ET IN TERRA PAX

Die Sache mit Sejjid Omar erinnert entfernt und ansatzweise ein bißchen an Thomas Manns Tadzio, immerhin taucht der junge Mann ganz unvermittelt und gleichsam wie ein Naturereignis im ersten Satz der Erzählung auf, das ist sehr ungewöhnlich bei Karl May, und auf der nächsten Seite lesen wir: „Ein schön und kräftig gebauter, junger Mann von wenig über zwanzig Jahren, war er mir durch seinen steten Ernst und die angeborene Würde seiner Bewegungen aufgefallen“. Später heißt es gar: „Ich bemerkte oft, wenn ich mich plötzlich nach ihm umdrehte, dass sein stiller Blick mit Liebe auf mir geruht hatte; er fühlte sich dann ertappt und errötete wie ein kleines Mädchen.“

In Kairo ist es immer wieder schön mit Karl May. Zu der Stadt hat er eine spürbare Affinität.

Eine Reiseerzählung ganz anderen Stils, als man das vorher gewohnt war. Aber durchaus reizvoll. Es muß gar nicht immer großartig etwas passieren, es genügt schon, wenn er Eindrücke schildert, plaudert, sich mitteilt …

Hier erwähnt er sich nun ganz ungeniert selbst, namentlich, ausdrücklich ist von „Karl May“ die Rede.

Was für ein Unterschied zum geographisch ähnlich angesiedelten „Stillen Ozean“ ! Da noch unrealistisches und putzig-nichternstzunehmend-'rassistisches' Fabulieren und Phantasterei, hier ruhig-abgeklärte Reisebeschreibung, geprägt vom Geist der Toleranz …

Herrlich die Schilderung der Eindrücke auf See. Selbst ein Reisemuffel kann da Anwandlungen von Fernweh bekommen …

Eine seltsame Wette erleben wir, ein wenig geschmacklos ist sie schon … Aber der Ich-Erzähler gewinnt natürlich und darf weiterhin Bücher schreiben. (Wobei es von nun an dann doch welche anderer Art sein werden als zuvor).

Er ist ein bisschen allzu sehr überzeugt von seinem Gedichtchen und wertet es ganz unangemessen und beharrlich auf, auch auf sein „Am Jenseits“ scheint er mächtig stolz zu sein... (Letzteres durchaus mit Recht.)

Die erweiterte Fassung „Und Friede auf Erden“ kommt, in den Gesprächen und Betrachtungen in der zweiten Bandhälfte, noch episch breiter daher; je nach Neigung oder auch Tagesform kann man möglicherweise die Erstfassung reizvoller finden.

Ein interessantes Buch, zu dem man Muße braucht und in der richtigen Stimmung sein sollte.

 

UND FRIEDE AUF ERDEN

Dieses Buch hat [scheinbar] nicht mehr die Frische und Lebendigkeit der früheren Reiseerzählungen. Es kann aber auch am Leser liegen, wenn er sich damit zunächst schwertut.

Die Krise der Orient-Reise vermittelt sich hier (unter anderem ...), das Erkennen und Akzeptieren eigener Schwäche, auch Dinge wie Altern, müder werden. Es gibt schöne Ideen und es gelingen einige großartige Bilder, aber das Buch zu lesen, erfordert Geduld und Wohlwollen. Aber dann kann es sich lohnen.

Interessant ist, daß es sich hier um eine Umarbeitung und Erweiterung (um ein langes Kapitel) von "Et in terra pax" durch Karl May selbst handelt (wobei, worauf Hansotto Hatzig in seiner Arbeit (nachzulesen auf den Internetseiten der KMG) hinwies, nicht einfach ein zusätzliches Kapitel dazugekommen ist, sondern auch die vorangegangenen mehr oder weniger "aufgefächert" sind).

Reizvoll, daß uns ein ganz anderer Raffley begegnet, als wir ihn vom "Stillen Ozean" kennen. So wie uns auch ein ganz anderer Karl May begegnet.

Die nächtlichen Szenen am Krankenbett Wallers, die Taucherinsel, das Klavierstimmergleichnis, anschließend geht es auf die Kommandobrücke der "Yin" ... Hier wird deutlich, wie vollkommen absurd es ist, daß Karl May weitgehend als Jugend- und Abenteuerschriftsteller gilt und entsprechend vermarktet wird (Freilichtspiele usw.). Und die unverständige Schulmeisterfraktion tut die Dinge, um die es in diesem Buch geht, gleichsam mit einer Handbewegung ab ... Weil sie nichts davon versteht, und es ihnen in ihre Schubladen partout nicht hineinpassen will.

Zu Beginn des langen Schlusskapitels läßt May, nachdem er einige Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte hat einfliessen lassen, den Leser sehr hübsch teilhaben an der Art und Weise, wie seine Bücher entstehen: als Phantasiereisen, vom heimischen Schreibtisch in Radebeul.

Am Ende kündigt sich der Krieg an ... So ist das, und auch Karl May wird es gewußt haben: Friede AUF ERDEN ? Niemals. (Das steht ja auch schwarz auf weiß im - am Ende atemberaubenden - Text: "Die Leiche eines aus dem Paradies gestürzten fiel in das Licht; da dunkelte es für einen Augenblick, und dieser Augenblick ist unser Erdenleben"; Fehsenfeld-Reprint S. 658) Allenfalls im eigenen Innern. Auch die Jahreszeiten werden sich nicht abschaffen lassen. Aber vernünftig sich anziehen und dann nicht frieren (leiden), das kann man lernen.

 

Im Einzelnen:

Erstes Kapitel – Ein Eiferer

Hotelleben statt Wüstensand und Nachtlager, Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi ist bürgerlich geworden.

„Dann saß ich oben auf dem Berge, in stiller, zunächst ununterbrochener Einsamkeit. Mein Lieblingsplatz war ein Felsensitz in der Nähe der alten, verfallenen Giyuschi-Moschee. Die Sonne hielt sich hinter einem flimmernden, orangefarbenen Dufte halb verborgen. Wie ein im Einschlummern unvollendet gebliebenes Gebet lagen die Mamelukengräber tief zu meinen Füßen. Von der Alabastermoschee bis nach Kasr el Ain hinüber und von der ahnenhaften Amr Ibn el As bis zur früheren ez Zahir hinunter klangen die in Stein gedichteten tausend Strophen der Minarehs zu Allahs Thron empor. Durch Masr el Atika, das einstige Fostat, dampfte, einer Entheiligung gleich, ein Zug hinauf nach Heluan, und hinter den Lebbachbäumen der Dakrurstraße und dem Grün der Kanalfelder lagen am Wüstenrande die Pyramiden - - aus Angst vor der Ewigkeit erstarrte Todesgedanken der Pharaonen. Tod und Leben, Vergangenheit und Gegenwart um und in sich vereinigend, vom Wüstenwind überweht und doch so jugendschön und jugendwarm, so breitete sie sich vor meinen Augen aus, El Kahira, die Siegreiche, die mir nebst Bagdad und Damaskus so lieb geworden ist wie keine andere Stadt des Orientes.“

Bezug zum eigenen Werk, „Ich begann damals, an meinen „Himmelsgedanken“ zu dichten“ ...

Mary Waller hat "Im Lande des Mahdi" gelesen, und ihr Vater sagt „Lies nicht das dumme Zeug von diesem May!“; „Dieser Schriftsteller hat nichts als Phantasie, und du weißt, daß mir seine weichliche Frömmigkeit widerwärtig ist!“ Ein erstaunliches 'Selbstporträt' ...

Mary Waller hat es begriffen, „Meinst du nicht, daß unser Gott und Allah ganz derselbe sei?“

„So oft ich mich hier auf dieser Höhe befand, sah ich zwei Welten vor mir liegen, die aber in ihrem Zusammenhang doch nur eine einzige waren, und ebenso sah ich zwei Zeiten, welche durch Jahrtausende getrennt zu sein scheinen, im jetzigen Augenblick zu einer wunderbaren, ergreifenden Vereinigung zusammenfließen. Die Gegenwart ist unsere Vergangenheit gewesen und wird auch unsere Zukunft sein. Wer das begreift, der hat nicht nötig, das Innere der Pyramiden zu durchforschen, und braucht auch nicht vor den Rätseln der Sphinx zu bangen, deren Lösung er klar und deutlich in seinem Herzen trägt. Die Menschheit gleicht der Zeit. Beide schreiten unaufhaltsam vorwärts, und wie keiner einzelnen Stunde ein besonderer Vorzug gegeben worden ist, so kann auch kein Mensch, kein Stand, kein Volk sich rühmen, von Gott mit irgend einer speziellen Auszeichnung begnadet worden zu sein. Eine hervorragende Periode ist nur das Produkt vorangegangener Zeiten, und es gibt in der Entwicklung des Menschengeschlechtes keine Geistesrichtung oder Geistestat, welche aus sich selbst heraus entstanden wäre und der Vergangenheit nicht Dank zu zollen hätte.“

Der unerkannte Tourist Karl May habe ein „loyales Aussehen“, läßt er Mary Waller sagen ...

„Welchen Titel soll ich dir geben, wenn ich mit dir spreche?“ – „Man hat mich stets Sihdi (Herr) genannt“ In den Büchern wohl, im Leben wohl weniger.

„Ich liebe dich, aber ich liebe nicht das Christentum“ sagt Sejjid Omar, dem Karl May eigene Betrachtungsweisen in den Mund gelegt haben dürfte.

Die lesenswerten Betrachtungen über Touristen gelten heute noch ... „Sie kommen eigentlich nicht, sondern sie werden gebracht; sie steigen nicht aus, sondern sie werden ausgestiegen“ usw.

„Der Saulusruf paßte nicht für einen christlichen Missionar, aber wer kann von einem Traume die Ueberlegung verlangen, ob das, was er bringt, auch passend sei!“ Darauf kommt es eben auch nicht an, sondern auf Erkenntnisgewinn ... So ist es des öfteren auch bei anderen Angelegenheiten, scheinbar passen Dinge nicht zueinander oder haben nichts miteinander zu tun, aber es gibt (so bei den vielzitierten Äpfel - Birnen - Vergleichen, die eben durchaus ihre Berechtigung und ihren Sinn haben) z.B. durchaus Übereinstimmungen, in Mustern, Strukturen, Mechanismen usw., nur nimmt sie nicht jeder wahr ... Mays Anmerkung beinhaltet zwar ein gewisses Augenzwinkern, hat aber durchaus auch ihren ernsteren Aspekt ...

Der „Dämon in ihm“ (über Waller) erinnert an bzw. weist voraus auf „Mein Leben und Streben“ ...

In aller Ruhe („Ich wich also nach Westen zu von den durch den Sand führenden Stapfen ab und hielt mich so lange in den Einsenkungen des Terrains, bis ich die unterhalb der Chefren-Pyramide liegenden Tempelreste vor mir hatte“) geht er die Angelegenheit an, in Sachen Wallers Schwierigkeiten (um Leben und Tod ...) helfend einzugreifen, das wirkt ein wenig unrealistisch.

Auch wenn Kara Ben May gutbürgerlich gemütlich daherkommt und es deutlich ruhiger angehen läßt als in früheren Orient-Bänden, von durchschlagendem Erfolg belohntes selbstbewußtes Auftreten ist ihm noch eigen: „Ich sah ihm so scharf und fest ins Auge, daß mir sein Blick nicht ausweichen konnte. Die Erwähnung von Oertlichkeiten, welche nur dem Kenner von Mekka geläufig sind, tat das Ihrige.“ Und allzu höflich ist er auch immer noch nicht, „Pack dich, Dummkopf!“, das ist indes, weil manchmal durchaus angebracht, auch gut so.

Seine ironisch gebrochene Betrachtungs- und Schilderungsweise hat er erfreulicherweise auch noch nicht verloren,  „Zunächst gab es eine allgemeine Anstrengung, so laut zu schreien, wie es Jedem möglich war; dann folgte der Gedanke, dem Fliehenden nachzueilen.“

"Er kam mir jetzt ganz anders vor, gar nicht so ungesund fromm und salbungsvoll, wie ich ihn bisher gesehen hatte. Welchen viel, viel besseren Eindruck macht doch der Mensch, wenn in ihm die gute Natur über das künstlich Gemachte siegt!" (über Waller). An dieser Stelle (sonst eher weniger bzw. nur teilweise) hat Waller in der Tat etwas von einer Selbstspiegelung des Autors an sich.

"Da klopfte es an, und als ich ein lautes "Fut!" (Herein) gerufen hatte, kam der Sejjid herein“ …

Versöhnung zwischen Waller und Sejid Omar. "Es hatte ihn in diesem Augenblick die Hand eines lieben, von allem Erdenstaube reinen Engels berührt, und solche Momente lassen nur dann die Spur der Engelshand zurück, wenn sie durch keine Störung unterbrochen werden."

"Es ist Etwas in mir, was Sie schon früher gesehen hat. Bitte, lächeln Sie nicht! Ich bin keine Phantastin; aber es ist mir, als ob ich Sie schon irgendwann und irgendwo getroffen und da so recht in vollem Vertrauen mit Ihnen gesprochen hätte." (Mary zum Erzähler.)

