Anmerkung: Zum "Spätwerk" gehören eigentlich die Silberlöwen-Bände III und IV, die hier eine separate Rubrik (zusammen mit Silberlöwe I und II) bekommen haben.

Zusätzlich wurde hier "Am Jenseits" aufgenommen, das zwar nicht zum eigentlichen Spätwerk gehört, aber an der Grenze zu diesem angesiedelt ist. (Wie es der Titel schon anklingen läßt, wenn man so will ...)

 

 

AM JENSEITS

Der Einstieg zu diesem Roman ist leicht und heiter. Im weiteren Verlauf wird es teilweise atmosphärisch deutlich unerfreulicher zugehen. Und wesentlich ausführlicher in die Tiefe gehen als man es vorher von May gewohnt war.

Der "Geister"-Auftritt des blinden Sehers, dieses inszenierte Spektakel mit den Fackeln, erinnert an "Allah il Allah" (bzw. dessen Urversion in den „Deutschen Helden“), wo ähnlicher Budenzauber in der Wüste veranstaltet wird. Karl May hatte immer diese Affinität zu Gaukeleien und Spielereien, und selbst hier, wo es eigentlich gar nicht so recht paßt, mochte er nicht darauf verzichten. So ganz wohl dabei ist ihm aber diesmal offenbar selber nicht, und so verteilt er eigene Wesenszüge einmal mehr auf verschiedene Figuren, in dieser Szene wie insgesamt.

Es fällt auf, daß Halef in diesem Buch des öfteren mal den Ton angibt und Kara Ben Nemsi sozusagen halt mitmacht. Eine weitere zusätzliche 'Farbe' neben der Ernsthaftigkeit und Tiefe, die in diesem Buch erstmals ausgeprägter erscheinen als zuvor.

Beeindruckend, nahegehend die Szene in der der Münedschi Kara Ben Nemsi bespuckt und dieser ihn nicht bestraft. Hier hat Karl May offenbar zwei Erfahrungen hineingelegt, einmal das schmerzhafte Verkanntwerden, 'unschuldig' bestraft werden, auf Liebe Ablehnung oder Hass ernten, das er nur zu gut kannte, zum anderen aber, wie aus der langen Anklagerede des Münedschi hervorgeht, auch diesen 'Strafe' (oder sagen wir besser: entsprechende Resonanz) herausfordernden Zug in ihm selber, diese zweifellos vorhandenen Wesensanteile von Kälte und Unmenschlichkeit. Was wird Marie Hannes empfunden haben, als der geliebte Mann nach all den schönen Reden eines Tages mit brutaler Härte und rücksichtsloser Grausamkeit reagierte. Daran kann man bei dieser Rede des Münedschi sofort denken. Und natürlich an Gartow, dessen Erlebnis hier auf aparte Weise verarbeitet wird ... (ein warmherzig freigiebiger, aber dabei protziger, selbstverliebter, geltungsbedürftiger May erntete Mißtrauen ... das Mal an seiner Stirn verstörte sie, schrieb Thomas Mann in anderem Zusammenhang ...)

Ein ganz eigenartiges Buch. Man spürt die Wandlung, die sein Verfasser zu der Zeit durchmachte. Seitenlang Kampfszenen wie in alten Zeiten, dann das oben erwähnte, und anschließend über mehrere Seiten Betrachtungen über 'Zufall' und Fügung.

Keine Reiseerzählung mehr im früheren Sinne. Eine Atmosphäre von Düsternis, Elend, Bitterkeit, Verzweiflung kommt hier oft herüber. Die Wüste als Seelenlandschaft. Karl May an der Grenze. Es muß sich wohl allerhand abgespielt haben im 'trauten Heim' und anderswo, in der vermeintlich "erfolgreichsten Zeit seines Lebens", daß einer sozusagen schriftstellerisch so außer sich gerät und in ganz ungewohnte Bereiche sich begibt ... Später, im „Silberlöwen“ oder „Ardistan & Dschinnistan“, gelingt ihm das teilweise freudvoller, entspannter. Im Jubiläumsband 25 'hängt' er, wie auf der entsprechenden Tarotkarte. Eine Fortsetzung des Bandes wurde nie geschrieben, Kandolfs „In Mekka“ ist ja doch eher nur der gutgemeinte (in sich, auf seine Art, freilich gelungene) Versuch, das ganze doch noch in Richtung Reise- oder Abenteuererzählung zurechtzubiegen.

 

Erstes Kapitel - Eine Kijahma

Schon in den ersten Zeilen wird deutlich, daß es diesmal etwas anders sein wird als in früheren Reiseerzählungen:

„Sihdi, es war doch immer wunderschön, wenn wir beide, auf unsern unvergleichlichen Pferden sitzend, so ganz allein, von keinem fremden Menschen begleitet, immer hinein in Allahs schöne Welt ritten, wohin es uns gefiel!“

Die beiden sind älter geworden, man hält ein wenig Rückschau.

„Ja, das war eine sehr, sehr schöne Zeit“

„Also ich denke noch mit Wonne an die Zeiten zurück“

Aber nun haben sie beide eine Frau,

„Aber ebenso schön und in mancher Beziehung noch schöner ist es doch, wenn man einen Tachtirwan bei sich hat, in welchem die holdselige Gebieterin des Frauenzeltes sitzt.“

und im Falle von Kara Ben Nemsi (der sie im ersten Silberlöwen-Band (26), der vor "Am Jenseits" (25), erschien, erstmals vorstellte) dürfte das nicht nur für Halef, sondern auch für die Leser ein kleiner Schock gewesen sein.

Hanneh kommt 'gut weg':

„Sie war aber auch - ich möchte mich so ausdrücken: eine Prachtfrau! Ich glaube nicht, daß eine andere den kleinen, voll bunter Raupen steckenden Hadschi so richtig behandelt hätte, wie sie es that“

während es über „Emmeh“ auch hier offenbar weniger zu berichten gibt.

Im putzigen Gespräch über Eisenbahnfahrten äußert Schlingel Kara Ben Nemsi einmal den verräterischen Satz

"Ich bin nicht nur mit fremden Frauen, sondern sogar mit fremden Töchtern gefahren."

der, wenn man an Mutter & Tochter Wadenbach denkt, durchaus eine gewisse Nebenbedeutung erhält. May liebte solche versteckten Scherze.

Halef hat offenbar so seine Schwierigkeiten mit den lockeren Sitten des Abendlandes, "und daß du sogar auch deiner Emmeh erlaubst, mit Männern zu reisen, an welche sie kein Akd en Nikah (Zeremonie des Ehekontraktes) bindet, nun wird es mir wohl nicht mehr leicht sein, dich als meinen besten Freund, den ich im Herzen trage, mit Anerkennung zu beehren!"

Das alles ist erst einmal zu verkraften, "Die Schienen eurer Eisenbahn haben sich zwischen mich und dich gelegt, und unsere Herzen sind einander so entfremdet worden, daß sie durch keinen Wabur (Lokomotive) wieder verbunden werden können."

Halef wird ausführlich vorgestellt, eine Berücksichtigung auch der Leser, die ihn noch nicht kennen (auch wenn so etwas (daß ihn jemand nicht kennt) für unsereins schwer vorstellbar sein mag).

"Fast zwanzig Jahre" sollen zwischen "Durch die Wüste" und "Am Jenseits" liegen; auf Sachverhalte innerhalb der Texte bezogen muß man sich mit so etwas nicht beschäftigen, aber was die Entstehungszeiten angeht, kommt es hin.

"Ich hatte es ihm in unzähligen, verschiedenen Bildern beschrieben, hatte ihm die zwischen dem europäischen und dem orientalischen Leben vorhandenen Unterschiede bei tausend Gelegenheiten geschildert, sah aber nicht den geringsten Erfolg davon. Er sprach trotzdem immer von meinen Zelten, von meinen Kamelen und von meinen Dattelpalmen." Bei aller Freundschaft; Mentalitäten und Bewußtseinsinhalte sind halt nicht beliebig veränder- oder erweiterbar, das mußte z.B. schon Tonio Kröger feststellen, als sein Don Carlos nach weitgehenden und eher vergeblichen Bemühungen, herüberzubringen um was es bei dem so ging, seitens des verehrten Freundes nur ein gutgemeintes "muß famos sein" abbekam ... Da kann man nichts machen.

"Zu erwähnen darf ich nicht vergessen, daß er sich früher alle mögliche Mühe gegeben hatte, mich zum Islam zu bekehren; aber die von ihm damals nicht geahnte Folge davon war, daß er jetzt Isa Ben Marryam hoch über Muhammed stellte; er war in seinem Innern Christ geworden und nicht nur seine Hanneh, sondern auch die meisten Haddedihn mit ihm."

Nach Mekka soll es gehen, (und ein zweiter Band dort spielen, wie entsprechende Ankündigungen seinerzeit verrieten), der Erzähler will "den Versuch machen, diesen meinen Wanderstudien durch einen längeren Aufenthalt in Mekka einen befriedigenden Abschluß zu geben". Interessant der Hinweis auf den geplanten 'Abschluß'.

"Ueber die von der mohammedanischen Priesterschaft verbreitete Annahme, daß eine Minute Aufenthalt in Mekka während der Hadsch wertvoller sei und mehr Segen bringe als ein ganzer Tag zu gewöhnlicher Zeit, waren, von mir gar nicht zu sprechen, Halef und seine Haddedihn schon längst hinaus. Sie schenkten dieser Versicherung keinen Glauben." Je nun; von energetischen Dingen wird aber auch Karl May gewußt haben.

In Sachen Rih: "Zahllose Briefe meiner Leserinnen und Leser sprechen von den Thränen, welche beim Lesen seines Todes vergossen worden sind. Man braucht sich ihrer nicht zu schämen. Mir selbst werden noch heut die Augen naß, wenn ich an diese traurige, ergreifende Scene denke."

Und noch einmal die Eisenbahnen, ihnen gegenüber zeigt sich unser Erzähler 1898/99 deutlich aufgeschlossener als beispielsweise Hermann Hesse etliche Zeit später.

Hanneh erscheint als frühe Feministin.

Das wesentliche "Nachtgespräch" mit ihr aus dem 'Silberlöwen' wird erwähnt.

In Sachen Eisenbahnfahren rückt auch Halef nach geschickt vorgetragenen weiteren Aspekten von seiner zunächst so festgelegten Position ab, "Du weißt, wie gern ich meine Nebenmenschen beschütze. Es ist das schon bei Männern schön; wie schön muß es da erst bei Frauen sein!"

Und dann kreisen Geier, wie damals in "Durch die Wüste", und wir geraten in die eigentliche Handlung.

Andere nehmen unserem Helden nun öfter mal die 'Arbeit' ab, Omar reitet mit einem Haddedihn zu der Stelle, über der die Geier kreisen, um nachzusehen was dort los ist, und da "wir dieses Mal die Haddedihn bei uns hatten, brauchte ich mich um nichts zu bekümmern; es wurde mir jede Handreichung sehr gern und mit Liebe geleistet." Älterwerden ? Gutsituiertheit ? Beides ?

Die Szenerie mit den Mekkanern hat etwas Totentanzartiges, Surreales.

"O meine Seele, keines schweren Fehltrittes wegen verzweifle an Allahs Gnade; denn wo es sich um die Vergebung handelt, da sind die schweren den leichten Sünden gleich!" Wohl wahr, daß menschliche Maßstäbe letztlich irrelevant sind.

Von Totentanz wurde schon geschrieben, des Fliegenden Holländers Geisterchor kann einem auch noch einfallen: "Während sie nun, bewegungslos wie Tote, dalagen, brach die Dunkelheit herein, und von unsern Haddedihn wurde das Moghreb gebetet, welches für kurze Zeit nach dem Untergange der Sonne vorgeschrieben ist. Als es dann vollständig Nacht geworden war, wurde das Aschiah oder Nachtgebet gesprochen. In beiden Fällen richteten sich die Fremden in die Kniee auf und beteten mit, was sie als Muhammedaner trotz ihres sonstigen Verhaltens zu uns unbedingt thun mußten, doch thaten sie es leise, ohne uns ihre Stimmen hören zu lassen".

Die Begegnung mit dem Ghani ist von Hass, Gift und Galle geprägt. Schwärzere Stimmungen als immer wieder in dieser Begegnung las man bei Karl May kaum.

Über den Münedschi heißt es (seitens des Ghani): "Seiner Seele war die Gabe verliehen, den Körper zu verlassen und nach entfernten Orten und in entfernte, längst verschwundene und auch zukünftige Zeiten zu gehen, um zu sehen und zu hören, was kein anderer Sterblicher erfährt. War sie dann in den Körper zurückgekehrt, so konnte El Münedschi alle Geheimnisse dieser Zeiten und Orte mitteilen. Er sprach mit den Dschinn und Mlajiki (Geistern und Engeln) wie mit seinesgleichen und hatte darum Macht über den Willen und die Thaten aller, mit denen er verkehrte."

Zwischendrin auch immer wieder Heiteres und Alltägliches, "Ich koche nämlich so, wie vorhin der Kaffee gekocht hat", es ist ja auch alles immer da, von ganz profan bis ganz und gar nicht mehr profan und zurück. Hin und her zwischen den Polen.

Ausführlich wird immer wieder der Koran zitiert, in einem vorher so nicht gekannten Ausmaß. May scheint sich damit sehr beschäftigt zu haben.

Haß, Peitsche, Flüche ...

Und, einigermaßen erstaunlich, eine 'neue Bescheidenheit' des Erzählers,

"Wir sind in gewissen Gegenden bekannt; das ist alles. Wir beide brauchen uns gar nichts einzubilden; es giebt überall Hunderte und Tausende von Menschen, die noch ganz andere Kerls sind, als du und ich! [...] Ich sage dir, wenn eine ganze Million Menschen unserer Sorte jetzt plötzlich stürbe, die Weltgeschichte würde ihren Gang sehr ruhig weitergehen!"

Im Fall vorzeitigen Ablebens: "Meine Emmeh würde trauern und mir sehr bald nachfolgen; davon bin ich überzeugt", in autobiographischen Schriften lasen wir diesbezüglich durchaus anderes.

Der Exkurs über 'Dir und Mir' überrascht auch einigermaßen, hatte der schreibende Kara Ben Nemsi resp. Old Shatterhand höchstselbst das doch auch schon mal entsprechend durcheinandergebracht bzw. eigenartig-individuell gehandhabt, wenn die Erinnerung nicht trügt.

"Meine Bücher befinden sich in mehr Händen, als du denkst. Hunderttausende haben es schon gelesen." In früheren Werken konnte solches noch nicht stehen.

"Was einmal im Buche steht, kann leider nicht daraus entfernt werden!" sagt Kara Ben Nemsi, Halef entgegnet "Aber wie da, wenn du ein neues schreibst?" "Da will ich dir ganz gern deinen Wunsch erfüllen und zeigen, daß du dich geändert hast. Nur muß diese Aenderung auch Wahrheit sein!"

Hier vermischen sich die Zeiten, an dieser Stelle spielt das Buch sozusagen in der Wüste und am Schreibtisch gleichzeitig, indes, das ist eigentlich immer so bei Karl May ... Hier wird es halt noch deutlicher als sonst.

"Ich hoffe doch, daß du, wenn du unser Zusammentreffen mit den Mekkanern beschreibst, mich und die Kurbadsch nicht mit erwähnst?"

"Dieses Wort wird mich im größten Zorne beruhigen, indem es meinen Grimm mit Sanftmut übergießt", es klingt wie in einem Kochrezept. Ein Rezept ist es auch, ein beherzigenswertes ...

