IM FERNEN WESTEN

„Im fernen Westen“ war die erste Buchausgabe Karl Mays überhaupt, erschienen am 29. November 1879. Das Buch ist antiquarisch noch als Reprint erhältlich.

Es handelt sich um die Überarbeitung der Novelle „Old Firehand“ von 1875. Dabei stellt „Im fernen Westen“ ein Mittelding zwischen der „Old Firehand“-Fassung und der späteren Buchausgabe „Winetou II“ dar, in die der Text, nochmals überarbeitet, einfloß. Die Änderungen zwischen „Old Firehand“ und „Im fernen Westen“ sind dabei ebenso beträchtlich wie die zwischen „Im fernen Westen“ und „Winnetou II“.

Schauen wir uns den Beginn der Geschichte in allen drei Fassungen an. „Old Firehand“ beginnt mit einem schwermütigen Gedicht und Betrachtungen des Erzählers über Kummer und Einsamkeit. Er ist auf dem Weg nach New-Venango, um sich auszuruhen und Munition zu ergänzen.

„Im fernen Westen“ beginnt mit einer Betrachtung über das Pferd des Westmanns im Allgemeinen und Swallow, Geschenk von Winnetou, im Besonderen. Während in „Old Firehand“ Winnetou erst erwähnt wird, nachdem der Erzähler schon in New Venango war, wird er hier bereits in der Einleitung gewürdigt, und es heißt, der Erzähler gehe nach New Venango, weil er ein „Rendez-vous“ mit ihm habe. In „Winnetou II“ wiederum will man gemeinsam Old Firehand besuchen.

Trifft der Erzähler in „Old Firehand“ auf nur eine Person, nämlich Ellen, so sind es in „Im fernen Westen“ zwei, nämlich Harry (in den sich Ellen gleichsam verwandelt hat) und sein Begleiter.

Und dann gibt es gleich ein Kuriosum zu beobachten: in „Old Firehand“ heißt es: „Alle Teufel, eine Dame, hier im 'Far West', mitten in der Prärie, und gar mit einem Reitkleid und wehendem Schleier !“ In „Im fernen Westen“ wird aus aus dem „Reitkleid und wehendem Schleier“: „und gar in ächter Trauerkleidung !“. Roland Schmid weist im Nachwort des Reprints darauf hin, daß nicht sicher sei, ob Karl May selber die Umarbeitung von „Old Firehand“ auf „Im fernen Westen“ vorgenommen hat, „oder einem Mitarbeiter des Verlags Neugebauer überließ“, wie es verblüffend lapidar heißt. Jedenfalls fällt auf, daß aus der „Trauerkleidung“ dann in der von May für die Buchausgabe wiederum überarbeiteten Fassung „Trapperkleidung“ wird, was durchaus sinniger erscheint …

Über die weitgehenden, in Zusammenhang mit der „Umwandlung“ von Ellen in Harry stehenden weiteren Änderungen zwischen „Firehand“- und „Westen“-Fassung wurde schon an anderer Stelle geschrieben; Roland Schmid bemerkt im Nachwort des „Westen“-Reprints, durch den weitgehend unveränderten Dialog wirke der Knabe Harry „oft ein wenig aufgeblasen“.

Daß der Ich-Erzähler sich vorübergehend sein Pferd wegnehmen läßt, um es sich später zurückzuholen, kommt zwar noch nicht in "Old Firehand" vor, aber ab "Im fernen Westen". Daß er nach der Rettung Ellens resp. Harrys vor weiteren Abenteuern noch einmal in das verbrannte New Venango geht, dort indes der Brandstiftung beschuldigt und erneut als Coyote beschimpft wird und darob den hübschen Satz zu Papier bringt "Wenn man, anstatt als Lebensretter Dank zu erhalten, eines Verbrechens beschuldigt wird, so schüttelt man den Staub von den Füßen" steht erst in Winnetou II. Fast will bei entsprechend geneigtem Leser der Eindruck entstehen, der Autor habe über die Jahre so seine weiteren Erfahrungen mit Welt und Menschen gemacht und die entsprechend in seinen Text einfliessen lassen ...

Zu Beginn der Episode, in der der Eisenbahnüberfall verhindert wird, gibt es in "Im fernen Westen" noch mehrere Stellen, in denen es um die (sich im Lauf der Zeit wandelnde) Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen Winnetou und dem Erzähler geht; die stehen in Winnetou II nicht mehr, ebenso wie das Zigarrenrauchen Winnetous und sein Unverständnis in Sachen Lokomotiven.

