IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN I

Ein schönes, reizvolles Buch, das zu Unrecht unterschätzt und vernachlässigt wird. Enthält mit der atmosphärisch stimmigen Begegnung Old Shatterhands mit den Snuffles nach Winnetous Tod, dem unvergleichlichen Brief Halefs an Kara Ben Nemsi, dem wundersamen Nachtgespräch mit Hanneh über die Seele, dem herrlichen Dialog zwischen Halef und Kara Ben Nemsi über dessen Ehe, sowie dem schönen Wiedersehen mit dem Polen und dessen Diener einige echte Höhepunkte in Mays Schaffen.

Winnetou ist tot. Der Ich-Erzähler will allein sein, mag niemanden sehen und fühlt sich leer, so mag es ihm auch in seinem "realen" Leben des öfteren ergangen sein.

Die anschließende, nichtendenwollende Geschichte um To-Kei-Chun, die Snuffles und den Perser stellt dann allerdings eine harte Geduldsprobe für den Leser dar, es wird gefangen genommen, befreit, in Gefangenschaft geraten, entkommen, und so dreht es sich über gut zweihundert Seiten regelrecht im Kreis. (– Auch das symbolisch zu verstehen ? Auf der Stelle treten, gefangen in alten Mustern, bis es genug ist ? Ein Gleichnis für die Irrungen und Wirrungen des Lebens, sich immer wiederholende Muster und Fehler, BIS ES GENUG IST, und dann, sieheda, wird der Schauplatz Wilder Westen verlassen, und es geht hinüber in den Orient, in hellere, sonnigere, übersichtlichere und irgendwie freundlichere Gefilde ... Es ist unklar ob es Absicht ist seitens May. Aber da vermittelt sich etwas. Das quälende Hin und Her des Anfangs samt seiner Geographie wird verlassen, und im Laufe des sich auch weiterhin sehr wandelnden vierbändigen Romans auch nie mehr dorthin zurückgekehrt. "Aus der Perspektive der spirituellen Philosophie muß sich alles solange wiederholen, bis es gelernt ist", Rüdiger Dahlke.)

Man kann schon zu Beginn spüren, daß der vierbändige Roman ein Werk des Übergangs sein wird: Winnetou lebt nicht mehr, der Held ist nun allein im Wilden Westen; als da diese orientalische Erscheinung des Persers plötzlich in der Prärie steht, ist es wie eine Vision, wie ein Ruf nach drüben, zum anderen Kontinent.

Und wenn man diesen im Wilden Westen spielenden Teil glücklich hinter sich gebracht hat, wird es im Orient anschließend umso schöner, da erweist Karl May nun wirklich in Hochform.

Hadschi Halef ist inzwischen Scheik geworden, ohne daß zuvor darüber berichtet wurde, und der Ich-Erzähler erzählt zur Verblüffung seines Gefährten und seiner Leser, daß er selber geheiratet hat.

Einiges ist anders geworden mit diesem Buch, und das ist erst der Anfang. Die Reise durch das vierbändige Ausnahme-Werk hat erst begonnen.

 

Erstes Kapitel - Dschafar

Winnetou ist tot. Das Buch beginnt sozusagen mit einer Zustandsbeschreibung Old Shatterhands, „so tief ins Leben getroffen, daß ich ein ganz anderer geworden war. Sonst immer heiter und voller Vertrauen auf mich selbst, brachte ich es jetzt nicht zum leisesten Lächeln, und aller Lebensmut schien mir abhanden gekommen zu sein. Ich wollte allein mit mir sein und mied die Menschen, und mußte ich auf meinem einsamen, weiten Ritte ja einmal in einem Fort oder einer Ansiedelung vorsprechen, so that ich dies in kürzester Weise und machte mich so schnell wie möglich wieder davon“, und dieser Zustand kann auch vorherrschen, ohne dass jemand gestorben ist, das mag mit Lebensalter, äußeren Krisen oder womit auch immer zu tun haben, Winnetous Tod ist nur der Aufhänger. Der vierbändige 'Silberlöwe' ist auch ein Buch über Karl May. (Das sind sie zwar alle, aber bei diesen vieren tritt es noch ein wenig deutlicher in Erscheinung als bei den anderen.)

Die Kleidung unseres Erzählers ist umständehalber nicht allzu attraktiv, „So ein Anzug hat natürlich keine Spur von Schnitt; die Hose gleicht einer zusammengehängten Doppelröhre; die Weste ist ein kleiner Sack ohne und der Rock ein großer, langer Sack mit Aermel“, wie frisch aus dem Discounter, das lieblose äußere Erscheinungsbild passt hier zum Sich-mit-sich-selbst (und der Welt) unwohl fühlen, Old Shatterhand gefällt sich selbst nicht recht, und den anderen auch nicht.

Die beiden Snuffles sind, das sei hier noch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt, sympathische und integre Menschen, „lag in ihren ausgeprägten Zügen ein Ausdruck von Wohlwollen, welcher gewinnend wirkte; in ihren Mundwinkeln hatte sich ein heiteres, sorgloses Lächeln eingenistet, und ihre hellen, scharfen Augen blickten so gut und freundlich in die Welt, daß selbst ein Uebelwollender zum Mißtrauen keinen Grund zu finden vermochte“, wer in ihnen nur Witzfiguren und schlechte Westmänner sieht, der hat nicht gut genug hingeguckt. Das ist ja gerade der 'Witz' bzw. das 'Tragische', dass selbst Menschen, die es gut meinen, die sympathisch geschildert werden und eigentlich unsere wie des Erzählers Sympathie haben, eben letzten Endes aus Mayscher Sicht auch 'nichts taugen', der Mensch ist allein, und der Mitmensch reicht keine helfende Hand, schrieb Büchner, und kafkaesk fügt May zwischen den Zeilen gleichsam hinzu: und selbst wenn er die Hand reichen wollte oder das gar täte, es ginge doch schief … Darum geht es Karl May. Und das steht auch z.B. da, wenn Schimin, der sympathische Schmied in 'In den Schluchten des Balkan', den Weg angibt und die Beschreibung dann doch falsch ist, oder wenn die wohlmeinende alte Frau auf dem Weg zum Taubenschlag immer erst dann Bescheid sagt dass da ein Balken ist, wenn der Erzähler sich den Kopf gestoßen hat … So etwas mag man für komisch halten, es wird indes Karl May an solchen kleinen feinen Stellen um mehr gegangen sein, darum eine immer wiederkehrende Beobachtung nebenbei einzuflechten, als Humor verpackt vielleicht, aber eben auch nur verpackt.

„Wenn ich in der letzten Zeit nicht in der Stimmung gewesen war, eine Kameradschaft herbeizuwünschen, so hatte ich jetzt doch nichts dagegen, mit diesen Männern zusammenzutreffen. Sie waren grundehrliche Menschen und dabei so interessante Charaktere, daß es sich schon verlohnte, eine Strecke mit ihnen zusammenzureiten, falls ihr Weg mit dem meinigen zusammenfallen sollte.“

Daß der Erzähler die Snuffles hier anders kennenlernt als es von einer gewissen Art von Logik her eigentlich möglich wäre (in einer Jugenderzählung kennt Old Shatterhand sie schon zu Lebzeiten Winnetous), wäre vermutlich gar nicht aufgefallen, wenn nicht einige Leser immer wieder darauf herumreiten würden. Es kommt halt überhaupt nicht auf Dinge wie chronologische Logik u. dgl. an, von künstlerischer Freiheit u.ä. mag man schon gehört haben.

Die Sache mit Schein und Sein kennen wir ja schon bei Karl May, Old Shatterhand macht sich oft einen Spaß daraus, nicht erkannt werden zu wollen, und verstellt sich entsprechend. Hier ist es nun noch etwas anders: er gibt freimütig an, Old Shatterhand zu sein, aber diesmal glauben es die anderen nicht …„Ihr seid wirklich ein ganz außerordentlicher Spaßvogel. Das ist ja eine Frauenhand. So weiche Finger hatte unsere Tante selig“. Die Leute, auch die ehrenwerten Snuffles, orientieren sich halt nur an den Bildern, die sie im Kopf haben, an vorgefertigten Mustern, sehen aber nicht die wirklichen Menschen, mit denen sie es zu tun haben.

„Wir müssen durch das Gebiet der Comantschen, welche sich gerade jetzt wieder einmal gegen die Weißen zusammenrotten. Sie behaupten nämlich, wieder einmal um gewisse Lieferungen betrogen worden zu sein. Haben vielleicht auch recht.“ Gesellschaftskritik in einer nachgeschobenen Randbemerkung, das muß reichen, ansonsten hält es Karl May eher mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, und hat so Unrecht nicht damit.

Und dann erscheint ein persischer Reiter im 'Wilden Westen', „Ich hatte bisher viel Ungewöhnliches erfahren und erlebt, aber so sonderbar wie dies war mir noch selten etwas vorgekommen“. Diese vier Bände werden eine Zusammenschau werden, das ahnt oder plant der Erzähler vielleicht zu diesem Zeitpunkt, aber er weiß noch nicht, in welcher Art und in welchem Ausmaß das sein wird.

Als die Snuffles nun doch erkennen, mit wem sie es zu tun haben, ist die Überraschung umso größer. Wobei es sehr unrealistisch wirkt, dass da mittels einer Silberplatte der Name „Old Shatterhand“ lesbar sein soll am Gewehr, wer macht denn so etwas. (Allenfalls Initialien wären denkbar, nicht aber ein 'Kriegsname'.)

Und dann beginnen die Längen (so interessant sie beginnt, diese Episode in Amerika wird die Geduld auch des geneigten Lesers einigermaßen auf die Probe stellen). Spurenlesen, lange Debatten, das gerät diesmal recht zäh und mühsam.

„Wie viel, viel lieber wäre ich allein gewesen!“, das verstehen wir; „Ich hatte von den beiden Snuffles zwar als von ganz guten Westmännern gehört, doch zwischen Westmann und Westmann ist ein Unterschied“.

Dschafar spricht von Hadschi Halef Omar, der Perser sowie der Erzähler kriegen sich daraufhin anschließend kaum noch ein vor positiver Betroffenheit ob dieses merkwürdigen Zusammentreffens („Es versteht sich ganz von selbst, daß ich mich ganz außerordentlich freute, hier, was übrigens kaum glaublich war, etwas von meinem kleinen Hadschi Halef zu hören“).

„Wenn man im wilden Westen von Amerika einen persischen Mirza aus der Gefangenschaft der Indianer befreit, so ist das ein Ereignis, welches man gewiß ungewöhnlich nennen darf; wenn man aber von diesem Mirza hört, daß man vorher drüben am Tigris einen Verwandten von ihm vom Tode errettet hat, dann sagt das Wort 'ungewöhnlich' jedenfalls noch zu wenig.“

Es sind schöne Erinnerungen, denen man sich da hingibt, auch für den Leser, man kann gleich Lust bekommen, „Durch die Wüste“ wieder zu lesen.

„Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi Effendi sind Eins, sind dieselbe Person!“ realisiert der verblüffte Perser, und mit ihm auch der letzte Leser, der es seinerzeit vielleicht noch nicht wusste.

 

Zweites Kapitel - Am Makik-Natun

Man hätte erwarten können, daß die Wiederbegegnung mit To-Kei-Chun, der des öfteren auftritt in Mays Gesamtwerk, interessant wird; weit gefehlt, wir erleben kolportagehaft langgezogene, wenigsagende Dialoge und das übliche „Indianerspiel“ – Hin und Her über viele Dutzende von Seiten. Schade. Interessante Stellen wie „Old Shatterhand ist ein altes, schwatzhaftes Weib geworden!“ (über den Karl May jenseits der Fünfzig) sind Mangelware.

Die unangenehme Sache mit dem Zerstören bzw. Beschädigen des Medizinbeutels kennen wir schon aus dem „Schwarzen Mustang“, wenn er auch hier nicht ganz so weit geht wie dort, sympathischer ist es nicht geworden. Schnöde Erpressung, weiter nichts.

Sinnlose Tändeleien, er lässt den Häuptling zwei mal absichtlich (!) entkommen, wie schon angemerkt, Indianerspiel, und das zieht sich. Dabei hatte der Band so verheißungsvoll begonnen.

Über Dschafar heißt es „Man hört, daß er mich mit dem vertraulichen orientalischen Du anredete; das war mir ganz recht; ich freute mich darüber, obgleich ich in der Heimat kein Freund desselben bin; ich habe nie mit irgend jemandem Brüderschaft gemacht“, wir sehen einmal mehr, das hat schon etwas zu bedeuten bei Karl May mit den Anreden, ganz gleich ob das jeweils fremdsprachlich korrekt abgeleitet ist, darum geht es ja nicht, sondern jeweils um das Verhältnis zweier Menschen zueinander. Und dann muß man halt (in einem anderen Band) auch schon mal zu so einem kleinen Kunstgriff wie dem „Du der Westläufersprache“ greifen. Wer’s nicht verstehen will oder kann, mag sich darüber amüsieren.

Mit diesem Dschafar hat es offensichtlich irgendetwas Geheimnisvolles auf sich, das wird sich auch im Laufe der Folgebände nie ganz aufklären. Es ist im Leben nicht anders, manches bleibt ungelöst.

„Ich zeigte, um den richtigen Ausdruck zu gebrauchen, eine Frechheit, die ihnen aber als etwas ganz anderes erschien. Das, was ich that, war in ihren Augen nicht das Verhalten eines verwegenen Menschen, sondern die Handlung einer mit einer 'höhern Medizin' ausgestatteten und vom 'großen Manitou' bevorzugten Persönlichkeit“, Karl May und das Geheimnis seines Erfolgs (zu Zeiten der Old-Shatterhand-Legende).

Dann lässt er sich übertölpeln und macht es anschließend wieder gut, weiter Geplänkel hin und her, mit entsprechenden, teilweise recht spitzfindigen Debatten versehen. In diesem Kapitel tritt er wirklich gewaltig auf der Stelle, er „hängt“, wie auf der Tarotkarte.

„Nur Dschafar kam einigemal an meine Seite, um mir eine besonders schöne Stelle aus seinem Hafis mitzuteilen oder mich um meine Meinung über sie zu befragen. Er hatte das Buch oft in der Hand und blieb darum häufig zurück, was ihm zuweilen einen warnenden Zuruf von mir einbrachte“, das muß man sich einmal vorstellen, im 'Wilden Westen', da reiten sie miteinander, mitten in gefahrvollen Verwicklungen, und einer liest dabei Hafis. „Dieser persische Schöngeist hatte ganz besonders heut mehr Auge für seinen Dichter als für die Gegend, durch welche wir kamen.“ Auf Freilichtbühnen würden sie wieder eine Witzfigur daraus machen.

Die beiden Snuffles erweisen sich nun doch als zunehmend hinderlich, und das Verhältnis untereinander verschlechtert sich entsprechend.

"Kaum hat man einen befreit, so ist der andere so dumm, ihnen in die Hände zu laufen. Wenn das so fortgeht, so hört bis zum jüngsten Tag die Befreiung der Gefangenen nicht auf!", der Schreiber scheint zu ahnen, dass das selbst seinem Leser mittlerweile auf die Nerven geht.

„Die Mithilfe meiner Gefährten war gleich von vorn herein vollständig ausgeschlossen; ich wollte mir das Spiel nicht abermals verderben lassen“, dahin kann man kommen, vergleiche aber Hemingway, „ein Mann allein hat keine verdammte Chance nicht“ (je nach Übersetzung).

Auch mit unrealistischen Albernheiten müssen wir leben in diesem Kapitel, „Was thut To-kei-chun da oben?“ fragte er, grad als ich den Genannten über die Kante auf den Felsen zog. „Kann der Häuptling der Comantschen fliegen?“, „Warum antwortet To-kei-chun nicht? Wie ist er da hinaufgekommen, und was will er oben? Soll vielleicht niemand wissen, daß er sich entfernt?“

so würde wohl kein Wächter mit seinem Häuptling sprechen.

„Er hatte sein Wort gebrochen und mußte nun so tief beschämt werden, wie es mit meiner sonstigen Gesinnung zu vereinbaren war“, immerhin macht er sich Gedanken … immer ist das indes auch nicht der Fall.

„Unsere neue Haltestelle lag etwas weiter als die vorige von den Häuptlingsgräbern entfernt“, ja, es ist wirklich wie auf einer Busfahrt in diesem Kapitel, da ist ihm vermutlich unbeabsichtigt ein ganz passendes Wort herausgerutscht (bzw., hinein, in den Text).

„'Uff, uff!' stieß da der eine von ihnen, der bisher gesprochen hatte, hervor.

 'Ja, uff, uff!' antwortete ich“, man spürt förmlich, wie irgendeine Situation aus dem Alltag in eine Wildwestgeschichte übertragen wird, das kann auch schon mal ein bisschen schlicht und 'billig' sein.

Gegen Ende wird es endlich doch noch einmal interessanter, Dschafar, der ob des feindseligen Verhaltens der Indianer dagegen die Umstände in seiner Heimat rühmen will, wird eines anderen belehrt: „Wie oft ist mir im Oriente nur deshalb nach dem Leben getrachtet worden, weil ich kein Moslem war, Ich hatte diesen Leuten nicht das mindeste gethan, sie mit keinem Worte beleidigt. Der Indianer aber kennt gar keinen Religionshaß und ist nur deshalb der Feind der Weißen, weil diese mit unversöhnlicher Feindschaft an seinem Untergange arbeiten. Er wehrt sich seines Lebens; das ist alles“. Und damit nicht genug: „Darf ich zum Beispiel in Persien so reisen, wie Ihr es hier thut?“ „Natürlich!“ „Wirklich? Lagern und schlafen, wo ich will? Mich ernähren, wie ich will? Rinder, Hirsche und dergleichen schießen, wie es mir beliebt? Den rechtmäßigen Besitzern des Landes die Nahrung wegnehmen, ohne daß sie etwas dagegen thun oder sagen dürfen?“

„Die Roten zählten einst nach vielen, vielen Millionen, und das ganze weite Land, der ganze Kontinent war ihr Eigentum. Aus diesen Millionen ist ein armseliges Häuflein geworden, welches nur nach Tausenden zählt und ohne alles Erbarmen von Stelle zu Stelle gejagt und verjagt wird. Wer ist da der Grausame, der Blutdürstige - der Rote oder der Weiße?“

Und der anwesende Comantsche konstatiert „Uff, uff! Das sagt Old Shatterhand, obgleich er ein Bleichgesicht ist!“ Dabei sollten Objektivität und Wahrhaftigkeit eigentlich selbstverständlich sein … Aber so ist es eben nicht in der Welt; es fällt individuell immer noch schwer, das zu realisieren.