"Dann saßen wir wohl bis über Mitternacht beisammen, China, die Vereinigten Staaten und Deutschland, oder Asien, Amerika und Europa, in Eintracht und Frieden auf afrikanischem Boden, von allem Guten, Edlen, Schönen und Erhabenen sprechend, aber nicht vom Unterschiede der Religionen, von den Gegensätzen der Volksinteressen und von dem Vortrittsrechte besonderer Nationalitäten. Es war ein Abend, den ich nie vergessen werde, und als wir uns trennten, taten wir es in dem Bewußtsein, daß alle Menschen so zusammengehören, wie wir in diesen unvergleichlichen Stunden sowohl äußerlich wie auch innerlich vereint gewesen waren." Das wird nicht nach Kürschners Geschmack gewesen sein ...

"Der Tote ist nur dann und darum tot, wenn und auch weil er Niemand hat, zu dem er sprechen kann!" sagt Mary. Hemingway meinte mit seinem " Nur wenige Menschen sind wirklich lebendig und die, die es sind, sterben nie. Es zählt nicht, daß sie nicht mehr da sind. Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot" wohl Ähnliches.

 

Zweites Kapitel - Civilisatoren

Karl Mays beginnende Altersweisheit und neue schriftstellerische Phase hindert ihn nicht, über mehrere Seiten mal wieder Blödsinn nach Herzenslust zu betreiben, "Ei bekk juh parrrrd'n, Mister Miehlord owww Tabbakk änd Smooking-Sihgärr! Ei wischsch dhho pörrrtschähß Sihgärr! Giww Sihgärr! Lahrtsch bikk Sihgärr, long Sihgärr, thick Sihgärr, gudd Sihgärr, fein ännd tschihhhhp Sihgärr! Wott häww ei dhho peehh, Mister Miehlord owww inglischhh Smooking-Männ?" usw.

"Man denke sich meinen ernsten, gravitätischen Sejjid Omar, und man denke sich dazu, daß, während er diese Rede wie aus einem halb verstopften Wursttrichter hervorquellen ließ, sein Gesicht genau die Züge der unerlaubten Orthographie annahm, deren ich mich in diesen Zeilen bediene!"

In Sachen sich abzeichnende Veränderung religiöser Ansichten Sejid Omars: "Ich nahm diese Zeichen nicht etwa als Beweise verminderter Frömmigkeit; o nein; das Herz Omars war noch ganz dasselbe wie vorher; aber er hatte zwischen innerlich und äußerlich unterscheiden gelernt und dabei eingesehen, auf welcher von diesen beiden Seiten man die wahre, echte Religiosität zu suchen hat."

"Kap Komorin war dubliert, und wir flogen auf einer wunderbaren See dem herrlichen Ceylon zu. Ich bin gern bereit, bei einer Personifikation der Meere zu einer Schönheitskonkurrenz den ersten Preis dem Roten Meere zuzuerkennen, denn ich habe es, sooft ich es durchfuhr, so schön wie kein anderes gefunden, doch heut wurde von dem glänzendsten Tag des Orientes die Vermählung der arabisch-persischen See mit dem indischen Ozean gefeiert, und der Himmel hatte seine sanftesten Lüfte gesandt und sein reinstes, strahlendstes Licht über diese friedliche Vereinigung ausgegossen." Kann Fernweh auslösen ...

"Der Morgen war schon angebrochen, und nun ging auch die Sonne auf, nicht langsam, wie hinter Bergen empor, nicht mit Nebeln und irdischen Dünsten kämpfend, sondern plötzlich, mit einem Male, wie einer der Engel des Lichtes, welcher die Tür des Himmels öffnet und in voller, majestätischer Gestalt hervortritt, um der Schöpfung seines Herrn und Meisters den göttlichen Segen zu erteilen. Und da floß er herbei, dieser Segen vom ewig jung bleibenden Osten her, eine unendliche, überwältigende Fülle des Lichtes, eine unerschöpfliche Flut von Strahlen, dem Tage als Erhörung des Gebets der Nacht gesandt! Vom Sonnenpunkt am Horizont beginnend und nach Nord und Süd immer breiter werdend, war für uns eine aus flüssigen Brillanten gegossene, funkelnde Bahn gezeichnet, auf deren Mitte wir der Spenderin dieser Pracht und Herrlichkeit gerad entgegenfuhren. Hatten wir die Erde verlassen, und war Ceylon jene oft besungene und doch so vergeblich ersehnte "Insel der Seligen" für uns? Wie habe ich dich lieb, so unendlich lieb, du See, du Meer, du Ozean! Du ziehst in deine Tiefen, damit ich frei von ihm werde, was an mir schwer und irdisch ist, und trägst mich nach der anderen Welt, nach jenem aus dem Gottvertrauen emporragenden Ufer, wo zwischen den Bergen des Glaubens der Weg empor nach meiner Heimat steigt!"

Die südlichen Meere sind nicht wie irgend ein Meer; „Die Wassermasse an sich tut es freilich nicht. Es ist der Süd; es ist der Ost, und es ist die Nähe des Aequators. Auch wirken noch andere Ursachen, denen auf die Spur zu kommen, man sich wohl vergeblich bemühen würde. Aber sie kommt; sie ist da, diese Wirkung“.

Die Zuneigung Sejid Omars ist noch gewachsen, so „daß er mich verehrte, wie wohl noch Niemand von ihm verehrt worden war. Ich bemerkte oft, wenn ich mich plötzlich nach ihm umdrehte, daß sein stiller Blick mit Liebe auf mir geruht hatte; er fühlte sich dann ertappt und errötete wie ein kleines Mädchen.“

„Es war für mich gar nicht schwer gewesen, zu bestimmen, wann wir ankommen würden. Man weiß ja ganz genau, wieviel Seemeilen zu machen sind, und man erfährt, sooft man will, wieviel das Schiff zurückgelegt hat und wieviel Knoten es in der Stunde macht. Aber gewöhnlichen Fragern steht ein Offizier natürlich nicht gern Rede. Er sagt irgend eine Zahl, und damit ist es gut.“ Herr Neureich gefällt sich in neuer, lange nicht gewohnter Rolle ... gönnen wir’s ihm; „und schlenderte dann dem Hotel zu. Es ist, beiläufig gesagt, das teuerste, welches ich im Orient gefunden habe. Dennoch ging ich, ohne ein anderes zu wählen, jetzt wieder hin, weil ich gern wieder in demselben Zimmer wohnen wollte wie früher. Ich bin in dieser Beziehung ein sonderbarer Kauz. Erinnerungen sind und bleiben mir stets heilig.“

Von einer Streiterei berichtend, sondert Sejid Omar wie ganz nebenbei Weisheit ab: „Was tut der Name? Der Glaubensirrtum steckt nicht in dem Körper und mein Sihdi nicht in seinem Namen!“

Die Betrachtungen zum Rickschahmann erinnern durchaus an „Kong-Kheou, das Ehrenwort“.

„Es kam eine Schar Europäer geritten, Gentlemen, und auch einige Ladies dabei, mit wehenden Schleiern an den Tropenhelmen und Hüten. Sie ritten trotz des Gewühles beinahe Karriere, und zwar straßenbreit. Ich kannte die Art dieser von der Zivilisation bevorzugten Kaukasier, die sich um nichts Anderes als um sich selbst, am allerwenigsten aber um die gesunden Glieder tief unter ihnen stehender Völkerschaften kümmern.“ Kara Ben Nemsi indes war seinerzeit von solchen Anwandlungen auch nicht ganz frei ...

„Wer da behauptet, Gott sei so haarspaltend und pedantisch, daß er nur die weiße Hautfarbe liebe und auf einer ganz bestimmten Art und Weise des Händefaltens bestehe, der lästert ihn, denn er setzt ihn tief unter den gewöhnlichen Durchschnittsmenschen herab“ sagt einer.

„Jedes Volk hat nicht nur das Recht, sondern auch die volle Kraft, sich auszuleben. Und jedes Volk hat die heilige Pflicht, andere Völker sich ausleben zu lassen. Aber der Teufel der Hab- und Selbstsucht, welcher sich in das Paradies eingeschlichen hatte, um den Menschen aus dem Glücke desselben heraus in das von ihm selbst beherrschte Elend zu locken, hat nicht bloß diesem einen Kain gegen diesen einen Abel die Keule in die Hand gedrückt, sondern ist, zum Brudermorde reizend, an den Thronen und in den Hütten aller Zeiten und aller Völker ein finsterer Gast gewesen und schleicht sich auch durch unsere Gegenwart. Und wie es das Heiligste auf Erden, die Verehrung Gottes war, aus welcher damals die egoistische, liebeleere Faust des Mörders den scheinbaren Grund zu dem Verbrechen zog, so hat von Anfang an bis auf den heutigen Tag jeder Opfernde seinen Altar für den einzigen gehalten, der Gott gefallen müsse. Wo sind die Statten, deren wohlgefälliger Opferduft geradeauf zum Herrn gestiegen ist? Und wer zahlt die angeblichen heiligen Orte, deren schwerer, dunkler Rauch nicht zum Himmel steigen konnte, sondern verderbenbringend weithin auf die Länder fiel? So lange die Erde steht, hat das Heilige dem Unheiligen, die Menschenliebe der Eigensucht, die Zivilisation der Rücksichtslosigkeit als Vorwand gedient, und ich suche vergeblich nach einem sanften, frommen Abel unter den Völkern, den nicht irgend ein Kain gehindert hätte, sich auszuleben. Wer kann die materiellen Summen und die geistigen Reichtümer berechnen, welche für die Menschheit ungehoben blieben, weil Kulturformen von der Erde verschwunden sind, welche nicht nur trotz, sondern gerade wegen ihrer Eigenart für die Allgemeinheit gewiß unermeßlich viel geleistet hätten, wenn es ihnen erlaubt worden wäre, sich bis zur Vollendung ihrer Aufgabe zu entwickeln!“ Da sind wir wieder bei Winnetou IV, sowie bei Winnetou I und dessen Sascha-Schneider-Deckelbild ... (Und zeitlos bei Weltpolitik ...)

Belauschtes Gespräch über Rassen, „Die rote haben wir glücklich hingemordet, denn was von ihr noch übrig ist, das sind nur noch die letzten, ersterbenden Hauche einer vierhundert Jahre langen, ununterbrochenen Todesklage. Aber für die gelbe Rasse wird uns die Weltgeschichte keinen Kortez und keinen Pizarro liefern, und das ist ein Glück für uns, denn diese Weltgeschichte ist zwar langmütig, aber auch unerbittlich gerecht“.

Wallers Verbundenheit mit seinen Vorfahren grenze „ja an den chinesischen Ahnenglauben!“ bemerkt einer sehr richtig, und sein Gegenüber konstatiert „Natürlich! Und doch wettert er so gegen ihn!“ So ist das halt öfter, man nimmt ganz eigene Dinge nur im Außen wahr und meint, sie bekämpfen zu müssen ...

„Es war ein ganz eigentümliches Zusammentreffen von Umständen, welche sich so miteinander verbanden, als ob ein bestimmter Wille sie gerade so gelenkt hätte und nicht anders hätte lenken wollen. Man pflegt das Zufall zu nennen; für mich aber ist diese Verlegenheitserklärung nicht vorhanden. Der Mensch glaubt, zu schieben, und er wird geschoben. Tritt ihm ein Ereignis nahe, welches er nicht selbstgefällig auf seine eigene Rechnung setzen kann, obwohl sich später zeigt, daß es von großem Einfluß auf sein Leben ist, so geniert es ihn, einzugestehen, daß hoch über ihm eine weise, mächtige Führung waltet, welche ihn nicht um die Erlaubnis fragt, mit ihm tun zu dürfen, was sie für richtig hält, und so hat er das vollständig nichtssagende und inhaltslose Wort Zufall erfunden, mit welchem er zwar seine Ohnmacht eingesteht, weil er nicht anders kann, aber auch keine ihn beherrschende und bewußt handelnde Potenz anerkennt.“

„Wer sich in dieser Weise mit einer so hohen Mauer umgibt, daß er sie selbst nicht übersteigen kann, der darf nicht erwarten, daß Andere sich die Mühe machen werden, über sie hinweg zu ihm zu kommen. Wer sich mit solcher Ostentation abschließt, wird abgeschlossen bleiben!“ bemerkt Autor May, der weiß, wovon er spricht ...

Point de Galle, „dem mir unvergeßlichen Schauplatze einer meiner früheren Reiseerzählungen“, nämlich „Am stillen Ozean“. Daß er damals nicht physisch da war und dieses Mal schon, erwähnt er nicht explizit, es ist auch in der Tat nicht so wesentlich ...

Geldadelig und / oder europäisch zu sein, schützt vor Primitivität nicht, „es flegelt sich sogar in den Salons und auf den Promenadendecks erster Klasse unserer Lloyddampfer so mancher Passagier herum, der seinem rücksichtslosen Benehmen nach eigentlich auf das Zwischendeck gehört“ ..., „aber es kann mir doch nicht einfallen, aus dem Grunde, daß einzelne Personen sich für Uebermenschen halten, deren ganzes Volk als Uebernation zu betrachten, sondern ich weiß, daß sie wie jede andere und auch die unserige ein Recht auf Nachsicht und Verzeihung hat, und pflege diese Milde besonders gern an ihren Uebermenschen auszuüben, weil sie ihrer am bedürftigsten sind."

