ARDISTAN UND DSCHINNISTAN I

Den Roman „Ardistan und Dschinnistan“ gibt es unter verschiedenen Titeln und in verschiedenen Fassungen. Die Manuskriptfassung des Romans unterscheidet sich, insbesondere im ersten Band, zum Teil beträchtlich von der Zeitschriften- wie der Buchfassung. Zum einen liegt das an zahlreichen recht schwerwiegenden stilistischen Änderungen durch den „Hausschatz“-Redakteur (Otto Denk), die Karl May selber für die spätere Buchausgabe zum Teil nicht mehr zurück änderte, zum anderen an erheblichen auch inhaltlichen Überarbeitungen der Manuskript- wie der Zeitschriftenfassung (des ersten Teils) durch Karl May selber, für die Buchausgabe. - Das Ganze ist recht kompliziert; ausführlichere Erläuterungen dazu finden sich im Anhang der Historisch-kritischen Ausgabe sowie im zweiten Band der Bamberger „Alterswerk“-Ausgabe der Manuskriptfassung. Ferner u.a. im Materialien-Band „Karl Mays Ardistan und Dschinnistan“ von Sudhoff/Vollmer, wo u.a. Hans-Otto Hatzig sich in einem umfangreichen Kapitel den Textvarianten widmet.

Hans Wollschläger legte im Karl-May-Verlag die Manuskriptfassung in zwei Bänden mit Anhang vor.

Das große späte Werk Karl Mays, zwischen „Silbernem Löwen“ und „Winnetou IV“ angesiedelt, erreicht nach der recht schwerblütigen zweiten Hälfte des „Silberlöwen“ zumindest zu Beginn bei den Ussul noch einmal die heitere Leichtigkeit früherer Reiseerzählungen.

Zunehmend zeigt sich der Autor dann mehr und mehr als visionärer Seher innerer und äußerer Bilder. In einem Traum des Ich-Erzählers heißt es wörtlich "Ich sah dann auch Gott selber kommen".

Von Arno Schmidt hochgelobtes Spätwerk (" ... einer der letzten Großmystiker ...").

 

Im Einzelnen:

(zitiert wird hier nach der „Hausschatz“-Fassung. Die Änderungen zwischen Manuskriptfassung und Zeitschriftenfassung / Buchausgabe sind sehr umfangreich. Beim Zitieren wird hier nur vereinzelt darauf hingewiesen.)

„Allen Lesern unseres lieben ‚Hausschatz’ ein herzliches Grüß Gott! Es tat mir unendlich leid, daß die Reihe meiner für sie bestimmten Reiseerzählungen in unserem Lieblingsblatt unterbrochen werden mußte, denn diese Erzählungen hatten einen tiefen, menschheits-psychologischen Zweck und führten nach einem hohen kulturgeschichtlichen Ziele. Was ich inzwischen weitererzählt habe, ist für diesen Zweck und dieses Ziel von solcher Wichtigkeit, daß ich bitte, es in meinen ‚Gesammelten Reiseerzählungen’ nachzulesen, damit nicht eine Lücke entstehe, die später nicht mehr auszufüllen ist. Es gewährt mir eine aufrichtige Freude, nun wieder an der alten Stelle und zu den alten Freunden sprechen zu können, und ich bitte um die Erlaubnis, es auch wieder in der alten, ungekünstelten Weise tun zu dürfen, die vom Herzen zum Herzen spricht!“

So begann der Text im „Hausschatz“. In der Buchausgabe fehlt dieser Teil, in dem ja einiges nicht Unwesentliches steht.

„Meine neue Erzählung beginnt in Sitara, dem in Europa fast gänzlich unbekannten ‚Land der Sternenblumen’, von dem ich im ‚Reiche des silbernen Löwen’ erzählt habe.“

„Zu Sitara gehört auch das in meinem Buche ‚Babel und Bibel’ erwähnte, weit ausgestreckte Gebiet von Märdistan“, ja, das gehört auf Erden dazu ... „mit dem geheimnisvollen Walde von Kulub, in dessen tiefster Schlucht, wie man sich heimlich erzählt, die Geisterschmiede liegt, in der die Seelen durch Schmerz und Qual zu Stahl und Geist geschmiedet werden. Ein späterer, hochinteressanter Ritt wird uns Gelegenheit geben, diesen Wald und diese Schmiede kennen zu lernen. Für heut verzichten wir auf diesen Ort der Marter und der Pein und wandeln durch die Gärten von Ikbal, um alles Leid der Erde zu vergessen.“

„Ikbal ist eine der schönsten Residenzen Marah Durimehs.“ Schöner, in Erinnerung bleibender Satz.

„Der kleine Hafen von Ikbal ist mit der Außenwelt nur durch einen einzigen größeren Segler verbunden, welcher ‚Wilahde’ heißt und immer segelfertig gerichtet ist.“ Wilahde heißt Geburt. „Dieses Schiff gleicht einer Arche. Sein Bau ist uralt. Es hat die Formen und die Linien vergangener Jahrtausende. Sein Tau- und Segelwerk mag im ältesten Babylonien oder Ägypten erfunden worden sein. Aber man hat trotzdem keinen Grund, irgend etwas daran zu tadeln, denn alles, was man sieht, ist genau dem Zwecke, dem es dienen soll, entsprechend eingerichtet.“

„Wir werden diesem Fahrzeuge in meinen späteren Erzählungen noch oft begegnen; darum verzichte ich jetzt darauf, es genau zu beschreiben. Ebenso wird es Sache meiner künftigen Berichte sein, das Land Sitara und die Stadt Ikbal eingehender zu schildern. Für heute habe ich sie beide nur kurz zu erwähnen, weil sie den Ausgangspunkt der vorliegenden Erzählung bilden.“ Wieder der Hinweis, daß es noch viel zu sagen gäbe und auch später noch gesagt (geschrieben) werden soll, er sich aber für jetzt auf die Erzählung fokussieren will.

Halef wohnt „im Erdgeschoß bei den dienenden Geistern“, seine große Zeit liegt offenbar hinter ihm, in diesem Werk wird er weniger mit im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen als früher. Marah Durimeh „hielt gerade das, was andere an ihm lobten, nämlich seine Liebenswürdigkeit, für seine größte Schwäche.“

„Man hörte ihm ruhig zu, kein Lob erscholl, kein Beifall ließ sich hören. Ein nachsichtiges Kopfnicken oder gar ein ironisches Lächeln, weiter gab es keinen Dank. [...] Wir achteten nicht auf ihn und diese seine wohlverdiente Niederlage.“

„Der 'Mir von Dschinnistan!’ Welcher von meinen Lesern hat schon einmal von diesem berühmten Manne, von diesem Beherrscher eines großen, hochwichtigen Reiches gehört? Wohl keiner! Auch ich war ohne Ahnung von seiner Existenz, bis ich Marah Durimeh kennen lernte und aus ihrem eigenen Munde nach und nach die Namen der zahlreichen Gebiete erfuhr, über welche sich ihr persönlicher Einfluß erstreckte. Der 'Mir von Dschinnistan’ stand unter ihrem ganz besonderen Schutz.“ Das ist, je nach Interpretation, ein wenig seltsam ...

Und dann sagt sie gar noch zu ihm (Kara / May): "Vielleicht ist es gut, daß Du noch bei uns bist, daß Du uns noch nicht verlassen hast. [...] Für Dich, für mich und besonders auch für den 'Mir von Dschinnistan’."

„Das größte aller Rätsel bist Du selbst. Indem Du dieses lösest, lösest Du auch das des 'Mir von Dschinnistan’.“ Das Karl-May-Problem ist also über das Menschheitsproblem hinaus noch mehr ... Das kann man durchaus sehr ernst nehmen, und solches begegnet einem in entsprechender weltanschaulicher Literatur immer wieder.

„Daß ich ein Rätsel bin, versteht sich ganz von selbst. Jeder Mensch ist eines. Wer das erkennet, hat schon mit der Lösung begonnen. Die Antwort auf die Menschheitsfrage suchen, heißt leben. Wer da stirbt, ohne gesucht zu haben, der hat nicht gelebt, sondern nur vegetiert und wird Kompost, weiter nichts!“ Deutliche, bemerkenswerte Worte.

(Der Bote:) „Hoch aufgerichtet, weiß gekleidet, den einen Arm stolz in die Hüfte gestemmt, mit nachflatterndem Turbantuch, glich er in der gegenwärtigen Beleuchtung weniger einem gewöhnlichen, irdischen Boten, sondern vielmehr einem jener überirdischen Wesen, von denen die uralte, orientalische Sage erzählt, daß sie mit ihren Fahrzeugen ganz plötzlich aus der Tiefe des Meeres auftauchen und an den Wohnorten der Menschen landen, um ihnen den Gruß der Ewigkeit und den Segen des Himmels zu bringen.“

„Von der nahen Moschee erscholl der Ruf des Mueddin“ ... Konfessionsübergreifend ... „fielen die ehernen Stimmen der christlichen Glocken ein und zogen jeden anders schwingenden und anders klingenden Ton in ihr herrliches Abendgeläute“.

„Der Eindruck, den dies machte, läßt sich gar nicht beschreiben.“ Beschreiben vielleicht nicht, aber Imaginieren schon, wobei der anschließende Versuch einer Beschreibung durchaus hilft.

Marah Durimeh: „Schau hinauf zum Firmament! Nicht Deine heimischen Sterne leuchten, sondern die Sterne des Südens. Du siehst die Jungfrau, den Raben, den Becher und den Kelch. Hier das Herz, den Kompaß, das Schiff; dort Antares, den Wolf, den Zirkel und das Kreuz. Aber nicht diese Sterne waren es, mit denen ich sprach. Meine Astrologie ist eine andere. Ich schöpfe sie nicht aus dem sichtbaren Firmamente, welches hier über uns flammt und glüht. Aber indem ich meinen irdischen Blick an die Gestirne, die ich Dir nannte, hefte, mache ich mein inneres Auge für seelische und für geistige Firmamente frei, und da werden mir Sterne sichtbar, die andere nie erschauen.“

Friede auf Erden komme, sagt sie „mit schwerer Betonung“. "Er muß kommen, denn Gott will es." - "Es vergingen Tausende von Jahren, ohne daß er kam!" - "Aber es werden nicht mehr Tausende vergehen!"

Auf Friedenskonferenzen, so sie weiter, organisiere man „den Krieg, nicht aber den Frieden“.

"Man humanisiert den Krieg!" - "Das heißt, man tötet schneller und schmerzloser, aber - man tötet!“

„Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch“ ... „die Antworten werden Dir in Dschinnistan erscheinen, doch nur dann, wenn Du die Augen offenhältst.“ [...] „Diese beiden Länder werden Dir ein ziemlich treues Bild der Erde bieten, der Erde, ihrer Bewohner und aller möglichen Verhältnisse, in denen die Völker zueinander stehen.“

„Der gegenwärtige Yankee wird verschwinden,“ ... „damit sich an seiner Stelle ein neuer Mensch bilde, dessen Seele germanisch-indianisch ist.“

„Gebt dem Morgenlande gute Führer, so wird es siegen. Und siegt es nicht, so wird sein Untergang zugleich der Eure sein.“ Wir dürfen gespannt sein.

„Hätte Euch der Orient weiter nichts, weiter gar nichts, als nur das eine, einzige Wort gegeben, ‚Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm’, so könntet Ihr ihm diese eine Gabe nicht mit allen Sonnen, Monden und Sternen belohnen, soviele ihrer auch am Himmel stehen“. Gelegentlich ist nichts hinzuzufügen.

„In allen Büchern, die Du schreibst, lehrst Du die Liebe zu dem Morgenlande!“ Nun, das kann man teilweise auch durchaus anders sehen.

Die Frage "Wann wird das sein?" (auf die Ankündigung, der Orient und das Abendland werden „als unüberwindliche, weltgebietende Freunde beieinander stehen und die Völker der Erde zwingen, ihre Schwerter verrosten zu lassen!") bleibt offen.

Nach alledem (Jüngers Wort von der Droge (das Buch wirke wie eine solche) ist, auf’s Bisherige bezogen, einigermaßen nachvollziehbar) nehmen wir anschließend erfreut zur Kenntnis, daß unseren Autor der Humor denn doch noch nicht verlassen hat, der unerfreute Halef äußert zu seinem langjährigen Begleiter „Wärst Du mein Weib, so würde ich dreimal zu Dir sagen ‚Wir sind geschieden!’ Dann müßtest Du meinen Harem verlassen und könntest meinetwegen bei jedem anderen Manne unterkommen, aber ja nicht wieder bei mir!" ...

„Sihdi, Du weißt, wie ich Dich liebe. Ich stelle Dich dreimal, fünfmal, ja zehnmal höher als das schönste Reitkamel vom Stamme der Bischaren. Meine Achtung für Dich reicht höher, als der allerlängste Pfahl meines Zeltes. [...] Ich bin mit Dir geritten, gelaufen und gefahren durch alle Länder, die auf Erden sind, nur einige wenige abgerechnet, die nicht in der Nähe lagen. [...] Ich habe Dich geärgert, und Du hast mich geärgert. Dadurch sind unsere Seelen eng miteinander verbunden, fast noch enger als zwei Maultiere, denen man eine Sänfte aufgeladen hat. Und diesen schönen Bund der Herzen willst Du zerreißen, willst Du entzweien, willst Du behandeln wie eine kurdische Hose, deren zwei Beine Du vom Bauche bis zum Rücken mitten auseinanderschneidest!“

"Und nun sollst Du nicht heim, sondern mit nach Ardistan und Dschinnistan. Das tut Dir leid!" sagt Kara Ben Nemsi ... Irgendwann heißt es halt von Weltlichem Abschied nehmen. "Leid? Nein! Ich will Dir zwar ehrlich gestehen, daß ich lieber zu Weib und Kind zurückgekehrt wäre; aber es [...] ist mir unmöglich, Dich zu verlassen. Ich reite mit Dir, bis die Erde unter den Hufen unserer Pferde aufhört, und auch dann noch immer weiter und weiter!“

„Ardistan und Dschinnistan liegen nebeneinander," erklärt Halef, "oder vielmehr übereinander. [...] Die eigentliche Grenze zwischen den beiden Ländern kennt niemand; sie ist unbestimmt.“ So ist es, in etwa ... es mischt sich.

Entsprechend können Menschen „Engel oder Teufel“ sein, bzw., Mischungen ...

„Übrigens, ob Engel oder Teufel, ist ganz gleich; es kann uns weder der eine noch der andere etwas schaden, denn alles, was mit uns geschieht, ist im Buche des Lebens vorgezeichnet, und nur Allah allein kann etwas daran ändern; dem aber fällt es ganz und gar nicht ein, gerade Deinet- oder meinetwegen eine Änderung vorzunehmen.“ So wird es sein.

Von Buchwissen hält Hadschi Halef nicht allzuviel, ihm dient „jedes Buch, welches ich in die Hand bekomme, als sicherer Beweis, daß der, welcher es schrieb, ein Esel ist. Und mit den Produkten solcher armer, beklagenswerter Geschöpfe solltest Du Dich auch auf dem Schiff nicht schleppen! Ich bin sehr begierig auf die Narrheiten, die in diesen Büchern stehen werden. Wenn Du klug bist, so hörst Du nicht auf sie, sondern auf mich.“

Und er gibt gleich ein Beispiel für klassische Bildung und folgerichtige Logik, „Es gibt in Ardistan Menschen, welche Krokodilstränen weinen. Hieraus folgt, daß sie Krokodilsköpfe haben müssen.“

„Effendi, Effendi, nimm dich in acht. Die Bücher haben schon manches menschliche Gehirn verschoben und verschroben. Wie ungeheuer schädlich sie sind, kannst Du schon daraus ersehen, daß ein jeder, der in ein Buch vernarrt ist, sich auf das Sofa legt, um es zu lesen, und gerade das Sofa ist doch jedenfalls nur dazu da, daß man entweder nichts tue oder um einzuschlafen.“ Aha.

„Vielleicht steht auch das nicht in den Büchern, daß Ardistan das Land der Flöhe, der Läuse, der Wanzen und Soldaten ist?" - "Allerdings nicht." - "So wirf sie weg, Effendi, wirf sie weg, denn Bücher über Ardistan, in denen nichts von diesen Dingen steht, haben keinen Wert!“ Dies könnte nun ganz en passant eine kleine Anspielung auf eine seitens des „Hausschatz“ in „Satan und Ischariot“ weggelassene Episode sein, in der es um eben solches ging (vgl. „Der geschliffene Diamant“. Nein, nicht die „Heimath“-Episode ist gemeint, sondern eine um besagte Tiere). Muß nicht, aber kann.

„Du wirst hören, daß das, was ich in meinem Kopfe habe, tausendmal mehr wert ist als alle Bücher, alle Karten und alle Pläne, die sich nicht darin befinden.“ („Die Gelehrten sind die, welche in den Büchern gelesen haben. Die Denker, die Genies, die Welterleuchter und Förderer des Menschengeschlechtes sind aber die, welche unmittelbar in dem Buch der Welt gelesen haben.“ Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena)

Damit es aber auch wiederum nicht zuviel wird in dieser Hinsicht, wird das Ganze nun noch stärker ironisch gebrochen, „begann nun einen Vortrag von so ungeheuerlichem Inhalte, als ob er alle Unmöglichkeiten der Geographie, Geschichte und Naturgeschichte extra für diese Mitternachtstunde zusammengesucht habe, um mich um den Verstand zu bringen. Und das tat er mit einem Ernste und einer Überzeugung, als gälte es zum mindesten die Seligkeit oder irgend einen andern der höchsten Geistespunkte unsers Lebens. Ich habe viel Phantastisches gelesen und viel Phantastisches gehört, so etwas aber doch noch nicht. Darum verhielt ich mich zunächst ganz still, als er fertig war, denn ich fand nicht die rechten Worte, mein Erstaunen über den Unsinn auszudrücken“ ...

"Meine Kenntnisse haben Dich übermannt. Die Schönheit meiner Sprache, die Erhabenheit meiner Bilder, die Unbesiegbarkeit der Wahrheiten, die ich Dir vorgetragen habe! Ja, so etwas findest Du in keinem Buche“ ...

Mit dem dortigen Publikum hat Halef offenbar Pech, „Sie lachen alle, alle!"

(Die Intentionen und Interpretationsmöglichkeiten sind unterschiedlich. Auch der Aspekt daß nun in diesem Werk die große Zeit von Halefs Geltungsbedürfnisbefriedigung vorbei ist, spielt eine Rolle.)

Die Gewehre und die Peitsche werden wieder aus- bzw. eingepackt ... ohne manchmal angemessene Härte geht es halt nicht in Ardistan.

Das ist schon seltsam: „Er beugte sich zu mir nieder, strich mir mit der Hand liebkosend über die Wange und bat im liebevollsten seiner Töne“, nämlich "Sihdi, wenn Du mich nur noch ein ganz, ganz klein wenig lieb hast, so erlaube mir, daß ich die Peitsche wieder tragen darf! Ich bitte Dich, ich bitte!" Arno Schmidt und andere analytisch geeichte werden ja geradezu mit der Nase auf in der Tat beträchtliche Auffälligkeiten gestoßen ...

Halef ist außer sich, „Ich muß tanzen und springen! Und Du, Effendi, Du springst mit! Komm, komm!" Kara Ben Nemsi aber ist offenbar über diese Dinge hinaus ... „Er faßte mich und zog mich von meinem Sitz empor. Er wollte sich mit mir im Kreise drehen. Ich wehrte mich. Das gab Lärm. Die Pferde sprangen auf. Mein Syrr besah sich die Sache ohne Aufregung; Assil Ben Rih aber wieherte laut auf, als er seinen Herrn in einer so seltenen, freudigen Erregung sah. Das befreite mich von Halef. Er ließ mich los und wendete sich zu dem Rappen“, sagt "Recht so, Assil, recht so! Wenn der Effendi nicht mit mir tanzen will, so tanze ich mit Dir“ und „galoppierte dann fort, hinaus in die mondhelle Nacht.“ Da vermittelt sich ein Bild, etwas von [in etwa] „Seid weltlich soviel ihr wollt, ich selber mag nicht mehr ...“

Kara Ben Nemsi erhält eine Botschaft an den Mir von Dschinnistan, "Ich sehe keine Schrift!" - "Du brauchst sie auch nicht zu sehen," lächelt Marah Durimeh, "Er ist ja nicht an Dich gerichtet. Was Du nicht siehst, das sieht der 'Mir von Dschinnistan."

„Ich durfte mich zwar als Gesandten fühlen, aber als einen, mit dem man wenig Federlesens macht.“ Ein Satz, den man sich wohl merken mag ...

Die Reise beginnt, „Dann verschwand auch der Palast, die Stadt, das dunkle Gebirge, das ganze, uns bekannt gewordene Sitara, und wir sahen nichts mehr, als nur die unendlich weite See, der wir auf Treu und Glauben überliefert worden waren.“

Die Bücher, „Ich [...] las und las und schrieb und schrieb, um alles, was ich für wichtig hielt, zu notieren. Schakara half mir dabei. Als drei Tage vorüber waren, hatte ich einen ganzen, dicken Stoß von Notizen, deren Wert gar nicht abzumessen war. Mit ihrer Hilfe war es mir möglich, mich in jeder Lage und an jedem Orte zu orientieren.“ Der Leser der das Werk schon kennt weiß an der Stelle schon was daraus werden wird ...

„Du wirst über die Bewohner dieses Landes wenig Freude haben.“ Noch so ein Satz ... Immerhin erfahren wir von den schwer auffindbaren Insan.

„Effendi, wenn Dir eine Gefahr naht, welche unbezwinglich erscheint, oder wenn die Tränen des Erdenleidens über Dir zusammenfluten, so verliere nicht den Mut, sondern glaube mir, daß Marah Durimeh und Schakara Dir immer nahe sind. Auf Wiedersehen!"

„Halef weinte.“

Und dann darf es in Zusammenhang mit den verlorenen Aufzeichnungen wieder humoristisch werden, der Erzähler erhält seitens Halef eine kleine Predigt, „Du hast zwar auch noch einige andere Fehler, mein lieber Sihdi, aber der größte unter ihnen war doch stets die Vergeßlichkeit; sie wird es wohl auch bleiben! Du weißt es ebenso gut wie ich, daß ich mir alle Mühe gegeben habe, Dich von dieser Gedankenlosigkeit zu befreien; aber einen Erfolg habe ich leider nicht gehabt.“ Das Bildnis des Maysters als Carpio.

Nebenbei erfahren wir, daß Kara Ben Nemsi „genau so alt“ wie Hadschi Halef ist, der weiter sehr kritisch mit ihm umgeht, „Und weil Dir diese Fehler angeboren sind, muß Dir auch die Dummheit angeboren sein. Hast Du mich verstanden?" - "Ja." - "Das wundert mich! Wer von Geburt dumm ist, der pflegt sonst nicht so schnell zu begreifen, wie Du mich jetzt, in diesem Augenblick, begreifst. Aber ich freue mich darüber. Denn da darf ich hoffen, daß Du auch das begreifen wirst, was ich Dir noch weiter zu sagen habe." Man verliere nicht den Ernst hinter den vermeintlichen Späßen aus den Augen.

