestehen schien“ ...

„Und ich sollte dieser Leute Freund nun sein! Aber wer unter die Musikanten gerät, muß mitblasen.“

Ernst und Quatsch, Hand in Hand ... „Der große Geist achtet nicht auf die verschiedene Haut der Menschen, denn die können sich mit Farbe beschmieren, um ihn zu täuschen, sondern er sieht das Herz an. Die Herzen der Krieger vom berühmten Stamme der Kiowas sind tapfer, unerschrocken und treu. Das meinige hängt an ihnen wie mein Maultier an dem Baume, an welchen ich es gebunden habe. So wird es hängen bleiben allezeit, wenn ich mich nicht irre.“

Beträchtlich gehen die Gäule des höheren blühenden Blödsinns mit dem Erzähler durch ... „Ich rauche sehr gern, und mir ist nie im Leben eine Zigarre zu stark gewesen. Ich habe sogar den famosen 'Dreimännertabak' geraucht, welcher diesen Namen seinem fürchterlichen Geschmacke verdankt; wer ihn raucht, muß, wenn er nicht umfallen will, von drei Männern festgehalten werden. Ich konnte also erwarten, daß mich auch diese indianische Friedensröhre nicht über den Haufen werfen werde.“

„Ja, es stimmte, die vorhin angegebenen Ingredienzien, nämlich Rüben, Hanf, Eicheln und Sauerampfer, waren alle in dem Pfeifenkopfe anwesend; aber einen fünften Hauptstoff hatte ich nicht genannt; jetzt roch und schmeckte ich, daß auch ein Stückchen Filzschuh dabei sein müsse.“

„Der Geruch war noch voller und komplizierter als vorhin; ich glaubte ganz bestimmt, daß noch zwei weitere Bestandteile anzuführen seien, nämlich Kolophonium und abgeschnittene Fingernägel. Nach dieser trefflichen Entdeckung fuhr ich fort“ ...

„Meine Rede war die geistreichste, die ich in meinem Leben gehalten habe, und so wurde sie denn auch mit einem Jubel aufgenommen, welcher in anbetracht der von den Indianern stets bewahrten kalten Ruhe gewiß beispiellos war.“

„Der Fuchs drückte mir wiederholt die Hand, versicherte mich seiner Freundschaft für alle Zeiten und riß bei seinen Howgh, Howgh den Mund so weit auf, daß es mir glückte, die Friedens- und Ingredienzienpfeife loszuwerden, indem ich sie ihm zwischen die langen, gelben Zähne schob. Er schwieg sofort, um den Inhalt in denkbarer Sammlung weiter zu genießen.“ (Auf den Seiten der KMG ist hier übrigens von „denkbarer“ auf „dankbarer“ korrigiert bzw. abgeändert, was möglicherweise richtig ist, aber eben nicht evident ...)

Die Kiowas zerkauen geschenkt erhaltene Zigarren, „Der Geschmack der Menschenkinder ist verschieden. Ein altes Wort sagt, der Eine habe ihn vorn, der Andere hinten; jetzt sah ich, daß dieses Wort wirklich wahr ist, denn die Kiowas hatten ihn hinten.“

Und dann wird es freilich auch wieder ernst, es geht ja immer hin und her im Leben wie bei May zwischen Jux und Ernst oder Komik und Elend, bzw., gelegentlich ist auch beides gleichzeitig da; „Wer war schuld an dem Tode der bisher Gefallenen und an dem Blutvergießen, welches nun noch bevorstand? Weiße Pferdehändler, welche mit Brandy bezahlen wollten und die Kiowas förmlich auf den Pferderaub hingewiesen hatten!“

„Ich muß sagen, daß ich von Sams Verhalten gar nicht erbaut war“ ... Dieser fädelt einen Überfall auf die Apachen ein ... um die Häuptlinge dann zu befreien ... dabei wird es Tote geben ... man hat es im Leben des öfteren mit einem Optimierungsproblem zu tun ...

Zwischendurch ein Exkurs zum „Old“.

Das Bevorstehende belastet, „Ich sann lange darüber nach und wälzte mich hin und her, ohne einen Ausweg zu finden.“

Erste Begegnung mit Tangua, „Er kam als unser Freund und Verbündeter, verhielt sich aber keineswegs sehr freundlich gegen uns. Sein Auftreten war, um mich eines Vergleiches zu bedienen, dasjenige eines Tigers, der sich mit einem Leoparden zur Jagd vereint, um ihn nach derselben auch mit aufzufressen.“

„Freund? Was nennt Ihr Freund bei diesen Kiowas! Sie sind Spitzbuben und leben nur vom Raube. Man ist nur so lange ihr Freund, als sie einem nichts nehmen können.“ Man spürt immer wieder die zeitlose Aktualität dieser Texte ... Ob nun Mitmenschen seinerzeit in Nordamerika, in Sachsen oder aktuell überall ...

Und auch dies erweckt den Eindruck, er sei bei gewissen Gepflogenheiten gewisser Mitmenschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts sozusagen dabeigewesen ... „verlangte Tangua das Abhalten einer großen Beratung, an welcher alle Weißen teilnehmen sollten. Dies war mir unlieb, denn es hielt uns von der Arbeit ab, die doch so notwendig war. Darum bat ich Sam, dahin zu wirken, daß diese Beratung für den Abend aufgehoben werde, denn ich hatte gelesen und gehört, daß, wenn die Roten sich einmal bei einem solchen Palaver befinden, dieses, wenn keine Gefahr zum Schlusse desselben treibt, fast kein Ende zu nehmen pflegt.“

Und auch dies ... „Indem ich eines der roten Gesichter nach dem andern betrachtete, sah ich keines, welches ich einem Feinde gegenüber einer mitleidigen Regung für fähig gehalten hätte.“

„Als er hinter dem dichten Vorhange des Regens verschwand, hatte ich das Gefühl, als ob die Katastrophe sich uns nun im Eilschritte nähere.“ Immer wieder beeindruckend, wie sich von May in der Phantasie Erlebtes direkt vermittelt ... er war selbst nicht dort, und dennoch liest man es, als wäre man selber dabei ...

„Ja, Sir, hier im Westen darf es auf einen Tropfen Blut nicht ankommen“ sagt Stone.

„Was mich betraf, so gestehe ich aufrichtig ein, das ich den kommenden Ereignissen ganz und gar nicht gleichgültig gegenüberstand. Es hatte sich ein Zustand meiner bemächtigt, ähnlich demjenigen, welchen man im gewöhnlichen Leben Kanonenfieber zu nennen pflegt. Das war nicht etwa Angst, o nein, denn zur Angst hätte ich viel mehr Veranlassung gehabt, als ich die Büffel und dann den Bären erlegte. Heute handelte es sich um Menschen; das war es, was mich beunruhigte.“

Hawkens ist optimistisch, „Aber ein erfahrener Mann weiß, daß aus dem besten Kinde später ein schlimmer Strolch werden kann. So ist's auch mit den Begebenheiten.“ So ist es.

Rattler erfährt, was mit ihm geschehen wird ...

Dann „mußte ein jeder von uns mehr oder weniger Schauspieler sein. Wir wußten fünfzig Apachen in unmittelbarster Nähe und durften es doch nicht merken lassen. Es hing sehr vieles, ja unser Leben, am nächsten Augenblicke. [...] Die Katastrophe war da, und das, was ich gewußt hatte, traf zu: ich war ruhig, so ruhig, als ob es nur gelte, eine Partie Schach oder Domino zu spielen. Höchst interessant war es, die Andern zu beobachten. Rattler lag lang ausgestreckt am Boden; er hatte sein Gesicht der Erde zugekehrt und stellte sich schlafend. Die Todesangst hatte ihn mit eiskalten Händen ergriffen. Seine 'berühmten Westmänner' stierten einander bleichen Angesichts an; sie konnten nur abgerissene Worte hervorbringen und sollten doch an unserer Unterhaltung teilnehmen. Will Parker und Dick Stone saßen so gemütlich da, als ob es in der ganzen Welt nicht einen einzigen Apachen gäbe.“

Und dann ist es soweit ... „Es ertönte das erwähnte 'Hiiiiiiiiiih!' in einem so schrillen, durchdringenden Tone, daß es mir durch Mark und Bein fuhr, und darauf folgte ein Geheul, welches so schrecklich klang, als ob es von tausend Teufeln ausgestoßen würde.“

Winnetou erhält den Schlag gegen die Schläfe ...

Der Erzähler beschließt, Winnetou selber zu befreien, „Dabei setzte ich nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Gefährten aufs Spiel.“

Es gelingt; „Der Häuptling schäumte förmlich vor Wut. Er schlug dem unaufmerksamen Wächter mit der Faust in das Gesicht und riß ihm den Medizinbeutel vom Halse, um denselben unter die Füße zu treten. Damit war der arme Teufel für ehrlos erklärt.“ Ohne Leiden geht es nicht ab in der Welt ...

Exkurs zum Thema Medizin.