Endlich ist das ewige Hin und Her vorüber, dem Häuptling To-Kei-Chun werden wir erst später in 'Winnetou IV' noch einmal begegnen. Der Abschied von den Snuffles geht nicht ohne Rührung vonstatten, man mag sich, auch wenn nicht alles nach Wunsch lief.

Shatterhand erhält von Dschafar, den er in Persien wiedersehen soll, eine wertvolle Waffe, und „ahnte damals nicht, von welcher großen Wichtigkeit er später für mich sein würde“.

Mit den weltanschaulichen, wahren Worten „was Gott will, geschieht; was er nicht will, geschieht nicht!“ endet die (insgesamt misslungene) Amerika-Episode des Romans.

 

Drittes Kapitel - Der 'Löwe der Blutrache'

„Meine Erfahrungen stehen mir höher als die Behauptungen meinetwegen sehr gelehrter Personen“, es fängt gut an, nach wenigen Zeilen im Kapitel. Wie schrieb Schopenhauer, "Die Gelehrten sind die, welche in den Büchern gelesen haben. Die Denker, die Genies, die Welterleuchter und Förderer des Menschengeschlechtes sind aber die, welche unmittelbar in dem Buch der Welt gelesen haben" ...

Halef ist inzwischen „oberster“ Scheik der Haddedihn geworden. Sein Brief an Kara Ben Nemsi gehört zu den ganz großen Köstlichkeiten im Gesamtwerk, das hat einen unvergleichlichen unterschwelligen Humor ...

„Die ganze, weite Steppe bildete ein einziges, ununterbrochenes Meer der ersten Frühlingsblüten; mein Pferd war bis herauf zu mir vom Blütenstaub gefärbt“, dieses Bild ist ganz ähnlich gesehen wie seinerzeit in „Durch die Wüste“ beim ersten Besuch der Haddedihn, es sind halt andere 'Gefilde', in die man sich da gerne begibt.

„Er schlang die Arme um mich, legte den Kopf an meine Brust und weinte laut. Ich küßte ihn auf die Stirn, die Wangen und den Mund“, so begrüßen sie sich, Hadschi Halef und Kara Ben Nemsi, im 'Anhang' vom 'Schut' ist es ganz ähnlich geschildert.

„ich preise Allah, der mir dieses frohe Wiedersehen spendet“, das sagt, wohlgemerkt, Kara Ben Nemsi, der des öfteren im Gesamtwerk sich auf konfessionsübergreifendem Gleis bewegt, im Widerspruch zu in dieser Hinsicht andersgearteten Marienkalendergeschichten.

„Er brachte, ohne eigentlich zu wollen, es fertig, selbst in einer Scene tiefster Rührung und Ergriffenheit durch seine unbefangene und harmlose Ruhmredigkeit dem Ernste einen heitern Beigeschmack zu geben“, heißt es über Halef, ähnliches gilt auch für den Erzähler (wenn man "ohne eigentlich zu wollen" weglässt und "Ruhmredigkeit" einfach durch "Art" ersetzt).

Halef scheint, durch den Einfluss Hannehs, erstaunlich friedfertig geworden zu sein, „Es ist jeder heiß- oder schnellblütig angelegte Mann nur glücklich zu preisen, wenn er eine bedachtsame Frau besitzt, welche es versteht, ihn in freundlicher, aber ja nicht herrischer Weise vor Unbedachtsamkeiten zu bewahren. Und doppelt glücklich zu preisen ist er, wenn er trotz seines Temperamentes so einsichtig ist, sich von ihr raten, mahnen und lenken zu lassen! Es geht ihm dadurch kein einziges Atom von seiner Manneswürde verloren“, aber das scheint auch nur so, wenig später schwingt er schon wieder die Peitsche.

„Im heiligen Buche der Christen ist, bei Allah und dem Propheten, viel, viel größere Weisheit enthalten als im Kuran, den ich früher für den Inbegriff alles himmlischen und irdischen Wissens gehalten habe!“, immer wieder im Werk begegnen uns solche Geständnisse des vermeintlich nie bekehrten Moslems Hadschi Halef Omar.

„Er wollte Abenteuer erleben, von denen er dann später in seiner tief in den „Topf des Lobpreises“ greifenden Weise erzählen konnte, und so war er sehr ernstlich mit sich zu Rate gegangen, ob er nicht lieber allein reiten solle. Da aber war ihm Hanneh, wie er sich gegen mich ausdrückte, „mit seiner Waghalsigkeit an den Kopf gesprungen“ und hatte ihm im Tone „strenger Liebe und zorniger Hingebung“ gesagt, daß sie das nicht gestatten werde“, das verstehen wir, wenngleich Hadschi Halefs Argumentation auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist („Sollen meine Glieder einrosten und mein Mut einer alten Klinge gleichen, die man nicht mehr aus der Scheide bringt? Du kennst doch deinen treuen Halef und weißt, daß die Gefahr mir so notwendig ist wie dem Fische die Flut des Wassers. Meine Seele erstickt in dieser Unthätigkeit, und mein Geist gleicht einem Adler, den Allah in eine Schnecke verwandelt hat“).

Schriftsteller May verrät nebenbei Berufsgeheimnisse: „Dieser Brunnen liegt genau südwärts von hier, und die Oeffnung zeigt nach dieser Richtung. Glücklicherweise kenne ich ihn genau.“ „Warst du schon einmal dort?“ „Nein; aber ich habe eine sehr eingehende Beschreibung von ihm und seiner Umgebung gelesen“.

Und dann nebenbei ein netter perfider Witz: Halef ist befreit, nun gilt es, noch sein Kamel zu befreien, „der Tauschartikel sollte, das fuhr mir sogleich durch den Kopf, der - - - Anführer sein“. „Die zweihundert Menschen hinter mir waren mir in diesem Augenblicke gleichgültig“.

Nein, so friedfertig ist Hadschi Halef über die Jahre nun wirklich doch nicht geworden: „Er ist der Sohn von Gadub es Sahhar, dem alten Zauberer der Scherarat, unserm ärgsten und blutdürstigen Feinde, den Allah verbrennen möge. Die Blutrache gebietet mir eigentlich, ihn ohne Gnade niederzuschießen“, oder kurz darauf, „der kleine, jähzornige Hadschi hatte ihm die scharfe, lederne Kamelpeitsche mit aller Kraft quer über das Gesicht gezogen“; und auch Kara Ben Nemsi erweist sich Gegnern gegenüber keineswegs immer allzu freundlich, „’Mach dich schleunigst von dannen!’ fuhr ich ihn an. ‚Kara Ben Nemsi hat noch nie eine Lüge gesagt. Oder soll ich deinen Beinen mit einem Schrotschusse Bewegung machen?’“

Deutlich und pragmatisch äußert Halef „ich bin im Herzen auch ein Christ, obgleich ich es nicht öffentlich sein darf; denn ich würde als Scheik abgesetzt werden und allen Einfluß auf die Haddedihn verlieren“.

„Welch ein Geheul und Getümmel gab das nun! Messer blitzten, Lanzen und Speere splitterten, Schüsse krachten. Kara Ben Halef flog jauchzend mitten in das Gewühl hinein“, kriegerische Handlungen scheinen auf unseren Autor, zumindest auf seine Sympathiefigur Kara Ben Halef, doch einen gewissen Reiz auszuüben, „das Blut floß in Strömen, und als der Sieg erfochten war, lagen weit über hundert Scherarat tot auf dem Plane“. „Es gab nun Scenen zwischen den Siegern und den Besiegten, die ich lieber nicht beschreiben will.“

Wieder einmal erleben wir die altbekannte Nummer mit dem mehrmaligen Schießen aus dem Henrystutzen, dieser Sache wird er quer durchs Gesamtwerk nicht müde.

„Es ist noch keinem Menschen gelungen, meinen Geist zu verwirren“, es ist doch gut, wenn man das von sich sagen kann.

Man geht nicht freundlich miteinander um, und einige Aussagen verraten einiges über die Mentalitäten und Gedankenwelt ihrer Äußerer, „wir werden morgen die Reste eurer Knochen finden und nicht denken, daß sie Menschen angehörten, sondern räudigen Hunden, welche wegen ihrer Unreinlichkeit aus den Zelten vertrieben worden sind!“, sagt sozusagen ein Extremist zu seinem Glaubensgegner, und Hadschi Halef antwortet  unter anderem „du wirst nicht der erste Gottesverhöhner sein, den ich an seiner eigenen Lästerung in die Hölle gehen sehe!“

„Der kleine, brave Hadschi hatte in zorniger Begeisterung gesprochen und wie ein Prophet vor dem Sahhar gestanden; aber niemand ahnte, daß seine geharnischte Rede wirklich eine Prophetie enthalten hatte; wir mußten das erst später mit heiligem Schreck erfahren.“

Hier stellt sich indes die Frage, ob eine solche Betrachtungsweise nicht eigentlich die noch größere 'Gotteslästerung' ist, unwillkürlich kann man an die sehr unangenehm berührende Stelle aus der 'Chronik' denken, als sowohl Frau wie Herrn May anläßlich des Todes von Adalbert Fischer nichts besseres einfällt als zu behaupten, das sei nun Gottes furchtbare Strafe gewesen … Diese Art von 'Religiosität' ist ungut.

Am Schluß des Kapitels wird diese Sichtweise nochmals breitgetreten, „Scheba et Thar!“ rief Halef aus. „Sie haben Gott gelästert und darum das Ende gefunden, welches ich ihnen vorhersagte. Es war das eine Eingebung vom Himmel, der ich gehorchte!“

Man ist froh, als es mit dieser eingearbeiteten Marienkalendergeschichte vorbei ist.

 

Viertes Kapitel - Auf dem Tigris

Vorab: Sehr lesenswert sind die Betrachtungen von Hermann Wohlgschaft zu den Silberlöwen-Bänden, ausdrücklich auch schon die zum ersten und zweiten (neue Ausgabe der Biographie, S. 1068 ff.)

Die Verbindung Orient – Westen wird erneut hergestellt, als Halef und Kara Ben Nemsi über Winnetou und dessen Pferd Hatahtitlah sprechen. Halefs Pferd heißt nun Barkh, was laut Karl May ebenso wie Hatatitlah Blitz bedeutet.

Daß Karl May in diesen Bänden sozusagen eine literarische Reise ohne Wiederkehr antreten wird, hindert ihn nicht, zwischendrin auf das Platteste herumzualbern, jedenfalls ist die Sache mit dem dreimaligen Niesen des Hadschi (!) Halef als 'Geheimnis' für dessen Pferd schon sehr grenzwertig, zumal unmittelbar darauf von den Ruinen von Babylon die Rede ist, „Es sollte das eine ernste Gedenkfeier sein, eine Wallfahrt nach dem Orte, an welchem wir schon mit beiden Füßen im Grabe gestanden hatten und nur wie durch ein Wunder dem Tode entgangen waren“, Krisen-Orte (oder Zeiten) seines Lebens, gleichnishaft nach Babylon verlegt, laut Hermann Wohlgschaft [möglicherweise] „das Bild einer zerrissenen Seele, das Symbol eines Irrsinns, einer verblendeten Renommiersucht, die in sich selber zusammenbricht“ (Biographie S. 1075).

Über das eigenartige Nachtgespräch zwischen Hanneh (von der Hadschi Halef sinnig als 'Morgenröte am täglichen Osten meiner Behaglichkeit' spricht) und Kara Ben Nemsi könnte man phantasievoll allerhand mutmaßen, Walther Ilmer dachte andeutungsweise in diese Richtung, jedenfalls könnte man es sehr modern oder auch Jetztzeit-gemäß 'übersetzen'. Es fallen auch einige wirklich stutzig machende Sätze, wobei „jetzt aber will sie dich allein haben“ nicht der einzige ist.

Von solchen Gedankenspielereien abgesehen, gibt es, wie so oft, mehrere Deutungsebenen. Wohlgschaft schreibt davon, die Stelle habe auch sehr viel mit Mays erster Frau zu tun.

„Es wogt ein weites, tiefes Meer in meiner Seele; seine Wellen sind Gedanken, welche bald mich töten, bald mich an das feste Ufer tragen wollen. Es giebt in meinem Herzen einen Himmel, von welchem tausend Sterne strahlen und den bald wieder finstre Wolken decken; die Sterne wollen mir zu Allah leuchten; die Wolken sind die Zweifel, welche mich den rechten Weg nicht finden lassen“, das klingt, poetisch überhöht, inhaltlich auch nach einem Gespräch mit Kochta, und bei dieser „seelischen Eruption“ geht es einmal mehr auch um Karl May selber.

„Ja, natürlich, ja!“, eine schöne, menschliche Stelle, nicht nur 'dem Manne kann geholfen werden', der Frau auch.

Dem armen Hadschi Halef wird zunächst nicht verraten, was da nächtens vorgefallen ist, und warum seine Frau gleichsam wie ausgewechselt zurückkam.

„Leb wohl, Hanneh, du hellstes Licht unter allen Leuchten des Männerglückes!“ rief Halef, indem er die Hände nach rückwärts ausbreitete. „Leb wohl, Kara Ben Halef, du bester Sohn aller Väter zwischen den beiden Flüssen! Lebt wohl, ihr Haddedihn, ihr tapfersten Streiter unter allen Kriegern von der Wüste El Arab bis zu den Bergen des Kurdenlandes! Oh, Effendi, ich gehe gern, so gern mit dir, aber das Abschiednehmen gleicht zwei Brettern, zwischen denen man mir die Brust zusammenschraubt; es ist schwer auszuhalten!“

ist wieder eine dieser bei May so zahlreichen Stellen, die gleichzeitig komisch und tief anrührend sind, der kundige Leser weiß ja, man wird sich erst wieder sehen, nachdem Halef im dritten Band dem Tod knapp entgangen und schon ein anderer geworden ist …

„aber da ich kein Unmensch bin, so hat dein Bindfaden mich gerührt und dein Nashorn meine Seele weich getreten“, vom Blödsinn mag er nicht lassen, und das ist gut so.

Und dann folgt schon der nächste Höhepunkt des Werks: das Gespräch über Kara Ben Nemsis Ehefrau, das seinerzeit nicht nur Hadschi Halef, sondern auch Scharen von Lesern verblüfft bzw. wie ein Schlag getroffen haben wird. (Man hielt den Helden ja wohl gemeinhin für einen eisernen Junggesellen.)

Von diesem Gespräch gibt es zwei Fassungen, sozusagen die Emma-Pollmer- und die Klara-Plöhn-Fassung, beide zu Mays Lebzeiten in der Buchausgabe erschienen. Es lohnt sich, die Unterschiede anzuschauen; daß Mays Dschanneh Hanneh ähnlich sei, stand in der ersten Fassung noch nicht, und auch nicht die wunderschöne Antwort „Ja. Und sie wird es ewig bleiben“ auf Halefs Frage, ob sie denn jung sei. Die Sache mit dem Sprechen aller Sprachen, bei der deutlich wird, daß Karl May nicht ausschließlich Klara Plöhn meint, sondern darüber hinaus so etwas wie eine 'Wesenheit', ist ebenfalls hinzugekommen.

Karl May erweist sich nach eigenem Bekunden als Meister der Handlesekunst, wobei er, da er vorher von der Länge der Finger spricht, offenbar mehr die äußere Form als die eingegrabenen Linien meint. „Das Gesicht, die Stimme, der Gang, die Haltung, das Benehmen eines Menschen kann und können täuschen, die Hand aber kann es nie. Ich habe mir da, gestützt auf lange Erfahrung und tausend sorgfältige Vergleiche, eine eigene Theorie gebildet, die mich niemals im Stiche läßt, auf die ich mich in jedem einzelnen Fall verlassen kann. Die Hand eines Menschen ist das genaueste Abbild seines Innern; es ist ihr unmöglich, auch nur das geringste von seinem Denken und Fühlen zu verheimlichen. Sie ist das Werkzeug des Geistes und der Seele, und jedes Werkzeug läßt ohne Irrtum auf den Meister schließen“.

Halef führt wieder die Peitsche, quer über das Gesicht eines Kontrahenten, man geht des öfteren wirklich nicht allzu menschlich miteinander um bei Karl May, und der Erzähler begnügt sich damit, seinen Freund, den „früheren Anhänger der Sunna“, wie es, nebenbei bemerkt, wieder einmal heißt, aufzufordern, beim nächsten Mal vorher ggf. nonverbal um Erlaubnis zu fragen.

„Aber im stillen zählt diese Sekte viele, viele tausend Anhänger, welche fest zusammenhalten, sich gegenseitig schützen und helfen, kein Opfer scheuen und, wenn es ihren Glauben gilt, auch vor keinem Verbrechen, und wenn es das schwerste sei, zurückschrecken. Menschen, welche behaupten, daß es keine Sünde gebe, kennen auch den Begriff und das Wort Verbrechen nicht“, heißt es über die Babi, erinnern wir uns in dem Zusammenhang an eine unglaublich platte Debatte im Internet über das vermeintliche Nichtzusammengehen von 'Spiritualität' und 'Kriminalität', hier sehen wir’s schon wieder, das eine schließt das andere keineswegs aus (eine Binsenweisheit eigentlich …) ...