„Nun klebt der ganze Sumpf an unseren Kleidern! [...] Das ist Ardistan! [...] Beeilen wir uns, diesem Dreck und Schlamm zu entweichen!"

Ein „alter, gelehrter und viel gereister Derwisch“, so Halef, „sagte, daß es mit Ardistan ganz entschieden dieselbe Bewandtnis habe, wie mit dem Menschenleben überhaupt." Der Derwisch behauptete ferner, „daß die Erde eine Strafanstalt für Geschöpfe sei, die Allah nicht gehorchen wollten.“ Kara Ben Nemsi äußert "Die Ansicht dieses alten Derwisches ist interessant; man muß über sie nachdenken."

Und dann treffen wir als erstes auf eine Schlange.

 

(Hier beginnt in der Buchausgabe das Zweite Kapitel)

"Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, eine zusammenhängende und lückenlose Beschreibung unseres Rittes zu geben. Ich habe lediglich das zu erzählen, was für den Grundgedanken, den ich verfolge, von Bedeutung ist" ...

Ab etwa hier, wo es in die eigentliche "Handlung" geht, gibt es erst einmal weniger zu notieren als zuvor in der beeindruckenden Exposition.

Begegnung mit dem "Urmenschen", "Die Doppelfigur, die vor mir stand, machte den Eindruck der aufrichtigen ungekünstelten Natürlichkeit, der ungeschmälerten Kraft, der unbedingten Furchtlosigkeit, der überstrotzenden Gesundheit und - last not least - jener geraden, unbekümmerten Gutmütigkeit, die allen ihrem Ursprung nach ziemlich nahestehenden Wesen eigen ist. 'Ursprung', ja, das war das richtige Wort für die Vorstellung, die man sich bei dem Anblicke dieses Mannes und dieses Pferdes machte. Hätte ich ein Märchen zu schreiben, in welchem der Urmensch auf dem Urpferde zu erscheinen hat, so würde ich ganz unbedingt zu dem Bilde greifen, welches ich hier vor Augen hatte."

"Das, was ich da zu hören bekam, das war kein Wiehern, das war kein Trompeten eines Elefanten, kein Brüllen eines Löwen, kein Nebelhorn eines Seedampfers und auch keine Hupe eines Automobils; aber es hatte etwas von alledem, und das klang so außerordentlich überraschend, daß ich am liebsten umgefallen wäre" ... Karl May in alter Frische.

"Ich fühlte mich im Innern meiner Seele aufrichtig gerührt. Es gab gar keinen Zweifel darüber, daß dieses Urpferd zugleich auch ein Gemütspferd war!" Und hier könnte man, frei nach Werner Finck, mutmaßen "Sie werden lachen er meint es ernst".

"Da aber fiel ihm noch im letzten Augenblicke ein, daß sein Herr ihn vorhin aufgefordert hatte, sich zu schämen; er schluckte das, was empor hatte klingen wollen, wieder hinunter, machte das Maul wieder zu, die Äuglein dagegen auf, senkte den Kopf und schielte uns beide schwanzwedelnd an, ob wir uns wohl als fähig erweisen würden, seine Selbstüberwindung zu bewundern. Das rührte mich. Das ging mir nahe und brach mir fast das Herz." Eine Begegnung zwischen Pferd und Mensch seinerzeit in Turin kann einem [sozusagen mit einigem guten Willen ...] dazu einfallen, wo der Mensch sich ähnlich empfänglich zeigte, was nicht primär Anzeichen ausbrechender Geisteskrankheit, sondern zutiefst nachvollziehbar war.

Aber damit es wiederum nicht zu gefühlig wird, steht dann da gleich "Da zog der Scheik seinen Spieß aus der Erde, holte aus und schlug derart auf den Sänger ein, daß dieser sofort verstummte. Hieraus war wohl mit vollem Recht zu schließen, daß die Urpferde bei den Ussul in guter Zucht und Sitte standen."

Zweifelt noch jemand daran, daß die Figuren Mays Spiegelbilder seiner selbst sind ? "Es war eine geradezu kindliche Naivität, mit welcher der Scheik alle Gegenstände, die ich bei mir hatte, betrachtete und sie sofort in Gedanken und Worten derart registrierte, als ob sie nun ganz zweifellos schon in seinen Besitz übergegangen seien. Meine Uhr gefiel ihm so, daß er sie mir gleich gar nicht wiedergab, sondern sie einfach zu sich steckte. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß sie in meine, nicht aber in seine Tasche gehöre. Da sah er mich fast ohne Verständnis an" ...

"Wir verlangen Gehorsam. Und so ein Zwerg, der sogar noch kleiner ist als Du, wenn der es wagt, uns widerstehen zu wollen, so machen wir es kurz, sehr kurz mit ihm. Die Erde braucht keine Zwerge. Sie sind unnütz. Alles, was zu klein ist und was krank ist, steht dem Großen, dem Gesunden im Wege. Es hat zu verschwinden" erinnert in fataler Weise an (entfernt) vergleichbare Stellen in "Winnetou IV" (und nicht nur dort ...)

"Der Scheik war ein guter, lieber und zudem auch hochinteressanter Mensch, den ich weder verletzen noch gar töten durfte. Ich mußte im Gegenteile danach trachten, mir die Zuneigung der Ussul zu gewinnen. Dieser Stamm konnte mir als Stütz- und Ausgangspunkt für alles, was später zu geschehen hatte, dienen, und dazu war zunächst erforderlich, mich jeder nicht schonenden Behandlung ihres Anführers zu enthalten."

"Das liebe Tier" will nicht so wie der Scheik wohl will, "schien diese Worte weder zu verstehen noch auf sich zu beziehen. Es tat gar nicht, als ob es irgendwen auf dem Rücken habe, oder als ob außer ihm und mir noch irgend ein anderes Wesen vorhanden sei. Es richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf mich allein. Seine Blicke bewegten sich ausschließlich immer nur auf meiner Person herum, und zwar mit einem so entschiedenen Ausdruck von Wohlwollen, daß seine Zuneigung zu mir, dem Fremden, gar nicht zu verkennen war. Anstatt den Willen seines Herrn zu tun, kam es wieder auf mich zu, rieb seine Schnauze an meinem Arme und streckte dann die lange fette Zunge heraus, um mit ihr einen liebevollen Spaziergang über mein Gesicht zu machen."

Dezente Überlegungen in Sachen Liebe & Hiebe, unter Schilderung eines Erlebnisses aus der Vergangenheit, "Meine damalige Menschenkenntnis reichte noch lange nicht an das Verständnis dieser eigenartigen Logik heran. Darum machte ich mich schleunigst auf den Weg, um im stillen darüber nachzudenken, welche Gründe man haben kann, nur immer 'den Meinigen' zu hauen, aber keinen anderen. Daß dieses scheinbare psychologische Rätsel etwas psychologisch sehr leicht Begreifbares ist, das sah ich erst nach Jahren ein."

"Sollte das Urpferd den Ohrfeigen, die ich ihm gegeben hatte, dieselbe Bedeutung beigelegt haben? Sollte es mich für 'den Seinigen' halten? Der Scheik trieb es von neuem an, zu laufen. Es blieb stehen und äugelte mit mir. Er stieß ihm die Fersen in die Weichen. Es blieb stehen und äugelte mit mir. Er schlug es mit der Faust auf den Schädel, daß ich glaubte, es müsse ein tiefes Loch entstehen" ... Ernst wird humoristisch gebrochen und Humor dann wieder mit ungut klingendem ...

"Er kam augenblicklich auf mich zu, blieb vor mir stehen, warf den Kopf empor, riß das Maul auf und begann eine derartige welterschütternde Lamentation über die Zumutung, die an ihn gestellt worden war, daß höchst wahrscheinlich Steine erweicht worden wären, wenn sie dagelegen hätten."

Die Sache mit den quälenden Bremsen (Fliegen) am After des Tieres und die freundliche Befreiung davon durch den Erzähler findet man nur in der Manuskriptfassung (S. 76/77).

Ben Nemsi / May ist überzeugt, daß Tiere "Gedanken und Gefühle" haben.

"Allah 'l Allah! so würde ich verwundert ausrufen, wenn ich Mohammedaner wäre" sagt der Scheik ... (woher soll er Mohammedaner kennen ?) Putzige Ironie Mays.

Und dann läßt er den Scheik sagen "Erst sind die Christen Bettler gewesen, blutarme Leute, haben gar nichts gehabt und ihren Hunger von den Ähren des Getreides gestillt. Isa Ben Marryam, der Stifter ihrer Religion, hat nicht einmal gehabt, wohin er sein Haupt lege. Und heute gehören ihnen die meisten Länder und die meisten Völker der Erde. Das alles haben sie sich zusammengeraubt und zusammengestohlen, teils mit List und teils mit Gewalt. Und sie sind hiermit nicht etwa zufrieden, sondern sie rauben und stehlen weiter, und sie werden mit ihren Listen und Gewalttaten nicht eher aufhören, als bis sie alles besitzen, was es auf Erden gibt! Und zu diesen Räubern, Mördern und Gaunern gehörst auch Du?" Das ist nun natürlich seitens May wieder völlig ernst gemeint, geschickt verpackt dadurch, daß er es diesem Scheik in den Mund legt und ironisch bricht ... Wollschlägers "Wallfahrten" fallen einem ein zu dem, was der Scheik gesagt hat.

"Willst Du mich beleidigen?" - "Nein. Ich will nur einmal der Spiegel sein, in dem Du Dich selbst erkennst." Sonst ist es eher so, daß die anderen Figuren die Spiegel sind, in denen der Autor sich selber erkennt ...

"Es ist ein Räuber wie der andere und ein Spitzbube wie der andere! Seien wir ehrlich und lügen wir uns nicht an!"

"Du sprichst Gedanken aus, denen man unmöglich folgen kann. Ich werde besorgt um Dich. Du bist kein guter, sondern ein gefährlicher Mensch, ein sehr gefährlicher!" bekommt Kara Ben Nemsi gesagt, und "Lächle mich nicht in dieser Weise an, [...] Ich kann es nicht leiden! Weißt Du, man sieht bei diesem Deinem Lächeln ein, daß man unrecht hat. Und das will ich nicht! Und man gewinnt Dich bei diesem Deinen Lächeln lieb. Und das will ich auch nicht!" Es könnten annähernd Originalzitate aus Mays Leben sein.

"Fremder, Du bist ein ganz verteufelter, ein ganz pfiffiger Kerl! Wenn man nur nicht so gezwungen wäre, Dich lieb zu haben!"

"Du wirst nicht um Hilfe rufen können, denn ich werde Dir einen Knebel in den Mund stecken." - "Einen Knebel? Könntest Du wirklich so schlecht sein?" - "Ja. Sogar noch viel schlechter!" Kara Mays Humanität hat durchaus angemessenerweise ihre Grenzen ...

Vieles von dem, was er an dem Scheik wahrnimmt, gefällt ihm aber auch, "Warum soll ich Dir nicht glauben? Du glaubst ja doch auch mir! Hältst Du mich etwa für schlechter, als Du bist?" sagt sein Gegenüber, und er schreibt "Welch ein Mensch! Ich fühlte mich innerlich verpflichtet, diese beispiellose Rechtschaffenheit sofort zu belohnen." Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen Ironie und Ernst, und das eine schließt das andere nie aus.

"Ich bin einmal mit einem feschen Tirolerbuben, der am Tage vorher Hochzeit gemacht hatte, auf die Alpe gestiegen. Der konnte sich vor lauter Glück nicht fassen und stieß alle fünfzig oder hundert Schritte einen schallenden Juchzer aus, sonst wäre er vor Seligkeit zerplatzt. Mein 'Dicker' schien ähnlich wirkende Seligkeiten im Busen zu tragen, denn er benahm sich fast genau in derselben Weise. Während er spornstreichs dahinrannte, ohne sich nach rechts oder links umzusehen, riß er von Intervall zu Intervall das Maul auf und ließ einen Juchezer hören, welcher so klang, als ob ein Kanonenschuß, ein Ziegenmeckern, ein Hähnekrähen, ein Eselsschrei und das Zischen einer dampfabblasenden Lokomotive zusammengemischt und dann mit aller Gewalt durch einen Klarinettenschnabel hinausgeblasen werde." Dieser Humor und diese Menschlichkeit ... Es geht nichts über einen gut gelaunten Karl May.

Und sehr schön, wie er mit seinen Lesern spielt, "Nämlich, wenn meine Reiseerzählungen wirklich nur aus der 'reinen Phantasie' geschöpft wären, wie zuweilen behauptet wird, so käme ich jetzt ganz gewiß mit großen, wunderbaren Reiterkünsten, durch die ich den 'Dicken' besiege und dazu zwang, nun hier an diesem Orte, wo die Gefahr für mich begann, gehorsam anzuhalten, damit ich die nötige Bedachtsamkeit und Vorsicht üben könne. Aber ich erzähle bekanntlich nur Wahrhaftiges und innerlich wirklich Geschehenes und Erwiesenes. Meine Erzählungen enthalten psychologische Untersuchungen und Feststellungen. Kein wirklicher Psycholog aber würde mir Glauben schenken, wenn ich so töricht wäre, zu behaupten, daß es im fernen und doch so nahen Lande des Menschen-Innern so leicht sei, ein Urpferd bezw. Urgeschöpf zu zähmen. Diese Urgefühle gleichen dem dicken Smihk in so auffallender Weise, daß ich unbedingt bei der Wahrheit bleiben und meine Ohnmacht eingestehen muß, ihn mir untertan zu machen.“

Halef berichtet von seinen ersten Erfahrungen bei den Ussul, „Denke Dir nur: Sie hielten mich für einen entsprungenen Hofnarren, für den Zwerg und Possenreißer irgend eines Herrschers. Und später kam der Zauberer gar auf die wahnsinnige Idee, daß ich sehr wahrscheinlich der Leibzwerg des 'Mir von Dschinnistan sei, aber nicht ihm entsprungen, sondern von ihm als Spion gesandt, das Gebiet von Ardistan auszukundschaften!“

Die Scheikfrau, trotz ungewöhnlicher Behaarung „Frisch, rein, unbefleckt, natürlich, lauter, so war der Eindruck, den ich gleich beim ersten Blick auf sie von ihr erhielt“. Ihr ist eine längere Beschreibung gewidmet. „Später bemerkte ich, daß ein leiser, feiner, wohltuender Duft von dieser Frau ausging, ein Duft der Gesundheit, der Lebenskraft, der immerwährenden Verjüngung, ein seelischer Zwang, in ihrer Gegenwart alles, was nicht gut ist, zu vermeiden. Es war, als ob ich diesen Duft schon jetzt, aus der Entfernung, mit den Augen spüre“ ...

Das Wohlwollen ist gegenseitig, „Dieser Fremde ist nicht verrückt [...] Seht ihm in das Gesicht, und seht ihm in die Augen! Der weiß sehr wohl, was er sagt und was er will.“

"Es gibt unendlich wenig Seelen, die es verstehen, diesen Duft im Körper festzuhalten. Wenn Du einen solchen Körper triffst, mag er noch so häßlich sein, so traue seiner Seele, denn sie stammt aus dem Licht, nicht aus der Finsternis und wird Dich niemals täuschen!" hat Marah Durimeh gesagt, „Und nun fiel es mir mit einem Male ein, daß dieser Duft, der die Frau des Scheiks umfloß, der Duft der Sternenblumen war, und es kam ein wohltuendes Gefühl der Freude, des Vertrauens und der Sicherheit über mich.“

„Ich bin Christ." - "Christ? Also Heide!“ Sehr hübsch.

„Wir haben Gott. Wozu brauchen wir da noch einen eigenen Glauben an ihn? Wir glauben nicht an ihn, sondern wir haben ihn. Wenn Dein Vater noch lebt, wenn er wirklich und persönlich bei Dir wohnt, so glaubst Du doch nicht nur, daß Du einen Vater habest, sondern Du weißt es so genau, daß das Wort Glaube völlig ausgeschlossen ist. Die Ussul haben eine Religion, aber keinen Glauben! Sie haben Gott! Das ist das Höchste, was es gibt. Das geht noch über jede Art des Glaubens!"

„Du scheinst ganz so einer zu sein, wie meine Frau wünscht, daß ich werden soll“ sagt der Scheik. (Im Manuskript stand „so ein Kerl“ statt „so einer“.)

Es wird doch tatsächlich die alte Nummer mit dem Henrystutzen noch einmal aus dem Hut gezaubert ... (für Herrn Denk ?) „ ... Halef, der die Situation sofort begriff, um die Sache möglichst wichtig aufzubauschen.“

"Effendi, knistern die Haare dieses Pferdes?" - "Ja," "Immer?" - "Nein, sondern nur, wenn ich selbst sie kämme und streiche."

Die Scheik-Frau streichelt Syrr nun auch, „Sie horchte und winkte mir dann, näher zu kommen. Ich tat es und horchte mit. Ich vernahm jenes charakteristische, elektrische Knacken und Knistern, das ich im letzten Bande von ‚Im Reiche des silbernen Löwen’ ausführlich beschrieben habe.“ 

Der Erzähler hört, daß er vor Zeiten angekündigt worden ist als einer, „der mit einem verborgenen Schilde auf der Brust zu uns kommen und uns von großem Nutzen sein werde.“ Es klingt nach Parsifal.

Grausam geht’s zu bei den freundlichen Urmenschen, „Er ballte die gewaltigen Hände, holte aus und schmetterte sie dem Pferde derart zwischen die Augen, daß es klang, als ob die Stirn zersplittere.“

Halef wachträumt, „Das sogenannte ‚Ich’ in seinem Innern befand sich also noch mitten im Galopp!“ Hübsch ...

Halef mokiert sich über „wissenschaftliche Ausdrücke“ und erklärt „Wenn ich mit meinem Bewußtsein hoch oben auf dem Pferde sitze, so ist dies mein Oberbewußtsein. Und wann das Pferd mich mit samt meinem Bewußtsein herunterwirft, so daß ich die Besinnung, den Verstand und alles Höhere verliere, so stürze ich in das Unterbewußtsein, wohin mir kein Pferd, kein Sihdi, kein Effendi, kein Gelehrter und keine Müdschewwedet zu folgen vermag. Wo ich da bin, und was ich da tue, das weiß keiner von Euch, denn niemand hat es bisher entdecken können. Aber wenn es Dir Vergnügen macht, es zu erfahren, so will ich gern mein Möglichstes für Dich und Deine Wissenschaften tun. Ich brauche nur zu warten, bis ich wieder einmal mit einem durchgehenden Pferde aus dem Oberbewußtsein in das Unterbewußtsein stürze“ ... Auch so kann man halt allerhand erklären ...

"Vorsicht!" [...] - "Wohl wegen des Sturzes in das Unterbewußtsein?" (lachte er.) -

"Ja."

Geplänkel mit den Tschoban, im Stile alter Reiseerzählungen ... einmal mehr fällt einem ein, daß Redakteur Otto Denk seinerzeit während der Entstehung des Romans mehr „Action“, wie man das heute nennt, anmahnte ... Geneigtere Leser als Herr Denk langweilen sich vielleicht ein wenig ob des mutmaßlichen Erfüllens dessen Wunsches und fragen sich, was hat das in diesem Werk noch zu suchen ...

Wer den Erzähler bzw. den späten May immer nur durch und durch pazifistisch freundlich sozusagen mit Berta von Suttner zur Linken und Friedenstaube zur Rechten oder umgekehrt vor sich sieht, der irrt: „Wenn ich Dich peitschen will, so peitsche ich Dich; gewagt ist nichts dabei. Und nun paß auf, was Du hörst! Ihr werdet jetzt unbedingt tun, was ich befehle, augenblicklich, ohne Weigerung. Zögert Ihr, zu gehorchen, so bekommt Ihr allerdings die Peitsche, und zwar alle drei. Und wer von Euch es jetzt noch wagt, zu sprechen, ohne daß ich ihn dazu auffordere, der bekommt für jedes Wort einen Hieb. Merkt Euch das! Ich scherze nicht!"

„Es war ein ganz eigentümliches Erlebnis. Ich hatte das Gefühl, als ob durch die Gefangennahme dieser drei Männer dem Stamme der Ussul ein großer Dienst erwiesen sei, wir aber für uns beide damit auch den Grund zu späteren Verdrießlichkeiten oder gar Gefahren gelegt hätten. Mochte dies nun sein, wie es wollte - wir trugen an der Entwicklung der Dinge keine Schuld.“

Kara Ben Nemsi / May spricht von Vorsehung, und der ‚Zauberer’ unterbricht ihn, "Da hört man, daß Ihr Christen Heiden seid! Gott hat ihn gesandt, nur Gott! Das Wort Vorsehung gilt nur für Leute, welche zweierlei falsche Scham besitzen. Sie schämen sich, nicht an Gott zu glauben, und sie schämen sich doch, ihn offen und ehrlich zu bekennen. Da sprachen sie von Vorsehung, Fügung und ähnlichen Dingen, die wie voll klingen und doch keinen Inhalt haben.“ Nenne man es wie man wolle.

Gefangene auf der Insel ... wieder ist man gedanklich bei Herrn Denk bzw. bei Old Surehand I usw. ... Als ob May es selber spüre, baut er schnell ein bißchen Blödsinn ein, „Er nahte mir, wie meist alles, was man nicht gern kommen sieht, von hinten. Das tat er so leise, wie es der pfiffigste Apache oder Komanche nicht leiser fertig gebracht hätte, und strich mir, als sein Kopf den meinen erreichte, mit der Zunge so zärtlich quer über das Gesicht, daß es schien, als ob sie daran kleben bleiben wolle. Ich langte natürlich sofort zu ihm hinauf und gab ihm eine Ohrfeige, die jedes andere Tier in den höchsten Zorn versetzt hätte; er aber nahm sie für einen überzeugenden Beweis meiner Gegenliebe und ließ ein Freudengewieher und Jubelgeheul erschallen, welches die andern dicken Ur-, Jagd- und Streitrösser so sehr entzückte, daß sie aus Leibeskräften mit einfielen und den ganzen Wald, so weit ihre Stimmen reichten, mit Wonnetönen erfüllten.“ Das „Animal“ der Manuskriptfassung fiel vermutlich der Unverständigkeit bzw. dem fehlenden Nachvollziehungsvermögen des Redakteurs in Sachen sprachspielerischer Ironie zum Opfer.

"Er hat Dich in sein Herz geschlossen," sagt der Scheik, und „Nimm es ihm nicht übel!"