Er verrät den Gefährten zunächst nicht, daß er es war, der Winnetou befreit hat ... Und den Beweis dafür wird er auch später, als es um Leben und Tod geht, nicht vorzeigen ... „Die Haarlocke Winnetous habe ich auf allen meinen Wanderungen durch den Westen bei mir getragen und besitze sie heute noch.“

 

4. Kapitel - Zweimal um das Leben gekämpft

Der Erzähler ist schon mächtig selbstbewußt geworden, „Ich sehe, daß ich mich nicht auf Euch verlassen kann, und werde also, wenn man mich dazu zwingt, allein handeln“ sagt er zu Sam nach längerer Debatte. Er sei „ein rabiater Mensch!“ bekommt er vom beeindruckten Gegenüber zu hören ...

Zwischen den Stühlen ... zunächst legen sie sich mit den Kiowas an ...

Der Erzähler ist ein guter Beobachter ... „Trotz der Kriegsfarben, welche sein Gesicht bedeckten, sah man, daß der Ausdruck verschiedener Empfindungen, Zorn, Haß, Schadenfreude, über dasselbe ging.“

Und dann ist es Zeit für den ersten Zweikampf und für „Seid still mit Eurem Greenhorn, lieber Sam! [...] Ihr habt es ja wiederholt erlebt, daß dieses Greenhorn stets weiß, was es tut.“

Mit seinem „rasenden Uhland“ gibt Hawkens eine kleine feine Hobblefrankeinlage ... Ihm ist aber in Sachen Zweikampf, „als ob ein Sohn von mir zur Schlachtbank geführt werden solle.“

„Ihr seid nicht aufgeregt? Habt keine Angst?“ – „Das fehlte noch! Aufregung und Angst in einer Lage, wo das Leben vom ruhigen Blute und Blicke abhängig ist!“

„Ich sage hier noch einmal, es war schrecklich, daß es auf Tod und Leben ging. Einen Menschen töten zu müssen, ist entsetzlich, aber hier mußte mir die geringste Schonung das Leben kosten, und so war ich fest entschlossen, diesen Simson zu erstechen.“

Kampf und Sieg, „Der Stich saß so gut, daß ein fingerstarker, roter, warmer Blutstrahl auf mich spritzte.“

Tangua „betrachtete mich mit einem Blicke, den ich lange nicht vergessen konnte. Es lag in demselben ein Gemisch von Wut, Entsetzen, Furcht, Bewunderung und Anerkennung.“

Auseinandersetzung mit Tangua, „Hund, sprich noch ein Wort, so - - - -“ sagt der, „hielt aber inne und starrte mir erschrocken in das Gesicht, dessen Ausdruck ihm wohl nicht behagen mochte“.

Hawkens zieht [Zwischen-]Bilanz, „Mensch, Freund, Schatz, Jüngling und Greenhorn, was seid Ihr doch für ein Geschöpf! Hat noch keine Büffel gesehen und schießt die stärksten aus der Herde! Hat noch keinen Grizzly gesehen und sticht ihn nieder, wie man in einen Apfel sticht! Hat noch keinen Mustang gesehen und holt mir grad die neue Mary heraus! Und nun hier stellt er sich vor den stärksten und berühmtesten roten Messermann und trifft ihn gleich mit dem ersten Stiche ins Herz, ohne selbst einen einzigen Tropfen Blutes zu verlieren! Dick und Will, kommt doch mal her, und seht euch diesen deutschen Surveyor an! Was soll man aus ihm machen?“

So richtig einig ist man sich aber noch nicht, bzw., hat noch nicht das rechte Verständnis füreinander ... „Daß ich mich nicht fürchte, wißt Ihr ebenso gut wie ich selbst.“ – „Mit nur einem Unterschiede. Nämlich da, wo ich mich scheuen würde, geht Ihr dick darauf wie der Ochse auf ein rotes Tuch. Und wo es den eigentlichen richtigen Mut gilt, da zeigt Ihr Bedenklichkeit. Das ist aber stets so Greenhornsweise.“

„So habt Ihr also heut Euern ersten Totschlag verübt. Wie ist es Euch nun da innerlich zu Mute? Das ist es, was ich wissen wollte.“ – „Hm! Ein angenehmes Bewußtsein ist es wahrlich nicht. Es wird mir wohl nicht so leicht wieder geschehen, daß ich einem Menschen das Leben nehme. Es regt sich etwas in meinem Innern, was die größte Aehnlichkeit mit einem bösen Gewissen hat.“ – „Bildet Euch nichts ein, und macht Euch keine dummen Gedanken! Es kann Euch, ohne daß Ihr es wollt, hier alle Tage vorkommen, daß Ihr einen Menschen auslöschen müßt, um Euer eigenes Leben zu retten.“ Die Apachen unterbrechen den interessanten Gedankenaustausch.

Der Oberingenieur und die Surveyors werden niedergeschossen. „Das war entsetzlich.“

„In diesem Augenblicke hörte ich ein Geräusch hinter mir und machte eine Wendung, um mich umzusehen. Diese Bewegung rettete mir das Leben, denn ich erhielt auf die Schulter einen fürchterlichen Kolbenhieb, welcher meinem Kopfe gegolten hatte. Wäre dieser getroffen worden, so hätte der Schlag mir den Schädel zerschmettert. Der mir ihn gab, war Winnetou.“ Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft kann in sehr eigener Art ausfallen ...

„Ich brachte nur eine ganz geringe Körperwendung fertig; das Messer fuhr in meine linke Brusttasche, traf dort die schon erwähnte Sardinenbüchse, in welcher ich meine Papiere verwahrte, glitt an dem Bleche derselben ab und drang mir oberhalb des Halses und innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge. Dann zog er es wieder heraus und holte, mich mit der linken Hand an der Gurgel packend, zum zweiten Stoße aus.“

„Nun gab es ein wahrhaft satanisches Ringen zwischen uns.“

„Jetzt hätte ich Zeit zum Sprechen gehabt; einige Worte hätten zur Aufklärung genügt; aber das Blut schoß mir in Strömen aus dem Munde, und als ich mit der durchstochenen Zunge zu sprechen versuchte, brachte ich nur ein unverständliches Lallen hervor.“ Aber „zwei, drei rasch aufeinander folgende Faustschläge, und Winnetou war betäubt; ich hatte ihn, den Unbesieglichen, besiegt.“

Und dann wieder einmal – wie oft, im Leben wie im Werk ... – der „Kolbenhieb gegen den Kopf, der mich besinnungslos niederstreckte.“

„Ich war in das tiefe Mauerlager eines Mühlrades gestürzt. Die Mühle ging nicht, weil sich das Rad nicht bewegen konnte, da ich zwischen ihm und der Mauer steckte. Das Wasser rauschte über mir herab, und die Kraft, mit welcher es auf das Rad wirkte, preßte mich fester und fester zusammen, daß ich glaubte, ich würde zermalmt.“

„Nachher kämpfte ich mit Indianern, Büffeln und Bären, machte Todesritte durch die ausgedorrten Steppen, schwamm monatelang über uferlose Meere - - - es war im Wundfieber, in welchem ich lange, lange mit dem Tode rang. Zuweilen hörte ich Sam Hawkens' Stimme wie aus weiter, weiter Ferne; zuweilen sah ich zwei dunkle, sammetne Augen vor mir, die Augen Winnetous; dann starb ich, wurde in den Sarg gelegt und begraben; ich hörte, daß die Erdschollen auf den Sarg geschaufelt wurden, und lag dann eine ganze, ganze Ewigkeit, ohne mich bewegen zu können, in der Erde, bis auf einmal der Deckel meines Sarges geräuschlos nach oben schwebte und dann verschwand. Ich sah den hellen Himmel über mir; die vier Seiten des Grabes senkten sich.“

„Wißt Ihr, wie lange Ihr hier gelegen habt? [...] Drei Wochen, volle, ganze drei Wochen! Denkt Euch nur! Ihr wißt jedenfalls auch gar nicht, was nach Eurer Verwundung geschehen ist und wo Ihr Euch befindet. Ihr habt ein fürchterliches Wundfieber gehabt und seid dann in Starrkrampf gefallen. Die Apachen wollten Euch einscharren; aber ich konnte nicht an Euern Tod glauben und habe so lange gebettelt, bis Winnetou mit seinem Vater sprach und dieser die Erlaubnis gab, Euch erst dann zu begraben, wenn die Fäulnis eintreten werde.“

„Ich schloß die Augen und lag nun wieder still, doch nicht im Grabe, sondern in einer seligen Müdigkeit, einem wonnigen Frieden. Ich wünschte, ewig, ewig so liegen bleiben zu können.“

Aus Winnetou spricht, wer mag’s ihm verdenken, noch Skepsis, „Die Bleichgesichter sind alle Lügner und Betrüger. [...] In diesem Old Shatterhand hätte ich mich beinahe getäuscht. [...] In seinem Auge schien die Aufrichtigkeit ihren Sitz zu haben, und ich glaubte, ihn lieben zu können. [...] Warum hat der große Geist einen solchen Mann geschaffen und ihm ein so falsches Herz gegeben?“

„Mein Körper schien aus Aether zu bestehen, ja, gar nicht aus durch die Sinne wahrnehmbaren Stoffen zusammengesetzt zu sein und also auch gar nichts Wahrnehmbares vernehmen zu können. Aber jetzt, als ich dieses Urteil Winnetous hörte, gehorchten mir die Augenlider.“

Winnetou liest „Hiawatha“ ... „besaß sogar Sinn und Geschmack für das Höhere. Longfellows berühmtes Gedicht in der Hand eines Apache-Indianers! Das hätte ich mir nie träumen lassen!“

Tangua hat „beim großen Geiste geschworen“, und zwar ganz bewußt eine Lüge ...

