WEIHNACHT

Ein ganz merkwürdiges Buch, relativ spät geschrieben, größtenteils in der Einsamkeit eines Hotelzimmers in Birnai an der Elbe (Nachtrag: diesbezüglich gehen die Ansichten nach neueren Forschungen auseinander), zu einer Zeit, als der Autor schon etabliert, wohlhabend und berühmt ist. Aber möglicherweise schon von Ahnungen ereilt wird, daß das nicht immer so bleiben wird.

Das erste Fünftel des Bandes spielt in der deutschen Heimat, der Ich-Erzähler erinnert sich an seine Jugend und bringt eine (mehr oder weniger) heitere Wander-Episode wieder einmal so lebensecht herüber, als wäre man dabei.

Dann geht es in den Wilden Westen, wo Winnetou noch (oder wieder …) lebt, und der Autor – erstmals – ausgiebig konkret auf seine eigene Schriftstellerei zu sprechen kommt. Als er schildert, wie er eine Nacht lang oben im Hotelzimmer schreibt, fließt sicherlich das reale Erlebnis in Birnai (oder wo auch immer [s.o.]) ein.

Man kann den Eindruck bekommen, dass nicht nur Carpio, der, nach dem Sprung über das große Wasser bzw. die Vergangenheit, ängstlich fürchtet, die Schatten dieser könnten ihn einholen, sondern selbst der Prayer-Man teilweise eine Spiegelung des Autors ist: immerhin wirft er ihm die salbungsvolle, plakativ vorgetragene Frömmigkeit, zu der er selber zunehmend neigt, vor, und zeigt sie in ihm auf bizarre Weise gleichsam wie in einem Vergrößerungsglas; ganz verblüffend ist dann, dass ausgerechnet der Prayer-Man Mays geliebtes Weihnachtsgedicht offenbar in voller Länge vorträgt, er hat es sozusagen raubkopiert, auch das eine Anspielung auf eigene kleine Sünden. Auch die lange Auslassung über abschreibende Schriftstellerkollegen geht so gesehen in diese Richtung.

Interessant ist die Frage, inwieweit May sich solcher Spielereien bewusst war. Es ist schon atemberaubend, wenn er Carpio an einer Stelle mitteilt, der Schriftsteller sei nur ein Teilaspekt seiner Persönlichkeit, und den armen Kerl später oben im Schnee sterben lässt, als wolle er die eigene Vergangenheit, die eigenen Schwächen und Verfehlungen gleichsam mit einem konsequenten Schritt loswerden.

Bestattet wird Carpio im Grizzlyfell (!!) "Es ist das zwar auch so eine Art von Konfusion und Verwechselung, denn so sollten eigentlich wohl nur berühmte Krieger begraben werden, aber ich bin das doch gewöhnt, und dies wird ja wohl die letzte hier auf Erden sein."

Auf der ersten Seite der Erzählung findet sich ein Satz, den man für eine Stilblüte halten könnte, man musste auch schon entsprechendes lesen, der Satz drückt aber sehr schön ein tiefes Verständnis für Dinge aus, die man religiöses Empfinden nennen kann, Schöpfung, Gott, jeder wie er mag. „Und wo im Norden keine Palmen wehen, da haben ihre Wedel sich in Tannenzweige verwandelt“ ...

Wie herrlich g'schlampert, im Ausdruck chaotisch und aberwitzig der alte Schluri aber gleichwohl auch in diesem Band wieder sein konnte, sei auch gleich demonstriert:

"Ich habe schon früher irgendwo einmal das Gefühl beschrieben oder vielmehr zu beschreiben versucht, welches so ein Krafthieb hinterläßt; ich bitte also, auch zu schlagen, aber gefälligst nicht mit dem Kolben, sondern diese Stelle nachzuschlagen! Da lobe ich mir meinen Jagdhieb mit der Hand! Er erreicht ganz denselben Zweck ohne das belästigende Gefühl hinterher,..."

Ein verblüffendes Buch, das man unbedingt in der Originalfassung lesen sollte, da gerade bei diesem Werk in der Bearbeitung (seltsamerweise offenbar ausgerechnet seitens Hans Wollschläger ...) seitenweise so manches gestrichen wurde, was man für entbehrlich hielt ...

 

Erstes Kapitel – Einleitung

Weihnacht – „Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort!“ Wenn ein Schriftsteller ein Wort zwei mal schreibt, dann kann man davon ausgehen, daß er sich dabei etwas gedacht, es seinen guten Grund hat. Schulmeistergemüter pflegen in solchen Fällen indes gern kritisch von Wortwiederholung zu sprechen, von schlechtem Stil usw., oder gar das betreffende Wort bearbeitenderweise einmal wegzustreichen. Und selbst wenn es sich offenbar nicht um ein solch geartetes Gemüt handelt, sondern um Hans Wollschläger höchstselbst: auch er sollte das nicht tun.

Inhaltsreich, nämlich: geweihte Nacht, Weih-Nacht. Darüberhinaus sicher von individuell unterschiedlicher 'Besetztheit' im 'Guten' wie im 'Schlechten' ...

[Apropos] 'Besetztheit', „auch für den Zweifler bedeutet es eine alljährlich wiederkehrende Zeit allgemeiner Festlichkeit, der Familienfreude und der strahlenden Kinderaugen“ ... wie ein kleines Gleichnis, für den einen hat es durchaus tieferen Sinn, für den anderen ist es sozusagen Kinderunterhaltung, so geht es auch mit den Büchern Karl Mays zu ...

„Und wo im Norden keine Palmen wehen, da haben ihre Wedel sich in Tannenzweige verwandelt“ Dieser Satz vermittelt etwas, nämlich die Botschaft vom Göttlichen [oder profaner ausgedrückt vom Leben] in all seinen Erscheinungsformen, hier Palmwedel dort Tannenzweige, und ist beileibe keine Stilblüte, wie auch schon zu lesen war ... Unverständnis und Ignoranz sind halt auch [und gerade] in Sachen Karl May nicht endenwollend ...

„Zwei Bibelworte sind es vorzugsweise, welche, als ich noch ein kleiner Knabe war, aus dem Munde der alten, frommen Großmutter einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich machten. [...] Thatsache ist, daß diese Verse noch heut zu meinen Lieblingsbibelsprüchen zählen.“ Nämlich „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich aus dem Grabe auferwecken“ und „Siehe, ich verkündige Euch große Freude - - - denn Euch ist heute der Heiland geboren - - -“ Illusionen mögen zertrümmert werden (und das ist auch gut so ...), Urvertrauen (oder wie immer man es nennen mag ...) kann überleben.

„Als er mit hohlem Geräusch hineingefallen war, sah ich den Kasten noch lange an.“ Hier hat oben erwähnter Stilblütenbemerker nun leider Recht, dieser Satz, lieber Karl May, ist Dir ein wenig verunglückt (und damit dennoch eben nicht ohne Reiz).

In Zusammenhang mit „Seiner gestrengen“ (der Schullehrer oder –rektor ...) wird ein aberwitziges Scherzchen eingestreut, das man leicht überlesen kann und das einmal mehr (hier eher humoristisch unterlegt) für so etwas wie die gebrochene Wahrnehmung der Welt steht: „hatte mir zwar immer wohlgewollt und manche Härten meiner Lage zu mildern gesucht; er ließ mich sogar seinem Sohne wöchentlich zwei Stunden Nachhilfsunterricht erteilen“ ...

„in meinem Innern aber schneite es schwere, große Flocken, nicht hellen Schnee, sondern es war ein ganz anderer und viel dunklerer Stoff“, das tat es oft, hier dürfte es ironisch gefärbt gemeint und auch bewußt entsprechend formuliert sein.

„May!“ Spätestens ab „Satan und Ischariot“ war die Gleichsetzung klar.

“Was ich für ein Gesicht gemacht habe, das weiß ich nicht, denn nur er hat es gesehen und mir nichts darüber angedeutet.“ Diese hemdsärmelige, flappsige Leichtigkeit & Selbstironie ... sehr hübsch. Einige haben für so etwas ja gar kein 'Ohr' und kleben verständnisfrei an den 'Fakten' ...

Redakteure bekommen aus dem Munde des Pädagogen hübsch ihr 'Fett weg', „Ich hätte die Fehler angestrichen, die noch drinstecken und von dem Redakteur gar nicht bemerkt worden sind. So ein Mensch weiß ja gar nicht, was zu einem guten Gedicht gehört; woher sollte er es auch wissen?! Kuh - - Muskate - -!“

„Was! Er hat radiert?“ – „Ja, er hat radiert, um Fehler hineinzumachen; die Absicht können Sie sich wohl denken!“ Das könnte eine (freilich etwas bemühte ...) Anspielung auf Münchmeyer sein ... nicht die letzte Anspielung auf Autobiographisches in diesem Buch.

„Ich meine, daß Ihnen ernste, fromme Themata am besten glücken werden; das liegt überhaupt auch so in Ihrem ganzen Wesen“ sagt der Kantor. Ja, und daneben 'Jux und Dollerei', alles zu seiner Zeit. (In einigen zeitgenössischen Internetforen wäre Karl May mit dieser seiner Mentalität freilich ein ungern gesehener sowie zu großen Teilen nicht ernstgenommener Gast ...)

Der Kantor erweist sich als früher Bearbeiter, und Autor bzw. Komponist May reagiert auffallend gelassen, „Direkte Fehler, sogenannte Begehungssünden, kommen in Ihrer Motette nicht vor; sie ist da sauber geschrieben. Aber die Übung fehlt, die Gewandtheit, die Inspiration. Denken Sie sich einen guten Sonntagsreiter und dann einen Schulreiter im Cirkus! Der Sonntagsreiter in der Komposition sind Sie; es fehlt Ihnen die hohe Schule; Sie kennen Ihr Pferd nicht und auch nicht die verschiedenen Hilfen, die Sie ihm geben müssen. So etwas will nicht nur angeboren, sondern auch gepflegt und geübt sein. Ein geübter Reiter der hohen Schule würde Ihre Motette ganz anders ein- und zugeritten haben. Verstehen Sie mich?“ – „Ja, Herr Kantor. Ich sitze zu steif im Sattel und habe zwar körperliche aber nicht auch geistige Fühlung mit dem Pferde.“ – „So ist es; ja, so ist es ganz genau! Darum habe ich, wie Sie später wohl merken werden, einigen Ihrer steifen Figuren mehr Gewandtheit verliehen. Sie werden mir das, wenn Sie die Motette erst singen hören, nicht übelnehmen“ ...