„der Witwen- und Waisen-Sturm wollte sich nur langsam in ihm legen“ über einen aufgeregt-verärgerten Halef, das ist auch nicht übel.

Das Abenteuer in der Schilfhütte ist eigentlich überflüssig, unverständlich, daß sich der Erzähler diesen Scherereien überhaupt aussetzt, wenn er vorher weiß, was ihn erwartet. Gelegentlich musste er offenbar schon mal 'strecken'.

„der Streit zwischen Mann und Weib ermüdet die Zungen und beschleunigt die Vermehrung der Magenkrankheiten!“, der Erzähler weiß, wovon er spricht.

Der zu Schwatzhaftigkeit und Aufschneiderei neigende Halef (Nein, es braucht eigentlich nicht mehr erwähnt zu werden, daß er, wie so viele, eigentlich letzten Endes eine Projektion des Erzählers ist, diesen spiegelt) erklärt recht hübsch, daß er halt nicht gegen seine Natur kann: „Kann ich die Worte, welche mir wie junge Löwen von der Zunge springen, hinunterschlucken und mir damit die gesunde Verdauung meines Magens verderben?“

„Der liebe Kleine schwang seine Peitsche gar zu gern. Mir widerstrebten derartige Exekutionen“, das glaubt er doch selber nicht, sonst würde er doch nicht quer durchs Gesamtwerk seinen Lesern immer wieder damit kommen. Aber wo sollte er seinerzeit auch hin mit recht offensichtlichen unterschwelligen Bedürfnissen.

„Es giebt leider Fälle, und der jetzige ist ein solcher, in denen es notwendig ist, Menschen wie widersetzliche Hunde mit Schlägen zu traktieren, aber es ist mir so fürchterlich, sehen zu müssen, daß ein Ebenbild Gottes dieser wenn auch wohlverdienten, aber dennoch schrecklichen Erniedrigung verfällt, daß ich es zu ermöglichen suche, fern zu bleiben“; wir erinnern uns, daß auch in „Old Surehand“ (dort noch unverblümter) eine Art Loblied der Prügelstrafe gesungen wird.

Gut, daß bei all solcher Schwere bzw. Gallenbitternis auch der Humor nicht zu kurz kommt, „Leider konnte ich, wenn ich nicht einen Umweg machen wollte, mich nicht in meiner ganzen froschigen Glorie zeigen“, nachdem Halef zuvor einen Froschvergleich bemüht hat.

Mit einer lesenswerten Abschiedsrede Halefs an die Übeltäter und der Ankunft in Bagdad endet das Kapitel.

 

Fünftes Kapitel - In Bagdad

Bagdad … eigenartig, die Beschreibung zu lesen, und dass es nicht mehr das sei, was es einmal war … also vor über hundert Jahren schon.

„Es hätte nur eines Besuches beim Pascha oder der Vorstellung bei einem der hiesigen Konsulate bedurft, so wäre die Wohnungsfrage sofort erledigt gewesen, zumal der Name Kara Ben Nemsi in den hiesigen Militär- und Beamtenkreisen kein unbekannter war“, du liebe [Renommier-] Zeit …

Die komische Nummer mit dem Polen und seinem Diener aus Band 3 wird annähernd wiederholt, und das ist gut so. Es gibt auch weitere Reminiszenzen an den früheren Besuch, an Lindsay … May behandelt die Erinnerung an sein früheres Werk so liebevoll wie schöne Erinnerungen aus seinem Leben, und das ist verständlich. Schöner wird’s im wirklichen Leben nicht gewesen sein.

„Es stank das ganze Fleisch“ (beim Fleischer), es gibt nichts Neues, Gammelfleisch-Skandal schon damals …

Die typische Maysche Achterbahnfahrt zwischen Spaß und Ernst gilt auch für die Sache mit dem Polen und seinem Diener, mal ist es absurdes Theater, dann wieder todernst (bei der Schilderung der Vergangenheit), dann wieder verjuxt …

Auf die Frage, ob er schon in Persien gewesen sei, antwortet der Erzähler bejahend, nur weiß der Leser gar nichts davon …

Die Zustandsbeschreibung der Küche wird vom Erzähler abgebrochen, es ist vielleicht auch besser so.

„’Effendi, glaubst du an Gott?’

Ich erschrak fast, als diese seine Frage so plötzlich und unvorbereitet durch die tiefe Stille klang.“

Die folgende Auseinandersetzung dürfte entsprechend mehr oder weniger eine derer mit sich selbst sein … „Was verstehst du unter Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit? Was dir gefällt und was dir nicht gefällt!“

Schon wieder „Ikbal“, diesmal heißt der Sohn des Polen so.

Mit der Gul-i-Schiraz hatte May offenbar Größeres vor, vermutlich eine Art Judith Silberstein oder Samiel auf höherem Niveau. Schade, dass später nicht allzu viel daraus geworden ist.

„Ich bin menschenscheu geworden und habe mich zurückgezogen“ sagt der Pole. Auch Karl May war solches schon zum Zeitpunkt der Erzählung nicht fremd, und später sollte es noch mehr in diese Richtung gehen.

„Aber er hatte außerdem noch Feinde, und diese lebten nicht am Birs Nimrud, nicht in der Wüste, nicht in dem Grenzgebiete zwischen Irak Arabi und Persien, sondern in seinem Innern.“ Sehr schön.

„Wie der Schatten nie vom Menschen läßt, so läßt auch der Sill den nicht los, hinter dessen Ferse er mit gezücktem Messer schreitet.“ Angst vor der Vergangenheit ?

„Man muß sich genau kennen, und diese Selbstkenntnis ist freilich nicht leicht zu erlangen; man erwirbt sie durch den Kampf mit widerwärtigen Verhältnissen, mit feindlichen Personen und - und das nicht zum wenigsten - im Kampfe mit sich selbst. Je kaltblütiger man sich dabei verhält, desto leichter und schneller wird man Sieger und desto sicherer gelangt man zur Erkenntnis seiner selbst.“ So ist es.

„Ich habe trotzdem soviel wie du, ja vielleicht noch mehr verloren“ sagt der Erzähler zum Polen, das ist interessant, wusste doch der damalige Leser zu der Zeit gar nichts davon, und es wird auch nicht weiter ausgeführt.

Immer dieses Schwarzweißdenken seitens der Mitmenschen; der Erzähler eröffnet dem Polen die Möglichkeit, dass es doch sein könne, dass dessen Angehörige noch leben, daraufhin kippt der andere emotional sofort von einem Extrem ins andere, worauf der Erzähler gleich wieder zurückrudern muß; dass etwas so sein könnte, heißt ja eben noch nicht, dass es so ist. Anstrengend, die Menschen.

Interessant was über innere Stimme, Schutzengel usw. gesagt wird, auch die Überzeugungskraft und Überzeugtheit des Erzählers: „es wird ein Licht aufgehen, welches du nicht auslöschen kannst, wenn du das auch wolltest. Es wird immer größer werden und schließlich dich und dein ganzes Sein und Wesen erleuchten.“ Das ist kein Schwulst. Man muß schon auseinanderhalten, wann es Schwulst ist, wie manchmal in Marienkalendergeschichten, und wann nicht. Wobei  die Passagen hier manchmal dann doch zu eng auf christlichen Glauben gemünzt sind, man kann es aber auch ohne dieses Korsett für sich anders 'übersetzen'.

„Wir besitzen wohl das Wort, aber wir haben keine Ahnung von dem Wesen und dem Inhalte dessen, was es bezeichnen soll. Wir sind wie Blinde diesem Glanze gegenüber und erst der Tod, der ja kein Sterben ist, wird uns sehend machen.“ Das gilt nicht nur für 'Liebe', sondern auch z.B. für 'Freiheit', 'Glück', u.a. … Worthülsen gab es also auch schon damals.

„Greif zu, und laß den Regen vorüber sein, welcher die Pflanze entblättert hat! Sie ist noch jung und stark genug, um neu zu grünen, zu blühen und auch Frucht zu bringen“, der Pole, zu dem der Erzähler dies sagt, ist um die Sechzig. „Das starre Herz war gebrochen.“

Nicht nur den Polen, auch Kepek 'erwischt' es, „in ein plötzliches Weinen ausbrechend, wobei er mir den ganzen Qualminhalt seines Mundes ins Gesicht blies“, womit die Proportionen zwischen tiefstem Ernst und launiger Unterhaltung wieder einigermaßen hergestellt sind.

Gegen Ende überlässt der Erzähler das Wort wieder Hadschi Halef Omar, und der macht seine Sache offenbar sehr gut, „in einer Weise […], durch welche die Aufmerksamkeit der Zuhörer bis zum letzten Worte gespannt und gefesselt wurde“, ganz der Herr.

Ein schönes Kapitel.

 

IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN II

Zu Beginn gibt es am Turm zu Babel eine geradezu genüßlich ausgemalte, wahrhaft höllische Leichenfledderei zu erleben, und bereits hier kann man über gleichnishaft tiefere Bedeutung nachdenken.

Dann folgt eine der so typischen Mayschen Gerichtsszenen, in denen er eigene Erfahrungen aus der Vergangenheit ins Gegenteil verkehrt und kompensiert, diese dürfte die genüßlich-übertriebenste von allen sein.

Im weiteren Verlauf merkt man diesem Band dann doch manchmal an, daß die Zeit der Reiseerzählungen alten Stils sich dem Ende entgegen neigt. Es fehlt gelegentlich die Frische, der Zauber, das Feuer, es vermittelt sich, nicht durchgehend, aber zwischendrin immer wieder einmal, eine gewisse trockene Lustlosigkeit bzw. Unsicherheit, und die Geschehnisse am Turm ziehen sich dann doch etwas in die Länge.

Dies wird auch die letzte Reiseerzählung alten Stils sein, der Bruch in Mays Leben und Werk geht mitten durch den vierbändigen Roman, und schon im dritten werden wir May dann von ganz neuen Seiten kennenlernen. Wobei zwischen Silberlöwe II und III noch, durchaus passend, "Am Jenseits" entstand.

 

Erstes Kapitel – Beim Turm von Babel

Wir bzw. der Erzähler und Hadschi Halef Omar begegnen der Todeskarawane wieder, die wir schon aus Band 3 kennen. Nicht wirklich zwar, aber man ist wieder an den gleichen Örtlichkeiten, und die Wiedererinnerung (der Romanfiguren) geht bis zur Geruchswahrnehmung. In beträchtlicher Länge wird aus Band 3, 'Von Bagdad nach Stambul' zitiert.

‚Wer oder was war ich’; mit Identitätskrisen kannte der Mann sich aus.

„Es war eine schlimme, schlimme Zeit.“

„Babel!“ Man las, dass Karl May sich geirrt hat, und der Turm zu Babel gar nicht dort stand, wo er ihn vermutete, indes, wie dem auch sei, das 'bleibt sich gleich', man muß das Ganze ja auch (unter anderem) als Bild betrachten, als Gleichnis. In der Bibel wie bei Karl May.

„Bald gehend oder springend, bald schlüpfend, schleichend oder kriechend, bewegten wir uns vorwärts, rechts von uns die dunkle, offene Wüste und links die drohenden Gigantenreste des Babelturmes“.

Es folgt eine wahre Höllenvision, Karl May hat wahrlich 'nichts ausgelassen' in seinem Werk,

„Die Skeletteile flogen nur so hin und her“, „Die Verwandten der hier in dieser Weise behandelten Toten hatten große Summen zahlen müssen, um den letzten Wunsch der Sterbenden, an einem der heiligen Orte begraben zu werden, erfüllen zu lassen, und nun ging man mit den Überresten hier in einer Weise um, welche den übernommenen Verpflichtungen geradezu Hohn sprach“, das ist noch heute so, dass der, der anderen Menschen einfach vertraut und Angelegenheiten in ihre Hände gibt, oft nicht ahnt, was hinter den Kulissen so geschieht, und durchaus nicht nur in Sachen Begräbnisse.

„Du siehst, wir stehen an einem geschichtlich hochbedeutenden Orte, in dessen Nähe wir beide, du und ich, die trübsten und gefährlichsten Stunden unseres Lebens verbracht haben. Alles, was sich auf ihn bezieht, muß uns im höchsten Grade interessieren, sogar das menschliche Ungeziefer, welches sich durch seine Mauern bohrt, um hinter denselben die Früchte des Verbrechens aufzuhäufen. Menschen, welche den Himmel stürmen und Gott gleich sein wollten, haben an ihm gearbeitet, und nun bildet er ein Versteck der moralischen Armseligkeit und Verkommenheit, die nicht nach der Höhe, sondern nach der Tiefe strebt“.

Hier versteht Freund Halef den Erzähler einmal nicht, und übersetzt es sich nach seiner eigenen Mentalität, das hat man häufiger, „Also doch Neugierde, Sihdi, nichts als Neugierde!“

„Man weiß, daß der orientalische, besonders aber der persische Safran, wenn unverfälscht, von allen Sorten der beste ist; aber seit ich gesehen habe, daß man ihn sogar in den Särgen persischer Schiiten über die dortige Grenze pascht, mag ich von diesem Gewürz nur dann etwas wissen, wenn ich die Überzeugung habe, daß es von unserm abendländischen Crocus sativus gewonnen wurde“, je nun, wenn man um die Hintergründe bei anderen Lebensmitteln wüsste, man würde vielleicht kaum noch etwas essen mögen …

„Wir haben ganze Stämme der Beduinen besiegt und bei keinem Angriffe den Rücken nach vorn und den Bauch nach hinten gehabt“, Halef gelingen immer wieder interessante Formulierungen.

Einer der zudringlichen Perser, die sich beim Gasthof auf unserer Helden Pferde gesetzt hatten, ist zu Tode gekommen, weil Halef den Pferden das Zeichen zum Abwurf gegeben hatte. Als das zur Sprache kommt, trickst Kara Ben Nemsi herum, leugnet den Sachverhalt … „Moralisch einwandfrei“ ist das nicht …

Und wir erfahren endlich, wie der Erzähler immer zu seinen diversen großartigen Empfehlungsschreiben, Pässen etc. gekommen ist, er hat einem Türsteher Tabak gegeben … In diesem Band haben wir es mit der „Tughra“ zu tun, offenbar noch einer Steigerung, diesmal hat der Sultan unterschrieben.

Der Dialog Halef – Kol Agassi über die Verhältnisse in Deutschland hätte sich gut als Vorwort in einem Weltbild-Band gemacht. Prallvolle Information.

„Wir sind überhaupt nicht so wie andere Menschen“, da hat er wohl Recht, ganz wertungsfrei.

„Und mein Effendi ist auch sein eigner Herr und keines Fürsten Sklave; kein Sultan, kein Schah-in-Schah, kein Kaiser und König kann ihm das rauben, was er ist und was er hat. Nein, wir haben keine Lust, Seraskier zu sein, weder er noch ich!“, kein Sultan, kein Kaiser usw., und auch kein Mamroth, kein Cardauns, kein Lebius und niemand.

Am Ende noch ein sinniges Gespräch über Schmuggelei, in dem der Erzähler dem aufmerksamen Leser einmal mehr recht deutlich macht, dass er selber eigentlich nichts Verwerfliches dabei finden kann; aber so verpackt und klausuliert, dass kein 'Hausschatz'-Redakteur etwas 'Böses' ahnen kann, damals wie heute.

 

Zweites Kapitel - Vor Gericht

Gerichtsszenen spielen des öfteren eine Rolle in Karl Mays Gesamtwerk, diese dürfte die spektakulärste sein, Kompensation endgültig auf die Spitze getrieben. Die Angeklagten erscheinen zu Pferde und bleiben draußen im Hof, auf dass man sich gefälligst zu ihnen hinaus bemühe.

„Das Gebäude bestand, wie alle Häuser der Stadt, aus Ziegeln, welche den Trümmern des einstigen, großen Babylon entnommen waren; es sah sehr schmutzig und baufällig aus“, sinnbildlich, was scheren einen Kara Ben Nemsi läppische Justiz sowie deren Vertreter …

„Es lag etwas in mir, was mich nicht dazu kommen ließ, diese Mehkeme ernst zu nehmen“, vgl. eine Schilderung des realen May in einer dessen Gerichtsverhandlungen durch einen Zeitzeugen, das klang ganz ähnlich.

„Es folgte nun eine Scene, welche mir unvergessen geblieben ist und auch ferner bleiben wird, eine Gerichtsverhandlung, welche ich für unmöglich halten würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte.“

Wieder lässt man, just deswegen angeklagt, Pferde ausschlagen, wieder nimmt man Verletzungen andererer in Kauf. Auch wenn die, die in Karl May entweder den gefälligen Abenteuerschriftsteller sehen oder aber ihn zum Friedensapostel hochstilisieren wollen, das nicht wahrhaben wollen: gelegentlich zeigt er schon ganz fatale Anwandlungen in Richtung einer Art von zweifelhaftem Herrenmenschentum.

Die zu zelebrierende Bastonade wird einmal mehr mit genüsslicher Vorfreude angekündigt. Dem Gericht gegenüber brilliert der Erzähler mit Korankenntnissen und taktisch geschicktem Einsetzen der Thematik Sunna und Schia; er weiß, wie er die Puppen nach seiner Pfeife tanzen lassen kann.

„Mit großem Vergnügen hörten wir dann zu, als der Perser sich Mühe gab, aus den von ihnen angegebenen Punkten den unumstößlichen Beweis zu ziehen, daß wir diejenigen seien, der eigentlich doch er nur war“, die Thematik Sein und Schein, Rollenspiel usw. mal auf ganz aparte Art.

Es gibt eine Wiederbegegnung mit einem Militär aus dem Tal der Dschesidi. Des öfteren treten Personen bei Karl May dann wieder auf, wenn sie gerade gebraucht werden.