Hawkens, Parker und Stone, die ihren Gefährten erst am gemeinsamen Todestage wiedersehen sollen, küssen Old Shatterhand auf die Stirn ...

Erwachen in einer Art Idyll, „Ich befand mich zu meinem Erstaunen in einem gemachähnlichen, viereckigen Raume, dessen Seiten aus steinernen Mauern bestanden. Er erhielt sein Licht durch die Eingangsöffnung, welche durch keine Türe verschlossen war. Mein Lager befand sich in der hintern Ecke. Man hatte da mehrere Grizzlybärenfelle übereinander gelegt und eine sehr schöne, indianische Santillodecke über mich gebreitet. In der Ecke neben der Türe saßen zwei Indianerinnen, jedenfalls mir zur Pflege und zugleich Bewachung, eine alte und eine junge.“

„Die junge war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiß in jedem Salon Bewunderung erregt.“

„Dieses Haar erinnerte mich an dasjenige von Winnetou. Auch ihre Gesichtszüge waren den seinigen ähnlich. Sie hatte dieselbe Sammetschwärze der Augen, welche unter langen, schweren Wimpern halb verborgen lagen, wie Geheimnisse, welche nicht ergründet werden sollen.“

Als der Genesende von Nscho-Tschi „Hast du einen Wunsch?“ gefragt wird und „Ja; ich - - habe sogar - - mehrere Wünsche“ antwortet, können einem alte alberne Witze einfallen, so leid es sozusagen tut. Aber das mag denn dazu hier auch genügen.

Sie fragt ob er Winnetou habe töten wollen und „blickte mir dabei so forschend in die Augen, als ob sie mein ganzes Innere ergründen wolle.“

Der Erzähler betrachtet sein Spiegelbild nach drei Wochen Bewußtlosigkeit, „Ich schaute in den Kürbis und fuhr erschrocken zurück, denn es blickte mir aus dem Wasser der Kopf eines Gespenstes, eines Skeletts entgegen.“

Er fragt, ob seine Gefährten und er wirklich sterben sollen, und erhält bejahende Antwort ... „In dem Tone, in welchem sie dies sagte, lag nicht eine Spur von Bedauern. War dieses schöne Mädchen so gefühllos, daß die qualvolle Ermordung eines Menschen sie gar nicht berührte?“ Nein, sie war nur offen und ehrlich und gerade heraus, und das ist 'der weiße Mann' halt nicht mehr gewöhnt ...

„Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß mein Gespräch mit Nscho-tschi nicht so glatt verlief, wie es sich lesen läßt. Das Reden machte mir Schwierigkeit und war mit ziemlich großen Schmerzen verbunden; ich sprach also sehr langsam und mußte oft innehalten, um auszuruhen.“

„Sie kniete neben meinem Lager nieder und gab mir löffelweise zu essen, wie einem Kinde, welches noch nicht selbstständig essen kann.“ Erfahrungen in der Rekonvaleszenz ...

Klekih-petra liege „in einem festen Sarge, durch welchen keine Luft zu dringen vermag. Du wirst diesen Sarg kurz vor deinem Tode zu sehen bekommen“ verrät Nscho-Tschi, und der Erzähler konstatiert „Nach dieser tröstlichen Versicherung entfernte sie sich. Es ist doch für einen, der zu Tode gemartert werden soll, eine ungeheure Beruhigung, vorher den Sarg eines Andern ansehen zu dürfen!“ Selbst in Grenzsituationen verläßt ihn der Humor sehr eigener Art nicht. Warum auch.

„Ich besaß ja ein unfehlbares Mittel, unsere Unschuld zu beweisen, nämlich die Haarlocke, welche ich Winnetou, als ich ihn befreite, abgeschnitten hatte.“ Abstruserweise wird er mit diesem Beweis aber erst dann kommen, nachdem er auf Leben und Tod gekämpft und damit auch seine Kameraden weiterem Hoffen und Bangen ausgesetzt hat ...

„Ich trug noch meinen vollständigen Anzug, von welchem man mir kein Stück genommen hatte. Was das heißt, drei Wochen lang in einem solchen Anzuge im Wundfieber zu liegen, das kann man sich wohl denken. Es gibt Verhältnisse, die man zwar durchmachen und erleben kann, niemals aber in einem Buche miterzählen darf. Der Leser eines solchen Buches beneidet wohl einen solchen weitgereisten, vielerfahrenen Mann, würde sich aber, wenn er die mit Schweigen übergangenen Nebendinge erführe, sehr hüten, in seine Fußstapfen zu treten.“

Sam Hawkens hat für seinen vermeintlich todgeweihten Freund die Kette aus Kralle, Zähnen und Ohrenspitzen des Grizzlys angefertigt, „Sie nahm mir die Kette aus der Hand und legte sie mir um den Hals. Ich habe sie von diesem Tage an stets getragen, so oft ich im wilden Westen war“.

„Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn ich hörte, daß du kein Lügner und kein Verräter bist! Sage mir, womit du es beweisen kannst, damit ich es Winnetou, meinem Bruder, mitteile!“ – „Er mag zu mir kommen, um es zu erfahren.“ – „Das tut er nicht.“ – „So erfährt er es nicht. Ich bin nicht gewöhnt, mir Freundschaft zu erbetteln oder durch Boten mit jemand zu verkehren, der selber zu mir kommen kann.“ – „Was seid ihr Krieger doch für harte Leute! Ich hätte dir so gern die Verzeihung Winnetous gebracht; du wirst sie aber nicht erhalten.“ – „Verzeihung brauche ich nicht, denn ich habe nichts getan, was mir vergeben werden müßte.“ Das ist Radikalität und Konsequenz ...

„Nscho-tschi blieb ganz dieselbe, immer freundlich besorgt und dabei überzeugt, daß mir der Tod immer näher rücke. Später bemerkte ich, daß ihr Auge, wenn sie sich unbeachtet glaubte, mit einem wehmütigen, still fragenden Blicke auf mir ruhte. Es schien, daß sie begann, mich zu bedauern.“

„Da, es war an einem schönen, sonnigen Spätherbstmorgen, brachte Nscho-tschi mir mein Frühessen und setzte sich, während ich aß, bei mir nieder, während sie sich in der letzten Zeit sofort entfernt hatte. Ihr Auge blieb weich und mit einem feuchten Schimmer auf mir haften, und endlich rollte ihr gar ein Tränentropfen über die Wange herab.“ Der Tag der Entscheidung ...

„Unter dem Eingange drehte sie sich um, kam noch einmal auf mich zu, reichte mir die Hand [...] ihre Tränen nicht länger zurückhaltend“ ...

„Leb wohl! Du wirst Old Shatterhand genannt und bist ein starker Krieger. Sei auch stark, wenn sie dich martern! Nscho-tschi ist sehr betrübt über deinen Tod; aber sie würde sich sehr freuen, wenn keine Qual es vermöchte, dir einen Laut des Schmerzes und der Klage zu entlocken. Mache mir diese Freude und stirb als ein Held!“

Hawkens hat seine eigene Art, mit Leiden und Sterben müssen umzugehen ... „Das Sterben und Totgeschlagenwerden greift den Körper so sehr an, daß man es nur selten überlebt.“ Übrigens hat auch er die Ahnung, daß Rettung möglich sei, ohne es konkret begründen zu können.

Mit dem ominösen Hinweis auf eine Haarlocke, und dann auch noch der Anmerkung, daß die von einem Mann sei, verwirrt Shatterhand Hawkens völlig ...

Intschu-Tschuna spricht über amerikanische Geschichte ... „Da, wo die Büffel und die Mustangs grasten, haben sie große Städte gebaut, von denen alles Böse ausgeht, was über uns kommt."

Tangua lügt erneut, Shatterhand ergreift das Wort, die Apachen sind einigermaßen beeindruckt ...