„Nehmen Sie das Leben auch fernerhin so ernst wie jetzt“ ... Nämlich manchmal überhaupt nicht recht, mag man gedanklich hinzufügen.

„Er war ein Ehren- und humaner Mann, verlegte aber seine Welt nur in das kleine Notenzimmer, weil er auf Familienglück hatte verzichten müssen. Man kannte seine Frau als arge Xantippe“ ... ein gutes Stück Karl May auch im Kantor. Wie in Carpio, im Prayer-Man ... Aber dazu später.

„Welche Sorte ich wohl wählen und wie hoch im Preis ich gehen dürfe, das beschäftigte mich sehr lebhaft täglich in der halben Viertelstunde, welche dem Einschlafen voranzugehen pflegte! Du glückliche Zeit, wie lange bist du vorüber und niemals, niemals zurückgekehrt!“ Das schreibt einer, der auf dem Gipfel seines Ruhms steht, und „äußerlich“ jetzt alles hat ...

„Die nun folgenden Verweise und anderen Strafen erreichten zwar ihren Zweck, hatten aber leider für mich die Folge, daß ich, der vorher so Vielumworbene, nun wie eine Selters- unter lauter Champagnerflaschen gemieden wurde, was den ebenso wohlbegründeten wie unerschütterlichen Vorsatz in mir wachrief, meine etwaigen Gedichte auf alle Fälle erst nach meinem Tode erscheinen zu lassen.“ Seltsam gebrochen ... seine Gedichte, eine Herzensangelegenheit, die er durchaus recht ernst nahm, karikiert er hier selber, darüberhinaus wirkt die Stelle wie eine Prophetie in Sachen Münchmeyer-Prozesse und auch „Babel und Bibel“ ...

Sein Reisebegleiter wurde „Carpio genannt, weil Karpfen bekanntlich auch nicht gern viele Worte machen.“

„Gewöhnlich marschierten wir auf dem Gebirge zwischen Sachsen und Böhmen hin. Wir konnten uns da einbilden, die Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien oder gar den Himalaya zwischen Tibet und Indien zu durchwandern. Wir hatten da Städte und Dörfer, Berge und Thäler, Felsen und Wiesen, Flüsse und Bäche, Sonnenschein und Regen, kurz, alles, was unser Herz begehrte. Mehr konnten wir nicht verlangen und auch in keiner andern Gegend finden. Dieser Schauplatz unserer Weltreisen war uns lieb geworden“ ... Hier verrät er ein wenig das Patentrezept aller seiner „Reiseerzählungen“.

„Es giebt derartige Menschen, wie der Gendarm den Franzl beschreibt - Schulmeister studirt! - sie besitzen keine akademische Bildung, denken aber vielleicht, noch mehr als das zu können.“ Ja, die gibt es.

„Sappho! Da kommt es doch ans Tageslicht, was ich verschweigen wollte!“ ...

„Der mir liebe, immer ernste und stets fleißige Freund besaß einige Eigenschaften, welche leicht seine ganze Zukunft in Frage stellen konnten. Er war zunächst von einer geradezu kindlichen oder gar kindischen Harmlosigkeit, die keine Thatkraft aufkommen läßt und alles womöglich beim Schwanz anstatt beim Kopfe anfaßte.“ Daß Carpio in hohem Maße Selbstspiegelung ist, ist klar. Darüberhinaus ist er natürlich AUCH der Schulfreund, das eine schließt das andere ja keineswegs aus. Diese Dinge vermischen sich, verschwimmen, variieren ... Wer simpel nach Schema F interpretiert, z.B. Pedehr = Fehsenfeld usw., der irrt. Die Figuren sind mal dies und mal das, mal mehr und mal weniger, je nach Drehung des Prismas.

„Ich gab es also auf, ihn zu ändern; suchte seine Eulenspiegelstreiche soviel wie möglich zu vertuschen und gab mich, wenn ich mit ihm allein war, ebenso kindlich unbeholfen wie er selber. Dadurch hatte ich ihn wahrscheinlich noch fester als früher an mich gekettet.“

„Er glaubte, selbständig zu handeln; in Wirklichkeit aber war ich es, nach dem er sich richtete, ohne es zu wissen.“ Dieser Satz läßt sich sowohl auf zwei Personen als auch auf unterschiedliche Anteile innerhalb ein und derselben Person beziehen.

Vom Franzl-Wirt wird im Dialog gesagt, daß er „ein sogenannter guter Kerl ist“. Sehr hübsch. Rein gute Kerle gibt’s halt ebensowenig wie rein schlechte, th’is clear.

„Wollen wir diesen Franzl mit Reimen anulken?“ – „Der Gedanke ist nicht schlecht; ich werde mein möglichstes thun. Aber wenn er es sich nun nicht gefallen läßt?“ – „Da halten wir inne und werden rasch vernünftig.“ Das ganze Leben ist ein Spiel, die Welt eine Bühne, Verhalten beliebig varier- und anpaßbar.

„Wir haben, wie ein jeder sieht - - nicht Appe= sondern Trinketit!“ Hat er das nicht auch mal irgendwo ins Gästebuch geschrieben ?

„Ich bin ein Dichter, aber nicht - - für jeden mach ich ein Gedicht“ Die spezielle Anordnung des Inhalts in der Form sorgt hier für Doppeldeutigkeit ...

Auch der Franzl hat ein wenig von Karl May: „Dieses sein Latein machte mir riesigen Spaß. Da er nur Sprichwörter brachte, nahm ich ihn sehr stark in Verdacht, sie irgend einem alten Verzeichnisse entnommen und sich eingeprägt zu haben, um sie gelegentlich loszulassen und als Lateiner zu gelten. Den lateinischen Text hatte er sich gemerkt, aber nicht den Sinn desselben, und so durfte man sich nicht darüber wundern, daß er sie meist grad dann in Anwendung brachte, wenn ihr Gebrauch zum Unsinn wurde. Es giebt solche eigentümliche Menschen, und er ist nicht der einzige dieser Art, den ich kennen gelernt habe.“

„Welche Schule er besucht und welchen Bildungsgang er hinter sich hatte, das konnten wir nicht erfahren; er schien Gründe zu haben, nicht davon zu sprechen, und wir waren nicht so rücksichtslos, ihm darauf bezügliche Fragen vorzulegen.“

„Er faltete den Zettel auseinander, schüttelte den Kopf, gab ihn, nämlich den Zettel und nicht etwa den Kopf, dem noch anwesenden Polizisten hin“ ... Das ist Karl May: innerhalb eines Satzes beim Aufschreiben desselben eine selbstironische Anmerkung hineinbasteln und natürlich so stehen lassen ... Bearbeiter pflegen für so etwas kein Verständnis zu haben, oder halt einen anderen Geschmack ... (aber wen interessiert das Verständnisvermögen oder der Geschmack von Bearbeitern ...)

Der Erzähler widmet sich ausgiebig dem Essen von Fisolen (weißen Bohnen), das Thema Geist und Anima bzw. unterschiedliche Wesensanteile läßt sich halt auch ganz humoristisch locker angehen, „ich hatte mich nun einmal so tief in das Materielle versenkt, daß man mir eine schnelle Umkehr aus dieser geistigen Verfisolung nicht zutrauen durfte. All mein psychisches Können und Wollen war, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, in diesem Augenblicke schon so verlottert“ ...

Szenen einer Ehe, „Es verging eine ziemliche Weile, ohne daß die Wirtin wiederkam; da wurde nun auch Franzl wild; er stand vom Tische auf und ging in die Küche, aus welcher dann die durch die Thür unterdrückten Töne eines sehr unregelmäßig komponierten Duettes zu uns drangen. Im ersten Teile hatte der sehr erregte Diskant die Führung, während der Baß nur zuweilen in besänftigender Weise einfiel; dann aber änderte sich die Stimmführung allmählich, bis sich der Baß in sehr kräftigen Kadenzen produzierte und der Sopran seine Existenz in einem verschwindenden Triller aushauchte, dem wir es deutlich anhörten. daß die Wirtin der Küche durch eine zweite Thür Valet sagte.“

„Er fand für seinen Vortrag in Franzl einen sehr aufmerksamen, in mir einen sehr zerstreuten und in den drei Fremden gar keinen Zuhörer, denn diese waren zu sehr mit sich selbst und der Stillung ihres Hungers beschäftigt“ ... So ist das halt mit dem Vortragen und dem Publikum, sei es Schreiben, Sprechen, malen, musizieren, was auch immer ...

Auftritt des Alten, „Wir sind durch Sturm und Schnee und Frost gewandert, als überall in den warmen Stuben die Weihnachtsbäume brannten. Wir mußten weiter, immer weiter, von Ort zu Ort, ohne uns auch mit freuen zu dürfen. Ich habe euch kein Licht anzünden und nichts schenken können; ihr mußtet frieren und hungern während der heiligen Tage, und da ich euch nicht auch noch mit Thränen betrüben wollte, weinte ich sie in mich hinein.“ Eigentlich müßig, es noch zu sagen: auch in ihm wieder ein gehöriges Stück Karl May ...

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Beträchtlicher Ernst beherrscht plötzlich die Szene. „Welchen Eindruck machte die jetzige Situation gegen die kindische Heiterkeit, welche vorher hier geherrscht hatte!“ Aber beides darf sein, ggf. auch gleichzeitig ...

Der hereingetragene Christbaum erscheint wie ein Symbol, Trost und Hoffnung sterben nie, inmitten des [scheinbar] größten Elends. „War das der Reflex des brennenden Weihnachtsbaumes? Oder war es der Schein einer höhern Klarheit, welche jetzt sein Herz erleuchtete?“

„Ich sehe ihn; ich sehe seinen Stern; ich sehe das Licht, welches da leuchtet auf den Feldern von Bethlehem!“ Wer keinen Zugang dazu hat, nennt es vielleicht Kitsch ...

