SEKUNDÄRLITERATUR

Es gibt unzähliges ... Wesentliche Autoren: Ilmer, Roxin, Wohlgschaft, Wollschläger.

Hier ein paar Notizen zu einigen wesentlichen Werken.

 

 

Hermann Wohlgschaft: Karl May, Leben und Werk

I. Band

Ein schönes und, von einigen Abstrichen abgesehen, erfreuliches Buch.

Da kommt ein katholischer Geistlicher daher, kennt Karl May aus dem FF, und schreibt ein Werk von gut zweitausend Seiten über ihn, drei dickleibige Bände füllend. Und er schreibt zwar viel über Glauben und Religion, aber im Großen und Ganzen nicht, wie man befürchten könnte (und wie so mancher es bar besseren Verständnisses und undifferenziert vermutlich so sehen wird), pfaffen- und floskelhaft, sondern aus der Vogelperspektive eines Wissenden, der erkannt hat, dass Glauben und Kirche zwei verschieden' Paar Schuh’ sind, und dass die Wahrheit nicht in Theorien und ausformulierten Systemen zu suchen ist.


Der Mann versteht etwas von Karl May, von der Psyche und der Seele dieses Menschen, er versetzt sich in ihn hinein, beschreibt anschaulich, was diesen Mann umtrieb, durchleuchtet seine Geschichten ebenso wie seine Motive und Ziele, und das alles in einem überzeugenden, [so gut wie] nie pathetischen Ton, glaubhaft, nüchtern, und doch in einem flüssigen Stil, dass das Lesen, bei aller Ernsthaftigkeit und Tiefe der Themen, buchstäblich Freude macht. Stellenweise ist es eine Wohltat, in diesem Buch zu lesen.

Darüberhinaus sind die drei Bände eine Art perfektes Karl May –Handbuch, nahezu jede einzelne Geschichte wird besprochen, von den frühesten Humoresken an, chronologisch durch das ganze Leben unseres Autors. Und: dem real existierenden Karl-May-Handbuch ist dieses Werk durchaus vorzuziehen, findet man dort, im „echten“ Handbuch, oft qualvoll nüchtern-intellektuelle, lieblose und Karl-May-fremde Betrachtungen, oft durchsetzt mit ganz abstrus kritischen Anmerkungen, spürt man hier die Liebe zum Autor, tiefes Verständnis, Anteilnahme, Nachvollziehen: das Buch ist dem Autor Wohlgschaft eine Herzensangelegenheit, und das ist sehr gut so.

Einziger Kritikpunkt: manchmal (und leider im Verlauf des Werkes dann doch zu oft) nimmt der Autor seinen Karl May zu wörtlich, bzw., fällt [nach Meinung Schreibers dieses] sozusagen auf ihn herein; nicht alles, was das alte sächsische Schlitzohr so von sich gegeben hat, ist immer so ganz ernst zu nehmen. Natürlich ist es im Einzelfall schwer zu erkennen, was Karl May jeweils wirklich so gemeint hat, und wo er ein bisschen für die Galerie, für Verleger und Publikum, geschrieben hat. Jedenfalls, so durchgehend fromm und gottesfürchtig, so unentwegt und allezeit auf der Suche, war unser Karl denn doch nicht, das wäre ja auch 'noch schöner'. So nimmt Wohlgschaft beispielsweise das „Waldröschen“ samt allem, was Karl May da so vorträgt, entschieden zu ernst, und wenn er, auf S. 636, gar von „hehrem Konzept“ und „metaphysischer Grundstruktur“ der Kolportageromane spricht, geht er wohl eindeutig zu weit, da handelt es sich ganz offenbar um reines Wunschdenken. – Und in Sache Emma und Sexualität kommt er gelegentlich etwas steif-moralisierend daher, das wirkt stellenweise geradezu putzig („und lesbisch war sie noch obendrein“, S. 459) und passt gar nicht zum ansonsten vogelperspektivisch hohen Niveau.