„Welche Wonne, welche Seligkeit! Das ist es, was ich liebe und was so ganz nach meinem Herzen ist. Respekt müssen sie vor uns bekommen, Respekt vor dir und mir! Einsehen müssen sie, daß sowohl die Eigenschaften unserer Vorzüge als auch die Vorzüge unserer Eigenschaften von ihnen niemals erreicht werden können! Zur Erkenntnis müssen sie kommen, daß wir eine Beispiellosigkeit aller Unvergleichlichkeiten besitzen, vor welcher alle unsere Feinde in den Staub zu sinken haben. Ich werde sie auffordern, uns doch einmal einen Menschen zu nennen, dem Allah so viele und so herrliche Gaben des Körpers und des Geistes wie uns verliehen hat! Sie müssen in tiefster Demut und Unterwürfigkeit - -!“ Halef spricht hier das aus, was dem Erzähler ein wahres Herzensbedürfnis ist: etwas zu gelten, etwas Besonderes sein, anerkannt werden. Erst später hat Karl May erkannt, dass das im Grunde gar nichts bringt, sondern nur einer von vielen Holz- oder auch Irrwegen ist.

Hübsch sind immer wieder die geschichtlichen Einlagen bei May. In Vorworten von Weltbild-Bänden u.a. eher langweilig weil trocken und fad, liest sich so etwas bei ihm ganz anders, es gelingt ihm, einen persönlichen Ton hineinzubringen, der das Ganze entschieden aufwertet.

Noch ein alter Bekannter aus einem früheren Band taucht auf, diesmal ein Obeide aus „Durch die Wüste“.

Undank ist der Welt Lohn, der Erzähler erlebt es mit dem Kammerherrn einmal mehr, erst später wird der Mann, der die gutgemeinten Warnungen in den Wind schlägt, zur besseren Einsicht kommen.

Längere Debatte mit Halef, der Leser weiß recht bald, das wird nicht gut gehen, dass er ihn seinen Willen durchsetzen lässt, und so kommt es dann auch.

Interessante Betrachtungen über Solarplexus, Eingebungen und Inspiration.

„Das war noch ganz derselbe damalige Fluß, und rechts von mir, unten im Wasser, lag eine Binsenfähre von genau derselben Form, welche diese Fahrzeuge zu jener Zeit schon hatten, rund und niedrig ausgebaucht, wie eine große, leicht schwimmende Wasserschüssel.“ Allzuviel ändert sich ja auch nicht über Jahrtausende, äußere Formen, Gegebenheiten usw. vielleicht. Das Wesentliche bleibt gleich.

 

Drittes Kapitel – Osman Pascha

Der Erzähler rettet sich aus Gefangenschaft, indem er aus einem Boot gefesselt ins Wasser springt und dann mit einer Hand schwimmt.

„Wenn man einen Winnetou zum Lehrmeister im Dauerlaufe gehabt hat und so hübsch frisch, naß und erquickt aus dem Wasser gestiegen ist, wie jetzt ich, so fördern die Schritte doppelt.“ Solche kontinent- und werkübergreifenden Einschübe finden wir des öfteren in den Silberlöwen-Bänden.

„Der Mensch denkt und -------- ist dabei so gedankenlos, daß dann grad das Gegenteil von dem geschieht, was er glaubt, ganz logisch und folgerichtig gedacht zu haben!“ steht da, mit acht Gedankenstrichen; im grünen Band steht nur einer, aber das ist ein Unterschied; ein Autor denkt sich etwas dabei, wenn er Gedankenstriche setzt, es ist nicht so, dass er vielleicht nur die kratzende Feder geschmeidiger machen wollte …

„Das war so recht der Tod,“, über mangelnde Erlebnisfähigkeit brauchte sich unser Autor wahrlich nie beklagen, „der einst, vor nun über zweitausend Jahren, seine Sterbedecke über das damals so leichtlebige Babel ausgebreitet hatte!“

„Du bist doch nicht Regente …“ So ist es.

„Solche Dinge kommen vor, und zwar nicht bloß hier im Lande der Türken, wo Beamte oft jahrelang vergeblich auf die Zahlung ihres Gehaltes warten und darum suchen müssen, auf dunklen Wegen Geld zu verdienen.“ Auch in anderen Ländern.

Das Abstechen der Mitglieder der Karawane des Kammerherrn wird anschaulich und emotionslos beschrieben, „Hast du einmal zugesehen, wie ein Quassab (Schlächter, Fleischer) seine Tiere absticht?“ „Ja. „So, grad so sah es aus, als man ihnen der Reihe nach die Klinge in die Herzen stieß.“ Karl May ist halt keine Familienunterhaltung, auch wenn das die Leute nicht wahrhaben zu wollen pflegen.

Und Kara Ben Nemsi ist seinerseits ganz und gar unzimperlich gegenüber dem Hauptübeltäter: „Du wirst den Himmel nicht mehr schauen, sondern hier ebenso abgestochen werden, wie deine Leute abgeschlachtet worden sind“.

„Mach’ dich fort“, äußert er gegenüber einem Korporal, der Neunzigerjahrehochmut fließt des öfteren ein in den Roman.

Und dann eine köstliche selbstrechtfertigende Stelle: "Ich lasse nämlich den General nicht etwa als schriftstellerischen ‚Deus ex machina’ an dieser Stelle erscheinen; das wäre, wenn es sich nur um Phantasiegebilde handelte, ein ganz überflüssiges Verfahren, eine vollständig unnötige Verschwendung von Papier, Tinte und Buchdruckerschwärze, weil der schon vorhandene Sandschaki mir ganz dieselben Dienste leisten könnte, wie der an den Haaren herbeigezogene ‚Dscheneral’."

Der auf der Bildfläche erscheinende Adolf Farkas alias Osman Pascha ist eine Art Krüger Bei anderen Kalibers … unser Autor liebt es, mit Personen der Zeitgeschichte gemeinsam aufzutreten und mit ihnen gut Freund zu sein.

„Diese drei Männer sind so ahnungslos wie Hammel, welche nach der Thür drängen, hinter welcher sie geschlachtet werden sollen.“ „Dieser Vergleich ist nicht übel.“ In der Tat. Man hat das häufiger, auch in großem Stil.

Daß der Autor darüber räsonniert, der Kammerherr sei nicht nur zu bequem, sondern auch zu feige, um bei kriminellen Machenschaften größeren Stils sich zu beteiligen, ist auch nicht ohne …

„Da kommt der bekannte Kara Ben Nemsi zum Vorschein, der stets nicht für sich, sondern für die Braven und Geschädigten sorgt!“ Ja, in der Tat, das tut er gern, und hier lässt er es sich gleich sozusagen schriftlich bescheinigen … Das mischt sich immer ein wenig bei Karl May (und anderen), echte Großzügigkeit um ihrer selbst, also, der anderen willen, oder aber eben auch um vor sich selber (und anderen …) gut dazustehen …

Geldgeschenke, Beförderungen, … ein 'Fürst des Elends' im Orient.

 

Viertes Kapitel – Wieder im Turm

Nochmals wird die Sache mit der Großzügig- bzw. Wohltätigkeit über mehrere Seiten ausgebreitet. Zunehmend mischt sich der Aspekt der Selbstbeweihräucherung des Autors gedanklich hinein beim Lesen …

„wo ich mit dem Kammerherrn aus unserer Haft wieder an das Licht des Tages oder vielmehr das Dunkel der Nacht gekommen war“, man weiß manchmal nicht, ist es nur eine gewisse Schludrigkeit in der Formulierung, eine gewisse Augenzwinkerei, oder geht es en passant auch immer um so etwas wie tieferen Sinn ...

Eine „Sonne der Schönheit“ sei die Gul-i-Schiraz, ein „Stern der Begeisterung“, schade, dass die gute Frau, von der wir soviel Aufmerksamkeiterheischendes hören, in den späteren Bänden denn doch ein wenig blaß bleibt, zwischenzeitlich hatten sich die Interessensschwerpunkte unseres Autors denn offenbar doch ein wenig verschoben.

Was hat es mit diesem Dschafar auf sich … das wird ja auch später nie so recht wirklich klar. Hatte Karl May ursprünglich vielleicht gar vor, in diesen Bänden nicht nur Haupt- und Spätwerk zusammenzuführen, nicht nur Orient und Okzident, sondern vielleicht gar verschiedene Denkweisen in Sachen Moral? Jedenfalls hat dieser Dschafar irgendwie mit den 'Schatten' zu tun.

„Dieser Vergleich ist wunderschön, lieber Halef!“, äußert der Erzähler, nachdem sein Freund „Dieser Gedanke verlieh mir diejenige Freudigkeit der seelischen Einrichtungen, ohne welche das Erdenleben mit einem Knochen zu vergleichen ist, von welchem das Schicksal schon das Fleisch heruntergegessen hat“ von sich gegeben hat; dem ist zuzustimmen. Und 'noch einen': „Es gehört viel Demut und Selbstüberwindung dazu, die Größe seines Geistes so zu verhüllen, daß kein Unschuldiger durch sie niedergeschmettert wird.“

Es stellt sich heraus, dass Kara Ben Nemsi einen Mann erschlagen hat, da ist die Schmetterfaust ein wenig über das ansonsten übliche Ziel hinausgeschossen, aber Hadschi Halef meint sinngemäß in etwa ‚Mach’ Dir nichts draus’, und damit hat es sich dann auch … Neunzigerjahre. Hadschi Halef wiederum sticht mit dem Messer zu, um ihm genehme Aussagen zu erzwingen … es wird wirklich langsam Zeit, dass die beiden im dritten Band des Romans mal ordentlich was auf die Nase und um die Ohren kriegen.

Immerhin ist auch so etwas zu lesen:

„Nun denke dir die vielen, vielen Menschen, welche durch das Lesen deiner Bücher hinter das Geheimnis kommen, daß es in deinem Verstande einige Stellen giebt, welche zugeklebt und ausgebessert werden müssen! Muß das nicht schrecklich für dich sein?“

Damit dürfte er selten ein Problem gehabt haben … (Will sagen: May war selbstkritischer als das Unwohlmeinende wahr haben wollen ...)

Am Ende, nach großer 'Bescherung', äußert der frischernannte Binbaschi:

„Effendi, wenn in den Herzen aller Christen deine Lebe und deine Güte wohnte, so würde dein Glaube dem unsern sehr gefährlich sein. Allah segne und bewahre dich!“

Die Gefahr, dass aus genanntem Grunde der eine Glauben dem anderen gefährlich würde, besteht indes nicht.

 

Fünftes Kapitel – Frohe Heimkehr

„Anstatt dich, wie es mein fester Wille war, zum Islam zu bekehren, habe ich mich von dir zu Isa Ben Marryam (Jesus) führen lassen und sehe ein, daß ich dadurch geworden bin, was ich früher glaubte zu sein, aber doch nicht war, von ganzem Herzen glücklich nämlich!“, das sagt gleich zu Beginn des Kapitels einmal mehr Hadschi Halef; es ist schon seltsam, wie oft entsprechende Bekenntnisse seinerseits bei Karl May zu lesen sind, wo doch ein Funktionär seinerzeit im Fernsehen etwas ganz anderes behauptete …

Dschanneh solle sich, so Halef, ggf. „an einen andern Türken“ verheiraten …

Der Säfir fragt rhetorisch „Ist das die Art der Christen und Sunniten, Menschen zu behandeln!“, angesichts des Textes zuvor („Er stand oder vielmehr er hing noch genau in derselben peinlichen Lage, in welcher wir ihn verlassen hatten, an den eisernen Vorhangsstäben. Er war gezwungen, sich nicht zu bewegen und den Kopf unausgesetzt hoch zu halten, denn sobald er ihn senkte, wurde ihm durch den eng um den Hals liegenden Strick der Atem genommen. Er befand sich also in steter Angst vor dem Erstickungstode“) durchaus mit Recht, was selbst der Erzähler einräumt („und so war es leicht erklärlich, daß er uns bei unserm Eintritte im höchsten Zorn entgegenrief“).

„Ein freundlicher Strahl aus dem Auge deiner Hanneh ist schöner und tausendmal mehr wert, als diese ganze leblose und künstliche Flimmerei!“, ja, freilich, sehr zutreffend und sehr schön. „Ich bin reicher, viel reicher, als der arme Teufel, dem dieses Geld und diese Steine da gehören werden. Ich tausche nicht mit ihm!“

Wieder dieser Dschafar … und neben ihm auf dem Bild „ein wunderschönes, orientalisches Frauenangesicht mit geheimnisvollen Dunkelaugen, aber kalten, unerbittlichen Lippen und rätselhaften Sphinxzügen, ein Gesicht, welches mich sofort, doch nicht etwa den Menschen, sondern den Psychologen in mir, gefangen nahm“, die Gul, Judith Silberstein in Edel, „über der gewöhnlichen muselmännischen Denkweise erhaben“.

„Hat es schon bei uns einen eigenen Beigeschmack, wenn wir von einer ‚emanzipierten Frau’ sprechen, so tritt dieser ‚goût hétérogène’ im Oriente noch viel mehr hervor. Wer es fertig bringt, alle Traditionen und Rücksichten außer acht zu setzen und die Fesseln des so streng abgeschlossenen dortigen Frauenlebens zu sprengen, der ist gewiß mit einem explosiven Temperamente ausgerüstet oder hat - ich bitte, mich eines Lieblingsausdruckes meines kleinen Halef bedienen zu dürfen - verschiedene Schejatin im Leibe sitzen“, Karl, laß das nicht gewisse Leute hören …

‚„Halef, haue ihn, bis er schweigt!“; „Haue ihn, wohin du triffst!“’ ruft der Erzähler "empört", immer klappt es halt nicht mit der Selbstbeherrschung …

Bei den Gegnern auch nicht: „Ihr wurdet als Schweine geboren, seid als Schweine zu verachten und werdet als Schweine verenden!“, Nein, man ist nicht freundlich zueinander bei Karl May.

Wieder einmal wird der Erzähler angespuckt, wir kennen das schon, der Münedschi, Intschu Tschuna … da wird wohl eine reale Erfahrung zugrunde liegen.

Man geht Leichen suchen und berichtet zunächst einigermaßen unbeeindruckt, anschließend schon wieder so eine Unbeherrschtheit, „ich hatte, nun endlich doch einmal in Hitze geraten, dem kleinen Hadschi die Peitsche aus dem Gürtel gerissen und zog dem unverschämten Menschen einen solchen Hieb über das Gesicht, daß es sofort aufsprang und das Blut ihm an beiden Seiten herunterlief“; Halef indes ist begeistert, „Hamdullillah, mein Effendi wird gescheit! Es giebt nur eine einzige Sprache, in welcher man mit solchen Frechlingen verkehren kann; das ist die Sprache der Peitsche, welche deutlicher, überzeugender und auch eindringlicher ist, als jeder sonstige Dialekt. Sihdi, du hast, seit ich dich kenne, jetzt das schönste Wort gesprochen; es enthält die wahre Weisheit, welche über alle andern Kenntnisse und Klugheiten der Erde geht!“

Im Dialog mit dem Bimbaschi lesen wir wirklich interessante Betrachtungen über Kismet und (gleichnishafte) Schwarze und Weiße, „Nur zu gut“ verstehe er das, was der andere vermitteln will, sagt der Erzähler. Man braucht solche Dinge (das Gesprächsergebnis) nicht, wie der Erzähler das dann tut, auf christlichen Glauben zu reduzieren oder fokussieren, es funktioniert auch in weniger etikettierter Weise.

Den Säfir hat man, aber das Übel natürlich nicht beseitigt, „Vielleicht ist eine ganze Gesellschaft von Geld- und nicht niedrig stehenden Leuten die Unternehmerin. Ich habe so meine Gedanken“. Der Leser auch.

„Es muß gegen den Schmuggel so vorgegangen werden, wie der Padischah es befohlen hat; dazu ist erforderlich, daß jeder Kumrukdschi ( Zollbeamte) die Schliche der Schmuggler so genau kennt, wie ihr sie kennt. Ich habe darum die Absicht, jedem von euch die Strafe zu erlassen und ihn zum Kumrukdschi zu machen, wenn ihr darauf eingeht, mir alles, was ihr wißt, mitzuteilen.“ Pragmatisch, praktisch …

„Ich bin überzeugt, daß Sie zwar gegen die Vorschriften des Gesetzes, aber doch sehr klug gehandelt haben.“ „Das genügt“.

Dann folgt der dritte Besuch beim Polen und seinem Diener, wieder mit den gleichen komischen Einlagen, und immer noch unterhaltsam.

„Außerordentlich groß war der Eindruck, den die Nachricht von dem Tode des Säfir auf meinen Bimbaschi machte. Er sah sich aller seiner Angst und Sorge enthoben und sprang vor Freude wie ein junger Mensch im Zimmer umher“, des einen Tod ist des anderen Brot. Trotzdem hätte ein wenig mehr Seriosität oder Wahren der Form dem alten Herrn hier gut zu Gesicht gestanden.

Wieder geht es auf das Dach, wieder ein Bibelabend … das sind schon kräftige stimmungsmäßige Umschwünge, die wir da mitmachen, und auch das märchenhafte Element wird kräftig bedient, Empfang beim Pascha, alles ist gut, und dann ist Schluß, „wobei wir durch ein Spalier sich tief verbeugender Beamten schritten, um dann auf weißen Eseln heimzureiten“.

 

Sechstes Kapitel - Ein Rätsel

„Wie häufig kommt es vor, daß ein ganz guter, herzensbraver Mensch ganz plötzlich die Konsequenzen einer That über sich hereinbrechen sieht, die, damals bereut und seitdem längst vergessen, Jahrzehnte weit hinter ihm zu liegen schien, ihn aber doch bis heut begleitete!“ Davon konnte Karl May einige Jahre später in der Tat noch 'ein Lied singen' …

Interessante Betrachtungen über Gerechte, Ungerechte und deren Befindlichkeiten.