„Blicke auf dein Kind hernieder, das sich sehnt nach deinem Licht; - - der Verlorne naht sich wieder; - - geh mit ihm nicht ins Gericht! - - - Nicht, nein, nein! - - nicht ins Gericht!“ Das erinnert beträchtlich an „Ich will kein Gericht, ich will Liebe!“ – „Es wird Liebe geben, nur Liebe“ aus „Der große Gott Brown“ von Eugene O’Neill (seinerzeit 1977 in der Aula der Folkwang-Hochschule in Essen-Werden von Reiner Ricklefs und Katharina Schütz "überzeugend vorgetragen").

Auch eine Anspielung auf den Kerzendiebstahl fehlt nicht, „Ich steck' nachher neue Lichte in die Dillen; die brennen wir an und löschen sie wieder aus, wenn sie halb herunter sind. Da denkt sie, es sind die alten. Pfiffig muß man sein, pfiffig, sag ich Ihnen“ ...

„Sind Sie wirklich der Verfasser dieses Gedichtes, Sie junger Mann?“ Und dann „Ich bejahte diese Frage mit dem bekannten, sanften Erröten, welches ein Zeichen jener verdienstvollen Bescheidenheit ist, die jeden zeitgenössischen deutschen Dichter ziert.“

Auf eine rhetorisch-‚scheinheilige’ Frage der Wirtin an ihren Mann heißt es „fragte sie ihn in einem eigentümlich freundlichen Ton, dessen Bedeutung ich damals noch nicht kannte“. Die autobiographischen Anspielungen geraten teilweise mehr oder weniger dezent ...

Die gekränkten armen Leute verhalten sich nicht so, wie andere das gerne hätten, „Da ist sie fort, hinaus mit ihrem Knaben! Klang das, was sie sagte, nicht etwas stolzer, als so ein nicht bezahlender Gast eigentlich sein darf, meine Herren?“ Da haben wir es ... Wie war das gleich noch mal mit dem „sogenannten guten Menschen“ ... (Es kommt (s.u.) noch dicker in der Hinsicht, so daß es einem weit über hundert Jahre nach Entstehung einer erfundenen Geschichte die Empörungsröte (gegen das durchaus so mildtätige Wirtsehepaar !) ins Gesicht treiben kann.)

Carpio läuft zur Form eines Hadschi Halef Omar auf, „Ich habe alle zehntausend Niederträchtigkeiten des Erdenlebens in diesen beiden Stunden durchgemacht und bin davon so vollständig befriedigt worden, daß ich satt genug für immer bin. Das Nikotin ist ein Drache, der mich niemals wieder in seine Krallen bekommen soll, und das Alkohol eine Schlange, die ich zähmen werde, weil man doch nicht für immer von ihr loskommen kann, denn sie taucht in hunderterlei Arten auf, die oft gefährlich, zuweilen aber auch nützlich sind.“

Der Erzähler erweist sich (hier ironisch gebrochen) als von bibelfest-prophetischem Gemüt, „die Hauptsache ist, daß du höchst wahrscheinlich heut in der Nacht gestohlen haben wirst, ehe der Hahn zum drittenmal kräht.“

Und in jedem Scherzchen steckt ein wahres Kernchen, „Lache nicht, oh du mein armes Schmerzenskind! Wer bei dem Gedanken an die Sünde so leichten und fröhlichen Herzens sein kann, wie du bist, der ist ihr bereits verfallen.“ [...] „so steht dir die schwerste Versuchung nahe, da in jeder Wurst ein Satan wohnt und der oberste der Teufel die Gewohnheit hat, grad die frömmsten Herzen mit geräuchertem Schinken zu bombardieren.“ Joseph Roth sah das ähnlich, das mit dem Satan, nicht nur in der Wurst. (Falls sich jemand fragt, ob das jetzt seitens Schreibers dieses scherzhaft oder ernsthaft gemeint ist, einmal mehr: beides. Gleichzeitig.)

„Ja, denn es ist für die Gesundheit stets besser, der Nachtwächter zu sein, der die Nachtwacht in der Vormitternacht gewacht gehabt hat, als der Nachtwächter, der die Nachtwache in der Nachmitternacht gewacht gehabt hat.“ Gruß von Fischers Fritz.

Die Armen haben, warm wird's ums Herz, den Wirtsleuten deren Taler wieder hingelegt (na klar !), nur den einen vom Erzähler haben sie behalten ... „Was sagen Sie zu so einer Undankbarkeit und Schlechtigkeit?!“ erdreistet sich der hier ins hornochsenmäßig unsympathisch dumme abgleitende Franzl zu fragen, und der Erzähler beschränkt sich zurückhaltenderweise auf „Ich war damals noch sehr jung und durfte von Menschenkenntnis nicht sprechen; aber dennoch kam mir der Gedanke, daß ich an Stelle der Frau wahrscheinlich nicht anders gehandelt hätte als sie. Es war Stolz, ob Bettelstolz oder - -? Ich hütete mich natürlich, meine Meinung zu äußern, mußte aber während des ganzen Tages an die armen Menschen denken und an die tiefe Wirkung, welche das Gedicht auf den Greis hervorgebracht hatte. Am liebsten wäre ich ihnen nachgegangen, um ihnen zu sagen, wie sehr sie mir durch die Zurücklassung der Geschenke imponiert hatten. Bei ihrer traurigen Lage war diese Verzichtung ein Opfer, dessen Größe unsere Gastfreunde leider nicht begriffen.“

Hinauf nach Graslitz ... das erste Kapitel kann man durchaus auch als eigenständige Geschichte betrachten. Dieses Hinauf durch Eis und Schnee wiederholt sich in vergleichbarer Weise dann später gegen Ende des Bandes.

Die zahlreichen lateinischen wortspielerischen Scherzchen vermag man als Nichtlateiner leider nicht nachzuvollziehen, aber so ist das halt, auch mit anderen Dingen, nicht jeder versteht alles ... das wäre ja auch, sozusagen, noch schöner.

Carpio hat Quarkkuchen gestohlen, „Also, du denkst nicht, daß sie zornig auf mich sind?“ – „Nein, das denke ich nicht. Trotzdem aber können wir nicht wieder hin zu ihnen. Es bleibt an deiner Ehre doch immer ein Stück von dem Quarke kleben, welches nicht wegzubringen ist. Wollen die Sache auf sich beruhen lassen und machen, daß wir von hier fortkommen!“ Der Erzähler hat so seine eigene (durchaus variierende ...) Art, die Dinge zu betrachten ...

„Das sah schon von außen ganz wie Hunger aus.“ Schöner Satz. Andere werden es vermutlich wieder als unbeholfen, holperig, inkorrekt, eine Stilblüte, sonst etwas ansehen.

Sterbeszene, „Der Knabe schluchzte zum Erbarmen; seine Mutter regte sich nicht; sie blieb stumm, stumm, wie der Schmerz in seiner größten Tiefe immer ist.“ Authentischer und beeindruckender jedenfalls als manchmal theatralisches, per TV übertragenes Klagegeschrei alter Damen („Weiber“ schreibt man ja nicht mehr ...) ...

„Es wurde still, stiller als vorher. Nicht einmal das Feuer schien knistern zu dürfen.“

Der Erzähler gibt sein letztes Geld, nicht ohne „Geben Sie das aber ja nicht für das Begräbnis her!“ hinzuzufügen. Sehr schön.

„Was ich dabei dachte? Nichts, gar nichts. Ich hatte wie unter einer Eingebung gehandelt und bereute nicht, es gethan zu haben.“

 

Zweites Kapitel – Der Prayer-man

„Eine Reihe von Jahren war nach dem bisher Erzählten vergangen; das Leben hatte mich in seine strenge Schule genommen und aus dem unerfahrenen Knaben einen Mann gemacht. Aber die Härte, mit welcher es mich behandelte, war eine nur scheinbare, denn ich hatte mir ja meinen Weg selbst vorgezeichnet und neben all den Anstrengungen und Entbehrungen, welche mich trafen, auch Freuden und Genugthuungen gefunden, die mir bei einem andern, ruhigeren Lebensgange versagt geblieben wären.“ So ist das.

Und dann kommt er ganz unvermittelt mit Winnetou und Old Shatterhand, da ist ein Bruch zwischen dem ersten und dem zweiten Kapitel. Das erste läßt sich, wie schon geschrieben, auch als eigenständige Erzählung lesen.

Schreibende Kollegen kriegen ihr Fett weg. „Der Inhalt bringt ein fortwährendes Blutvergießen; jede Person, mit welcher der Verfasser nichts mehr anzufangen weiß, läßt er ermorden; da ist er sie doch los. Die Namen sollen indianische sein, kommen aber in keiner einzigen Sprache der Erde vor, weil er sie alle erfunden hat.“ Es klingt, als ob er über eigene Werke spricht ...

In Sachen unliebsame Konkurrenz wird kein Blatt vor den Mund genommen und deftiges Sascha-Schneider-Vokabular benutzt, „Der Verleger ist zwar in Beziehung seiner Kenntnisse über die Indianer ebenso ein Idiot wie der Verfasser, aber ein gewandter Geschäftsmann und wird Tausende von Exemplaren verkaufen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, daß er den wohlberechtigten Wissensdurst der Jugend benutzt hat, sein ungesundes Mischmasch zu teurem Preise an den Mann zu bringen.“

Und deutliche Worte zum Thema Vereinigte Staaten von Amerika fließen bei der Gelegenheit auch ein, „so würde es nicht Tausende und Abertausende von armen, roten Männern geben, welche, hungernd und frierend, ihre Blöße kaum bedecken können und als körperlich und moralisch heruntergekommene Bettler und Vagabunden vor den Thüren derer herumstreichen, von denen sie um alles, was sie früher besaßen, gebracht worden sind.“

Dann ein längerer Exkurs zum Thema Borgen, bei dem man vielleicht gelegentlich an Fehsenfeld, Vorschuß usw. denken mag.