Entsprechende Stimmung und Alkohol, „Die Hilfsgeister eines falschen Patriotismus wuchsen riesengroß“.

Mit Sejid Omar zusammen wirft er die wildgewordenen Mitmenschen die Treppe hinunter, „Diese Zivilisatoren Chinas waren also abgetan!“

Sejid Omar berichtet von Gesprächen seines Vaters mit dem Erzähler, „Du hast von der Blindheit geredet, die noch schlimmer als die körperliche ist, und von dem Auge der Seele, welches grad bei den Blinden schärfer und heller blickt als bei den Sehenden. Du hast ihm von einem Himmel und von Sternen erzählt, von denen er bisher keine Ahnung hatte, denn sie wohnten in seinem Herzen, und er wußte es nicht“.

„Es war eine wunderschöne, südliche Meeresnacht. Man muß so Etwas erlebt haben. Beschreiben kann man es nicht. Und wenn man es könnte, so hätte es doch keinen Zweck, weil eine Beschreibung nie so wirken kann, wie das, was man beschreibt. Der südliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nördliche, aber sie scheinen größer und darum der Erde und mit ihr dem Menschen näher zu sein; die See erstrahlt in hellerem astralischen Glanze, und die Rätsel der Nacht, die man daheim nicht lösen konnte, treten hier viel deutlicher mit der Bitte an den Menschen heran, gelöst zu werden. Aber all sein stolzes Wissen und all sein scharfes Denken ist diesen Geheimnissen gegenüber ein Nichts; er kann nur ahnen und hoffen, und wenn der Engel des Glaubens zu ihm tritt und ihm zuflüstert, daß dieses Ahnen zur Wahrheit und dieses Hoffen sich erfüllen werde, so soll diese Stimme ihm ebenso heilig sein, als ob Gott selbst zu ihm gesprochen hätte.“

Lange Ausführungen Fangs, „Sie, die wenigen Fremden, die sich daheim ihres Glaubens wegen selbst bitterlich hassen und bekämpfen; sie die ihre gepriesene Zivilisation seit Anbeginn bis auf den heutigen Tag mit dem Blute ihrer eigenen Brüder düngten; sie, deren angebetete Weltweisheit nicht weitergekommen ist, als nur zu der Behauptung, daß kein Gott die Welt regiere; sie deren so laut ausposaunte Humanität nichts als nur der verkappte Egoismus ist“, und dann witzigerweise (aufgrund der putzigen Aufzählung) „sie, deren staatliche Konstitutionen so vom Anarchismus, Nihilismus, Sozialdemokratismus und anderen Krankheiten, von denen wir uns frei gehalten haben, zerfressen sind, daß sie sich ihrer kaum erwehren können“; „sie kommen zu uns, die wir Hunderte von Millionen zählen und eine fünftausendjährige Geschichte und Kultur besitzen, und wollen uns zwingen, unsere Religion ihren haßerfüllten Konfessionen zu opfern; sie legen mit ihren Kanonen unsere Türme, Mauern und Häuser in Trümmer, um uns ihre bessere Bildung und Gesittung beizubringen; sie verlangen von uns, an Stelle unserer bewährten Philosophie die ihrige zu setzen“ ... Schon wieder kann man an Aktuelles denken ...

„Und wenn die Christen dieses zum Himmel hebende Verlangen, die Vorangestiegenen nicht aus den Augen zu verlieren, weil uns mit ihnen auch der Weg zum Himmel verloren sein würde, als sündhaften, götzendienerischen Ahnenkultus bezeichnen, so beweist dies nur, daß sie in den Geist unserer Religion nicht eingedrungen sind und nicht eindringen konnten, weil sie den Geist der ihrigen noch nicht begriffen haben. Er kann sich nur der Liebe offenbaren, und diese, die besitzen sie noch nicht!“

„Bitte, schweigen Sie! Ich erwarte keine Antwort. Ich habe die Religion und die Kultur der Christen studiert. Ich weiß also, daß Sie sich jetzt in der höchst fatalen Lage befinden, als wahrer Christ die Scheinchristen verteidigen zu sollen und doch nicht zu können, weil es gerade der Wahrheit unmöglich ist, den Schein als Wahrheit hinzustellen. Werden wir uns klar! Die Strömung, welche jetzt gegen die Küste Chinas brandet, ist eine doppelte, nämlich eine religiöse und eine politische, und beide werden uns von einem und demselben Winde zugeführt, dem Egoismus. Fallen Sie mir nicht mit "Kulturaufgaben", "zivilisatorischen Pflichten" und "Sendboten des Christentums" in die Rede! Das sind Fiktionen, mit denen ein Kenner der Verhältnisse nicht irre zu machen ist! Wer von seiner Religion und von seiner Kulturform behauptet, daß sie die allein seligmachende und er also ein Auserwählter Gottes sei, der ist eben ein Egoist in der höchsten Potenz, und Religion und Politik sind für ihn nur die Mittel, seine Selbstzwecke zu erreichen.“

„Und selbst wenn es ihm gelänge, aus dem von ihm gegen uns herbeigeführten Kampfe als Sieger hervorzugehen, würden ihn die Folgen sehr bald über die uralte Wahrheit belehren, daß die Seele eines in einem Eroberungskampfe siegenden Volkes niemals die Siegerin, sondern stets und immer die Ueberwundene ist!“

Der Kaukasier „hat die Eigenart des Geistes nicht begriffen, der treu und schützend, wie der Drache alter Sagen, über unseren Ländern und Gewässern schwebt. Da haben Sie die Bedeutung unseres Nationalsymboles! In Ihren Augen eine Häßlichkeit, ist dieser Drache für uns ein Hüter tief vergrabener Schätze, dessen wahre Gestalt, jetzt noch unter seltsamer Form verborgen, sich nur dem Auge desjenigen Fremden zeigen wird, welcher nicht kommt, diese Schätze für sich allein zu stehlen, sondern sie mit liebe- und verständnisvoller Hand zum Segen Aller an das Tageslicht zu ziehen.“ So manche Kulturen und so manches alte Wissen wurden indes [fast] vernichtet.

Mann über Bord, aber diesmal ist es nicht mehr Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi, der seine Haut rettenderweise zu Markte tragen muß, man wird halt älter, Sejid Omar erledigt das, „Ich war entschlossen, nachzuspringen, falls sich nicht herausstelle, daß er ein ganz vorzüglicher Schwimmer sei.“ Old May eilt derweil zum Ausguck und organisiert die ganze Angelegenheit von oben. Sejid Omars Rettungsschwimmen und die anschließenden Reaktionen darauf erinnern beträchtlich an die ganz ähnliche Szene in „Inn-nu-woh“ / „Winnetou“ bzw. „Der Schatz im Silbersee“.

Über „das über lebensgroße Standbild, welches man Lesseps, dem Schöpfer des Suezkanals, dort mitten in brandenden Wogen errichtet hat“ meinte einst Fräulein Marie Silling schlaubergernderweise herummäkeln zu müssen, da das Denkmal an Land stehe, nun gut, vielleicht hat May sich vertan, andererseits, vom Schiff aus gesehen sieht es vielleicht aus als ob es im Meer stünde ... wie dem auch sei, da die Marie Sillings einst und jetzt halt mangels adäquater Bewußtseinsinhalte offenbar nichts anderes haben, worüber sie sich in Sachen eines Textes sozusagen qualifiziert äußern könnten, äußern sie sich dann halt über solche vernachlässigbaren Nebensächlichkeiten ...

Differenzierte Betrachtungen über Schuld und Sühne, leicht augenzwinkernd verpackt dem Eselsjungen Sejid Omar in den Mund gelegt, „Wir haben ihn die Treppe hinuntergeworfen; das war die Strafe. Und wenn die Strafe vorüber ist, so ist auch die Tat vorüber; man darf nicht mehr an sie denken. Wozu wäre denn die Strafe, wenn die Tat noch bliebe? So denke ich, Sihdi! Denkt ihr Christen etwa anders? Werft ihr einem Manne, welcher bestraft worden ist, die Strafe und die Tat später noch vor? Und nun ich diesem Fremden nachgeschwommen bin, um ihn zu retten, ist es mir, als ob das Andenken an seine Ungezogenheit da draußen im Wasser ertrunken sei.“ Natürlich meint er die Dinge ganz ernst, auch wenn er sie augenzwinkernd verpackt, und das zeigt er hier auch gleich: „als er das sagte, schämte sich etwas in mir, dem Europäer und Christen“ ... Er hat ja erfahren wie es in der Hinsicht so zugeht in der abendländischen Gesellschaft ...

„Freilich, wenn man mich fragte, für welche Nationalität ich kein Faible habe, so käme ich wohl in Verlegenheit, denn ich bin ihnen allen, allen gut.“ Bei so etwas läuft er aber immer Gefahr, nicht mehr allzu ernst genommen zu werden, hier kann einem reflexartig ein anderer alter Mann einfallen, der vor einem Plenum nicht allzu überzeugend herüberkommend äußerte, er liebe doch „alle, alle Menschen“ ...

Immer wieder auch ganz private Bemerkungen, „Es ist mir niemals eingefallen, nur um im Gasthause zu imponieren, eine Menge überflüssigen Gepäckes mit mir herumzuschleppen“, manche stören sich an solchen „quälenden Privatheiten“ (Zitat aus dem Karl-May-Handbuch im Zusammenhang mit einem anderen Werk).

Sejid Omar beobachtet „die Damen haben ihre Koffer leer gemacht und Alles an sich aufgehängt“ angesichts der "feinen" Abendgesellschaft, die unseres Autors Sache erfreulicherweise nie so recht war ...

Der Schlußsatz des Kapitels "Die Menschen sind allüberall gut, wenn sie sich damit begnügen, nichts weiter sein zu wollen als eben nur - - - gute Menschen! - - -" wirkt wieder etwas blauäugig, übersetzen wir es uns verträglichheitshalber in so etwas wie „Überall haben halt die Menschen neben ihrem sogenannten bösen Anteilen auch ihre sogenannten guten“, dann mag es in Ordnung gehen ...

 

Drittes Kapitel – Die „Shen“

„Von den ersten Kinderschuhen an hat man durch alle Klassen der Volks- und höheren und höchsten Schulen über die Chinesen nichts Anderes gehört, als daß sie wunderlich gewordene, verschrobene Menschen seien, über welche die Weltgeschichte schon längst den Fluch der Lächerlichkeit ausgesprochen habe. In unzähligen Büchern, Zeitungen und sonstigen Veröffentlichungen wird dieses billige Urteil breiter und immer breiter getreten; man atmet es ein; man schluckt es hinunter; es wird mit in Chymus und Chylus verwandelt; es geht auf die Knochen, in Fleisch und in Blut über und bildet ein so unausrottbares Bestandteil unserer geistigen Existenz, daß wir gar nicht auf den Gedanken kommen, zu fragen, ob es ein wahres und also berechtigtes sei. Ich erlaube mir, meinem Gedankengange durch die Bemerkung vorauszugreifen, daß es den Chinesen ganz in derselben Weise auch mit uns ergeht; sie bekommen von den Kinderjahren an bis in das Greisenalter über uns nur immer die eine, einzige Lehre wiederholt, daß wir wunderliche Narren seien, mit denen die Weltgeschichte nichts mehr anzufangen wisse, weil wir an sie die unerhörte Forderung stellen, uns für ihre Lieblinge zu erklären und die anderen Nationen vollständig fallen zu lassen. Mit anderen Worten, die Chinesen halten uns für ganz dieselben Toren, die sie in unseren Augen sind.“ Und dieses Modell ist übertragbar, gilt keineswegs nur den Chinesen und auch nicht nur Völkern oder Nationen ... Die Anschauungen, Wertvorstellungen usw., die in die Köpfe der Menschen gleichsam einprogrammiert werden können, sind halt recht beliebig, und auch nach Belieben wandelbar ...

„Ihre Kenntnis ist - - - Photographie! Ihr ganzes, vielleicht außerordentlich reiches Wissen besteht aus leb- und seelenlosen Kamerabildern, welche in den aus Europa mitgebrachten Apparaten entstanden sind.“ Und auch dies ist freilich wieder übertragbar ... beim angelernten Wissen mancher sich klug und gebildet dünkender z.B. ist es ganz das gleiche, ihre Kenntnis ist, gleichsam, Photographie, Bilder, „welche in den aus Europa mitgebrachten Apparaten entstanden sind“ ...

„Man beobachte den Europäer, wie er aus hochmütigen Augen im fremden Lande um sich schaut! Der Schiffsjunge, welcher jetzt wegen unheilbarer Dummheit vom Maate mit dem Tau verhauen wird, geht eine Viertelstunde später mit dem erhebenden Bewußtsein an das Land, daß alle Malaien und Chinesen Penangs nicht wert seien, ihm die ochsenledernen Stiefel zu schmieren, und zwar nur deshalb, weil er ein Kaukasier aus Dorf Klapperschnalle ist!“ Muß es noch einmal gesagt werden? Übertragbar ...