Nichtsdestotrotz: dieses Werk gehört, neben Wollschlägers Schriften, zum Besten, was in Sachen Karl May je geschrieben wurde.

Dieser erste Band beschäftigt sich mit dem Zeitraum bis 1891, zu Beginn des zweiten wird dann Verleger Fehsenfeld auftauchen.

 

II. Band

Auch der zweite Band dieses Werkes, das eigentlich eher ausführliche Betrachtungen zu Leben und Werk enthält als eine Biographie im üblichen Sinne, wurde mit großem Genuss und dankbar gelesen.

Interesant auch das eine oder andere vorher so nicht bekannte Detail, so z.B., dass Karl May selber Empfehlungsworte deutscher Bischöfe lancierte, bzw., sich um positive Berichterstattung zu sorgen und zu kümmern pflegte.

Ausführlich besprochen werden in diesem Band zunächst die Werke Satan und Ischariot, Der Ölprinz, Winnetou, Old Surehand, Silberlöwe I & II (die Betrachtungen und Erläuterungen zu diesen beiden Büchern sind besonders gelungen), Weihnacht, Am Jenseits. Über die Marienkalendergeschichten geht der Autor allzu gnädig und gleichsam mit einem zugedrückten Auge hinweg. Man sollte wirklich deutlicher unterscheiden zwischen echter Frömmigkeit bei Karl May (z.B. in „Old Surehand“) und Anwandlungen von peinlichstem Opportunismus, der gerade in diesen Kalendergeschichten manchmal an Seelenverkäuferei grenzt. Warum hingegen die doch recht banalen „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“ dann so auffallend ausführlich besprochen werden, erschließt sich nicht recht.

Sehr schön Wohlgschafts Betrachtungen über das Thema Ich-Derivate bei Karl May (z.B. S. 867/68), im Großen und Ganzen kann man sagen, dass der Biograph seinen Autor bestens verstanden hat.

Immer wieder wird auch Claus Roxin erwähnt und zitiert, und den Zitaten nach zu urteilen, ist der langjährige Vorsitzende der Karl-May-Gesellschaft ganz offensichtlich auch ein äußerst lesenswerter Autor in Sachen May, mit dem man sich beschäftigen sollte.

Höchst beeindruckend die Schilderung der Renommierzeit, ein lebendiges Bild entsteht, manchmal kann man über Karl May ja wirklich nur den Kopf schütteln (z.B. diese Bluttaufe, S. 1004 ...). Fürsten, Grafen, Könige, sie alle fielen auf ihn herein, und er forcierte das groteske Spiel, bis es wirklich so nicht mehr weiterging.

Die Episode in Gartow wird immer wieder falsch eingeschätzt, auch Wohlgschaft macht hier leider keine Ausnahme. Da hat Karl May sein großes Herz offenbart, und andere Menschen an seinem Wohlstand teilhaben lassen wollen, die aber haben es nicht verstanden, und ihn, einmal mehr, enttäuscht und gedemütigt. Eine weitere bittere und typische Erfahrung in einer Kette von solchen auf einem langen Weg. (Wobei May freilich auch hier nicht unschuldig war. Großzügigkeit ist das eine, ichbezogene Renommier- und Prahlsucht das andere ...)

Erschütternd einiges zur Orientreise. Diese Emma, dieser „Krabbel-Brief“, bar jedes Taktgefühls, oder aber sie hat ihn absichtlich quälen wollen. Aber all dies Elend trug immerhin auch nicht unbeträchtlich zur Horizonterweiterung oder auch Läuterung bei Karl May bei.

Die „Himmelsgedanken“ sind literarisch bedeutungslos, inhaltlich aber nicht zu unterschätzen. – In langen, sehr schönen Passagen zu „Et in terra pax“ bzw. „Und Friede auf Erden“ zitiert Wohlgschaft mehrmals Eugen Drewermann bzw. weist auf ihn hin, was ihm weitere Pluspunkte einträgt.