"Jetzt war es Zeit, uns schlafen zu legen; ich sah also noch einmal nach dem Hedschihn, welches ich während dieser Reise ritt, und rief dann meinen Hengst Assil zu mir, denn er war jetzt ganz genau so mein Schlafkamerad, wie sein Vater Rih es früher gewesen war. Sein Hals diente mir als Kopfkissen".

Anschließend bekommt ein unbekannter schriftstellernder Kollege sein 'Fett weg' in Sachen Tropenkoller u.a.

"Es ist nach meinen Erfahrungen mit diesem sogenannten 'seligen Lächeln' der Verstorbenen eine ganz eigene Sache, denn ich habe es am ausgeprägtesten, am ergreifendsten bei Personen gefunden, deren Ende ein gewaltsames gewesen war. Ich habe in den Zügen im Kampfe Gefallener kurz nach ihrem Tode den sprechendsten Ausdruck des Hasses, des Grimmes, der Angst, des physischen Schmerzes gesehen, und dann wahrgenommen, daß dieser Ausdruck sich sehr bald in denjenigen der Milde, der Ruhe, des Friedens verwandelte. Und wiederum sah ich Leute so sanft und kampflos hinüberschlafen, daß ich mir wünschte 'so möchte einst auch dein Tod sein!', und dann nahmen ihre Gesichter nach und nach das Gepräge seelischer Angst oder körperlicher Pein, des Leidens an." Wir denken an den "Großen Sieg" und "Rosenrot", was laut Frau Klara Mays letzte Worte gewesen sein sollen. Wünschen wir ihm daß es so war, gut vorstellbar ist es.

Der Münedschi ist scheintot, der geneigte Leser denkt sofort an Mays Großmutter und bekommt von ihr auch bald darauf ausgiebig zu hören bzw. zu lesen. "Eine Stunde" dauern die nüchtern geschilderten Wiederbelebungsbemühungen, dann öffnet der blinde Seher die Augen, "Was für prachtvolle Augensterne das waren!" "Das war ein mir völlig unbekannter Glanz, ein Blick, der nicht dieser Welt anzugehören, sondern aus dem Jenseits zu kommen schien."

Die Kapitelüberschrift heißt übersetzt "Eine Auferstehung", erfahren wir nun. Dieser Begriff ist ja eigentlich normalerweise eher positiv besetzt; in Verbindung mit dem Horrorerlebnis der fast lebendig begrabenen Großmutter bekommt die Angelegenheit einen etwas fatalen Beigeschmack. Auch die oben zitierte Stelle von "seelischer Angst oder körperlicher Pein" erscheint hier etwas unglücklich weil beängstigend. Betrachten wir den Tod getrost weiterhin als Erlösung oder Befreiung bzw. versuchen, ihn nicht so negativ zu sehen wie das gemeinhin üblich zu sein pflegt.

"Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist." Ein interessantes Bibelzitat. (Dessen Auslegung oder Kommentierung aber an dieser Stelle zu weit führen würde.)

Hanneh spricht mit dem Erzähler über das Erlebnis "mit dir, Effendi, in jener Nacht hinter den Zelten", bei dem sozusagen ihre Seele erwachte oder besser gesagt ihr Bewußtsein derselben. (Man könnte darüber spekulieren ob da auch noch etwas ganz anderes erwachte seinerzeit ...)

Als Kind habe er die Großmutter nicht nach ihrem Erlebnis befragt, sagt der Erzähler, aber später, "als ich nach den Geheimnissen des Glaubens zu forschen begann, die es für den, welcher wirklich glaubt, doch gar nicht giebt, weil die Erleuchtung die erstgeborene Tochter des wahren Glaubens ist". Sehr schön. Das Wort Erleuchtung kommt übrigens bei Karl May ein weiteres Mal in ähnlichem Sinne vor, in einem Gedicht aus den 'Himmelsgedanken'.

Diese Erleuchtung, dieses "Trachten nach der himmlischen Klarheit" (dem laut May die Großmutter nach ihrem 'Auferstehungs'-Erlebnis jeden arbeitsfreien Augenblick widmete) ist es, wonach zu streben sich lohnt. Alles andere kann man letzten Endes sozusagen vergessen. Nebenbei angemerkt.

"Ich habe mit allen möglichen Unholden des äußeren und des Seelenlebens um ihn gerungen" (um den Glauben). "Glaube mir, die in Menschengestalt sichtbaren Feinde sind nicht die stärksten und die schlimmsten Gegner dieser meiner seligmachenden Glaubenszuversicht; die heißesten Kämpfe werden vielmehr im verborgenen Innern ausgerungen, wo der Einfluß dunkler Mächte größer ist als im sichtbaren Leben, welches nur die Wirkungen dieses Einflusses zeigen kann." Die letzte Bemerkung, die man leicht überlesen kann, verdient besondere Beachtung: das sichtbare Leben, das Außen, als Spiegel des Innern.

Diese Unholde und Kämpfe erleben wir in Mays Gesamtwerk als diverse Schurken und Bösewichter sowie als Abgründe, Schotts, Wüsten, Sümpfe usw.; oder auch in theoretisch-literarischerer Form wie z.B. in 'Ange et diable' u.a.

"Wir haben jetzt hier eine irdische Kijahma erlebt, die Auferstehung eines Leibes von den Toten" sagt Hanneh, "du aber hast mir durch deinen Glauben schon längst eine schönere, eine herrlichere Kijahma gebracht, eine Auferstehung der Seele von dem Tode, ein Hervorsteigen aus dem Grabe des Irrtums, in welchem es für mich kein Wiedererwachen, sondern nur Verwesung gab."

Auch Omar Ben Sadek stößt in dieses Horn; durch Taten, durch sein Wesen und Wirken habe der Erzähler nicht nur ihn, sondern auch die anderen Haddedihn bekehrt. "Wir haben den Kuran vergessen; wir sind gleichgültig geworden für die Gesetze des Propheten".

Auch Emmeh soll es so gehen; spätestens ab hier dürfen sich wieder leichte Zweifel einschleichen beim Leser. Aber auch Autor May verläßt wieder ein wenig die Ernsthaftigkeit; "Sihdi, wie gern, wie so gern möchte ich deine Emmeh kennen lernen! Ich würde ihr zu liebe alles thun; ich wäre sogar bereit, mich mit ihr, wenn sie es wollte, in einen Wagen eurer Eisenbahn zu setzen, um mit ihr so weit zu fahren, wie es ihr beliebt!" sagt Hanneh (ob sie hier für Klara Plöhn steht ?), und es folgt seitens Halef postwendend "Ich aber mit!" ...

Das Thema Eifersucht steht auch kurz im Raum, aber dem Erzähler gelingt es (für den Leser augenzwinkernd), Hannehs Irritation zu zerstreuen, und Halef ist "sehr erfreut darüber, daß es mir gelungen war, dieser 'lächelnden' Angelegenheit eine unverfängliche Wendung zu geben."

Dann spielt wieder die 'andere Musik',

"Die Menschen schlafen; wenn sie aber sterben, dann wachen sie auf!" Eine großartige Stelle. ("In den besseren Stunden aber wachen wir soweit auf, dass wir erkennen, dass wir träumen"; Zitat Ludwig Wittgenstein.) Über Ent-Täuschung kann man auch z.B. bei Rüdiger Dahlke nachlesen. 

"Setz dich zu mir!" sagt der Münedschi, und der Erzähler schreibt "Wir wußten nicht, wen er meinte, aber es schien nicht nur mir, sondern auch allen andern ganz selbstverständlich zu sein, daß ich es war, der dieser Aufforderung folgte." Auch dem Leser natürlich. Es dreht sich ja immer nur um ihn, Karl May, er kreist um sich selbst, ganz wertfrei hier gemeint. ("Dichten heißt, Gerichtstag halten über das eigene Ich" schrieb Ibsen.)

Zur zitierten Stelle vom Schlafen und Aufwachen lesen wir dann entbehrlicherweise drei Erklärungen, zwei aus alten Büchern und eine vom Erzähler; da sie alle drei nicht recht befriedigen, weil das alles so angstbesetzt klingt, sei hier eine vierte beigesteuert, schlicht und einfach: die Täuschung hat ein Ende (im Tode), Befreiung von der Täuschung, Ent-Täuschung. Klarheit.

Der Münedschi hält unseren Erzähler für Ben Nur, den 'Sohn des Lichtes'.

Und gleich wieder eine beeindruckende und im Gedächtnis verbleibende Stelle:

 "Hast du die Liebe?"

"Die Scene war überhaupt eine ganz eigenartige. Rings um uns die verbrannte, unbegrenzte Wüste" ... Ein Seher großartiger Bilder.

"Hatten wir es etwa mit einem Irren, einem Wahnsinnigen zu thun?" ist dann wohl eher eine Konzession an unverständige Leser als wirkliche Selbstäußerung. Karl May stand gewissen Dingen und Bereichen aufgeschlossener gegenüber als es an dieser Stelle den Anschein haben mag. Er unterscheidet dabei erfreulicherweise durchaus zwischen "Hokuspokus" von "zweideutigen Existenzen" und wirklich Ernstzunehmendem, und bewahrt sich seinen kühlen Kopf und waches Mißtrauen.

Und dann erleben wir die 'weltliche Komponente' des Alten in Form von extremer Nikotinsucht, von Inbrunst und Gier ist die Rede. Ein feiner Zug. Auch die bemerkenswerteren Mitmenschen haben ihre ganz menschlichen Schwächen ...

In Kara Ben Nemsis Kopf "befinden sich tausend Fächer, und in jedem Fache stecken über hundert vollständige Wissenschaften, die er auf zweihundertsechzig Medahris (Universitäten) studiert und überwunden hat." (Halef) Man beachte die Anmerkung in Sachen Überwinden.

"Und ebensoviel Spaß machte mir dabei der Anblick der fünfzig Haddedihn, welche die zwei Dutzend Worte leise mitsagten und dabei die Lippen wie kauende Kaninchen bewegten." Unserem Menschenfreund rutschen doch dann und wann mal ein wenig verächtlich klingende Formulierungen durch.

"Es waren Perser da, welche euer damaliges Erlebnis ganz genau kannten" bezieht sich auf eine Stelle in Band 27, steht aber in Band 25 ... Nun gut, der ist später erschienen.

Kara Ben Nemsi kann, "obgleich er ein Christ ist, den ganzen Kuran auswendig", so Halef. Und "er sagt, Gott wohlgefällig zu leben, das sei seine Wissenschaft, und er höre ein frohes Lachen viel lieber als die trockenen Chitabat (Vorträge) aller Ulama (Gelehrten) des ganzen Morgenlandes."

Auch diese (vorzuziehende) Art der Gelehrsamkeit stößt indes gelegentlich an ihre Grenzen, "Ich träume nicht. Was du für Traum hältst, ist etwas ganz anderes. Du bist ein berühmter Gelehrter; aber alle deine Gelehrsamkeit reicht nicht aus, das zu begreifen, was ich dir darum lieber verschweige" antwortet der Münedschi auf des Erzählers Frage nach seinen jenseitigen oder auch abseitigen Erfahrungen.

"Du würdest es für eine Krankheit halten, während es doch grad ein Beweis der höchsten geistigen Gesundheit ist." Auch das ein bemerkenswerter Satz.

Der Erzähler hält die ganze Angelegenheit an dieser Stelle tatsächlich für eine "Nervenkrankheit, die ich allerdings nicht wie du als den 'Beweis der höchsten geistigen Gesundheit' bezeichne".

Und dann kommt man angelegentlich miteinander ins Gespräch,

"Es giebt ja überhaupt keinen wirklichen Tod, denn das, was ihr so nennt, das ist eben nichts anderes als scheinbarer Tod. Es ist das Ablegen des irdischen Kleides, welches wir unter dem Namen 'Körper' hier getragen haben, aber niemals wieder tragen werden. Dieser Körper bleibt zurück, um sich in seine Grundbestandteile wieder aufzulösen, die Seele aber, die in ihn gekleidet war, wird auf ewig frei von ihm, der sie beengte." (Münedschi)

Aber über "letzte Dinge" zu räsonnieren und gleichzeitig auch wieder ein bißchen Blödsinn zu machen, das hat sich ja bei May noch nie ausgeschlossen, und sieheda, Halef ist zur Stelle und läßt verlauten "Es will doch jeder vernünftige Mensch im faktischen Besitze seiner rechtmäßigen Seele sein, ohne ihr gestatten zu müssen, mit freundlichem Lächeln wie die Frauen und Töchter des Abendlandes auf den Eisenbahnen herumzufahren. Beliebt es dir, von dieser vorsichtigen Behandlung der Bewohnerin deines Körpers eine Ausnahme zu machen, so habe ich, wie bereits gesagt, nichts dagegen einzuwenden, zumal du uns mitgeteilt hast, daß sie bisher stets schon nach kurzer Zeit und pünktlich wieder zurückgekehrt ist, obwohl für eine leichtsinnige Seele auch das schon vollständig genügt, verschiedene Allotria und sonstige Dinge zu treiben, die ihr eigentlich verboten sind. Aber bedenklich, höchst bedenklich wird die Sache, wenn sie auf einmal anfängt, gleich zwei volle Tage wegzubleiben! Das ist doch unbedingt gegen den inzwischen leblosen Körper eine Rücksichtslosigkeit, die er sich unmöglich gefallen lassen kann, zumal es ihm in seiner Pflichttreue und Ordnungsliebe niemals eingefallen ist, auch einmal ohne sie spazieren zu gehen und sie einsam und ohne Subsistenzmittel zu Hause sitzen zu lassen! Daß du dir auch das gefallen lassen willst, nun, ich kann es ja nicht ändern, sondern nur sagen, daß ich an deiner Stelle sehr energische Maßregeln ergreifen und ihr den Standpunkt so klar machen würde, wie es einer solchen, gern aufsichtslos herumstreifenden Seele gegenüber nur immer möglich ist."

"Ohne ein Augenarzt zu sein, konnte ich mich der Meinung nicht erwehren, daß auch seine Blindheit in enger Beziehung zu diesem starken Rauchen stehe, und daß ich da recht hatte, bewies mir dann die spätere Zeit." Da hat der Kandolf in seiner Fortsetzung sich also doch an eine Vorgabe gehalten. Auch daß der Münedschi vermutlich ein Europäer ist, deutet bereits May an.

In Sachen auf schlicht und nüchtern veranlagte Gemüter "abseitig" wirkender Angelegenheiten bewahrt sich Erzähler May den 'goldenen Mittelweg', er ist weder ein Ignorant noch ein Spinner,

"Ich bin ein sehr nüchterner Mann und jeder Phantasterei abgeneigt; ich nehme nur das als wahr und richtig hin, was ich mit kalten Sinnen geprüft und als echt erkannt habe; aber trotzdem oder vielleicht grad darum

'schau ich gern in solche Ecken,
wo geheime Sachen stecken',"

und das wird in den weiteren Kapiteln noch durchaus deutlich werden.

"Mit solchen nach der Wahrheit Strebenden verkehre ich gern" !

 

Zweites Kapitel - El  Kanz  el  A'da

Die Wüste - "Ihre Physiographie ist bekannter als die bisher noch kaum gewürdigte Bedeutung, welche sie als Erzieherin des sie betretenden oder ihre Wahat (Oasen) bewohnenden Menschen besitzt."

Die Wüste als Erzieherin.