Das wußten wir vorher auch noch nicht: „Sobald wir nämlich in eine bewohnte Gegend kamen, welche Postverbindung hatte, verwandelte ich mich aus dem Westmanne in den Schriftsteller. Meine Arbeiten wurden von jeder Zeitung gern aufgenommen und meist sofort und gut bezahlt. Diese Honorare waren es, welche mir meine Unabhängigkeit ermöglichten, und diese Zeitungsbeiträge sind es, welche den Reiseerzählungen zu Grunde liegen, mit denen ich seit einiger Zeit vor meine Leser getreten bin.“

„Es bedurfte nur der kurzen Benachrichtigung, daß Old Shatterhand da sei, so kamen die Besitzer der Newspapers, um Beiträge von mir zu verlangen. Ich befriedigte sie alle binnen drei Tagen“ ...

Er genießt wieder einmal sein Inkognito und läßt nebenbei fallen, daß er „kein Freund von neuen Bekanntschaften“ sei. Das verstehen wir ...

Interessant und durchaus sehr aktuell die naturheilkundlichen Ansichten des Hermann Rost, „Ich bin Mediziner, mag aber von Medizin, wie sie von unsern Ärzten verordnet und gegeben wird, nichts wissen. Ich bin vielmehr der Ansicht, daß der kranke Körper, wenn er überhaupt noch Lebensfähigkeit besitzt, keine fremden, wohl gar giftigen Stoffe in sich aufzunehmen braucht, um wieder gesund zu werden. Die durch die Krankheiten verursachten Störungen im menschlichen Körper müssen durch die Natur selbst wieder ausgeglichen werden, wobei ich aber keineswegs behaupte, daß diese Ansicht auf alle Krankheiten und auf alle Arzneimittel anzuwenden sei. Ich habe mir vorgenommen, auf diesem Wege weiter zugehen, und bin der Meinung, daß die sogenannten wilden Völker, weil auf die Natur angewiesen, Anhänger meiner Überzeugung sind. Darum entstand in mir der Gedanke, nach dem Westen zu gehen, um bei irgend einem Indianerstamme meine Studien zu machen“.

Der Prayer-man erscheint, auch er wenn man so will eine Spiegelung eigener Mayscher Anteile. „Ich gehöre zu den Menschen, denen ihr Glaube höher als alle irdischen Angelegenheiten steht; aber das zudringliche Zurschautragen der Frömmigkeit ist mir verhaßt, und wenn jemand vor Salbung förmlich überfließt wie dieser Mann, so zuckt es mir in der Hand, und ich möchte ihm am liebsten mit einer Salbung anderer Art antworten.“

Und daß ausgerechnet dieser Mann dann Mays Weihnachtsgedicht in voller Länge vorträgt, ist in dem Zusammenhang apart ... „War es denn möglich, daß ich mein Gedicht, wirklich mein Gedicht da hörte? Oder war es ein anderes mit zufällig denselben Anfangsversen? Ich horchte weiter; ja, es war das meinige, Wort für Wort das meinige, welches er mit näselnder Stimme bis zu Ende deklamierte.“

„Ich war baff!“ Man schreibe so, wie einem der Schnabel halt gewachsen ist, stand schon irgendwo in „Im Lande des Mahdi“.

Und der Verfasser des Weihnachtsgedichtes war, so der Prayer-man, „ein berüchtigter Pferdedieb“ ...

Verbrannt will er sein Werk mit dem verfälschten Drumherum sehen, auch das hat einen kräftigen autobiographischen Bezug ...

„Mein Gott! Ist denn diese Zeit noch immer nicht versunken und vergessen? Geht die Grausamkeit des Schicksales so weit, uns selbst hier, an der Grenze des wilden Westens, noch zu verfolgen? Haben wir denn nicht schon genug unschuldig gelitten, daß selbst nach so langer Zeit das Gespenst der Vergangenheit sich aus dem Grabe erhebt und uns wieder drohend entgegentritt?“ Das sagt Frau Hiller, ist aber thematisch natürlich auch wieder May ...

„Mir hat zum Beispiel die sehr löbliche 'San Francisco-Abendpost' meine Werke nachgedruckt, ohne es nur der Mühe wert zu halten, mich wenigstens davon zu benachrichtigen oder mich dann auf meine wiederholten Anfragen auch nur einer einzigen Antwort zu würdigen.“ Daß diese Zeitung May-Texte gebracht hat, stimmt übrigens tatsächlich.

Und noch einmal in Sachen Pseudo-Religiosität, man darf getrost auch an einige zeitgenössische mediale Erscheinungen denken, „wo die Frömmigkeit nur gleisnerische Außensache ist, pflegt sie nur als Deckmantel der Habsucht und noch schlimmerer Eigenschaften zu dienen.“

„Wer trotz dieser seiner Armut und ohne sich zu besinnen all sein Geld einem noch Bedürftigeren giebt, der bereut das nie, der wird stets mildthätig bleiben, denn sein offenes Herz ist eine herrliche Gottesgabe, um welche ihn selbst die größten Härten des Lebens nicht zu bringen vermögen.“ Das läßt der Verfasser, wohlgemerkt, eine andere Person über sich sagen ... Und schreibt es hin. Und da wird es interessant. Man kann natürlich sofort an Gartow denken ... Ja, er hatte dieses offene Herz, und: er scheute sich nicht, sich in dieser Weise 'selbst zu loben', warum auch, das eine schließt das andere ja keineswegs aus ... (Wir können freilich das Prisma auch ein wenig drehen und sowohl diese Angelegenheit hier als auch die in Gartow durchaus kritischer betrachten ... Dann wären wir z.B. bei Großmannssucht, Protzerei, Aufhebens machen, glänzen wollen ...)

„Da leuchteten plötzlich mitten in all diese unbeschreibliche körperliche und seelische Armseligkeit hinein die Kerzen des Tannenbaumes in Falkenau, und wie aus Gottes eigenem Munde vom weihnächtlichen Himmel herab erklangen uns die Worte Ihres Gedichtes“ ... So kann man das beim Lesen der Passage im ersten Kapitel schon empfinden, und es ist keineswegs 'Kitsch', auch wenn es vielen durchaus schwerfallen mag, das zu erkennen ...

Diese ganze lange Rede der Frau ist sehr lesenswert.

„Ihr Blick war, wie damals in der Mühle, wie durch die Mauer hindurch ins Weite gerichtet, aber mit einem so ganz, ganz anderem Ausdrucke. Damals seelenlos, stier und leer, besaß er heut Leben, Licht und Energie. Damals auf eine trostlose Wüste des Elends, der Erbärmlichkeit gerichtet, sah er jetzt die Errettung aus diesem Jammer hinter sich, und vor sich vielleicht noch immer die fernen Strahlen des kleinen Weihnachtsbaumes, der sein Licht so unerwartet auf den mühseligen Pfad der Unglücklichen geworfen hatte.“

Die Frau rückblickend: „Meine Thränen rannen nach innen und drohten, den mir von Ihnen gekommenen Weihnachtsschimmer wieder zu verlöschen.“ Sehr schön.

„Herr, das Wort Geld ist ein gemeines, ordinäres Wort, aber ich sage Ihnen: Als ich die Silberstücke zählte, wurde es bei jedem einzelnen, welches ich zu den andern legte, lichter in mir. Ich dachte in diesem Augenblicke nicht an die Größe Ihres Opfers, sondern nur daran, daß es mir Rettung brachte. Es kam wie eine Erlösung über mich“ ... Wir denken an Marah Durimehs Amulett und die überstandene Pest in Band 3.

„Und so ist es geblieben bis zum heutigen Tage. Reden Sie mir nicht darein, sondern lassen Sie mir diesen wohlthuenden Glauben, daß mein Vater von Gott die Erlaubnis hat, unsichtbar bei mir zu weilen, um mich zu leiten und meinen Fuß vor Anstoß zu bewahren! Wenn Gott seine Engel sendet, die uns zu beschützen haben, können wohl auch unsere Abgeschiedenen, die uns durch ihre Liebe doch am nächsten stehen, solche Engel sein! Während die Heerscharen des Himmels seinen Thron umschweben, um ihm Halleluja von Ewigkeit zu Ewigkeit zu singen, steigen die Geister unserer Lieben auf und ab, um seine Befehle auszurichten und uns in ihren Schutz und ihre Hut zu nehmen. Ich möchte nicht um alles diese Überzeugung missen, die mir im Leiden Kraft gewährt, mich in der Einsamkeit tröstet und mir die frohe Hoffnung bietet, daß ich meinen Sohn mit meinem Tode nicht verlassen werde.“

Es folgt ein längerer, interessanter und wirklich sympathischer Exkurs zum Thema Gastfreundschaft. ... „und glauben dann auch noch, daß er ihnen Dank schuldig sei.“ Sehr schön.

„Das ist die Art der Gastfreundschaft, vor welcher mir graut, und bei der jeder vernünftige und freiheitsliebende Mensch in das Stoßgebet ausbricht: Herr, bewahre mich vor meinen Freunden; vor meinen Feinden kann ich mich schon selber schützen! Für solche Leute bin ich ein, wenn auch erst willkommener, dann aber sicher heimlich fortgewünschter Gast; ich halte es eine Weile aus, werde dann aber, wenn es sich nicht ändert, unangenehm, denn es hat jeder Mensch nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht, sich seiner Haut zu wehren.“

Auftritt Watter, von dem der Erzähler wie so oft verkannt wird, „kurz und gut, denkt Euch grad das Gegenteil von dem, was Ihr seid und was Ihr könnt, so habt Ihr Old Shatterhand grad vor Euern Augen!“

In der „Reihe von Westmännern“ welche mit Winnetou und Old Shatterhand geritten sind, werden seitens des Erzählers u.a. auch „die beiden Snuffels“ genannt ... nur sind das halt sicher die, die (sonst 'Snuffles' geschrieben) Old Shatterhand (im „Silberlöwen“) erst nach Winnetous Tod kennenlernt ... So ist das schon mal in der Literatur, auf solche Dinge kommt es halt gar nicht an. Ein Widerspruch, na und ?