„Ich kannte das. Man trinkt diese echte Pilsener aus Hamburg im ganzen Osten; die Flasche wird mit zwei, oft auch mit drei Mark bezahlt. Die Frau war Witwe. Sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte, die aber nicht hierher gehört. Beide waren sehr musikalisch. In der Stube stand eine Pianino. Bald saß ich am Instrumente und spielte. Die Damen sangen heimatliche Lieder dazu. Der Regen ging vorüber; wir musizierten aber weiter.“ Eine schöne Stelle. Kleine Gaunerei und überteuerte Preise werden erwähnt, aber eben ganz entspannt nebenbei, groß-, nicht kleinkariert, ohne verurteilende Wertung, aus der Haltung „Leben und Leben lassen“ heraus ... man widme sich halt lieber den erfreulichen Dingen im Leben, wie hier Umtrunk und Musik ...

„Das wäre ja ein Gedanke, der bei einem Moslem ganz unmöglich ist!“ – „Ich habe jetzt nicht als Moslem, sondern als Sejjid Omar gesprochen. Ich bin zwar Beides, aber ich kann doch auch einmal nur das Eine oder das Andere sein!“ Und noch einmal: übertragbar ... insbesondere auf einen wie Karl May, der allerhand gar Unterschiedliches in sich hatte und sich dessen auch bewußt war ...

„Nein, lieber Omar, ganz und gar nicht dumm. Du ahnst Etwas, was selbst bei uns viele große und gelehrte Männer noch nicht wissen. Du bist fast zu beneiden, daß du, was wir vergeblich suchen, schon so von weitem liegen siehst!“ – „Ich werde es wegnehmen, wenn ich vollends hinkomme. Meine Gedanken werden nicht abirren, sondern auf diesem Weg bleiben.“ Und von Tiefsinn und Weisheit wird unmittelbar wieder 'umgeschaltet' auf Alltag, auch das ist immer wieder hübsch bei Karl May, „So, jetzt sind die Stiefel fertig“ ...

Betrachtungen über schöpferische Arbeit wie Dichten, und dann sehr schön „Freilich, wer in der Weise nur für das Aeußere lebt, daß er für diese innere Welt keine Zeit und kein Verständnis hat, oder wer gar ein so krasser Materialist ist, daß er nicht ansteht, eine unendlich reiche Schöpfung, die er in sich trägt, zu leugnen, dem kann keine Wolke seinen Himmel stören, weil er eben keinen Himmel hat.“

Auftritt Sir John Raffley. Den kennen wir aus „Am stillen Ocean“, aber halt ganz anders ... Nicht zufällig hat er sich Raffley ausgesucht für die Wiederbegegnung in diesem Band, auch das China-Bild hat sich erheblich gewandelt ...

Der Ausdruck „Gesammelte Werke“ taucht schon bei Karl May auf, „Um mein Verhalten begreiflich zu machen, muß ich auf die schon erwähnte Reiseerzählung zurückkommen, welche in Band XI meiner gesammelten Werke unter dem Titel 'Der Girl-Robber' zu finden ist“, wobei das „gesammelte“ hier noch Eigenschaftswort und noch nicht fester Begriff ist.

„Er hatte den Spleen in der Weise, daß seine lange, knochige Gestalt nur in seltenen Augenblicken einen kleinen Anflug von Genießbarkeit zeigte, besaß aber doch ein außerordentlich gutes Herz, welches stets bereit war, die großen und kleinen Seltsamkeiten, in denen er sich zu gefallen pflegte, wieder auszugleichen.“

Der Erzähler sinniert darüber, was die Gründe für Raffleys Wesensveränderung sein mögen, und merkt an „Ich hätte wohl recht gern das „ewig Weibliche“ zur Beantwortung herbeigezogen, zumal ich an mir selbst erfahren habe, welchen segensreichen Einfluß diese größte Macht der Erde auf unsere sogenannten „männlichen“ Schwächen und Härten hat; aber er war stets so unnahbar maskulin gewesen, daß ich diesen Gedanken fallenließ“.

Vor dem Porträt, „Es ist Yin, die Güte! Wißt Ihr, Charley, was Güte ist? Nein. Niemand weiß es. Oder seid Ihr wissend genug, mir nicht eine kalte Definition des Begriffes zu liefern, sondern mir Eure ganze Persönlichkeit als Offenbarung dieser Güte aufzuopfern?“

„Er sah mich, indem er hoch aufgerichtet vor mir stand, an. Dann richtete sein Blick sich zur offenen Tür hinaus in das Freie, wo die Sterne leuchteten und auf den Wogen silberne Lichter fluteten, und fügte langsam hinzu“, nämlich „Und so eine Offenbarung ist mir geworden! Mein Gott, ich danke dir!“

„Ihn so lange und so zusammenhängend sprechen zu hören, wie jetzt, das war mir früher nie passiert. Er hatte grad durch seine Wortkargheit und Kürze imponiert. Und wie anders hatte er nicht bloß sprechen, sondern auch fühlen gelernt! Es war Etwas erwacht, was früher in ihm geschlafen hatte. Wohl der Hand, die es aus dem Schlafe erweckt hatte!“

Mary erhält unerwartet vom ihr unbekannten Raffley dringend benötigtes Geld und erkennt dann auch noch unseren Erzähler, ihre Reisebekanntschaft von vor einiger Zeit, und das ist dann wohl „einer zuviel“, „Der plötzliche Uebergang von der schwersten Sorge zu der Erkenntnis, daß sie nun geborgen sei, hob die übermäßige Anspannung ihrer Nerven aus; die Kräfte verließen sie. Sie ließ einen lauten Schrei erklingen, schloß die Augen, streckte die Arme aus, um nach einem Halt zu suchen, und wäre hingestürzt, wenn Raffley sie nicht gestützt hätte. Ich sprang hinzu. Sie war ohnmächtig geworden“.

Einleitende völkerübergreifende „Verkuppelungsmaßnahmen“, „Ich war mir bewußt, Tsi in eine unendliche Verlegenheit gebracht zu haben, doch aber so vollständig gefühl- und gewissenlos, mir nichts daraus zu machen.“

„Jetzt berührte die Sonne das Meer, und da flutete in einem einzigen Augenblicke eine solche Fülle goldenen Lichtes auf den Wassern zu uns her, als ob der Ball dort im Westen sich aus Liebe aufzulösen beginne.“

„Sie sah mich nicht an, aber ihre Seele folgte meinen Worten.“

Raffley liest Zeitung, „Ich habe hier eine alte Nummer des ‚Handelsblad Padangs’, in welcher es kurz und bündig, aber auch ungeheuer deutlich heißt: ‚Bis jetzt hat der Krieg der Holländer gegen den Sultan von Atjeh 45600000 Gulden gekostet. Dafür sind über 40000 Eingeborene totgeschossen worden; folglich hat jeder derselben den Holländern 1140 Gulden gekostet. Dazu kommen die holländischen Soldaten, welche im Kampfe fielen, zu Krüppeln wurden oder an den verheerenden Krankheiten des Sumpflandes gestorben sind. Falls wir für die verausgabte Summe Grundstücke zum Preis von 1140 Gulden pro Hektar angekauft hätten, so würden wir auf dem friedlichsten Wege zu mindestens 40000 Hektar des besten Landes gekommen sein und wären nicht am Tode von gewiß über 60000 Menschen schuld.’“

Und dann „Das wurde von einem auf Sumatra gedruckten holländischen Blatte vor siebenundzwanzig Jahren geschrieben. In welcher Weise sich die angegebenen Summen während dieser Zeit vergrößert haben, wollen wir nicht versuchen, auszurechnen. Wißt Ihr nun, was wir Europäer unter 'zivilisieren' verstehen? Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich 'zivilisiert' nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses 'Zivilisieren' nichts anderes als ein 'Terrorisieren' ist!“ Und „so wird auch für unsere Zivilisation einst die Zeit kommen, in welcher sie um Hilfe aus einer Not schreit, die sie selbst verschuldet hat!“

Ernste und interessante Worte an Raffley in Sachen Wetten, „Das Geld ist nicht nur Metall; es stecken in ihm die Arbeiten und Sorgen, die Anstrengungen und Entbehrungen aller Eurer Vorfahren und ihrer Untertanen. In diesen Goldstücken ist der ganze Schweiß und sind alle Tränen verstorbener Generationen materialisiert. Dieses Geld ist Gotteslohn und zugleich auch Teufelslohn, je nach der Weise, in welcher es errungen wurde. Euch allein ist es möglich, es dem Satan zu entreißen und nur allein dem Guten und dem Edlen zu widmen. Ihr könnt die Tränen des Kummers, welche in ihm stecken, in Freudentränen verwandeln. Das tut man aber nicht, indem man wettet. Ich will Euch dieses Wetten abgewinnen, und wenn Ihr es verliert, werdet Ihr in dieser einen Wette mehr gewinnen, als Ihr in Euerm ganzen Leben gewonnen habt und noch gewinnen könntet. Ihr habt Euch Euern Reichtum nicht erworben und kennt also die bösen Geister nicht, die in ihm wohnen. Indem Ihr mit dem Reichtum spielt, spielt Ihr mit diesen Geistern. Ich will Euer Spiel in heilig schönen Ernst verkehren, damit diese bösen Geister sich für Euch in gute verwandeln!“

Einmal im Leben wettet der Erzähler, aber nur, um Raffley vom Wetten zu 'kurieren', „ich setze meine Gewohnheit, Bücher zu schreiben. Sie ist mehr als nur eine Gewohnheit, sie ist mein Beruf, der mich ernährt. Verliere ich, so bin ich ein armer Mann.“

In Sachen Erwähnung von „Am Jenseits“: „Ich weiß gar wohl, daß es Leute gibt, welche es dem Autor untersagen, in seinen eigenen Werken über diese Werke zu schreiben; aber wie ich als sogenannter Schriftsteller meine eigenen, vorher noch unbetretenen Wege gehe, so lasse ich mich auch in dieser Beziehung durch keinen literarischen Pfändwisch irretieren (der Redakteur der Internetseiten der KMG verändert hier auf „irritieren“, aber wer weiß, vielleicht hat May das Wort, passend zur Aussage daß er es so zu machen pflegt wie er es halt für richtig hält, absichtlich wortspielerisch anders geschrieben ... nicht allzu wahrscheinlich, aber möglich ...) und bringe ohne Scheu, was ich zu bringen habe. Das erwähnte Buch von mir gehört zur Sache.“ Recht so. (Daß ein Pfändwisch eine Art Vogelscheuche oder Popanz ist, spürt man intuitiv beim Lesen der Stelle. Für diejenigen, denen es nicht so geht, sei es komfortablerweise angemerkt.)

„Da wurde das Gesicht des Mannes ein ganz anderes. Die Kälte wich; es wurde warm.“ Hübsch. Man muß gar nicht alles Gott weiß wie elegant oder „korrekt“ formulieren, so wie es hier formuliert ist trifft es zu und man weiß was gemeint ist.

Dann geht es um den Bund der „Shen“, eine Menschheitsverbrüderung besonderer Art.

Sejid Omar „liebt ihn [den Erzähler May] beinahe wie eine Braut und würde wohl gar für ihn das Leben lassen“ konstatiert der Governor.

Und mit „Man hat sich dieser Äußerlichkeiten ja geradezu zu schämen, wenn man so nach und nach erfahrt, was für wirkliche Vorzüge und Verdienste alle hinter dem kleinen, einsilbigen Wörtchen Tsi verborgen liegen!“ macht er (seitens des Autors) andeutungsweise auf einen tieferen Sinn dieser Bezeichnung aufmerksam.

Tischgespräch, „Ihr werdet bei uns nicht weniger Böses finden, als wir bei Euch entdecken würden, wenn wir kommen wollten, um nachzuforschen.“ Das gilt ganz allgemein.“Wir sind Sünder, wir Alle, Alle, ohne Ausnahme, und keines Ruhmes wert. Das sagt ja wohl auch die Bibel, Eure Heilige Schrift, Sir!“ Sehr richtig. Das Wort „Sünder“ bitte nicht allzu ernst nehmen. Wir alle haben halt „Gut“ wie „Böse“ in uns.

„Aber Mann, Mensch, Ketzer und gar Heide, was sind das für Gedanken! Wo habt Ihr sie eigentlich her? So wie Ihr spricht man bei uns ja nur in den gebildetsten Kreisen! Hierzu gehört der Besuch der höchsten, humanistischen Anstalten, der Gymnasien und Universitäten! Wo habt Ihr das gelesen? Wo habt Ihr das gehört? Und wo steht es bei Euch in Sumatra geschrieben?“ Man hat es halt, oder man hat es nicht, mit oder ohne Universitäten ...

„Nicht das Wort, sondern das lebendige Beispiel wirkt und erhebt. [...] Wir geben Euch Eure schönen Worte zurück. Wir brauchen sie nicht, denn wir haben mehr als Ihr; wir haben - - unsere Shen!“

„Unser herrlicher Bund hat tausend und abertausend Wege, zu tun, was er beschließt.“

Der Toast auf die Shen einschließlich „Hip, hip, Hurra“ wirkt irgendwie deplatziert, kommt ein wenig zu simpel daher, und steigert die Wahrscheinlichkeit daß das alles nur sehr einfach verstanden wird im Sinne von Frieden und nocheinmal Frieden und weiter nichts, aber ganz so schlicht ist May denn nun doch nicht gestrickt ...