„Dabei schlug er ihm den Spieß an den Kopf, daß beide krachten, nämlich der Spieß und auch der Kopf; aber Smihk, der Dicke, ließ sich dadurch nicht stören, sondern orgelte weiter, bis er glaubte, seine Gefühle genügend ausgesprochen zu haben, so daß nichts mehr zu sagen war. Dann legte er sich hinter mir nieder und schloß die Augen, um in dem beseligenden Gedanken zu entschlafen, daß ich nun wisse, wie teuer ich ihm sei.“

Der Erzähler hört die Geschichte vom verschwundenen Fluss, die uns im Weiteren noch beschäftigen wird, und bemerkt „Was ich da gehört hatte, war höchst interessant. Und nicht bloß das allein, denn er hatte es auch in einer Weise gesagt, die nicht seine gewöhnliche war. Wahrscheinlich brauchte man zu der angeborenen Intelligenz der Ussul nur liebevoll hinunterzusteigen, um sie zu wecken und emporheben zu können.“

Halef („ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß er die erste beste Gelegenheit ergreifen werde, die Hiebe auszuteilen, die er für nötig fand“) gibt bei Tisch in großer Gesellschaft Unbequemes zu Protokoll, „Nach den Folgen pflegte er bei solchen Dingen nie zu fragen. Die Hauptsache war, daß er seine Meinung gesagt hatte, und was dann kam, das fiel dann stets auf mich. So auch hier.“

Sehr reizvoll ist die Erwähnung des „Tal der Stufen“, „das ich im ersten Bande meiner ‚Reiseerzählungen’ beschrieben habe.“ Das Gesamtwerk ist in der Zusammenschau zu sehen, Alterswerk nicht ohne frühes Werk und umgekehrt usw.

Die Erzählung vom verschwundenen Fluß wird sinnigerweise Halef in den Mund gelegt,

„Weit, weit von hier, hoch über Dschinnistan hinauf, liegt das verlorene einstige Paradies. Seine Tore sind geschlossen. Wer nach ihm sucht, der sieht es von weitem glänzen, jedoch hinein kann keiner. Sogar dem Blick ist es versagt, die himmelhohen Mauern zu übersteigen.“

„Ist Friede auf Erden, dann kommt!“ Hier kann einem der Atem stocken, wenn man, was ja immer möglich ist, sich interpretatorisch einige Freiheit nimmt, und diesen Frieden aufs Individuum bezieht ...

„So oft ein Jahrhundert vorüber ist“, diese Zeitangabe ist natürlich eine gleichnishafte Konzession zwecks besserer Nachvollziehbarkeit für die Allgemeinheit, „springen alle Pforten und Tore des Paradieses auf, und eine unendliche Fülle durchdringenden Lichtes flutet über die Erde und über die Menschen hin, die auf ihr wohnen. Da wird alles, alles offenbar, was je geschehen ist und was noch heut geschieht.“

„Da sendet er den irdischesten aller Geister, mit Namen Mohammed, der fast noch menschlich spricht und darum leicht begriffen werden kann. Doch der verirrt sich zwischen Paradies und Erde und sucht vergeblich nach dem rechten Weg“ ... Interessante Formulierung ... Überzeugter Muslim ist Halef ganz offensichtlich wirklich nicht mehr ...

„Na, höre, was unsern Herrn Allah betrifft, so kommt er mir schon längst nicht mehr so freundlich vor wie früher. Es muß sich einer von uns beiden geändert haben, er oder ich.“ Großartig.

"Und die Wahrheit, die sich in dieser Sage verbirgt?" - "Ist wahrscheinlich eine zweifache, eine äußerliche und eine innerliche, eine geographische und eine sozialphilosophische." - "Das verstehe ich nicht. Du kannst mir nicht zumuten, aus dem Unterbewußtsein in das Oberbewußtsein zu steigen, während ich doch jetzt, um einzuschlafen, aus dem Oberbewußtsein in das Unterbewußtsein zu fallen habe. Das wäre grad der umgekehrte Weg. Also, sprich deutlicher!"

„Und das alles geht wieder zurück“, das erinnert stark an die Bhagavadgita, „wenn der Strom des Friedens vertrocknet, und die Rüstungen alles, was er schaffte, wieder verschlingen. Oder wenn der Krieg mit einem einzigen rohen Streiche die Gaben vom Tische wirft, die der Friede dort bescherte. Dann weicht dieser letztere bis dahin zurück, woher er kam, bis ins Paradies, oder wenigstens bis Dschinnistan, wenn nicht für immer, so doch für lange, lange Zeit. Und kehrt er endlich wieder, so geschieht das nur langsam, furchtsam, zögernd; er läßt sich nicht zwingen.“

„Ein Welt- und Völkerfriede aber, der nicht im Herzen der Menschheit wurzelt, sondern mit Gewalt und plötzlich herbeigezwungen werden soll, der würde zerstören und vernichten, nicht aber erzeugen und beleben.“ (Wie war das noch mit der „Achse des Bösen“ ... (u.v.a.) ?)

„Du glaubst also an Sagen?" - "An ihren eigentlichen Inhalt, ja." Eben.

Der Erzähler gerät nun in einen veränderten Bewußtseinszustand (zunächst heißt es, er sei wach geblieben, später schreibt er, er habe geträumt) und schildert ihn, „Solche Eindrücke gibt es nur während jener ungestörten, sich selbst gehörenden Stunden, in denen die Seele den Körper ganz und restlos beherrscht.“

„Vor dem körperlichen Auge lagen die beiden Sterne. Die Seele bemächtigte sich ihrer. Dort, von woher die beiden leuchtenden Welten strahlten, sah meine Phantasie das Tor, aus dem der Erzengel trat, und die Mauern, auf denen seine Scharen erschienen, um nach dem Frieden auszuschauen. Ich sah dann auch Gott selber kommen“ ...

„Ich sah die Stadt verdorren und verfallen“ ...

Das Erwachen geschieht recht profan, indem der Pförtner des Traums „plötzlich die Gestalt, die Kleidung und das Gesicht meines kleinen Hadschi“ annimmt und den Träumer weckt ...

„Solange wir unsere gerühmte Psychologie nur theoretisch treiben, sind wir keine Psychologen.“

Eine längere Passage der Manuskriptfassung über Träume und Traumdeutung ist in der Zeitschriftenfassung gestrichen und taucht auch in der Buchfassung nicht wieder auf.

Die Stelle „Es ist ein Weltgesetz, daß allüberall der Ussul das, was er nicht besitzt, obgleich er es braucht, aus Ardistan oder gar aus Dschinnistan zu holen hat“ erschließt sich im Kontext nicht so recht, sei aber dennoch erwähnt.

„Zwar soll man den Menschen nicht mit dem Tiere vergleichen, aber alle diese guten, unbeholfenen Menschen schienen mir sowohl innerlich wie auch äußerlich mehr oder weniger mit Smihk, dem Dicken, verwandt zu sein.“ Wenn der Vergleich so positiv ausfällt, geht es ja noch ... („Ein Ochsenstall ist klüger“, Joseph Roth)

In diesem Werk spürt man selbst bei simplen Ritten von A nach B ihre zusätzliche Bedeutung, „Der Ritt verlief während des ganzen Tages für mich und Halef im höchsten Grade interesselos. Es geschah nichts, was uns beschäftigen konnte. Jeder Abweg aus der Richtung, auch der kleinste, wurde vermieden und jeder Erregung wich man aus.“

„Nur einmal gab es eine Art von Szene, aber auch nicht äußerlich, sondern nur innerlich.“

Die Rede kommt auf den Dschirbani, "In welcher Weise äußert sich sein geistiges Leiden?" - "Darin, daß er alles anders macht, als wir." Sehr hübsch. "Auch denkt er ganz anders als wir, [...] Er sagt es zwar nicht, aber man sieht es ihm an, daß er sich einbildet, klüger zu sein, als andere Leute.“

Den Spruch „Werde Mensch; du bist noch keiner!“ trägt der vermeintlich verrückte um den Hals ...

„Und als ich ihn fragte, in wiefern wir noch keine Menschen seien, wollte er mir weißmachen, daß in jedem Menschen gleich von Geburt an ein Tier stecke, welches man entweder totschlagen oder verhungern lassen müsse, wobei der von ihm befreite, gut, edle Mensch dann übrig bleibe.“ Das erinnert an das „Hinauskicken“ [vermeintlich] unedlerer Anteile, das im Zusammenhang mit Mays „Edelmenschen“ – Thematik schon zur Sprache kam (in einer Formulierung Hermann Wohlgschafts).

„Nein! Unmöglich! Ein Tier im Menschen! Bedenke doch! Ich will es Dir an einem Beispiele erläutern: Du bist Hadschi Halef Omar, der berühmte Scheik der Haddedihn, und man sagt von Dir, daß Du einen Vogel, einen Hund, einen Affen in Deinem Innern habest. Wie würdest Du Dich dazu verhalten?" - "Sehr ruhig. Es würde mir ganz und gar nicht einfallen, es in Abrede zustellen, denn unmöglich ist es nicht.“ So ist es. Was meinst Du wohl, oh Sahahr, was wir so alles in uns haben ...

"Wie alt ist er?" - "Nicht viel über zwanzig Jahre." - "Noch so jung und schon so unglücklich?“ Früh übt sich ... („Er war so alt unter seinen blonden Locken, den Frühling auf den Wangen und den Winter im Herzen“, Georg Büchner, Leonce und Lena.)

Haßausbruch des Sahahr, ganz wie vielleicht am Ernstthaler Stammtisch ...

„Und wenn die Religion verpflichtet werden soll, zu lehren, daß wir Tiere im Leibe haben, so wird die Erde sehr bald zu einem einzigen großen Irrenhaus geworden sein!" Umgekehrt würde ein Schuh draus ... Wenn z.B. die Sache mit der Polarität allgemein richtig begriffen würde, würde die Welt ihren Irrenhauscharakter ein wenig verlieren ... (aber das ist offenbar nicht vorgesehen.)

„Hier bei uns hat das zu gelten, was wir für schön halten. Was andere denken, geht uns nichts an.“ Das erinnert unter anderem an May-Foren im Internet ...

Auch der Tod einzelner wenn auch wesentlicher Personen würde an Volkes Meinung nichts ändern, weiß die Scheikfrau, „Man glaubt daran, und was sich im Kopfe solcher Menschen festgesetzt hat, das ist nur schwer zu beseitigen.“ So ist es.

Mit der Formulierung, daß die Frau des Scheiks „in echter Frauenweise“ eine Frage ignoriert, darf sich unser Autor nicht in feministisch hartgesottene Kreise trauen ... oder ... je nachdem ... Vielleicht belobigt man’s als zielgerichtet raffiniert und nachahmenswert ...

Ein ganz fataler Fall von Änderung zwischen Manuskript- und Zeitschriftenfassung ist die Verdrehung von

„Das Erdenleben ist das Fegefeuer, aus dem Dich nur der Schmerz befreien und zum wahren Menschen erheben kann!“

auf

„Das Erdenleben ist ein Läuterungsfeuer, aus dem Dich nur der Glaube befreien und zum wahren Menschen erheben kann!

In der Buchausgabe ist diese beträchtliche Änderung erhalten geblieben.

„Ich begann zu ahnen, daß sich mir hier bei den Ussul eine Welt erschließen werde, welche bis jetzt der meinigen größtenteils fremd gewesen war.“ Und auch das hieß sinngemäß im Manuskript völlig anders, nämlich „Ich begann zu ahnen, daß sich mir hier bei den Ussul eine Welt erschließen werde, welche bis heutigen Tages der meinigen zwar nicht ganz fremd gewesen war, ihr aber auch nicht so nahe gelegen hatte, daß ich sie als eine mir vollkommen vertraute betrachten konnte.“ Während das als sehr nachvollziehbar empfunden werden konnte, steht im „Hausschatz“ eher eine Art Floskel ...

„Diese Menschen glichen ganz und gar dem geräuschlosen, stauenden Wasser ihres Landes.“ Wie außen, so innen, wie das Land so die Menschen, das zum einen, zum anderen lesen wir von der „innerlichen und äußerlichen Schwere“ dieser Menschen selber.

„Auch die Kinder verhielten sich ruhig.“ Da steht aber „Auch die Kinder waren still“ in der Manuskriptfassung, was den hier Vortragenden daran erinnert, daß man ihm einmal die Formulierung „Auch die Kinder schiedlich und friedlich“ dahingehend abändern wollte, ein „niedlich“ (!!!) statt des „schiedlich“ zu setzen ... er wird es bis zu seiner Beerdigung nicht vergessen und auch nicht müde, die verblüffende Angelegenheit, über die er sozusagen nicht hinweggkommt, immer mal wieder zu erwähnen ... [zwinkernden Auges.]

 

(Hier beginnt in der Buchausgabe das Dritte Kapitel)

„War dann der Knall verpufft, so fiel die zurückgekehrte Stille doppelt auf.“ Wieder eine ärgerliche Änderung, im Manuskript stand das Scherzchen „War dann der Knall verpufft oder der Puff verknallt“...

„Du mußt diese guten Leute nicht mit Deinem, sondern mit ihrem Maßstabe messen“ bekommt Halef gesagt, und das ist sicher manchmal beherzigenswert ...

Dojan wird erwähnt, „den meine Leser kennen“ steht in der Zeitschriftenfassung, im Manuskript waren es noch „alle Leser“. Diese Änderung macht ausnahmsweise einmal Sinn ...

„Wer imstande ist, einen treuen, gehorsamen, liebesbedürftigen und dankbaren Hund zum blutgierigen Menschenhasser zu verquälen und zu verprügeln, der ist wohl auch imstande, gegen seinesgleichen so zu handeln, wie der Sahahr gehandelt hatte.“ Betrachtungen über Ursachen und Wirkungen, „Nun ich sie aus solcher Nähe sehe, möchte ich behaupten, daß sie nur infolge ihrer Erziehung, nicht aber von Natur aus so wüten."

„Ein kurzes, konvulsivisches Zucken lief über den riesigen Körper, der sich streckte, und dann war die Bestie verendet“ verschenkt die trocken-sarkastische Formulierung des Manuskripts „fertig war mit dem Leben und mit der Rache“ ...

Jesus-Assoziationen auslösender Auftritt des Dschirbani, „Mein kleiner Halef war von der außerordentlichen Erscheinung dieses Mannes, der trotz seiner Jugend einen solchen Eindruck machte, ebenso ergriffen wie ich.“

In dem Zauberer hat unser Erzähler nun einen Feind, „den der Gedanke, daß ich mich von den Hunden zerreißen lassen werde, für den Augenblick alle Schmerzen vergessen ließ.“

Hundekampf, ein wenig für die Galerie ...

„Es kann nicht meine Absicht sein, durch die Erzählung dieses Ereignisses nach einem Ruhm zu trachten, den ich nicht verdiene.“ Man könne dergleichen ja auch üben, verrät uns der nicht zimperliche Erzähler, „Von jedem Hundehändler bekam man gegen Entgeld irgend eine alte, sonst nutzlos gewordene Bestie geliehen, um sich mit ihrer allerdings höchst unfreiwilligen Beihilfe in den Stand zu setzen, mit unbewaffneten Händen einen feindlich anspringenden Bluthund zu ersticken.“

„Da sprach ich auf ihn ein“, so steht es im Manuskript, und vermittelt die bezwingende Macht, die ausgeübt wird, was „Nun sprach ich auf ihn ein“ halt nicht tut ...

„Er verstand weder meine noch ich seine Sprache, aber in den Tönen lag etwas, was nicht durch Worte ausgedrückt werden konnte.“ Der Erzähler gibt gleichsam sowohl den Vater als auch den Bruder Jaguar, frei nach Cardauns in einer Person ... „Als das der andere sah, stellte er sein Jammern ein und verließ seinen Platz, doch nicht etwa, um weiter zu fliehen, sondern um sich mir zu nähern. Das geschah langsam und zagend, so ungefähr wie bei einem gutherzigen Knaben, der bestraft worden ist und sich dann nach und nach wieder an den Vater heranzuschlängeln sucht.“

„Der Erfolg war, daß ich schließlich zwischen beiden Hunden stand und ihnen die dicken, nie gekämmten Felle derart klopfte und zauste, daß sie vor Wonne stöhnten.“ Na dann.

„Sie folgten mir. Ihre Augen waren mild und freundlich. Von der früheren Menschenfeindlichkeit gab es keine Spur mehr.“

Der Dschirbani, „Was war das für ein Mensch! Wie hehr, wie stolz, wie schön! Mir war, als ob in diesem Augenblicke seine Seele hinter ihm stehe, ihm unbewußt, und mir zurufe: ‚Schau her, und liebe ihn; er ist von königlichem Geschlecht!’“

„Du bist ein Insan? Gehörst zur Insanija?“ Zwei der Wenigen haben sich gefunden. „Ich dachte es mir! Als ich Dich da draußen vor dem Zwinger halten sah, bevor Du abgestiegen warest, Dein Pferd viel kleiner als die unserigen, aber unendlich feiner und edler, und auch Du um so viel kleiner als ich, aber um so sicherer im Sattel und um so geistiger in allem, was Du tust, da kamst Du mir vor wie eine Vision, die mir der Himmel sendet.“

„Der Mensch, der Visionen hat, ist von Gott begnadet.“

„Als ich Dich sah, war es mir in meiner Vision, als ob Du, der scheinbar Kleinere, zu mir, dem scheinbar Größeren, herniederkämest von den Sternen, den scheinbar kleinen, die aber immer größer werden, je mehr man sich ihnen nähert.“

"Schrecklich!", reagiert Kara Ben Nemsi spontan auf den flammenden Haß des Zauberers, „rang es sich über meine Lippen. Ich wollte schweigen, doch konnte ich nicht.“ Der Dschirbani aber sagt „Sein Haß entstammt dem Wahn; sein Glaube an Gott aber ist echt und wahr und frei von jeder Lüge. Ich bitte Dich, ihn zu achten!"

Als die Frau des Scheiks sieht, wie sehr der Erzähler mittlerweile die Hunde ‚im Griff’ hat, äußert sie "Du bist auf alle Fälle ein größerer und unendlich geschickterer Zauberer als der Sahahr!" Er entgegnet „Durch Verstand und Liebe gut zu machen, was der Unverstand und Haß verschuldet hat, dazu bedarf es nur des guten Willens, nicht aber eines Wunders oder gar der Zauberei“.

Längere Passagen, in denen wir eine Art Studie über das Militär (der Ussul) zu lesen bekommen.

Von der optischen Erscheinung unserer Helden sind die neugierigen Ussul in der Weise enttäuscht, wie es vielleicht der eine oder andere Radebeuler Besucher seinerzeit war, „Und nun konnten diese guten Menschen, die gewohnt waren, nur nach der Körpergröße zu urteilen, das, was sie gehört hatten, mit unsern kleinen, zerbrechlich erscheinenden Gestalten nicht in Einklang bringen.“

Die Passage über das von Mays „ebenso armen wie vortrefflichen Vater“gebastelte Holzpferd fehlt leider in Zeitschriften- wie Buchfassung.

„Alles war still. Diese Schweigsamkeit war mehr als musterhaft zu nennen; sie hatte etwas Enttäuschendes, fast gar Beängstigendes.“ Dennoch, auf nach Ussulistan, mag man denken beim Lesen dieser Stelle ... Plappern ist Bronze ...

„Weißt Du, Soldaten haben ist eigentlich gar nicht übel. Man kann dann doch zeigen, wer man ist. Aber sobald es aufhört, einträglich zu sein, und anfängt, Geld zu kosten, so will ich lieber verzichten! Man kann sich doch ganz unmöglich große Kosten machen, um Leute zu erhalten, die im Grunde genommen nur dazu da sind, andere umzubringen!" sagt der Scheik, und der Erzähler konstatiert „Er hatte diese seine Ansicht über die Daseinsberechtigung des Soldatenstandes in einem so unbefangenen, ehrlichen Tone ausgesprochen, als ob man überhaupt gar nicht anders denken könnte.“

Exerzier-Demonstrationen, „Hierauf folgten höchst eindrucksvolle Bemühungen, um zu zeigen, wie man einen Menschen tot schieße. Die Sache wurde sehr anschaulich gemacht. Das Pulver schien hier bedeutend trockener zu sein als bei der Artillerie, denn von den vierzig Gewehren gingen ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig wirklich los, wenn auch nicht zugleich.“

„Simmsemm“ wird getrunken, „Sowohl Simm als auch Semm heißt: Gift; Simmsemm bedeutet also Doppelgift.“ (Hier stand in der Manuskriptfassung: „Simm heißt Gift, und Semm heißt Gift; Simmsemm heißt also Doppelgift.“ Für Feinheiten wie mitschwingendes Augenzwinkern u.dgl. fehlte Redakteur Denk offenbar die Sensibilität.)

„Gott hat dem Menschen das Getreide gegeben, daß er das Brot, nicht aber Gift daraus bereite. Wer seinem Nächsten Gift anstatt des Brotes gibt, der tut, was er nicht soll! Wie gut schmeckt Euch dieses Brot, und wie wohl wird es Euch bekommen! Wie häßlich dagegen schmeckt dieser Simmsemm, der jeden, der ihn oft genießt, in bösen Rausch oder schlimme Krankheit stürzt! Und doch sind beide, der Segen und der Fluch, aus ganz denselben Früchten und Körnern gemacht!“ Und das ist natürlich übertragbar auf allerhand anderes.

„Es wurden zwei Ausschüsse gebildet, nämlich ein erster Ausschuß für die Erbauung des Denkmals im besonderen und ein zweiter Ausschuß für die Feststellung der Reihenfolge, in welcher die Abzubildenden einander zu folgen hatten“ usw. usf., es hat sich nichts geändert. „Es gab nur noch Wüteriche, Besessene und Narren.“

Wir erfahren von einem merkwürdigen Denkmal, das freilich seitens der Erbauer mehr oder weniger beabsichtigt auch als Gleichnis fungiert ...

„Der Scheik saß an meiner Seite. Er bewährte sich immer mehr als eine etwas unkultivierte Ansammlung aller möglichen Sorten von Gutmütigkeit. Bei Anwendung nur einiger Vorsicht war es wirklich fast unmöglich, sich mit ihm zu entzweien.“

Die Scheikfrau „war eine jener tief und edel angelegten Frauen, deren Aufgabe es ist, den Schritt vom gewöhnlichen Menschentum zum geläuterten Geistes-Menschentume ohne abstoßende Leiden, Qualen und Martern zu tun, um andere, die sich auch nach Vervollkommnung sehnen, zur freiwilligen Nachfolge anzuregen.“

„Dann durch den großen Mittelraum gehend, in dem die andern Gäste saßen, bemerkten wir, daß der Simmsemm hier bedeutend größere Verheerungen angerichtet hatte als bei uns. Es gab hier alle möglichen Sorten dieser Wirkung, vom leisen ‚Pfiff’ und heiteren ‚Schwips’ bis zum schweren ‚Affenrausch’ hinauf.“ Den Satz „Hier war anderes Material [...]“ zwischen den beiden zitierten Sätzen hat Denk gestrichen, vermutlich klang er ihm nicht menschenfreundlich genug.