„Warum ich in dieser Weise philosophiere, moralisiere und spintisiere, anstatt einfach weiter zu erzählen?“ Was andere teilweise davon hielten, war ihm schon bewusst …

Zunächst ist dieses seltsame Kapitel recht reizvoll, mit Auslassungen über die „unheilvolle Zerknitterung“ des weiblichen Gesichts, in deren Verlauf wir ein „Haremsgeheimnis“ erfahren: „Merke dir folgendes genau: je mehr Runzeln eine Frau im Gesichte hat, desto glatter will sie dir erscheinen“.

„Ich hatte diesen Ritt unternommen, um Eindrücke und Erfahrungen als Stoff für reiseschriftstellerische Werke zu sammeln, und da konnte ein Abstecher von einigen Tagen recht wohl unternommen werden, ohne daß meine Absichten darunter zu leiden brauchten; ja, es war gar nicht unmöglich für uns, auf diesem Seitenpfade Interessanteres zu finden als auf dem Hauptwege.“ Das gilt nun nicht nur geographisch, sondern auch in Sachen Handlung, dieses Kapitel hat mit dem übrigen „Silberlöwen“ kaum etwas zu tun, wirkt wie ein Fremdkörper.

Sehr schön sind des Erzählers Ansichten über die völlige Entbehrlichkeit von Make-up und dergleichen: „Die gesunde Wangenröte ist schön, und was schön ist, soll man doch nicht mit einer Schicht von Mehl bedecken“, „Ihr Mund, mit dem sie zu mir spricht, bedarf der Farbenlüge nicht“, und seine Frau benutzt auch keine schwarze Farbe, „um die Eindringlichkeit ihres Blickes zu erhöhen“,  „Ihr schönes, klares Auge meidet jedes Dunkel“.

(In Sachen Gerüche kurz darauf können die Ansichten indes etwas auseinandergehen ...)

Und von Schminke und Parfüm kommt man auf Geist und Seele, „Sie lassen die Seele verkümmern und putzen, bemalen und parfümieren den Geist, damit er herrschender Eunuche werde“, wir sehen, das (was uns heute in Drogeriemärkten in Gestalt sozusagen bewußtloser junger Frauen ins Gesicht springt) gab es alles im neunzehnten Jahrhundert schon.

Die eigentliche Geschichte von der „Königin der Schönheit“ wird dann nicht erzählt, in der „Hausschatz“-Fassung des Romans stand immerhin noch der Hinweis auf den Regensburger Marienkalender, in der Buchfassung steht nur etwas von „ist bereits an anderer Stelle erzählt worden“.

Dann folgt eine Passage über Kurden, Türken und Armenier, bei der man seinen Augen nicht trauen mag, und so sind diese Seiten denn auch selbst in der rückbearbeiteten Ausgabe im Band 27 der Grünen Bände nach wie vor gestrichen.

Halten wir uns an Halef, der „blieb von jetzt an für lange Zeit im Burnus und im Schweigen tief verwickelt“.

Daß der Erzähler mit Halef oft natürlich sich selber meint, also, wie fast immer, Ureigenes auf andere Personen projiziert, wird in einem putzigen längeren Dialog recht deutlich, und möglicherweise mit Absicht, was man bei Karl May manchmal nicht so genau weiß.

Der Erzähler hält sich mittlerweile für gleichbedeutend mit Staatsmännern, wie wir der Stelle „Weil ihr den großen Stamm der Feransawi (Franzosen) besiegt habt, dem noch niemals ein Feind hat widerstehen können. Auch Hadschi Kara Ben Nemsi soll ein Krieger aus eurem Lande sein“, nach außen projiziertem Selbstwertgefühl, entnehmen können.

„Diese beiden Männer haben manchem Stamm gegen andere, feindliche Stämme beigestanden und ihm zum Siege verholfen, weil sie unübertrefflich tapfer sind und sich ganz und gar nach den Kampfes- und Kriegsregeln des Landes Dschermanistan verhalten, welche weit besser und vorteilhafter als die unserigen sind“, die namentlich erwähnten Wilhelm II, Bismarck und Moltke werden unserem Autor imponiert haben.

Von einem „Tal des Todes“ mit giftigen Dämpfen ist die Rede, dieses Motiv wurde später zu einem Buchtitel und zusätzlich auch filmisch anderweitig verbraten.

Über Marah Durimeh heißt es „ihre Seele ist während dieser Zeit bei den Geistern der Abgeschiedenen gewesen und dann wieder in den Körper zurückgekehrt, denn sie weiß von jenem Leben zu sprechen, als ob sie es kennen gelernt hätte, und kann Dinge sehen und hören, welche andern Sterblichen streng verschlossen sind.“

„Ich lasse mich nicht gern in unnütze religiöse Gespräche ein“, schreibt der Erzähler (auch wenn man das Wort „religiöse“ wegließe: eine beherzigens- und nachahmenswerte Haltung), macht aber dann gleich über mehrere Seiten eine der zahlreichen Ausnahmen …

Ja was soll nun diese Geschichte mit Marah Durimeh im Turm, eine der zähesten Binnengeschichten des Gesamtwerkes, sie bleibt unverständlich. Außer Hölderlin im Turm kann einem auch noch Jochanaan in der Zisterne einfallen, in diese Richtungen kann man denken, aber es bleibt alles völlig nebulös.

Dialoge treten kolportagehaft über mehrere Seiten geradezu auf der Stelle, nichtendenwollend, man kann froh sein, wenn mehrmals aus früheren Bänden zitiert wird, das bringt wieder etwas 'Leben' in die Angelegenheit.

Man mutmaßt ja, daß dieser Text ursprünglich zu dem nicht realisierten Buch „Marah Durimeh“ gehören sollte, das indes innerhalb dieses Textes angekündigt wird: „Zugleich will ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß ich über mein viertes und letztes Zusammentreffen mit Marah Durimeh ein besonderes Buch schreiben werde, weil diese Begegnung von einem so tiefen und nachhaltigen Einflusse auf die Richtung und den Inhalt meines Seelenlebens gewesen ist, daß ich herzlich wünsche, meinen lieben Lesern von diesen aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit hinüberreifenden Früchten anbieten zu dürfen“. Möglicherweise hat May diesen Passus eingefügt, als er das Fragment in die Buchausgabe aufnahm.

'Petersilie' und 'Perle' aus dem Kurdistan-Band begegnen wir wieder, was nicht ohne Tränen abgeht (bei Ingdscha und Halef).

Interessant ist, daß May zwar in seinem Kurdistan-Band einige Stellen über die äußere Erscheinung Marah Durimehs später überarbeitete, nicht aber hier, wo nach wie vor von Totenkopf usw. die Rede ist; dabei nahm er ja auch in diesem Band Änderungen vor (Emmeh – Dschanneh), auch die Beschreibung der alten Dame 'neueren Erkenntnissen' anzupassen, hat er bei der Gelegenheit offenbar vergessen.

„Der Eindruck, den sie machte, war nicht der einer Leiche, wie der Mülasim gesagt hatte, sondern ein überirdischer, ein --- es giebt kein Wort, welches der richtige Ausdruck dafür wäre“.

Erwähnenswert ist die List, zu der Kara Ben Nemsi greift, um die Befreiungsaktion durchführen zu können, er täuscht vor, daß er die Leute unbedingt dabehalten will, sträubt sich scheinbar aufs Heftigste gegen deren Davonlaufen, und erreicht gerade damit sein Ziel.

„Ich mag dieses Wort nicht haben“ heißt es kategorisch über das Wort „Zufall“, überzeugend.

Man werde am Ende der „persischen Reise“ voraussichtlich wieder in Kurdistan vorbeikommen, heißt es, aber daraus wurde bekanntlich nichts. Man blieb im Tal der Dschamikun und sah sich dann erst auf Sitara wieder.

Am Schluß bleiben die wesentlichsten Fragen offen.

 

IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN III

Zunächst gibt es in Basra, an ungutem Ort, ein letztes Geplänkel im Stile früherer Reiseerzählungen, und den Abschied, für immer, vom weltlichen Freund Sir David Lindsay, der auf dem Schiff davonfährt und vor dem Blick unserer Helden, die das weitere nun mit sich selbst werden ausmachen müssen, verschwindet.

Dann folgt eine mit langem Atem vorgetragene Episode unter vermeintlichen Freunden, Ausgestoßenen oder auch zwielichtigen Verlegern, bevor es "Über die Grenze" in den letzten Schaffensabschnitt geht, zum sogenannten Spätwerk. Dieser „Sprung über die Vergangenheit“ und die anschließende Nahtod-Erfahrung können, wie so einiges in diesem Buch, sehr beeindrucken.

Im Tal der Dschamikun treffen wir anschließend, unter anderen Namen, auf Verleger Fehsenfeld, Emma Pollmer, Klara Plöhn, noch viele andere, und Karl May, in verschiedenen Gestalten, als Kindgebliebenem sowie als weisem Alten.

Nichts für 'Fans', die Karl May als Abenteuerschriftsteller schätzen und Filme und Freilichtaufführungen interessanter finden als seine Bücher, bekanntlich gibt es auch solche, und deren viele.

Für geneigtere Leser ein großartiges Buch.

 

Erstes Kapitel – In Basra

„Basra liegt jetzt ungefähr zwei Meilen nordöstlich von der alten Stadt. Wer etwa infolge von 'Tausend und eine Nacht' in poetisch gehobener Stimmung ankommt, der sieht sich von einer so unpoetischen Misère umgeben, daß er schon in der ersten Stunde wünscht, den Schauplatz süßer Märchen so bald wie möglich wieder verlassen zu können.“ „Der öde Tag, zum letzten Mal“, könnte man aus einer ganz anderen Ecke zitieren: noch ein Kapitel Reiseerzählung im alten Stil, danach nicht mehr.

Nach „Ein Rätsel“ hätte man nun nicht unbedingt mit dem Auftauchen David Lindsays gerechnet, so schön das auch ist, dass er da ist. Leider nur für kurze Zeit. Der Autor bewegt sich im weiteren Verlauf der Bände in Regionen, in denen der gute alte Freund bei aller Zuneigung irgendwie nicht mehr so recht am Platze ist.

Lindsay benimmt sich zunächst wie die sprichwörtliche Axt im Walde, immer wieder finden wir das bei Karl May: eine gewisse Herrenmenschenmentalität auch bei ausgesprochenen Sympathiefiguren.

Erfreulicherweise kommt aber auch der Humor nicht zu kurz dabei: „worauf der braune Jüngling es für weltgeschichtlich notwendig hielt, das verschmähte Getränk sich in das eigene Gemüt zu dirigieren“; „Lindsay aber machte ein Gesicht, als ob die Qualen aller an unheilbarem Weltschmerz leidenden Menschenkinder in sein Inneres eingezogen seien, und seine Nase, die bekanntlich mit ihren Regungen sich zu den Gefühlen ihres Herrn in steter Kongruenz befand, hing trauernd ihre aus Abscheu vor der Bazzaka ganz weiß gewordene Spitze nieder.“

„Das war das Zeichen für die Nase, sich auch wieder aufzurichten und ihre Spitze in holder Farbe frisch erröten zu lassen“, was guter Araki so bewirken kann …

Das Zusammentreffen wird sehr anrührend geschildert, und die entsprechend positive Stimmung fährt unserem Autor gleich, als draußen die Betrunkenen singen, beflügelnd in die Feder: „Es war ohrenzerreißend und nervenzersägend, aber hier an den vereinigten Wassern des Euphrat und Tigris schatt-el-arabisch schön!“

Sehr interessant ist das klärende Gespräch zwischen Lindsay und dem Erzähler in Sachen Schiffsfahrkarten, persönliche Unabhängigkeit usw.: so muß es sein, sich gegenseitig in aller Offenheit auch schonungslos unbequeme Dinge sagen können, ohne dass die Freundschaft darunter leidet, im Gegenteil, anschließend kann es umso besser sein. May sei zu so etwas nicht in der Lage gewesen, las man schon, Nein, so wird kein Schuh daraus, es wird ihm an Kommunikationspartnern á la Lindsay, die kühlen Kopf und Objektivität auch im ernsten Konfliktfall zu bewahren wissen, gemangelt haben. Darüberhinaus an solchen, von denen er wirklich hätte belehrt werden oder geistig profitieren können. Wenn das im Einzelfall mal geschah, konnte er sehr uneitel sein und allerhand locker wegstecken („Sie haben ein Herz, und Sie haben Gemüt“; Brief an Ostini, nachzulesden in der "Blauen Schlange").

Und dann der Abschied auf immer; ein Schiff fährt davon, ein schönes Bild.

 

Zweites Kapitel – Über die Grenze

Wenn man so will, hat die Überschrift gar keinen richtigen Bezug zum Kapitel, geschieht doch der 'Sprung über die Vergangenheit' erst im nächsten. Hier aber wird die Grenze zum 'Spätwerk' 'angegangen', wobei sie natürlich fließt, eigentlich ist die Unterscheidung zwischen Spät- und übrigem Werk ja auch nur ein grobes Hilfsmittel, hat Karl May doch auch vorher schon jede Menge 'symbolisch' geschrieben.

Tod und Sterben sind verschiedene Dinge, das wird hübsch erklärt. Auch das Bild von Schäfer und Rosenzüchter ist lesenswert.

Unsere 'Helden' kommen zunächst um Kopfbedeckung, Waffen und Pferde, ein Vorgeschmack auf die Erfahrung 'Auferstanden aus Ruinen', 'Was einen nicht umbringt, macht einen nur stärker' oder auch Hemingways „Die Welt zerbricht jeden; und nachher sind manche an den zerbrochenen Stellen stark“. Es soll in den nächsten Kapiteln noch schlimmer kommen …

„Ja, aber nicht so, wie du es meinst, sondern umgekehrt: schwach im Grimme und stark in deiner Güte“ sei Hadschi Halef Omar, konstatiert Kara Ben Nemsi, endlich mal einer, der etwas genauer hinguckt ...

Das Verhältnis der beiden ist wirklich sehr innig, „O, Sihdi, wenn du in dieser Weise zu mir sprichst, so könnte ich nicht nur vom Sterben sprechen, sondern selbst und wirklich sterben -- für dich, aus Liebe, ja, aus Liebe!“

„Hältst du es für möglich, daß ein Mensch aus zwei Personen bestehe?“

„Welch eine Frage!“ Es wird dann anschaulich anhand des „Halef“ und des „Hadschi“ erklärt; dass aber auch Kara Ben Nemsi und Halef sowie Old Shatterhand und Winnetou als jeweils einer betrachtet werden können, dafür ist es an dieser Stelle (im Buch …) vielleicht denn doch noch ein wenig zu früh …

„Aber Millionen schenken diesem inneren Kampfe keine Aufmerksamkeit, und darum sterben sie, ohne es zum Sieg zu bringen“. Wie sollen sie siegen, wenn sie innere Auseinandersetzungen irgendwelcher Art nicht einmal bemerken …

„Es schien, als ob eine bisher unberührte Gazellenunschuld in ihren dunklen Tiefen wohne“ (über die Augen des Pedehr), auch nicht übel. „Es giebt Menschen, zu denen man innerlich hingezogen wird, obgleich die äußeren Verhältnisse dies gar nicht zu gestatten scheinen“.

Das ist ja eine ganz und gar geheimnisvolle Szene, die wir da erleben, wenn wir bedenken, dass der Pedehr für Fehsenfeld stehen soll; man muß das halt nicht so eindeutig eins zu eins sehen, damit würde man es sich ohnehin zu einfach machen.

 

Drittes Kapitel – Am Tode

Eine Erzählung „Am Tode“ erschien seinerzeit vorab in einer Zeitschrift ("Rhein- und Moselbote"), begann mit dem zweiten Kapitel dieses Bandes und endete innerhalb dieses dritten Kapitels.

Nun sind sie beide krank, wie einst zwischen Bagdad und Stambul.

Aber dennoch geht es noch einmal so recht in die Vollen; „Bei so einem echten Beduinenritt haben beide, der Reiter und das Pferd, nur einen einzigen Willen und eine einzige Ehre!“.

Aber „Die An- oder Aufregung war mit dem Ritte vorüber“, und dann liegen sie da am Bach, und dem Erzähler geht es wirklich nicht gut, „Ein Luftzug kräuselte die Oberfläche des Wassers, und dieses Kribbeln und Krabbeln und Flimmern und Funkeln ging mir durch das Auge ins Gehirn.“

„Mein guter, mein lieber Sihdi, denke doch daran, daß wir auch damals keinen Menschen hatten, der sich unser annehmen konnte. Wir lagen in der größten Einsamkeit, unter uns die pesthauchende Erde, doch über uns das große, lichte Zelt, von welchem alle Engel auf uns niederschauten“.

Der Pedehr wie der Erzähler wenden die 'Geheimnisse' ihrer unvergleichlichen Pferde an, worauf die Erfahrungen ungewöhnlich sind, „Meine Bewegung glich nicht mehr einem Ritte, sondern einem horizontalen Fallen“, „Die Schnelligkeit, von der ich vorhin sprach, war nicht mehr da; an ihre Stelle war die Unbegreiflichkeit getreten..“

„die Freundschaft solcher Leute macht den besten Ruhm zunichte“, des Erzählers Erfahrungen mit Verlegern und Umfeld führen zu bitteren Bemerkungen.

„Du bist Kara Ben Nemsi, der Mann aus Dschermanistan, und wir wissen, daß aus Dschermanistan nie ein böser Mensch zu uns gekommen ist“; „Kein Mann aus Dschermanistan wird jemals in euer Land kommen, um Beute zu machen!“ Je nun …

 Sehr schön: „So seid ihr also Christen?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht! Erst dann, wenn ich Christen kennen gelernt habe, kann ich dir sagen, ob wir welche sind“.