Es gilt einen Zweikampf, Hawkens begreift die Lage und kommentiert auf seine Art, „Hört, Sir, bedenkt, daß unser Leben von Euch abhängig ist! Wenn Ihr verliert und wir sterben müssen, rede ich kein einziges Wort mehr mit Euch. Darauf könnt Ihr Euch verlassen, wenn ich mich nicht irre!“

Shatterhand schauspielert, Hawkens fällt darauf herein, „Es wird schief gehen, Sir, sehr schief. Wenn Ihr Euer Gesicht sehen könntet! Und der jammervolle Ton bei Euren letzten Fragen! Mir ist himmelangst um Euch und uns!“

„Wir gingen fort, durch den Halbkreis, welcher sich uns öffnete, dem Ufer zu. Ich kam da ganz in der Nähe von Nschotschi vorüber und fing von ihr einen Blick auf, mit welchem sie für das Leben von mir Abschied nahm.“ Unmittelbar darauf steht ihm der Sinn nach Kasperei ... „ich tat aber womöglich noch niedergeschlagener als vorher, kauerte am Wasser nieder und wusch mir die Stirne, wie Einer, welcher befürchtet, einen Schlaganfall zu bekommen, wenn er in das Wasser geht, ohne sich vorher abzukühlen. Es ließ sich hinter mir ein allgemeines Murren der Geringschätzung hören, ein sicheres Zeichen, daß ich meinen Zweck erreicht hatte“ ... sicher, da geht es auch um die List, aber eben auch um den typischen Mayschen Humor mit Hang zur – reizvollen – Albernheit ... (Hans Wollschläger gefiel die köstliche Stelle offenbar nicht. In seiner Bearbeitung ist sie gestrichen.)

„Es kam mir unwillkürlich der Gedanke, was Nscho-tschi von mir denken werde. Ich drehte mich um. Das Gesicht Tanguas war der ganze, fleischgewordene Hohn; Winnetou hatte die Oberlippe emporgezogen, so daß man seine Zähne sah; er war wütend darüber, mir jemals seine Teilnahme geschenkt zu haben. Und seine Schwester hielt die Augen niedergeschlagen; sie sah mich gar nicht mehr an.“

„Mit so einer Memme mußte kurzer Prozeß gemacht werden“ versetzt sich der schauspielernde Schwimmer in die Gedanken seines Gegners ...

„Fort, weiter fort, Sir! [...] Macht doch, daß Ihr an die Zeder kommt!“ schreit Sam, „Ja, daran konnte mich niemand hindern; auch Intschu tschuna hätte nicht vermocht, es zu verhüten; aber ich wollte ihm eben die beabsichtigte Lehre geben und entfernte mich nicht eher, als bis er ungefähr noch vierzig Schritte von mir entfernt war. Dann rannte ich fort, auf den Baum zu.“ Er geht unnötiges Risiko ein ...

Winnetou kommt, „Er nahm den Tomahawk, den ich ihm hinhielt, und sah mich lange, lange an. Sein Blick wurde mild und milder; der Ausdruck desselben steigerte sich zur Bewunderung“ ...

„Du hast Vertrauen zu mir, könnte ich doch zu dir auch welches haben!“ – „Du wirst mir so vertrauen, wie ich dir; warte nur noch kurze Zeit.“

„Mein Bruder Old Shatterhand mag mit mir kommen“ sagt Winnetou spontan, „Dies war das erste Mal, daß er mich 'mein Bruder' nannte. Wie oft habe ich später dieses Wort aus seinem Munde gehört“ ...

Auch die Gefährten sind erlöst, „Kaum waren sie frei, so warfen sie sich auf mich und nahmen mich in ihre sechs Arme, um mich auf eine Weise zu drücken und zu quetschen, daß es mir angst und bange werden wollte. Sam küßte mir sogar die Hand und beteuerte, indem Tränen aus seinen kleinen Aeuglein in den Bartwald tropften“, nämlich „Sir, wenn ich Euch dies jemals vergesse, so soll mich der erste Bär, der mir begegnet, mit Haut und Haar verschlingen!“

Winnetou „sah mich wieder so lange und forschend an“ und erkennt „Deine Augen sind gute Augen, und in deinen Zügen wohnt keine Unehrlichkeit.“

Und erst jetzt packt Old S die Haarlocke aus ...

Noch ein Zweikampf, diesmal gegen Tangua ... Hawkens meint „Solches Ungeziefer muß ausgerottet werden“ und erinnert an die Folgen des fatalen Pferdediebstahls, Shatterhand aber differenziert „Daran sind die Weißen, welche ihn verführten, wenigstens ebenso schuld.“

Tangua bekommt beide statt nur ein Knie zerschossen, weil er nicht hören will ...

Und Hawkens räsonniert über Old Shatterhands Husarenstreich mit der Haarlocke „Hat so ein ehrliches Gesicht, der Kerl, aber man darf eben keinem Menschen mehr trauen!“

„Dann mag Euch der Kuckuck begreifen, ich aber nicht! Ihr seid in Allem Anfänger und doch in Allem gleich fertig. So ein Patron, wie Ihr seid, ist mir wirklich noch nicht vorgekommen.“

 

5. Kapitel – „Schöner Tag“

Wieder erwähnt der Erzähler kritisch die „Behauptung, daß die Indianer geistig nicht vorwärts kommen können. Natürlich, wenn man ihnen nicht die Zeit und den Raum dazu gönnt, so müssen sie verkommen und untergehen.“

Rattler soll gemartert werden, Nscho-Tschi hat keine Einwände ... Und dann hält sie ihre hochinteressante Rede ... „Oh, die Frauen der Bleichgesichter sind nicht so zart, wie du denkst. Sie können die Schmerzen sehr gut ertragen, aber die Schmerzen, welche Andere, Menschen oder Tiere erdulden. Ich bin nicht bei euch gewesen, aber Klekih-petra hat es uns erzählt. [...] Weißt du, was eure Squaws mit den Tieren tun, die sie kochen, braten und dann essen? [...] Sie ziehen ihnen die Haut bei lebendigem Leibe ab; sie ziehen ihnen auch, während sie noch leben, den Darm heraus und werfen sie in das kochende Wasser. Und weißt du, was die Medizinmänner der Weißen tun? [...] Sie werfen lebendige Hunde in das kochende Wasser, um zu erfahren, wie lange sie dann noch leben, und ziehen ihnen die verbrühte Haut vom Leibe. Sie schneiden ihnen die Augen, die Zungen heraus; sie öffnen ihnen die Leiber; sie quälen sie auf noch viele andere Arten, um dann Bücher darüber zu machen. [...] Ich bin ein junges, unerfahrenes Mädchen und werde von euch zu den 'Wilden' gerechnet; aber ich könnte dir noch vieles sagen, was eure zarten Squaws tun, ohne daß sie dabei den Schauder empfinden, den ich fühlen würde. Zähle die vielen Tausende von zarten, schönen, weißen Frauen, welche ihre Sklaven zu Tode gepeinigt und mit lächelndem Munde dabei gestanden haben, wenn eine schwarze Dienerin totgepeitscht wurde! Und hier haben wir einen Verbrecher, einen Mörder. Er soll sterben, so wie er es verdient hat. Ich will dabei sein, und das verurteilst du! Ist es wirklich unrecht von mir, daß ich so einen Menschen ruhig sterben sehen kann? Und wenn es ein Unrecht wäre, wer trägt die Schuld, daß die Roten ihre Augen an solche Dinge gewöhnt haben? Sind es nicht die Weißen, welche uns zwingen, ihre Grausamkeiten mit Härte zu vergelten?“

Und: „Zürne mir nicht, wenn ich das Wort sage, welches ich so oft von Hawkens gehört habe: Greenhorn!“

„Ich hatte die schöne, junge Indianerin als ein sanftes, stilles Wesen kennen gelernt; jetzt stand sie vor mir mit blitzenden Augen und glühenden Wangen, das lebende Bild einer Rachegöttin, die kein Erbarmen kennt. Fast wollte sie mir da noch schöner als vorher vorkommen.“

Auch Hawkens ist in Sachen Strafe anderer Ansicht als der Erzähler, „Schauder? Was Ihr doch für ein Greenhorn seid, geliebter Sir! Wenn Ihr Euch erst länger hier im Westen befindet, so werdet Ihr auch nicht mehr ans Schaudern denken. Der Kerl hat den Tod verdient und wird auf indianische Weise hingerichtet; das ist alles!“

Wenn Old Shatterhand unguterweise auf die Dankbarkeit der Apachen poche, habe Rattler eine Chance, so Winnetou ... das will der Erzähler nicht ... er beruft sich auf Klekih-petra, der, so seine Überzeugung, das Martern Rattlers nicht akzeptiert hätte; darauf Winnetou „Was sind diese Christen doch für Menschen! Entweder sind sie schlecht, und dann ist ihre Schlechtigkeit so groß, daß man sie nicht zu begreifen vermag. Oder sie sind gut, und dann ist ihre Güte ebenso unbegreiflich!“

Rattler ist „Lebendig an den Sarg des Ermordeten gefesselt [...] und dabei zu wissen, daß dies zu-gleich die eigene letzte Lagerstätte ist!“

„Vorhin hatte ich wegen der Entfernung den Verurteilten nicht deutlich sehen können; jetzt stand ich vor ihm und fühlte, so schlecht und gottlos er gewesen war, doch ein tiefes Mitleid mit diesem Menschen.“

Rattler mag nichts hören, und: „Ich mag Euer schurkisches Gesicht nicht sehen. Geht zum Teufel und meinetwegen auch noch weiter!“

Der Erzähler muß sich noch mehr anhören, „Was er hierauf antwortete, kann ich wieder nicht sagen; es überlief mich eiseskalt bei seinen Worten“.