"Der Mensch hat die Gabe, sich den Naturverhältnissen des von ihm zum Aufenthalte gewählten Landes anzubequemen; er wird je länger desto mehr ein Sohn desselben, indem er die Eigenart des Bodens annimmt, der seine Wohnung trägt, mag diese nun eine festgegründete oder ambulante sein. So auch der Wüstenbewohner. Ich gestatte mir nämlich dieses eigentlich grundfalsche Wort, weil es sich nun einmal eingebürgert hat."

"Die Wüste liegt weit und flehend ausgebreitet wie ein endloses Gebet zu Gott um Gnade und Barmherzigkeit. Sie ist ein tief ergreifendes Bild irdischer Armut und Hilflosigkeit." [...] "Die flüsternden Engel decken das Teufelswerk in liebevoller, nie ruhender Arbeit zu." (!)

"Der Sinn für die Entfernung geht verloren; man glaubt, inmitten einer halt- und gestaltlosen Ewigkeit zu reiten, und verliert in ihr den eigenen Halt."

Der Wüstenbewohner, dessen "ganzes inneres Leben ein, nur von einigen Brunnen unterbrochenes, Wandern durch die Oede ist", wird naturgemäß zum Egoisten, "Liebe, besonders Nächstenliebe, die zweite große Forderung der Christuslehre, kennt er überhaupt nicht, wie ja auch die Wüste nichts weniger als liebreich gegen ihn ist. Wie sie nichts giebt, sondern nur Opfer fordert, so ist auch er nur Egoist und will sogar den Himmel für sich allein haben. Hat sie den ganzen Tag gedürstet, so saugt sie den Tau der Nacht bis auf den letzten Tropfen auf; in derselben Weise unterwirft auch er sich geduldig allen Entbehrungen, um sich dann dem Genusse ohne Maß und Selbstbeherrschung zu ergeben." [...] "Der Boden seiner Seele gleicht der Felsen-, der Trümmer- und der Tiefsandwüste."

"Komm mit mir im Geiste in die Wüste, lieber Leser!"

"Du bist auf Fasten gestellt und wirst nun die Erfahrung machen, daß jetzt die Thätigkeit des Geistes diejenige des Körpers überragt. Das ist der Grund, weshalb selbst bei halb oder gar nicht civilisierten Völkern vor wichtigen Wendepunkten im Leben des Einzelnen oder auch der Gesamtheit ein Fasten vorgeschrieben ist. Sogar der Indianer fastet längere Zeit vor der Ceremonie des Namengebens oder vor der Wahl der Medizin. Es ist, als ob die Seele freier geworden und in ihren Funktionen weniger gehemmt sei als vorher. Deine geistigen Sinne scheinen doppelte Schärfe und deine Gedanken Flügel bekommen zu haben. Du lebst mehr innerlich als äußerlich." Rüdiger Dahlke hat ein Buch über das Fasten geschrieben.

"Und wie du Himmel und Erde nicht mehr zu trennen vermagst, so schaust du zu gleicher Zeit nach außen und nach innen."

"Dein Leib? Du hast keinen Leib mehr; du bist nur Seele, nichts als Seele. Der Leib ist in dieser Grenzenlosigkeit immer leichter und leichter, immer nichtiger und nichtiger geworden, bis er als ein Nichts in der Unendlichkeit dir aus den Gedanken schwand."

"Du bist jetzt überirdisch und atmest im seligen Reiche der Zuversicht zu dem, der da ist das ewige Leben und dessen Eigentum du bist."

Wohlgemerkt: die vorstehenden Zitate sagt nicht etwa der Münedschi zum Erzähler, sondern schreibt der Autor Karl May dem Leser.

"Du denkst zunächst des heimatlichen Himmels, der andere Bilder hat als dieser südlichere. Das liebe Vaterhaus mit allen, die in ihm wohnen, kommt dir in den Sinn. Dein Herz eilt hin zu ihnen, denen deine Liebe gehört. Du hältst Heimkehr aus der Wüste, aus der fernen Fremde in die Heimat, die dich geboren hat. Aber der Glanz der Sterne zieht dich wieder her, ohne daß du das Gefühl, daheim zu sein, verlierst."

"So wird dir selbst die Wüste zum Heim, und auch die Sterne grüßen dich nicht fremd. Es ist, als ob sie liebe, verheißungsvolle Worte herniederflimmerten von den Wohnungen im Hause des Vaters, welche Christus uns bereitet hat. Ist es nicht wunderbar, daß diese Sonnen und Welten, millionenmal größer als unsere winzige Erde, dich nicht erschrecken, sondern vielmehr deinen Glauben und dein Vertrauen stärken?"

Und dann sind wir auch schon bei "Ich fragte zu den Sternen", im Buch in voller Länge abgedruckt, mit einigen kleinen Änderungen im Vergleich zum "Himmelsgedanken"-Reprint übrigens.

"Sieh die Wüste im Glanze dieser Sterne liegen! Geht er nicht vom Vater aus? Oder denkst du, daß er einen andern Urquell habe, den du mit Hilfe deiner sogenannten Wissenschaft erreichen und chemisch begutächteln kannst, um ihn dann in Flaschen mit patentiertem Gummiverschluß per Reklame zum Verkaufe en gros und en détail auszubieten? Ich sage dir, die einzige, untrügliche, also wahre Wissenschaft ist Gottes Allweisheit, und der Glanz, welcher von dieser Weisheit aus über alle Welten strahlt, kann von keines Menschen Sohn auf dem Wege der Wissenschaft bis an seinen Quell zurückverfolgt werden."

Howgh.

"Wenn Camille Flammarion, der bekannte französische Astronom, mit Hilfe des elektrischen Lichtes mit den Bewohnern des Mars sprechen will, so sind erst Vorfragen zu erledigen, die vielleicht in Jahrtausenden noch nicht beantwortet sind, und selbst wenn ihm dies gelänge, so hätte die Wissenschaft eine Linie nur bis zum nächsten äußern Planeten gezogen, was den unzählbaren Fixsternen und ihren unmeßbaren Entfernungen gegenüber nicht einmal als Anfang bezeichnet werden könnte. Es würde das ungefähr dasselbe sein, wie wenn der kleine, bewegliche Goldfisch in meinem Aquarium auf den Gedanken käme, den fernen Titicacasee einer ichthyographischen Untersuchung zu unterwerfen. Mein Halef nennt die Sterne am liebsten Ujun es Sema, Himmelsaugen, und als ich ihn einmal nach dem Grunde fragte, antwortete er: 'Wenn ich in stiller Nacht unter dem glänzenden Firmamente liege, ist es mir, als schaue Allah mit tausend hellen, lieben, gütigen Sternenaugen aus dem Himmel auf mich hernieder, um mir zu sagen, daß ich in seinem Schutze ruhig und sicher schlafen könne.'"

"Schließe die Augen, und lausche in dein Herz hinab! Auch dort sind leuchtende Sterne aufgegangen, und das Licht der Gottesnähe breitet sich über die erkenntnishungrige Einsamkeit. Es werden Stimmen laut in dir; beachte sie nur! Sie rufen dich von deinem bisherigen Pfade ab zum Karawanenwege der Gläubigen, der nach dem Lande der Verheißung führt. Deine Seele bricht auf, ihnen zu gehorchen; deinen müden Körper aber nimmt der Schlaf in seine Arme. Allah jebarik fik; Allah jatik nuro; leletak sa'ide - Allah segne dich; er spende dir sein Licht; gute Nacht!"

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Über ein Kamel: "Und sonderbar, diese Augen schienen von dem hellen Tageslichte nicht im geringsten angegriffen zu werden, und ihr Blick war so treu, so intelligent, wie ich es noch bei keinem einzigen Kamele gesehen hatte. Die Füße waren außerordentlich klein und die Formen, ich möchte fast sagen, weiblich voll und rund. Bei einem Kamele kann natürlich von Schönheit nicht die Rede sein; hier aber möchte ich doch eine Ausnahme machen und behaupten, daß dieses schön gewesen sei. Ich gestehe, daß ich ganz entzückt über dieses Tier war." In einem anderen Werk Karl Mays aus dem Orient konnte man schon einmal an einer Stelle den Eindruck gewinnen, daß nicht immer, wenn von Kamelen die Rede ist, Karl May auch wirklich Kamele meint, sicher, manchmal sind es einfach Kamele, und dann aber zwischendrin auch mal wieder nicht, es ist nicht einfach bei ihm. Hier jedenfalls weiß man wiederum vielleicht nicht so recht was man sich bei der Stelle denken soll.

"Mirza Dschafar! Der bei meiner letzten Reise mit Halef durch Persien eine für uns so bedeutende Rolle gespielt hatte!" Hier ist es nun endgültig vorbei mit profanen Dingen wie Chronologie usw.; "Am Jenseits" wurde zwischen Silberlöwe I+II einerseits und Silberlöwe III+IV andererseits geschrieben, und dieses "Problem" (es ist ja keins) wird der pfiffigste Kopf nicht in Richtung chronologischer Ablauf zurechtfriemeln können ...

 "Dir sage ich es. Man hat das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen. Kannst du das glauben?"

 "Warum nicht? Ich kenne Menschen, welche noch viel Schlimmeres gethan haben."

"Etwas Schlimmeres giebt es nicht? Wer das Heiligtum bestiehlt, der bestiehlt Allah!"

"Ein Faulenzer, ein Tagedieb bestiehlt Allah auch, denn die Tage des Lebens gehören nicht ihm, sondern Gott, und ein Lebenstag ist wenigstens ebenso wichtig wie irgend ein Gegenstand in den heiligen Mauern von Meschhed Ali oder Kerbelah."

Eine interessante Betrachtungsweise, die nebenbei auch des Erzählers individuelle Sicht in Sachen Moral usw. deutlich werden läßt.

"Wir wollten mit dem Effendi nach Mekka, und weil er als Christ die heilige Stadt nicht betreten darf, habe ich aus ihm einen berühmten, muhammedanischen Gelehrten gemacht und ihm einen Namen gegeben, dessen Länge von Bagdad bis nach Stambul reicht." Putzig. Die Buchausgaben verkaufen sich, und schon ist einer derer Titel zum geflügelten Wort geworden.

"Der Eindruck, den er nicht nur auf mich, sondern auf uns alle machte, läßt sich am besten mit dem Ausdrucke bezeichnen: ein Schiit, ja, ein sehr hoher Beamter der Stelle, an welcher die Schia sich ihres nichtsnutzigsten Bodensatzes zu entledigen pflegt, aber doch ein Gentleman." Eine aparte Formulierung, und läßt an dieses und jenes denken ...

"Ich bin nie rachsüchtig gewesen und war es auch hier nicht im geringsten, denn ich habe mich stets bemüht, grad in der verzeihenden Liebe derjenigen Christenpflicht gerecht zu werden, welche eine der ersten, ja wohl die allererste ist", lobenswert, aber ob der private Karl May wirklich immer diesem Bild entsprochen hat, das er da von sich zeichnet, kann man getrost denn doch bezweifeln ...

"Ich muß gestehen, daß wir jetzt allerdings ein Meisterstück zu hören bekamen, freilich ein Meisterstück nach Halefs Art. Er verstand es, das Unbewegliche beweglich und das Tote lebendig zu machen; alles bekam durch ihn Gestalt, Farbe und Inhalt; er wußte selbst das einfachste, und wenn es nur das Sandkorn der Wüste war, in einer Weise zu beschreiben, die ihm Interesse verlieh. Natürlich wurde der Sperling zum Albatros und der Tropfen zur Ueberschwemmung umgewandelt. Aus Hanneh machte er eine Göttin, aus mir wenigstens einen Halbgott, aber aus sich eines jener unbegreiflichen, paradiesischen Wesen, wie sie, alle Mächte, Kräfte und Gesetze beherrschend, in der Poesie des Morgenlandes leben und Wunder über Wunder thun." Mit dieser Beschreibung von Halefs Erzählkunst beschreibt der Autor sein eigenes Schreiben...

"Es wurde mir himmelangst, wie der Perser diese Schilderung aufnehmen werde. Glücklicherweise war er Orientale, verstand es also, das wirklich Wahre herauszufühlen, und hörte dem, was der Phantasie entsprang, mit jener stillen, in den Augen strahlenden Begeisterung zu, welche im Abendlande nur dem gläubigen Kinde beim Märchenerzählen eigen ist." Leider sind nicht alle Leser so klug ...

"Ja, du bist ein sehr guter, ein ausgezeichneter Erzähler, wie ich noch selten einen gehört habe," antwortet der Gefragte "allen Ernstes", "Man könnte dir den ganzen Tag zuhören, ohne nur einen Augenblick zu ermüden."

Und Halef macht seiner Befriedigung über die erhaltene Anerkennung mit den Worten "So wird also der Getadelte gelobt, der Erniedrigte erhöht und das Genie endlich in seiner ganzen Erhabenheit und Größe anerkannt!" Luft ...

Der Ghani "ließ den Blinden also für Geld sehen",  er "nützt er ihn also als immerwährend fließende und reiche Einnahmequelle aus! Nun ist mir seine sogenannte Mildthätigkeit gegen den Münedschi ja ganz klar. Ich traute ihr gleich anfangs nicht! Er wird das in Mekka ebenso und mit noch größerem Erfolge machen, ohne daß der Kranke es ahnt. Er behält ihn bei sich wie einen Gefangenen und nützt ihn aus, soviel er kann." So kann es schon mal sein mit den Mächtigen und den Leuten mit besonderen Begabungen ...

"Was wirst du mit ihnen thun, wenn es dir gelingt, sie festzunehmen?"

"Ich werde sie nach Meschhed Ali schaffen."

"Und wenn sie sich wehren?"

"So schieße ich sie nieder. Das ist dir wohl zu streng?"

"Ich bin hier weder Ankläger noch Richter noch sonst irgendwie beteiligt und kann also keine Meinung haben."

Kara Ben Nemsi kann auch recht nüchtern und pragmatisch sein ... Wir erinnern uns: die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die man ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen unterscheiden zu können.

Und gleich noch einmal: "Erlaube, daß ich bei den Haddedihn bleibe! Ich gehöre jetzt zu ihnen; auch ist es stets mein Grundsatz gewesen, mich nicht in Dinge zu mischen, die mir fernliegen. Daß das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen worden ist, geht mich nichts an, und mit dem Ghani habe ich einstweilen auch nichts mehr zu thun; es ist also gar kein Grund vorhanden, mich an der Jagd nach den Dieben zu beteiligen."

Der Münedschi sagt zum Erzähler:

"Ich war nicht hier bei euch, sondern an einem hohen, lichtherrlichen Orte und habe deinen Schutzengel gesehen. Er heißt Marrya und befahl mir, dich zu grüßen. Seine Wohnung schmiegt sich an die Stufen von Allahs Thron; seine Gestalt ist Schönheit, sein Gewand Weisheit, seine Stimme Sanftmut und sein Blick Liebe, Liebe, nichts als Liebe. Ich sah seine Hände ausgebreitet über dir, und Glaube, Zuversicht und Gottestreue floß von ihnen auf dich hernieder. Ich sah dich selbst in zwei verschiedenen Gestalten, welche gegen einander kämpften; die eine war dunkel, wie der Schatten der Nacht, welcher sich gegen die Morgenröte empört, die andere hell und rein, wie das sanfte Licht, welches um christliche Altäre leuchtet. Die dunkle bestand aus deinen Fehlern, die du noch nicht überwunden hast, die lichte aus den Gedanken und Gefühlen, welche du der Vervollkommnung und dem Himmel weihst. Die finstere war stark, gewandt und listig, die helle aber mächtiger als sie, gewappnet mit dem Schilde der göttlichen Gnade und mit dem Schwerte der Willensfestigkeit. Und indem ich sie miteinander ringen sah, hörte ich die Stimme deines Engels: 'Bange nicht für ihn, denn er wird siegen und immer reiner werden, bis das Dunkel sich ganz in Licht verwandelt hat. Er kann nicht unterliegen, denn er weiß, ich schütze ihn!' Um dir diese Worte des Herrlichen zu sagen, kehrte ich zu dir zurück; ich besinne mich!"

und der Erzähler äußert "Er hatte in einem Tone gesprochen, als ob derartige befremdende Mitteilungen für ihn gar nichts Besonderes seien." Was soll denn daran auch befremdend sein ...