Pressefehde und Ehescheidung kommen ausführlich zur Sprache, hier mag man dem Biographen nicht folgen, dass es mit Klara nicht auch ganz wesentlich um Sexualität gegangen sei. Verhält sich einer so [mies wie May es in Sachen Ehescheidung tat (nicht die Scheidung als solche ist ihm anzukreiden, sondern die Art und Weise, die begleitenden Umstände ...)], dem es nur um hohe, hehre Ziele geht ? Da schätzt der Biograph seinen Autor manchmal wohl etwas falsch ein, und sieht ihn allzu veredelt (z.B. auch S. 990 oben).

Erschreckend die Geschichte um Marie Hannes. Hier erleben wir den Herrn May mal von einer ganz anderen Seite (im weiteren Verlauf, als er sich von ihr abkehrt und sie moralisch fertig macht). Eiseskälte und gnadenlose Brutalität, dass es selbst einen Hartgesottenen mehrmals nahezu aufstöhnen lassen kann. Was für ein Mensch ... Die Extreme schließen sich eben nicht aus.

Dann noch ausführliche Betrachtungen zum „Silberlöwen“, wobei der katholische Biograph auch den Takikurden sich detailliert widmet, ein feiner Zug. Nur Mays vermeintliche differenzierte Auseinandersetzung mit Nietzsche erscheint etwas bemüht, May war wohl eher anfällig mal für dieses, mal für jenes, ein klar und strukturiert denkender Intellektueller und sich mit philosophischen Systemen Anderer detailliert auseinandersetzender jedenfalls nicht.

Am Ende geht es um Mays Theaterbesuche und seine Versuche, in Sachen Bildung am Lebensabend doch noch mehr Fuß zu fassen. Und um die zwei späten der Erzgebirgischen Dorfgeschichten, wo sich, auf S. 1451 f., zeigt, dass Hermann Wohlgschaft interpretatorisch und im Sich-Befassen mit ungewöhnlichen Dingen nicht eben zimperlich ist.

 

III. Band

Die letzten Jahre Karl Mays, um die es hier geht, und in denen so völlig unterschiedliche Dinge wie „Ardistan und Dschinnistan“ einerseits und die „Pollmer-Studie“ anderseits entstanden, gestalteten sich für ihn sehr schwierig, immerhin musste er sich u.a. öffentlich sagen lassen, er sei ein geborener Verbrecher.

Und so ist auch dieser dritte Band der schwierigste von den dreien, und, anders als die ersten beiden, streckenweise nicht mehr so angenehm zu lesen, es wird schon mal sehr theoretisch und theologisch, gerade in längeren Passagen im Anschluß an die sehr positiv ausgefallene Besprechung von „Babel und Bibel“ fällt das auf. Festzuhalten bleibt hier (neben hübschen kirchenkritischen Stellen u.a. auf S. 1534), dass die Meinung, die Karl May von seinem Stück bzw. dessen Erfolgsaussichten hatte, in seiner völlig absurden Fehleinschätzung geradezu grotesk anmutet. Desillusionierung kann aber im Dienste wahrer Selbstfindung auch sehr konstruktiv sein. - Schön die Ausführungen zum „dunklen Gott“ S. 1547 f.

Interessant, was Karl May seinem Verleger Fehsenfeld verbal manchmal so um die Ohren gehauen hat (S. 1596).

Manche der Leute, mit denen Karl May sich abgab, machen doch teilweise einen recht spießig-biederen Eindruck, so Oberlehrer Franz Langer, zu dessen Namen passenderweise die Berufsbezeichnung immer gleich mitgeliefert zu werden pflegt. Interessante Kontakte gab es (u.a.) zu Bertha von Suttner, Wiltrud von Bayern, Lu Fritsch und den Einsles.

Hermann Wohlgschaft hat keine Berührungsängste in Sachen ausgefallenerer Themen, er geht in psychologische Tiefen, auf den Mystiker Gurdijeff geht er ausführlich ein, auf Sufismus und das Enneagramm. Später geht es noch einmal um Berührung mit fernöstlichen Religionen sowie um Teilhard de Chardin.