Mit der Priesterin im Tempel, „Ich fühlte mich an heiliger Stelle.“

„Wir sind von Gleichnissen umgeben. Aus Himmelsnähe steigt unser Licht hinunter in die Tiefe. So verläßt die Offenbarung ihre Heimat, um nach der Erde zu trachten. Und je mehr sie sich ihr nähert, desto kleiner und ärmer und schwächer scheint sie zu werden, bis sie fast ganz in Finsternis verschwindet.“

„Ja, die Priesterin hatte recht! Sie hatte sich ganz richtig ausgedrückt, als sie von dem Himmel sprach, den man hier oben schaue! Zwar war da nicht nur der Sternenhimmel über uns, sondern auch noch ein ganz anderer Himmel gemeint, der nur innerlich zu sehen und zu fühlen ist; aber schon der erstere genügte vollständig, uns dafür zu entschädigen, daß wir heraufgestiegen waren.“

Lichterscheinungen, „wie glühende Gebete hilfsbedürftiger Menschen, die sich zum himmelstürmenden Fanal vereinigen, um, sich im Steigen läuternd, in voller Reinheit Gott erreichen zu können.“

„Das Leuchten und Glühen, das Flackern und Flammen, das da oben im Norden aus der Tiefe zur Höhe stieg, war ein Gebet der Erde, und wenn die Mutter betet, so durchzuckt es alle ihre Kinder, mitzubeten!“

„Was Du siehst, das ist das Tor des Paradieses.“

Und weiter wird über Dinge gesprochen, zu denen „der Gelehrte oder der Ungläubige“ halt keinen Zugang hat ...

„Ich mußte an die Norne Urd, die altgermanische Schicksalsgöttin denken, die [...] auf dem Gewordenen steht und das Werdende überschaut, um das Werdensollende zu erkennen. Es stieg ein unbeschreibliches Gefühl in mir auf, aus der Tiefe meiner Seele, ein Gefühl, welches ich bisher noch nie empfunden hatte. Es war nicht Liebe; es war nicht Bewunderung, nicht Hochachtung oder Vertrauen, aber dennoch war es das, und noch viel mehr als dieses alles. Es kam auch eine ganz besondere Gabe von Mitleid hinzu. Was sollte dieses Gefühl? Wer gab es mir! Floß es aus ihrer Atmosphäre auf mich über?“

„Die Nachkommen meiner Ahnen sind verschwunden“, sagt die Priesterin, „sind Ussul geworden, sind ganz im Volke aufgegangen. Aber das war es ja, worin ihre Sendung bestand: Während sie herniederstiegen, hoben sie das Volk. Die Oberfläche dieses Menschenmeeres ist eine reinere, gesündere und bewegtere geworden. Und in der Tiefe ruhen nun die hinabgesunkenen Muscheln, damit es möglich sei, daß Perlen entstehen“.

Weitere Betrachtungen über Innen und Außen, bei der Formulierung „so trostlos leer, daß man gleich ein- für allemal darauf verzichtet“ mag man z.B. an gewisse Erscheinungen in Fußgängerzonen denken ... Was nützen völlig nebensächliche oder auch ganz unnötige Dinge wie elegante Kleidung, Make up und Frisurenfirlefanz, wenn aus den Augen Dummheit und Primitivität einem auf’s Abstoßendste gleichsam entgegenspringen ...

Lange vor Rüdiger Dahlke hat unser Autor die Sache mit der Polarität begriffen, „wie auf der Erde das Böse gleich beim Guten und der Schatten gleich beim Lichte steht, so auch das Lächerliche gleich beim Erhabenen.“ Halef quatscht dann in einem Moment großen Ernstes ganz unerwartet sozusagen dazwischen.

„Da hast Du gleich den ganzen Gegensatz zwischen Erde und Himmel!“ ...

Der Erzähler teilt mit, daß er persönlich bereits in der Geisterschmiede war, von der er dann gemeinsam mit Priesterin und Scheikfrau ausführlich rhythmisch vorträgt. Es sind die Verse aus „Babel und Bibel“.

„Das ist nicht Sage und nicht Märchen, sondern Wahrheit!“

Es geht bei der Geisterschmiede um die Wandlung „aus einem Gewaltmenschen in einen Edelmenschen“, das bedeutet eben mehr als was man sich gemeinhin darunter vorstellen mag. Es ist, mit Verlaub, auch unglücklich formuliert und lädt zu oberflächlicher Fehlinterpretation förmlich ein, so floskelhaft wie es klingt. Der weiter oben zitierte Satz auf dem Stein des Dschirbani (in seiner ursprünglichen Form der Manuskriptfassung !) fasst verkürzend zusammen, was die „Geisterschmiede“-Passage in etwa sagen will ...

„Nur wer dies geworden ist, der weiß, durch welche Leiden, Qualen und Martern er gehen mußte, und doch haben all die Tausende, die um ihn und mit ihm leben, keine Ahnung davon! Nicht seine Worte, sondern seine Werke verraten es. Höchstens vielleicht noch seine Augen, diese armen, für alle Zukunft noch qualerfüllten Augen, aus deren tiefstem Hintergrunde das dunkle Bild der Geisterschmiede schimmert!“

"Mein Bericht über mein Verhältnis zu Marah Durimeh war weniger ein Erzählen als vielmehr eine Beantwortung von Hunderten von Fragen, die von den beiden begeisterten Frauen an mich gerichtet wurden. Wir saßen noch stundenlang, in stiller Nacht, auf der Zinne des innerlich dunklen Tempels, aber im Flammenscheine der Licht und Wärme schleudernden Vulkane. Es wäre wohl manchem meiner Leser interessant, zu erfahren, was meine beiden Zuhörerinnen zu fragen und zu forschen hatten, und ich möchte gern einen jeden, der diese meine Zeilen in die Hand bekommt, in dieses Allerheiligste der Menschenseele blicken lassen; aber ich muß alles vermeiden, was zu der falschen Meinung leiten könnte, daß ich mit meinen Erzählungen sonderreligiöse oder aftertheologische Zwecke verfolge (im Manuskript stand noch zusätzlich "oder gar confessionelle Zwecke"), und so muß ich, wie so oft, auch hier über das hinweggehen, was lehrhaft erscheinen könnte." Schade. Aber aufgrund des verwendeten Mediums "Deutscher Hausschatz" wohl anders kaum möglich ... So begnügen wir uns halt mit den Ansätzen oder Andeutungen.

 

(Hier beginnt in der Buchausgabe das vierte Kapitel)

Der schwer betrunkene Hadschi Halef kommuniziert mit den Hunden, "Laß das Lecken!" ("Lecke mich nicht !" in der Manuskriptfassung), "Es wird von den Gesetzen des Anstandes untersagt!"

Er hat wirklich Schwierigkeiten, auf den Beinen zu bleiben, der Alkohol und "Dieses immerwährende Lecken während der ganzen Nacht!" In einer durchaus nicht kurzen Passage hat er die schon aus anderen Werken sattsam bekannte Prüfungs-Sure in Sachen Nüchtern- bzw. Betrunkenheit vorzutragen und seine liebe Not damit.

"Dieser Simmsemm gleicht einem alten Weibe, welches äußerlich schöne Kleider trägt, innerlich aber voller Mucken und tiefer Abgründe ist." - "Die kennst Du wohl?" (fragte ich in etwas anzüglicher Weise.) - "Ja, die kenne ich! [...] Denn ich bemerke sie an Dir." Spiegelbilder ...

"Denke Dir nur, Effendi, was wir gestern alles getan haben. ... [usw.]" Geltungsbedürfnis, Old Shatterhand - Legende ... Hier verarbeitet ?

"Die Lotosblume ist Sumpferzeugnis, ist einfach nur irdisch schön. Die bildliche Bedeutung, die sie besitzt, wurde ihr nicht von der Natur gegeben, sondern künstlich in sie hineingelegt. Aber Blumen wie unser Schneeglöckchen, unsere Veilchen, unser Maiblümchen, die ganze liebe, herrlich duftende Reihe bis zu unsern Rosenköniginnen hinauf, sie alle wirken edler, reiner, keuscher, inniger. Wer mit mir glauben kann, daß auch die Blumen Seelen haben, dem könnte ich das allerdings noch viel deutlicher sagen." Selbst der letzte Satz ist dem Hausschatz-Bleistift wider Erwarten nicht zum Opfer gefallen.

Auf der Insel des Dschirbani, Säulen mit Inschriften, "Die auf den kleineren Säulen stehenden Zitate waren von den vier Vedas, der Zend Avesta, den fünf King der Chinesen, der Bibel und dem Koran entnommen." Religiosität / Spiritualität ist (wird ...) halt letzten Endes überkonfessionell.

Eine "Glasphiole, aus der er nur einen einzigen Tropfen in ein winziges Fläschchen gab, um sie dann wieder einzuschließen. Trotz des kurzen Augenblickes, den die Phiole geöffnet gewesen war, verbreitete sich ein unbeschreiblich feiner, belebender, ja entzückender Duft um uns her. Ich kannte ihn nicht. Ich hatte ihn noch nie und nirgendwo gespürt. Sein Name stand in keinem Verzeichnisse aller Wohlgerüche der Erde geschrieben. Und dennoch war es mir, als hätte ich ihn schon gespürt, vielleicht schon oft, aber aus unendlich weiter Ferne."

"So erschrick aber nicht! Es ist - - - der Tod!" [...] "Leben und Tod sind eins. Man kann nicht leben, ohne immerfort zu sterben. Und man kann nicht sterben, ohne dabei das Leben zu erneuern."

Nebenbei registrieren wir das Vorhandensein unterirdischer Gänge, wie zu "Liebe des Ulanen"- oder "Schatz im Silbersee"-Zeiten, und erfahren unerfreuliche Details von verunglückten Ochsenschlachtungen.

Man schlägt seine Hunde, Kara Ben Nemsi zeigt, daß er der Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung keineswegs etwa schon abgeschworen hat, "Er wollte fortfahren; da aber riß ich ihm die Peitsche aus der Hand und zog sie ihm schnell einige Male über den Rücken", im Manuskript steht "drei, vier, fünfmal derart", das hat eine andere 'Qualität' ...

"Siehst Du, wie die Lüge wirkt?" fragt der Dschirbani kurz darauf, "Wie Vorurteil und Verleumdung die Köpfe verwirren?" Dazu kann einem nun allerhand einfallen, aber man muß auch nicht alles aufschreiben. "Hier lachte er doch; aber sein Lachen war mehr wie ein Weinen."

Erneut ist vom "berühmte[n] Dojan, von dem ich in dem Bande 'Durchs wilde Kurdistan' erzähle", die Rede. Frühere Bände ganz anderer Art werden bewußt und ausdrücklich und eben auch an dieser Stelle, hier im Spätwerk, ins Gesamtwerk integriert, ihre Kenntnis im Grunde vorausgesetzt.

"Das äußerliche ist für das innerliche da, daß es sich offenbare. Man soll durch das Äußere auf das Innerliche schließen. Wer seine Aufmerksamkeit nur auf das Außenleben richtet, der bleibt, mag er nach dieser Richtung hin noch so viel erreichen, in Beziehung auf das eigentliche, höhere, wirkliche Leben doch nur ein armer, beklagenswerter, blinder Mann. Wer sich aber gewöhnt, in allem, was er empfindet, denkt und tut, vom Niedrigen auf das Höhere, vom Körperlichen auf das Geistige und Seelische zu schließen, dem tun sich tausend, tausend Wunder auf, indem er sehen lernt, während der andere erblindet. Vor allen Dingen lernt er unser gegenwärtiges Leben als einen Anschauungs- und Übungsunterricht betrachten, den der Himmel der Erde erteilt, damit sie dann, wenn der Tod die Schule schließt, sich für die neue, herrliche Gotteswelt, in die sie tritt, bereits hier in der alten, nun für sie vergangenen, vorbereitet habe. Wer sich gewöhnt, in dieser Weise zu trachten und zu forschen, der lernt nicht nur von außen nach innen zu folgern, sondern ebenso auch von innen nach außen zurückzuschließen und kommt dabei zu Erkenntnisschätzen, von denen andere keine Ahnung haben."

"Du glaubst, zu sehen. Aber was in Dein Auge fällt, ist nur erst ein leiser, leichter, kaum bemerkbarer Schein des strahlenden Lichtes, für welches sich Deine Augen langsam, nach und nach öffnen sollen. Und was ich Dir jetzt sagte, das sage ich eben nur Dir und niemand anderm. Dein Auge kennt schon jenen leisen, dämmernden Schein, der Dir den vollen, hellen Tag verspricht, und ich finde also Glauben, wenn ich von dieser Helligkeit, von diesem Tage zu Dir spreche; ein Blinder aber würde wahrscheinlich zweifeln, würde den Kopf schütteln, würde vielleicht gar lachen." So ist das.

Daß "eine abwärts steigende Bewegung zu ertheilen" auf "einen Dämpfer aufzusetzen" abgeändert wird, sei als typisches Beispiel unverständiger Textveränderei erwähnt, das eine ist die Auslösung eines Prozesses, das andere einfach eine abgeschlossene Aktion, das ist ein Unterschied.

Dialog Halef - Kara Ben Nemsi: "Ich muß Krieg haben, unbedingt Krieg! Denn nur durch Krieg und wieder Krieg und zum dritten Male Krieg kann ich Dir zeigen, was für ein außerordentlicher, ganz unvergleichlicher und berühmter Kerl ich bin! Glaubst Du das! Und begreifst Du das?" - "Ja. Ich habe es selbst erlebt." - "An Dir selbst?" - "An mir und anderen. Auch ich bin das gewesen, was Du noch heute bist!" - "Was?" - "Ein Knabe! Ein dummer Junge!"

Mays Vater, der hier gleichnishaft für Gott steht (was klar geäußert wird), "war vernünftig und betrachtete mich und die Prügelei mit himmlischen, nicht aber mit irdischen Augen!"

"Was hilft mir, dem kurzsichtigen Knaben, mein ganzer Ruhm vor andern kurzsichtigen Knaben, wenn ich dadurch den Vater, anstatt ihm zu gehorchen und ihm Freude zu machen, mit aller Gewalt zwinge, mich hinterher immer wieder von neuem zu verhauen, zu verwichsen und zu versohlen?" Sehr bedenkens- und beherzigenswert. "Schau in die Weltgeschichte!" ...

"So bist Du also gegen den Krieg?" - "Nicht gegen den heiligen Krieg, den Gott gesegnet hat und immer segnen wird! Das ist der Krieg, in dem die Menschheitsseele in eigener Person zum Schwerte greift, um den Entwickelungsgang der Sterblichen zu schützen." Jenun ... Wobei wir nicht vergessen wollen, daß dieser "heilige Krieg" (auch der in anderer Sprache so genannte) auch der im eigenen Innern sein kann.

Erneut Lichterscheinungen; "Im Norden von uns loderten fünf, sechs gewaltige Flammen hoch zum Himmel empor. Von uns aus hatte es sogar den Anschein, als ob sie das Firmament erreichten und die Sterne verdunkelten. In Wahrheit aber stiegen sie, wie jedes irdische Licht, nicht über den Dunstkreis ihres Entstehungsortes hinaus."

Halef, "in seinem Innern schon längst Christ geworden", wird ein wenig analysiert, wobei in der Manuskriptfassung das Wort "Anima-Mensch" steht, was in der Zeitschriftenfassung fehlt. "Seine Seele war noch Leibesseele, nicht aber schon Geistesseele; sie trachtete vor allen Dingen nach dem körperlichen anstatt nach dem geistigen Wohle".

"Und auch ich fühlte in mir das unwiderstehliche Bedürfnis, den in mir erklingenden Tönen und Akkorden äußerlich Ausdruck zu geben, aber während Hadschi, der Erdenmensch, sich ohne eigene Gedanken in geistiger Hilflosigkeit an Mohammed wendete, stieg in mir ganz plötzlich ein Strahl der Erkenntnis noch viel lichter und noch viel höher auf, als da draußen die Aschenflamme der Vulkane von Dschinnistan, so daß ich mich beeilen mußte, das Notizbuch zur Hand zu nehmen, um das, was an mich herantrat, festzuhalten."

"Man liest Gedichte nicht vor" ... ("Denk nicht an ird'schen Ruhm" steht in einem von ihnen ...)

"Den Gedanken Deines Gottes und Vaters findest Du in jedem, auch im kleinsten seiner Werke"; wohl wahr, nur irritiert in dieser Passage die unnötige Abgrenzung vom Koran. Er (May) hat sie doch schon mit aufgenommen ins Boot, die anderen Religionen, soll er sie doch darin lassen ...

"Ich sehe da oben nur Berge, die Feuer speien. Das überwältigt mich, gibt mir aber keine Antwort auf meine Frage", sagt Halef. "Du aber hast, wie Moses einst im glühenden Busche, in diesem Feuer Gott gesehen und bist Dir sofort darüber klar geworden, daß nur er allein Professor sein und bleiben könne. Ist es denn möglich, daß auch ich zu einem solchen scharfen Auge und zu einer so beseligenden Erkenntnis komme?"

Die gallig-unfreundliche Formulierung "Durch das laute Herunterbeten dieses langen, mohammedanischen Rosenkranzes war er innerlich zwar noch nicht ganz wieder auf das gewöhnliche Niveau herabgestiegen" wird im "Hausschatz" zu "Durch das laute Hersagen dieses langen, mohammedanischen Gebetes" usw. gemildert.

Es geht dann um Schutzgeister, Schutzengel, Unsichtbarkeit ... "Der Mensch tritt mit seinen Wohltaten persönlich hervor; er tut sie am liebsten öffentlich, in allergrößter Sichtbarkeit und Hörbarkeit. Auch Hadschi Halef Omar ist nicht besser. Er will gesehen, gehört, gelobt und gepriesen werden; er will prahlen können, prahlen, prahlen! Der Engel aber handelt im Verborgenen."

"Wenn Hadschi Halef Omar mit mir nach Dschinnistan reitet, um für den Dschirbani öffentlich zu kämpfen, so handelt er als Mensch. Wenn er dafür geschmeichelt und scharwenzelt werden will, so handelt er als Narr, als Tor, als Einfaltspinsel." (Siehe auch oben in Sachen Gedichte ...)

Die Position ist klar, "wir aber müssen verschwinden. [...] Indem wir ihn dem hiesigen Sumpfe entreißen, entkommen auch wir dem Moder des niedrigen Lebens, wo jedermann nur nach Simmsemm, Fleisch und Humus riecht. Und indem wir ihn, nach gelungenem Ritt, dem 'Mir von Dschinnistan übergeben, stellen wir auch uns in den Schutz und Schirm dieses mächtigen Herrschers, in dessen Haus der ewige Friede wohnt. Freilich, so bei ihm einzuziehen, wie wir jetzt sind, können wir nicht. Indem wir Schutzgeist und Schutzengel werden wollen, haben wir unser Todesurteil gesprochen. Wir müssen sterben!" Was Halef freilich gleich zu wörtlich nimmt. "So ziehen wir also als Leichen in Dschinnistan ein?" - "Wenn Du es so ausdrücken willst, habe ich nichts dagegen."

"Solche Erbschaft ist nur schwer zu beseitigen" ...

Als der Dschirbani Halef fragt, ob der ihm "schützende Seele" sein wolle, "brach der Kleine in ein lautes, konvulsivisches Schluchzen aus. Er fand keine Worte. Er drückte sein Gesicht in die Hände des gütigen Titanen, küßte sie drei-, viermal und entfernte sich dann schnell, um uns mit seiner Rührung nicht zu belästigen." Das steht zwar, wie die ganze Passage (Unsichtbarkeit usw.) vorher, in Manuskript und Zeitschriftenfassung, aber nicht mehr in der Buchausgabe. Hier hat May selber nachträglich kräftig gestrichen. Auch die hübsche private Anmerkung vom Kantor Strauch taucht nicht mehr auf, schon in der Zeitschriftenfassung nicht.

Man muß durch "die hartnäckigsten und stinkigsten Schwaden", "Hoffentlich ersticken wir nicht! So wie uns jetzt, muß es dem Gott zumute sein, wenn er aus dem Paradiese tritt, um nach Ardistan zu gehen! Und so muß es jedem reinen Geiste und jedem edlen Menschen grauen, in die Atmosphäre derer, die in Stickluft leben, hinabzusteigen." Manches  'täglich Brot' ...

"Weißt Du, Ssahib, daß wir für immer von hier gehen?" - "Ja." - "Tut es Dir nicht leid?" - "Nein.“

(Hier endet in der Manuskriptfassung das erste, in der Buchfassung das vierte Kapitel)

 

"Am Mittwoch" steht in der Zeitschriftenfassung, im Manuskript stand hier ebenso eigenartiger- wie interessanterweise noch "An der Mittwoch", dabei ist es doch interessant, Worte einmal ihrer Herkunft nach kennenzulernen, Neuerungen treiben uns das Gefühl für Sprache nach und nach aus.

"Das war doch wohl ein Stringendo, welches zum Nachdenken trieb." (über die ereignisreichen letzten Tage.)

Nach einigen Mitteilungen über eigene Empfindungen und Reflexionen: „Das war es, was ich bei Beginn unseres weiten Rittes über mein Inneres zu sagen habe. Halef mag für sich selbst sprechen.“ Hübsch.

„Gelegentlich aber, wenn es ohne Nachteil geschehen konnte, gab ich den braven Tieren dann auch gleich selbst die Veranlassung, sich nach Herzenslust auszubellen.“ In der Manuskriptfassung ist auch noch zusätzlich ausdrücklich von „auszusprechen“ die Rede, das ließ der „Hausschatz“-Redakteur nicht zu.

„Auch unsere Waffen waren vortrefflich, die meinigen sogar unschätzbar, wir selbst dabei kerngesund und frohen Mutes, voller Unternehmungslust und Zukunftsfreude. Mehr kann man von zwei Menschen, von denen der eine der Sohn eines blutarmen, deutschen Leinewebers und der andere der Sprosse einer ebenso armen, nordafrikanischen Beduinenfamilie war, wohl kaum verlangen.“ Immer wieder angenehm, diese Offenheit und Uneitelkeit.

„Hier herrschte die Sechs“ steht im Manuskript angesichts beobachteter zweifelhafter Menschen, und der Leser mag sich bei der trocken knappen Formulierung durchaus denken, daß es möglicherweise eine Anspielung auf die „Teufelszahl“ 666 ist. „Hier herrschte die Zahl Sechs“ (Zeitschriftenfassung) klingt anders, nüchterner, sachlicher, und eben das wird nicht beabsichtigt gewesen sein ...

„Diese beiden hohen oder gar allerhöchsten Personen aßen wie die Ferkel. Sie verschlangen das Fleisch und das Gebäck fast ungekaut und ließen sich noch zweimal neue Portionen geben, die ebenso wie die erste gesegnet wurden. Während des Essens fiel kein einziges Wort. Es wurde dabei soviel geschnalzt, geschmatzt, geschnauft und gerülpst, daß weder Zeit noch Raum für eine gesprochene Silbe blieb.“

Ein interessanter Vortrag wird belauscht, „Diese niedrig stehende Menschheit mag an Liebe glauben, an Humanität, Barmherzigkeit und Frieden auf der Erde. Sie ist nicht reif. Sie würde sich entsetzen, wenn sie die Wahrheit hörte. Die Liebe ist die größte Lüge, die es gibt; nur der Haß allein ist wahr. Jedes lebende Wesen trachtet nach sich selbst, ist Egoist. Auch Gott! Je größer ein Wesen ist, desto gewaltiger ist seine Selbstsucht. Gott ist der Größte, der Höchste; darum ist sein Egoismus ohnegleichen. Es ist ein Wahnsinn, ihn als ‚Vater’ zu beschreiben. Er ist nur der Verderber, weiter nichts. Er gibt nicht das Leben, sondern nur den Tod, nicht den Frieden, sondern nur den Kampf, den Streit, die Vernichtung. Als er das All schuf, vernichtete er sich selbst. Der Geist verwandelte sich in Stoff; der Schöpfer wurde Geschöpf. Um sich als Gott wiederherzustellen, muß er den Stoff in Geist zurückverwandeln, muß er die Schöpfung wieder vernichten, Schritt um Schritt, in umgekehrter Reihenfolge, wie sie entstanden ist. Das ist nicht Liebe und Leben, sondern Haß und Tod, Zerstörung, ewiger, endloser Weltenmord! Je höher Gott wächst, um so kleiner wird das Geschöpf. In dem Augenblicke, an dem der letzte Rest des Alls verschwindet, wird Gott am größten sein. Darum klug und selig der Mensch, der nicht nach Erdenglück und Menschenwohl, sondern nur nach Gottes Größe trachtet! Er wird immer unwägbarer, immer kleiner und kleiner werden, bis seine Existenz vollständig zu Ende ist und er ganz in Gott verschwindet. Dieses Aufhören alles eigenen Seins, dieses völlige, restlose Aufgehen in Gott, so daß es nicht mehr die geringste Spur von Erinnerung gibt, ist unsere Seligkeit, ist unser einziges und höchstes Ziel, ist - - Nirwana!"