Aber auch den weltlichen "Sätteln" bleiben wir gerecht, "seine soeben an einem 'hohen, lichtherrlichen Orte' gewesenen Gedanken beschäftigten sich sofort mit etwas sehr Materiellem", nämlich Tabak; das eine schließt das andere ja auch keineswegs aus.

Der gierig qualmende Münedschi erklärt wie beiläufig "Ich sehe in alle Zeiten, die vergangene, gegenwärtige und zukünftige. Ich sehe Orte, welche der Erde angehören, und Orte, welche nicht auf ihr liegen."

"Ich bin nicht Stern-, Traum- oder Zeichendeuter, sondern seit ich hilflos geworden bin durch die Blindheit meiner Augen, gehöre ich zu den Armen und Unmündigen, denen offenbar wird, was den Reichen und Klugen verborgen ist. Ich bin weder ein Geisterseher noch ein Prophet, kein Lügner und auch kein Phantast; ich bin weiter nichts als ein in der Wüste verlorenes Schaf, welches seinen Hirten sucht. Wenn mich da die Aufmerksamkeit meiner Sehnsucht die Stimmen der Wüste hören läßt, die sonst niemand hört, und wenn mein Durst aus weiter Ferne die Feuchtigkeit des Wassers spürt, welche die Glücklichen nicht empfinden, die bei dem Hirten an der Quelle liegen, so mögen wohl sie von Selbstbetrug und Täuschung sprechen, ich aber lasse mir diese Stimmen und diesen feuchten Hauch als Führer aus der Verlassenheit zum Brunnen dienen. Ich wollte gegen dich schweigen, denn du warst mir fremd; aber nun ich dich im Kampfe, den ich dir beschrieb, gesehen habe, ist es mir, als müßtest grad du, der mich aus dem Grabe geholt hat, alles wissen, was ich jenseits desselben liegen sehe. Fürchte dich nicht! Es entspringt daraus kein Schaden für deine Seele und für deinen Glauben, sondern es wird dir dadurch die herrliche Erkenntnis gegeben, daß die Liebe der Ursprung alles Bestehenden ist und daß nur sie allein den Weg zum irdischen Glücke und zum Paradiese zeigt!"

Und 'Liebe' ist hier auch keineswegs eine Worthülse oder eine Floskel,

"Zu sagen, ich liebe meine Mutter, ich liebe mein Kind, ist falsch, denn die Liebe, die wahre Liebe, läßt sich nicht begrenzen, nicht auf Personen beschränken".

"Er richtete die toten und doch so hellen Augen auf mich. Es sollte der Ausdruck der Frage in ihnen liegen, aber der Blick war leer und inhaltslos wie die Herzen der Millionen, welche so viel von Liebe sprechen, ohne sie zu besitzen."

"Die wahre Liebe hofft nicht und wünscht nicht, denn sie ist ja an sich schon die Erfüllung, die ausgeführte, volle That. Sie ist die einzige Macht, die einzige Kraft im Himmel und auf Erden. Nenne mir die Namen aller scheinbar andern Kräfte, sie sind doch nichts als nur verschiedene Erscheinungs- oder Wirkungsformen von ihr. Die Liebe hört nie auf. Sie hat keinen Anfang und kein Ende, sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Beziehung; also kann es außer ihr nichts anderes geben. Sie erfüllt das Sonnenstäubchen und den Weltenraum, die kurze Sekunde des irdischen Zeitmaßes und auch die ganze Ewigkeit. Sie läßt sich nicht einteilen in Eltern-, Kindes-, Gatten-, Freundes- und allgemeine Menschenliebe. Wer sie so zerstückeln zu können meint, dem ist sie unbekannt. Unser Erkennen und unser Weissagen ist solches Stückwerk, vor der Liebe aber, die das Vollkommene ist, hört jedes Stückwerk auf."

Wir erfahren dann, daß es sich bei diesen Ausführungen um eine Stelle aus einem Korintherbrief handelt, aber ob Korinther oder nicht, das 'bleibt sich gleich', um den Inhalt geht's, und der wird so zu allen Zeiten und an allen Orten immer wieder einmal empfunden worden sein.

Der Münedschi gibt sich versehentlich als ehemaliger "Christ" zu erkennen; "Ich kenne dieses Namenchristentum leider nur zu gut. Ich habe es studiert und darunter gelitten seit meiner Jugendzeit"; "Ich habe es aus vielen, vielen Büchern studiert und bin mit manchem sogenannten Christen zusammengetroffen, der grad und genau das Gegenteil von dem war, was ein Anhänger der Messiaslehre sein soll. Ich habe da so viel Trauriges erfahren und erlebt, daß ich nur höchst ungern davon spreche. Schweigen wir also über diesen Gegenstand! Gebt mir lieber Tabak, die Pfeife ist mir wieder ausgegangen!"

Dann trifft man auf den ungestümen Tawil, Scheik der Beni Khalid, der nebenbei in einem interessanten Vortrag seine Geringschätzung des Militärs (mit Titulierung von Offizieren als "Lustigmacher" oder "Hanswurst") "zum Besten" gibt.

Und dann kommt eine Stelle, die nicht nur Hadschi Halef, sondern auch dem geneigten Leser wehtut; der Kerl bezeichnet Halefs geliebte Hanneh als alte, häßliche Hexe mit triefenden Augen, und wer nachvollziehen kann, mit welcher Hochachtung Halef mit Recht zu ihr steht, weiß daß das nicht geht.

Und so haben wir Halef auch noch nie erlebt, zunächst gibt es wie zu erwarten war Hiebe bis er nicht mehr kann, und dann "warf er die Peitsche von sich, trat zu mir heran und rief, vor Anstrengung atemlos, aber blitzenden Auges und mit noch vor Wut bebender Stimme", und zwar

"Sihdi, ich bitte dich um Allahs willen, sprich mir jetzt ja nicht darein, sonst platze ich! Dieses Mal darfst nicht du bestimmen, was geschehen soll, sondern ich bin es, dem man zu gehorchen hat. Dieser Hund hat mein Weib begeifert, meine Hanneh, das schönste, reinste und beste aller Wesen, die auf der Erde wandeln; er hat ihr nicht nur einen verachteten Namen, sondern auch triefende Augen gegeben, und wenn du mich hinderst, ihm diese Lästerung heimzuzahlen, so schwöre ich dir zu, daß ich die Freundschaft zu dir sofort aus meinem Herzen reiße! Ich verspreche dir, als Mensch mit ihm zu verfahren; mehr aber kannst du nicht von mir verlangen! Bist du einverstanden?"

Lächle darüber wer will, das berührt, daß er gegebenenfalls die Freundschaft aufkündigen will. Wie heißt es manchmal doch bei May, "So etwas war noch nie dagewesen" ...

Und sein Gegenüber ist einverstanden, nicht ohne anzumerken "Ja, denn ich weiß, daß du nichts thun wirst, was mich zwingen würde, dann meinerseits die Freundschaft zu dir aus dem Herzen zu reißen!" In diesem Buch geht es ans Eingemachte, hier wird Konflikt- und Belastungsfähigkeit erprobt bis zur Schmerzgrenze.

Und es wird nicht leichter, auch für den Leser ... die Faßada, den Aderlass, den dieser Tawil bei dem gefangenen Perser zur Anwendung bringt, wendet Kara Ben Nemsi nun seinerseits bei ihm an ... Das ist nichts anderes als Folter, darüber sollte man sich ganz klar sein. Unser Erzähler neigt gelegentlich zu solchen Maßnahmen ...

"Menschenblut ist eine sehr teure und ernste Sache, mit welcher man keinen Scherz treiben darf, zumal hier in der Wüste, wo strenger als sonstwo Blut mit Blut zu bezahlen ist." Aber "Er muß erst Angst, wirkliche Angst bekommen. Sorge also dafür, daß die Blutung nicht aufhört!" Nunja. Es ist nicht immer schön, was unser May sich da so ersinnt.

"So und nicht anders war wohl auch der Brunnen beschaffen, aus welchem einst Rebekka dem Oberhirten Abrahams und seinen Kamelen Wasser schöpfte. An gewissen Einrichtungen und Gebräuchen des Orientes können Jahrtausende vorübergehen, ohne das geringste zu ändern." Und auch wenn Einrichtungen und Gebräuche sich ändern, das Wesentliche ändert sich nicht. Ob im Orient oder anderswo. Die Menschen sind die gleichen wie vor Tausenden von Jahren, es gibt nichts Neues unter der Sonne.

"Erweckt der Anblick deiner Emmeh nicht auch solche Kampfeslust in dir?"

"Nein."

Aber warum, wird nicht verraten ...

Der Erzähler sieht dem Scheik Tawil "fest in die Augen" und entscheidet dann, ihn auf eigenes Risiko freizulassen. Er kennt seine Pappenheimer, und weiß, was wann richtig ist. Auch daß er damit "einen großen Sieg" errungen hat, weiß er.

Kara Ben Halef will kämpfen, Hanneh ist einverstanden ...

Dann wieder der Münedschi, "Tief unten zieht Finsternis über die Länder, der Haß und die Zwietracht über Berg und über Thal. Wo sind die, welche Gottes Stimme hören und aufwärts steigen zum ewigen Glück? Es sind ihrer so wenige, daß ich sie nicht zu sehen vermag. Das Geschlecht der Menschen hat keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören; es geht der Nacht entgegen anstatt dem Tage. Einer lockt und winkt dem andern; einer schiebt und drängt den andern; so führen und stoßen sie sich weiter und weiter, vom Lichte ab und der Finsternis entgegen. Die Menschen wollen sich von Allah nicht mehr strafen, nicht mehr leiten und führen lassen. Sie halten ihren eigenen Geist für klüger als den Geist der Liebe und der Wahrheit, der alle Himmel regiert und alle Welten lenkt. Sie sitzen darüber zu Gericht, ob es einen Gott giebt oder nicht. Entweder verleugnen sie ihn, oder, wenn sie das nicht thun, so lassen sie sich von ihrer armen, blinden Wissenschaft einen Tempel bauen, in welchen sie ein Abbild ihrer hochmütigen Schwäche setzen, um es Gott zu nennen."

Über einen anderen: "Wenn es Tag gewesen wäre, so hätte ich in seinem Gesichte wahrscheinlich folgende Gedanken lesen können ...", da es aber nicht Tag ist, muß es auch ohne Anblick des Gesichts gehen, "Dieser Effendi aus dem fernen Moghreb, welcher trotz seiner großen Gelehrsamkeit ein sehr dummer Mensch ist, weil er mir das Versteck zeigen will, soll erfahren, daß ich gescheiter bin als er. Wenn die Sachen so kostbar sind, wie er sagt, so bekommt sie weder er noch der Perser noch ein anderer Mann, sondern ich behalte sie!"

"Diese Halunkenhaftigkeit des alten Mekkaners war zugleich empörend und imponierend!" Eine ehrliche Aussage, die ihm da offenbar mehr oder weniger herausgerutscht ist ...

"Der Angeredete glich einem mit Wut gefüllten Feuerwerkskörper, den die verächtlichen Worte des Hadschi in Brand setzten. Er prasselte los." Mays Sprache ist zwar wirklich immer wieder sehr originell, aber nicht immer wirklich elegant ...

Viel Geplänkel hin und her und her und hin in diesem Kapitel, Palaver, Längen.

Am Ende noch interessante Betrachtungen in Richtung Halef: "Ich freute mich über ihn. Seit ich die Entscheidung in seine Hand gelegt hatte, war es, als ob er ein ganz anderer Mann geworden sei. Er fühlte sich unabhängig von mir und das gab ihm eine Sicherheit, eine Ruhe, welche von seiner sonstigen Leichterregbarkeit wohlthätig abstach." In Silberlöwe III + IV spielt er dann keine allzu große Rolle mehr ...

 

Drittes Kapitel - El Mizan

Mit brenndenden Fackeln soll der Münedschi als eine Art Gespenst in Erscheinung treten; der Erzähler räumt zwar ein daß ihm die Sache "vorkommt, als ob Kinder spielten; sie ist kindlich, sogar kindisch", aber er läßt die Angelegenheit dennoch so stattfinden. Das kindliche und kindische ist ja auch ein Anteil in ihm selber, wir kennen eine ähnliche Szene auch aus "Die Königin der Wüste" in den "Deutschen Herzen", (und aus der Bearbeitung "Allah il Allah"). - "Glücklich zwar ist der Mensch, dem es gelungen ist, seinen kindlichen Sinn mit herüber in die ernsten Jahre zu retten, aber der Ernst soll sich ihm nicht unterzuordnen haben."

Der (auf einige der Anwesenden) so spektakulär wirkende "Gespensterauftritt" wird recht schnell abgehandelt, es wird in diesem Kapitel um Wesentlicheres gehen als um buntes Spektakel.

Zuvor noch eine eigenartig mitteilungsbedürftig wirkende Stelle:

"Wie uns Hanneh am nächsten Tage berichtete, war es für sie nicht bequem gewesen, ihm so oft Feuer zu geben. Tabak und Kibritat (Zündhölzer) hatte sie allerdings für ihn genug gehabt; aber da das Aufleuchten der Hölzer nicht zu uns hinüberscheinen durfte, war sie gezwungen gewesen, das Anbrennen hinter der Sänfte vorzunehmen und da die ersten Züge immer selbst zu thun. Auf die Gefahr hin, indiskret zu erscheinen, will ich die hochverräterische Bemerkung machen, daß die Beduininnen im Anzünden eines Tschibuk nicht ganz unbewandert sind und man von Hanneh in keiner Beziehung sagen konnte, sie stehe ihren Stammesgenossinnen nach. Alt, sehr alt und ganz durchsogen freilich war die Pfeife des Blinden, doch weiß ein von Mitleid erfülltes Frauenherz selbst solche, sagen wir einmal, Malpropretäten zu überwinden."

Von launigen Stimmungen umzuschwenken zu Tiefernstem, 'ans Eingemachte', fällt dem Erzähler nie schwer, "denn als der wohlbekannte und vielbesungene Effendi Morpheus eben um den Tachtirwan geschlichen kam, um mir die Augen zuzudrücken, begann der Münedschi" ..., und wir kommen unversehens zum Höhepunkt des Buches.

"Steigt ein Strahl des Himmels nieder, muß er dich gerüstet finden, ihm dein Inneres zu öffnen und ihn dankbar aufzunehmen!" ("Da kam ein Strahl hernieder, hell leuchtend in mein Herz" ...)

"Es war ganz so, als ob es nicht dunkle Nacht, sondern heller Tag und als ob er nicht blind, sondern sehend sei. Wir folgten ihm mit Staunen."