Daß Karl May seine angeblich nur für sich selbst geschriebene Pollmer-Studie ausgerechnet dem Untersuchungsrichter Larras zur Verfügung stellte, wirft ein recht erbärmliches Licht auf ihn, und ob er es immer mit der Ehre 'so hatte', können wir durchaus dahingestellt sein lassen. Vielleicht war der Mann teilweise so 'kaputt', dass es ihm auf so etwas wie Ehrgefühl manchmal auch nicht mehr ankam.

Das Zitat auf S. 1708 von Gabriele Wolff kommt wie neunmalkluger intellektueller Hochmut herüber. Ob Frau Wolff wirklich in anderer Weise liest, als sie es hier [vermeintlich] von oben herab für Karl May beschreibt ? Man schaue mal bei Platon nach.

Die Passagen zu „Ardistan und Dschinnistan“ sowie insbesondere Winnetou IV (in diesem Buch geht es u.a. um die Liebe in höherem Sinne, und um die Rückkehr zum verlorenen Paradies) lesen sich wieder sehr angenehm. A&D ist kein Buch, das man in eine Schublade einordnen kann, obwohl dieses Bedürfnis in gewissen Kreisen, wie man immer wieder beobachten kann, ja sehr stark vertreten ist. Wohlgschaft erliegt dieser Versuchung nicht; er zieht ein paar Schubladen zwar auf und hält das eine oder andere Etikett gleichsam bereit, lässt die Angelegenheit dann aber doch angemessenerweise ziemlich offen. Wobei selbst die Einordnung als „christlich“ zu hinterfragen wäre. - Sehr interessant der Hinweis auf das Buch von Ralph Waldo Trine sowie einige Zitate daraus. - Zitierenswert S. 1776 unten (über Karl May): „Der Dichter ist überzeugt: Gott wohnt überall. Wer so denkt, ist sicher kein Manichäer, kein Verächter des Leibes und der Materie“.

Mays Anbiederung an Pfarrer Rentschka ist wohl nicht so wohlwollend zu sehen wie Wohlgschaft es tut, sondern hier eher Wollschlägers Ansicht zu folgen, der schrieb, „kein Kritiker ist ihm jetzt gering genug, um ihn zu übersehen“.

In den Betrachtungen über „Winnetou City“ und dergleichen hat Karl May heutige Auswüchse visionär vorweggenommen, das Ausmaß aber in welchem er einmal vermarktet und verballhornt werden würde, hat er wohl nicht vorausgesehen, wenigstens sei ihm das zu gönnen.

Etwas befremdlich, daß Wohlgschaft über viele Seiten sehr bemüht Winnetou IV als "christlich" zu interpretieren versucht, erfreulich, daß er dann abschließend auf S. 1923 doch einigermaßen davon ablässt. Sehr beeindruckend und sehr schön in diesen Passagen die zahlreichen Zitate von Eugen Drewermann (der übrigens mittlerweile aus der Kirche ausgetreten ist).

Nach zwischendrin viel Theorie und 'hartem Brot' können einen dann die letzten paar Dutzend Seiten noch einmal richtig emotional erwischen, der Sieg in Moabit, Tränen in Augsburg, Erfüllung in Wien, und dann der 30. März, auf S. 2003 kann einem ob einer Formulierung der Atem stocken, und auf S. 2006 verläßt ein geneigter Leser mit Marie Hannes den Kirchhof und ist nur noch nachdenklich und still.

 

KARL-MAY-CHRONIK

1. Band

In den letzten Jahren (Anm.: geschrieben bei Erscheinen des 1. Bandes) hat der Karl May Verlag jährlich hochinteressante und meistens sehr gelungene Neuerscheinungen vorgelegt. Mit der fünfbändigen Chronik, um deren ersten Band es hier geht, hat er einen Volltreffer gelandet.