„Er ist für uns ein Bote des Himmels“, heißt es über den Ustad. Nun, das klingt schon 'heftig', andererseits: so wie seinerzeit ein Berliner Richter sagte „Und ich halte Herrn May für einen Dichter“ könnte man auch, leicht abgewandelt und in aller Nüchternheit, formulieren „Und ich halte Herrn May für eine Art Boten“ … (sind wir das nicht letzten Endes alle in irgendeiner Form ? Manifestationen …)

Zu Augen hat Karl May eine Affinität, die sieht er gut … (unter anderem die „Dukatenaugen“ aus einer der Erzgebirgischen Dorfgeschichten können einem spontan einfallen); „Im Herzen des Menschen wohnt entweder der Himmel oder die Hölle, und das Auge ist das Fenster, durch welches entweder Allah oder der Scheitan seinen Blick nach außen richtet. Dieser Peder trägt den Himmel in sich. So oft er seinen Blick auf mich lenkte, war es mir, als ob Allah mich anschaue. Ich könnte diesem Manne niemals etwas thun, was ihn betrüben müßte.“ Die Aussage des letzten Satzes ließ sich indes später in des Autors Leben nicht wirklich aufrechterhalten ...

„Unsere bisherige gute Stimmung war plötzlich eine ganz andere geworden. Die Sonne schien nicht mehr, und nun sie hinter den Bergen verschwunden war, breitete sich die Dämmerung mit der jenen Gegenden eigenen Schnelligkeit über das Land. Dieser äußere Vorgang wollte sich auch in unserm Innern fortsetzen. Kein Mensch, und sei er ein noch so ausgeprägter, kräftiger Charakter, bringt es fertig, sich den Einflüssen der Natur ganz zu entziehen. Er hat an den Leiden und Freuden der Schöpfung teilzunehmen, welche auf ihn, so lange er lebt, niemals verzichten wird.“ Wir sind doch alle wandelnde Barometer, der eine mehr, der andere weniger.

Kurz darauf ist von einem Warr die Rede, „welches mich an gewisse Gegenden der inneren Sahara erinnerte“. Auch Trümmerfelder können innerlich sein.

„Es war ein Spektakel schattenhafter Geräusche, denen mit dem Inhalte auch das Leben fehlte“, wie im Alltagsleben unter gschaftlhuberischen Mitmenschen, Tag für Tag ….

Aber dann geht es um Halefs Leben, und hier halten Erzähler wie Leser gleichsam den Atem an; auch wenn man weiß wie es ausgeht, das kann einen packen … Es muß gesprungen werden, sonst ist es aus, das vermittelt sich in großer Eindringlichkeit. „Sollte uns da unten in der schauerlichen Spalte vielleicht Halefs Frage: ‚Sihdi, wie denkst du über das Sterben?’ beantwortet werden?“

Der Pedehr spricht zur Begrüßung (wir sind mittlerweile 'drüben') in Versen, nicht gleich, aber innerhalb seiner Rede nahezu unmerklich dazu überwechselnd. An dieser Stelle kann man [ggf.] Ernst Blochs, sagen wir, Skepsis gegenüber dem Alterswerk ansatzweise nachvollziehen …

Aber diese Schilderung der Erfahrung des Beinahe Sterbens und Gerettetwerdens ist insgesamt schon sehr eindrucksvoll. (Auch wenn die Ansichten da sicher auseinandergehen werden.)

„Ich bin Schakara, welche du vom Tode errettet hast“. Und umgekehrt.

„ich hatte die Empfindung, als ob ich jetzt emporgehoben und weit, weit fortgetragen werde, und wie in unendlicher Ferne hörte ich die Worte verklingen: ‚Am Tode --- am Tode ---!’“ Bis zu dieser Stelle ging der Vorabdruck im „Rhein- und Moselboten“, das Weitere las man erst später, in der Buchausgabe.

Der Ustad sei „alt und jung zugleich“, wohl wahr …

„Es ging ein geheimnisvolles, köstliches Imponderabil von diesem Manne aus“.

Sehr lesenswert sind Halefs Äußerungen zu seinem Kampf um Leben und Tod. Überhaupt gibt es zu dieser Passage (zweiter Teil des dritten Kapitels) so viel zu sagen resp. zu schreiben, dass es hier den Rahmen vielleicht sprengen würde. Lesen muß sowieso jeder selbst …

„Du warst wiederholt ein Gast der Haddedihn, und von ihnen bis herauf zu uns ist gar nicht weit“. An der Stelle kann man an den einen oder anderen May-Freund denken … Nein, es ist wirklich gar nicht weit.

Von Marah Durimeh wird gesprochen, und von Dschafar. Die offenbar angedachte Zusammenführung von gewissen Gegensätzlichkeiten („Die Auflösung der Dissonanzen in einem gewissen Charakter“; Hölderlin) bleibt aber bis zum Ende des vierten Bandes im Stadium der Andeutung.

„Chodeh und Allah ist ja gleich. Ihr nennt ihn Gott!“ Wohltuend, nach all dem kleinlichen Marienkalenderunsinn.

„Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, noch ehe ihr darum bittet.“ Eben. Und darum bedarf es ja keines Gebetes; als eine Art Meditation oder auch Kommunion in des Wortes ursprünglicher Bedeutung mag man es betreiben.

„Dieser von jeder Aeußerlichkeit erlöste Gottesdienst wirkte so unmittelbar und siegreich auf das Gemüt, daß eine Frage nach Knigges ‚Umgang mit Andersgläubigen’ gar nicht aufkommen konnte“.

„Selbst wenn Hadschi Halef stürbe, würde er mir unverloren bleiben“ („Nur wenige Menschen sind wirklich lebendig und die, die es sind, sterben nie. Es zählt nicht, daß sie nicht mehr da sind. Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot“; Hemingway).

„Bei dieser Berührung meines Hauptes hatte ich wieder das Gefühl, als ob dabei eine gütig reine, nicht materielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe. Kann man den von einem wohlwollenden Menschen ausgehenden Segen in dieser Weise fühlen? Oder giebt es ein uns noch unbekanntes Fluidum, welches in dieser Weise von dem einen auf den andern übertragen werden kann?“ Aber ja.

Hanneh erscheint, zunächst als 'Er' verkleidet,

„Da that er die drei Schritte zu mir her, warf sich vor mir nieder, zog meine beiden Hände unter seinen Schleier und drückte sein Gesicht hinein. Es waren glatte, bartlose Wangen, die ich fühlte. Sein Körper bewegte sich konvulsivisch. Er wollte den Ausbruch des Schmerzes, das Schluchzen unterdrücken und konnte es doch nicht. Aus seinen Augen floß eine Flut von Thränen über meine Hände“. Da fällt uns doch die Angelegenheit nachts unter vier Augen wieder ein … auffallend heftige Emotion hier. „Das, das ist mein Sihdi! Der einzige Freund meines irdischen Lebens!“

Für den Ustad ist Hanneh weit mehr als nur Halefs Frau, „Du bist die Seele des weiblichen Geschlechtes, die aus der Höhe niederstieg, um Geist in Seele zu verwandeln“.

„Du, eines Moslem Weib, verurteilt zu des Harems Einsamkeit, hast einem Nasarah (Christen) gegenüber dies Gesetz gebrochen, um dem höheren des Herzens zu gehorchen“.

„Doch, meine Tochter, bist du stark genug, den Hadschi so zu sehen, wie man nur Leichen sieht?“

Da richtete sie sich auf. Ihre Augen blitzten. Sie war ganz Entschlossenheit.

„Kennst du das Weib, Ustad?“ fragte sie.

„Ich kenne es,“ lächelte er, „und ich sehe, daß du es bist!“

Der Ustad holt Hadschi Halef zurück ins Leben, indem er ihm sozusagen seine Individuation in Erinnerung ruft, „Da stand der Ustad mit einer unerwartet schnellen Bewegung auf und rief ganz auffallend laut und deutlich: ‚Du bist Hadschi Halef Omar’ …“; „Ich habe ihn zu sich zurückgeführt“.

„Das klang so alt und doch so neu“, fast ein wörtliches Zitat aus Wagners ‚Meistersingern’.

„Mit diesen Augen --- sah ich meine - --- meine eigene Leiche. ---“, Halefs Nahtoderfahrung entspricht zahlreichen Erfahrungsberichten.

Die Lebenskraft kehrt zurück.

„Auch ich stand im Genesen und fühlte jenen weichen, tief empfänglichen Ernst in mir, dem es ein Bedürfnis ist, über den Horizont der Endlichkeit hinauszuschreiten. Dort, jenseits dieser Grenze, giebt es dann ebenen Weg; die Zeit der Schlagbäume ist überstanden, und kein niederes Interesse kann den Blick von jenen Höhen lenken, in denen nicht einmal die Sterne mehr die Namen tragen, die ihnen von den Menschen gegeben worden sind. Sie wandeln groß und erhaben über uns, und wer ihnen mit dem Herzen, nicht mit dem Rohre folgt, dem offenbaren sie viel mehr, viel mehr, als man durch dieses Rohr über sie erfahren kann. Keine noch so kunstvoll gearbeitete teleskopische Linse wird jemals an Schärfe das Auge der Seele erreichen!“

Über die Bücher des Ustad heißt es „Wenn ich ihn nach dem Inhalte frage, so antwortet er, daß die ganze Summe alles dessen, was geschrieben ist, nichts anderes als der Ausruf sei, den die Pilger ausstoßen, wenn sie nach langer, mühsamer Wanderung endlich Mekka liegen sehen: ‚Hier bin ich, o mein Gott!’“

Ein Wettrennen, Pferde, Spiel, Anerkennung, das ist es, was Hadschi Halef endgültig ins Leben zurückholt, Lebenskraft gibt,

„Mit dem reinen --- echten Blut der Haddedihn --- ist kein anderes --- kein anderes zu vergleichen ---!“

Mit bemerkenswerten Äußerungen des ins Leben zurückkehrenden Halef über Sterben, Sarg und Auferstehung hüben wie drüben endet das Kapitel.

 

Viertes Kapitel – Ein Bluträcher

Das ist echt Karl May, dass er inmitten sozusagen metaphysischer Betrachtungen auch immer ganz irdisch bleibt, „Dort habe ich für eine Flasche allerschlechtesten Bieres drei Mark bezahlt“, und das ist auch gut so (nicht dass er drei Mark bezahlt hat sondern dass er vor lauter Flügeln die Wurzeln nicht vergisst).

„Die Verhältnisse sind nach zweitausend Jahren noch ganz dieselben“, aber klar doch, das ist überall so, wenn man nur richtig hinguckt. Äußere Gegebenheiten haben sich geändert, sonst nichts. Es gibt nichts Neues.

Nach Betrachtungen über Glocken, Pflaumen und Ausrufezeichen tritt – Emma Pollmer in Erscheinung, in Gestalt der Pekala, mit einem Gesicht „nicht schön, nicht hübsch, nicht lieblich, nicht -- ja, was noch nicht? Es war überhaupt alles nicht, aber es war gut, ja wirklich gut!“ Überzeugend vorgetragen. Ihre „fette Stimme“ wird so wörtlich gleich zweimal erwähnt.

Und Tifl tritt auf, ein weiteres alter ego Karl Mays. „War er etwa, wie so mancher Mensch von sich behauptet, aus zwei verschiedenen Naturen zusammengesetzt?“ Ja, das war er. „Er hat gar manches Geheimnis unter seiner alten Mütze stecken.“ „Es steckt ein ganzer, seltener Mann in ihm.“

Martin Lowsky zur Szene mit den geraubten Früchten („Angst vor der ‚scharfen Nachtluft’ ? Modernes Erzählen in Karl Mays Roman 'Im Reiche des silbernen Löwen'“, JKMG 2000):

 „Der Garten ist ein Abbild des Paradieses, worauf der Erzähler ausdrücklich hinweist. Er hat auch zuerst Scheu, hier zu essen - so wie Adam und Eva -, ist sich aber nach kurzem Nachdenken sicher, daß er als der willkommene Gast (III, 346) des Ustad zugreifen und seiner elementaren Lust folgen darf. Hier, in Mays orientalischem Garten, erlaubt der Herr alles, das Glück ist nicht versperrt, und so ist diese Gartenszene eine Vorausdeutung auf den Schluß des Werkes, wo hell und klar das Glück erscheinen wird. Berücksichtigen wir noch den erzählten Zwischenfall, nämlich das Auftauchen Tifls, der hinkt und die Gestalt eines Spinnentieres hat (III, 348) und der den Genuß im Garten verhindern will und doch nicht verhindern darf und dann sich vor Verlegenheit (III, 355) windet, so erkennen wir sogar: Die Gartenszene mit ihrer Gefahr, ihrem vorübergehenden Unheil und ihrem schließlich gebotenen Segen enthält im Kleinen den ganzen Roman.

Dies gilt sogar in einem speziellen Sinne. Der Erzähler führt durch das unkonventionelle Abenteuer des essenden Helden den Sündenfall-Mythos ad absurdum. Dem Glück des suchenden Menschen steht letztlich kein Hindernis im Weg.“

„Mein Tifl war eigentlich nur für die Pferde geboren“, hier könnten nun Bücher gemeint sein.

Interessante Betrachtungen Pekalas / Emmas über Männer.

„Sein Magen blieb mir treu, aber sein Herz entfernte sich immer mehr von mir.“

Dann sprechen sie über den Tod, und es zeigt sich, dass Pekala auch andere Seiten hat, „Welch einen Ausdruck hatte jetzt ihr Gesicht! Als ob die Fee jetzt wieder bei ihr sei und ihr mit lieber Hand verschönernd und durchgeistigend über die Wangen gestrichen habe!“

Und dann erleben wir anhand einer Szene mit Hanneh eine schöne, eingängige Erklärung für den „Erfolg“, für das Einzigartige und Unverwechselbare von Karl Mays Erzählungen:

“Kann man nur dann sehen, wenn man die Lider öffnet? Schließ deine Augen, Hanneh, und versetze dich in das Lager des Haddedihn?“
“Ich thue es,“ nickte sie, indem sie die Augen zumachte.
“Geh jetzt zu deinem Zelte!“
“Ich sehe es.“
“Deutlich?“
“Ja, ganz genau so, wie es ist. Der Vorhang ist zurückgeschlagen; der helle Teppich glänzt heraus; mein Hündchen sitzt darauf. Im Nebenzelte bäckt man Brot. Ich sehe den dünnen Rauch, und ich rieche --- ja, Sihdi, ich rieche, daß der Teig sich schon zu bräunen beginnt. Ich rieche es wirklich, gewiß, wahrhaftig! Ist das nicht sonderbar?“
“Nein, gar nicht sonderbar! Deine Seele war jetzt dort! Wer das nicht begreift, der nennt es Phantasie.“

„Deine Seele war jetzt dort“. Das ist es. Und das bekommt der kleine Mann aus Sachsen durchaus überzeugender hin als andere, die, vielleicht in geschliffeneren Worten, nur davon reden. (Interessanterweise handelt es sich hier um das zweite Gespräch mit Hanneh über das Thema Seele, das erste fand in jener denkwürdigen Nacht statt.)

„Wohl dem, der vorwärts kommt! Wer aber, weil er den Wald wegen der vielen Bäume nicht sieht, vor lauter topographischer Gelehrsamkeit im Dickicht stecken bleibt, dem ist allerdings ein nüchternes Ueberlegen anzuraten, falls er wirklich wünscht, endlich einmal in das Freie zu gelangen.“

„Wer nicht gelernt hat, die Vorgänge seines innern Lebens ebenso unausgesetzt wie scharf und unbefangen zu beobachten und zu vergleichen, dem wird es allerdings bequemlich sein, sehr vieles, was er nicht zu begreifen versteht, ganz einfach postlagernd nach dem Reiche des Uebersinnlichen zu adressieren, damit er, der physisch gern Bequeme, hinter seinem eigenen Schalter ruhig schlafen könne.“

Über den Ustad: „Sein Geist verschmäht schon längst die Oberfläche des Lebens; er schöpft nur aus der Tiefe.“

In Gestalt des Rittmeisters, der sich als Sill erweist, wird erstmals wieder direkt an die ersten Bände des vierteiligen Romans angeknüpft. Karl May hat diese Fäden keineswegs aus den Augen verloren, nur gestaltet sich der Roman in den Bänden III und IV halt in ganz anderer Form als in I und II.

„Die Oeffentlichkeit ist die Feindin jedes wahren Glückes“. Das schreibt einer, der den Versuchungen des Ruhms, mit allerhand peinlichen Begleiterscheinungen, bereits in äußerstem Maße erlegen war. Das hatte er hinter sich, und wusste, was das bringt und was davon zu halten ist: nichts.

Der Chodj-y-Dschuna tritt auf, man spricht über Musik und "tönende Weltidee". Halef erzählt von einer Maden-Vision. „Das alte Fleisch muß herunter! Das laß ich von den Maden mir besorgen!“

„Schlossberg, hätte ich beinahe gesagt“, vom „allmählichen Verfertigen der Gedanken“ beim Schreiben lässt Karl May auch nicht im sogenannten Spätwerk.

„Du sollst diese vielen tausend Jahre nicht nach und nach mit deinen Augen durchleben, indem du unterwegs unausgesetzt hinüberschaust. Sondern du sollst warten, bis du oben angekommen bist und unter unsern Säulen sitzest. Dann wirst du staunend diese ganze, lange Zeit mit einem Male vor dir liegen sehen und sie vielleicht vom ersten bis zum letzten Augenblick begreifen“, kein schlechter Anspruch.

Diese Phantasiereise zu Tal der Dschamikun und Alabasterzelt ist schon beeindruckend, da mischen sich Eindrücke von der Mendel mit solchen aus der Umgebung Deidesheims sowie inneren Visionen.