„Was mich betrifft, so wollte man mich in Beschlag nehmen; man schlug vor, daß alle sich an einem Tische zusammensetzen möchten; ich brachte aber irgend eine glaubhafte Entschuldigung vor und ging auf mein Wohnzimmer, um dort den Tisch zur Arbeit herzurichten, denn ich hatte vor, trotz des Ballgeräusches die Nacht hindurch bis zum Morgen zu schreiben.“ („Chess is better“, Robert Fischer)

„Sie dürfen das, was ich sage, nicht so schwer nehmen, Mrs. Hiller. Ich halte es für notwendig, daß ich gegen Sie aufrichtig bin, denn ich muß Ihnen die Schatten zeigen, damit Sie die Lichter umso besser erkennen.“ Ein gutes, wesentliches Prinzip, das die Leute im Allgemeinen aber nicht nachzuvollziehen, nicht zu vertragen und nicht wertzuschätzen pflegen ...

„Ich habe nämlich die eigentümliche Gewohnheit, eigentlich ein deutscher Schriftsteller, nebenbei aber auch Old Shatterhand zu sein.“ Das ist zum einen die Gleichsetzung und hat zum anderen auch einmal wieder mit dem Thema Anteile zu tun ...

Der junge Hiller erweist sich sozusagen als ein May-Fan par excellence, „Ich habe weder nach rechts noch nach links geschaut und mir keine andere Erholung gegönnt als nur die, daß ich die Blätter las, in denen von Winnetou, dem Häuptling der Apatschen, und seinem weißen Freunde und Blutsbruder geschrieben wurde. Oder ich ging hier zu Bekannten, bei denen man von diesen zwei Westmännern und ihren Gefährten erzählte.“ (Man beschränke sich indes eher auf die Lektüre, die diversen 'Bekannten' pflegen machmal denn doch nicht allzuviel von der Sache zu verstehen ...)

Zur Formulierung „da in mir aber zu gleicher Zeit auch Old Shatterhand mit steckte“ siehe vorvoriger Abschnitt ...

„Ganz sonderbarerweise stand es bei beiden ganz fraglos fest, daß wir ihnen nicht bloß mit unserm Rate sondern auch durch die That beistehen würden. Sie sprachen von Winnetous und meinem Ritte hinauf zu den Kikatsa-Indianern wie von einer ganz und gar selbstverständlichen und fest beschlossenen Angelegenheit, über welche es gar keinen Zweifel geben könne. [...] Um die Wahrheit zu sagen, war ich, ohne daß ich es verriet, gar nicht abgeneigt, diesen braven Leuten beizustehen, [...] aber immer und immer wieder nur für andere leben und nur für andere wagen, daß wird einem doch auch einmal genug“ ...

Wenn aber, dann wird es keine große Angelegenheit für eine größere Allgemeinheit sein, „bei einer großen Gesellschaft aber giebt es viel Köpfe und viel Sinne, und es giebt da Ärgernisse, Fehler und Dummheiten, über welche man aus der Haut fahren könnte.“ (So ist das, ganz allgemein, und man tut in der Tat nicht schlecht daran, sein Leben im Großen und Ganzen wenn möglich alleine bzw. zu zweit zu verbringen ...)

„Unter mir klang die Musik; noch stärker drang sie zum offenen Fenster herein; um mir die frische Nachtluft nicht abzuschließen, ließ ich es offen, machte aber den Laden zu.“ Birnai an der Elbe ... (s.o.)

„Watter hing den Kopf.“ Über diese Formulierung wurde schon im Internet debattiert und gemußmaßt. Es handelt sich einfach um eine offenbar früher nicht unübliche, bei May des öfteren in ähnlicher Art vorkommende Angelegenheit.

Exkurs über mentale Stärke, „aber ich wußte und wußte es eben, daß dies nicht geschehen werde, und diese Zuversicht hilft nicht zum wenigsten zu dem Erfolg.“

„Man ist eben, wenn man Bekannte aufsucht, niemals sein eigener Herr!“ Stellen dieser Art kommen des öfteren vor in diesem Buch ...

Der Sheriff ist beeindruckt, „Ich bin erstaunt! Ihr, der Ausländer, scheint unsere Gesetze ja förmlich bis auf das Tüpfelchen auf dem i studiert zu haben!“ – „Das muß man auch, wie es scheint!“ Selbst ist halt der Mann ... (lieber 1 Straßenkarte als 3 (bis x) den Weg (schlecht und ggf. falsch) erklärende Menschen ...)

„Ihr seid nicht verhaftet, sondern ich bitte Euch, hier zu bleiben, bis ich wiederkomme. Wollt Ihr mir versprechen, dies zu thun?“ Im wirklichen Leben indes ging man mit Old Shatterhand nicht so zurückhaltend freundlich um ...

Auftritt Winnetous, „Du, du wagst es, Old Shatterhand, meinen berühmten Bruder, vor dem alle Scharen der roten und der weißen Krieger zittern und der lieber alles, was er besitzt, verschenkt, als daß er einen fremden Grashalm nimmt, einen Dieb zu nennen?“ Das ist nun ebenso unrealistisch wie albern, hier geht der Gaul des Kompensationsbedürfnisses mit unserem Autor ein wenig durch.

Auch die Äußerungen zu Winnetou geraten etwas grenzwertig, „ ... in der Gesamtheit seiner Vorzüge, seinen geistigen und seelischen Eigenschaften, welche in seiner fehlerlosen männlichen Schönheit eine köstliche Verkörperung gefunden hatten, daß sein Erscheinen überall, wohin er kam, Bewunderung erregte und dabei zugleich jene niemals ausbleibende Ehrerbietung erweckte, deren sofortige Folge stets der unwillkürliche Gehorsam ist.“

„ ... war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen, welche der süßesten Schmeicheltöne ebenso wie der furchterweckendsten Donnerlaute, der erquickendsten Anerkennung gleich so wie der schneidendsten Ironie fähig waren. Seine Stimme besaß, wenn er freundlich sprach, einen unvergleichlich ansprechenden, anlockenden gutturalen Timbre, den ich bei keinem andern Menschen gefunden habe und welcher nur mit dem liebevollen, leisen, vor Zärtlichkeit vergehenden Glucksen einer Henne, die ihre Küchlein unter sich versammelt hat, verglichen werden kann; im Zorne hatte sie die Kraft eines Hammers, welcher Eisen zerschlägt, und, wenn er wollte, eine Schärfe, welche wie zersetzende Säure auf den festesten Gegner wirkte.“

„Das Schönste an ihm aber waren seine Augen, diese dunklen, sammetartigen Augen, in denen, je nach der Veranlassung, eine ganze Welt der Liebe, der Güte, der Dankbarkeit, des Mitleides, der Besorgnis, aber auch der Verachtung liegen konnte. Solch' ehrliche, treue, lautere Augen, in welchen beim Zorne heilige Flammen loderten oder aus denen das Mißfallen vernichtende Blitze schleuderte, konnte nur ein Mensch haben, der eine solche Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters, und stete Wahrheit des Gefühles besaß wie Winnetou. Es lag in diesen seinen Augen eine Macht, welche den Freund beglückte, den Feind mit Furcht und Angst erfüllte, den Unwürdigen in sein Nichts verwies und den Widerspenstigen zum Gehorsam zwang. Wenn er von Gott sprach, seinem großen, guten Manitou, waren seine Augen fromme Madonnen-, wenn er freundlich zusprach, liebevolle Frauen-, wenn er aber zürnte, drohende Odins-Augen.“

Dieser so „unvergleichliche Mann“ geht mit seinem Pferd auf Watter los und haut ihm ein „Cojote“ um die Ohren. „Zurück, zurück, Mr. Winnetou! Das Pferd schlägt mir ja nach dem Kopfe!“ – „Wenn du gestehst, daß du ein Coyote bist! Bist du einer?“ – „Ja doch, ja! Ich bin alles, was Ihr wollt, sogar ein Coyote!“ Unsympathisch. Seitens Winnetou und May. „Und nun hinaus jeder, der Old Shatterhand, meinen weißen Bruder, beleidigt hat, hinaus! Hier ist nur Platz für ihn und seine Freunde! Hinaus!“ Größenwahn kommt vor dem Fall ...

Mit dem Sohn des Kantors von damals werden wir es zu tun bekommen im Wilden Westen, die Welt ist einmal mehr klein.

„Daß ich sie dennoch beschenkt hatte, sagte ich nicht, denn das Prahlen mit Wohlthaten liebte er ebensowenig wie ich.“ Es reicht ja wenn Scharen von Lesern es erfahren ...

„Als wir hinunter in den Hof kamen, stand dieser voller Menschen. Es hatte sich schnell in der Stadt herumgesprochen, wer hier im Hotel zu sehen sei, und nun waren sie gekommen, die lieben, neugierigen 'Sympathievögel', und wir wußten, daß sie uns nun bis zum Augenblicke unserer Abreise umflattern würden.“ Freuden und Leiden eines Vielgelesenen ...

 

Drittes Kapitel – Old Jumble

Thema Intuition, „Der Westmann eignet sich nämlich nach und nach einen, ich will sagen, sechsten Sinn an, auf den er sich ebenso wie auf die fünf eigentlichen Sinne verlassen kann. Es ist das eine Art geistigen Sehens oder Hörens, eine geheimnisvolle Art der Wahrnehmung, welche nicht von Licht- oder Schallwellen abhängig ist. Man möchte ihn den Ahnungs- oder den Vermutungssinn nennen, wenn Vermutungen und Ahnungen nicht etwas so Unbestimmtes wären, denn dieser sechste Sinn trifft das Richtige mit ganz derselben Sicherheit, wie das Auge einen vor ihm stehenden Gegenstand erfaßt.“

„Da sieht man aber wieder einmal, daß die Pfiffigkeit eines einzigen Westmanns vollständig ausreicht, um zehn der klügsten Ostmänner an der Nase auf das Glatteis zu führen!“

„Indem ich an dieses Wort dachte, ging es mir wie ein elektrischer Schlag, ich weiß nicht, ob durch die Seele oder durch den Körper.“ (Als er realisiert möglicherweise Carpio im Wilden Westen wiederzutreffen.)