Dieser Band wird durch ein informatives und durchaus lesenswertes Vorwort des Hauptautoren Dieter Sudhoff eingeleitet, das freilich auch den einen oder anderen Schönheitsfehler enthält. So mutet es etwas seltsam an, wenn ein Biograph in einem Vorwort zu einer Biographie sich über einen anderen Biographen kritisch äußert und ferner darlegt, eine Biographie habe so und so und nicht anders auszusehen. - Und daß Arno Schmidt die These von latenter homosexueller Neigung Karl Mays „fälschlich“ aufgestellt habe, wird vom Autor mit keinem Wort begründet.

In diesen ersten Band sind die Jahre 1842 bis 1896 hineingepackt, also über 50, wähend die Folgebände dann Zeiträume von 3 bis 5 Jahren behandeln; die Verteilung des Umfangs des Materials ließ es, leider, wohl nicht anders zu. So kommt hier zwangsläufig einiges zu kurz, beispielsweise erfährt man über die Gründe der Schaffenskrise des Jahres 1896 so gut wie nichts. Was auch daran liegt, dass der Autor sich strikt auf die Fakten beschränkt. Er liefert das Gerüst oder Skelett, Wohlgschaft mit seiner kommentierten Biographie das Fleisch (, und die Seele obendrein).

 

2. Band

Dieser zweite Band berichtet über die Jahre 1897 bis 1901 und enthält drei Themen-Schwerpunkte: die Orientreise, die seltsame Beziehung zu Marie Hannes, schließlich als besonderen Höhepunkt am Ende des Bandes mit der Veröffentlichung von Korrespondenz in Sachen „Et in terra pax“ Einblicke in Verleger-Welten.

Was die Orient-Reise angeht, hat man spätestens nach der Lektüre der „Chronik“ nicht mehr den Eindruck, Karl May sei als ein Verwandelter von ihr zurückgekehrt. Er sagt das zwar, und alle schreiben es bis heute so nach, aber zum Teil sind das seinerseits doch Lippenbekenntnisse.

Sehr interessant der Brief auf S. 432 f. an Marie Hannes. Der zeugt denn doch von Einsicht und Verantwortungsgefühl. - Wer sich mit der seltsamen, ebenso teils bewegenden wie bizarren Geschichte mit Marie Hannes noch eingehender beschäftigen möchte, sei auf das Buch „Leben im Schatten des Lichts“ hingewiesen, in dem es um diese Angelegenheit geht.

Das Kirchen-Gleichnis auf S. 450 mag man auch heute noch so manchem hinter den Spiegel stecken, auch die Stelle auf S. 473 mit den „Patienten“ ist in dieser Hinsicht nicht übel.

Und die Sache mit Kürschner und Ziegler am Ende des Bandes ist sozusagen allerliebst. Wenn Karl May deren Korrespondenz hätte lesen können ! Aber wir dürfen vermuten, dass er über genügend Menschen- und Selbsterkenntnis sowie –ironie verfügte, um sich auch so denken zu können, was hinter seinem Rücken so über ihn geredet und geschrieben wurde …

 

3. Band

Breiten Raum in diesem Band nimmt der Scheidungskrieg ein. Vorher erfahren wir ausgiebig von zahlreichen Theaterbesuchen in Dresden. Die Fischer-Ausgabe der Münchmeyer-Romane, bearbeitet durch Staberow und verlegt von Adalbert Fischer, ist ein weiteres Thema, außerdem das Erscheinen der Herren Sascha Schneider und Rudolf Lebius in tragenden Rollen auf der Bildfläche von Karl Mays Leben.

Und zwischendrin kleine Juwelen: in Sachen Kommentar zu Nietzsches Sprachstil (S. 129 oben) muß man Karl May ja durchaus und unumwunden Recht geben. Oder der lange Brief S. 154-166, da soll doch keiner mehr sagen, der Mann sei nicht auch ein äußerst heller, differenzierender Kopf gewesen.