„Fürchterlich! Entsetzlich! John, soll ich diesen Halunken nur erschießen oder gar beohrfeigen? Oder soll ich diesen ausgezeichneten, goldigen Menschen bloß umarmen oder auch noch küssen? Soll ich ihm in das Gesicht spucken, oder soll ich ihn um Verzeihung bitten? Wer ist der Lump und wer der Gentleman? Ich fühle einen Teufel in mir, doch aber auch einen Engel! Ungeheure Blamage, ganz ungeheure! Vielleicht sind es auch zwei Engel und bloß ein halber Teufel! Oder noch richtiger drei Engel und nur ich selbst! Muß es mir überlegen!“ Die Thematik der ganz unterschiedlichen Anteile in einem selber und in jedem anderen, humoristisch verpackt.

Raffley spricht von der „großen Menschheitstragödie 'Das Vorurteil'. Denn dieses war gemeint, das Vorurteil, unser eigenes Vorurteil gegenüber andern Meinungen und andern Rassen! Und dieses Trauerspiel ist keineswegs zu Ende. Vielleicht fällt der Vorhang erst mit dem letzten Menschen. Denn so lange es mehrere, und wären es auch nur noch zwei, Exemplare dieses Wesens gibt, werden sie sich gegen einander überheben. Und der letzte wird dann höchst wahrscheinlich vor Aerger darüber sterben, daß er Niemand mehr hat, der wertloser ist als er!“

Vor der Tür weint Mary Waller, „Es war, als weine nicht ein Mensch, sondern jene unsichtbare, edle, weibliche Macht, welche in dem Missionar so schwer und so unablässig gegen die bösen Geister seines Vorurteiles zu kämpfen hatte.“

Freudentränen seien es, wegen der „Rechtfertigung des Vaters! Freisprechung von seiner Schuld!“

„Ich hörte hier von Engeln sprechen. So ist also der Himmel eingekehrt in diesem Raume. Denn Boten kennt der Himmel nicht; er naht sich uns stets selbst! Wenn wir ihn bei uns fühlen, doch ohne ihn zu sehen, so reden wir von Engeln. Dem Auge sichtbar aber wird er uns, wenn gute Menschen seinen Willen tun und darum sich an uns als Engel erweisen. Mein Kind, mein liebes Kind, ich bin weder der Engel deines Vaters noch der deinige. Aber ich wünschte, daß mir und Euch und der ganzen Erde der Himmel sichtbar werde: Wir Menschen wollen ihm dienen! Ich fühle es in diesem Augenblicke, daß Höheres herniedersteigt und Heiliges hier waltet.“

 

Viertes Kapitel – Wahnsinn

Der Malaye kehrt in seine Heimat zurück und will den dort neu zu erbauenden Tempel in „früher Morgenstunde, wenn die Finsternis der Nacht versinkt und das Licht des Tages steigt“ betreten. „Wenn ich dann denke, daß auch ein anderes Dunkel zu verschwinden und eine Klarheit zu erscheinen habe, werde ich meine Knie beugen“ ... Er hat außerdem erkannt daß „Himmelsgedanken niemals vernichtet werden können, sondern aus der vermeintlichen Unterdrückung nur um so reiner und um so höher emporzustreben haben.“

Der Governor spricht anläßlich eines Dialogs über Prosa und Poesie von „tausend Regeln, welche die Pedanten den Dichtern wie Daumenschrauben anlegen“ ...

Und eingedenk von Fehlentwicklungen in seinem Leben sagt er sehr hübsch „Die "Shen" in mir war krank!“ ...

„Ich gehe fort; Ihr aber bleibt. Noch einige Zeit, so werdet Ihr es sein, der fortgeht, während dann ich zu bleiben habe. So geht der Bleibende, und so bleibt der Gehende, denn es gibt keine - - Zeit! Ob du oder ich, ob hier oder dort, das ist kein Unterschied, denn es gibt auch keinen - - Ort! Dies aber nur dann, wenn wir Alle, die wir Menschen sind, der Liebe angehören, die Zeit und Raum umfaßt im Kreis der ganzen Erde. So fragte ich also nicht, ob wir uns wiedersehen werden. Des Leibes Auge erfaßt nur das, was in der Nähe liegt; für das Weitere ist es blind. Jene Liebe aber leiht uns ihren Blick für die Unendlichkeiten. Dann sieht die "Shen", was sonst verborgen liegt. Ich werde Eurer harren. Und steigt in meines Lebens Abendröte von Westen her ein lieber Gruß empor, umsäumt vom goldenen Lichte dessen, was ich wünsche, so ist es kein Abschied gewesen, den wir jetzt hier nehmen, sondern Ihr seid bei mir geblieben in Eurer Liebe, wie ich Euch begleitet habe mit der meinigen. Vergeßt nicht diese meine Worte, und laßt den Gruß mir steigen! Ich möchte ihn so gern noch sehen, bevor mein Abendrot zur Morgenröte wird!“

An einer Stelle heißt es sehr hübsch „Der Schalk in meinem Nacken nickte zustimmend; ich aber dachte mir grad das Gegenteil.“

Raffley hat dem Uncle sehr schön gewisse Dinge zu erklären versucht, den Schriftsteller May betreffend: „Zum Beispiel Euer Sejjid Omar! Er lebt; er ist da; er ist Euer Diener. Ihr macht keine Lüge, wenn Ihr das in Euern Büchern schreibt. Und was Ihr von ihm erzählt, ist wahr, ist wirklich geschehen. Aber Ihr habt es nicht auf seinen Körper abgesehen, sondern auf das, was diesen Körper aus der Rasse, dem Stamm und der Familie heraus zum Sejjid Omar gebildet hat. Das ist der Geist, die Seele, also der innere Mensch, der innere Araber, der innere Sejjid Omar. Arabische Körper kann man zu Tausenden sehen. Um aber grad diesen Sejjid herausfinden zu können, hat der Körper zu verschwinden. Dann erscheint Omar sofort in seiner ganz besonderen, nur ihm eigentümlichen Gestalt. Und diese, nur diese Gestalt, die geistige, die innere, wird von Euch für die Leser Eurer Bücher materialisiert. Ihr lauft dabei allerdings Gefahr, als Phantast, sogar als Lügner bezeichnet zu werden, aber nicht der Körper, sondern diese materialisierte Gestalt ist der eigentliche, wirkliche Sejjid Omar, und Ihr seid also hundertmal wahrer und tausendmal naturgetreuer als diejenigen, die Euch diese Vorwürfe machen.“

Kurz darauf gibt der Uncle mit „Ehrlichkeit, nur Ehrlichkeit! Gegen sich selbst und gegen Andere!“ eine gute Parole aus.

Dann erleben wir eine interessanten Dialog in Sachen Maßhalten und Differenzieren, zunächst teilt Raffley mit, „daß der Mijnheer zwar ein Holländer sei, aber dennoch ein Gentleman durch und durch. Sogar wetten habe er wollen, sei aber natürlich abgewiesen worden. Uebrigens scheine sich da oben in den Bergen etwas Kriegerisches vorzubereiten, um die Malaien endlich einmal gründlich zu Raison zu bringen.“ Als der Uncle mit seinem neugewonnenen Völkerverständigungsgedankengut intervenieren will, „in der ihm eigenen Weise, die ihn verführte, wiederholt über das Ziel hinauszuschießen“, antwortet Raffley „Alles, was Ihr sagt, in Ehren, dear Uncle; aber ich bitte, laßt Euch von Eurem guten Willen nicht verführen, weiter zu gehen, als Ihr dürft. Ihr könnt doch unmöglich behaupten wollen, daß diese Rasse auf gleicher Bildungsstufe mit der unserigen stehe! Und Ideale sucht man doch nicht unten, sondern oben. Ihr kennt meine Ansicht über die Menschenrechte zur Genüge; aber nicht das Gefühl allein, sondern auch der Verstand hat zu Worte zu kommen. Sollen Kinder mitbestimmen dürfen, auf welche Weise sie zu erziehen sind? Habt sie lieb; hebt sie empor und macht sie zu Männern! Sind sie das geworden, so mögen sie mit raten und mit tun; eher aber nicht! Es ist stets gefährlich den Unmündigen eine Macht zu gewähren, deren Ausübung klar und überlegt denkende Kopfe verlangt! [...] Nur das richtige Maß, das richtige Maß bitte ich!“ Darauf der Uncle: „Kinder, mir scheint, ich werde immer törichter anstatt klüger. Was früher für mich schwarz gewesen ist, das möchte ich nun gleich vollständig weiß erscheinen lassen. Und was ich bisher verachtet habe, das will ich jetzt im Handumdrehen bewundern lassen. Ich sehe, ich bin auch noch ein Kind, wenn auch ein ziemlich altes.“ Ganz unabhängig davon welche Meinung man zum Inhalt des hier Vorgetragenen haben mag, die differenzierte Betrachtung als solche verdient Beachtung.

Sejid Omar will Chinesisch lernen, und der Erzähler äußert „Ich hatte nichts dagegen. Es war ja kein Unglück, wenn zu dem babylonischen Gewirr in seinem Kopfe, aus welchem er aber gegebenenfalls stets das Nötige herauszufinden wußte, auch noch ein Beitrag kam, der auf „ing“ und „eng“ zu enden hat.“ Allzu großen Stellenwert mißt er der Angelegenheit offenbar nicht zu ...

Zwischendurch geht es zu den Nikobaren „Wir hatten damals, als wir auf Ceylon miteinander bekannt geworden waren, auf seiner Jacht 'Swallow' eine Fahrt nach den Nikobaren unternommen und dort so Interessantes erlebt, daß der Wunsch, diese Erinnerungen bei der jetzigen Gelegenheit wieder aufzufrischen, ein ganz selbstverständlicher war. Da sich aber auf diesem Ausfluge nichts ereignete, was sich auf die vorliegende Erzählung bezieht, will ich nur erwähnen, daß wir, sehr von ihm befriedigt, erst nach vollen zwei Wochen wieder nach Uleh-leh zurückkehrten.“ Wir erinnern uns, in „An der Tigerbrücke“ in Band 11 war man schon dort gewesen.

In Sachen „Wahnsinn“ Wallers: „Jeder abendländische Arzt würde mit der größten Ueberzeugung sagen, daß Waller wahnsinnig geworden sei. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich dies Miß Mary verschweige, zumal ich dieser Ansicht ganz unmöglich beizustimmen vermag. Er spricht nämlich grad während der sogenannten Wahnsinnsanfälle überaus klar und richtig. Ja, seine Logik kommt mir dann so scharf, so unwiderstehlich, so erhaben, fast überirdisch vor. Es ist nichts Monomanes, nichts Gestörtes, nichts krankhaft Unsicheres dabei. Diese Anfälle wirken auf sein körperliches Befinden vorteilhaft, anstatt es zu deprimieren. Er scheint in eine Duplizitat oder gar Triplizität gespalten zu sein.“

Ein Chinese hat sich „sowohl bei den Christen als auch bei den Heiden umgesehen, und zwar bei beiden mit offenen, freundlichen, vorurteilslosen Augen. Hätte der Himmel mir die Gabe verliehen, das beschreiben und veröffentlichen zu können, was ich da beobachtet habe, so würde ich zwei Bücher schreiben, nichts weiter, denn das wäre genug.“ Und das eine hieße "Das Heidnische im Christentum" und das andere: "Das Christliche im Heidentume".

Dieses Werk des Ich-Erzählers kennen wir leider leider nicht, „Ich habe allerdings schon als Junge gereimt, nämlich zu Vaters oder Mutters Geburtstag und zum neuen Jahre; aber es war auch danach! Dann später baute ich an einer großen, gewaltigen Ballade. Die hieß "Der Saïstempel" und ist mir über alles Erwarten gut gelungen, denn sie fiel noch viel, viel dunkler aus, als die ganze Saïsgeschichte an und für sich schon ist. Und wenn ich mir Mühe gebe, so ist es mir vielleicht möglich, aus dieser allgemeinen Finsternis einige Reime für heut zu retten.“ Das ist so seine Art, in einer scheinbar ganz nebenbei gefallenen humorigen Bemerkung auf ein Thema wie den Tempel zu Sais hinzuweisen ... (näheres nachzuschlagen bei Schiller und Novalis).

Zum spontanen Dichten bietet man dem Erzähler ein „Woordenboek“ an, aber „Dieses Woordenboek würde mich nur irre machen. Ich verzichte also darauf.“ Es geht halt immer um Wesentlicheres als um „Korrektheit“ ...

„Das, das ist es, was der Dichter, der zugleich auch Priester ist, hat sagen wollen! Gibt es Einen unter uns, der irgend Etwas hinzuzufügen oder irgend Etwas hinwegzustreichen hat? Wenn uns kein irdischer Herrscher und keine irdische Weisheit den Frieden gewährt, den der Himmel uns verkündete, so kann nur Der allein uns helfen, der diese Engel sandte!“

Wundersame Rettung einer Bibel, „Das brennend zusammenstürzende Gebälk hat den steinernen, leicht emporstrebenden Altar zusammengeschlagen, und unter diesen zerbrochenen Platten lag das Buch“, erinnert an Kleists „Erdbeben in Chili“, da werden (zunächst ...) Menschen auf diese Weise gerettet.