Also geht es ans Martern, „Ich hatte eigentlich die Absicht, mich zu entfernen; aber ich hatte so Etwas noch nicht gesehen und beschloß also, so lange zu bleiben, bis es mir nicht mehr möglich sei, länger zuzusehen“ ...

Das Folgende wird detailliert geschildert und sei hier, weil durchaus entbehrlich, nicht wiedergegeben. „Hatte er vorher nur einzelne Schreie ausgestoßen, so heulte er jetzt in Einem fort.“

Noch einmal vergebliches Gespräch, Rattler „begann dann ein solches Wehklagen und Jammern, daß ich es nicht länger bei ihm aushalten konnte, sondern mich entfernte.“

Den finalen Schuß überläßt man schließlich dem Nachwuchs, „Dann stießen sie mit ihren hellen Kinderstimmen einen auffordernden Schrei aus und schossen ihre Gewehre ab. Rattler wurde in den Kopf getroffen und verschwand augenblicklich unter dem Wasser.“ Fein daß das vorbei ist. Man kann eine gehörige Portion Sadismus durchschmecken. (Und mit sächsischen üblen Mitspielern sah es in der Realität der frühen Zeit wohl anders aus (da wird er es gewesen sein, dem kein Pardon gegeben oder auch keine Gnade erwiesen wurde).)

Begräbnisfeierlichkeiten mit einigen interessanten Worten.

Und dann „eine Blutsbruderschaft, eine richtige, wirkliche Blutsbruderschaft, von der ich so oft gelesen hatte!“

„Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden.“

„Ich leerte meine Schale und Winnetou die seinige. Es war Rio Pecos-Wasser mit einigen Blutstropfen, die man nicht schmeckte.“

 „Das war ein schnelles Avancement! Vor kurzem noch Hauslehrer in St. Louis, war ich dann Surveyor geworden, um jetzt als Häuptling unter 'Wilden' aufgenommen zu werden! Aber ich gestehe, daß diese Wilden mir weit besser gefielen als die Weißen, mit denen ich es in der letzten Zeit zu tun gehabt hatte.“

„Das war meine erste Leichenfeier unter Wilden. Sie hatte mich tief ergriffen. Ich will nicht die Anschauungen kritisieren, welche Intschu tschuna dabei vorgebracht hatte. Es war viel Wahrheit mit viel Unklarheit vermengt gewesen; aber aus allem hatte ein Schrei nach Erlösung geklungen, nach einer Erlösung, welche er, wie einst das Volk Israel, sich äußerlich dachte, während sie doch nur eine innerliche, eine geistige sein konnte.“ Solche Sätze stehen bei Karl May ... der gewöhnliche Freilichtbühnenbesucher ahnt das nicht ...

„Winnetou ergriff meine Hand und behielt sie in der seinigen, ohne lange Zeit ein Wort zu sagen“, und Old Shatterhand sitzt „jetzt mit Winnetou allein und unbeobachtet am Grabe Klekih-petras“.

Gespräch über das Glück, „Das Glück! - Was ist das Glück?“ – „Reichtum!“ ... „Er ließ, als ich dies sagte, meine Hand los, die er bis jetzt fest gehalten hatte, und es trat wieder eine Pause ein. Ich wußte, er hatte jetzt das Gefühl, sich doch in mir getäuscht zu haben.“ ... „Aber es gibt Reichtum verschiedener Art, Reichtum an Gold, an Weisheit und Erfahrung, an Gesundheit, an Ehre und Ruhm, an Gnade bei Gott und den Menschen.“

Winnetou hat eine sehr verständliche Bitte, „Sprich nicht vom Glauben zu mir! Trachte nicht danach, mich zu bekehren! Ich habe dich sehr, sehr lieb und möchte nicht, daß unser Bund zerrissen werde. Es ist so, wie Klekih-petra sagte. Dein Glaube mag der richtige sein, aber wir roten Männer können ihn noch nicht verstehen. Wenn uns die Christen nicht verdrängten und ausrotteten, so würden wir sie für gute Menschen halten und auch ihre Lehre für eine gute. Dann fänden wir wohl auch Zeit und Raum, das zu lernen, was man wissen muß, um euer heiliges Buch und eure Priester zu verstehen. Aber der, welcher langsam und sicher zu Tode gedrückt wird, kann nicht glauben, daß die Religion dessen, der ihn tötet, eine Religion der Liebe sei.“

„Du bist nicht reich?“ – „An allem andern reich, aber in Beziehung auf das Geld bin ich ein armer Teufel.“

Hawkens zieht erneut Zwischenbilanz (und läßt nebenbei eine nicht wirklich feministisch klingende Bemerkung fallen), „Anstatt gestern so recht hübsch am Pfahl geschmort und gebraten zu werden und heut in den lieblichen Jagdgründen der abgeschiedenen Indianerseelen zu erwachen, sind wir gar nicht für wert gehalten worden, umgebracht zu werden. Nun sitzen wir bei vollem Leben und guter Gesundheit hier in diesem abgelegenen Pueblo, wo man sich alle Mühe gibt, uns mit Leckerbissen den Magen zu verderben und aus einem Greenhorn, welches Ihr doch seid, einen wahren Halbgott zu machen. Dieses Unheil haben wir nur Euch zu verdanken, besonders deshalb, weil Ihr ein so ganz und gar niederträchtiger Schwimmer seid. Aber die Liebe ist unter allen Umständen ein unbegreifliches Frauenzimmer; je mehr sie mißhandelt wird, desto wohler fühlt sie sich, und so wollen wir Euch selbst dieses Mal noch nicht aus unserer Mitte und aus unserem Herzen stoßen, sondern glühende Kohlen auf Eurem Haupte sammeln, indem wir Euch verzeihen, allerdings in der festen und bestimmten Hoffnung, daß Ihr nun endlich in Euch geht und anders werdet, wenn ich mich nicht irre. Hier ist meine Hand.“

„Ich aber legte mich nicht auf die Bärenhaut. Winnetou hatte es darauf abgesehen, mich in die 'indianische Schule' zu nehmen. Wir waren oft ganze Tage fort, machten weite Ritte, während welcher ich mich in allem, was zur Jagd und zum Kriege gehörte, üben mußte. Wir krochen in den Wäldern herum, wobei ich vortrefflich Unterricht im Anschleichen erhielt. Er führte förmliche 'Felddienstübungen' mit mir aus.“

„Nscho-tschi lehrte mich den Dialekt der Mescaleros, Intschu tschuna denjenigen der Llaneros und Winnetou den der Navajos.“

Old Shatterhand wird unfreiwilliger Zeuge eines intimen Gesprächs ... „Wir sprachen von weißen Frauen, und da habe ich aus seinen Worten entnommen, daß sein Herz noch nicht gesprochen hat.“ – „So wird es bei mir sprechen!“ – „Meine Schwester mag sich nicht täuschen!“

Es gäbe einen Weg ... „Welcher Weg ist dies?“ – „Der nach den Städten der Bleichgesichter.“ – „Dorthin soll ich, meinst du?“ – „Ja.“ – „Warum?“ – „Um zu lernen, was du wissen und können mußt, wenn Old Shatterhand dich lieben soll.“ Eine fatale Stelle ...

„Mein Bruder Old Shatterhand kann die Fährte eines Menschen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Gedanken lesen. Es gibt da fast nichts mehr, was er noch zu lernen hat.“

Die weißen Freunde werden neu eingekleidet ... und Sam erzählt, auf wieder sehr eigene Art, eine kleine Liebesgeschichte, „Bin ihr gar nicht abgeneigt; habe sogar ein Auge auf sie geworfen, oder vielmehr alle beide.“ – „Aber, Sam, eine Indianerin!“ – „Was ist's weiter? Würde sogar eine Negerin heiraten, wenn sie nicht schwarz wäre.“

„Sie hat so ein volles, rundes Gesicht, grad wie der Mond.“ – „Mit einem ersten und einem letzten Viertel?“ – „Ich bitte nochmals, mit dem Monde keine Witze zu machen! Sie ist Vollmond, und ich heirate sie, wenn ich mich nicht irre.“ – „Hoffentlich wird kein Neumond draus.“ ...

„Aber in den nächsten Tagen wurde Sam immer nachdenklicher und einsilbiger. Sein Mond schien immer weiter abzunehmen. Da, eines Morgens sah ich ihn aus seiner Wohnung treten - - - im alten Anzuge!“

Eine Ehe zwischen einer Roten und einem Weißen sei möglich, so der Erzähler, „Wenn sie von einem Priester geschlossen und die Indianerin vorher Christin geworden ist, sehe ich nichts Unrechtes darin“ ... Schade, eine solche fatale Einschränkung ...