Auf der Mendel muß sich ein regelrechter 'Krimi' abgespielt haben, ein Elend, und schmutzige Wäsche gewaschen wurde auch in der Folgezeit noch reichlich. Emma wurde offenbar regelrecht fertiggemacht. Sie erscheinen alle drei nicht glaubwürdig, Emma, Klara, Karl.

Nach der Schmutzwäsche-Schlacht um die Ehescheidung folgt die um die Pressekampagne. Was müssen wir alles an Peinlichkeiten lesen, an pathetischer Selbstbemitleidung und theatralischem, oft verlogenen Gehabe, seitens Karl May und seiner zweiten Frau, manchmal ist es regelrecht deprimierend. Und zwischendrin trotz allem wieder echte Perlen, aufblitzende tiefe Wahrheiten, oder eine Stelle wie diese aus einem Brief von Klara: „Die Herren meinten, man könne die Welt durchsuchen, einen Karl May mit einer solchen Fülle von Himmelsliebe fände man sicherlich nicht mehr“, das nun [je nach Ansicht und Geschmack] wieder durch und durch glaubwürdig und nachvollziehbar, das eine schließt das andere eben nicht aus, er war schon ein seltsamer Mann mit allen Facetten.

Auch Klaras Einschätzung der Voll-Akademiker (S. 342 f.) verdient beachtet zu werden. Für gewisse Dinge scheint sie schon einen guten Blick gehabt zu haben. Während Marie Hannes, bei allem Wohlwollen, dem geneigten Leser in ihrer 'heiligen Einfalt' auf die Dauer kräftig auf den Wecker gehen kann.

 

4. Band

Vorab: spätestens seit Chronik Band IV kann man den Menschen Karl May mit etwas anderen Augen sehen, und das haben dann keine bösen Zungen von außen bewirkt, sondern er selber mit einigen Stellen aus seinen zum Teil peinlichen und stellenweise verlogen wirkenden Briefen.

*

Interessant Sascha Schneider, z.B. S. 19 unten. In GW 93 kann man mehr von ihm lesen. - „Babel und Bibel“ sei in erster Linie für Schneider allein geschrieben, lässt May in einem Brief verlauten (S. 20), auch so eine suspekte Stelle.

Hübsch auf S.31, nach Bemerkungen über Haddedihn und Dschamikun: „Die 'Himmelsgedanken' sind für einen dritten Stamm geschrieben, den Sie noch nicht kennen.“

Man lese den langen Brief S. 75-85. Da hat man Karl May von allen Seiten: hochinteressant, weise, tiefsinnig, aber eben auch teilweise peinlich, realitätsfremd. Eine sehr bunte Mischung.

Mal soll sein Drama möglichst erst in Wien herauskommen, mal in München, je nachdem, an wen er gerade schreibt.

Schön die Erklärungen auf S. 107 zu Chronologie und Logik, hübsch die „unpsychologischen Pedanten und böswilligen Ignoranten“ in diesem Zusammenhang auf S. 109.

Wer noch an Mays Zynismus zweifelt, der lese auf S. 182 aus dem Brief an Fehsenfeld zum Tod Adalbert Fischers.

Hübsch ein Zitat aus einem Brief an EA Schmid (S. 190), „Natürlich können Sie“ usw., wobei man, was den zweiten Teil des Satzes angeht, „aber es wird die Zeit kommen …“, nicht Mays Meinung sein muß.

Hübsch, menschlich, sympathisch eine Briefstelle auf S. 209.

Auch Selbstmordgedanken waren unserem Autor zwischenzeitlich nicht fremd (Brief an Bernstein S. 219 ff.)

Interessant die Versöhnung mit dem „Hausschatz“ in durchaus schwieriger Zeit, auch dem Blatt hoch anzurechnen.

„Lehrer und Leiter einer sich über den ganzen Erdkreis ausbreitenden Leserwelt“ (S. 333), an Selbstbewusstsein hat es ihm gelegentlich durchaus nicht gefehlt.