„Ließ schon dieses sein Äußeres erraten, daß er kein gewöhnlicher Mensch sei, so zeigten auch seine Worte, daß er ebenso auf intellektuellem Gebiete auf Wegen wandelte, die der Fuß alltäglich denkender Menschen nicht betritt. Er schien sich sogar über die Grenzen, welche den Gedanken der Sterblichen gezogen sind, hinausgewagt zu haben. Ich bin überzeugt, daß gar mancher andere an meiner Stelle das, was ich gehört hatte, für puren Wahnsinn erklären würde; ich aber war geneigt, es einstweilen als die allerdings höchst seltsame Übertreibung einer an sich ganz gesunden Idee zu betrachten, der man im geistigen Leben der Völker auf Schritt und Tritt zu begegnen pflegt, ohne sie sonderlich zu beachten.“

Aber damit es auch nicht zu anspruchsvoll wird, wird an Auflagen seitens Verlag und Publikum erinnert, „Ich habe nicht die Topographie des Landes, durch welches wir ritten, zu behandeln, sondern meine Leser wünschen, daß ich ihnen soviel wie möglich Ereignisse bringe, für die sie sich interessieren. Da wir von jetzt an unterwegs nichts erlebten, überschlage ich die Zeit, bis wir unser Ziel erreichten“ ...

„Wer in seinem Leben so glücklich ist, das Land des Sumpfes hinter sich zu haben, der soll lieber verschmachten, als sich vom ordinären Durst verleiten lassen, in den Sumpf zurückzukehren!“ (Geh’ nicht, geh’ nicht zurück zur Welt“ ...) „Wasser gibt es überall, sogar auch in der ödesten, trockensten Wüste; man muß es nur zu finden wissen. Und daß es im Sande der Wüste reiner und bekömmlicher ist als im Moderboden des Schwemmlandes, das weißt Du, der Du aus der Wüste stammst, doch ebenso gut wie ich."

Kara Ben Nemsi erlaubt Halef, auf seine (dessen) innere Stimme zu hören, und erhält kurz darauf von ihm „einen Kuß grad auf dem Mund“. Auf den „fragenden Blick, der ihn deshalb aus meinen Augen traf“, entschuldigt Halef sich mit "Verzeih den Kuß, Sihdi! Ich kann nicht anders, Ich mußte ihn Dir geben. Aus Dankbarkeit“ ...

Ein wesentlicher Absatz "Denjenigen meiner Leser, welche gewohnt sind, in die tieferen Absichten meiner Erzählungen hinabzusteigen, ist es bekannt, daß mein Hadschi Halef Omar für mich die menschliche Anima bedeutet" usw. ist in der Zeitschriftenfassung gestrichen. 

Langer Dialog über innere Stimmen. „Bin ich in mir? Oder bin ich draußen? Sind wir alle beide in mir? Oder sind wir alle beide draußen?“ ... „Ich bin der, der das Gute will, und er ist der, der das Böse will.“ Gruß an Mephisto ...

"Also der, den Du einen Schuft und Schurken nennst, wirft Dir Deine eigenen Steine und Dein eigenes Unkraut in den Garten zurück. Ich sage mit Absicht: ‚zurück’. Wo befindet er sich also?" - "Draußen." - "Und die Steine?" - "Auch draußen." - "Wo aber haben sie sich erst befunden, da sie ja Deine eigenen sind?" - "Drin! Im Garten! In meinem Innern! Sihdi, halt ein, halt ein!“ Großartig.

„Maschallah - Wunder Gottes! Seit ich mich nur immer von innen betrachtet und gar nicht mehr nach außen geschaut habe, ist ja die Gegend ganz anders geworden!“ So ist das.

„Das ist die Wüste, die ich liebe!“ ...

Die Reise geht weiter, „Es war, als rage dort ein riesiger Diamant empor, an dem Millionen von Edelsteinschleifern jahrhundertelang gearbeitet hätten, um seiner ganzen, ungeheuren Fläche die Fähigkeit zu erteilen, das große, ewiggewaltige Unisono des Sonnenlichtes in unzählbare, zeitlichkurze Minuten und Sekunden zu differenzieren. Nach langem, schwerem Urwalddunkel bot dieser Strahlenjubel auf unbegrenzter, offener Erdenfläche einen Anblick, den kein Mensch, der ihn gehabt hat, in seinem Leben jemals vergessen kann.“

Halef mag sich den Eindruck durch nüchterne Wissenschaftlichkeit nicht mindern lassen, „So sage dieser Deiner Wissenschaft, daß ich ihr nicht erlaube, mir das Wunder, welches ich vor mir sehe, zu verkleinern. Was Glimmer ist, weiß ich nicht. Ob dieses Zeug in das Reich der Pflanzen oder der Elefanten gehört, ist mir gleichgültig; ich mag es gar nicht wissen. Ich sehe nur, daß es funkelt, viel schöner und viel entzückender als Deine ganze, dunkle Wissenschaft, und daß nicht der Glimmer, sondern dieses Funkeln für mich ein Wunder und eine Wonne ist, das darfst Du mir wohl glauben!“ Dieser 'Running Gag' unterschiedlicher Einstellungen zur Wissenschaft – die sich ggf. ergänzen können – zieht sich durch weite Teile der Erzählung.

„Wer nach Wasser sucht, der darf nicht nach dem Sande der Oberfläche urteilen. Die darunter liegende Formation hat das entscheidende Wort zu sprechen." („Was kein Verstand der Verständigen“ usw. ...)

"Hamdulillah! Das Loch ist gefunden! Sihdi, Du bist ein Zauberer, ein Hexenmeister! Zwar Deine Wissenschaften taugen alle nichts, doch bist Du glücklicherweise zuweilen so klug, Deine eigenen Gedanken zusammen zu nehmen, und dann sind wir immer, besonders wenn ich auch die meinigen dazu gebe, eines guten Erfolges sicher.“ Wie gesagt, ggf. ergänzen ...

„So tief und noch viel tiefer, als dieses Wasser lag, stand die Vergangenheit, in der dieser Brunnen erbaut worden war, unter der Gegenwart, in der wir beide, Halef und ich, vor seinem Wasser standen. Auch sie, die Vergangenheit, hatte, um für die Gegenwart fruchtbar zu werden, zur Sonne emporzusteigen, und Gott, der allweise und allgütige 'Mir von Dschinnistan, hat auch zum Wohle der Gegenwart einen hochragenden, weit über die Wüste dahinleuchtenden Engel erbaut, in dessen wunderbaren Gedankeninnern wir in die Tiefe zu steigen haben, um mit dem befruchtenden Wasser der Vergangenheit die Gegenwart und Zukunft zu durchtränken.“ Hier ist nicht nur die Gleichsetzung Gott = Mir von Dschinnistan beachtenswert.

Der in der Wüste gefundene Brunnen hat „mich aus aller Sorge um unsern Zug durch die Wüste der Tschoban befreit, [...] und ich kann also sicher sein, daß wir nicht dürsten werden.“

Nach allerhand gedanklichen Höhen erwischt einen das „mit Kugeln bestrichen werden“ recht ernüchternd, es geht also immer noch bzw. auch weiterhin um Kämpfen resp. Scherereien ...

Es erscheinen Merhameh und Abd el Fadl auf der Bildfläche, „Gottesgruß“, „un- oder überirdisch“, zu Merhameh fallen ihm allerhand freundliche Formulierungen ein.

„Und was nun hoch in den Lüften über uns betete und flutete, das war ein Duett und dennoch keines; das waren Lieder, ohne Lieder zu sein; das war Gesang in seiner allerhöchsten, weil einfachsten Kunst“ ...

„Warum ich da grad die köstlichen Eigenschaften der ‚Güte’ und der ‚Barmherzigkeit’ in Erwähnung bringe, wird der Leser wohl morgen früh schon merken, wenn wir erfahren, wessen Stimmen es waren, die wir hörten.“ Hübsch. Fortsetzung folgt.

Aus der „Kraft und Fülle und dennoch außerordentlichen Weichheit ihrer Stimme“ schließt der Erzähler auf der Sängerin Gestalt, sagt, er kenne sie „so ziemlich“ (ohne sie bislang gesehen zu haben).

"Aber ein Mann, wie Du bist, sollte sich doch nicht von einem Mädchen, welches noch nicht siebzehn Jahre zählt, an der Nase führen lassen!" Daß dieser Einwand Hadschi Halefs seinerzeit durchaus vergeblich war, ist für den geneigten Leser kaum zu überlesen ...

„Und sie kam wenige Augenblicke nach mir und genau so gekrochen wie ich!“

In der Manuskriptfassung findet sich an dieser Stelle eine leicht abweichende Formulierung mit völlig anderer Zeichensetzung, wodurch der Satz dort noch beträchtlich mehr auffällt ... „Und sie kam ! Ganz wenige Augenblicke nach mir ! Genau so gekrochen wie ich!“ ...

„Ein halblautes, unbeschreiblich liebes, süßes Lachen entquoll ihrer Brust. Hätte man weiter nichts von ihr gehört als nur dieses eine, einzige Lachen, so hätte man sie doch schon lieben müssen!“ Oh weh ... da hat es aber einen erwischt ... (Oh weh vor allem wenn man dahingehend mutmaßt daß eine ganze Menge Projektion dabeigewesen sein wird ...)

Auch Halef ist sehr beeindruckt, „Er sieht nicht mich; er sieht nur meine Seele; darum spricht er so!" sagt sie, und er ergänzt "Dein Seele? [...] Ja, diese auch! Doch meinte ich zunächst nur die Gestalt.“

Der Erzähler ist auch beim Weitergehen in Gedanken „an das junge, schöne, unendlich sympathische Wesen, welches soeben in meinen Gesichtskreis getreten war.“ Soeben in meinen Gesichtskreis ... wir spüren noch das einige Erschütterungen auslösende Ereignis, das das wohl damals war ...

„Es fällt mir nicht ein, die Schönheit Merhamehs zu beschreiben“, im Manuskript stand „Es kann mir nicht einfallen, zu den Gepflogenheiten der Schund- und Kolportageschriftsteller hinabzusteigen, um ...“

„Der Zickzackweg hatte mich erst im Zick nach links und dann im Zack nach rechts geführt.“ Heinz Erhardt hätte es nicht anders ausgedrückt.

„Ihr Gesicht glänzte vor Vergnügen, und aus ihren Augen strahlte ein seelischer Lebensüberschuß, der in der Einsamkeit der letzten zwei Jahre in Gefahr gewesen war, zu verkümmern.“ Das hat Frau Fritsch damals gefallen, wenn sie das gelesen hat. Daß sich einer so hineinversetzen kann und sich dann so positiv äußert. (Diese Kombination ist es ... Hineinversetzen allein reicht normalerweise keineswegs ...)

„Eine jede ihrer kräftig schönen, harmonischen Bewegungen nahm das Auge gefangen. Sie kam mir vor wie ein Gedicht, wie ein lebendiges Sonett, von Gott selbst in Fleisch und Blut geschrieben, um zu der Schönheit ihres Namens die gleiche Schönheit ihres Körpers zu gesellen.“

[Auf hohem, schmalen Grat]

Halef ist ins Taumeln geraten da oben, Abd el Fadl kommentiert „Er ist der erste nicht. Es ging fast allen so. Es ist nicht jedem Menschen gegeben, zu gleicher Zeit die Tiefe und die Höhe zu erfassen, ohne den eigenen Halt zu verlieren." (Im Manuskript steht „Es ging fast allen gleich“, gleich statt so, an der Stelle schöner.)

Geheimnisvolle Andeutungen über einen ‚neuen Mir’.

„Ich meine einen Kreis von höher stehenden, weiter denkenden und tiefer fühlenden Menschen, bei dem ein jeder verpflichtet ist, der gute Engel eines seiner Nächsten zu sein“, das begegnet uns in ähnlicher Form in Winnetou IV wieder.

Gespräch mit Abd el Fadl, "Wo wirst Du beginnen? Natürlich schon bei den Ussul, weil sie die fruchtbare Humuserde bilden, aus welcher sich Dein Werk zu erheben hat, um emporzustreben und Blüten und Früchte zu bringen?" - "Allerdings," [...] -  "So wird der erste Teil Deines Buches langweilig werden!" - "Das kann ich leider nicht vermeiden!" - "Der Humus ist ja für den Leser niemals interessant. Und tust Du noch so sehr Deine Pflicht, ihn mit den Wurzeln der kommenden Ereignisse zu beseelen, so wird man Dich trotzdem nicht begreifen.“

„Du mußt hacken, düngen, pflanzen und bewurzeln, ganz gleich, ob dies denen, die keine Gärtner sind, gefällt oder nicht!“

"Laß sie tadeln, laß sie tadeln! Wie das Land der Ussul hinter Dir liegt, so wird auch bald dieser Tadel hinter Dir liegen.“

„Die Landenge, auf der wir uns heut und hier befinden, führt nicht nur Dich, sondern auch Deine Feder aus dem Lande der notwendigen, natürlichen Unklarheiten hinüber in das Land des offenen, ungehinderten Sonnenscheines, wo sich das Leben nicht im Verborgenen, sondern offen und ungescheut vor Gottes Auge und dem Auge der Menschheit vollzieht.“

„Effendi, Du wurdest nicht in dem Erdteile geboren, über den Du schreiben willst; ich aber stamme aus Dschinnistan und weiß, was kommen und sich ereignen wird. Wir werden viel erleben, und Du wirst sehr viel zu erzählen haben. Deine Leser werden zufrieden mit Dir sein!"

Auch hübsch: „Was ich jetzt nicht sehen konnte, das sah ich dann am folgenden Morgen um so deutlicher, und so ist es mir schon heut möglich, unsere neue Bekanntschaft eingehender zu beschreiben, als ich sie jetzt hier liegen sah.“

Noch einmal Auftritt Smikh, „Dann machte er einen gewaltigen Sprung, noch einen und noch einen, bis zu mir her, zog mir seine Zunge erst quer und dann lang von unten herauf über das Gesicht und war mir für die Ohrfeige, die ich ihm dafür gab und die er wahrscheinlich für eine Liebkosung hielt, so dankbar, daß er vor lauter Wonne wieherte, grunzte, kläffte, blökte, meckerte, schnurrte, gluckste, gackerte, kollerte und girrte, als ob er im Besitze aller Tierstimmen sei, durch die es möglich ist, diejenige Art der Zuneigung auszudrücken, welcher auch die tief unter dem Menschen stehenden Geschöpfe fähig sind.“

(Hier endet der erste Band der Buchausgabe, in der Manuskriptfassung das 2. Kapitel.)

 

„Die buchhändlerische Gepflogenheit, den neuen Jahrgang der Zeitschriften nicht am ersten Januar, sondern am ersten Oktober zu beginnen, hat Abd el Fadl und mich grad da überrascht, wo wir hinter Hadschi Halef herjagten, um ihn einzuholen. Da aber ein fest in den Bügeln stehender Erzähler sich selbst durch so bedeutende chronologische Verschiebungen nicht aus dem Sattel werfen läßt, so mag die Störung einflußlos an uns vorübergehen. Ich erzähle einfach weiter.“ Hübsch. Fehlt in der Buchausgabe.

„Ich will die Tschoban nicht vernichten, sondern sie aus Feinden in Freunde verwandeln. [...] Nur derjenige Sieg ist ein wirklicher Sieg, der alle Feinde vernichtet und keinen einzigen von ihnen übrig läßt. In vergangenen, grausamen Zeiten suchte man dies dadurch zu erreichen, daß man sie ausrottete, sie tötete. Heute und noch viel mehr in der Zukunft aber kommt man viel leichter, viel sicherer und viel menschlicher zu ganz demselben Ziele, indem man den Haß in Liebe kehrt und sich dadurch den Widersacher zum Verbündeten und Helfer macht. Diese letztere Weise soll auch die unsere sein. Ich will durch Liebe siegen, nicht durch Blut und Tod!" Worte des Dschirbani.

"Shahib, hast Du schon einmal von der sogenannten Seelenblindheit und Seelentaubheit gehört?" - "Schon oft," ...

Der Dschirbani hat sich „mit allen vier Elementen verbunden - - -", "Und diese unsere vier Freunde sind, wie ich sehe, fest entschlossen, sich unserer Sache kräftigst anzunehmen."

„Sobald der Mensch nicht künstlichen Gesetzen folgt, sondern nur den natürlichen, die ihm Gott gebietet, steht ihm die ganze irdische Natur als Helferin zur Seite. Dann geschehen Zeichen und Wunder, deren Zusammenhang mit unserm Wünschen und Wollen nur Gott allein erklären könnte, wenn wir klug und gläubig genug wären, ihn zu begreifen. Doch, philosophieren wir nicht, sondern bleiben wir praktisch! Fassen wir dankbar zu, wenn uns der Himmel Hilfe schickt, obgleich wir nicht glauben, sie auf uns beziehen zu dürfen. Sie ist dennoch für uns bestimmt!"

Halef äußert, daß er „dem Dschirbani vollständig vertraue. Früher hätten alle Fäden in Deiner und meiner Hand vereinigt sein müssen. Wenn nicht, so hätte ich von der ganzen Sache nichts wissen mögen. Und heute ist es ganz anders. Ich trete mit Vergnügen zurück.“

Von „langweilig“ wurde ja schon gesprochen, als eben das kann man die sich hinziehenden Vorbereitungen zur großen Aktion in Sachen Gefangennahme der Gegner usw. empfinden ...

Zwischendrin eine hübsche Stelle, "Sihdi, dieser Mann ist gut!", sagt Halef, "Der liebt sein Pferd. Dem darf nichts geschehen! Bist Du einverstanden?"

Auftritt der zahlreichen Menschen, „die sich durch das verhängnisvolle Tor, vom Durste getrieben, förmlich hereindrängten, ohne zu ahnen, daß sie sich dadurch um ihre Freiheit brachten. Und so, wie sie hereindrängten, so drängten sie weiter. Wie sahen ihre Kleider, ihre Gesichter, ihre Pferde aus!“

Großer Auftritt Merhamehs, „gab mit erhobenem Arm den Befehl, zu schweigen“, ganz ähnlich wie in der mit ihrem Namen benannten Erzählung. „Ihr Anblick besaß jene Macht, die nur dem begreiflich ist, der die unwiderstehliche Gewalt eines seelisch reinen Wesens an sich selbst erfahren hat.“

„Wie kam es, daß der Anblick grad dieses Mädchens so unbedingt beruhigend wirkte und das vorherige Gezeter in plötzliches, tiefes Schweigen verwandelte?“

Der Dschirbani „glich in seiner edlen Haltung, seiner vornehmen Art, sich zu bewegen, und seinem ledernen Gewande einem Winnetou in Riesengestalt“, im Manuskript „in Riesenausgabe“.

Merhameh „sprach völlig der Wahrheit gemäß, jedoch so vorsichtig und diplomatisch, daß ich erstaunte. Auf jede Frage, die er ihr dazwischen warf, war sie sofort mit der richtigen Antwort bei der Hand. Sie sprach wie ein Anwalt, der sich mit scharfem Geiste auf alles, was er zu sagen hat, wohl vorbereitet hat und dem Gegner keine Lücke läßt, etwaige Widerlegungen anzubringen. Und zugleich sprach sie auch als mild und freundlich denkendes Weib, dem es viel mehr darauf ankommt, zu verzeihen, als zu siegen. Und doch klang es auch wieder, als spräche nur ein Kind, dem es in seiner Natürlichkeit und Naivität ganz unverständlich ist, daß ein vernünftiger Mensch sich in der Weise benehmen kann, wie eben der Gegner sich benimmt. [...] Das war nicht gemacht, das war angeboren; das war Talent oder gar vielleicht Genie.“

Auch Halef ist in nie dagewesener Weise 'hin und weg', „Hast Du es gehört, Effendi? Maschallah! Ich habe mich für einen unübertrefflichen Redner gehalten; aber weißt Du, was ich bin?" - "Nun, was?" - "Ein blökendes Schaf, eine schreiende Krähe, ein gähnendes Kamel!“ ...

Dialog Panther – Kara Ben Nemsi, „So wisse zunächst, daß ich Dich hasse, glühend hasse! Daß ich Dich so hasse, wie ich noch niemals einen Menschen gehaßt habe. Du hassest mich natürlich auch!" - "Ich Dich? O nein! Gleichgültige Menschen haßt man nicht.“

„Dieser junge Mensch hatte nachgedacht, und zwar tief, sehr tief!“ äußert der Erzähler nach Betrachtungen des ‚Panthers’ über Krieg und Frieden ...

"Ich verstehe es", antwortet er, "es sind dieselben Gedanken, die auch in mir nach Geltung riefen, als es noch keine Klarheit in mir gab." - "Klarheit? [...] In mir ist alles klar. Darum haben sie bei mir die bleibende Stätte gefunden, die sie bei Dir unmöglich finden konnten, denn Du bist auch noch heut nicht in Dir klar. Dein Christentum erlaubt Dir nicht - - - " An dieser Stelle wird sinnigerweise ein Schnitt gemacht, „Er konnte nicht weiter sprechen; er wurde unterbrochen“.

„Mochte er noch so begabt sein, ein großer Mann zu werden, war ihm versagt. Das Naturell herrschte wie ein wildes Tier in seinem Innern; es hieß wie er selbst auch - - - Panther!“

Vater und Sohn; der Sohn kann wieder ‚richtig’ hören, „Ich unterlasse es, die Szene, die nun folgte, nach Sensationsschriftstellerart zu beschreiben. Heiliges hält man heilig!“

„Die Dschunub sind keine Männer, sondern Puppen zu den Schattenspielen des Mir von Ardistan. Er macht ihnen weiß, daß sie sich selbst regieren, in Wahrheit aber sind sie seine Sklaven. Er bewaffnet sie, als ob sie Helden seien, und doch sind sie die größten Memmen, die es gibt. Das Leben ist für sie ein Kef, ein Mittagsschlaf. Sie sind sogar zu faul, zu Gott zu beten; sie spannen ihre Gebete in Mühlen, die sich im Wind und Wasser drehen, und halten Allah wirklich für so dumm, daß er sich darüber freut. Wenn sie kommen, werden sie zwar voller Waffen hängen und gute Pferde haben, aber große Taten von ihnen zu sehen, darauf mußt Du verzichten."