„Erst ein Windstoß in Kairo; dann ein Brief eines Professors aus Philadelphia und heut ein Paket, auf das Sorgfältigste verschnürt, aus den Bergen von Sumatra! Das sind die drei Boten, welche dieses Gedicht für Miß Mary oder, vielleicht noch richtiger, für ihren Vater zusammengetragen haben!“ Das Wort Zufall ist halt vom ursprübglichen Wortsinn her zu betrachten, es fällt uns zu ...

Daß Autor May ein wenig nachhilft in Sachen Gedicht, kommentiert Raffley mit den Worten „Dieser Dichter scheint entweder allwissend und allgegenwärtig, vielleicht auch unsichtbar, auf alle Fälle aber ein außerordentlich pfiffiger Patron zu sein!“, womit er auch wieder Recht hat.

Daß Raffley in diesem Buch ein anderer ist als in Band 11, dürfte u.a. auch damit zu tun haben, daß Mays Figuren teilweise (soll zum einen heißen nicht alle Figuren, zum andern: nicht eins zu eins, nicht vollständig sondern anteilsweise) Selbstspiegelungen sind. Und von der einsetzendes Altersweisheit Mays hat halt auch Raffley eine gehörige Portion abbekommen.

„Aber der Verfasser ist jedenfalls ein Deutscher, welcher von dem Vorhandensein der 'Shen' nicht die geringste Ahnung hat. Oder doch? Gibt es auch für ihn eine 'Shen'? Eine unsichtbare, überirdische, in deren Geist die unserige, die irdische hier waltet?“ Nicht anders ist sie ja überhaupt zu verstehen.

„Was er sagt, hat er also nicht etwa sich selbst zu verdanken; aber wie und wem er es sagt, das ist von ihm erdacht.“ sagt Raffley sehr schön über Autor May. – Freilich könnte man noch einen Schritt weiter gehen und die Individualität als solche überhaupt hinterfragen, aber darum geht es an dieser Stelle nicht.

„Der Dichter ist darum zugleich auch Seher“ schreibt May, und gerät gleich darauf ins Reimen (ohne äußere Kenntlichmachung innerhalb des Prosatextes), darauf heißt es dann „Es war wie eine Begeisterung über mich gekommen, und ich hatte gesprochen, ohne vorher zu überlegen oder gar die Worte metrisch abzuwägen.“ Diese Anmerkung stand übrigens in der „Pax“-Fassung noch nicht.

Ein Zuhörer ist begeistert, „Alles, was ihr wollt, aber das Gedicht, von dem die Rede ist, wird doch mit keinem andern Namen, als nur mit dem Eurigen gedruckt! Ich bitte, mir dann mitzuteilen, in welchem Werke; es muß sofort in meine Bücherei!“

Interessante Äußerungen des „wahnsinnigen“ Waller, u.a. "ich hab es nicht gedacht, daß Christi Wege andere Wege sind; der fromme Dünkel hat mich irr gemacht; er ist der Hölle größtes Lieblingskind - - -"

„Ich saß hier nur fünf Grade vom Aequator entfernt; wie weit von der Heimat und wie ihr so nahe! Die Heimat des Körpers ist das Grab; der andere, edlere Teil des Menschen aber ist im Jenseits daheim, aus welchem er stammt. Irdische Orte können ihm, falls er dort Liebe findet, zu einem vorübergehenden Heime werden, doch nur für hier, nicht aber auch für dort. Oder doch vielleicht? Wo habe ich mir dieses Hier und wo jenes Dort zu denken? Sollte es trotz alledem möglich sein, daß der „sogenannte“ Tod nicht die Macht besitzt, dem wirklichen Leben Grenzen zu setzen? Weder räumliche noch zeitliche? Hatte nicht soeben da drin im Zimmer Waller mit seiner Frau gesprochen? Ein Lebender mit einer Verstorbenen? Oder war das nicht Wirklichkeit, sondern nur Traum, nur Fieber, nur Wahnsinn?“

„Nach diesen Worten war es mir, als müsse ich das Flügelrauschen Derer vernehmen, welche, von mir ungesehen, herbeischwebten, um sein Gebet in Empfang zu nehmen und dorthin zu tragen, wo alle Gebete der Menschenkinder zum Herzen des Vaters klingen, um in demselben für ewig aufbewahrt zu werden. Auch ich faltete meine Hände, denn es war ein heiliger Augenblick, so unwiderstehlich ergreifend, daß gewiß auch jeder Andere an meiner Stelle ganz dasselbe getan hätte, was zu unterlassen mir unmöglich war.“

Bezugnahme zu und längeres Zitieren aus „Am Jenseits“. „Ich las mich nach und nach vollständig in die Stimmung hinein, aus welcher heraus ich dieses Buch geschrieben hatte. Auch die damalige Szenerie tauchte in meinem Innern auf. Ich las und sah und hörte zu gleicher Zeit, daß der blinde Münedschi mich aufforderte, mit ihm zu gehen; er habe mich zu führen. Ich folgte ihm.“

Verheißung, Verlorenes Paradies, Golgatha ... Wallers Reden in grenzerfahrendem Zustand befassen sich mit allerhand.

„Die christliche Theologie pflegt das, was mich beschäftigen wollte, den 'Heilsweg' zu nennen. Aber wer, wie ich, nicht Fachmann ist, der läßt solche Grübeleien am besten den sich dazu berufen Fühlenden über.“ Die graue Theorie überlassen wir gern den anderen und 'beschränken' uns auf das Wesentliche ...

„Da ging es wie eine leuchtende Erkenntnis in mir auf, ganz plötzlich, wie die Sonne auf dem Meere aufzugehen pflegt“, und so etwas hat halt mit theoretischen Betrachtungen nichts zu tun.

„Man spricht von Seelen, welche sich und seien sie räumlich noch so weit getrennt, ganz unbedingt auf Erden finden müssen, von Wesen, welche einst vereinigt waren und sich wieder zu vereinigen haben. Wer kann wohl sagen, ob das ein Aberglaube sei?“

Das Gleichnis von der Taucherinsel, Ti ist die Erde, „Die Insel 'Ti' liegt mitten im großen Weltenmeere. Sie wird von einem Fürsten regiert, welcher jedem seiner Untertanen eine bestimmte Lebensaufgabe stellt, die er zu lösen hat.“

„Die Arbeit wird überwacht, sehr streng, viel strenger, als die Taucher meinen, obgleich die Regierung eine Regierung der allergrößten Liebe ist.“

Dann das Klavierstimmergleichnis, das seltsamerweise lange Zeit in der Ausgabe der „Grünen Bände“ gestrichen war.

„Es ist die Aufgabe, welche jeder Taucher der Insel 'Ti' zu lösen hat, nämlich zu zeigen und zu beweisen, daß seine Arbeit eigentlich kein Niedertauchen, sondern ein Emporsteigen sei. Sie führt nur scheinbar in die Tiefe, in Wirklichkeit aber in die Höhe.“

„Das Bild von der Taucherrüstung kam mir erst beinahe lächerlich vor; Tausende würden auch weiterfort darüber lachen; mir aber ist recht bald sehr ernst dabei geworden! Ich werde es nicht wieder los. Ich sehe die dickköpfige Gestalt vor mir, die es wagt, in ein fremdes Element einzudringen, obgleich der geringste Fehler an der Oberleitung mit dem sichern Tod verbunden ist. Schwerfällig, unbehilflich, ungeschlacht! Immer nur humpelnd und stolpernd, tapfend und tastend! Watend und suchend im Schlamm der Tiefe, nach was? Ich sage Ihnen: das Bild ist richtig, sehr richtig! Genau so hängen wir von oben ab, und genau so watscheln wir nur unten! Mit solchen täppischen Fäusten greifen wir nach dem zartesten Korallengebilde des Geistes. Und mit solchen Hacken und Harken kratzen, scharren und hauen wir in den köstlichsten Perlen herum, die sich auf dem heiligen Grunde des Seelenlebens bilden! Ich mag dieses Gleichnis gar nicht weiter belegen. Wenn ich daran denke, wie leichtsinnig oder gar frivol man sich an dem dünnen Schlauche bewegt, der Luft und Leben geben und auch sofort versagen kann, so wird mir himmelangst. Ich muß auf meine Kommandobrücke, muß meinen Horizont vergrößern, sonst bleibt mir das Gefühl, daß ich an jedem Augenblicke ersticken kann!“

„Wir stiegen also hinauf.“

„Wer ist der, der es so leicht und mit so einfachen Mitteln vermag, jedem Tropfen des Meeres diesen Glanz zu verleihen, den wir nur hier oder da einmal dem edelsten der Steine geben können, und zwar auch nur durch jahrelange Muhe und Arbeit und um den Preis von Millionen? Wir hatten vorhin die 'Yin' unser Märchenschiff genannt, und Raffley war der Meinung gewesen, es sei anzunehmen, daß uns eine gütige Fee in diesem kleinen, lieben, auf der See schwimmenden Zauberreiche zusammengeführt habe. Es gibt Wahrheiten, welche sich später als Märchen herausstellen, und Märchen, in denen die heiligsten, die untrüglichsten Wahrheiten verborgen liegen. Wohlan, möge unsere 'Yin' so ein köstliches Marchen sein, welches für uns und tausend, tausend Andern zur Wahrheit, zur herrlichen, beglückenden Wirklichkeit zu werden hat! Wer aber das will, der darf nicht unten bleiben, der muß herauf an das Licht und an die Luft, der darf sein Schiff nicht treiben lassen, wie es Anderen beliebt, sondern muß den Mut besitzen, sich auf die Kommandobrücke zu stellen und laut und furchtlos zu bestimmen, wohin die Fahrt zu gehen hat.“

„Waller glaubte, Christ zu sein, und zwar ein so vortrefflicher, daß er sich berufen fühlte, in alle Welt zu gehen, um Heiden zu bekehren. Er war es aber nicht! Sein Christentum war ein selbst konstruiertes und bestand nur aus dieser leeren, öden Konstruktion, welcher Christi Geist und Christi Liebe fehlte. Er wurde nicht gesandt, sondern sendete sich selbst.“

„Auf den Tag, an welchem dieses gesprochen wurde, folgte eine sehr unruhige See“, das ist nicht wirklich 'korrektes Deutsch', aber wer wird sich an so etwas stören ...

Der immer noch grenzerfahrend heftig reimende Waller kann die Geduld auch des geneigten Lesers dann schon mal ein wenig strapazieren, andererseits ... „Wer von solchen Dingen bloß hört oder liest, darf ja nicht denken, daß er zu einem Urteile fähig sei. Und wenn er dennoch kritisiert, so gleicht er jenem Eskimo, der nie seine Schneeeinöde verlassen und nie eine Kirche gesehen hatte, sich aber doch für klug genug hielt, über den Glocken- und Orgelklang zu lachen, als er davon sprechen hörte.“ Nun gut.

„Er fuhr von Amerika nach China; aber während diese große, räumliche Bewegung vor sich ging, machte er innerlich eine Reise, welche von viel größerer Weite und Bedeutung war, denn sie führte ihn in eine solche Ferne, daß es ihm geradezu unmöglich wurde, an den Punkt, von dem sie ausgegangen war, jemals im Leben wieder zurückzukehren. Er hatte eine ihm jetzt vollständig entschwundene geistige Welt für immer verlassen und befand sich jetzt unterwegs nach einer anderen, neuen, besseren und schöneren“ [...] „Ich kann also über unsere Fahrt keine sogenannten 'Reiseabenteuer' berichten, an welchen sich doch nur die Oberflächlichkeit ergötzt; wer aber einen Sinn für die unendlich gestalten- und ereignisreiche Seelenwelt des Menschen hat und ein Verständnis für die Tiefe besitzt, in welcher die äußeren Vorgänge des Menschen- und des Völkerlebens geboren werden, wird nicht mißvergnügt, sondern ganz im Gegenteile mit mir einverstanden darüber sein, daß ich ihn in diese Tiefe führe, anstatt ihn für einen Leser zu halten, der nur nach der Kost der Unverständigen verlangt.“

„Der Kampf des Menschen mit sich selbst ist der schwerste, den es gibt. Er gelingt nur Wenigen, ihn bis zum Ende und siegreich durchzuführen.“ Daß dieser Kampf (oder sagen wir besser, diese Bewußtwerdung) „der schwerste, den es gibt“ sei, mag für die überwiegende Mehrheit der Menschen gelten, indes gibt es Ausnahmen, Menschen, die diesen 'Kampf' überhaupt weder als schwierig noch als unangenehm ansehen.

„Es ist die Seligkeit, die schon in diesem Leben mir gehört. O würde doch der Mensch nicht durch die Zeit und durch des Raumes Hinterlist betört, er würde kühn sich an das Ewge wagen und dann als Preis den Himmel in sich tragen!“

„Er kann sich dieser Einwirkung des Jenseits nicht entziehen; sie ist für ihn maßgebender und glaubwürdiger als die Meinungen aller irdischen Autoritäten, und so kommt es, daß seine Ansichten ganz andere werden, als sie früher gewesen sind. Er wird das, was man nicht hier, in dieser Welt der Irrsale, sondern in jenem Reiche klar gewordener Geister einen Christen nennt.“ Es sind schon weitgehende Dinge, zu deren Besprechung oder Andeutung sich Autor May in diesem Band entschließt.