"Seid mir gegrüßt, ihr Pilger dieser Erde, gegrüßt in der Sprache dieser eurer Welt! [...] Richtet eure Blicke empor zum Himmelszelt! [...] So schaut ihr von euch aus nach allen Seiten hinaus und hinein in Millionen und Milliarden Ewigkeiten und haltet eure kleine, ach wie beschränkte irdische Weisheit doch für klug genug, den Herrn und Schöpfer dieser Welten und Aeonen im letzten, höchsten, herrlichsten der Himmel zu entdecken. Ich sage euch: es giebt keinen Himmel, welcher der höchste, der letzte ist. Wie diese Himmel alle doch nur einen einzigen bilden, so ist der Herr auch nur in diesem einen, nicht in einem besonderen zu suchen, und wenn ihr ihn nicht im Mittelpunkte eures irdischen Firmamentes findet, also hier bei euch selbst, so werdet ihr ihn dort in jenen Himmeln auch vergeblich suchen. Ihr findet ihn weder hier noch dort, weil ihr die falschen Augen öffnet, die richtigen aber fest geschlossen haltet. Ihr sucht ihn so, wie ihr nach der Erkenntnis irdischer Dinge trachtet, nämlich mit den Augen eurer Wissenschaft, die doch schon, um nur Irdisches zu sehen, der Brille bedarf. Die Augen des Glaubens aber, welche nie eines Glases bedürfen und bedürfen werden, haltet ihr geschlossen."

"Doch muß ich mich eurer Weise anbequemen, weil ihr mich sonst nicht verstehen würdet. [...] Der Mensch ward ein Pilger auf Erden, um ein Bürger des Himmels zu werden."

Nicht alles in den langen Ausführungen spricht an, vor allem besteht die Gefahr, daß mancher es zu sehr in Richtung 'strafender Gott' usw., salopp ausgedrückt in Richtung 'Bange machen' interpretieren mag. Aber vieles ist sehr schön.

"Jeder einzelne Gelehrte ist stolz auf seine kleine, irdische Wissenschaft, und der Stolz aller Gelehrten, die es gab und giebt, zusammengenommen, lieferte das Material zu einer Mauer der Einbildung und Ueberhebung, mit welcher ihr euch umgeben und eingeschlossen habt. Hinter dieser Mauer sitzt ihr als Gefangene eurer Wissenschaft und könnt nun nicht mehr über sie, die immer höher steigt, hinweg und hinaus ins Weite blicken. Das kleine, runde Stück Himmel, welches ihr über euch noch sehen könnt, imponiert euch nicht, weil es eurer Gelehrsamkeit ja so leicht wird, die Luft da oben in Stick- und Sauerstoff, und das darin flutende Licht mit einem Stückchen Glas in Farben zu zerlegen. Seht doch ein, daß dies auch noch zur irdischen Erkenntnis gehört und mit der himmlischen nicht im geringsten in Beziehung steht! Und wenn es euch gelänge, die Sonne und alle Planeten, welche sie umkreisen, bis auf ihre Mittelpunkte zu erforschen, so würde das noch kein einziger Schritt zur Erkenntnis des Jenseits sein. Steigt mit eurer Wissenschaft noch über die Bahn der Sonne hinaus, um noch fernere Sonnen, fernere Welten zu berechnen; es wird euch wohl auch das gelingen; aber ihr habt es doch nur immer mit Stoff und Kraft zu thun; die Seele bleibt euch unerforscht."

"Der Glaube ist das geistliche Sehen dessen, was das körperliche Auge nicht sieht."

"Die Wissenschaft verlangt von Gott einen ausführlichen Urkundenbeweis; sie sieht ihn nicht; sie hört ihn nicht, sie fühlt ihn nicht, weil sie über das Irdische nicht hinüber kann".

"Aber was ihm [dem Gelehrten] verborgen ist, das ist dem Gläubigen offenbar, denn mag die Wissenschaft behaupten, sie allein könne sehen, es giebt noch ganz andere Augen als die ihrigen, klare, helle, scharfe Augen, die nie und nimmer altern, die ohne Brille im kleinen Sonnenstäubchen und ohne Fernrohr in den unmeßbaren Welten das beglückende Wort der Offenbarung Gottes lesen."

"Wie viel solche Augen aber giebt es unter den Millionen Menschen, welche auf Erden wandeln? Es sind seit dem Dasein eures Geschlechtes tausend Generationen gekommen und wieder gegangen; der Glaube war für sie das Wort, welches er noch heut bei euch ist. Verschwindend nur ist die Zahl derer, für die er das ist, was er sein soll. Er wurde nicht geübt. Das Organ aber, welches man nicht übt, wird schwächer und immer schwächer; in dieser Schwachheit vererbt und dann noch weniger beachtet, verschwindet es mehr und mehr, und endlich kommt ein Geschlecht, dem es gänzlich mangelt und fehlt." Wie auch Kulturen aufsteigen und vergehen ... seit Tausenden von Jahren.

"Zuweilen wohl tauchte, hier oder dort, der lebendige Glaube auf; dann ging auch sogleich eine Kraft von ihm aus, welche Ströme von Segen spendete. Doch kaum war er mächtig geworden, so machte man ihn wieder zum Worte, zum Wahlspruch für irdische Zwecke, zur blutigen Fahnendevise, die man von Schlacht zu Schlacht schleppte, bis er zusammenbrach. Der Wissenschaft gönnte man Frieden, obwohl sie dem Menschen die Werkzeuge des Kampfes verfertigte; den Glauben aber, den friedlichen Sohn des Himmels, der die Liebe, die Versöhnung predigte, verwandelte man in das Zerrbild seiner selbst, kleidete ihn in das Gewand des Hasses und nahm ihn zum Vorwand des Kampfes bis auf den heutigen Tag. So hat man aus dem Worte 'Glaube', allerdings nicht aus ihm selbst, das Gegenteil gemacht von dem, was er ist und für die Menschheit sein soll, und schüttelt höhnisch lächelnd den Kopf, wenn jemand sich unterfängt, zu behaupten, er führe zur höchsten Erkenntnis und sei der einzige Weg zur Wahrheit." Dieser bekannte Mechanismus (Institutionalisierung auf Kosten von Inhalt und Ursprünglichkeit) greift ja auch in anderen Dingen.

"Aber der Allweise gab ewige Gesetze, die stetig bestehen und wirken, die nimmer aufhören, auch eure verehrten Kräfte und Stoffe zu lenken und zu beherrschen, und diese Gesetze verbürgen dem Glauben den einstigen Sieg." "Glauben" ist hier nicht zu eng zu interpretieren. Es geht nicht wirklich um einen persönlichen Gott, Kirchen-Frömmigkeit und dergleichen.

"Im unendlichen Reiche des Glaubens giebt es mehr Provinzen als in ihrem vergänglichen Bezirke; nur liegen die ihrigen dem irdischen Sinne näher als die seinigen; die ihrigen stehen in euern Büchern schon verzeichnet; die seinigen sind noch zu entdecken."

"Die Menschheit ist wohlgeübt in irdischen Dingen, aber in himmlischen nicht. Bindet einen eurer Füße herauf, fest an den Körper, und bewegt euch hinfort auf dem andern; der gefesselte wird nach und nach steif, wird verdorren und euch schließlich seinen Dienst, wenn ihr ihn braucht, versagen. So humpelt und springt der Mensch jetzt einbeinig durchs Leben; nur für den irdischen Wandel gerüstet, fehlt ihm für den Pfad zum Jenseits der Fuß."

"Ich schaue in eure Herzen und sehe in ihnen das Verlangen nach dem Lichte jener Welt. Zwar darf ich euch nicht jene Sphären zeigen, in denen Gott mit seinen Seligen wohnt, denn vor dem Glanz der Herrlichkeit dort oben würde euer Auge gleich bei dem ersten Blick erblinden; aber nach diesem Ort der Sichtung, nach diesem Vorhof kann ich eure Seelen führen."

Und dahin geht es nun, "um euch eine Ahnung dessen zu geben, was der Glaube, den ich meine und für den ihr nicht das rechte Wort besitzt, zu sehen und zu erreichen vermag, während selbst eurer höchsten Gelehrsamkeit dort der Zutritt streng und für ewig verboten ist. Denn, sage ich euch, am Tage des Gerichtes, welcher für die Verstorbenen eher beginnt und länger währt, als ihr hier unten denkt, wird niemand über den Reichtum seines Geistes, sondern ein jeder nur über die Schätze seines Herzens Rechenschaft abzulegen haben. Es wird nicht zwischen gebildet oder ungebildet, sondern nur zwischen gut oder bös, zwischen Liebe und Lieblosigkeit unterschieden." Man klebe nicht zu eng an den Begriffen, "gut", "bös", so einfach ist das alles ja nun wahrlich nicht. (Aber wenn er Bewußtsein oder Bewußtheit und Unbewußtheit u.ä. geschrieben hätte, hätten seine weniger geneigten Leser es nicht bzw. noch weniger verstanden ...)

"Aber wo lag dieser 'Ort der Sichtung', von welchem wir gehört hatten? Wirklich und wahrhaftig im Jenseits, oder in der Einbildung eines phantastischen, vielleicht gar geisteskranken Menschen? Worauf würden wir die versprochene Aufklärung zu beziehen haben? Auf einen der höchsten und wichtigsten unserer Glaubenssätze oder auf die Träumereien und Truggebilde eines hirn- und nervenleidenden Muhammedaners?" Nicht doch, aber das weiß er ja selber am besten. Alles getrost ein wenig tiefer hängen.

"Zwar war es natürlich nur der Blinde, welcher sprach, aber das, was wir hörten, war ein Gespräch zwischen zwei Personen, deren Stimmen so verschieden klangen, daß wir bei geschlossenen Augen auf die Anwesenheit zweier Menschen außer uns geschworen hätten, wenn die Gewißheit nicht dagewesen wäre, daß es nur allein der Münedschi sei." Und letzten Endes ist das alles natürlich allein der Erzähler, ganz gleich durch wen er nun jeweils spricht.

"Ich sehe Gegenstände und Menschen, die doch keine Gegenstände und Menschen sind. Es ist alles so gestaltet, und es bewegt sich alles so, wie auf der Erde, und doch bin ich der vollen Ueberzeugung, daß nichts hier irdisch ist!" Alles Lebendige ist nur ein Gleichnis ...

"Allah, Allah, beschütze und bewahre mich!" Es bedarf der Stärke; "Diesen letzten Satz schrie er laut auf, als ob eine plötzliche, große Gefahr über ihn hereingebrochen sei. Dabei breitete er, wie nach einem Halte suchend, ängstlich beide Arme aus. Hierauf ließ er sie beruhigt wieder sinken",

"Es erhob sich ein Sturm, in welchem mein Felsen zitterte; finstere Wolkenschwaden wurden über mich hingepeitscht; Donner rollte; Blitze zuckten. Ich hörte Schlachtengeschrei und das Krachen der Schüsse. Jetzt ist das vorüber; aber ein Nebel breitet sich um mich her. Ich sehe nichts mehr; aber ich höre die Stimmen der Sterbenden. Mütter jammern um ihre Kinder; Frauen winseln nach ihren Männern; Geizige schreien nach den Reichtümern, die sie verlassen müssen, Herrscher nach ihren Thronen, Ehrsüchtige nach ihrem Ruhme. Es ist ein Brüllen, Zetern, Klagen und Weinen um mich her, welches mich selbst zum Sterben bringen wird, wenn ich es noch länger hören muß! . . . Allah sei Dank! 'Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!' rief die Stimme eines gläubig sich Ergebenden, und sofort ward alles still. Die Nebel weichen, und ich sehe die Scharen wieder ohne Laut und ruhig wallen."

El Mizan, die Brücke, Abgrund des Verderbens, Folterpein ... wie schon weiter oben geschrieben, man lasse sich durch solche Worte nicht einseitig in Richtung angstbesetztes "Bange machen"-Denken leiten ...

Und nun widmet man sich verschiedenen Gruppen. Es steht wohl außer Zweifel, daß diese Bestandsaufnahme sehr 'irdisch' zu sehen ist, das hat nicht wirklich mit Visionen und Jenseits und Orient und sonst etwas zu tun, die Menschen, die da beschrieben werden, haben gelebt und leben noch, in Sachsen wie in Baden und überall und zu allen Zeiten.

Die scheinbar Frommen, "Gewohnheitsbesucher der Kirchen und Moscheen. Sie versäumten keinen Gottesdienst und saßen da auf ihren mit Geld bezahlten, wohlnummerierten Plätzen, auf welche sich ja kein anderer setzen durfte, wenn er nicht zu seiner öffentlichen Beschämung von ihnen hinweggestoßen werden wollte. Sie gingen zur bestimmten Zeit und in dem dazu bestimmten Rocke nach dem Gotteshause, gesenkten Blickes, wie auch jetzt, und die Fatha oder das Gesangbuch von den Händen innig umschlungen. Dabei aber blickten sie verstohlen nach rechts und links, ob man sie denn auch gehen sehe. Sie sprachen ihre Gebete oder sangen die vorgeschriebenen Lieder; sie hörten die Worte des Predigers, und wurde ihnen das zu langweilig, so ließen sie sich andachtsvoll in das süße Schläfchen des Bewußtseins fallen, daß sie das alles wohl schon tausendmal gehört hätten und es also ebenso gut wüßten, wie der Mann dort auf der Kanzel. Dann gingen sie erhobenen Hauptes heim, denn sie hatten jetzt für diese Woche ihre Pflicht gethan und dadurch Gott gezwungen, ihnen nun auch eine Woche lang dafür dankbar zu sein." - "Dieser Himmel aber ist unnummeriert und hat also nicht den auf der Erde bezahlten Platz für sie; sie werden alle, alle von der Brücke in den Abgrund stürzen. Weiter!"

Die scheinbar Guten, Milden, Sanften, "die wegen ihrer Menschenfreundlichkeit so oft und viel Gepriesenen. Du nennst ihr Lächeln sanft und mild; aber die Wage dort wird es als Selbstgefälligkeit bezeichnen. Diese edlen Menschen waren nur freundlich, um gerühmt zu werden. Ihre Nächstenliebe, ihre Sanftmut besaß einen verborgenen Skorpionenstachel. Es war ihnen eine Lust, bei dem freundlichsten Gesichte und während der gütigsten Rede ein tief und schwer verletzendes Wort in die Seele ihres Nächsten zu bohren und dadurch sein Leben zu vergiften. Sie wußten, daß der Glanz ihrer Wohlthaten auf sie selbst zurückfallen werde; sie erwiesen sie also nicht andern, sondern sich selbst. Ihre stete, rücksichtsvolle Höflichkeit war nur Schein, war berechnet, denn sie wußten, daß man einer solchen Liebenswürdigkeit nicht leicht einen Wunsch abschlagen könne. Diese stets nach außen strahlende Huld und Leutseligkeit war innerlich ein Vampyr, welcher die von dieser Huld Getäuschten möglichst auszusaugen wußte."

Die Rechts-Bewußten, "folgen dem Banner ihrer vermeintlichen Rechte; aber sie meinen damit nicht die Menschenrechte, die ihnen von Gott für die Erde verliehen waren, sondern die von ihnen selbst erfundenen." [...] Es werden neue Rechte und neue Pflichten angefertigt, denen man wohlklingende Namen giebt. [...] So wirkt einer gegen den andern, und die eigentliche, wirkliche Wahrheit ist doch, daß sie alle unrecht haben."