„Ihr Land war, mit der Wüste der Tschoban verglichen, von ungeheurer Fruchtbarkeit. Sie brauchten kaum die Hand zu rühren, so fiel ihnen alles, was sie nötig hatten, in den Schoß. Das hatte sie entnervt, entkräftet und hochmütig gemacht und, wie wir bald sehen werden, feig, verächtlich feig.“

Als der Prinz spricht, „trat augenblickliche Stille ein. Auch die Natur nahm teil an dieser Stille. Ein kurzer, scharfer, rasender Windstoß fuhr durch das Tal, um es von jedem störenden Geräusch zu befreien, und dann schwiegen für kurze Zeit alle Lüfte, um zu hören, was aus diesem für das Menschheitswohl und den Menschheitsfrieden begeisterten Munde kam.“

„Dann führte er aus, daß auch Völker taub sein und hörend werden können; nur müßten sie nicht nur hören können, sondern auch hören wollen.“

„Es solle von nun an Friede sein zwischen denen, die sich bisher unausgesetzt befehdeten. Aber nicht jener lügnerische Friede, der schon im Entstehen heimlich nach der nächsten Feindseligkeit hinüberschielt, sondern der wahre, edle, heilige Friede“ ...

„Es brach ein Jubel, ein Beifall los, der nicht nur die Menschen, sondern auch die Lüfte zu ergreifen schien, denn diese erhoben im Augenblick ihre Stimmen plötzlich wieder und trugen den Enthusiasmus dieser frohlockenden Menschenkinder aus dem schmalen, engen Felsentale hoch empor und hinaus in die unbegrenzte Weite.“

Die Dschunub sind „Gefangen wie die Kinder Israel in Babel. Der Dschirbani gibt sie nicht wieder frei. Er läßt sie in die Urwaldungen der Ussul verteilen, wo ihre Aufgabe ist, die Wildnis in fruchtbares Land zu verwandeln."

Ende Teil I.

 

ARDISTAN UND DSCHINNISTAN II

Mays Weihnachtsfest, in Ardistan. Ebenso mit Herzblut durchtränkt wie ironisch gebrochen, bei May kein Widerspruch.

Licht, Erleuchtung ... ein großes Thema in diesem Buch, mit schön geschilderten Bildern dazu. Aber die Wege dorthin erscheinen hier eher mühsam und beschwerlich ...

Interessant einige Dialoge zwischen dem Mir von Ardistan und Kara Ben Nemsi, auch diese dürften, wie schon die zwischen Ustad und Kara Ben Nemsi im "Silberlöwen", eher Auseinandersetzungen des Autors mit sich selbst sein ... Auch der Geisterschmiede begegnen wir wieder, von einem "psychischen Kulub" ist wörtlich die Rede.

Später stehen Tote auf, und himmlische Heerscharen erscheinen. Gott selber sahen wir im ersten Band ja schon kommen (in einem Traum des Ich-Erzählers), hier haben wir es mit einem Schech el Beled von El Hadd zu tun, der wohl der Mir von Dschinnistan oder gar noch mehr ist. 

 

(Der zweite Teil der Manuskriptfassung beginnt mit dem zweiten Kapitel der Buchausgabe.)

„Es war etwas über zwei Monate später.“

Die Helden sind nun (zunächst) ohne Waffen und Hunde unterwegs.

Ard; „Gotteswohnungen gab es in großer Zahl und, wie es schien, von jeder geschichtlichen Art. Wir sahen geschlossene und offene Säulentempel; links drüben ein Bau, der einem indianischen Teokalli glich, und rechts, auf der andern Seite, eine hoch und massig gebaute Chinesenpagode. Dazwischen ragten schlanke, mohammedanische Minarets in die Lüfte. Hier und da stand auch ein kleineres, bescheideneres Haus, mit einem christlichen Kreuze auf dem Dache.“

„Siehst Du die vier Flüsse? Sie heißen Phison, Dschihon, Tigris und Phrat. Diese Namen stehen schon in Euerm Koran oder in Eurer Bibel oder in Euern Vedabüchern.“ Oder, oder ... es 'bleibt sich gleich'.

„Die Christen aber wurden ob ihres Hochmutes streng bestraft. Sie sind noch heut verachtet und verhaßt, und es ist eine große Gnade des 'Mir, daß er sie nicht ganz vernichtet oder vertrieben, sondern ihnen erlaubt hat, in den kleinsten und abgelegensten Häusern der Stadt zu wohnen, die als Warnungszeichen mit einem Kreuz versehen sein müssen, damit niemand sich verunreinige, indem er seinen Fuß über eine solche Schwelle setzt.“

„Niemand beachtete uns. Wir waren nicht anders gekleidet als hier jedermann, und keiner von allen, deren Blicke auf uns fielen, hielt uns für fremde oder gar für aus irgend einem Grunde interessante Menschen. Es war genauso, wie wenn zwei Deutsche mit einigen Einheimischen durch die Straßen von Paris oder London reiten. Die paar Menschen verschwinden unter der ungezählten Menge der übrigen Passanten.“ Hier fließt möglicherweise das reale Kairo-Erlebnis der Orientreise ein.

Schon vor der Begegnung weiß der Erzähler, daß sich freilich auch ein Mir von Ardistan 'knacken' läßt, „Ich aber wußte, daß der Mensch stets menschlich bleibt, sowohl in guten, als auch in bösen Dingen. Kein Mensch kann so vortrefflich sein, daß er nur Engel ist. Und kein Mensch kann von Gott so völlig aufgegeben werden, daß man nur noch Teuflisches, nichts Menschliches mehr an ihm findet. Auch der Mir von Ardistan war jedenfalls weder ein Engel noch ein Teufel“ ...

'Nach gutem Brauch und alter Sitt'' wird Kara Ben Nemsi im Palast gleich wieder handgreiflich, die Hunde, die ihm über weite Entfernungen gefolgt sind, können ihm beistehen. Und der Mir ist eben, wie richtig vermutet, kein 'Bilderbuchteufel' ... „Das unverhoffte, gütige Verhalten des Mir war, wie man zugeben wird, geeignet, uns zu veranlassen, dem, was uns erwartete, ruhiger entgegenzusehen als bisher.“

„Ich hatte das Gefühl, als sei das Herz dieses Mannes keinesfalls von Stein, und Halef war ganz derselben Meinung.“

Der Auftritt der Hunde bzw. das Verhältnis zwischen ihnen und ihren Herren hat den Mir beeindruckt, „Wundert Euch nicht, daß ich die Hunde liebe! Sie sind besser als die Menschen. Hat Dich jemals ein Hund belogen?" - "Nein" -"Betrogen?" - "Nein."

"Ich liebe die Hunde, die Pferde. Sie sind wahr. Sie sind offen und ehrlich. Sie lügen nicht! Die Menschen aber hasse ich, verachte ich. Ich habe noch keinen gefunden, der es wert wäre, auch nur ein einziges Stück Fleisch von mir zu bekommen, wie diese Eure Hunde!"

"Armer Mann!" sagt darauf Halef ... Jenun ...

Der Mir setzt 'noch einen drauf', „Ich sage Euch, der Augenblick, an dem Eure Hunde kamen und fast vor lauter Liebe zu Euch gestorben wären, ist ein unendlich wichtiger für mich, viel wichtiger, als Ihr ahnt. Es kam zum ersten Male nach dem Tode meiner Mutter die Ahnung, ja die Gewißheit über mich, daß es außer ihr doch Menschen gibt, die wert sind, nicht nur von Hunden, sondern auch von Menschen geliebt zu werden!" ...

Der Erzähler hat Verständnis für den nicht gerade menschenfreundlich sich äußernden Mann, „Haben die Menschen, die ihn umgaben, irgend einen Wert? Und wenn sie einen haben, dann doch nur als Masse! Wieviel Hunderttausende von ihnen werden geboren, nur um wieder zu sterben und zu verfaulen, ohne daß es auch nur einem einzigen von ihnen gelingt, auf sie gestützt, über sie emporzusteigen. Ist es da ein Wunder, daß er, der nicht emporzusteigen braucht, weil er oben geboren ist, dieses sogenannte Menschenmaterial eben nur als Material betrachtet, als weiter nichts?" (Vgl. eine Stelle im 'Steppenwolf' Hesses ...)

„Und als er sah, daß alle die Schurken und Speichellecker vor den Hunden flohen, ohne daß es einem einzigen von ihnen einfiel, auch nur eine Hand für den Fürsten zu rühren, um ihn vor den giftigen Bissen der Ungetüme zu bewahren, da erschrak er über die unendliche Größe dieses Undankes und dieses Verlassenseins und kroch tiefer und tiefer in die Majestät des Audienzanzuges hinein“ spricht der Mir in der dritten Person über sich selbst und seine Rolle.

Der Mir sagt voraus, was geschehen wird, ohne das zu wissen oder zu glauben. "Für mich sind Sagen heilig" wendet der Erzähler ein, und auf "Aber diese Sage wurde fabriziert, absichtlich fabriziert, um die Christen zu betören!" entgegnet er "[...] Wie nun, wenn die Fabrikanten sich selbst getäuscht haben? Wenn sie unbewußt einem höheren Gebote gehorchten, während sie glaubten, ihren eigenen Absichten dienstbar zu sein?“ Sehr schön.

Der Erzähler möchte zur christlichen Feier, der Mir erlaubt es ihm, „Dieses Reden und Plärren wird Dich nicht erbauen, sondern Dir ebenso lächerlich vorkommen, wie mir selbst“ ... Im 'Silberlöwen' lasen wir Ähnliches. Schaut man auch etwas tiefer hinter institutionalisierte Erscheinungen, kann man gleichwohl gleichsam achselzuckend dabei die vordergründige Form akzeptieren.

Die Leute in der Kuppel „hörten ihre Redner sprechen, deren Worte nur in der Nähe verstanden werden konnten, dann aber nur bloß als Lärm in die Lüfte stiegen.“

Der Mir hat, der Prophezeiung gemäß, versehentlich den Stern von Bethlehem zum Strahlen gebracht, „Es war wohl möglich gewesen, die Flammen zu entzünden, doch wieder auslöschen konnte man sie nicht.“ So ist das. „Man mußte sie brennen lassen, bis sie aus Mangel an Nahrung von selbst verschwanden.“

Lauscher auf dem Gang; der Erzähler gibt den Hunden einen Wink, und das bekommt den vier Menschen da draußen nicht gut, „Ihre zerbissenen Gurgeln hingen heraus und ihre Vorderarme, mit denen sie sich gewehrt hatten, waren vollständig zermalmt.“ Kein Wort des Bedauerns oder irgend etwas in der Art, nein, es ist halt nichts von wegen [ausschließlich] friedensliebender Menschenfreund und dergleichen ...

„Er sagte jedes Wort so gewichtig, als ob er es mit Buntstift unterstreiche.“ Hübsch ausgedrückt.

Der Erzähler sucht zwischenzeitlich die Konfrontation, und setzt sich durch, „Die Zähne des Mir verschwanden“ (sic). „Seine Fäuste öffneten sich; sein Gesicht wurde ein ganz anderes.“

„Was bist Du für ein Mensch! Ich sah überhaupt noch keinen! Du bist der allererste, und darum will ich tun, was Du verlangst.“

„Es ist, als ob Du Deine Untertanen absichtlich triebst, sich gegen Dich aufzulehnen. Daß Du nicht schon längst vom Throne gestoßen oder gar ermordet worden bist, kommt mir wie ein Wunder vor“ ... Er erspart ihm nichts. Aber er meint es gut. „Du bist ein Tyrann; ja, das ist richtig. Aber Du bist noch mehr wert als das: Du bist ein großangelegter Mensch. Du brauchst nur zu wollen, so verwandelt sich der Peiniger in den Wohltäter.“

„Der Mir [...] kämpfte einen stillen, aber schweren Kampf, den Kampf mit sich selbst, den Kampf mit seiner eigenen, niedrigen Anima, der es noch nicht gelungen war, sich zur Seele zu erheben.“

 

(Hier beginnt in der Manuskriptfassung das fünfte Kapitel „Weihnacht“.)

„Während wir jetzt nun weiterritten, hörten wir den Mir einige Male halblaut vor sich hinlachen.“ Er ist, das erkennen wir schon hier, „im Grunde ein ganz gemütlicher Mann“ (Zitat aus Band 5 bezüglich eines anderen).

Tannenbäume; „Der Anblick [...] war ein für meine deutschen Augen sehr erfreulicher. Wir kamen durch ununterbrochene Wein- und Obstgärten, an die sich später ein herrlicher, dichter Tschamwald schloß, der mir die Fiktion, daß ich in der Heimat sei, erleichterte. Der Anblick dieses Waldes war mir um so willkommener, als Tannen in jenen Gegenden äußerst selten sind.“

Es wird sozusagen noch tümelnder, „[...] gaben mir sehr willkommene Veranlassung, ihm unser herzliebes, deutsches Weihnachtsfest zu beschreiben“ ... (Zwischendrin taucht dann erfreulicher- & auflockernderweise ein vermutlich unfreiwillig hintersinniger Satz wie „Da liebt man sich!“ (der Mir über das Weihnachtsfest ...) auf.)

„Mir hat noch keiner etwas beschert! So lange ich lebe noch nicht!" Armer Herrscher ...

„Ich ernenne Dich zu meinem Weihnachtsengel“ ... Das kann eigentlich nur ironische Brechung sein, stellen wir gleichsam einigermaßen erleichtert fest ... (Oder ?)

Was wiederum den Ernst keineswegs ausschließt, „Es gibt hier eine Macht, die ich nicht kenne. Sie steht an Eurer Seite“ ...

„Als er das sagte, tauchte über dem dunkeln Streifen des Waldes die neugeborene Sonne auf und lachte uns strahlend in die Augen. Das war ein ganz alltäglicher Naturvorgang, von dem sich der Mir aber heut tief ergriffen fühlte.“ Vergleichbares hat der eine oder andere auch schon erlebt.

„Wir aber, Halef und ich, standen vor der Aufgabe, die schlafende Volksseele aufzuwecken und in ihr die größte, die herrlichste und wichtigste Bewegung zu erzeugen, die es im Leben der Völker und des einzelnen gibt, nämlich die Bewegung zu Gott empor, die in der Tiefe der Seele beginnt, um nach den ewigen Höhen des Himmels zu steigen.“

Der „alte, große Junge“, als der der Mir an einer Stelle bezeichnet wird, dürfte einmal mehr eine Selbstspiegelung sein ...

Eine „Realharmonika“ findet sich auch, es fehlt nichts, um nach 'guter deutscher Art' Weihnachten zu feiern ...

"O Du fröhliche, o Du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!" ... „Ich bin kein Sänger und habe auch nur eine ganz gewöhnliche Baritonstimme; aber die Wirkung war trotzdem eine ganz ungewöhnliche. Man kennt den Einfluß unserer deutschen Lieder selbst auf Leute, welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Er bewährte sich auch hier.“

„Ihr ernstes, außerordentlich sympathisches Gesicht besaß keinen einzigen Zug, der von Glück erzählen konnte“ heißt es über die Frau des Mir, solche Damen der höheren Gesellschaft finden sich auch heute noch durchaus zahlreich. „Und da kamen auch die Kinder. Erst zwei Stück und dann wieder zwei Stück, je ein Knabe und ein Mädchen, die einander führten. Allerliebste Buben und Mädchen!“ In der Manuskriptfassung hießen sie noch „Dirndels“, „ihre Mäulchen sperrten sich immer weiter und weiter auf.“

„Schon bei der zweiten Strophe begann der kleinere, drollige Knabe mitzusingen, natürlich nur auf trallerala.“ So etwas gefällt unserem Autor, es ist nicht zu überlesen.

Aber auch eine andere Seite der 'Medaille' wird, durchaus positiv besetzt anmutend, voll integriert: „half mir der Basch Nasrani bei einem Kostenanschlag für den Mir, um nachzuweisen, wieviel Anlagekapital die Festproduktion erforderte und auf wieviel Gewinn man rechnen konnte.“ Vivat Geschäft. (So May in einem Brief an Fehsenfeld.)

"Ein braves Weib, ein herzig Kind, das ist mein Himmel auf der Erde!" Der Erzähler stellt in dieser Passage die Toleranzschwelle auch geneigter Leser ein wenig auf die Probe.

Seltsam die Passage mit dem Kiosk und der belauschten Frau, die mit einem Pferd spricht ... hier scheint irgendein reales Erlebnis Pate gestanden zu haben. „Kann man so etwas wirklich erleben?“

„Wir stellten an allen Plätzen und größeren Straßen der Stadt Musterbäume und Verkäufer aus. Wir ließen mit Christbaumschmuck hausieren gehen. Wir ließen Vorträge halten.“ Das klingt in etwa so, als denke der Autor darüber nach, wie er sich die Vermarktung des Alterswerks vorstellt ...

„Ich wußte, daß alles gelingen werde, äußerlich und innerlich. Denn meine eigentliche Aufgabe hatte sich weniger auf die Außendinge als vielmehr auf die Seele zu richten, auf die Volks- und auf die Menschheitsseele, mit der ich mich beschäftige, seit ich überhaupt beschäftigt bin.“

„Ich bin kein berufsmäßiger Orgelspieler und noch viel weniger ein Orgelvirtuos, aber den musikalischen Kenntnissen und Anforderungen der hiesigen Bevölkerung glaubte ich entsprechen zu können.“ Erinnert an eine Stelle in „Am Rio de la Plata“, schauen wir doch eben nach, dort hieß es „Ich bin keineswegs ein fertiger Spieler, und ob mein ‚Kontrapunkt’ Gnade vor einem Kenner gefunden hätte, bezweifle ich mit vollstem Rechte. Aber man war die Kunst des kleinen Organista gewöhnt, und so fiel mein Spiel auf.“

Merhameh und Abd el Fadl bekommen beim Mir eine Wohnung angewiesen; der das Gleichnishafte direkt erklärende Satz "Die Güte und die Barmherzigkeit waren bei dem Mir eingezogen, waren seine Gäste geworden" ist in der Zeitschriftenfassung gestrichen.

„Und der größte aller Bäume, die es gegeben hatte, brannte nun in unserem Bureau, genau eine Stunde nach dem Schlusse des Geschäftes, also am 24. Kanun el Auwal, abends sieben Uhr. Und vor ihm standen alle die Kisten, Körbe und Körbchen voll Geld, welches wir eingenommen und nach Begleich unserer Schulden übrig behalten hatten, nach den verschiedenen Münzen geordnet, die in Ardistan kursieren. Und da kam er, den wir hatten rufen lassen, der Mir. Wir sagten ihm, daß jetzt das Geschäftliche erledigt sei, und nun könne das Höhere beginnen. Wir übergaben ihm die Blätter, welche die Buchführung enthielten, und führten ihn dann zur lichtbestrahlten Kasse.“ Ob er wirklich gar nicht merkt, wie seltsam diese Mischung herüberkommt, darüber kann man sich nicht sicher sein ...

„Das ist die wahre Religion, die nicht nur nach dem Tode selig macht, sondern auch schon hier im Erdenleben für das Glück ihrer Bekenner sorgt!" Das ist denn doch nun bald 'einer zuviel' ...

„Wenn ich hier von der 'Kirche' spreche, meine ich immer die gewaltige Mittelkuppel des Domes von Ard.“ Womit möglicherweise einfach die Erde unterm Sternenhimmel gemeint ist.

Wenn das nicht ironische Brechung der ganzen feierlichen Angelegenheit ist, wäre es zu dumm: „ ... hatte der Mir bekanntmachen lassen: Wer die Heiligkeit des Festes durch Unfrieden störe, werde unbedingt erschossen, er sei, wer er immer sei. Man kannte ihn nur zu gut. Man wußte, daß er gegebenen Falles keinen Augenblick zögern werde, diese Drohung auszuführen, und so ist es mir glücklicherweise möglich, schon jetzt im voraus zu berichten, daß sie vom besten Erfolg gewesen ist.“

„Wer war der Meister gewesen, der diese drei Figuren geschaffen hatte? Zwar als Künstler seiner Zeit schon weit vorausgeschritten, hatte er als Christ leider immer noch an Formen und Gedanken gehangen, die auf dem Feld von Bethlehem überwunden worden waren.“ Hübsch.

Erster Auftritt des Schech el Beled von El Hadd.

„Ich hatte das wohlbekannte große Halleluja von Händel als Einleitung gewählt. Als der erste, volle Akkord brausend und alles mit sich fortreißend zur hohen Kuppel stieg, war es, als ob alle Lichter erzitterten und alle Augen und alle Herzen mit zur Höhe stiegen.“

Der Schech el Beled von El Hadd in seiner eigenartigen enganliegenden Lederkleidung wird ausführlichst beschrieben.

Merhameh und Abd El Fadl singen, Kara Ben Nemsi spielt Orgel, "Ich nützte die drei angegebenen Register so viel wie möglich aus, die beabsichtigte Wirkung zu erzielen, und da man bekanntlich die beste Wirkung oft gerade nur mit den einfachsten und bescheidensten Mitteln erreicht, so ist es wohl keine Überhebung von mir, zu erwähnen, daß mein 'orgeltretender' Halef sagte, es sei ganz so gewesen, als ob Engel miteinander sprächen."

Der Oberpriester "war nicht etwa ein guter Redner, weil er gut sprechen konnte, sondern weil ein großer Gedanke, der Erlösungsgedanke, seine Seele derart füllte, daß er nach ganz natürlichem Gesetze überströmte und alles mit sich zog, was er dabei berührte."

"Ich weiß, seine Bewohner sind mir freundlich gesinnt. Sie haben, obgleich sie ebenso eng an Dschinnistan wie an Ardistan grenzen, niemals etwas gegen mich unternommen, sondern sich mir immer nur förderlich erwiesen" sagt der Mir zum Schech el Beled von El Hadd über dessen Land.

"Bin ich denn wirklich noch der Mir von Ardistan? Oder bin ich ein anderer, der hin- und hergeblasen wird wie eine Feder, die weder Gewicht noch Willen besitzt?" Solche Identitätskrisen können manchmal recht hilfreich sein.

 

(Manuskriptfassung: Sechstes Kapitel - Nach der Stadt der Todten)

"Der Mir hatte [...] begonnen, unter seinen Gegnern leise, aber energisch aufzuräumen. [...] Das ging so einige Wochen lang weiter, ohne daß hierbei von einer Arretur oder einem andern Gewaltmittel etwas zu bemerken war. Die betreffenden Personen verschwanden auf die geheimnisvollste Weise, und es traten andere an ihre Stelle, ohne daß offiziell ein Wort hierüber verlautet wurde. [...] Es betraf zunächst die ganz Hochgestellten, dann die hohen, hierauf die ihnen im Range Nächstfolgenden. Es ging also abwärts, und zwar mit so untrüglicher Sicherheit, daß dem Eingeweihten angst und bange werden mußte, denn ein jeder von ihnen konnte hieraus ersehen. daß und wann die Reihe auch an ihn kommen werde. Da lag denn nun für sie alle der Gedanke nahe, sich ganz von selbst, noch ehe das Verhängnis nahte, also freiwillig, aus dem Staube zu machen, um diesem doppelt schrecklichen, weil unsichtbaren und unhörbaren Verderben zu entrinnen. Die Klugen unter ihnen folgten diesen Gedanken. Es kam eine Zeit, in der eine Menge von Menschen ihre guten, scheinbar ganz sicheren Stellungen und auch die Stadt verließen, ohne vorher anzugeben, warum sie es taten und wohin sie sich wendeten. Ich bemerkte das gar wohl, hütete mich aber, voreilige Fragen hierüber an den Mir zu richten. Es gab andere, für mich ebenso wichtige Dinge, die mich ganz in Anspruch nahmen."