Lange Rede Tsis, „Ewigkeit und Erde schließen einander doch nicht aus. Die Ewigkeit ist vor uns, hinter uns, neben und rund um uns. Wir befinden uns in ihr. Unsere Erde ist eines der winzigen, ununterbrochen im Kreis rinnenden Körnchen der nie sich erschöpfenden, nie sich leerenden Sanduhr der Ewigkeit. Es ist einer der größten und unverzeihlichsten Gewohnheitsirrtümer, anzunehmen; daß die Ewigkeit für uns erst nach unserm Tode beginne. Wir leben in ihr und gehören zu ihr, wie die von Ihnen erwähnten Geister und Seelen zu ihr gehören. Wenn Ihr Glaube diese Seelen in die Ewigkeit versetzt, in welcher Sie sich doch in Wirklichkeit schon selbst auch befinden, so sagt er doch weiter nichts, als daß sie hier bei Ihnen geblieben sind. Und ist dies der Fall, so ist es doch ganz selbstverständlich, daß diese Geister nicht nur auf uns wirken können, sondern sogar auf uns wirken müssen, besonders da es für sie keine körperlichen und räumlichen Verhältnisse gibt, durch welche sie daran gehindert werden. Für uns Chinesen ist das etwas so unendlich Selbstverständliches, daß wir mit unsern nur scheinbar Abgeschiedenen in der lieben, dankbaren Weise verkehren, welcher Sie so unberechtigter Weise die Bezeichnung Ahnenkults gegeben haben. [...] Sie sind da; sie sind hier bei uns; ich schwöre es Ihnen zu! Nun denken Sie sich ihr Herzeleid, ihre Trauer darüber, daß Sie sie von sich verstoßen und nichts von ihnen wissen wollen, und zwar nur aus dem ganz unzureichenden Grunde, daß Ihre materiellen Sinne nicht fein genug sind, das Geistige zu schauen, zu empfinden!“

Ganz deutlich wird herübergebracht, daß Zeit und Raum in diesem Buch nicht gar zu phantasielos nüchtern-weltlich real angesehen werden sollten, „Ki-tsching liegt nämlich nur noch diese Nacht und einige Stunden von uns entfernt, und - - -“ sagt einer und der Erzähler stellt fest „Wie Sie diese Worte betonen, heißen sie "hoffen" und "vollenden". Der Name dieser Ihrer Besitzung bedeutet also ein Land, in welchem die Hoffnung begonnen hat, was die Zukunft vollenden soll?“

Am Ende des Kapitel erleben wir die beeindruckende Begegnung des früher so verhärteten Governors mit Yin, der Güte, „Sie glitt vor ihm nieder, faltete die Hände und schaute bittend zu ihm auf. Er stand zunächst bewegungslos. Die Farbe kam und ging auf seinen Wangen. Ich sah, daß er zitterte. Sein weitgeöffnetes Auge war auf sie wie auf eine wunderbare, überirdisehe Erscheinung gerichtet. Dann bewegte er die Hände; sie bebten. Indem sie sich langsam auf den Kopf der Knienden niedersenkten, hob er den seinen empor, schlug die Augen wie zum Himmel auf und sagte, indem er mit den hervorbrechenden Tränen kämpfte“, nämlich

„Mein Herr und Gott - - - das habe ich nicht verdient! Ich war so schlimm, so bös zu ihr, und sie bringt solche, solche, solche Liebe! Mein Segen ist nichts wert, wenn du nicht selbst ihn gibst. O sende ihn ihr tausendfach und tausendfältig zu und - - -“

und dann lesen wir noch

„Mehr hörte ich nicht, denn ich schlich mich hinaus, schloß möglichst leise die Tür und entfernte mich. Wenn England China in so aufrichtiger und reuevoller Weise segnet, ist Deutschlands Unterstützung überflüssig.“

 

Fünftes Kapitel – Der Shen-Ta-Shi

Dieses fünfte Kapitel schrieb Karl May für die Buchausgabe hinzu. Zwischen „Et in terra pax“ – Fassung und Fassung der Buchausgabe schrieb er die Silberlöwen-Bände III und IV.

Die ersten Seiten verdienen besondere Beachtung. Sie liefern einen Schlüssel für sein ganzes Werk – Phantasiereisen, am Schreibtisch ersonnen, mit ständigen Überblendungen zwischen Buch und „Realität“.

Zunächst erzählt er einiges über die Entstehungsgeschichte, die bekannte Angelegenheit mit Kürschner.

Und dann verrät er uns sein „Berufs-Geheimnis“:

„Die Fenster sind geöffnet, und auch meine Balkontür steht offen, grad so gegen Süden wie damals die Fenstertür im Kratong zu Kota Radscha, als der malaiische Priester von uns Abschied nahm. Es ist ein ebenso heller, sonniger Morgen wie der damals auf Sumatra.“

„Im leicht geaserten Baumschlag des Ahorn flötet ein Kehlchen.“ Darüber hat man sich schon lustig gemacht. Aber wenn ein Autor nicht Rot- oder sonstwas für ein Kehlchen schreiben mag sondern sich für Kehlchen entscheidet, dann ist das seine Sache.

„Es ist mir, als ob ich mich heut in dieser Wohnung befände. Ich denke mich in sie zurück. Das Zimmer Raffleys nebenan steht offen. Ich trete hinein. Er sitzt mit dem Onkel und dem alten Heidenpriester am Tische. Der letztere ist gekommen, um uns Ade zu sagen - - -“

„Da ertönen die Glocken; es wird geläutet. Ich rufe mich aus Sumatra zurück, um mich zu besinnen, daß ich mich körperlich in Radebeul befinde.“ Sehr schön.

„Der Christ soll sich nie zum Gottesdienste wagen, wenn er sich nicht zuvor mit seinen Widersachern ausgesöhnt hat!“ Autor May bleibt auch zu Hause. „Soll ich heut in die Kirche gehen? Oder vielmehr, darf ich? So frage ich meine Widersacher! Wo ist der Christ, der nach diesem Worte seines Heilandes noch würdig ist, die Kirche zu betreten? Wie viele Menschen, die ihren Brüdern zürnen, die ihre Brüder beleidigten, die ihre Brüder hassen, die also des Gerichtes, des Rates und des höllischen Feuers schuldig sind, werden heut in die Kirchen gehen und die Predigt über diesen Text nicht im geringsten auf sich selbst beziehen!“

„Ich will, während die ersten Töne der Orgel zu mir herüberklingen, das Buch über die Heldentaten der christlichen Krieger auf den chinesischen Schlachtfeldern lesen“ ! „und dann hierauf den Schluß meiner friedlichen Geschichte erzählen. Ich brauche viel Sonnenschein dazu, viel Liebe und viel Versöhnlichkeit, und das ist nirgends so wie hier bei mir in meinem Heim zu finden.“

„Ja, wüßte dieser Geist“, nämlich der über den Pastor und Gemeinde da drüben palavern, „den Weg von hier nach dort! Ich wollte ihn bitten, unsere Grüße dem Osten zuzutragen, heute, bald, so lange es noch am Tag des Schaffens ist! Ich wollte ihm sagen, daß auf den fernen Atjeh-Bergen ein liebes, klares Augenpaar allabendlich in die niedersteigende Sonne schaut, ob nicht ein kleines, goldumsäumtes Wölklein sich am Himmel zeige, um den Durst des Morgenlandes zu stillen, wie einst jenes lang ersehnte, handgroße aber dunkle Wölkchen des Elias auf dem Berge Karmel. Und ich wollte ihm alle, alle Liebe mitgeben, die ich in meinem Herzen für die Menschheit trage, damit alle dort Aufschauenden erfahren möchten, daß wir unsere Augen nicht vor ihnen niederzuschlagen haben. Aber nein; das ist ja doch nicht möglich! Warum? Die Grüße, welche wir ihnen senden, riechen nach Pulver. Aus den Wolken, die von uns zu ihnen gehen, brüllt der Donner der Geschütze. Und das ganze, große Reich der Liebe, welches wir bei ihnen gegründet zu haben behaupten, ist in - - - christliche 'Interessen'-Sphären eingeteilt!“ Deutliche Worte …

Über zeitgenössische pragmatische „Religions“-Auslegung: „Enthalten diese Behauptungen Wahrheit oder Lüge? Es ist nicht meine Aufgabe, zu antworten, sondern zu erzählen.“

„Und indem ich nun damit beginne, erklingt da drüben in der Kirche die Orgel von neuem. Der Kantor spielt das „Große Halleluja“ von Händel. Ich höre es bis zu Ende. Dann aber ist es, als ob jemand hinter mir stehe, wie auf Seite 389 hinter dem Governor.“ Je nach Buchausgabe dürfte diese Zahl differieren …

Über das neue oder auch allegorische Raffley-Castle im fernen China: „So gibt es hier eine Kopie dieses Stammsitzes Eures Geschlechtes?“ – „Das Wort Kopie ist eigentlich falsch, denn mein neues, hiesiges Schloß ist jedenfalls originaler als das alte drüben in der Heimat.“

Auch Sejid Omar trägt wieder zur Wahrheitsfindung bei, „die Rassen und Religionen sind verschieden, die Menschenherzen aber sind alle eins und einig.“ „Sihdi, ich habe etwas entdeckt. Nämlich diese drei sind genau so Eines wie wir drei.“ „Dieses weißgekleidete Wesen, das Bild in der Kajüte und der Marmorkopf müssen zusammengerechnet werden. Und der Christ, der Muhammedaner und der Heide müssen auch zusammengerechnet werden. Da kommt hier Etwas und dort Etwas heraus, was du vergleichen mußt. Vielleicht ist es Einunddasselbe, vielleicht ist es nicht Einunddasselbe, aber etwas Aehnliches - - - Ich gehe!“

„Wo innen nichts ist, bleibt alles Aeußere Schein, denn es ist leer.“ Wohl wahr.

„Wenn die Sonne auf diese Marmorflächen blickt, so beginnen sie zu strahlen; die dunkleren Zwischenräume verschwinden für die Ferne, und so entsteht das Kreuz, welches Jedermann bewundert, der es sieht.“

„Jeder Mensch will glücklich werden; das ist falsch. Jeder Mensch soll glücklich machen; das ist richtig. Weil Jedermann bisher das Glück für sich verlangte, konnte es kein Glück auf Erden geben. Hieraus folgt, daß wir zum Richtigen greifen müssen.“

Ich-Erzähler und Schriftsteller Karl May sind eins, „Wir verkehrten nicht persönlich, sondern seelisch miteinander, als Verfasser und als Leserin“, sagt er Mary Waller, die ja konkret von May-Büchern gesprochen hatte seinerzeit.

„Ich hängte ihre Arme hüben und drüben bei mir ein und erzählte ihnen, indem wir miteinander fortspazierten, was sie wissen sollten. Ich machte es möglichst kurz, und als ich fertig war, hängte ich sie bei mir aus, dafür aber miteinander zusammen“, auch eine sozusagen kupplerische Aktion kann so richtig menschlich daherkommen.

„Wir saßen noch lange bei einander, vertraulicher als je. Er war so froh, von jetzt an mit mir über Alles reden zu können, was ihn im Innern bewegte; und gleich das Thema, welches er für die heutige späte Abendstunde zur Sprache brachte, ließ ahnen, was für später an ähnlichen Gesprächsstoffen noch Alles zu erwarten war. Es lautete: Es gibt keinen Tod. Das Leben kann uns weder gegeben noch genommen werden, denn es ist nicht in uns, sondern wir befinden uns in ihm. Und am allerfestesten hält es uns dann, wenn es das, was an uns zerstörbar ist, fallen läßt, den Leib!“

Waller stößt angesichts des „fast überirdisch“ wirkenden Kreuzes einen gewaltigen Schrei aus, „ein großer, überlauter Schrei der Freude, der Wonne.“

„Der Volksmund ist ja sehr oft Gottes Mund!“ Nun, das mag in der Wortwahl etwas überzogen klingen, aber die einfachsten Wahrheiten sind in der Tat oft die besten oder auch zutreffendsten. Gelegentlich sind Dinge in einem Satz sagbar, während andere sie nicht in ganzen Büchern herüberzubringen vermögen …

„Je mehr wir uns den Bergen näherten, desto mehr verschwand der Glanz des uns nun nicht mehr unsichtbar werdenden Kreuzes. Es hörte auf, zu leuchten, zu brillieren; ich möchte sagen, daß es nur noch schimmerte. Wir begannen, zu bemerken, daß es Zwischenräume in den beiden sich kreuzenden Balken gab. Diese Zwischenräume wurden immer deutlicher; sie fingen an, mit den hellen Stellen zu kontrastieren. Kurz, was uns von Weitem als etwas Ueberirdisches erschienen war, das stellte sich, je näher wir ihm kamen, einem Jeden von uns als etwas Irdisches dar, aber freilich, freilich nicht als etwas Gewöhnliches, Alltägliches.“

In Sachen Raffley Castle und drumherum kann einen gelegentlich die Assoziation Kitsch ankommen, aber immer wenn man denkt jetzt wird es ein wenig kitschig, wird es wieder sehr schön, und umgekehrt … Bei Karl May gibt es halt beides.