„Ich gönnte Nscho-tschi den allerbesten, edelsten roten Krieger und Häuptling; ich aber war nicht nach dem wilden Westen gekommen, um mir eine rote Squaw zu nehmen; ich hatte nicht einmal an eine weiße gedacht. Mein Lebensplan schloß, wie ich annahm, eine Verheiratung überhaupt aus.“

„Willst du Gold?“, fragt Intschu-Tschuna ... Der Erzähler gibt „eine diplomatische Antwort, weder ein Ja noch ein Nein. Ich wußte, daß es Indianer gibt, welche Fundorte edler Metalle kennen, aber niemals einem Weißen einen solchen Ort verraten. Intschu tschuna kannte jedenfalls solche Stellen, und jetzt fragte er mich: 'Willst du Gold?' Welcher Weiße hätte da wohl mit einem direkten Nein geantwortet! Ich habe nie nach Schätzen getrachtet, welche von dem Roste und von Motten gefressen werden; dennoch hat das Gold für mich als Mittel zum guten Zwecke einen Wert, den ich gar nicht leugnen will.“

„Der Goldstaub, nach welchem die weißen Goldsucher streben, ist ein Staub des Todes; wer ihn zufällig findet, geht daran zu Grunde. Trachte nie danach, ihn zu erlangen, denn er tötet nicht nur den Leib, sondern auch die Seele! Ich wollte dich prüfen.“

Er soll die Vermessungsarbeit zu Ende führen dürfen und erkennt richtig „Wir mögen tun oder lassen, was wir wollen, das Feuerroß wird unbedingt durch jene Gegend dampfen.“ So ist es bis heute, über das 'Feuerroß' hinaus.

Nscho-Tschi soll tatsächlich in den Osten zu den Städten der Weißen, „Ich mochte wohl kein sehr geistreiches Gesicht zu diesen Worten machen“ ...

Es geht ans Aufbrechen, „der Medizinmann hatte zu erklären, ob die Reise eine glückliche oder unglückliche sein werde. [...] Es wurde ein weiter Kreis um den Wagen gebildet. Als dieser geschlossen war, begann die für die Roten 'heilige Handlung', welche ich aber im Stillen mit dem Ausdrucke 'Vorstellung' bezeichnete“ ...

„Ich stand zwischen Winnetou und seiner Schwester. Die große Aehnlichkeit, welche zwischen den Geschwistern herrschte, trat heut ganz besonders hervor, weil Nscho-tschi nicht ein Frauengewand trug, sondern Männerkleider angelegt hatte. Ihr Anzug glich genau demjenigen ihres Bruders, welcher schon beschrieben worden ist. Auch sie hatte keine Kopfbedeckung und ihr Haar in einen solchen Schopf geordnet, wie er das seinige. An ihrem Gürtel hingen mehrere Beutel mit verschiedenem Inhalte; in demselben steckten ein Messer und eine Pistole, und über ihrem Rücken hing ein Gewehr. Ihr Anzug war neu und mit bunten Fransen und Stickereien verziert. Sie sah sehr kriegerisch und dabei doch so mädchenhaft und reizend aus, daß aller Blicke auf sie gerichtet waren. Da ich den Anzug trug, welchen ich geschenkt bekommen hatte, so waren wir drei beinahe gleich gekleidet.“

Der Erzähler versucht sich zunächst angesichts des medizinmännischen Spektakels in weltanschaulicher Toleranz ... der Mann prophezeit aber den Tod Old Shatterhands ... das wird von diesem zwar als eine Art 'Politik' durchschaut, dann aber greift Sam Hawkens ein ... „ich kann mehr als Kirschen essen“ ...

„Treibt keinen Humbug, Sam, [...] Wenn die Roten merken, daß Ihr Unsinn macht, so verschlimmert Ihr die Sache, anstatt daß Ihr sie verbessert!“

„Hierauf entfernte er sich ein kleines Stück von dem Loche und ging dann langsam und mit feierlichen Schritten um dasselbe herum, wobei er zu meinem Entsetzen das kleine Einmaleins von der Eins bis mit der Neun hersagte.“

„Mir war um den Erfolg dieser Kinderei bange. Ich blickte mich im Kreise um und bemerkte zu meiner Beruhigung, daß die Roten alle mit großem Ernste bei der Sache waren. Auch die Gesichter der beiden Häuptlinge verrieten keine Mißbilligung; ich war aber überzeugt, daß Intschu tschuna recht wohl wußte, daß Sams Treiben bloße Spiegelfechterei war.“

„Ich habe Gewehre in dem Loche gesehen und Schüsse gehört; wir werden also Kämpfe zu bestehen haben. Der letzte Schuß kam aus dem Bärentöter Old Shatterhands. Wer den letzten Schuß hat, kann doch nicht gefallen und gestorben, sondern er muß Sieger sein. Meinen roten Brüdern droht Unheil. Sie können demselben nur dadurch entgehen, daß sie sich in der Nähe Old Shatterhands halten.“ Und das ist nun halt genau das, was eintreffen wird ... Bei solchen Dingen können einem die Worte vom „infernalischen Charakter“ einfallen, die einst Lehrer ihrem sonderbaren Schüler May attestierten ...

„Nun, Sir, wie habe ich meine Sache gemacht?“ – „Wie ein echter, richtiger Schwindelmeier.“ – „Well! Also gut? Nicht?“ – „Ja. Wenigstens hat es den Anschein, als ob Ihr Euern Zweck erreicht hättet.“

Intschu-Tschuna konstatiert immerhin „Aber Sam Hawkens ist mit seiner Vorherverkündigung zu weit gegangen.“

„Der Häuptling der Apachen weiß, woran er ist; das mag Sam Hawkens glauben. Es war nicht nötig, von schlimmen Dingen zu sprechen und unsere Leute mit Besorgnis zu erfüllen.“ Es gäbe, über den 'infernalischen Charakter' hinaus, eine weitere Lesart: man spielt nicht mit solchen Dingen ... Old Shatterhand erkennt es nicht, so wie er darüber schreibt, aber der Autor weiß es vielleicht, ohne es direkt aussprechen zu wollen, und hier wäre dann eine Distanz zwischen seiner Figur und ihm selber ... Reine Gedankenlosigkeit wird es nicht sein ... leider eher eine gewisse Schamlosigkeit ...

Sam Hawkens verabschiedet sich von der Frau, für die er immerhin eine gewisse erkennbare Sympathie hatte, und prophezeit ihr, sie werde „einen fürchterlichen Kahlkopf bekommen, grad so wie der Mond, der ja auch keine Haare hat. Dann werde ich dir meine Perücke schicken. Leb wohl, du trauriger Mondschein, du!“ Auch das ist alles andere als fein ... Es verwundert einen regelrecht, aber unser kluger, feinsinniger und warmherziger Karl May konnte gelegentlich durchaus arg unsensibel wurschtig daherkommen ...

Nscho-Tschi „war, wie ich schon wußte und es sich auch im Verlaufe unserer Reise zeigte, eine ausgezeichnete und auch ausdauernde Reiterin. Ebenso gut wußte sie ihre Waffen zu handhaben. Wer uns begegnet wäre, ohne sie zu kennen, hätte sie für einen jüngeren Bruder Winnetous halten müssen; einem schärferen Auge aber konnte die frauenhafte Weichheit ihrer Gesichtszüge und Körperformen nicht entgehen. Sie war schön, wirklich schön, selbst trotz ihres männlichen Anzuges und ihrer männlichen Art, zu reiten, schön!“

An früherer Kampfesstätte angekommen, gibt es erst einmal zu tun, „Es war nämlich den Apachen damals nach dem Kampfe nicht eingefallen, die toten Weißen und Kiowas zu begraben, sondern sie hatten die Leichen liegen lassen, wie sie lagen. Was von ihnen unterlassen worden war, hatten die Geier und andere Raubtiere übernommen, doch freilich in anderer Weise. Die Knochen lagen umher, oft völlig abgenagt, oft auch mit faulenden Fleischresten behangen; es war eine schaurige Arbeit für mich, Sam, Dick und Will, diese Ueberreste zu sammeln und in ein gemeinschaftliches Grab zu legen. Die Apachen beteiligten sich natürlich nicht dabei.“ Das sind so die Dinge, die wir in Freilichtaufführungen oder Filmen vergeblich suchen. Aber das ist Karl May: Grenzwertigste Konfrontationen mit Angelegenheiten aller Art.

Bei den nachzuholenden Vermessungsarbeiten helfen nun Winnetou und dessen Schwester, „Es war ein ganz anderes Schaffen als damals, wo ich es mit so unsympathischen Menschen zu tun gehabt hatte.“

Den inneren Widerstand der untergeordneten Apachen spürt er, hat aber die Häuptlinge auf seiner Seite ... und was Nscho-Tschi betrifft: „ich bemerkte zu meiner Freude und Genugtuung, daß ich, absichtlich oder unabsichtlich, ihr Lehrer war, von dem sie mit Begierde lernte. Wenn ich sprach, hing ihr Auge an meinen Lippen, und was ich tat, tat sie dann später genau ebenso, selbst wenn es den Gewohnheiten ihrer Rasse widersprach. Sie schien nur für mich da zu sein“ ...