Die 'Extragratifikation' kommt auch wieder einmal vor, hier beim Belauschen eines Gesprächs.

„Carpio war eines der vielen, vielen Opfer der landläufigen und doch so falschen Ansicht vieler studierter Väter, daß es eine Schande für sie sei, einen nicht studierten Sohn zu haben. Auch Väter, welche es zu einer guten Lebensstellung brachten, ohne eine höhere Schule besucht zu haben, und die nun doch wissen sollten, daß es viele Wege giebt, sich zu einer sogenannten, aber auch nur sogenannten, 'bessern Existenz' emporzuarbeiten, setzen einen Trumpf darauf, wenigstens einen ihrer Söhne irgend einer Alma mater womöglich mit Gewalt in die widerstrebenden Arme zu treiben.“

„Die arbeitsvolle, arme und doch so liebe, schöne Jugendzeit war vor mir aufgestiegen“ ... In „Mein Leben und Streben“ liest sich das denn doch etwas anders ...

„Winnetou nimmt uns von vorn, und Old Shatterhand“ ... Nein, nicht von hinten (eine solche Formulierung steht indes irgendwo in „Satan und Ischariot“), aber „von der Seite“.

Und wieder einmal (wie oft eigentlich im Gesamtwerk ? mindestens ca. ein halbes Dutzend Mal ...) wird unser Held der Ich-Erzähler angespuckt, diesmal von Herrn Corner.

„Mein Gott! Ist es denn wirklich möglich, daß solche Dinge geschehen können? Ich habe geglaubt, daß sie nur in blutrünstigen Romanen vorkommen!“ Carpio wird mit der Realität konfrontiert ...

Interessanter Dialog mit Carpio über Heimat und Beruf, „Wohin?“ fragt Carpio, „Doch heim?“ – „Was nennst du heim?“ – „Ich weiß es nicht. Wo aber wohnst denn du?“ – „Überall und nirgends.“ – „Hast du keine Anstellung?“ – „Nein.“ – „Wie jammerschade! Warum denn nicht?“ – „Ich mochte keine.“ – „Du mochtest keine! Und ich, ich armer Teufel, wäre mit der geringsten zufrieden gewesen!“

„Und sodann bemerke ich, daß der Westmann, der ich bin, nur ein Teil von mir ist. Ich bestehe nämlich noch aus einigen anderen Existenzen.“ Wohl wahr ... („Nicht Einzelwesen, Drama ist der Mensch“ ...)

„Bei mir geht alles seinen richtigen, logisch vorgeschriebenen und unfehlbaren Gang. Ich bin vielleicht sogar zu logisch für das Leben und habe es nur deshalb noch zu nichts gebracht.“ (Carpio)

Carpio verwechselt sich mit dem Erzähler, schiebt ihm Dinge in die Schuhe, die ihn selber betrafen ... und eben auch umgekehrt, wenn man denn so will ... der Erzähler läßt sich hier gleichsam hinter die eigenen Karten schauen ...

„Ich habe alle möglichen Indianerbücher gelesen und aus ihnen eine solche Menge von Kenntnissen geschöpft, daß ich getrost behaupten darf, es mit dem besten Westmann aufnehmen zu können.“ Auch das ist von Carpio ...

Winnetou prophezeit Carpios baldiges Ableben, „der Schnee des Westens wird auf die Stelle fallen, wo das Erbarmen der Erde ihn willkommen heißt.“

Und wieder einmal kriegen Zivilisation und Pseudochristentum ihr 'Fett weg': „So fühlte, so dachte und so sprach ein Indianer, also ein sogenannter Wilder! Ich habe überhaupt mehr sogenannte als wirkliche Wilde getroffen, ebenso, wie man sehr leicht dazu kommen kann, mehr sogenannte als wirkliche Christen kennen zu lernen.“

Wenn man kritisch genug hinguckt, könnte man sagen, daß Carpio eigentlich 'geopfert' wird; es wird ja gesagt, daß ein Abbruch der Reise ihn retten könne, nur leider sei das eben unter den gegebenen Umständen nicht möglich ...

Wir erfahren Carpios wechselhaften Lebenslauf, „Ich versuchte alles, was man versuchen kann, wenn man nichts gelernt hat und nichts ist, und brachte es schließlich bis zum Kolporteur.“

„Ja, wollen in die Berge wandern! Wir sind ja schon mitten drin. Weißt du vielleicht, welchen Kurs heut der Gulden hat?“ Für einen Moment wird (vergeblich) versucht, die Jugendzeit zurückzurufen ...

„Sein Leben war ein Jammer, ein fortgesetzter Jammer gewesen, ein fortgesetztes Fallen aus einem in den andern Mißerfolg.“

 

Viertes Kapitel - Sti-i-poka

„Lieber Leser, hast du schon einmal einen Kolbenhieb auf den Kopf bekommen, aber einen so recht aus dem tiefsten Herzensgrunde?“ Diese Art kommt doch immer wieder gut ...

„Ich habe schon früher irgendwo einmal das Gefühl beschrieben oder vielmehr zu beschreiben versucht, welches so ein Krafthieb hinterläßt; ich bitte also, auch zu schlagen, aber gefälligst nicht mit dem Kolben, sondern diese Stelle nachzuschlagen! Da lobe ich mir meinen Jagdhieb mit der Hand! Er erreicht ganz denselben Zweck ohne das belästigende Gefühl hinterher“ ... Herrlich. Hans Wollschläger gefiel es offenbar nicht, und so wurde auch diese Stelle für den grünen Band bearbeitet.

„Das eine Augenlid ein wenig hebend, betrachtete ich ihn.“ An solchen Stellen kommt immer auch eine gewisse Portion [Selbst-] Ironie mit herüber.

„Die Bleichgesichter haben mehrere hundert Sonnen lang nichts anderes gethan, als uns belogen und betrogen; wir aber sollen ehrlich sein? Wenn wir das thun, was wir von euch gesehen und gelernt haben, so gebt euch, aber nicht uns die Schuld!“

„Die Nacht war keine gute für mich. Ich hatte schon oft in Fesseln geschlafen, und hätte, wenn ich allein gewesen wäre, es wohl auch heut gethan, obgleich man so vorsichtig gewesen war, grad mich so fest zu binden, daß mich die Riemen schmerzten; aber meine beiden Gefährten wachten immerwährend auf; die unnatürliche Lage der Hände auf dem Rücken weckte sie ebenso oft aus dem Schlafe wie die Kälte, welche sehr fühlbar war. Wenn der eine schlief, wachte der andere; ich hatte nur immer zu trösten und zu beruhigen, und da es mir nicht besser, sondern wegen der einschneidenden Fesseln schlimmer erging als ihnen und sie doch diejenigen waren, die uns in die Hände der Roten gebracht hatten, so gehörte einige Selbstbeherrschung dazu, nicht ungeduldig zu werden.“ Und auch solche Stellen finden wir des öfteren im Gesamtwerk, und in diesem Band verstärkt: wer sich mit den Menschen einläßt, bekommt halt des öfteren Scherereien ...

„Man glaube ja nicht, daß ich etwa, als ich zwischen ihnen hindurchritt, aus Scham, gefangen zu sein, eine verlegene Miene gezeigt hätte. Im Gegenteile, ich sah ihnen allen frei, offen und mit forschendem Blicke in die mit den Kriegsfarben bemalten Gesichter und erlaubte meinem Rappen den koketten Tänzelschritt, der ihm so unübertrefflich stand.“ Mal Selbstironie, mal Geltungsbedürfnis ... und nicht immer leicht, das jeweils auseinanderzuhalten.

„Was dachte Old Shatterhand, als er durch die Reihen dieser tapfern Krieger ritt?“ – „Ich dachte an die mächtigen Kaiser und Könige meines Vaterlandes, welche, wenn sie Einzug halten, ganz ebenso von Kriegern empfangen werden wie jetzt ich.“

„Hütten wurden beschädigt oder gar niedergerissen; lose Teile der Kleidung, fliegender Federschmuck und ähnliche Dinge gingen verloren; kurz, dieser eine Mensch, den man einen Gefangenen nannte, hatte das ganze Lager und dessen Bewohner in einen Zustand versetzt, den man für ganz unmöglich halten sollte.“ Geltungsbedürfnis, Lechzen nach Aufmerksamkeit ...

Und an Selbstbewußtsein (freilich welchem der eher unguten Art ...) mangelt es dem fiktiven Ich (und zum Zeitpunkt der Entstehung des Werks wohl auch dem realen ...) nicht, „Sind die Söhne der Upsaroka's Fleischfliegen, die man aus dem Munde spuckt, oder sind sie Krieger, deren man nicht sechsmalhundert braucht, um einen einzigen Reiter zu bewachen? Wer kein Ungeziefer ist, der mache Platz für Old Shatterhand!“

Die Mittel zum Zweck zeugen schon mal nicht gerade von Zimperlichkeit, Tierfreunde weggesehen: „Im nächsten Augenblicke aber hatte das Tier meinen Zeige- und Mittelfinger in den Nüstern; sie so weit wie möglich hinter schiebend, griff ich fest zu; ein rascher Schritt zur Seite, so daß ich neben dem Hals zu stehen kam - ein kurzer Druck des Maules nach oben, dann ein scharfer, kräftiger Riß nach hinten, den ich mit einem Griff der andern Hand in der Mähne unterstützte - das Pferd brach hinten zusammen; noch ein Ruck, und es lag auch vorn an der Erde“ ...

Er schreibt „rief er mir leise entgegen“ und dann:

„Ich habe schon bei früheren Gelegenheiten einigemale gesagt, daß jemand leise gerufen habe. Ein berühmter Recensent schrieb mir, daß er so rücksichtsvoll sein wolle, mich nicht öffentlich sondern privatim darauf aufmerksam zu machen, daß es selbstverständlich ganz unmöglich sei, leise zu rufen; ein Ruf sei immer laut. Verehrtester Herr Kritikus, können Sie zu Ihrem Herrgott nicht sogar in Gedanken rufen? Ich lasse einen Flüsterruf zehn Schritte weit nach vorn hören, der aber hinter mir nicht drei Schritte weit vernommen wird. Wie oft hat mich Winnetou gerufen, ohne daß andere es zwei Meter davon gehört haben! Der letzte Ruf Sterbender auf Schlachtfeldern wird meist ein Hauchen, aber kein Schreien oder gar Brüllen sein. Hier liegt im Begriffe des Rufens mehr das Hastige als das Laute.“ Es geht wirklich auf keine Kuhhaut, was man Ignoranten und Dummköpfen manchmal alles erklären muß.