Eine Ahnengalerie … „Schemen in schwarzer Kreide“ … „einst Fleisch gewesenen, irdischen Phantome!“ … „Larven, welche wir daheim verehren, die Masken, die wir uns vormachen lassen, weil wir zu dumm, zu albern sind, sie zu durchschauen und die Wahrheit zu entdecken.“

„Oeffne!“ – „Oeffnen? Wen, was?“ – „Dich selbst!“ – „Mich? Mich selbst?“ – „Natürlich! Wer seine eigene Larve durchschauen und dann sich selbst kennenlernen will, der muß zu erfahren suchen, was hinter ihr steckt.“ Eine der bemerkenswertesten Stellen des Gesamtwerks.

„Das Bild war eine Tür. Da öffnete der Governor. Eine Fülle von Licht flutete zu uns in den düsteren Raum herein.“

Bilder, Visionen …

„Ich hatte unter dem gewaltigen Eindruck dieses Meisterwerkes ein innerlich bohrendes, verzehrendes Gefühl, eine Empfindung, als ob ich selbst auch als einer dieser Unglücklichen dazu verdammt worden sei, die Erde nun für die Hölle und die Menschen für Teufel zu halten.“

„Da stand der Satan, und da stand die 'Hen'. Sie hielten sich gefaßt und deckten mit ihren Gestalten den schwarzen Felsen und das Grab, in welches damals 'Shen', die Himmlische, verborgen worden war. Was stand da wohl auf ihren Gesichtern geschrieben? Haß und doch Anbetung, das ganze Entsetzen der letzten, höchsten Angst und dennoch aber die Freude, daß endlich, endlich nun Alles vorüber sei, daß Hölle und Teufel auf ewig verschwinden müsse und die Menschheit nun nicht mehr belogen und betrogen werden könne!“

„Nur Menschen können Christen werden. Wer trotz aller seiner äußeren Kultur im Innern doch noch Anthro-Bestie ist, der bleibe ja daheim, denn es würde ihm ergehen, wie es morgen den Fan-Fan ergehen wird: Er macht sich lächerlich; er blamiert und schädigt seine eigene Rasse, sein eigenes Vaterland und seine eigene Religion“

Und noch einmal die Weisheit des Sejid Omar, Kinder- bzw. Schlichtgemütmund tut Wahrheit kund: „Und wieviel ist dieser Mensch wert? Das kommt ganz auf die Mischung an.“

„Ich will da einmal sehr wichtig tun und den Geheimnisvollen spielen. Bekanntlich ist dem Schriftsteller viel, sehr viel erlaubt; ich aber gehe noch weit über dies hinaus und erlaube mir etwas, was sich noch keiner dieser Herren je gestattet hat, nämlich - - zu schweigen!“ Sehr schön;

„Ich beschreibe unsere Yin auch heut noch nicht und jedenfalls auch morgen und übermorgen nicht! Und ich habe ein Recht dazu, denn alle meine bisherigen Reiseerzählungen sind nur Vorstudien, Uebungen und Skizzen, bei denen ich lang oder kurz, breit oder schmal sein kann, ganz wie es mir beliebt. Ich habe ja bereits gesagt, daß ich kein Künstler bin, und fühle mich also frei von jedem Zwang, unter dem - - - bald hatte ich gesagt: Die Kunst zu seufzen hat. Als ob die wahre Kunst, der wahre Künstler irgend einem Zwange zu gehorchen hätte! Im Gegenteile, die Kunst ist die Bezwingende; sie macht sich alles, alles untertan!“

„Ich hoffe, nun bald über die Zeit der Vorübungen und Studien hinaus zu sein. Und ich hoffe, daß meine Leser mit mir bis hierher gegangen sind, wo sie mich nun wohl begreifen oder doch wenigstens begreifen wollen. Dann hören wir mit diesen Etuden und Vorarbeiten auf und gehen an das eigentliche Werk.“

Um harte Worte muß man gelegentlich nicht verlegen sein, „Heut falle die Entscheidung für die ganze Zeit, die Waller noch zu leben habe. Vor allen Dingen sei zu verhüten, daß der alte, von ihm gewichene Geist wieder über ihn komme, der starre, blutleere Geist der Wallerschen Familie, welcher den Inhalt einer alten, bigotten Hauspostille hoch über das herrliche Gotteswort der Bibel setze und die ganze Menschheit zwingen wolle, in den engen, harten, mit geistigem Fischtran eingeschmierten Wasserstiefeln einer vollständig unbekannten, schrullenhaften Sippe nach den erhabensten Zielen unseres gegenwärtigen Daseins wettzurennen!“

Des – weiterlebenden ! – Wallers Geist geht auf Dilke über, „So also ist es über ihn gekommen, so! Er ist der Letzte dieser seiner Sippe, das Fazit der Familie.“

„Wir hatten von da aus, wo wir uns befanden, eine prächtige Aussicht über den großen, freien Platz und alle die vielen Menschen, die sich auf ihm bewegten. Eine Beschreibung des uns gebotenen Anblickes wäre wohl im höchsten Grade interessant, würde aber über den Rahmen einer altruistischen Studie, die sich mit Höherem zu beschäftigen hat, hinausgehen.“

Sejid Omar hat gelegentlich etwas von Tifl an sich (schlichten Gemüts ...), und Tifl steht bekanntlich für Anteile unseres Autors; „Für Jedermann, der Mitglied unserer 'Shen' geworden ist, gibt es nur drei wirkliche, richtige Sprachen, weiter keine, nämlich die arabische, die deutsche und die chinesische; die andern sind alle bloß nur Redensarten. Also ich kann sprechen; mein Sihdi kann sprechen, und Ihr könnt sprechen. Was die andern sagen, das ist mir ganz egal!“

„Der ganze, weite Platz vor uns war ein einziges, ununterbrochenes Meer von Licht, von Flammenstrahlen. So Etwas hatte ich noch nie, noch nie gesehen, selbst nicht an jenem wohlbekannten lichten Abende im Thale meiner lieben Dschamikun, als das 'verzauberte Gebet' im Scheine der Riesenflammen stand, die meine 'Seele' angezündet hatte!“

Tränen fließen, wird nebenbei erwähnt, und in dem ganzen Kontext kann man auf die zitierte Bibelstelle „Herr, deine Sonne leuchtet uns am seligen Himmelstage; in dunkler Erdennacht strahlt uns die Liebe Derer, die unsre Brüder sind. Du hast sie uns gegeben, diese Liebe, damit wir in ihr wandeln bis zum Morgen, wo deine Sonne wiederkommen wird. So mach uns stark in ihr! Gib Kraft und guten Willen! Und gib auch das, was uns das Höchste ist hierzu im Himmel und auf Erden: Gib deinen Segen“ neu aufmerksam werden.

Begegnung Waller – Dilke, wir erleben eine Art Doppelfigur, die an eine Szene gegen Ende von Hermann Hesses „Morgenlandfahrt“ denken läßt (wenngleich es dort deutlich ruhiger und friedlicher zugeht). „Jetzt nun schien ein doppelter Einfluß über ihn zu kommen, ein stärkender und ein schwächender, einer, der ihn heben und einer, der ihn niederdrücken wollte. Sein Gesicht fiel plötzlich zusammen, so daß er aussah wie in den schlimmsten Tagen seiner Krankheit. Seine Augen wurden stier; sein Mund öffnete sich, und seine Hände und Finger spreizten sich genau wie bei Dilke.“

„Es soll mich Jemand verlassen und will doch nicht! Ich werde schwächer - - -. Wer steht da drüben, wer? Ich fühle, daß ich es war - - - und dennoch bin ich hier!“

[...]  - „Da nimmt er alle Kraft zusammen und wird doch nur von Andern aufgerafft! Aber wer - - - wer - - - wer ist - - - wer spricht - - - holla! Ich bin ja doch nicht er! Bin ich es etwa, der nun am Boden liegt, weil der da drüben aufgestanden ist?“

„Beides ist er, Beides! Die beiden einzigen Waller, die es hier gibt, das ist er! Er allein!“ ruft Tsi, und der Erzähler schreibt „Als ich diese Worte hörte, ging es mir durch und durch. Ich hatte beinahe dasselbe Gefühl wie damals, als mein Hadschi Halef Omar bei den Dschamikun im Sterben lag und der Ustad die bereits fliehende Seele dadurch festhielt, daß er ihn, genau so laut, bestimmt und nachdrücklich wie hier, bei allen seinen Namen und auch nach seinem Titel nannte“.

Allzu beabsichtigt effektvoll kommt das Rezitieren des „Evangelium“-Gedichtes nun daher, und, ein wenig 'ketzerisch', mag man bei Dilkes Reaktion auch den Erzähler selber durchspüren (der ja immerhin mal Dinge wie „Ange et diable“ geschrieben hat ...), bzw., Anteile in ihm ... „Ich soll mein Evangelium leben! Wahrend alle Andern ihr Leben genießen, soll ich der einzige Heilige sein, ein Fakir, ein Anachoret, ein Büßer, der die Sünden der Andern trägt; ich danke! - - - Alle Welt mein Gotteshaus - - - und dann jeder Mensch und jeder Mongole und Hottentott mein Bruder! Verrückt, verrückt! - - - Engelsworte! Zunächst haben wir über etwas ganz Anderes zu reden! - - - Liebe nur, Liebe allein, Liebe, Liebe, überall nichts als Liebe! Jetzt kommen sie; jetzt sind sie da, die Bläser, die Pfeifer, die Quieker, die Ohren- und die Nervenmörder! Wo soll ich hin, wo soll ich hin?! - - - Christi Kirche - - - Gottes Paradies! Mensch - - Schurke - - Schuft, merkst du denn nicht, daß du wahnsinnig bist, blöde, umnachtet, toll, verrückt, ein Trottel, ein Narr, ein Idiot! Horst du denn nicht, daß du schon gar nicht mehr vernünftig reden kannst, sondern nur noch quiekst - - quiekst - - - quiekst! Wenn du nicht aufhörst, schlage ich dich nieder - - - hier auf der Stelle!“

Dilke geht in den Tod, wird gleichsam „geopfert“; „Als er dies gesagt hatte, nickte er uns auf ganz eigenartige Weise zu, machte mit dem Arme eine Bewegung, die wir uns nicht deuten konnten, wendete sich nach der Tür zurück und ging hinaus.“

„Es konnte und durfte gar nicht anders kommen. Daher meine Unerbittlichkeit gegen diesen Abgeschiedenen. Nur so augenblicklich schnell hatte ich es nicht erwartet. Zwei solche Raufbolde in einem einzigen Körper, das ist zuviel!“ sagt Tsi. „Und lächelnd fügte er hinzu“, nämlich: „Das ist sogar zuviel für ein ganzes Volk, für eine ganze Nation, für die ganze Menschheit! Und doch haben wir sie Jahrtausende lang ausgehalten und begünstigt, diese beiden unverbesserlichen Händelsucher in unserm Menschheitskörper! Auch sie haben abzustürzen, haben zu verschwinden in der Tiefe, wo das Licht für unsere 'Shen' geboren wird!“ Aber erst wenn die Erde sich nicht mehr dreht ...

Beeindruckendes Bild der Verfinsterung auf Erden, „erschallte vom Tale herauf und von allen Seiten her ein vieltausendstimmiger Schrei des Schreckes, in den auch wir einstimmten. Es war plötzlich finster, vollständig finster um uns. Wir eilten an die Fenster. Was sehen wir da? Das Zeichen des Christentumes war verlöscht, das herrliche Kreuz, so hoch es war, und in seiner ganzen Breite! Kein Flämmchen war mehr zu sehen, nicht das geringste, kleinste! [...] Wie ein dumpfes Brausen stiegen die Stimmen der tief unter uns versammelten Menschheit zu uns empor, und auch unsere Lippen öffneten sich“ ...

Und dann die „Stelle der Stellen“ in diesem Band oder gar im Gesamtwerk Karl Mays, „Die Leiche eines aus dem Paradies Gestürzten fiel in das Licht; da dunkelte es für einen Augenblick, und dieser Augenblick ist unser Erdenleben; da herrscht nun die Verwesung der Leiche.“ Und unmittelbar darauf  “ - - - Meine Brüder, es gibt - - - Krieg!“ Nichts mit „Friede auf Erden“. Punkt.

„Von neuem stand das Kreuz in weithin leuchtender Glut, und überall ertönten jubelnde Stimmen, seine Rückkehr zu begrüßen.“

„Ziehen wir jetzt mit nach der Kapelle. Dort fließt uns die Quelle des Lichtes, das zwar verdunkelt werden, doch nie verlöschen kann!“

Die Schlußsätze lauten:

„Im Sinne unserer 'Shen' also die Gnade und der Schutz des Allmächtigen und Allliebenden, bei dem es ewig Frieden gibt, selbst wenn des Krieges Ruf hier bei uns Törichten sogar am 'großen Tag der Menschlichkeit' erklingt. Hinauf zu ihm, zu unserer Kapelle! Gleich ist es Mitternacht; sie soll uns betend - dankend - hoffend finden!“ –

Glaube, Liebe, Hoffnung ... in 'Verdunkelung' ... beeinträchtigt durch Krieg u.v.a. ... Eine Haltung. Vielleicht noch mehr.