Als nach dem ganzen teilweise äußerst unerfreulichen Hickhack endlich nach Amerika aufgebrochen wird, ist man regelrecht froh über diesen Tapetenwechsel, und als das Schiff in die Nordsee hinausfährt, stellt sich [ggf.] gar so etwas wie Reiselust und Fernweh ein (und Mitgefühl, als erwähnt wird, dass sie schwere See hatten), leider kommen die beiden relativ bald wieder zurück.

„In Harmonie mit dem Unendlichen“ von Ralph Waldo Trine hat Karl May seiner Klara zu Weihnachten 1908 geschenkt, von diesem Buch berichtet auch Hermann Wohlgschaft in seinem vorzüglichen dreibändigen Werk über Karl May. Mays Interesse und Bedürfnis, seinen Horizont konstruktiv zu erweitern, schien in den letzten Jahren, neben all dem unerfreulichen Gezänk, doch erkennbar zuzunehmen.

Augsburger Vortrag und rührender Besuch bei Hiltrud von Bayern, dann noch die interessante Mitteilung, dass die 53-jährige Emma sich einen 19-jährigen geschnappt hat, nun, man muß auch 'jönne könne', hoffen wir und gehen davon aus, daß beide ihren Spaß gehabt haben werden. Am Ende lesen wir Erstaunliches aus der Feder von Rudolf Lebius zum Thema Karl May als Räuberhauptmann, da hat eine kluge Vorsehung unserem Karl schon eine schwere Prüfung in den Weg gelegt mit dieser Affäre.

 

5. Band

Im Verlaufe der fünf Bände wird die Beschäftigung mit all der schmutzigen Wäsche, die da zunehmend gewaschen wird, immer unangenehmer, und mancher Schatten fällt auf Karl May nebst Gemahlin. Er stocksteif an seinen Positionen festhaltend und zuletzt immer unerträglich pathetisch-schwülstiger werdend sowie zunehmend unglaubwürdig wirkend, sie kalt, berechnend, (bauern-)schlau und von oft abstoßender Härte.

Nachdem man schon die Lust verlieren konnte an alledem, wird es zuletzt doch noch wieder hochgradig lesenswert, die Wiener Rede, immer wieder berührend, und hier kann man auch die Zeit davor miterleben, innere Vorbereitung, Spannung usw. Hochinteressante Einschätzungen über unseren Dichter gibt es zu lesen, und was, unter anderem, Egon Friedell („Kulturgeschichte der Neuzeit“) zu sagen hat, lässt zunächst sehr aufhorchen, leider macht er es durch seine anschließend wiedergegebene private Bemerkung fast wieder kaputt. Großartig auch Robert Müller, auch in seinem Nachruf, das ist einer der wenigen, die Karl May verstanden haben. Thomas Mann, der durchaus geniale, einmal mehr lausig-kläglich gibt er sich hier in seinem Statement, schon Hans Wollschläger hat dafür sympathisch-respektlos an anderem Ort passende Worte gefunden.

Eines fehlt am Ende des mehrtausendseitigen Werkes: die berühmten und vielzitierten bis in kleinste Einzelheiten sich erstreckenden Unterredungen mit Euchar Albrecht Schmid. Der ist prominent vertreten in diesem fünften Band, bis in den Bildteil hat er es geschafft, und da der Nachlass zur Verfügung stand, hätte man eigentlich erwarten können, zu diesen Unterredungen nun mal umfangreicheres zu finden. Aber – nichts, keine Zeile, kein Wort. Wo soviel private Briefe, Grußkarten usw. wiedergegeben werden. Seltsam ...

 

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"Abendsonne" von Otto Kreiner.

Sehr lesenswert (für ernsthaft an Karl May und dessen Thematik interessierte). Vgl. auch MKMG Nr. 109 S. 20 + 21. 