Dann klärt Winnetou darüber auf, daß die Sache mit dem Überfall usw. ganz anders war als es allgemein angenommen wird ... da fällt einem allerhand ein. Jedenfalls ist es in Weltpolitik und Medien bis heute oft nicht anders. Es ist manchmal schwer erkennbar im Leben wie bei Karl May, wie nun was wirklich war ... Sicherheit ist nirgends. „Uff! So hätte ich die Mörder ja gleich hier beim eigenen Lager!“ – „Ganz recht!“ Das sind so Stellen ... es sind halt keine (oder sagen wir entgegenkommenderweise: nicht nur ...) Indianergeschichten, sondern zeitlose Gleichnisse.

„Ich sah, mit welchen haßerfüllten Augen der Blutindianer mich betrachtete, indem er näher kam, und entfernte mich, aber langsam, daß es ja nicht aussehen sollte, als ob ich mich vor ihm fürchte.“ Manchmal ist  ihm so etwas ganz gleichgültig und das pflegt er dann auch zu betonen, und dann legt er wieder Wert darauf was andere denken ... schon ein komischer Kauz und wiedersprüchlicher Mensch, wie wir (mehr oder weniger ...) alle.

„Der Häuptling der Kikatsa ahnte gar nicht, wie eindrucksfähig er sich gegen mich verhalten hatte. Ich hätte ihn in meiner Hand ganz nach Belieben formen können.“ Daß das manchmal in der Tat verblüffend leicht zu sein pflegt, konnte Karl May ja früh in seinem Leben feststellen ...

„Ich mußte lächeln, denn ich durchschaute ihn. Es war vorauszusehen, daß er Peteh gegenüber einen schweren Stand haben werde, und ich sollte nicht dabei sein, weil er es mich nicht merken lassen wollte, durch welche Verlegenheiten er sich hindurchzuwinden hatte.“

„Carpio hatte sich seit gestern leidlich erholt; er behauptete, bloß meine Gegenwart genüge, ihn wieder gesund zu machen. Es machte dem lieben Kerl förmlich Spaß, daß die 'Verwechslung' soweit getrieben werden sollte, daß für morgen eine Beratung über unser Leben auf dem schwarzen Brette stand.“ Da sind wir für einen Moment wieder in der Schülerzeit ...

„Seine Arme sind wie die Pranken des Bären!“ – „Pshaw! Mir ist noch kein Bär entkommen!“ ...

„Der Indianer pflegt den Kampf als Übung und im Spiel; er muß sich auf den Fall des Ernstes vorbereiten, um dann, wenn es gilt, bestehen zu können. Der rote Krieger ist um so angesehener und geachteter, je mehr Feinde er besiegt hat; sogar sein Himmel bietet ihm nicht ewigen Frieden, sondern steten Kampf und Sieg. Wenn zwei unerwachsene Knaben miteinander ringen, stehen die Alten dabei, um sie anzufeuern. Es kommt im Kriege zwischen zwei Stämmen nicht selten vor, daß alle, Freunde und Feinde, für einige Zeit die Waffen sinken lassen und friedlich nebeneinander stehen, um den Einzelkampf zweier hervorragender Krieger, welche zusammengeraten sind, zu beobachten.“ Eine Art Spiel halt ...

„Mein Herz that keinen einzigen Schlag mehr als gewöhnlich; mein Kopf war frei, mein Auge klar und meine Stimmung von genau so unbeirrter Heiterkeit, als ob nicht ein gefährliches Sti-i-poka, sondern ein Ereignis ganz anderer Art, vielleicht eine Geburtstagsfeier, auf mich warte.“ (Man könnte die distanziert humoristisch launige Betrachtung nun noch dahingehend auf die Spitze treiben, daß man sagte, Geburtstagsfeiern sind nun halt Zweikämpfen auf Leben und Tod auch nicht unbedingt vorzuziehen ...)

„Diese Kaltblütigkeit, welche durch nichts zu erschüttern war, hatte mich schon manchem Gegner überlegen gemacht und mich glücklich aus Fährlichkeiten geführt, welche ich ohne sie sicher nicht bestanden hätte. Ich besitze sie heute noch in demselben Maße wie früher, es kann mich nichts aus der Fassung bringen. Es ist eine ganz eigene Sache um diese Ruhe; ich weiß nicht, ob sie eine Folge meines Selbstvertrauens oder ob dieses eine Folge von ihr ist, oder ob sie beide so innig zusammengehören, daß sie ein Ganzes bilden und gar nicht voneinander zu trennen sind.“ Man hört die [...] – Fraktion förmlich von Küchenpsychologie u.ä. sprechen ... (Er drückt halt einen Sachverhalt mit einfachen Worten aus.)

'Wildwest'-Geplänkel, Indianer, Kämpfe, Tomahawk („Wie man es fertig bringt, daß er sich unterwegs nach Belieben hebt und wieder senkt oder gar nach Bumerangart eine retrograde Richtung nimmt, das kann man nur zeigen, aber leider nicht beschreiben“), Kunststückchen, Zweikampf, das sind so die Dinge, die mittlerweile so gut wie überhaupt nicht mehr interessieren, über die man am besten vergleichsweise schnell hinwegliest und von denen man nicht recht versteht, daß Karl May zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Werkes offenbar noch soviel Spaß daran hatte ...

„Pshaw! Dieser Häuptling der Blutindianer hat zwar einen großen Mund und ist im Reden stark; alles andere an ihm aber ist klein und schwach. Es ist der Mühe nicht wert, von ihm zu sprechen!“ Wir registrieren am Rande, daß die Kämpfer ihre Kleidung abgelegt haben ...

„Huuuuuh - - - i!“ ruft unser Held, „Das U dehnte ich lang“, an der Stelle kann man einigermaßen heftig an „Urmel aus dem Eis“ denken ...

 

Fünftes Kapitel – Im Schnee

Im Schnee – natürlich dürfen (oder müssen ...) wir an Dinge wie den weißen Wal und dessen Bedeutung, Jack Londons „Weißes Schweigen“ oder auch Morgensterns „Ich hatte mich im Hochgebirg’ verstiegen“ denken.

Man trifft unvermutet auf Hiller, „Ich mußte förmlich an mich halten, nicht vor Freude laut aufzuschreien.“

„Dieses Gesicht wäre mir sympathisch gewesen, wenn nicht soviel Verschlossenheit und Härte darauf gelegen hätte.“ Hiller wird im Folgenden eine Art Old Wabble (bzw. eine etwas abgemilderte Variante davon) abgeben.

„Wenn Ihr das erfahren und durchgemacht hättet, was ich alles hinter mir habe, würdet Ihr ganz anders sprechen. Ich kann und mag das fromme Wimmern nicht hören. Es paßt sich das für Knaben und alte Weiber, aber nicht für erwachsene, verständige Männer!“

„Danke für die Zurechtweisung, Mr. Hiller! In dieser Beziehung bin ich Kind geblieben und will es ewig bleiben!“

„Ihr mögt erfahren und durchgemacht haben, was es sei, ich bin auch nicht auf Rosen gebettet gewesen. Ihr habt dabei verloren; ich habe gewonnen; ich lasse Euch Euern Verlust und muß also bitten, mir meinen Gewinn auch nicht anzutasten!“ Sehr schön.

„Was für ein Mann!“ ruft Hiller „bewundernd“ aus nach einem Kurzauftritt Winnetous, und der Erzähler äußert „Da glaubt man nicht an Gott und hat doch sein herrlichstes Ebenbild vor Augen!“ ...

Wieder ein Exkurs zum Thema Zufall, schließlich bündig auf die Formulierung gebracht „Gott hatte es gewollt“.

„Die Verhältnisse lagen so, daß sie grad in diesem Augenblicke und grad auf diesem Wege hatten kommen müssen, um da zu sein, wo sie gebraucht wurden. Es war ja geradezu, als ob sie uns auf eine besondere Bestellung zugeschickt worden seien!“ Hier mischen sich denn freilich Fügung und schriftstellerischer Pragmatismus ...

„Wer sich nicht belehren läßt und sich gegen andere Meinungen gern nachtragend zeigt, dem entgeht die Elastizität, welche zum Parieren schwerer Schicksalsstöße nötig ist.“

Rocky-Mountains. Wie schon (enststehungszeitlich) kurz zuvor in ‚Old Surehand’.

„Es war ja unsere ursprüngliche Aufgabe, Carpio zu retten; Hiller und seine zwei Begleiter gingen uns jetzt nichts an.“ Das steht nun einigermaßen beträchtlich im Widerspruch zu vorher gesagtem, als man bereit war, Carpio gleichsam zu 'opfern', da man sich um Anderes kümmern zu müssen glaubte ... Es scheint fast, daß May vor seinem eigentlichen schriftstellerischen Ziel, Carpio da oben im Gebirge sterben zu lassen, die Motivationen der handelnden Figuren schon mal etwas durcheinander bringt bzw. die entsprechende logische Stimmigkeit ein wenig vernachlässigt ...

„Es war alles öde ringsumher.“

„Uff! Old Shatterhand und Winnetou können niemals einen Gedanken vor einander verbergen!“ – „Nein. Wir sind zwar zwei Personen, aber ein Körper und eine Seele.“

Old Shatterhand wird verkannt, Hiller gallig: „Da habe ich nun wieder einmal einen gottesfürchtigen Menschen kennen gelernt! Diese Heuchler sind doch alle Schurken! Hier raubt uns sogar der heilige Old Shatterhand unser Eigentum vor der Nase weg und schlägt uns in Fesseln, daß wir uns nicht wehren können. Pfui! Ihr habt mir vorgestern in Eurer heuchlerischen Frömmigkeit [...]“ ...