Dann die 'Liebenden', "Schweig! Schweig von ihnen! [...] Die Liebe, welche nur auf eine einzige Person gerichtet ist, ist keine Liebe, sondern das häßliche, abstoßende Narrbild derselben. Schau die Mütter, welche als Sklavinnen vor den Füßen ihrer Töchter knieen, und die Gatten, welche sich von den heißgeliebten, angebeteten Füßen in den Staub treten lassen! [...] Wie sie arbeiten und sich sorgen, sich ganz hingeben, sich aufopfern, bis sie am Charakter vollständig zum Schatten geworden sind! Für den aber, dem sie alles, alles verdanken, was ihnen gegeben worden ist, und dem sie dafür gehören für Zeit und Ewigkeit, für den haben sie keine Handreichung! Und wenn er dann in seinem heiligen Zorne, um diesem Götzendienste ein Ende zu machen, den Gegenstand dieser Narretei aus dem Leben nimmt, welch ein Stöhnen und Jammern ist da zu hören und welche Verzweiflung" ...

Die 'Großen', die 'Macher', "Herrscher auf Erden, Herrscher auf verschiedenen Gebieten, [...] Fürsten, welche über Länder und Völker regierten, aber nicht einmal sich selbst beherrschen konnten. Da sind allerlei Würdenträger, welche der ihnen von Gott anvertrauten Würde nicht würdig waren. Da sind hohe Gelehrte, Koryphäen der Wissenschaft, welche sich für Erb- und Gerichtsherren der Weisheit hielten und sich gegen die Einsicht sträubten, daß alles irdische Wissen und Erkennen Stückwerk ist [...] Da sind die Paschas und Sultane des Mammons, welche von ihren protzenden Thronen aus die Unbemittelten knechteten und in Fesseln schlugen, ohne zu ahnen, daß sie selbst die Fesseln der niedrigsten Knechtschaft trugen, die es auf Erden giebt: die aus Goldbarren geschmiedeten Handschellen, die erwürgenden Zugstricke des Geldsackes. [...] Helden der Phrase, die Redner des Volkes, die Sprecher der Parlamente, die ihre Schlagworte wie platzende Bomben, das Göttliche verneinend, zerstörend in die Versammlungen warfen" ...

Die "Irdisch Klugen", "welche sich hüteten, mit ihrem Glauben offen hervorzutreten; ihr Vorteil verbot ihnen dies. Auch sind die Schamvollen dabei, welche befürchteten, sich lächerlich zu machen. [...] Sie sahen den Säemann der göttlichen Liebe über die Felder schreiten, und sie sahen, daß die Krähen des Unglaubens hinter ihm den Samen wegfraßen; sie sind unthätig nebenhergegangen; sie ließen ihn ungestört säen, und sie hinderten die Vögel nicht, diese Arbeit der Liebe um den Erfolg zu bringen. [...] Sie mögen sehen, wie sie hinüberkommen."

Die vermeintlichen Saubermänner und Sauberfrauen, "Sie gingen in Beziehung auf ihren äußerlich moralischen Lebenswandel auf den Zehenspitzen, um ihre Füße ja nicht zu beschmutzen; sie thaten die lächerlichsten Schritte und Sprünge, um sich die sittlich trockenen Stellen auszusuchen; [...] So war ihr ganzes Bestreben nur auf ein gutes Aussehen nach außen, auf ihren Ruf bei den Mitmenschen gerichtet; an ihrer innern Reinheit aber arbeiteten sie nicht. [...] So waren diese alle äußerlich rein, aber innerlich voll Schmutz. Nun mißt die Wage dort nicht den äußern, sondern den innern Menschen."

"Soll denn der Abgrund alle, alle verschlingen?" Noch einmal, in dem Zusammenhang: es muß nicht wirklich um Abgrund, Tod und Teufel usw. gehen. Es geht (z.B.) darum wer 'richtig liegt', auf dem richtigen Weg ist, und wer alles nicht. Man kann das alles sehr nüchtern interpretieren und übertragen.

Aber dann kommen doch noch andere, die über den Abgrund hinüberdürfen, ihnen ist "kein Panier vorangetragen", "Es sind auch viele, viele Kinder dabei",

Die "Todesstunde derer, die jetzt kommen, ist eine glückverheißende; sie wird von der Morgenröte des ewigen Himmelstages überflutet. Die, welche sich Standarten vorantragen ließen, stellten Forderungen an Gott; sie verlangten hier den himmlischen Lohn für ihre eingebildeten irdischen Vorzüge und Tugenden. Die aber jetzt erscheinen, sind solcher Selbsttäuschung und Ueberhebung fern. In der Erkenntnis ihrer Mangelhaftigkeit nähern sie sich in zagender Demut der Wage der Gerechtigkeit, und den Demütigen giebt Gott Gnade. Für sie ist die ihnen entgegenleuchtende Freude der Engel schon im Sterben der Beginn der Seligkeit." Man störe sich nicht an der pathetisch klingenden Sprache, sondern versuche das jenseits aller Worthülsen (im Kopf der Leser ! nicht im Text !) richtig zu verstehen.

"Sie teilte, obgleich selbst ungeliebt, diese Liebe aus vom Gletschereise ihrer Höhe herab nach allen Seiten" erinnert an Mutter Theresa, in deren Innern, wie posthum bekannt wurde, mehr vom "Gletschereise" vorhanden war als man zu Lebzeiten vielleicht ahnte.

"Was du im Jenseits leuchten siehst, das ist die ewige Liebe, von welcher jedem Menschen ein Strahl mit auf die Erde gegeben wird. Pflegt er dieses himmlische Feuer, so bleibt es bei ihm, leuchtet ihm durch das Leben und strebt mit ihm in der Todesstunde nach dem Jenseits hinüber, nach seinem Urquell hin. Während der Erdentage brannte es auf den Altären der Herzen als das unverlöschliche heilige Licht des Glaubens; jetzt, wo der Glaube in das Schauen überfließt, fließt auch dieser Strahl dahin zurück, woher er kam, und legt sich als Erkennungszeichen um die Stirnen derer, denen er die Ueberwindung der Brücke und des Abgrundes verbürgt. Wie gerne würde ich dir hier von jedem Einzelnen sagen, warum gerade er diese Aureole trägt! Aber es sind ihrer zu viele, und es ist dir hier an diesem Orte nur eine ganz bestimmte kurze Zeit gegeben, welche fast vorüber ist. Du gehörst ja noch dem Diesseits an; hier aber geht dieses in das Jenseits über; bleibst du zu lange hier, so würde die Auflösung auch dich ergreifen, und das muß ich verhindern."

"Doch einige darf ich dir noch kurz zeigen. - Ich sehe unter ihnen viele, die gegen die staatlichen Gesetze gesündigt haben und dafür bestraft worden sind. Es ist im Himmel ja mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als über Neunundneunzig, welche glauben der Buße nicht zu bedürfen, weil sie sich für gerecht halten! Es sind unter ihnen Gefallene aller Art, denen die erbarmende Liebe Kraft verlieh, wieder aufzustehen." Vielleicht sind ja auch (z.B.) die Herrschaften Münchmeyer, May und Lebius darunter ... (das kommt 'chronologisch' nicht hin. Aber darauf kommt es nicht an.) - "Betrogene, Bestohlene, Beleidigte" ...

Auch Betrachtungen zu Kunst und Künstlern sowie Kindererziehung folgen hier noch, da scheint nun dem kraftvollen Wurf der langen Szene am Ende ein wenig die Luft auszugehen, Münedschi wie Erzähler können erkennbar nicht mehr so recht, sind erst einmal fertig. "Das ist die Erde wieder; ich fühle es." Der Leser auch.

Winnetou wird erwähnt, "zuweilen, wenn wir miteinander im nächtlichen Dunkel lagen, rings von Gefahr umgeben, da geschah es, daß er die Hand hob, um grüßend rundum zu winken", und er habe gesagt, Manitou sende "seine Krieger herab, die für uns kämpfen. Mein weißer Bruder nennt diese Freunde Engel; ich sage Krieger, denn das Leben ist ja stets nur Kampf", und über Beduinen (es gibt auch geistige ...) äußert der Erzähler "Je weniger Lebewesen die ungeheuren Strecken seiner Heimat bevölkern, desto schöpferischer wird seine Einbildungskraft. Er ersetzt ihnen überreich an imaginären Bewohnern, was ihnen an wirklichen fehlt, und weiß zuletzt selbst nicht mehr, wo die Thatsache aufhört und die Erfindung beginnt."

Und nachdem er vorsichtshalber (Lesern und Verleger zuliebe ?) oft genug sein Befremden über das Erlebte kundgetan hat, verrät er doch noch (über die Reden des Münedschi) "Uebrigens hatte er so manche, wenn auch nicht landläufige Idee ausgesprochen, die schon längst die meinige auch war."

Halef will künftig seinem eigenen "Zorne die Bastonnade" geben, statt anderen. Schauen wir ob er das durchhält.

Dem Perser gegenüber zitiert Kara Ben Nemsi aus einem Korintherbrief, und sein Gegenüber realisiert, daß es bei den Christen gerade so ist wie bei den Moslems: Uneinigkeit und Zerstrittenheit, und fragt "Ist da diese Sure in eure Herzen oder nur in euer Buch geschrieben?"

"Lieber Halef! Und wenn ich auch mit Engelszungen redete und meine Bücher mit einer Engelsfeder schriebe, meine Worte würden doch erfolglos verklingen, bis die Zeit kommt, welche kommen wird und kommen muß". Dieses "Lieber Halef" (usw.) steht im Buch nicht in Anführungszeichen, sondern ist ein kleiner innerer Monolog. ("Ich war still, sehr still!")

Über Hanneh sagt Halef "Horcht! Sie lacht! Wie hübsch und gut das klingt, wenn eine brave, liebende Frau fröhlich ist! Es giebt Weiber, welche stets die Gesichter des sauern Essigs machen.Genau so wie ihr Aeußeres ist bei ihnen auch ihr Inneres, das einem verfinsterten Zelte gleicht, in welchem man nicht findet, was man sucht; sie verwandeln den Tag ihres Lebens für sich und andere in Nacht" und erneut kann einen der Eindruck beschleichen, daß Hanneh in diesem Buch gelegentlich für Klara Plöhn steht, und sie mit Emma verglichen wird.

"Wo warest du mit ihm?" fragt der Erzähler den Münedschi (bezogen auf Ben Nur, den 'Sohn des Lichtes'), und der antwortet "In der Todesstunde." - "Das ist doch eine Zeit, aber kein Ort." - "Das habe ich bisher auch gedacht; nun aber weiß ich es besser. In dieser Nacht war sie für mich ein Ort". ("Zum Raum wird hier die Zeit" kennen wir aus Wagners 'Parsifal'.)

In Träumen kann man Zusammenhänge erkennen, die man sonst nicht sieht, Gedanken oder Eingebungen haben, auf die man sonst nicht käme; hier wird das mit den Worten "Wenn Ben Nur mir etwas sagen will, was er mir in keiner andern Weise mitteilen kann, so sagt er es mir im Traume. Nach dem Erwachen weiß ich dann, daß ich nicht mit ihm fortgewesen bin, sondern nur geträumt habe, daß aber dieser Traum sein beabsichtigtes Werk und keine Folge meiner Gedanken war" ausgedrückt. Wie schon des öfteren versucht herüberzubringen, es geht eigentlich um ganz natürliche Dinge in diesem Buch, etwas spektakulär verpackt. Wie des öfteren bei Karl May.

Der Münedschi wundert sich, daß "es so viele, viele waren, von denen er sagte, daß sie über den Abgrund des Verderbens gelangen würden", er selber habe "nie, nie Liebe gefunden", nur ausgerechnet beim Ghani, der ihn schamlos ausnutzt und ihn später hilflos in der Wüste aussetzen wird, meint er, sie gefunden zu haben ("Seine Liebe ist es, die mir das bereits verlorene Vertrauen zur Menschheit und den Glauben an sie wiedergegeben hat"). Stark, diese Idee Mays.

Auf die Frage nach Kindern antwortet der bittere Mann "Die hatte ich nicht; Allah sei tausend-, tausendmal Dank dafür!".

"Lerne sie nur kennen, diese Christen! [...] Wie sie sich hassen, sich anfeinden, sich verleumden und verfolgen! Wie sie sich gegenseitig nach den Fehlern spüren, um einander so viel wie möglich herabsetzen und in Schaden bringen zu können! Welche Freude, welchen Hohn, welche Selbstherrlichkeit giebt es da, wenn wieder einmal ein Fehler entdeckt worden ist!" Letzteres beobachtet man auch unter anderen Gruppierungen, z.B. bei Bücherfreunden.

"Daß er vom Christentum zum Islam übergetreten war, hielt ich natürlich für die größte Sünde seines ganzen Lebens", solche Stellen wirken dann nach all dem vorangegangenen geradezu ärgerlich auf den geneigten Leser, Autor May dürfte es zur Zeit der Entstehung dieses Buches längst klargewesen sein, daß es vor Gott oder Allah "sich gleich" bleibt, welche Form gewählt wird ...

Am Ende hat Hanneh einen ihrer großen Auftritte, in Sachen Zweikämpfe, an die man schon gar nicht mehr gedacht hatte, meldet sie sich entschieden zu Wort. Es soll also gekämpft werden. Es wird noch einmal sehr weltlich zugehen im Schlußkapitel ...

 

Viertes Kapitel - El Aschdar

Dieses penetrante "Natürlich" des "Vaters der Selbstverständlichkeit" dürfte wieder eine Anspielung auf jemand aus Mays Leben sein.

Nach dem dritten Kapitel ist das hier zunächst schon eine Art "Absturz", Gerede, Geplänkel, Zweikämpfe ... Ein Abgesandter bekommt einen Eimer Wasser über den Kopf ...

Hübsche Feststellung Halefs: "Weißt du, Sihdi, bei dir ist es nämlich so: Während du über den Gebrauch dieser oder jener Waffe sprichst, fallen dir immer noch mehr und noch weitere Erlebnisse ein, bei denen du dich dieser Waffen bedient hast. Da ist jeder Fall anders, jede Anwendung und jeder Erfolg anders! Da werden Messer, Flinte und Pistole lebendig; da fühlen sie; da denken und berechnen sie; da sprechen sie förmlich mit!" Ja, so schreibt er ...

Merkwürdig anmutende Betrachtungen zu Omar Ben Sadek ... Die Frage, ob May nicht bewußt war, wie einiges manchmal klingt, stellte sich schon einmal ...

Worte des Münedschi:

"Effendi, ich liebe dich! Ich liebe alle Wesen Gottes und also auch alle Menschen, doch, sehe ich ein dem Gesetze der Liebe so freiwillig geöffnetes Herz, so neigt es mich ihm mit besonderer Liebe zu. [...] Doch warne ich dich vor dir selbst und vor El Aschdar (Drache), der das Verderben der Menschen will und auch das deinige. Vor dir selbst, denn du bedrohst dich als dein eigener Feind."

"Sei ja nie stolz auf deine Liebe! Der Himmel hat sie dir geliehen; [...] Sie ist das höchste, größte Gut des Lebens, und darum hat der, welcher sie empfing, viel mehr Verantwortung zu tragen und viel strengere Rechenschaft abzulegen als jene Seelen, denen weniger anvertraut worden ist. Denk nicht, du seist ein besserer Mensch als sie! Vom armen Steppenstrauch wird nur bescheidenes Grünen, vom Baume an dem Wasser aber Frucht gefordert werden. Bilde dir also nichts auf die Früchte deiner Liebe ein! Deine Pflicht ist's, sie zu bringen, und wenn du sie bringst, so hast du nichts als eben nur deine Pflicht gethan und darfst nicht meinen, Anspruch auf besonderen Lohn zu haben. Dies ist der Grund, daß ich dich vor dir selbst zu warnen habe."