„Nur der Mensch allein ist es, der da ewig deutelt!“ Nicht nur in Sachen Engel (um die es an dieser Stelle geht); die Abstrahierer und Zerpflücker werden nie einsehen, dass sie es nicht schaffen, die Welt letzten Endes wirklich in den Griff zu kriegen. Es geht nicht.

Der Ustad, „War denn er so unendlich glücklich, in der Selbstüberwindung so weit gekommen zu sein, daß er kein eigenes Ich mehr kannte?“

„Ich aber möchte dann die Selbstlosigkeit und das unerschütterliche, beglückende Gottvertrauen besitzen, alles still und heiter über mich ergehen zu lassen, als ob der Menschenhaß nur der naturnotwendige Schatten der Liebe Gottes sei. Die Sillan, diese Schatten, ruhig in den Ruinen Babels nach alten Ziegeln und Schriften, nach modernden Beweisen menschlicher Schwächen wühlen lassen, indem ich hier vom lieben, rosenduftumwobenen Beit-y-Chodeh hinauf zum herrlichen Alabasterzelte schaue und von unten herauf die Felsenstimme ertönt: ‚Steig auf zur Sonne. Amen!’“

Gelegentlich ist wirklich nichts hinzuzufügen.

(Am Rande: Hermann Cardauns tritt auf, als Bluträcher. Gelegentlich rückt die Handlung wirklich ein wenig in den Hintergrund …)

 

Fünftes Kapitel – Ahriman Mirza

Zunächst gibt es ein stellenweise etwas bieder anmutendes Gleichnis in Sachen Musik, Kunst und Form. (Was Karl May als Vertreter dieser von ihm vorgetragenen Kunstauffassung wohl zu einigen zeitgenössischen Operninszenierungen sagen würde …)

Es läge am (mangelnden) Essen, wenn es Charaktere gebe, die „über das Erdenleben stets nur zu schimpfen und zu räsonnieren haben“, meint Pekala. Je nun …

Interessante Betrachtungen zum Thema „Stirb und werde“; „Du bist derselbe, der ich einstens war, in jener Zeit, da ich noch suchen ging. Es lebt der Geist in dir, der damals mich verführte, ihn für den Geist des Weltenalls zu halten. Und doch ist's nur der Geist der armen, kleinen Erde, der seinen Menschen vorgelogen hat, er sei der Allmächtige, der den ganzen, unendlich weiten Himmel nur allein für sie geschaffen habe. Du wirst wie ich aus diesem Himmel herabgerissen werden, der weder ihm noch dir gehört, wenn du ihm weiterfolgst. Du wirst da unten liegen, so wie einst ich am Boden lag -- ein stillgewordener Acker Gottes, über den des Todes Pflugschar gehen muß, damit er zubereitet sei, wenn der Säemann kommt, den man das Leid der Erde nennt. Da wird der Pflug aus deinem Herzen reißen, was jener Erdengeist hineingepflanzt. Und wenn er seine letzte, tiefste Furche zieht und dir die stärkste Wurzel aus dem Herzen zerrt, dann mache dich bereit: Es naht dein --- Sterbetag!“ spricht der Ustad zum Erzähler. Später vertauschen sie auch gelegentlich die Rollen, mal kann der eine vom anderen lernen und umgekehrt; es mischt sich bekanntlich immer alles bei Karl May.

„Drum mache es so wie ich: Such auf den Bergen Schutz, und steige nie zur Fläche nieder, auf der die dunklen Zelte deiner Feinde stehen. Geh in die hehre Einsamkeit, wie ich, und sei, wenn dir ein Gegner naht, so stumm, wie ich es heut zu meinen Feinden war.“

„Denn merke wohl: Dein größter Feind bist du.“

„Laß dein Herz so ruhig schlagen, wie das meine schlägt! Wenn es aufbegehren will, so gebiete ihm Schweigen! Betrachte die Menschen so, als ob du bereits gestorben seist und von ihnen nicht mehr erreicht werden könntest!“

Liebe, Meere, Seen, Kind bleiben; schöne Betrachtungen. Tifls Gesang; Karl May liebt offenbar beeindruckende Gesänge, wir denken an Krikelanton, van Aardappelenbosch u.a.

Und dann erscheint Fedor Mamroth auf der Bildfläche, und von Beginn an spüren wir die Ambivalenz im Verhältnis der Erzählers zu ihm, "Habe ich jemals einen schönen Mann gesehen, so war es dieser hier!"; „Und seine Stimme! Kraftvoll und wohllautend, der feinsten Schattierung, der unwiderstehlichsten Ueberredung fähig.“ Aber auch jene Judith Silbersteinsche „dämonisch verführende Schönheit […], welche Seligkeit verspricht und doch aber nur Verderben giebt“ wird wahrgenommen.

Ahriman trägt den gleichen Chandzar (bzw. einen diesem aufs Haar gleichenden) den der Erzähler seinerzeit bei dem geheimnisvollen Mirza Dschafar gesehen hat, „Zwischen beiden mußte es irgend eine innige Beziehung geben, die ich aber nicht kannte“.

Ahrimans Rede erinnert zunächst beträchtlich an Dostojewskis 'Großinquisitor' und im weiteren Verlauf an 'Ange et diable'; es ist offensichtlich keineswegs so, dass Karl May zu späteren Zeiten (also zur Entstehungszeit der hier zu besprechenden Bände) mit dieser Thematik nichts mehr im Sinn hatte, wie auch schon zu lesen war. Er war schon eine schillerndere Figur, als „Hausschatz“ und auch einige heutige Verehrer „erlaubt“ hätten … Jedenfalls ist es reizvoll, allen Beteiligten, Ustad, Erzähler und eben auch Ahriman gut zuzuhören.

Sehr schön: „War ihm dort die Erkenntnis aufgegangen, daß in den beiden schnell verflogenen Erdenstunden, welche seit Christi Kreuzestod verflossen sind, doch auch noch Anderes geschehen ist, als Ahriman Mirza zu erwähnen für gut befand?“

„Ich habe viele, viele Menschen kennen gelernt, so einen aber noch nicht! Es gab, während er sprach, gewisse Stellen, an denen ich mir sagte, daß ich mich hüten müsse, an mir selbst irre zu werden. Er riß mir Gedanken aus der Tiefe, von denen ich niemals eine Ahnung gehabt habe. Und er wußte sie so zu leiten und zu gestalten, daß es mir schwer wurde, sie als irrig zu erkennen. Wehe dem denkschwachen, vertrauensvollen Opfer, welches er sich erwählt! Es muß ihm unbedingt verfallen sein!“

Es folgen noch eingeflochtene beschönigende Erinnerungen an Mays Vater, und dann geht es zum „Hohen Haus“ hinauf, in dem Autor May von nun an schreiben will.

 

IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN IV

Daß die beiden ersten Silberlöwen-Bände von den letzten beiden strikt zu trennen seien, wird zwar immer wieder behauptet, aber bei wiederholtem Lesen der vier Bände nacheinander kann man einen anderen Eindruck bekommen. Der Stil ändert sich, und der Charakter der Reiseerzählung, aber die Anknüpfungspunkte sind zahlreich (warum würde z.B. in Band IV noch einmal ausdrücklich – und in ganz anderer Lesart - auf die scheinbar längst abgeschlossene Episode mit der „Karawane des Kammerherrn“ aus Band II eingegangen, wenn die vier Bände nicht eine Einheit wären ?), und man erkennt, je besser man das Werk kennenlernt, den großen Atem, den großen Bogen. Warum soll sich die 'Musik' innerhalb mehrbändiger Romane nicht völlig verändern, das ist, z.B., bei Symphonien Mahlers manchmal nicht anders.

Der vierte Band beginnt mit einer langen, langen Geduldsprobe für den Leser: Kara Ben Nemsi im Gespräch mit dem Ustad, oder Karl May im Gespräch mit sich selbst, über mehr als ein Viertel des Buches. Es würde wirklich einmal interessieren, wie viele Otto Normalleser das durchgestanden haben, denn es ist wirklich, auch für geneigte Gemüter, recht mühsam zu lesen. Dabei sind die Gedanken manchmal durchaus von beträchtlicher Tiefe, und es wird deutlich, dass man die gleichen Dinge so oder so herum (Ustad – Ich-Erzähler) sehen kann, Kafka z.B. ist an seinen Erkenntnissen eher verzweifelt, andere haben auf den von Erkenntnis zurückgelassenen Trümmern aufgebaut. „Mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus: der Optimismus dessen, der nichts erwartet“ (Sartre).

Der Gesamteindruck, den dieses Nachtgespräch macht, ist, wie der des ganzen Bandes, sehr gemischt: großartige Gleichnisse wechseln sich ab mit peinlichem Rechtfertigungs-Gerede, viel Spreu, viel Weizen.

Pekala fällt in Ungnade, und es wird wieder 'spannend'. Dabei ist das Ganze natürlich für heutige informierte Leser wesentlich interessanter als für damalige, die gar nicht wissen konnten, wer sich jeweils hinter den handelnden Figuren verbirgt. Auch wenn es an einzelnen Stellen nahezu plump unverhohlen deutlich gemacht wird, etwa wenn Kara Ben Nemsi erwähnt, dass der Pedehr alias Fehsenfeld ihm eine Jagdhütte schenken will.

Herrlich der Besuch der versammelten Vollakademiker vom Stamme der Taki-Kurden, denen es so gar nicht gelingen will, den vermeintlich Unbedarften zu beeindrucken, dann die Fahrt durch die Wasser-Unterwelt, gleichsam Gebäude des Nihilismus, bzw., von diesem angefressen, wenn man so will, unterhöhlt und einsturzgefährdet, die Fundamente von Kunst und Kultur des Abendlandes, wie sie heute, und vor 100 und 150 Jahren eben auch schon, aussehen und aussahen.

Und interessant, wie er unterscheidet zwischen Gegnern erbärmlicherer Art und dem Ahriman, dem er Respekt entgegenzubringen nicht lassen mag. Auf dessen geistiger Ebene sich zu tummeln wäre er wohl durchaus in der Lage gewesen, wenn er eben nicht der vielzitierte arme, verwirrte Proletarier mit von Hause aus zwangsläufig unausgewogenerem Bildungs-Hintergrund gewesen wäre.

Ein Ritt auf Syrr gerät nahezu zum Erleuchtungs-Erlebnis, („War Syrr jetzt Geist geworden, nur Geist, vollständig ohne Fleisch und Bein? Er lief nicht mehr; er galoppierte und rannte nicht mehr, und -- er flog nicht mehr! Nein! Sondern wir standen still. Aber die Ebene, die ganze Erde um uns war in rasender Bewegung. Sie schoß auf uns zu und rechts und links und unter Syrrs lang ausgestrecktem Leib hinweg nach hinten. Es war, um schwindelig zu werden!
[…] weder der berühmte Rih noch sein gleichwertiger Sohn Ben Rih hatten trotz ihrer bewundernswerten Leistungen diesen köstlichen Syrr erreicht, der den Raum, die Zeit und die Materie bloß nur in Gedanken verwandelte,…"), stellenweise ist das Buch wirklich beeindruckend.

Die Freunde aus Bagdad sehen wir noch einmal wieder, und halbwegs versöhnlich zieht Pekala mit dem dicken Kepek von dannen. Am Ende gibt es ein symbolisches Pferderennen, auch der Schund-Roman gelangt zu Ruhm und Ehre, die Gebäude der Pseudo-Wahrheit und Pseudo-Werte brechen zusammen, und die Feinde gehen unter. Das sah und sieht in der Realität freilich doch anders aus. [In der Welt ...]

„Verlegen Sie das Alles einmal nach Deutschland her, in unsere geistige Welt! Mehr will ich Ihnen heut nicht sagen“ schreibt Karl May in einem Brief an Willy Einsle. Nachzulesen in „Karl und Klara May: Briefwechsel mit Adele und Willy Einsle“ im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft von 1991, zum besseren Verständnis der letzten beiden „Silberlöwen“-Bücher ebenso zu empfehlen wie „Das ist der Baum El Dscharanil“ von Christoph F. Lorenz, KMG-Jahrbuch von 1984.

 

Erstes Kapitel – Im Grabe

Die 'netten Plaudereien' über hundertfünfzig oder noch mehr Seiten zwischen Ustad und Kara Ben Nemsi sind nicht jedermanns Sache, des hier Vortragenden auch nicht immer. So schön es oft ist und noch im dritten Band meistens war, dem Erzähler auf dessen gedankliche Höhen zu folgen, hier ist es nicht mehr durchgängig so. Zuviel Aufarbeitung auch unerfreulicherer, unwesentlicherer Themenbereiche …(u.a. erleben wir eine „Presseschau“ der besonderen Art).

Und dann die berühmte Szene: „Du bist Old Shatterhand ?“ …

„Du stirbst! Du mußt ein völlig andrer werden!“ Das kommt vor im Leben, da muß man durch …

„Von heute an werde ich im ‚hohen Hause’ schreiben --- ganz anders als bisher. Und hat man es erkannt, wie thöricht man einst war, so wird man dann zurück nach jenen Schalen greifen, die man zur Seite stellte. Dann leben meine alten Werke auf. Man wird sie mit ganz andern Augen lesen“,

der eine oder andere kann gar nicht mehr anders als „mit ganz andern Augen“ lesen, sei es Spätwerk, sei es Winnetou oder Durch die Wüste …

Schatten – ein großes Thema. Zum Thema Schatten im übertragenen Sinn als Bestandteil des Individums, des Lebens, als Anteil, Schattenarbeit, gibt es einiges an zeitgenössischer Literatur (z.B. Rüdiger Dahlke). May war insofern manchmal schon sehr 'modern'.

 „Du hast sie auch im wirklichen Leben gesehen. Sie laufen da allüberall herum!“ Ja, das tun sie. Erinnyen, Furien u.v.a.

„Licht ohne Schatten“ ? Aufhebung der Polarität ? Noch nicht …

„Liebesduselei“, „ Ich dusele noch, jetzt noch, heute noch!“ „Gefühlsduselei!“, „Duselei“, sehr schön ! In der Richtung kann man Karl May nämlich auch missverstehen, für die einen ist er der Abenteueronkel, für die anderen der Friedenshansel, und natürlich ist er das beides nicht, sondern über diese beiden Nebenaspekte hinaus einiges mehr …

Und dann taucht der verlorene Sohn Ikbal wieder auf, d.h., zunächst wird nur von ihm erzählt; nach und nach finden sich wieder verschiedene Anknüpfungspunkte zu den Bänden I + II des Romans, werden die Fäden wieder aufgenommen.

Ustad und Kara Ben Nemsi feiern gemeinsam eine eigenartige Auferstehung, eng umschlungen.

Der Ustad spricht vom „Geist der liebenden Unerbittlichkeit“, „der mir die Augen öffnete und uns in diesem "Schattenland" so nötig ist!“, sehr schön. Nur allein Friedfertigkeits-„Duselei“ wäre eben keine angemessene Verhaltensweise in dieser Welt …

Die Schatten sind unter uns … in einem Ausmaß, über das sich die erschreckten Dschamikun erst langsam und allmählich immer klarer werden … Es ist „sogar möglich, daß man Sill sein kann, ohne es bestimmt zu wissen. Ja, du darfst nicht einmal von dir selbst behaupten, daß du noch nie in irgend einer Weise in seinem Dienst gestanden habest!“ Im Innen wie im Außen ...

„Der Staub hat meterdick auf Stadt und Land zu liegen, und wo ein Wasser fließt, da muß es trüb und schleichend sein! Dann kommen jene nächtlichen Gespenster, die alles, doch nur keine Geister sind. Sie flattern überall, mit leisem Vampyrflügelschlage. Und wo sie sich aufs Volk herniederlassen, da saugen sie ihm bald die vollen Adern leer. Dann sieht man nicht mehr frohe Menschenkinder, die sich in Gottes reinem Lichte sonnen. Der Blick fällt nur auf geistge Mummelgreise, und alles ringsum wird zum --- Schattenland!“ Es hört sich an bzw. liest sich, als sei er gerade durch eine unserer zeitgenössischen Fußgängerzonen oder Shopping-Center gegangen …

„Ich hatte zwar schon oft von "Menschheitsjammer" sprechen gehört und manches "Erdenleid" an andern und auch an mir selbst erfahren, doch daß dies Elend nicht von dem Geschick bestimmt, sondern nur der Sauggier dieser Flügelhäuter zuzuschreiben sei, das war mir völlig unbekannt gewesen“, man lernt eben nie aus. „Ich fragte mich, ob wohl noch Hilfe möglich sei. Wenn ich die unzählbaren Scharen sah, die es von ihnen gab, da hörte ich zu meinen eigenen Füßen die Verzagtheit stöhnen. Ich schob sie fort von mir und dachte nach. Ein Mensch, ein einzelner, war nicht zu helfen fähig, auch viele Tausend nicht. Dies nächtliche Getier stand unter einem Schutze, der mächtiger als Menschenschwachheit ist, dem Schutz der Dunkelheit.“

„Der Ritt durch dein Gedankenparadies, wie war er doch so traurig! Nicht dieser Thoren wegen, die es verfallen ließen, nein, deiner heiligen Einfalt wegen, in welcher du aus der Erhabenheit der Berge niederstiegst, um dich in Wüsteneien durchzuhungern und dann sogar den "Baum des Schwatzes" zu beachten!“ Vgl. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Vom Vorübergehen.

Mays Bücher, Mays Briefe, und noch einmal die Presse; da wird’s dann zwischenzeitlich sehr persönlich und privat, und ein bisschen 'Überhöhung' hätte dieser Passage gut getan.

Über ein Gedicht heißt es „Ich meine nicht etwa den künstlerischen Wert desselben. Der ging und geht mich gar nichts an. Es war nicht die Form, sondern es war der Geist, der vor mir stand.“ Und darum geht es ja. Die verständnislosen Vollakademiker, die über die „Himmelsgedanken“ in bräsiger Selbstgefälligkeit die Nase rümpfen und sie undifferenziert über einen Kamm scherend in Bausch und Bogen belächeln, verstehen deren Sinn halt nicht. Und dann halten sie sich an den „künstlerischen Wert“, die Form usw., was sollen sie sonst auch machen.