„Nach ungefähr einer Viertelstunde deponierten wir die Waffen der Zurückgebliebenen auf ein freistehendes Felsstück und setzten dann unsern Weg fort, die Verbrecher dem Strafgerichte Gottes überlassend.“ Die Sache mit der Herausforderung des Schicksals, dem (sozusagen mehrmals penetrant angekündigten) Bären und der einstürzenden Hütte erinnert beträchtlich an eine der greulichen „Bestrafungs“-Geschichten aus „Auf fremden Pfaden“.

Ankunft am „Heißen Wasser“, „Man denke sich einen sehr tiefen, langgestreckten Krater, der keinen eigentlichen Zugang hat und dessen Wände auf drei Seiten fast senkrecht abfallen, auf der vierten dagegen allmählich. Den Grund dieses Kraters füllt zur Hälfte ein See, dessen Wasser so warm ist, daß man glaubt, es unter den daraufliegenden Dämpfen brodeln zu sehen. Diese Wärme steigt nach oben, schmilzt im Winter bis fast ganz zur Höhe jede Spur von Schnee sofort hinweg und hat einer reichen, immergrünen Vegetation das Leben gegeben, welche das Wild des Waldes über die kalte Jahreszeit hinwegtäuscht und es veranlaßt, hier auf der Höhe standzuhalten.“

„Weihnachten kam allmählich näher. Wir beschlossen, wenn wir bis dahin nicht von den Schoschonen abgeholt würden, das Fest nach deutscher Weise durch einen brennenden Lichterbaum zu begehen.“

„Höre, mein lieber Sappho, wenn du einmal einen Sohn haben wirst“ ... Ob der Autor zur Zeit der Entstehung dieses Werkes noch an diese Möglichkeit [bei sich] dachte ?

Carpio nimmt (ggf. je nach Mentalität oder auch Tagesform: kitschig wirkenden oder bewegenden ...) Abschied, „Weißt du, das Sterben ist gar nicht so schlimm, wie viele denken. Ich sage dir so glücklich lebewohl und begrüße dich dann bald im Jenseits selig wieder. Höre, Sappho, weine nicht! Thu mir doch den Gefallen und weine nicht!“ - „Ich weine ja nicht, lieber Carpio!“ – „Oh doch! Es fiel mir eine warme Thräne ins Gesicht; die ist von dir. Ich wische sie nicht weg, sondern ich nehme sie mit, um sie dem lieben Gott zu zeigen, damit er sieht, daß es auf Erden doch noch wahre Freunde und gute Menschen giebt. Aber eher als zum heiligen Christtag möchte ich doch nicht sterben! Der Baum soll dazu brennen. Wie schön wäre es, wenn mir sein Licht zum Himmel leuchtete! - - - Jener Baum beim Franzl in Falkenau, und dein Gedicht dazu! Ich kann es noch auswendig. Ich möchte es noch einmal deklamieren, wie dort den drei armen Leuten, und auch so unter dem Weihnachtsbaum! Sappho, bete mit mir, daß unser Herrgott mich noch bis zum Christtag leben läßt!“

„Du wirst mich auslachen, aber ich habe es jetzt bei geschlossenen Augen gesehen, ganz deutlich gesehen: Die Hütte drüben ist verschüttet; es sind mehrere Menschen tot; der Bär ist dort, und einer wagt es aus Angst vor ihm nicht, um Hilfe zu rufen. Gehe hinüber, und rette ihn! Willst du?“ Da gibt es nichts zum Auslachen, „Es soll vorkommen, daß Sterbende hellsehend sind.“

Der Erzähler faßt den geretteten Hiller nicht eben zart an, „Ihr habt mir verboten, von meinem 'sogenannten Gott' zu sprechen, und nun dankt Ihr ihm? Habt Ihr nicht zweimal gelästert, daß der Bär Euch das Gehirn ausfressen solle?“ Hier hat es indes diesmal einen anderen erwischt.

„Ich habe im stillen schon von der Erde Abschied genommen. Er ist mir nicht schwer gefallen, denn sie hat mir wirklich nicht viel geboten, was mich halten könnte; sie ist eine sehr harte Stiefmutter gegen mich gewesen.“ Dieser Vergleich Carpios ist sehr hübsch ...

Auf das Weihnachtsgedicht werden in schon etwas unangenehm wirkender Weise größte Stücke gehalten, „Ich scheide also gern, und wenn meine Sprache noch jetzt kräftiger ist, als ich selbst es bin, so wird das wohl nur wegen des Gedichtes sein. Ich will es noch einmal sagen, laut sagen und dann für dieses Leben stille sein, für immer still.“

„Wenn du in die Heimat kommst, so grüße die Meinen; sag ihnen, daß ich mich den Zerstreutheiten und Konfusionen anderer Leute entzogen habe und nun endlich glücklich bin.“ Wieder einmal eine mehrfach gebrochene oder auch mehrebenige Stelle, da ist so etwas wie Humor bzw. eine Art Reminiszenz darauf enthalten, allerdings auch noch mehr ...

„Sag ihnen auch, daß nun der himmlische Vater über meinen jenseitigen Beruf bestimmen werde, und daß ich darum nicht befürchte, dort Vorwürfe zu hören, wie diejenigen waren, mit denen ich hier so unausgesetzt und grausam verfolgt worden bin!“ Wir erinnern uns reflexartig: „Es soll mich keine Polizeiaufsicht aus dem zeitlichen Gefängnisse hinüber in die ewige Freiheit begleiten“ ...

„Wenn der Tod so sanft und freundlich kommt wie der Schlaf, so möchte ich nur immerfort und unaufhörlich sterben!“

Carpio wünscht sich ein Leichentuch besonderer Art, „Dort liegt das Grizzlyfell. Wenn es dir nicht gar zu wertvoll ist, so hülle mich drin ein. Es ist das zwar auch so eine Art von Konfusion und Verwechselung, denn so sollten eigentlich wohl nur berühmte Krieger begraben werden, aber ich bin das doch gewöhnt, und dies wird ja wohl die letzte hier auf Erden sein.“ Im Hinblick auf die Selbstspiegelung atemberaubend.

„Die Schoschonen hatten geglaubt, daß wir sofort mit ihnen aufbrechen würden, aber das war wegen Carpio unmöglich. Als sie hörten, daß ein Sterbender unter uns sei, ließen sie jedes laute Wort schweigen und zogen sich in scheuer Ehrfurcht, die dem Tod gebührt, zurück. Das Fleisch des erlegten Grizzly gab ihnen stille und doch interessante Beschäftigung genug.“ Wieder einmal ganz verschiedene 'Farben' innerhalb eines Satzes ... So ist es im Leben wie bei Karl May, echte Rührung und Anteilnahme, und im nächsten Moment ganz nüchtern pragmatische Betrachtungsweise, mit einem kleinen Schuß Galligkeit unterlegt ...

„Kommst du vielleicht in deinem Leben nochmals her?“ – „Es ist möglich. Selbst wenn ich nur nach einem Tagereisen von hier entfernten Punkte geführt würde, ich würde doch hierher reiten und dich besuchen, mein Carpio.“ – „Thue das. Sobald du kommst, bin ich auch da, wenn du mich auch nicht siehst. Wenn es mir möglich ist, werde ich dir da ein Zeichen geben, ein freundliches Flüstern in den Blättern oder ein heiteres Kräuseln der warmen Wellen im See.“

Man singt „Stille Nacht“; „Als alle Lichter brannten, sangen wir das Lied, Hiller, Reiter, Rost und ich, in deutscher Sprache. Hierauf sprach ich einige ernste Worte; mehr konnte ich nicht, denn die Thränen raubten mir die Stimme“ ...

Wir erleben einen geläuterten Hiller („Da tagte es in mir, schnell und licht“ ...), der Lehrreiches aus seinem Leben erzählt.

Einiges ist eine Gratwanderung, bei der gelegentlich die Gefahr besteht, daß es kitschig wirkt ... sagen wir so: je mehr man nachzuvollziehen vermag vom Inhaltlichen, desto weniger wird man es als Kitsch empfinden ...

„Über uns leuchteten die Sterne Gottes; vor uns brannten die Lichtreste des Christbaumes; sie waren abgebrannt und begannen, nacheinander zu erlöschen. So verlischt das Menschenleben hier im Erdenthale; aber droben am Firmamente leuchten die Wahrzeichen des ewigen Lebens weiter“ ...

„Ein milder, frommer Gotteshauch schien durch das abgeschlossene Thal zu wehen; es lagerte rings um uns jetzt in Wahrheit das, wovon das liebe Christlied singt: eine stille Nacht, eine heilige Nacht.“

„Ich war tief erschüttert und weinte wie ein Kind; ob auch andere weinten, sah ich nicht, weil die Thränen mir ohne Aufhören die Augen füllten.“

„Das letzte Licht am Baum verlöschte; es war, als ob das ganze Thal und jeder von uns stumm geworden sei. Ich hielt den Toten noch fest an der Brust.“

„Einer stand nach dem andern auf und ging fort, ohne ein Wort zu sagen, denn die Stelle, an welcher eine Seele von ihrem Körper scheidet, ist ein heiliger Ort, den man durch Schweigen ehrt. Ich saß allein, mit dem Toten an der Brust, bis nach langer Zeit Winnetou kam und zu mir sagte“, nämlich „Mein Bruder lege die Hülle seines armen Freundes fort; wir werden ihr morgen eine Wohnung errichten, die länger als sie bestehen wird. Der Geist ist bereits hinaufgestiegen zum großen, guten Manitou, wo ewige Bäume der Erlösung brennen, die nicht verlöschen wie dieser hier bei uns.“

Am Ende erfahren wir noch, daß der Erzähler anschließend „für einige Zeit nach Deutschland“ ging, „um dann im Herbste am Tigris die Haddedihn-Beduinen und meinen treuen, braven Hadschi Halef Omar aufzusuchen.“ Und Hiller „ist wieder alles, was er vor seiner Flucht nach Amerika war, alles und noch mehr, denn er hat seinen Gott wiedergefunden und mit ihm das einzig wahre Glück im Erdenleben.“