Ein Kommando (zu Beginn der Kampfhandlungen) wird in Winnetou II nicht mehr von Old Firehand, sondern von Old Shatterhand gegeben, der als solcher auch namentlich genannt wird in dieser Episode, in "Im fernen Westen" noch nicht. Auch von der in Winnetou II zur Sprache kommenden Blutsbrüderschaft ist in "Im fernen Westen" freilich noch nicht die Rede. Die Bahnarbeiter, in die Gevatter Tod in der "Westen"-Fassung schon gleich zu Beginn der Kampfhandlungen kräftige Lücken reißt, vom Erzähler ohne allzuviel Herzenswärme oder Anteilnahme eher lakonisch mitgeteilt, kommen in Winnetou II, wenn man so will, glimpflicher davon, indem sie "schmählich" Reißaus nehmen und davonlaufen.

Die Skalpierung eines Feindes durch Winnetou bleibt in "Westen" noch ganz unkommentiert, in Winnetou II gibt der Erzähler immerhin bekannt, daß es ihm auffällt. Daß Winnetou nach Washington geht, um den "Großen Weissen Vater" zu besuchen, steht in Winnetou II nicht mehr, dafür lesen wir dort unverhohlenen Hohn gegenüber den "tapferen Helden" der Bahnarbeiter.

Eine zusätzliche Kampfszene in Winnetou II, in der Old Firehand, bevor es zu seiner "Festung" geht, schwer verwundet wird, steht in "Im fernen Westen" noch nicht.

Daß Old Firehand sich gern mal einen Grog macht, steht noch in "Westen", in Winnetou II nicht mehr. Dort ist auch aus einem hemdsärmeligen "Mann" (sagt Firehand an einer Stelle sozusagen spontan angenervt zum Ich-Erzähler) ein respektvolleres "Sir" geworden. Wiedersehensfreude in Sachen Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker gibt es in "Westen" natürlich auch noch nicht.

In "Westen" ist Sam noch Lehrmeister, an einer Stelle sogar Harry, in W II beide nicht mehr. In Sachen Skalpieren geht es in W II schon eine Spur abgemilderter zur Sache, und Harry fordert den Erzähler dort auch nicht mehr wie in der Vorgängerfassung auf, sich ebenfalls in Sachen Kopfhaut zu bedienen.

Eine sehr interessante Stelle steht noch in "Im fernen Westen", in Winnetou II aber leider nicht mehr, nämlich: "Ich wandte mich ab, von jenem vor mir selbst grauenden und der Reue ähnlichen Gefühle erfüllt", ganz ähnlich ehrlich schildert die fatale Angelegenheit des als lustvoll empfundenen Wütens, die nur erkennt, wer bereit ist, genau 'hinzugucken', auch wenn es unangenehm sein mag, der Erzähler im frühen "Eine Seehundsjagd". In W II ist der Autor schon nicht mehr bereit, seiner Leserschaft gegenüber zuzugeben, daß es einen gelegentlich vor sich selber grauen kann, zu Zeiten von "Eine Seehundsjagd" und "Im fernen Westen" war er in dieser Hinsicht noch ein wenig offener.

Dinge wie das stolze Zählen der Skalpe und hemdsärmelige Witze reißen im Zusammenhang mit der in großem Stil stattgefunden habenden Skalpiererei in Szenen zwischen Will Parker, Dick Stone und Sam Hawkens stehen nicht mehr in Winnetou II, und daß der Erzähler nach alledem "wie ein Frierender am ganzen Körper zitterte", auch nicht.

Schauen wir uns noch den Schluß der Geschichte in allen drei Fassungen an.

In „Old Firehand“ ist die Titelfigur tot, Ellen und der Erzähler „kriegen sich“ und erinnern sich bei einem späteren Besuch New Venangos an ihre erste Begegnung, Sam Hawkens mahnt zum Aufbruch. In „Im fernen Westen“ ist Old Firehand ebenfalls tot und skalpiert, Harry, wie vormals Ellen, kann den Anblick nicht ertragen und wirft sich weinend über die Leiche. Harry und Erzähler erinnern sich bei New Venango ebenfalls an die erste Begegnung, reichen sich die Hand, Pferd Swallow wird gewürdigt, und Winnetou spricht auch noch ein paar Worte. In „Winnetou II“ kommt Firehand mit Haaren und Leben davon, dafür sind Dick Stone und Will Parker tot, wie auch in den voraufgegangenen Fassungen. Der erneute Besuch New Venangos entfällt, und damit auch die Erinnerungs-Szene; die Episode endet mit allgemeinem Aufbruch und der Bemerkung, der Indianer sei nur durch die Bleichgesichter das geworden, was er heute ist.