Man begegnet Santer, „kein so berühmter Westläufer wie Ihr, sondern ein einfacher, armer Cowboy.“ So ist es. Im Vergleich mit den „Edelschurken“ z.B. des Orientzyklus ein farbloser kleiner Halunke, weiter nichts. Er wird übrigens zunächst überhaupt nicht beschrieben, da geistert eine Art Schemen als Hauptübeltäter ziemlich sporadisch durch drei Bände, für zwei davon wurde er nachträglich 'hinzugeschrieben'.

Winnetou sieht mehr als Sam, „Diese Bleichgesichter haben mir nicht gefallen. Die Augen dessen, der mit dir sprach, waren keine guten Augen.“

Der Erzähler ist beeindruckt von der Verfügbarkeit des Goldes für die Apachen, „Ich gestehe, daß mich eine Bewunderung überkam, welche mit ein wenig Neid gemischt war. Diese Menschen wußten das kostbare Metall in Menge liegen und führten, anstatt es zu benutzen, ein Leben, welches fast gar keinen Anspruch zivilisierter Menschen kannte! Sie führten keine Börsen und Portemonnaies bei sich, aber sie hatten überall, wohin sie kamen, verborgene Schatzkammern liegen, in welche sie nur zu greifen brauchten, um sich die Taschen mit Gold zu füllen. Wer dies, wenigstens das Letztere und nicht ihr anspruchsloses Leben, nur auch so haben könnte!“

Exkurs: der Knieschuß. „Der Knieschuß ist der schwierigste Schuß, den es gibt. Viele, viele Westmänner, die sonst gute Schützen sind, bringen ihn nicht fertig. Ich hatte nichts davon gewußt, mich aber dann, von Winnetou auf ihn aufmerksam gemacht, in der letzten Zeit darin geübt.

Ich setze den Fall, daß ich mich, allein oder mit Anderen, das ist gleich, am Lagerfeuer befinde; mein Gewehr liegt mir, wie es Regel ist, griffbereit zur rechten Hand. [...] Ich krümme nämlich das rechte Bein derart, daß sich das Knie erhebt und mein Oberschenkel eine Linie bildet, deren Verlängerung die beiden Augen, welche ich sehe, treffen würde. Dann greife ich, scheinbar gedankenlos, wie spielend, nichts beabsichtigend, zum Gewehre, nehme den Lauf an meinen Oberschenkel, so daß er genau in die Verlängerung desselben zu liegen kommt, und drücke ab. Das ist schwer, sehr schwer, zumal man nur die rechte Hand dazu nehmen darf, da beim Gebrauche beider Hände der Vorgang keineswegs die so notwendige scheinbare Harmlosigkeit besitzen würde. [...] Mir war dieser Schuß meist deshalb nicht leicht geworden, weil mein Bärentöter so schwer wog und mit einer Hand in dieser Weise kaum regiert werden konnte. Die fortgesetzte Uebung brachte mich dann aber doch zu dem gewünschten Erfolge.“

Old Shatterhand darf nicht allzu weit zum Goldort mitgehen, „Wir wissen, daß er nicht nach Gold strebt; aber wenn er auch nur eine kurze Strecke mit uns ginge, würde er den Ort ahnen und ganz sicher dann das Fieber bekommen, welches nach dem tödlichen Staube strebt und das Bleichgesicht nicht eher verläßt, bis es an Leib und Seele zu Grunde gegangen ist. Wir bitten dich also nicht aus Mißtrauen, sondern aus Liebe und Vorsicht, nicht mit uns zu gehen.“

Nachdem er Santers Spuren gefunden hat, eilt er den Freunden nach ... „Einige Augenblicke darauf erscholl ein Schrei, der mir wie ein Degen durch den Körper drang; es war der Todesschrei der Apachen.“

„Wieder ein Schuß und noch einer - - das war das Doppelgewehr Winnetous; ich kannte seinen Knall. Gott sei Dank! Er lebte also noch; denn wer tot ist, kann nicht schießen.“

Santer entflieht. Zurück bei Winnetou. „Seine Augen hatten einen Ausdruck, den ich niemals vergessen werde. Es sprach ein fast wahnsinniger Grimm und Schmerz aus ihnen.“

Intschu-Tschuna ist tot, Nscho-Tschi wird ihm folgen. „Die vollen Wangen fielen ein, und der Ausdruck des Todes breitete sich über die mir so teuern Züge.“

„Es war, als wolle mir das Herz zerspringen; ich mußte mir Luft machen, sprang auf, denn wir hatten uns bei ihr niedergekniet, und stieß einen lauten, lauten Schrei aus, dessen Echo von den Wänden der benachbarten Berge widerhallte.“

„Nun sind sie tot! Der größte, edelste Häuptling der Apachen und Nscho-tschi, meine Schwester, welche dir ihre Seele gegeben hatte. Sie starb mit deinem Namen auf den Lippen. Vergiß dies nicht, vergiß es nicht, mein lieber Bruder!“ – „Nie, nie werde ich es vergessen!“

„Mögen wir euch hassen, oder mögen wir euch lieben, es ist ganz gleich: Wo ein Bleichgesicht seinen Fuß hinsetzt, da folgt hinter ihm das Verderben für uns.“

Winnetou will Rache schwören, Old Shatterhand fällt ihm in die Rede.

Unser Autor gibt sich geschichtliche Verantwortung, „Ja, er war der Mann dazu, das auszuführen, was er wollte. Ihm, ihm wäre es gewiß gelungen, die Krieger aller roten Nationen unter sich zu versammeln und mit den Weißen einen Riesenkampf zu beginnen, einen Verzweiflungskampf, dessen Ende zwar kein zweifelhaftes sein konnte, der aber den wilden Westen mit Hunderttausenden von Opfern bedecken mußte. Jetzt, in diesem Augenblicke entschied es sich, ob der Tomahawk des Todes in dieser erbitterten Weise wüten sollte oder nicht!“

Es gelingt ... „Mein Bruder Old Shatterhand hat eine große Macht über die Herzen aller, mit denen er verkehrt.“ (Später wird deutlich, daß es nicht nur Old Shatterhands Fürbitte war, die Winnetou von dem großen Rachefeldzug absehen ließ: er befragte, gleichsam, die Toten, und sah den Untergang seiner Rasse voraus, so oder so.)

Vergebliche Verfolgung, „Es war ein Dauerlauf, wie ich noch keinen gemacht hatte, doch hielt ich ihn aus, weil ich von Winnetou belehrt worden war, wie man sich dabei zu verhalten hat, um bei Atem zu bleiben und nicht zu ermüden. Man läßt nämlich das Körpergewicht nur von einem Beine tragen und wechselt dann, wenn dieses ermüdet ist, auf das andere über. Auf diese Weise kann man stundenlang Trab laufen, ohne daß man sich allzu sehr anzustrengen hat; aber eine gute, gesunde Lunge muß man haben.“

Und das ist ja nun wirklich ’einer zuviel’: „Nun mögen mir meine roten Brüder sagen, wer die Zukunft besser verkündet hat, Sam Hawkens oder euer Medizinmann! Intschu tschuna und Nscho-tschi haben den Tod gefunden, weil sie sich von mir entfernten, und Winnetou ist durch mich gerettet worden. Bringt meine Nähe also den Tod oder das Leben?“ Ungeheuerlich.

„Ich bestimmte die zehn Apachen, welche sich über meine Wahl freuten, denn dem Mörder nachzusetzen, war ihnen lieber, als bei den Leichen Totenlieder zu singen.“

„Nun machte ich mir Vorwürfe darüber, daß ich nicht freundlicher mit ihr gewesen war und mich in jenem Gespräch mit ihrem Vater nicht anders ausgedrückt hatte. Es war mir, als ob ich sie dadurch in den Tod getrieben hätte.“ Was ist das ? Schlechtes Gefühl ? Machtphantasie ?

„Ich habe etwas in mir wie eine Ahnung, daß sie sich verstellen“ sagt Shatterhand über die beobachteten Kiowas, worauf Hawkens meint „Ahnung! Alte Squaws haben Ahnungen, sonst niemand“, wonit er beträchtlich irrt, nicht nur hier ...

Kleine Auseinandersetzung, „Ihr seid heute ganz ausgewechselt, Sam. Ihr glaubt doch nicht etwa, mir Befehle erteilen zu können? Oder solltet Ihr doch?“ – „Natürlich glaube ich das.“ – „Nun, da muß ich Euch in aller Freundschaft sagen, daß Ihr Euch irrt. Als Surveyor stehe ich über Euch, denn Ihr seid uns nur als Sicherheitswache zukommandiert gewesen. Sodann wißt Ihr, daß ich unter Zustimmung des ganzen Stammes von Intschu tschuna zum Häuptling erklärt worden bin. [...]“ - „Mir hat kein Häuptling etwas zu sagen, [...] Und außerdem bin ich ein alter Westmann, während Ihr ein Greenhorn und mein Schüler seid. Das solltet Ihr nicht vergessen, wenn Ihr nicht für undankbar gehalten werden wollt.“

Nach einem länglichen Indianergeschichten-Geplänkel bei den Kiowas geht es zurück zu Winnetou, „Wie sah er aus!