Man wird überfallen, "Zu den Waffen" ruft Halef, und der Erzähler konstatiert sarkastisch-trocken "Ja, zu den Waffen! Aber zu was für welchen? Er selbst hatte keine, ich auch nicht."

In Auseinandersetzungen sind unsere 'Helden' nach wie vor nicht zimperlich, Halef "zog schnell sein Messer und stach dem 'Panther' die Spitze desselben zwei-, dreimal über zolltief in den Oberschenkel."

Über längere Strecken gibt es nichts zu notieren, dieses späte Werk ist von einer ins Auge springenden Uneinheitlichkeit auch in Sachen Interessantheit und Anspruch, was auch Hans Wollschläger im editorischen Bericht ausführlich untersucht und begründet.

"Der Mir glaubt in die Geheimnisse der 'Stadt der Toten' eingeweiht zu sein; aber er ist es nicht. Er kennt nur einige, aber nicht alle. Diese Geheimnisse sind Eigentum der Geistlichkeit, und zwar auch nur der allerhöchsten Personen unter ihr. Der Regierung wurde stets nur so viel von ihnen mitgeteilt, wie im Interesse dieser geistlichen Herrscher lag."

"Vollständig bekannt sind die Irrkammern und Irrwege der Totenstadt nur ganz wenigen."

Daß der so menschlich und mit unübersehbarem Wohlwollen geschilderte Mir auch ganz andere Seiten hat, wird unmißverständlich deutlich, "Der Mir war ein Tyrann, ja mehr als das, ein Schreckensherrscher, eine Zuchtrute, die jedem wehe tat, den er berührte. Es sind nicht Tausende, sondern aber Tausende, die unter den Streichen dieser Rute zugrunde gehen mußten. Unzählbar ist die Menge aller derer, deren Kraft er gebrochen, deren Frieden er zerstört, deren Glück er vernichtet und deren Elend er verschuldet hat! Es gibt keine Qual, die er nicht ersann, keine Marter, die er nicht erprobt, und keine Angst und Pein, die er nicht - - -" sowie "Ich halte hier in der Wiederholung seiner Rede inne, er aber tat dies nicht; er sprach weiter, immer weiter."

"Einkehr, Reue und Umkehr sind Geschwister, die um so langsamer schreiten, je sicherer sie zum Ziele kommen wollen!"

"Hier in der gestorbenen Gegend von Ardistan [...] hatten die von allen Seiten frei hereinbrechenden Winde [...] die ganze Gegend in die eisenfeste, glatte Schale verwandelt und rasiert, die uns von allen Seiten entgegenstarrte, ohne uns auch nur eine einzige Spur von organischem Leben zu zeigen." Seelenlandschaft. Das Nichts.

Der Mir, so Wollschläger in der Nachbesprechung, ist ein Spiegelbild Mays, und dieser Mir sagt "Ich habe niemals auch nur einen Augenblick lang geglaubt, der herzlose, grausame Wüterich zu sein, als den ich mich nun jetzt bezeichnet höre. Ich dachte, niemals Liebe gefunden zu haben, als nur bei meiner Mutter, und selbst diese Mutterliebe ist mir nicht als ein Verdienst erschienen, welches ich ihr anzurechnen habe, sondern als ein angeborener Trieb, dem zu gehorchen, ihre Pflicht gewesen ist. Diese meine Mutter ist das einzige Wesen, welches ich wirklich geliebt habe und auch heut noch liebe, und ich sage Dir in aller Ehrlichkeit, daß ich Wunder geglaubt habe, wie lobenswert ich handle, indem ich so viel Dankbarkeit für eine Frau empfinde, die meiner Ansicht nach nur aus Naturzwang handelte, nicht aber aus eigenem, freiem Entschlusse."

"Ich betrachtete alle diese Menschen, die so tief unter mir stehen, als eine Herde von Schafen, durch deren Wolle kein Hieb zu fühlen ist. Liebkose sie, so blöken sie, und schlage sie, so blöken sie; es ist alles gleich! Führe sie auf die Weide, damit sie fressen können; weiter wollen sie nichts! Umschließe sie des Nachts mit schützenden Händen, damit sie nicht selbst gefressen werden, denn Du bist das einzige Raubtier, das sie, sobald sie fett geworden sind, verzehren soll! Schere sie, so oft Du willst! Dann schlachte sie, und werde warm in ihrem weichen Pelze! Dazu sind sie da, zu weiter nichts; Du aber bist ihr Herr, der Mir, der Gebieter! Begreifst Du das, Effendi?" - "Gewiß begreife ich es! Das alles wäre ja auch ganz richtig gewesen, wenn Deine beiden Voraussetzungen richtig gewesen wären!" - "Welche Voraussetzungen?" - "Erstens die, daß der Käfer, das Schlachttier, das Wild und der Esel die Schmerzen weniger fühlen als Du, und zweitens die, daß Du anders, vollkommener, zarter, höher und wertvoller ausgestattet seiest als andere Menschen. Glaube mir: Wenn ich Dich schlachte, so schmeckt Dein Fleisch auch nicht besser als anderes Fleisch, und Deine Knochen ergeben keine delikatere Brühe als andere Knochen. Dein Haupt- und Barthaar ist nicht einmal so nützlich, um auch nur als Pelz verwendet zu werden, und wem es einfiele, aus Deiner Haut einen Schuh, einen Stiefel, einen Sattel oder gar eine Lederhose zu machen, der würde gar bald erfahren, daß sie von jedem Kalbs- oder Ochsenfell übertroffen wird!"

"Er saß zusammengedrückt, die Hände über das Knie gefaltet, und hielt den Kopf gesenkt. Ich sah, daß seine Zeit gekommen sei, gehämmert und geschmiedet zu werden, daß sich die Schlacken verlieren möchten, und fuhr also fort" ...

"Ich sah Dich, als ich zu Dir kam, in schwere, dichte, strotzende und protzende Gewänder eingehüllt, so tief, so tief, daß von Dir nichts, gar nichts zu sehen war. Es gab nur Prunkgewänder, nur Zeremonie, nur Förmlichkeit, nur Putz und Mummenschanz, aber keinen Inhalt, kein Leben und Weben im Innern, in der Tiefe! Und wo es etwas gab, da war es Furcht oder Angst, auch Lüge und Verstellung, Empörung und Verrat!" Was nützt äußerer Wohlstand ...

Der Mir ist 'geknackt', "Du hast eine Pforte in mir geöffnet, nicht leise, leicht und rücksichtsvoll, wie man die Türen fremder Zimmer zu öffnen pflegt, sondern mit Gewalt, mit Faustschlägen und Fußtritten, durch welche diese Pforte zerschmettert worden und zusammengebrochen ist." Härte kann sich als angemessen, notwendig und sinnvoll erweisen.

"Ich hatte wohl gewußt, wieviel ich wagte, als ich so geradeheraus und ohne alle Schminke ihm meine Meinung sagte; aber er war kein Argentan- oder Talmimensch, sondern von echten, reinem, innerlich kerngesunden Material, welches durch das Hämmern nur veredelt und gefestigt, nicht aber versprödet und verschlechtert werden konnte. Er hatte die Probe bestanden" ...

"Am zweiten Tage unseres Rittes zeigte die Gegend, durch welche wir kamen, nach und nach ein ganz anderes, für mich hochinteressantes Gesicht. Sie belebte sich. Indem ich mich in dieser Weise ausdrücke, mache ich mich eigentlich eines logischen Widerspruches schuldig, denn sie belebte sich mit - Leichen. Wir stießen nämlich, erst selten, bald aber mehr und mehr auf Spuren, die uns verrieten, daß diese abschreckende Öde einst bewohnt gewesen war. Wir erblickten Häuserleichen, die entweder einzeln oder auch in kleineren Gruppen, zuweilen aber auch in ganzen, ausgestorbenen Dörfern an unserem Wege lagen. Da, wo sie in größerer Menge zu sehen waren, zeigte es sich immer, daß es früher hier einen Bach, ein Flüßchen oder sonst ein fließendes oder auch nur stehendes Wasser gegeben hatte. Diese Leichen waren entweder nur teilweise oder auch ganz erhalten. Wir sahen zahlreiche Steinbrüche liegen, die ein äußerst dauerhaftes, widerstandsfähiges Material geliefert hatten. Die Ortschaften mit ihren steinernen Häusermauern und aus unzerstörbarem Lehm geschlagenen, platten Dächern besagen oft ein Aussehen, als ob sie nicht schon vor Jahrhunderten, sondern erst vor kurzer Zeit von ihren Bewohnern verlassen worden seien. Die lange Dauer ihres Verlassenseins wurde dem Beschauer erst dann klar, wenn er stunden- und immer wieder stundenlang sich vergeblich bemühte, einen Baum, einen Strauch, ein Kraut oder auch nur einen einzigen Grashalm zu entdecken. Freilich, Bäume gab es gar wohl, in den einstigen Gärten, an den früheren Wegen, die man jetzt nur noch vermuten, nicht aber mehr sehen konnte; aber sie waren eben auch nur Leichen. Es machte einen unendlich traurigen, oft grauenhaften, sogar gespenstigen Eindruck, die übriggebliebenen, bleichen Skelette dieser Bäume, zuweilen auch Sträucher, stehen zu sehen. Sie waren ihrer Rinde vollständig beraubt, von den Stürmen zerknickt und zerknackt, und schrien ein Ach und Weh zum Himmel empor, welches um so tiefer und niederdrückender wirkte, als man es nicht zu hören vermochte. Ein unbeschreibliches Gefühl empfand man bei dem Anblicke der Überreste, die uns ohne Schale, Blatt oder Nadel schon von weitem in lebloser Nacktheit entgegenstarrten, fast möchte ich sagen, entgegengrinsten."

"Es ist einer anderen, geeigneteren Stelle vorbehalten, eine ausführliche Schilderung dieser eigenartigen Totenstadt zu bringen; für heut mögen einige kurze Bemerkungen genügen."

Man erreicht den geschichtsträchtigen Maha-Lama-See, in dessen Mitte ein (steinerner) Engel steht ... (man kann um die eine oder andere Ecke an das Sascha Schneider - Bild zu Winnetou II denken.)

„Ich bin weder Spiritist noch Okkultist, weder Gespenster- noch Dämonenseher. Im Gegenteil! So oft ich da, wo man von 'Geistern' und dergleichen zu mir sprach, der Sache mit offenem Auge auf den Grund gegangen bin, habe ich stets und ohne jede Ausnahme erkannt, daß das, was man für überirdisch erklärte, genau ebenso irdisch und so alltäglich war wie alle andern irdischen und alltäglichen Dinge. Ich bin überzeugt, daß es sich auch hier um sehr materielle Sachen handeln wird“ sagt der Erzähler.

„Die Sage des Mir war gezwungen, ihre Maske abzuwerfen und ihre wahre Gestalt zu zeigen. Man hatte in ihr die Wahrheit nicht etwa nur umkleidet, sondern geradezu zur Lüge gemacht.“ Das hat man häufiger.

„So ist es eben sein Geheimnis gewesen, das Geheimnis des Mir von Dschinnistan, der mitten unter Euch wohnt, ohne daß Ihr es wißt, mitten unter Euch waltet, ohne daß Ihr es ihm erlaubt und Euch alle von innen und von außen kennt, ohne daß Ihr ihn jemals gesehen habt!"

„Er hielt mitten in seinem zornigen Satze inne, denn ich war schnell von der Kiste herabgesprungen und ganz nahe an ihn herangetreten, hob die Kerze zu ihm in die Höhe und sah ihm mit einem jener Blicke in das Gesicht, die man nicht 'machen' und nicht 'mimen' kann, weil sie unmittelbar aus dem Innern der Seele blitzen. Da wagte er es nicht, weiterzusprechen.“

„Wie klein bist Du, o Mir, wie klein! Und wie schädlich bist Du, wie schädlich! Für die ganze Menschheit! Für Dein Volk! Und für Dich selbst!"

"Effendi, was bist Du für ein Mensch! Was Du durchsetzen willst, das setzest Du durch, es maß andern wehetun oder nicht!" - "War es gut, oder war es schlecht?" - "Es war gut!" - "So gewöhne Dir das ebenso an, wie ich es mir angewöhnt habe! Man soll das Gute stets durchsetzen, mag es wehetun oder nicht. Nur der Böse räsonniert über den heilsamen Schmerz, den es verursacht."

„Und übrigens soll der Mensch ja nicht etwa denken, daß er bei der Leitung seiner Lebensereignisse vollständig unentbehrlich sei. Es waltet über uns eine Hand, die um so sicherer alles zum guten Ende führt, je weniger wir sie stören.“

Der Mir „hatte heut ein ganz eigentümliches Gesicht. Es sah aus wie das Gesicht eines Hungernden, eines Fakirs, eines Büßers.“

„Als es nach langen, grausamen Kämpfen Deinen Vorfahren gelungen war, die Maha-Lamas in kraftlose Schatten zu verwandeln, waren sie bemüht, nun auch noch das geschichtliche Bewußtsein ihrer Taten auszustreichen.“ Wie schon weiter oben einmal angemerkt, man hat so etwas häufiger.

„Wer aber in Wahrheit die Betrüger und die Betrogenen waren, das werden wir wahrscheinlich heut noch sehen.“

„Ich bin stets bemüht, allen, mit denen ich verkehre, nur Freundlichkeit und Liebe zu geben, und hier wurde ich durch die Verhältnisse gezwungen, streng objektiv, zuweilen sogar rücksichtslos, vielleicht auch schroff zu sein. Das tat mir leid; das tat mir sogar wehe; aber ich konnte nicht anders; ich hatte meine Pflicht zu tun. Und diese bestand darin, diesem Mann ganz unerbittlich wissen zu lassen, daß er bisher weder als Fürst noch als Mensch daran gedacht hatte, seine eigentlichen, ihm von Gott gestellten Aufgaben zu erfüllen. Falls ich mir hierdurch sein bisheriges Wohlwollen verscherzte, war er es gar nicht wert, daß man sich um sein Wohlwollen überhaupt bekümmerte.“

„Der gute Mann ahnte wirklich nicht, daß mich schon bloß seine Anwesenheit stören mußte, auch wenn er schwieg.“ Das kennen wir ...

„Es gibt Entdeckungen früherer Zeiten, die wir nun wieder zu entdecken haben, weil sie inzwischen verlorengegangen sind.“ So ist es, im Kleinen wie im Großen.

Symbolismus im Tempel, „Sie gaben diese Antworten, aber ich hörte sie nicht. Das machte einen ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Eindruck auf mich.“

„Es war, als sei er mitten in den Himmel hineingebaut und als könne man von Licht zu Licht bis direkt vor Gottes Thron gelangen. Und diesen Weg stieg ich jetzt hinauf!“

„Von der Höhe dieser Platte aus sahen wir den nördlichen Himmel genauso flammen und glühen, wie ich es gesehen hatte, als ich auf dem Tempel von Ussulia saß. Und es wirkte hier, wo wir uns inmitten der Wüste und des Todes befanden, seelisch noch ergreifender als dort.“

„Ich habe schon einmal die 'Geisterschmiede von Kulub' erwähnt, in welcher die Menschenseelen gehämmert, gestählt und geschmiedet werden. Der Mir befand sich jetzt in diesem psychischen Kulub, in dieser Geisterschmiede, und es war mir von höchstem Interesse, zu erfahren, mit welchem Erfolge oder Mißerfolge er sie verlassen werde.“

Kara Ben Nemsi möchte allein bleiben, Halef kümmert sich derweil ums Essen, „Du bist ein Dichter und schreibst Bücher; darum hältst Du es gern mit allen Höhen und Spitzen, wo es nichts zu essen gibt. Aber wir, die wir keine Dichter sind und auch keine Bücher schreiben, wir gehören hinunter auf die ebene, sichere Erde und ziehen den Duft eines guten Bratens den fettesten Reimen und den dicksten Büchern vor."

„Wenn man die größte Macht und Stärke, die es im Himmel und auf Erden gibt, nämlich die Liebe, für Unfähigkeit und Schwachheit nimmt, so ist es gar nicht so schwer, auf diese Verachtung zu kommen.“ Kara Ben Nemsi zum Mir.

Im Traum des Mir geht es darum, daß „sich endlich einmal ein reuiger und mutiger Mir von Ardistan finden werde, der bereit ist, die Schuld und die Missetaten aller seiner Ahnen auf sich zu nehmen und derart zu sühnen, wie sie begangen worden sind." Nüchtern übertragen: das, was in den Ahnen war, in sich selbst erkennen und anzunehmen.

„Oh, das kann ich sehr wohl begreifen. Ich denke da sogar noch an ganz andere Dinge als Du.“

„Ich habe an diesem kommenden Leben gezweifelt, bin aber vollständig überzeugt, daß dieser Zweifel Torheit war. Dieses andere Leben wird kommen, unbedingt kommen, sofort nach dem Tode. Ja, es kommt vielleicht gar nicht erst nach dem Tode, sondern schon im jetzigen Dasein.“ Das ist der Punkt. Wir ernten, was wir säen. Hier.

Der Mir fragt, ob Kara Ben Nemsi die Sünden seiner Väter auf sich nehmen und büßen wolle, wenn die Dschemmah ihn an seiner Stelle fragte, und der antwortet "Ich würde ein schnelles, frohes Ja sagen." - "Also auch ein Ja! Wirklich, Effendi, wirklich?" - "Ja, wirklich!" - "Und warum?" - "Warum? Weil es so in mir liegt, also weil es meiner seelischen Natur, meinem Charakter, meinem Naturell, meinem Temperament entspricht.“

„Merke wohl auf meine Worte, die jetzt kommen: Deine Vorfahren waren zu feig, die Taten ihrer Väter auf sich zu nehmen. Sie waren sogar zu feig, auch nur allein sich selbst zu erlösen, indem sie sich zu einem andern, edlern, bessern Leben entschlossen. Und sie waren so feig, so ohne alle Eigenehre und so faul, daß sie, um ihre Taten nicht selbst büßen und sühnen zu müssen, alle ihre Schuld auf ihre unschuldigen Nachkommen vererbten und in elender Memmenhaftigkeit nur auf den einen armen, unglücklichen Mutigen warteten, der mitleidig genug und stark genug war, ihren ganzen Schmutz auf sich zu nehmen und unter ihm womöglich zu ersticken! Was sagst Du zu einem Menschen, der sich ändern, der sich bessern, der sich heben, veredeln und verklären kann und es doch nicht tut, sondern alles, was er an äußern und innern Fehlern und Gebrechen an sich hat, auf seine beklagenswerten Kinder und Kindeskinder vererbt, weil er zu faul, zu feig, zu egoistisch und zu genußsüchtig ist, als daß er sich verpflichtet fühlen könnte, sich aus eigenem Entschlusse und aus eigener Kraft emporzuarbeiten und lieber der Letzte seines Stammes zu sein, als auf eine Erlösung zu warten, die er keineswegs verdient?“

"Mein lieber, lieber Effendi! Du bist ein schrecklicher, ein ganz schrecklicher Kerl, aber doch ein guter, ein herzensguter Mensch!“ Er hat’s begriffen. Wobei „gut“ freilich auch wieder nur sozusagen ein Behelfsausdruck ist ... Vielleicht sollte es nicht heißen, er ist 'gut', sondern etwa, er ist 'richtig' ...

„Der Mir war besiegt. Was nun noch kommen mußte, mochte es noch so schwer sein, es war doch nur die Folge des heutigen, von Gott gesegneten Tages.“

 

(Siebtes Kapitel der Manuskriptfassung – Wieder Frei)

„Wieder frei“ (Hans Wollschläger weist in der Nachbetrachtung auf biographische Zusammenhänge hin) heißt das Kapitel, in dem es erst richtig zu den Toten hinab geht ...

Die Emire von Ardistan „hatten während ihres Lebens so viel Majestät ausgegeben, daß sie nun für die Zeit nach dem Tode keine mehr besaßen.“

Schuldbücher der Herrscher und Fürsten, „Da wurde Verbrechen auf Verbrechen nachgewiesen, Unmenschlichkeit auf Unmenschlichkeit, Heimtücke auf Heimtücke, Trug auf Trug. Die Völker waren nur dagewesen, um - - -“ Hier wird er einmal mehr unterbrochen.

„Morgen, genau um Mitternacht, Sitzung der Dschemmah der Lebenden gegen Schedid el Ghalabi, den jetzigen Mir von Ardistan. Seine Richter seid Ihr selbst. Wer sich ausschließt, wird bestraft!" Erinnert an Hermann Hesse.

„Wir werden geleitet; wir werden geführt. Wir sind hier nicht allein!"

„Ich begriff nicht nur sein Bedürfnis, ungestört zu sein, sondern ich konnte mich so in ihn hinein denken und hineinfühlen, als ob ich ganz an seiner Stelle sei. Denn, aufrichtig gesagt, ist doch wohl ein jeder Mensch in Beziehung auf das, was er innerlich zu leben und zu kämpfen hat, ein größerer oder kleinerer Mir von Ardistan, der zwischen dem unsichtbaren Mir von Dschinnistan und dem Verräter 'Panther' um den leeren Titel kämpft, den nur derjenige auszufüllen vermag, der den letzteren durch den ersteren bezwingt.“

„O, wenn ich beten könnte, beten, beten, beten! [...] Das Urteil, welches die Dschemmah fällt, muß vorher zwischen Gott und mir gesprochen werden, und der Weg zu ihm ist auch heute noch derselbe, der er stets gewesen ist, nämlich das Gebet. Ich kenne ihn noch nicht!“ König Claudius [aus 'Hamlet'] läßt grüßen.

Man entdeckt den Weg in die Freiheit, der durch die 'Unterwelt' führt. „Wir waren zwar überzeugt gewesen, auf jeden Fall wieder frei zu werden, atmeten aber doch erleichtert auf, als wir diese Erwartung zur Wirklichkeit geworden sahen.“

„Es lag verborgen in mir, vollständig unbewußt. Erst hier kam es emporgestiegen, ganz langsam und ganz unbemerkt“.

Interessante Betrachtungen über Schach und Krieg.

„Er wurde unterbrochen. Halef rief zum Abendessen. [...] Wir beeilten uns also, dem kleinen Hadschi gehorsam zu sein, der leicht zornig werden konnte, wenn man seinen Zubereitungen nicht die Achtung schenkte, die ihnen nach seiner Ansicht gebührte.“ Bei solchen Stellen kann man ketzerischerweise den Eindruck haben, die Ehefrau hat zum Abendbrot gerufen und er scheibt halt später weiter ...