"Und vor El Aschdar warne ich dich auch. Du hast mit ihm gekämpft, solange du lebst; er hat dich oft zum Fall gebracht, doch standest du immer wieder auf, gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand, die dich beschützt. [...] El Aschdar ist ein unermüdlicher und starker Feind, der immerwährend auf der Lauer liegt. Auch dich hat er nicht etwa freigegeben; er wartet nur, und kommt der Augenblick, an dem du eine Schwäche deiner Seele zeigst, so schlägt er seine Krallen plötzlich ein, und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem. Ich seh' ihn lauern hier an deinem Wege; schon speit er seinen Geifer dir entgegen; es kommt mit ihm bald zum Zusammenprall; drum sei darauf bedacht, daß du dich seiner wehrst!"

Den Übergang zur gebundenen Rede bemerken wir nebenbei auch. Und das "zum Fall gebracht", das bitte auch in einer HKA eines Tages so und nicht anders stehen soll. May schreibt seinen eigenen Stiefel und nicht nach gängigem Sprachgebrauch.

El Aschdar: "Der Abfall ist's von Gott. Nicht nur der äußere Uebertritt von einem Glaubenspfad zum andern ist gemeint; El Aschdar ist das Renegatentum vom Reiche, dessen Bürger du jetzt bist, nach dem Gebiete der Lieblosigkeit. Hab acht, daß du den ersten Schritt nicht thust! Ihm folgt der andre nach, und ehe du es merkst, daß du den Pfad verlassen hast, bist du schon fern von ihm. [...] Ich wurde jetzt gebeten, dir zu sagen, daß du dem Drachen grad entgegengehst."

"Der schwache Körper, welcher vor dir steht, ist durch Verführung dir zum Feind geworden; ich bitte dich, entzieh ihm dennoch nicht die Liebe, deren er so sehr bedarf, dahin zu kommen, wo er landen soll! Zusammen hab ich dich mit ihm geführt, zum Heile ihm und dir zur schönen Uebung."

Und das war es erst einmal wieder, "Ich mußte dieses Sinnieren aufgeben, weil mich jetzt die Wirklichkeit mit ihren Anforderungen mehr als zur Genüge in Anspruch nahm."

"Der Wassermann" ... wirklich manchmal sehr individuell, Mays Schreibart ... (es bezieht sich auf den mit Wasser übergossenen. Ziemlich unmittelbar nach den Drachen-Betrachtungen.)

Zwischendrin beim Zweikampf eine Reminiszenz an Tangua aus Winnetou I.

"Für den Rang, den du bei uns einnimmst, ist das rechte Wort noch nicht erfunden worden; aber du darfst auch ohne dieses Wort sicher sein, daß die Ehrenstelle, die es bezeichnen würde, dir für die ganze Zeit des Lebens Anspruch auf unsern Gehorsam und auf unsere Liebe giebt" sagt Halef, der Scheik der Haddedihn (die ja nach Mays späten Aussagen [auch] als seine Leser interpretiert werden sollen) zu Kara Ben Nemsi.

"Ich bitte dich, Effendi, sag' deiner Emmeh, der Bewohnerin deines Zeltes, von mir, daß sie dich stets recht herzlich, recht wahr und innig lieben soll! Du bist ein unerschöpflicher Spender der Liebe; ihr Quell, der in dir liegt, kann zwar nie versiegen, aber trotz seiner Fülle soll er doch auch nehmen dürfen und empfangen, was er giebt. Sage ihr also das, und füg' hinzu, daß Hanneh auch dich liebt!" sagt Hanneh, und Halef "bekräftigt": "Ja, vergiß das nicht, und teile ihr mit, daß ich das gern erlaube!" ...

Einem Ben Khalid werden "moralische Rippenstöße" versetzt, vergleiche die Anmerkung zum Wassermann.

"Wir sind keine Kinder, die man mit nichtssagenden Worten oder mit leblosen Puppen beruhigen kann, sondern Männer, denen die Stürme der Wüste und des Lebens noch öfter und drohender als euch um die Nase gepfiffen sind, und als solche durchschauen wir dich nur zu wohl." Hübsch.

Der dritte Kampf entfällt immerhin, ein Novum, und Ansatz in Richtung Veränderung alter Gewohnheiten.

Das geraubte Gut ist in den Gebetsteppich gewickelt, Mays 'Bösewichte' lassen wirklich nichts aus ...

Und dann kommt eine der beeindruckendsten und interessantesten Szenen in Mays Gesamtwerk,

"Er hob die Hände, faßte hüben und drüben meinen Kopf, hielt ihn fest und - - - spie mir ein-, zwei-, dreimal in das Gesicht."

Und des Erzählers Reaktion inmitten all der erwartungsgemäß einsetzenden allgemeinen Aufgeregtheit ? Die sieht so aus:

"Daß keiner den Blinden anrührt! Diese Beleidigung geht nur mich an, keinen andern Menschen!"

Und der Münedschi hat das Wort, Hanneh "wischte mir den Geifer aus dem Gesichte und liebkoste mir dann, ohne dabei zu sprechen, mit ihrer Hand die nach Ansicht ihres Mannes so fürchterlich gekränkten Wangen. Während sie das that, sprach der Münedschi:"

 "Das, das wollte ich dir sagen, ja, sagen, denn das Anspeien ist ja die deutlichste der Sprachen! Du bist der elendeste, der armseligste Mensch, der mir jemals vorgekommen ist! Mit Worten der Liebe hast du dich in mein Herz gestohlen, während in dem deinigen nur der Haß regiert! Du gabst dir den Anschein der Seelenreinheit, der Gedankenhöhe und wälzest dich doch in dem tiefsten, niedrigsten Schmutze des Verbrechens! Du hast das Kleid der Güte, der Barmherzigkeit um dich geschlagen und hetzest doch die Menschen wie Hunde, die sich zerreißen sollen, auf einander. Du heuchelst Wahrheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Treue und bist doch voller Falschheit, Lug und Trug! Ja, deine Gelehrsamkeit ist groß, wohl größer als das Wissen, welches ich mir mühsam erworben habe, aber du hast sie in den Pfuhl der sittlichen Verdorbenheit geworfen, aus dem heraus sie nur verderbend anstatt Segen bringend wirken kann! Du giebst vor, himmelan zu streben und stehst doch nicht nur auf dem Weg zur Hölle, sondern bist schon jetzt und selbst ein Abgrund schlimmster Teufelei! Du thust, als liege dir der Menschen Seligkeit am Herzen und bist doch ein Verführer zum Verbrechen und trägst die Schuld an all der Schlechtigkeit, die hier geschehen ist! Ihr sprecht von einem Kanz el A'da, der eine unverschämte Lüge ist, du aber hast einen Raub an mir begangen, hast meine Seele betrogen und bestohlen und mir einen innern Verlust zugefügt, für den es keinen Ersatz giebt! Das mußte ich dir sagen; nur darum ließ ich mich jetzt zu dir führen, um dich des Seelenraubes, ja, des Seelenmordes anzuklagen und dir in das Gesicht zu speien, damit du erfährst, wie der von dir denkt, dem du das Herz nur öffnetest, um es noch ärmer und elender zu machen, als es vorher war! Das erblindete Auge meines Körpers ist trocken, aber mein inneres Auge weint. Ich gebe dich der Strafe Allahs heim und fordere von ihm, für dich nicht Gnade, nicht Barmherzigkeit zu haben, sondern nur den Untergang, das ewige Verderben!"

Und immer noch keine Reaktion, "Das waren ja wahre Keulenschläge", wenn man so will, "die mich aber nicht treffen konnten, und also in die Luft geführt." Wohl nicht ... Denken wir, z.B., an Marie Hannes.

Keine Reaktion, weder in Wort noch Tat, auf die Attacke des Münedschi.

Und dann ist er wieder 'mit sich allein',

"Wollte doch jedermann die Augen stets immer zu der Beobachtung offenhalten, daß das Gute die Belohnung und das Böse die Bestrafung ohne alles Zuthun des Menschen schon in sich trägt!"

"Aber als ich erst einmal mit Ernst angefangen hatte, da wuchs mein Interesse für diese meine innere Welt von Tag zu Tag, und es thaten sich mir Ausblicke auf, die mich zum Weiterforschen förmlich begeisterten. Es begann zunächst eine große, leider so unendlich schwierige Reinigung, daß ich gar wohl einsehe, mit ihr in diesem kurzen Erdenleben nicht fertig werden zu können; aber es wurde doch wenigstens soviel Erdenschmutz überwunden, daß mir jetzt, wo ich fast sechzig Jahre zähle, das Weiterlernen und Weiterüben als die schönste Aufgabe der mir noch beschiedenen, abendroten Tage erscheint."

BEWUSSTWERDUNG, das ist das große Thema dieses Buches (und dieses Lebens). Darum geht es.

"Könntest du, meine Freundin oder mein Freund, deine Seele in die Hand nehmen und beobachten wie eine Uhr, welch ein wunderbares, wohlgeordnetes Ineinandergreifen sämtlicher Regungen würdest du da bemerken! Du würdest sehen, wie reingehalten sie werden muß, wieviel hinderlicher Erdenstaub stets zu entfernen ist."

"Und sodann bin ich jetzt beim Bir Hilu überzeugt," sehr schön. Jetzt beim Bir Hilu. Akademische oder auch sonstige Kleinkrämer würden hier auf eine unzulässige oder inkorrekte Vermischung von Ort und Zeit hinweisen.

Nach einer langen Passage in Sachen Kamelritt kommt jene Stelle, die man im Rahmen der "Gesammelten Werke" bis heute für entbehrlich hält:

"Und doch, wie gefühllos verfährt der Mensch gegen seine Mitgeschöpfe, die ebenso wie er ihr Dasein der Güte des Allliebenden verdanken! Ich glaube nicht, daß er sie dazu geschaffen hat, versengt, verbrüht, verhungernd und verdurstend, an das Marterbrett geschnallt, qualgekrümmt und schmerzheulend auf dem Felde des Tierversuches, der heiligen Vivisektion, zu verenden oder vielmehr, noch lebend schon als Aas behandelt, zu verrecken! Man verzeihe mir diesen unästhetischen, doch wahren Ausdruck! Ich bin ein Menschenfreund und darum auch ein Tierfreund, und beides muß und muß und muß ich sein, weil ich als Christ nicht anders kann! Wer als Tierquäler über diesem Christentum erhaben steht, der mag immerhin über mein schwaches, lächerlich gefühlvolles Herz aburteilen; ich aber bin ganz froh, daß ich grad dieses und kein anderes, auch nicht das seinige, habe! Halef würde sagen: 'El Mizan, el Mizan, die Brücke der Gerechtigkeit! Sie mißt auch das kleinste unserer Gefühle!' Und ich gestehe aufrichtig, daß ich, wenn ich ein Jünger der so inbrünstig festgehaltenen, inevitabeln Vivisektion wäre, mich vor dieser Wage fürchten würde! Doch weg von dieser Abschweifung, welche vielleicht Entschuldigung findet, weil sie aus dem Herzen kam!"

Dann tut der Erzähler einen Fall, wie so oft in seiner erzählerischen Karriere. "Ich fiel - - ich fiel und fiel - - fiel tiefer und immer tiefer! Das war kein Fallen mehr, sondern ein langsames, gemächliches Niedersinken, welches gar kein Ende nahm!" Wie in einem Traum.

Der Münedschi bekräftigt seine schlechte Meinung vom Erzähler aufs Neue.

Mit dem Perser werden Momente existentieller Not erlebt, "Wir sind nicht zu retten und können nichts thun, als mit Würde sterben."

Der Perser hat von Mirza Dschafar die Vier Evangelien erhalten, die der Erzähler jenem einst geschenkt hatte. (Hier noch einmal der Hinweis, daß "Am Jenseits" zwischen Silberlöwe I / II und III / IV geschrieben wurde.) "Er hat das Buch gelesen und jede Zeile desselben in sein Herz gegraben. Dann schenkte er es mir, damit auch ich erleuchtet werde."

"Die Bekenner sind uneinig; die Lehre selbst aber kennt und will diese Teilung nicht." Das gilt nicht nur für "Glaubens-Lehren", sondern auch für gewisse 'Szenen' ... ein Autor kann sich seine 'Fans', nach ihm benannten Gesellschaften, Verlage und Einrichtungen nicht aussuchen.

Der Versuch, dem Perser zu helfen, scheitert, "ich [...] gestehe, daß ich dabei laut und bitterlich weinte. Ich wollte nicht; ich wußte nur zu gut, welch eine Schande mir dieser Weinkrampf machte; aber es war eben ein Krampf, der sich nicht unterdrücken ließ. Es war mir das noch nie passiert, doch da die beispiellose Aufregung, welche sich meiner bemächtigt hatte, nicht auf anderem Wege hatte explodieren können, that sie es eben in diesem Schluchzen, welches bei denen, die es hörten, ein schallendes Gelächter hervorrief." Zu der existentiellen Verzweiflung kommt auch noch Hohn und Spott der anderen, der weinende Mann wird ausgelacht, was die Situation zusätzlich auf perfide Weise "bricht". Es sind vermutlich reale Erfahrungen, die hier verarbeitet werden.

Auch Beobachtungen, die ausschließlich andere betreffen, scheinen zur Entstehungszeit des Buches des öfteren mehr als unerfreulich gewesen zu sein, "Es war für mich ein unendlich häßlicher, widerlicher Vorgang, der mich empören mußte, obwohl die so verräterisch Behandelten meine Feinde waren."

Der Münedschi kommt "zur Einsicht", den Erzähler betreffend zu einer anderen Sichtweise, was der sozusagen fortgeschrittene Leser als etwas überflüssig empfindet. (Die kritische Selbstbespiegelung bleibt aber ja auch so nicht ungeschrieben.) Es geht aber auch um Folgendes: "Er hatte die einzig richtige Antwort auf seinen wörtlichen und thätlichen Angriff ohne mein Zuthun nun erhalten. Es giebt eben eine Gerechtigkeit, welche hoch über der menschlichen steht und mit ebenso unerschütterlicher wie unnachsichtlicher Strenge darüber wacht, daß sich nach dem großen, ethischen Weltgesetze des Allgerechten die Strafe aus der Sünde zu entwickeln hat. Nicht ein einziges menschliches Gesetz ist fähig, eine solche Kongruenz zwischen Schuld und Sühne, eine solche innere 'Einerleiheit' von That und Folge zu erreichen!" Einerleiheit. Denn wahrlich, sie haben schon ihren Lohn, heißt es. Hier nur an einem etwas unpassenden Beispiel demonstriert.

Als Halef wieder mit von der Partie ist, soll der Scheik "Mit Wonne und mit Stricken!" gebunden werden.

Der Perser schien tot zu sein, kommt aber wieder, vom "Wiederaufleben des Erschossenen" ist wörtlich die Rede, hoffentlich baut der HKA-Bearbeiter eines Tages kein "vermeintlich" ein.

"Effendi, ich war dort!" ... Und der Mann berichtet, detailliert.

"Was Ben Nur dem Münedschi zeigte, muß ein Gesicht, eine Uebertragung gewesen sein", sagt der Perser, und liefert damit gleich auch ein Interpretationsmodell für das von ihm selber Erzählte für den Leser.

"Der Münedschi scheint eine wirkliche Wage gesehen zu haben. Vielleicht haben bei ihm an jenem Abende die seelisch gemeinten Gegenstände eine körperliche Gestalt angenommen. Ich habe keine wirkliche Wage, kein Werkzeug zum Wiegen gesehen, aber dennoch und dennoch war diese Wage da."