„So geht überall, nicht bloß im heiligen Jerusalem, die Menschheitsseele betteln, wenn sie den Geist verlor, der hier ihr Führer ist, damit dann sie ihn fort, nach oben, leite! Er aber, dieser Geist, schleicht forschend durch den Sukh (Bazar) des niederen Lebens, an Kesselflickern, Krämern und Wechsel-Habichten vorbei, nach dieser Seele suchend, die er verlieren mußte, weil er sein Herz an eitle Dinge hing!“

Dann wird von „Dschanneh“, dem „Gottessonnenstrahl“ gesprochen. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass May im zweiten Band des Romans von „Dschanneh“ als seiner Ehefrau spricht, während Klara Plöhn dann im dritten Band in Gestalt von Schakara auf der Bildfläche erscheint. Auch hier eine Aufteilung von Anteilen auf verschiedene Personen und eben keine eindeutige Zuordbarkeit.

„Da kamst du! Besinnungslos - krank - schwach - genesend! Ich sah dich in allen diesen Stadien.“ So soll es ja auch sein, hingucken, nichts ausklammern, schonungslos, gerade bei sich selbst.

Interessant, etliche Jahre vor „Mein Leben und Streben“, die äußerst kritischen Anmerkungen zur Biographie, die der Ustad geschrieben hat ! „Ich schlug die vorletzte Seite auf und las. Freilich keinesweges in dem Tone, den er dabei jedenfalls angeschlagen hätte. Der meinige war ironisch frömmelnd, möglichst salbungsvoll, bei den letzten vier Zeilen sogar sarkastisch.“

Von seinen weiter oben schon zitierten diversen „Duseleien“ will der Ustad nun Abschied nehmen, „Das ist die wahre Feindesliebe und nicht mehr kranke Herzensduselei! Die offene Hand für jede offene Hand, doch auch die Faust gegen Jeden, der mir die seine ballt!“

„Und selbst wenn du nicht mit Menschen-, sondern mit Engelzungen sprächest, die Unvernunft würde dich nicht verstehen ‚können’ und die Feindschaft dich nicht begreifen ‚wollen’, sondern dir alle möglichen Eigenschaften und Absichten unterschieben, aber ja nur keine guten!“ So ist das wohl.

„Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen. Du hast alleinzustehen, ganz, ganz allein, in allertiefster Seeleneinsamkeit, fest, stark, unerschütterlich --- vollständig gleichgültig gegen jeden Schmutz, mit dem man nach dir wirft, gegen jede Niedertracht und Tücke, die aus vollen Nüstern dir entgegenschnaubt. Selbst die, welche an dir hangen, verstehen dich meist falsch, denn es erfordert Gedankenewigkeiten, bevor sie lernen, durch das Wort und die Gestalt hindurch den Sinn, den Geist, die Seele zu erfassen.“ Und auch so.

„Zeige ihnen einmal ein volles Menschen-Ich, von dessen Wesen sie trotz aller Psychologie noch keine Ahnung haben. Zerlege es vor ihren Augen in deutliche Gestalten, von denen du glaubst, daß sie sofort verstanden werden müssen - was wird die Folge sein? Man sieht das nicht, was du beschreibst, und denkt darum, du redest nur von körperlichen Dingen. Das preßt den Blinden jenes Lachen aus, worüber Sehende am liebsten weinen möchten.“

Dann bekommt noch Fehsenfeld in aller Deutlichkeit sein 'Fett weg', und mit einem Entschlummern in Helligkeit geht das lange Kapitel zu Ende. Es dürfte bei aller Schönheit und Tiefe für viele Leser die härteste Geduldsprobe in Mays Gesamtwerk sein.

 

Zweites Kapitel – Unter den Ruinen

„Morgengrauen im Menscheninnern“ könne man die Gespräche des vorangegangenen Kapitels auch nennen, schreibt May, und, der Ustad habe sich „in das stille, ruhige Land des Schweigens“ zurückgezogen.

Emma / Pekala wird nun recht abrupt sehr kritisch gesehen, „Diese Null war hohl“.

Der Teufel, seinerzeit, „beschloß, in seinem Meisterstück ein Werk zu schaffen, bei welchem alles Schein, nichts aber Wahrheit sei.“ Das ist ihm gelungen; das ist, um eine Formulierung Hanns Dieter Hüschs aufzugreifen, „das abendländische Endergebnis“.

Vom erfreulicheren „Land der Sternenblumen“ ist zweimal die Rede, der Ustad ist mittlerweile nicht mehr da, Kara regiert Tal und Hohes Haus allein.

Das Gespann Pekala / Tifl („der Schwätzer“) bekommt einiges 'um die Ohren'; „Beiden steht die Küche oder das Pferd des Ustad höher als er selbst.“ Das ist bitter.

„Er allein, der vollständig Arglose, der stets und ganz Vertrauende, hat keine Ahnung von der Menge dieser giftigen Gedankenschlangen, die sich unablässig zu seinen Füßen ringeln, ohne daß er es bemerkt, weil er nie auf das Niedrige, auf das Gemeine achtet!“ heißt es vom Ustad.

„Darüber, daß ich mich einmal in einem oder zwei Menschen geirrt hatte, kam ich sehr leicht hinweg; um so fürchterlicher aber waren mir die kindlich naiven, rührseligen Masken, von denen ich mich hatte täuschen lassen. Wer so aufrichtig blickt und spricht wie diese beiden Menschen und aber doch nicht wahr und ehrlich ist, als was kann man den noch betrachten und behandeln!“ Der Ehrliche und Gutgläubige ist – nicht an und für sich, aber in der Gesellschaft – der Dumme, und wer von Fairness usw. auch um sich herum ausgeht, hat sozusagen verloren.

Und dann dies: „Es gibt in Persien eine große Menge von Sekten. Eine derselben, die Schujuch, lehrt, der menschliche Körper sei nur dazu da, daß die Geister einander täuschen; das Erdenleben sei ein großer, ununterbrochener Maskenball, doch keinesweges zum Vergnügen, und je schöner, freundlicher und liebenswürdiger ein Maskenbild erscheine, desto mehr habe man sich vor ihm in acht zu nehmen. Die Kinderlarven aber seien am allerschlimmsten.“ Hat es doch mal jemand gemerkt ...

„Sage ihm, daß ich an Stelle seiner Frau gewiß auch Blut vergossen hätte“, diese Bemerkung des Erzählers kann man fast übersehen, was indes schade wäre. „Jedes an seinem Orte, die Strenge sowohl als auch die Freundlichkeit!“

Der Erzähler spricht mit Schakara, „als ob sich in mir alles Verschlossene öffne, um von ihr gesehen, geprüft und bestätigt oder verworfen zu werden“, ein recht privates Bekenntnis.

Dann verbrennt er die Biographie … (um ein paar Jahre später eine solche zu schreiben).

Bei der Begegnung des obersten Taki mit Pekala kommt diese wahrlich nicht recht gut weg; interessant ist aber auch, was sie so über den Erzähler sagt …

Die vereinigten Würdenträger und sonstigen Größen vom Stamme der Taki-Kurden vermögen unseren Erzähler so gar nicht zu beeindrucken, gleichsam achselzuckend antwortet er ihnen auf die Frage nach Stand und Qualifikation: „Ich bin nur ich und habe nur mich, sonst weiter nichts“, und das ist gut so.

Es folgt die beeindruckende Fahrt auf unterirdischen Gewässern, auf der erkennbar wird, das zum „gewaltigen Zusammenbruche“, „welcher längst schon vorbereitet war“ nicht viel fehlt. In der Tat, so ist es, bzw., diese Empfindung gab’s damals schon.

Wir begegnen dem „versteinerten Gebet“, und später im Traum Kara Ben Nemsis werden einige Bilder und Gedanken noch deutlicher, „Es wurde hier gefälscht, gefälscht und nur gefälscht! Das Echte hatte man der Außenwelt entzogen, das Wahre, Reine, Edle hier versteckt. Die Täuschung und den Schein, die Falschheit und Entstellung verfertigte man hier und trug sie dann hinaus als ehrliche, rechtschaffne, gute Ware! Und diese Arbeit ging sehr flott von statten. Ich sah, es war ein glänzendes Geschäft!“

In diesem Traum findet wieder eine Art von Todeserfahrung statt, und dann kommen die Toten selber geschwommen. Der Träumende bleibt von alledem einigermaßen unbeeindruckt und auch sozusagen neutral, „Er flucht dem Irrtum und der Täuschung nicht!“ Am Ende begegnet er sich selbst als Schlafendem und geht dabei sehr liebevoll mit sich um.

„Die Allmacht aber wird wohl noch ganz andre Gründe haben, warum sie Finsternis und Licht vermählte und beiden die Erlaubnis gab, im Zwielicht unfaßbare Schemen zu erzeugen und an der Sonne jene äffenden Gebilde, die uns als Schatten sagen, daß wir sind“ sagt Schakara. Ob ihr Vorbild Klara Plöhn tatsächlich zu Ähnlichem in der Lage gewesen wäre ?

Es gäbe aber zu allem Überfluß auch noch Schatten, die gar keine seien, konstatiert der Erzähler, „Die stets verführten - Verführer! Die in Demut zerfließenden - Tyrannen! Die tugendreinen - Sünder! Die opferbereiten - Feinde! Die aufrichtigen - Heuchler! Die arglos treuherzigen - Schlangen! Und noch viele, viele tausend Aehnliche“; „Die Willenlosigkeit war höchste Energie, die Schwäche nur die Maske der Gewalt“, so genau wollen indes viele gar nicht hingucken.

Manch Privates fließt allzu ungehemmt und bezugslos ein, „Da kam der Pedehr, zur Schau leider zu spät, doch versicherte er, sich der Sache umso eifriger anzunehmen. Er war oben im Walde in seiner Jagdhütte gewesen und versprach mir in liebenswürdigster Weise, gleich neben der seinigen auch für mich eine bauen zu lassen und sie mir zu schenken.“ Das ist eindeutig Fehsenfeld zuzuordnen.

 

Drittes Kapitel – Vor dem Rennen

Zu Beginn fällt Kara Ben May endlich einmal vom Pferd, aber selbst in der Niederlage geht es bei ihm selten ohne Selbstüberhöhung ab: „Für einen Augenblick war ich ganz starr darüber, daß mir, mir, mir so Etwas hatte geschehen können“.

Später erscheint Mirza Dschafar auf der Bildfläche, und dann wird das Ehrengewand des Schah-in-Schah geliefert. Mit ihm trifft auch Syrr ein. Dieses Tier ist nun laut Erzähler unbeschreiblich, und so versucht er es auch gar nicht. Die Pferde Syrr und Assil kommen nicht nur miteinander aus, sie küssen sich gar. Die Sache mit dem Knistern im Haar kommt auch wieder vor.

Der erste Ritt auf Syrr gerät zum „Doppelsieg mit gegenseitigem Wohlgefallen hinterher!“, ein späterer zum Erleuchtungserlebnis.

Dem Aschyk wird großmütig verziehen, allerdings erst nachdem man ihn beträchtlich seelisch gefoltert hat und ggf. auch seinen Tod in Kauf genommen hätte, wie an einer Stelle deutlich wird.

„Du kennst die Menschenseele, Effendi!“ stellt Pekala fest, als sie realisiert, wie abgeklärt und am Ende regelrecht humorig der Erzähler mit der Enthüllung pikanter Gegebenheiten umgeht.

Wir erleben Tifls reumütige Rückkehr, er hat es mal versucht bei den Taki-Kurden, aber das ist nichts für ihn, man kann sich anpassen, aber nicht verbiegen.

Allzusehr berühren den Erzähler die inneren Befindlichkeiten seiner aufgeregten Mitmenschen Pekala und Tifl aber offenbar nicht, „Was wird nun wohl aus der Kalteschale werden ?!“

Der „Schundroman“, noch ein Pferd … am Ende wird auch er ins rechte Licht gesetzt werden.

Die ganze Sache mit der Karawane des Kammerherrn war, erfahren wir, ein einziger Schwindel, so etwas gab es auch damals schon.

Der begnadigte Aschyk ist nun sehr anhänglich, „Effendi, prüfe mich jetzt, und wenn du mich als treu befunden hast, so laß mich dein Wächter sein, dein Hund, der dich begleitet, so lange du in diesen Gegenden bist! Der mit dir hungert und dürstet, im Regen und im Sonnenbrande vor deinem Zelte liegt, jeden Feind zerreißt, der sich an dich drängen will, und lieber stirbt, als daß er dir ein Leid zufügen läßt!“

Am Ende erleben wir eine heftige Auseinandersetzung zwischen Scheik ul Islam und Ahriman, die durch den Beginn eines neuen Kapitels unterbrochen wird.

 

Viertes Kapitel - Zusammenbruch

Kara Ben Nemsi erleidet noch einmal einen kleinen Rückfall, die „krankheitsschwangere Atmosphäre des Sacrosanctum“ ist ihm nicht bekommen. „Wir gehen ja, sobald hier Alles vollendet ist, hinauf zu unserer Marah Durimeh! Das sind die Stufen, die du zu steigen hast“ erfährt er von Schakara.

Kepek und der Pole erscheinen, aber nur noch als völlig vernachlässigte Nebenfiguren. „Ein Jeder löse sich selbst!“ heißt es dann auch.

„Soll ich nun wieder erzählen, daß und wie ich geschlafen habe?“ Daß einige Privatheiten in diesem Buch tatsächlich gelegentlich in die Nähe der Grenze zur Peinlichkeit zu kommen drohen, ist auch dem Erzähler anscheinend bewusst.

Ahriman Mirza wird wahnsinnig, wobei anzumerken ist, dass seine Gegner an dieser Entwicklung sehr bewusst und gezielt mitwirken.

„Die sogenannte "Erziehung" zwingt Millionen Geister in Schablonen“, ein schöner Satz.

Die Gul, auf die man nach den ersten Bänden recht gespannt sein konnte, bleibt seltsam farblos; doch nicht die 'große Nummer', als die sie gleichsam avisiert worden war.

Schakara als „die körpergewordene Reinheit der Frauenseele“, je nun …

„Diese völlige Gleichgültigkeit“ (auf die der Erzähler offenbar mächtig stolz ist) „schien sie zu erzürnen“ (zum Abgang Pekalas); „Seine Rede strotzte förmlich von Lügen, Verdrehungen und Beleidigungen“, nach allerhand Schönheit und Gedankentiefe zuvor fliessen in dieses Schlusskapitel doch auch einige dazu nicht passende recht kleinlich und nicht eben wirklich vogelperspektivisch wirkende Dinge ein.

„den Kiss-y-Darr aber hatte der Ustad jetzt mitgebracht, um ihn wieder gesund zu pflegen“, und später setzten das andere in großem Stile fort. Operation gelungen, aber ….

„Schakara verließ nämlich, ohne uns vorher hierüber zu verständigen, ihren Sitz, stieg die Stufen zum Stand hinauf und winkte Schweigen. Das Erscheinen eines Mädchens da eben [oben] verwunderte. Man war still. Da begann sie zu sprechen, kurz, klar, bestimmt“, Gruß von Merhameh, da klingt’s ganz ähnlich.

„Auch uns graute; wir wendeten uns ab. Schakara's Augen aber strahlten in glänzender Freude“, das erinnert an Hannehs leuchtaugiges „Kennst du das Weib“ aus dem dritten Band und beruht vermutlich auf Beobachtungen in Richtung Klara Plöhn; die Stelle versteht vielleicht etwas besser, wer „Mit Karl May durch Amerika“ gelesen hat (wegen einiger unsensibel nassforscher Anmerkungen ihrerseits dort).

„Bergspitzen? Ah! Auf der dort im Westen flammten hochlodernde Feuer“, werden wir ähnlich in „Ardistan und Dschinnistan“ wieder lesen.

„Und als es nun nach und nach heller zu werden begann und unser Blick über den See hinüberreichte, sahen wir sie auch drüben stehen, fast Kopf an Kopf, den ganzen See entlang --- auch eine Lawine, welche bereit war, hernieder zu fahren, in den ethischen Abgrund, in das Heer der Sillan hinein.“ Schöne Bilder.

Und nach „Merhameh“ und „Ardistan und Dschinnistan“ noch eine Ähnlichkeit, diesmal „Schatz im Silbersee“: „Wehe ihnen, wenn Ahriman den Befehl gegeben hatte, daß diese ganze Menge den See besetzen solle! Sie konnte sich ja nicht rühren! Sie war genau so eingestopft wie die Ultra-Taki im geheimen Gange, nur daß hier die Flucht nach rückwärts offen stand! Aber was für eine Flucht!“

„Heim! Ja, es ist Heimatsgefühl, welches mir dieses Wort aus der Feder fließen läßt. Wer sich bei guten Menschen nicht daheim fühlt, für den gibt es überhaupt keine Heimat, weder hier noch dort. Er hat sie sich erst zu --- ersühnen! Und wer da nicht weiß, daß es auch geistige und seelische Stätten gibt, welche köstlicher und heiliger sind als jedes irdische Vaterhaus, der ist ärmer als selbst der Bettler, dem die kleinste Herberge einen Platz zum Ruhen gewährt. Zu so einer heiligen Stätte war mir das Haus des Ustad geworden, und der Duar hier im Tal zu einem Wohnsitz von lieben Verwandten. Darum war der Tag ihrer Befreiung von Schatten und Schemen nicht bloß für sie, sondern auch für mich ein Freudentag“ Heimat ist völlig ortsunabhängig, wie auch Familie personenunabhängig sein kann.

Am Ende noch eine Lichtvision, und dann ist Schluß, mit etlichen offenen Fragen. (Wie war das nun mit Dschafar, Gul usw. …)