Kreiner, der Karl May verstanden hat wie offenbar nur wenige, ist so gut wie unbekannt, vermutlich auch in "Fan"-Kreisen. Aber all die Mariechens, Hansels und Franzels ohne Zahl, die sich des Themas Karl May auf irgendeine Weise in Form von Filmen, Freilichtspielen, Comedy u.ä. "angenommen haben", die kennt man ...

S. 116 ff. ... Nein, daß er unkritisch mit May umginge, kann man nun wirklich nicht sagen ...

"Es ist alles recht verkorkst, und irgendwie tut er mir fast leid" ... "Sein Leben ist nur der Schatten eines Lebens" ... "Ein armer, papierener Mensch".

"Seine Neigungen paßt er dem an, was gefällig ist. Dem Religiösen ist er der Über-Religiöse, dem national Gesinnten der Über-Nationale und so weiter. Was er wirklich ist, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Wer an Mays Moral kleben bleibt, ist selber schuld." 

"Denk nicht an irdschen Ruhm" ...

Diese Zeile aus einem der wesentlichsten Gedichte aus den "Himmelsgedanken" können wir Kreiner nachträglich widmen.

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Walther Ilmer, „Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph“, Hansa Verlag, ca. 270 Seiten.

Sehr lesenswert, antiquarisch noch erhältlich.

Einige sehr bemerkenswerte Stellen:

„In „Schacht und Hütte“ veröffentlicht Karl May seine Aufsatzreihe „Geographische Predigten“, ein weltanschauliches Programm, inhaltlich anspruchsvoll und sprachlich von hoher Qualität – eine erstaunliche Leistung.“ (S. 49)

Endlich einmal eine – in dieser Eindeutigkeit sehr seltene – angemessene Würdigung.

„der im stillen nie aufhörte, seine Emma zu lieben, und dessen in den Prozessschriften ausbrechende wilde Hasstiraden und maßlose Übertreibungen diese Liebe, nur weil sie zum Scheitern verurteilt war, gewaltsam zuschütten.“

(S. 104)

Interessanter Gedanke. Zwar muß man im konkreten Fall nicht seiner Meinung sein, es ist aber beachtenswert, daß einer überhaupt so zu denken in der Lage ist, so meint Wollschläger sein wunderbares „He loved him“ in „Die Insel“, S. 97, über Arno Schmidt und May angesichts der von Schmidt losgelassenen vermeintlichen Nur-Haß-Tiraden.

„In solchen Gestalten wie Frank und Halef, die alle Fehler und Schwächen des Menschen Karl May hervorkehren, hält der Autor sich seine ihm erhalten gebliebenen Unzulänglichkeiten – die er gar nicht ablegen will – vor Augen.“ (S. 111)

Stark: „ nicht ablegen will“, vielleicht weil er erkannt hat daß er das gar nicht kann … (Wohlgschaft-Zitat zu Carpio: „In Carpio, dem 'zerrissenen', teilnahmslosen, zur Selbst-Zerstörung tendierenden Depressiven, hat der Schriftsteller das Erbärmliche, das Kranke – und absolut Hilfsbedürftige – bejaht und gerechtfertigt" (zwar sind Halef und Hobble Frank weder erbärmlich, krank oder hilfsbedürftig, aber es geht um das Akzeptieren von Schwächen, kleinere hier, größere dort); „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“ …)

Gelegentlich kommt Ilmer zu Fehleinschätzungen, etwa wenn er die „Old Firehand“ – Erzählung, die zu Mays Wesentlichsten und Interessantesten gehört, heruntermacht, Winnetou als Bildnis Emmas (!) sieht und Letztere durch das ganze Buch hindurch wie ein Anwalt gleichsam zu verteidigen versucht. Aber insgesamt: ein einfühlsamer Betrachter und differenzierter Denker fern gängiger Schwarzweißmalerei, oberflächlichen Geplappers oder faden Akademikerhochmuts, womit man ja in Sachen May leider so oft konfrontiert wird.