Er war ja überhaupt sehr ernst und nur in seltenen Fällen glitt einmal ein Lächeln über sein Gesicht; laut lachen aber habe ich ihn niemals hören; jedoch lag auf seinen männlich schönen Zügen trotz dieses Ernstes stets ein Ausdruck der Güte und des Wohlwollens, und sein dunkles Sammetauge konnte bei Gelegenheit sogar außerordentlich freundlich blicken. Wie oft hat es auf mir mit einer Liebe und Zärtlichkeit geruht, deren Licht man sonst nur in Frauenaugen zu finden pflegt! Heut aber gab es von alledem keine Spur. Sein Gesicht schien steinhart geworden zu sein, und sein Auge blickte düster innenwärts. Seine Bewegungen waren langsam und schwer. So kam er auf mich zu, warf einen trüben, forschenden Blick umher, schüttelte mir matt die Hand, sah mir mit einem Ausdrucke, der mir tief in die Seele schnitt, in die Augen“ ...

Old Shatterhand will und soll beim Begräbnis Nscho-Tschis und Intschu-Tschunas zugegen sein, „Deine Gegenwart wird vielleicht vielen Söhnen der Bleichgesichter das Leben erhalten. Das Gesetz des Blutes fordert den Tod vieler weißer Menschen; aber dein Auge ist wie die Sonne, deren Wärme das harte Eis zerweicht und in erquickendes Wasser verwandelt. Du weißt, wen ich verloren habe. Sei du mir Vater, und sei du mir Schwester zugleich; ich bitte dich darum, Scharlih!“

„Eine Träne stand in seinem Auge. Er schämte sich ihrer, die er vor einem andern als mir unmöglich sehen lassen durfte, eilte davon und verschwand bei den Toten in der Hütte. Er nannte mich heut zum erstenmal bei meinem Vornamen Karl und hat ihn auch in Zukunft nie anders als jetzt, nämlich Scharlih, ausgesprochen.“

„Nun sollte ich von dem Begräbnisse erzählen, welches mit allen indianischen Feierlichkeiten vorgenommen wurde; ich weiß auch sehr wohl, daß eine eingehende Beschreibung dieser Feierlichkeiten gewiß interessieren würde, aber wenn ich an jene traurigen Stunden denke, fühle ich noch heut ein so tiefes Weh, als ob sie erst gestern vergangen wären, und die Schilderung derselben kommt mir wie eine Entweihung vor, nicht eine Entweihung der 'Grabmäler', welche wir den beiden Toten damals am Nugget-tsil erbauten, sondern des Denkmales, welches ich ihnen in meinem Herzen errichtete und stets treu gehütet habe. Darum bitte ich, die Beschreibung unterlassen zu dürfen.“

Indianische Rituale entsprechen nicht unbedingt dem Geschmack und Verständnisvermögen weicher oder seichter Gemüter, „Intschu tschunas Leiche wurde auf sein Pferd gebunden, worauf man um beide Erde häufte, bis sich das Tier nicht mehr bewegen konnte; dann bekam es eine Kugel in den Kopf.“

 

6. Kapitel - Sams Befreiung

Dieses Kapitel ist nicht sonderlich reizvoll. Offenbar wurde nicht nur in den Bänden II und III, sondern auch in diesem der Schluß hinzugeschrieben, um auf den erforderlichen Bandumfang zu kommen.

„Es läßt sich denken, welch großen Schmerz Winnetou über den Verlust seines Vaters und seiner Schwester empfand. Während des Begräbnisses durfte er demselben noch Ausdruck geben, dann aber mußte er ihn streng in seinem Innern verschließen“ ... Denn Handlung bzw. Leben müssen ja weitergehen ... (auch das ist etwas, was wir bei Karl May vermittelt bekommen können: eine angemessene Haltung, mit den Gegebenheiten umzugehen. „Gleichnis vom rechten Leben und rechten Sterben“ nannte Hermann Wohlgschaft die Trilogie bei einem Vortrag.)

„Die Weißen haben mehr Kenntnisse und Geschicklichkeiten als wir; sie sind uns fast in allem überlegen“, äußert Winnetou und meint damit äußere Kenntnisse und Fertigkeiten und weiter nichts (solche Stellen wurden ja schon beträchtlich fehlinterpretiert), entsprechend antwortet der Erzähler „[...] Du aber bist kein gewöhnlicher Indianer. Der große Geist hat dir Gaben verliehen, welche auch unter den Weißen nur selten einer besitzt, und darum möchte ich haben, daß du anders denkst als ein gewöhnlicher roter Mann. Dein Verstand ist scharf, und dein Blick reicht weit, viel, viel weiter als das körperliche und geistige Auge eines gewöhnlichen Kriegers.“

„Ich wollte die Krieger aller roten Nationen zusammenrufen und mit ihnen gegen die Bleichgesichter ziehen“, verrät Winnetou dem Erzähler, „Ich wäre besiegt worden. Aber in dem Kampfe gegen mich selbst heut in der Nacht bin ich Sieger geblieben.“ Denn er erkennt, daß dieser Kriegszug vergeblich wäre, er „weiß es; er würde unsern Untergang nur beschleunigen“.

Eigenartiger Exkurs über Fähigkeiten in Sachen fremde Sprachen, „Was nützt es mir, wenn ich ein Indianer-, Beduinen- oder Kurdenlager, eine sudanesische Seribah oder eine südamerikanische Gauchostätte noch so meisterhaft zu beschleichen verstehe, aber der betreffenden Sprache nicht mächtig bin und also nicht erfahren kann, was gesprochen wird! Und meist ist grad der Inhalt der Gespräche viel wichtiger als alles andere, was man dabei erfährt. Darum ist es stets mein erstes Bestreben gewesen, die Sprache der Menschen, mit denen ich es zu tun bekam, kennen zu lernen. Winnetou beherrschte sechzehn Indianerdialekte und ist auch hierin mein hervorragendster Lehrer gewesen. Es ist mir später niemals vorgekommen, daß ich einen Lagerplatz beschlich, ohne zu verstehen, was auf demselben gesprochen wurde.“

Old Shatterhand belauscht Santer und muß feststellen, daß der klüger war als er es von ihm erwartet hätte ... „Ich ärgerte mich, und wie!“

Wäre Santer damals nicht entkommen ... „So hängt das Schicksal des Menschen scheinbar oft von einem Augenblicke, von einer einzigen, vielleicht gar nicht wichtigen Tat oder Unterlassung oder Begebenheit ab, aber auch nur scheinbar, denn über jedem seiner Kinder wacht der große Weltenlenker, ohne dessen Willen keine Sonne sich bewegt und kein Schmetterling von Blüte zu Blüte flattert.“

„Ein Gang des Nachts durch den weglosen Urwald ist freilich für die Schönheit des menschlichen Angesichts eine höchst gefährliche Sache, weil sie anstößig in des Wortes eigenster Bedeutung ist.“ Kleine doppelbödige Reminiszenz an Privates ?

Winnetou empfindet konkret die ‚Blutsbrüderschaft’, „Mein Bruder Shatterhand hat stets dieselben Gedanken wie ich. Es ist ganz so, wie Intschu tschuna, mein Vater, sagte, als wir das Blut der Brüderschaft miteinander getrunken hatten“.

Wir erfahren im Gespräch mit den Tradern nebenbei über Indianer-Agenturen, daß auch dort Lug und Trug offenbar in größerem Ausmaß zum Geschäft gehörten.

Der bei den Kiowas gefangene Sam Hawkens hat „seine unverwüstliche gute Laune“ behalten, daß die ein „Trotzdem“ ist, Hawkens sehr wohl um die Abgründe der Existennz weiß und alles andere als eine oberflächliche Frohnatur ist, wissen wir aus „Old Firehand“.

Old Shatterhand überwältigt Pida.

Santer im Kanu. Kampf auf dem Wasser. Santer verschwindet.

Abschied von Winnetou, der den Flüchtigen verfolgen wird, „Ich blickte meinem Winnetou nach, bis er im Nebel verschwand. Es war mir, als sei ein Teil meines eigenen Ich von mir gegangen“ ... Schon vorher verschwand Santer im Nebel ... In "Und Friede auf Erden" hat May es später hübsch beschrieben, wie die Bilder beim Schreiben entstehen, erscheinen (und zwischenzeitlich wieder im Hintergrund verschwinden), hier ist es schon zu spüren.

Noch einmal zum Humor Hawkens’, „Gut habe ich es gehabt, außerordentlich gut! Jeder Kiowa hat mich wie sein eigenes Kind geliebt; ich bin vor lauter Liebkosungen, Herzen und Küssen gar nicht zu Verstand gekommen“, so kann man es auch nennen, wenn man [vermutlich] mißhandelt und erniedrigt worden ist.

Im Tausch gegen Pida kommt Hawkens frei.