"Es lag nicht außerhalb von ihr, nicht in der Vergangenheit, sondern sie war das Produkt und zugleich der Inbegriff alles dessen, was sie gethan, gedacht und empfunden hatte, so wie zum Beispiel das Meer das Ergebnis und zugleich die Summe all der unzähligen Tropfen ist, welche hineingeflossen sind. Ebenso war meine Seele. Die Quellen, Rinnsale, Bäche, Flüßchen, Flüsse und Ströme, das waren die Stunden, Tage, Wochen und Jahre meines Lebens. Das Wasser in ihnen, das waren die der Prüfung entgegenfließenden, zahllosen Tropfen meiner Regungen, Entschlüsse und Ausführungen, und das große Meer selbst war meine Seele, in welcher jeder einzelne dieser Tropfen lebte und sich geltend machte. Es fehlte nichts, kein einziger von ihnen allen. So war ich selbst dieses Meer, diese Seele; ich selbst bestand aus allen diesen Tropfen, für welche es kein Maß und keine Ziffer giebt, und doch erkannte ich sie alle, alle, alle! Dieses Erkennen geschah nicht mit dem Auge, dem Ohre, dem Gefühle, nicht mit irgend einem Sinne, denn ich stand ja nicht außerhalb mir selbst, und doch wußte ich alles, und doch begriff ich alles, denn ich war ja dieses Alles selbst. [...] es herrschte da eine Deutlichkeit, für welche der Ausdruck "zum Erschrecken" viel, ja viel zu wenig sagt. Ich kannte jedes, aber auch jedes Wort, welches ich in meinem Leben gesprochen habe, mochte es nun nützlich, schädlich oder gleichgültig sein. Aber diese Bezeichnung "gleichgültig" ist eine irdische; vor der Wage der Gerechtigkeit giebt es nichts Gleichgültiges, denn nichts, keine Silbe, kein Laut kann ohne Wirkung bleiben, weil er in einem Zusammenhange steht, welcher unzerreißbar ist. Ich kannte auch jede, noch so leise Regung meines Innern, und das war fürchterlich! Ich kannte alles, was ich gethan hatte, denn nichts, gar nichts war vergessen, weil es überhaupt kein Vergessen giebt. Das, was wir vergessen nennen, ist nur das einstweilige Verschwinden des einzelnen im Ganzen, in der Summe; aber dann, wenn dieses Ganze im Augenblicke der Prüfung durchsichtig, klar und offenbar wird, muß das Verschwundene im Zusammenhange wieder erscheinen."

Selbsterkenntnis, Bewußtwerdung, darum geht es. Und dafür muß man weder gestorben sein noch eine Nahtod-Erfahrung gemacht haben. Auch das hier kann man wieder alles ganz irdisch und nüchtern interpretieren.

Ben Nur tröstet immerhin "Dein Gebet sei erhört, denn der letzte Tag deines Erdenlebens ist Liebe gewesen, Liebe selbst für den Feind! Lebe sie weiter, diese Liebe, damit, wenn du hier wieder erscheinst, die Wage dann anders spreche, als sie jetzt gesprochen hat!" und antwortet auf die Frage, ob er Ben Nur sei, mit "Hier giebt es nur Liebe, die namenlos ist, und darum für ihre Boten auch keine Namen. Wenn einer ihrer Strahlen sich einen Namen gab, so that er das nur für euch."

"Wir befanden uns in einem Oceane des Lichtes" ...

"Ich sah, daß alle diese Kinder des Lichtes herrlich gestaltet waren und aber doch auch wieder keine Gestalt hatten, denn sie besaßen keine sich durch den Stoffwechsel immer erneuernde und dem Tode verfallende Form, sondern sie waren - - - sie selbst! Der Mensch aber ist, so lange er seinen sich stetig verwandelnden Körper trägt, in keinem Augenblicke er selbst; er ist niemals wahr; diese aber waren es; sie wohnten in Wahrheit und Klarheit, ja, sie bestanden aus ihr! Warum und auf welche Weise ich das sah und auch so mühelos begriff, das kann ich nun nicht sagen, da ich wieder in den Leib zurückgekehrt bin; mein Unsterbliches ist wieder eingehüllt in ihn und darum der Klarheit beraubt, in welcher ich mich befand. Die Augen meiner Seele sind trübe geworden und mit ihnen die Gedanken; darum ist das Licht, welches ich euch mitbringen möchte, nun nichts als ein Nebelschein, den auch ich selbst nicht mehr durchdringen kann. Dort aber gab es eine wunderbare, ununterbrochene Helligkeit, die auch mich selbst durchdrang und mir ein Gefühl des Glückes, der Seligkeit verlieh, welches ich nicht beschreiben kann."

"Bezeichnungen gehören nur der Erde an" ...

"Ihr sprecht von Liebe und sprecht auch vom Leben, doch beides ist dasselbe; nur eure Worte sind verschieden. Und weil sie das Leben ist, wird jede Lebensform und jede neu entstehende Welt aus ihr geboren. Hat diese Welt ihren Zweck erfüllt, die ihr anvertrauten Wesen zur Liebe zu erziehen, so übergiebt sie sie der Seligkeit und löst sich auf, um für dieselbe Aufgabe dann wieder zu erstehen. Dies ist der Zweck auch eurer Erdenwelt. Das Dasein auf ihr soll zum Leben, soll zur Liebe werden. Und dieses Ziel wird unbedingt erreicht, denn was ist euer Sträuben gegen die Allmacht dessen, der es will! Ob ihr es leugnet oder eingesteht, es ist doch wahr, daß ihr in Liebe atmet und in Liebe lebt. Die größte Selbstsucht ist mit allen Regungen, die ihr entspringen, doch nichts und nichts als Liebe, wenn auch nur Liebe zu dem eigenen Ich. Daß dieses Ich ohne die andern Ichs unmöglich wäre, das ist der große, unwiderstehlich zwingende Grund, der im Verlaufe dessen, was ihr als Zeit bezeichnet, die Liebe zu sich selbst zur Bruder- und zur Menschenliebe macht. Dieser Mangel an Erkenntnis, dieses Sträuben des 'Ich' gegen das 'Wir', umhüllt die Erde mit dem Dunkel, welches das auf ihr ruhende Auge der Seligen betrübt, obgleich wir wissen, daß es sich in Licht verwandeln wird und muß."

Daß das Buch mit den Evangelien die tödliche Kugel abhält, mag ja noch angehen, daß es aber genau bis zu einer Stelle der Bergpredigt durchschossen ist, auf der dann, sozusagen predigend, länger 'herumgeritten' wird, kann man durchaus als 'einen zuviel' empfinden. Der Marienkalender läßt grüßen.

"Ist dieses wiederholte und erstaunliche Zusammenstimmen der gesprochenen Worte mit den späteren Ereignissen Zufall?" fragt der Erzähler, und dann lesen wir

"'Nein, nein!' sagte der Perser.

Und 'Nein, nein!' riefen auch Halef, Hanneh, Kara und alle, alle Haddedihn."

was nun auch wieder kräftig an den Marienkalender erinnert. (Auch wenn man May und dieses Buch sehr schätzt, muß einen das nicht hindern, solche kleinen "Abstürze" wahrzunehmen. Und auch wenn man selber ebenfalls nicht an Zufall glaubt, sich darin mit dem Erzähler einig ist: so plakativ muß wirklich nicht darauf herumgeritten werden.)

"Wir haben hier abermals eine Kijahma, eine Auferstehung von den Toten, erlebt. Sie mag uns nicht nur auf unsere einstige Auferstehung von dem leiblichen Tode hinweisen, sondern uns zu einer Auferstehung schon jetzt erwecken, zu einem Erwachen alles dessen, was noch tot und fruchtlos in uns liegt, zu einem Lebendigwerden besonders der Liebe, die uns gegeben ist, nicht, daß wir sie in uns vergraben, sondern daß wir sie von uns hinausstrahlen lassen auf jedermann, auf Freund und Feind, der mit uns in Berührung kommt." Das ist nun wieder sehr schön, und weist eben auch darauf hin, daß, wie schon angemerkt, all die Dinge in diesem Buch eben auch recht irdisch gesehen werden können. Es gibt auch eine innerliche Auferstehung aus Ruinen.

"Nun, Effendi ?" muß Halef den Erzähler ungewöhnlicherweise zu einer Entscheidung drängen, unser Autor wirkt hier seltsam zögerlich.

"Der Blinde begann wieder zu sprechen. Es war ganz unmöglich, daß ein Wort von uns zu ihm gedrungen war, denn ich hatte, und Halef ebenso, in gedämpftem Tone gesprochen. Dennoch" weiß er, was gesprochen wurde. Was nun auch wiederum kein 'Wunder' sein muß, geht es einem doch im Alltag auch des öfteren so, daß man ggf. vorher weiß, was die Leute so denken und sagen werden ...

"Nun setzte sich der Blinde wieder nieder und war ganz so teilnahmlos wie vorher, ein Werkzeug, welches nicht weiß, was es gethan hat." (Sind wir das nicht alle mehr oder weniger manchmal ?)

Dann ironische Gespräche Halefs mit den Widersachern; interessant ist die Rede des Ghani, auch das eine mögliche Sichtweise:

"Ich saß bei euch und habe eure verrückten Reden über diese Liebe anhören müssen! Ich habe alles gesehen was ihr thatet; ich habe alles beobachtet und weiß also nur zu gut, daß dieses Nebel- und Jammerbild, welches ihr Liebe nennt, von euch erfunden wurde, um eure Albernheit und Schwäche zu entschuldigen oder gar zu beschönigen. [...] In dieser eurer Liebe bildet ihr euch ein, etwas Höheres und Besseres zu sein als andere Menschen! Wegen dieser eurer Liebe sollen die Bewohner dieses Landes, sollen ihre Sitten und Gebräuche, sollen ihre Gedanken und Thaten, ja, soll sogar die Wüste sich plötzlich verändern! In dieser eurer Liebe dünkt ihr euch weiße, reine, heilige Schwäne zu sein, welche sich den freien Adlern und Geiern dieses Gebietes zugesellen und von ihnen verlangen dürfen, ihren Gewohnheiten und Instinkten gänzlich zu entsagen! In dieser Liebe glaubt ihr, Wunder zu thun, und wenn man diese Wunder näher betrachtet, so sind sie erbärmliche Knabenstreiche, über welche man nur lachen kann! In dieser eurer Liebe scheint ihr sogar zu glauben, daß wir euch für diese Streiche loben, preisen und danken sollen, denn eure Lippen fließen von salbungsvollen Ermahnungen und Warnungen über, die ihr uns am liebsten nach hinten auf den Rücken heften möchtet! Es wird dem, der das anzusehen und anzuhören hat, so schlimm, daß es ihm scheint, sein Inneres wolle sich nach außen wenden! Ich fordere euch um Allahs willen auf, ja dem Gedanken zu entsagen, daß ihr mich damit anders macht, als ich gewesen bin und auch für immer bleiben werde! Ihr habt in mir nur Ekel erregt, weiter nichts!"

Autor May spricht - unter anderem - einmal mehr mit sich selbst ?

"Ich habe euch, ohne mich vor euch zu fürchten, den ganzen Inhalt meines Herzens ausgeschüttet."

Er ist halt sowohl der Erzähler als auch der Münedschi als auch der Ghani ... und noch ein paar weitere ... (zum Thema Selbstspiegelungen siehe auch umfangreiche und weitgehende Untersuchungen bei Hermann Wohlgschaft) natürlich nicht durchgängig, aber zwischendrin schon. Wie bei Carpio, Santer, Abu Seif, ... usw. usf.

Nach dem Schwur des Scheiks hat der Erzähler "eine so unbeschreibliche, andachtsähnliche Empfindung, daß ich, wenn ich Muhammedaner gewesen wäre, gesagt hätte: "Die angerufenen Geister von Muhammed und seinen Nachfolgern stehen unsichtbar um uns her, um zwischen uns und ihm zu entscheiden!'" Solche konfessionsübergreifenden Anwandlungen liest man bei Karl May des öfteren.

Der "Diener der Einsicht" verkündet "Darum ist alles, alles wahr, was der Münedschi sagt", Ben Nur entdecke ihm "alle Geheimnisse des Lebens".

Es 'zieht sich' immer wieder mal in diesem Schlußkapitel ...

Der Ghani und sein toter Sohn, ein "Gottesgericht" ... erneut kann man an Marienkalendergeschichten denken.

Auch Halef erleben wir in ungewohnter Art, "Ich möchte es hinausschreien über die Wüste, die Städte und Dörfer, über die Flüsse und Ströme, über alle Länder und alle Meere, daß es außer dem Glauben für die Seele keine andere Luft zum Atmen giebt, und daß die Liebe das einzige Licht, die einzige Wärme im Himmel und auf Erden ist!"

Und auch der Erzähler gerät noch einmal heftig ins Predigen, "Nicht nur der Mensch, sondern auch die fälschlicher Weise 'leblos' genannte Kreatur wartet auf die Erlösung. Gebt sie ihr; o gebt sie ihr! Gebt ihr Liebe, Liebe, Liebe! Lacht um Gotteswillen nicht" ...

Nichtsdestotrotz haben die Mörder laut Halef den Tod verdient, "Nicht nur trotz, sondern sogar infolge dieser Liebe. Du darfst ja nicht glauben, daß sie eine Beschützerin der Sünde sei. Kann sie nicht durch Güte wirken, so greift sie zur Rettung durch die Strenge. Sie ist nachsichtig und barmherzig, so lange sie glauben darf, daß dies zum Ziele führt; zwingst du sie aber zum Gegenteile, so wird sie zur Mutter, welche ihr Kind straft, nicht obgleich, sondern weil sie es liebt!", und der Erzähler ergänzt "Das hatte der Hadschi vortrefflich gesagt" und "hat sie ein Kind, welches auch der Strenge nicht gehorcht, so trennt sie es von den andern, damit diese nicht auch verderben. Das ist die Strafe des Todes, die hart erscheint, aber als Folge einer gebieterischen Ursache entspringt".

"Allah will das Glück der Menschen; er bietet es ihnen an, schon seit es Menschen giebt; sie greifen aber nicht zu, es von ihm zu nehmen. Sie suchen es an Orten, die fern von seinen Wegen liegen!" Wohl wahr.

Über Abd el Idrak, den "Diener der Einsicht" und "seltsamen Mann" geht dem Erzähler "Das ist Petrus!" durch den Kopf ...

Noch einmal viele Tote, angesichts derer dem Erzähler sein 'gebrochener' Humor nicht vergeht, "Er war 'natürlich' auch mit gefallen", heißt es über den "Vater der Selbstverständlichkeit" ...

Der Schluß kommt ein bißchen abrupt bzw. wird schnell 'abgehandelt', der Blinde in der Wüste, hilflos ausgesetzt, vom Einzigen, dem er traute, bzw. auf den er all seine menschliche Liebe projizierte ...

"Ich fühlte keinen solchen Zorn, keinen Grimm wie sie; ich fühlte nichts als eine tiefe, tiefe Traurigkeit. Auswurf der Menschheit und Gottes Ebenbild, welche Stufen giebt es zwischen dieser Tiefe und dieser Höhe! Welche von ihnen ist's, auf der wir selber stehen?" Auf verschiedenen. Auf allen. Wechselnd.

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Für den Folgeband sorgte Franz Kandolf, freilich auf andere Art.