Der Mir bei seinen Ahnen. „Er schien die Wirklichkeit vergessen und sich vollständig in die Fiktion hineingelesen und hineingedacht zu haben. Er nahm die Toten für Lebendige. Er las ihnen laut vor; er sprach dazwischen zu ihnen; er erläuterte und erklärte; er gestikulierte wie ein Angeklagter oder wie ein Verteidiger, bei dem alles auf dem Spiele steht, was er ist und was er hat. Es kam mir keinen einzigen Augenblick bei, dieses sein Gebahren für phantastisch oder gar für unsinnig zu halten, denn ich konnte zwar nichts genau verstehen, aber doch jedem seiner Worte anhören, daß alles, was er sagte, der tiefsten Seelenqual und Herzensnot entsprang.“ Schilderungen über May lassen Ähnliches vermuten. (Er soll beim Schreiben manchmal sich laut mit den Gestalten seiner Phantasie auseinandergesetzt haben.)

„Meine Seele ist voller Angst und Jammer. Sie sprach zu Euch nicht wie zu Toten, sondern wie zu Lebenden. Sie nahm an, daß auch Ihr einst Seelen besaßet und daß Ihr sie nicht verloren habt, sondern daß sie zu Euch niedersteigen und anwesend sind, so oft Ihr Euch für berufen und für würdig haltet, über so ungeheuer großes Unrecht Recht zu sprechen. Ich habe Euch meine Bedrängnis, meine Qual, meine Not geschildert. Ich habe Euch meine Fragen vorgelegt. Eure Zungen stehen still; der Tod hat sie gelähmt. Von Euch, den leblosen Körpern, kann ich keine Auskunft erwarten. Aber von Euren Seelen verlange ich Antwort.“

Lesen, Schreiben ... „Mein Freund Rückert hat vor 150 Jahren“ schrieb Hans Wollschläger. Es müssen nicht Lebende sein, mit denen man, lesend oder schreibend, zu 'kommunizieren' vorzieht.

"So mögen denn Eure Seelen zu der meinen sprechen. Sie ist in mir. Sie wartet. Ich stehe Euch offen und bin bereit, zu hören!"

Mir wie Erzähler hören dann gemeinsam eine Stimme, „fast so leise wie ein Hauch und doch im ganzen, weiten Raume zu hören, wie von hoch oben herab“.

"Effendi, glaubst Du an Geister?" - "Ja, [...] Gott ist ein Geist." - "Das meine ich nicht. Glaubst Du an Gespenster?" - "Nein." - "An Heilige?" - "Ja." - "An Selige?" - "Ja."

Noch einmal bekommt der Mir seitens Kara Ben Nemsi einiges zu hören, „Selbst wenn Du die Sünden der ganzen, ganzen Welt auf Dich nähmst, so läge doch keine Veranlassung vor, Dich dessen auch nur im allergeringsten zu rühmen. Solcher Erlöserstolz ist Wahnsinn, weiter nichts! Sünden zu tun und Sünden zu vertreten, bringt keine Ehre. Und je mehr Du Sünden auf Dich nimmst, um so weniger darfst Du erwarten, daß man Dich dafür ehre! Wenn Du wieder betest, so bitte Gott um Bescheidenheit! Diesen Rat gibt Dir der aufrichtigste Freund, den Du auf Erden hast. Gott kämpft mit keinem Geschöpf, und sei es der allerhöchste seiner Engel. Wie jemand, wenn ein Wurm sich krümmt, behaupten kann, Gott liege im Kampfe mit ihm, das ist mir unfaßbar! Gute Nacht!“

Und „Grad wenn man sich am wohlsten fühlt, stürzt man am leichtesten vom Pferde! Und Du warst auf ein sehr großes und sehr hohes Pferd gestiegen.“ Davon wußte der Autor freilich 'ein Lied zu singen' ...

„Wer gegen die Natur lebt, darf nicht glauben, daß die Natur gegen ihn kämpfe, sondern er selbst kämpft gegen sich selbst, und dafür wird die Natur ihn richten und strafen. Genauso ist es auch mit Deinem vermeintlichen Kampfe zwischen Dir und Gott. Denke hierüber nach. Das sind Tiefen, aus denen Du noch Tausende von Gedanken schürfen kannst, wie man Metalle aus der Erde fördert." Es stehen zwischenzeitlich immer wieder wirklich schöne Dinge in diesem Werk.

„Gute Nacht, Du böse, rauhe, liebe Offenherzigkeit!" sagt der Mir. Er hat’s begriffen.

„Nimm das Wasser, welches wir hier so freudig begrüßen, als eine äußere Hindeutung auf die segensreichen Quellen, die grad jetzt auch in Deinem und in unserm Innern zu steigen beginnen.“

„Wundere Dich nicht über mich, wenn ich so still bin, Effendi! Es ist eine schwere, sehr schwere Zeit für mich. Ich werde von dem hohen Punkte, auf dem ich nach meiner Meinung stand, immer tiefer heruntergedrängt und habe Lehre auf Lehre hinzunehmen, um immer mehr einzusehen, daß - - -" - "Daß Du nicht abwärts, sondern aufwärts steigst, [...] Daß ich wieder einmal eine Türe entdeckte, welche Du nicht kanntest, darf Dich nicht bedrücken." - "O doch! Alles, was geschieht, geschieht nicht mehr durch mich, sondern durch andere. Ich fühle mich so unwissend, so unfähig, so überflüssig! [...]" – „Gott sei Dank!" [...] - "Wofür?" [...] - "Dafür, daß Du Dich für unfähig hältst! Denn das ist für mich ein Beweis, daß Du ganz im Gegenteil im höchsten Grade geeignet bist, in Wirklichkeit zu werden, was Du bisher nur scheinbar gewesen bist. Gott rüttelt an Dir. Halte aus! Deine bisherige Stärke war Schwäche, aber Deine jetzige, vermeintliche Schwäche wird Dir zur Stärke und zum Ruhme werden.“ Sehr schön.

 

(Achtes Kapitel – Gegenzüge)

Die Dinge regeln sich, „Wie das so schnell hatte kommen können, und wie so ohne alle Aufregung es angeordnet und ausgeführt worden war, darüber schien sich niemand eine Frage vorzulegen; für den aber, der offene Augen hatte, konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß der bescheidene, stille, zurückhaltende Schech el Beled von El Hadd es war, welcher dafür sorgte, daß, um mich eines gewöhnlichen Ausdruckes zu bedienen, die anfängliche Unordnung sehr bald überwunden war und dann alles schnappte und klappte.“

Dann stehen die Toten auf ... der Erzähler ist für einen Moment unüblicherweise einer, „der in Beziehung auf die gegenwärtige Situation und auf seine heutige Aufgabe überhaupt nicht wußte, woran er war.“ Er „glaube fast, ich wäre in meiner Verblüffung draußen stehengeblieben, wenn Merhameh nicht meinen Arm gefaßt und mir zugeflüstert hätte“, nämlich "Willst Du Dich vergessen, Effendi? Komm, und sammle Dich!"

„So oft ein Mir von Ardistan in diesem Raume Angeklagter war, hat stets ein Abd el Fadl von Halihm und eine Merhameh von Halihm sich seiner angenommen.“ Dasselbe, immer anders, schrieb Schopenhauer ...

Keiner der anderen klagt ihn an, nur er selbst klagt sich an ... Hübsch.

„Die Selbstanklage ist Menschheitsideal. Noch keiner von allen, die hier an Deiner Stelle saßen, hat das begreifen können. Du bist der Erste.“

„Als wir den Türstein aus der Öffnung stießen, um auf die freie Platte hinauszutreten, flutete uns ein warmes, goldenes Morgenlicht entgegen, und die 'Stadt der Toten' lag in einem lebendig wogenden und lebendig atmenden Glanze zu unseren Füßen, als ob ihr von dem Herrn über Leben und Sterben, der alle Sonnen und alle Strahlen lenkt, erlaubt worden sei, heut Auferstehung zu feiern.“

Dann erscheinen die Lanzenreiter von El Hadd ... die sich unsichtbar machen können durch ihre Mäntel, „die zwar außen hell, innen aber dunkel sind“. So kann es sein. Oder umgekehrt.

„Jedes Volk ist den Herrscher wert, den es hat. Wenn Euer Mir Euch nicht gefiel, so kannst Du sicher sein, daß auch Ihr ihm nicht gefallen habt. Es wäre jedenfalls vorteilhafter gewesen, Euch einander zu nähern, Euch einander zu erziehen, Euch einander zu bessern, als ihn vom Throne stoßen und Euer Schicksal in die Hand des 'Panthers' legen zu wollen!“

„Wir befanden uns inmitten eines öden, weiten Städte-, Völker-, vielleicht sogar Menschheitsgrabes, in dessen Tiefe auch wir hatten verschwinden sollen. Der Tod hatte uns von allen Seiten entgegengegrinst; aber als wir ihn genauer betrachteten, war er zum Verkünder des Lebens für uns geworden. Wir hatten das Grab gesprengt. Wir strebten aus ihm heraus, und kaum hatten wir diesen Willen bekundet, so kam uns auch Hilfe von außen, von den Bergen herab, die gen Himmel ragen, in Gestalt des klaren, reinen, hellschimmernden Wassers und des sich von den Felswänden milchweiß abhebenden Reiterzuges, dessen Helme und Lanzenspitzen goldene Strahlen zu uns sandten.“

„Auch die beiden andern Chöre kamen herbei, sie vereinigten sich auf der Mitte des Platzes mit den Ussul [...] hörte ich sehr bald, daß es Musikstücke gab, die es ermöglichten, die Ausdrucksweise dieser so verschiedenen Leute und dieser ebenso verschiedenen Instrumente harmonisch auszugleichen.“

Kara Ben Nemsi trifft auf eine Frau, „Was ahnst Du? " - " Daß ich an Deinem leeren Grabe stand. " - " Was noch? " - " Daß der Schech el Beled der Vater Deines Sohnes ist. " [...] - " Halt ein! Ahne nicht weiter! Deine Ahnung sagt Dir Wahrheiten, die noch nicht sprechen dürfen.“

„Was ich erst für blutig ernst, für eine wirkliche Revolution, für eine durchgreifende Umwälzung alles Bestehenden hielt, kommt mir jetzt fast wie eine Faxe, wie die Luftspringerei einer Affengesellschaft vor.“ Das hat man häufiger; die Affen springen bis heute und auch weiterhin immer noch in der Luft herum.

Rückkehr nach Ard ... „In diesem Augenblicke stieg die Sonne ganz plötzlich, wie mit einem schnellen, freudigen Sprunge, hinter den jenseitigen Bergen empor; Millionen und aber Millionen goldener Strahlen überfluteten die Stadt; das Volk brach in weiter und weiter klingenden Jubel aus, und von dem hohen Dome herab erklang das Geläute der Glocken. Der Mir weinte; Abd el Fadl weinte; Merhameh weinte; Halef weinte, und ich, na, ich - - - weinte auch!“

 

(Neuntes Kapitel – Die Schlacht am Dschebel Allah)

Über Halef lesen wir eine irritierende Formulierung, „daß seine Vorsätze, diesen Mann möglichst rücksichtslos zu quälen, ebenso schnell in ihm zusammenbrachen, wie er ihn selbst zusammenbrechen sah.“ Und dieses eigentlich, so wie wir Halef bisher aus dem Gesamtwerk wahrgenommen haben, unpassende „rücksichtslos zu quälen“ ist offenbar keine verrutschte Formulierung, sondern wird unmittelbar darauf seitens Halef noch bestätigt: „Ich wollte mich an seinen Qualen weiden“ ... Unverständlich. Sicher, eine gewisse Ader in der Richtung hatte er, aber doch nicht so krass, nicht so eindeutig ...

„Man sagt, der Dschebel Allah habe niemals Asche und Schlacken, sondern stets nur reines, friedliches Licht gegeben. Aber in großen Abständen und zu gewissen Zeiten, wenn der Schmutz der andern Vulkane sich auch auf ihn niedergesenkt und da angesammelt hat, da werde er zornig, da schüttle er sich, da erbebe er in seinen Grundfesten und stoße kochendes Wasser aus, um sich von der Verunreinigung zu befreien.“

Wir erfahren, daß es nur „guten Menschen“ möglich sei, „von Ardistan aus über den Dschebel Allah nach El Hadd und Dschinnistan hinüberzukommen.“ Wenn aber ein „Böser“ das wage, „sich den Übergang mit List oder mit Gewalt zu erzwingen, so sei er unbedingt verloren. Entweder verschwinde er in den Abgründen des Grenzgebietes, oder er ertrinke in den Fluten der Wasserfälle von El Hadd."

Die „schwarzgepanzerten“ Reiter des Mir von Dschinnistan klingen arg militärisch und erwecken fatale Assoziationen.

„Bei dieser Unterredung mit den beiden genannten Verbündeten erfuhren wir, daß nicht allein der oben beschriebene 'breite' Weg auf den Dschebel Allah hinauf- und jenseits wieder hinunterführe. Es gab noch zwei andere Wege, die aber nur dem Eingeweihten bekannt waren; sie wurden geheimgehalten. Während der 'breite' Weg, nachdem er sich oben geteilt hatte, zwischen dem Vater und dem Sohne und der Mutter und dem Sohne hindurchführte, also den Sohn von beiden Seiten umschloß, gingen die beiden heimlichen Wege an der Außenseite des Vaters und der Mutter nach El Hadd hinüber, so daß sie also alle drei Kuppen zwischen sich liegen hatten. Sie lagen höher als der eigentliche Weg, der von ihnen aus also überschaut und beobachtet werden konnte.“ Wenn die Erinnerung nicht täuscht, lasen wir das in irgend einer anderen Reiseerzählung ganz ähnlich, seinerzeit vielleicht noch ohne allzusehr über Nebenbedeutungen nachzudenken.

„Meine Aufmerksamkeit wurde [...] in Anspruch genommen [...] von dem tiefen Zusammenhang der Dinge, den ich in allem erkannte, was in dieser Natur und mit diesen Menschen geschah. Ich lernte in dieser Zeit mehr als je erkennen, wie leicht es einem jeden, der guten Willen und offene Augen hat, gemacht wird, das höhere Leben im niederen Leben vorgebildet zu sehen.“ [...] „Wer den rechten Weg gefunden hat, solchen Hilfstruppen zu begegnen, also den Weg zu Gott, dem wird es fort an leicht, mit dem 'Panther' zum Abschluß zu kommen."

„Wir näherten uns jetzt zusehends den Bergen, die wir früher aus weiter Ferne hatten leuchten sehen.“

„Je näher sie aber der Grenze lagen, desto vegetationsärmer wurden sie, bis derjenige, der sich unserem Auge als der nächste zeigte, nämlich der Dschebel Allah, kein einziges Gräschen und keinen einzigen Halm mehr trug. Wenigstens auf der uns zugekehrten Seite, wie ich, wie man bald sehen wird, verpflichtet bin, besonders hinzuzufügen.“

„Effendi, ich spiele niemals wieder den Mir!" sagt Halef. "Ich habe meine Sache so ungeheuer schlecht gemacht, daß sogar die Erde vor Ärger unter mir zitterte! Ich bleibe Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar. Wer sich für mehr ausgibt, als er ist und kann, dem schwindet der Boden unter den Füßen weg, und so etwas will ich nicht wieder erleben!“ Sein Autor wußte wovon er sprach.

„Die Erdstöße hatten in mir ein ganz eigenartiges Gefühl hinterlassen. Man denke sich einen hohlen, leichten Gummiball, der auf leise bewegtem Wasser schaukelt, auf diesem Balle sitzt eine Fliege, die das Schaukeln spürt, weil sie es mitzumachen hat. Den Ball als Erde gedacht, war ich die Fliege. Ich hatte die Empfindung, als ob an jedem Augenblicke etwas unter mir umkippen und zerplatzen könne. Und, eigentümlich, meinem kleinen Hadschi erging es genau ebenso wie mir.“

„Es war, als ob sich im Innern der Erde Kräfte gesammelt hatten, die sich befreien wollten und doch nicht konnten. Dieser Ansicht waren alle, bei denen ich mich befand. Mir speziell aber wollte es scheinen, als ob diese Kräfte nicht auf die Befreiung durch den 'Vater' oder die 'Mutter', also durch den rechten oder linken Kegel, sondern durch den 'Sohn', also den mittleren Kegel, gerichtet seien.“

"Es steht ein Ausbruch des Dschebel Allah bevor. [...] seht den Sohn ! Seine Zeit ist gekommen, die große Zeit, in welcher kochende Fluthen aus seiner Brust und seinen Hüften brechen, damit er sich reinige und säubere von dem Schmutze der Asche und des Staubes, der auf ihm liegt. Grün will er werden, wieder grün, wie er einstens war, als der Herrgott noch durch Ardistan pilgern konnte. Das Kleid des Lebens, des Glückes, des Segens will er anlegen, nicht nur für uns, die wir in den Bergen wohnen, sondern auch für Euch und alle, die ihn für tot, für kahl, für verödet, für erloschen halten."

„Der Schech el Beled stand vor uns, im wehenden Mantel und flatternden Schleier, den Arm nach dem Berge gehoben, im Lichte der flammenden Krater uns wie ein Wesen erscheinend, von dem man nicht weiß, ob es noch irdisch oder schon überirdisch ist.“

Halef und Kara Ben Nemsi wollen die zahlreichen Todgeweihten retten, der Schech el Beled und der Dschirbani hindern sie, „Ssahib, ich achte Dich, und ich liebe Dich, hier aber muß ich Dir widersprechen, hier bist Du schwach und kurzsichtig. Wenn Gott das Gericht in seine eigenen Hände nimmt, ist es da wirklich Menschenpflicht, ihm zu widerstehen und den Schuldigen zu retten?" - "Sie sind nicht alle schuldig, denen jetzt das Verderben droht," [...] - "Alle sind schuldig, alle!"

Und der Schech el Beled ergänzt "Nie soll die Menschenliebe zur Herzensschwäche werden. Je edler der Mensch denkt, desto unerbittlicher sei er gegen alles Schädliche und Gemeine."

„Die Stimme des Herzens mußte schweigen, weil andere Stimmen zu sprechen begannen, und zwar Stimmen, gegen welche unsere schwachen Menschen- und Herzensstimmen unmöglich aufkommen können.“

Erdbeben, Vulkanausbruch, „Was er weiter sagen wollte, wurde von einem Schuß, einem Krach verschlungen, der so stark war, daß es schien, als ob er mir mein Innenohr vollständig zerrissen, zerstört und vernichtet habe.“

Eine Kelchfontäne, „die alle Eigenschaften und Effekte des Wunderbaren in sich vereinigte! Der Schaum, der sie krönte, lief nicht über. Er floß nicht an ihr herab.

Man sah, daß er sich verflüchtigte. Die Blitze und Funken trugen ihn nach allen Seiten in die Nacht hinaus, sogar auch her zu uns. Wir fühlten ihn. Er war warm. Er senkte sich wie ein unendlich feiner und unendlich leiser Regen auf uns nieder. Er hüllte uns in einen Schleier, der sich nach und nach verdichtete, bis er uns den Anblick seines Ursprunges mehr und mehr verhüllte und schließlich ganz entzog. Die Erscheinung, die irdisch herrlichste, die ich je gesehen habe, verschwand, ohne vor unsern Augen zerstört worden zu sein und aufgehört zu haben.“

Smikh taucht unerwartet auf, „Es war, als hätten wir nur geträumt.“ Heiterkeit, „Auch der 'Mir lachte mit.“

Ankunft Abd el Fadl und Merhameh, „Auf ihren blütenweißen, leicht über dem Erdboden dahinfliegenden Pferden wollten sie uns wie Boten aus einer andern Welt erscheinen, als unsere gegenwärtige ist.“

„Das war die 'Schlacht am Dschebel Allah', mit der wir getäuscht werden sollten, [...] Die Vorspiegelung ist zur Wahrheit geworden. Es trat einer an unsere Stelle, der nicht zu täuschen ist.“

Der „Panther“ vergab die Chance auf Erbarmen, er mußte „tief, tief in sich gehen, mußte die Abgründe seines Wesens erkennen und sich selbst bei Brust und Gurgel fassen, um sich niederzuringen.“

Merhameh weiß offenbar um die Identität von Schech el Beled = Mir von Dschinnistan, spricht es fast aus und „korrigiert“ sich gerade noch.

Naturerscheinungen, Wasser fließt wieder, „Dieselbe Faust, die während der Nacht dort strafte, sie hatte sich jetzt, am liebenden Morgen, geöffnet, um zu helfen, zu retten, zu erlösen.“

 

(Zehntes Kapitel – Schluß)

Noch einmal Konfrontation mit weltlichen Schrecken, „Der 'Panther' hatte [...] das getan, was man als 'Morden, Sengen und Brennen' bezeichnet. Die Häuser waren eingeäschert. Auch die Vorräte, die man nicht mitnehmen konnte, hatte man verbrannt. Wer nicht sofort hergegeben hatte, was er besaß, war mißhandelt und gemartert worden. Mehrere Personen waren getötet.“

Im Grenzgebiet zwischen Ardistan und Dschinnistan ist es entgegen in Ardistan verbreiteter Meinung nicht „wüst und unergiebig“, sondern „Das Glück saß vor jedem Hause“.

„Man sah, daß der Schech unausgesetzt bemüht war, den Dschirbani zu sich heranzuziehen“.

Halef ist ob göttlichen Waltens erstaunt, "Ja, habt Ihr es denn so in der Hand, dem Fluß Wasser zu geben oder zu nehmen, ganz wie es Euch beliebt?" und der Schech el Beled antwortet " einfach": „Es ist alles wohl erwogen und vorherbestimmt."

Dann „lag ein Panorama vor uns, welches weder von der Hand eines Malers noch von der Feder eines Dichters wiedergegeben oder beschrieben werden kann.“

Noch einmal Auseinandersetzung mit dem 'Panther'; Smikh lernt Treppen zu steigen.

Gen Dschinnistan, „Das war ja keine Bergesspitze, wie ich erwartet hatte, sondern ein ganzes, neues, großes, herrliches Land, welches in wunderbarer, nie geahnter Schönheit sich vor uns breitete.“

Ankunft Marah Durimeh. „Die Zeit dieser Menschen ist dahin. [...] Die Erde sehnt sich nach Ruhe, die Menschheit nach Frieden“ ...

„Wir befanden uns in schwindelnder Höhe.“

„Ein jeder von uns machte seine persönliche Abrechnung mit sich selbst, mit der Menschheit, mit dem Geschick, mit dem Leben.“

„Und nun ereignete sich, was mir vorher nur ein einzigesmal, aber fast in derselben Weise begegnet war, nämlich im Lauterbrunnertal, beim Alpenglühen, wo ich den Gipfel der Jungfrau zuerst nicht fand und nicht sah, weil er nicht da, wo ich ihn suchte, sondern scheinbar grad über meinem Kopf erglänzte.“

"Wie ein Alpenglühen im Himmelreich!"

Ende des 'Panthers'.

„Der Friede war geschlossen, und zwar für ewige Zeit. - - - "

„Das Weitere liest man später. - - - "