OLD SUREHAND I

Erster Band einer seltsam ungleichen Trilogie.

Hier ist es zunächst scheinbar noch einmal wie etwa in den Winnetou-Bänden: Abenteuer im Wilden Westen, am Blauen Wasser und im Llano estacado, mit den üblichen Gefangennahmen, Befreiungen und diversen Abenteuern aller Art. Aber nicht nur die Figur des Old Wabble wird sich im Laufe der drei Bände völlig wandeln, vom loyalen Kumpan mit leichten Schwächen in der ersten Hälfte des ersten Bandes bis zum Todfeind im Verlauf des dritten, auch der Roman als solcher macht seine Metamorphose durch: von der klassischen Reiseerzählung im ersten Band über den Sammelband-Charakter (mit Rahmenhandlung) des zweiten bis zur (teilweise) [Fast-]Spätwerk-Atmosphäre des dritten.

Schon im ersten Band spielt mehr und mehr gleichsam eine andere Musik, wie die eingearbeiteten Erzählungen "Der erste Elk", "Im Mistake-Canyon" (vgl. die Anmerkungen dazu weiter unten auf dieser Seite) und insbesondere die atemberaubende Schieferdecker-Geschichte aus des Erzählers Heimat zeigen; in der zweiten Hälfte des Bandes nehmen dann Gespräche über friedliche Gesinnung, Nächstenliebe, Religion und Weltanschauung breiten Raum ein (wobei dann der vorher eher harmlos geschilderte Old Wabble als Parade-Bösewicht herhalten muß). Da geht ein Bruch durch Mays Erzählerei, wie dann noch einmal zwischen Silberlöwe II und III. - Insgesamt wirkt dieser Band aber doch oft auch ein wenig belanglos, und May tat gut daran, sich nun allmählich von der Reiseerzählung alten Stils zu lösen. Er hatte noch Wesentlicheres mitzuteilen. Das haben E.A.Schmid, Kandolf und Co., die ihn zum gefälligen Volks- und Jugendschriftsteller zurechtstutzen, reduzieren wollten, nie wirklich begriffen.

 

Erstes Kapitel - Old Wabble

In Fehsenfelds May-Band IX war Winnetou gestorben, und hier in Band XIV taucht er unvermittelt wieder auf; der Autor erzählt einfach eine Geschichte aus früherer Zeit. So macht man das, da kann auch die Frau Rowling den Harry Potter ruhig sterben lassen, ohne dass die Fans befürchten müssen, dass er dann nicht mehr wiederkommt.

Ins erste Kapitel eingeflossen sind die Geschichten „Der erste Elk“ und „Im Mistake-Canyon“ sowie die Schieferdeckergeschichte, unmittelbar hintereinander erzählt werden so die May-Thematiken Schein und Sein, Vielschichtigkeit der Realität usw. gleich üppig portioniert aufgetischt. (Zu den beiden erstgenannten Erzählungen siehe unten auf dieser Seite).

Auch die bekannte Greenhornvortäuscherei ist wieder zu erleben, ein beliebtes Motiv Mays. Aber auch wenn er scheinbar keine „große Nummer“ ist, der Erzähler kann gelegentlich durchaus „punkten“ bei aufmerksamen Mitmenschen: „Ihr seid zwar kein großes Licht im Westen, aber Ihr habt so etwas an Euch, was mich zu Euch zieht, so - - so - - - na, grad so als wie wenn man rechten Durst hat und ein helles Wasser blinken sieht; so klar und hell ist Euer Gesicht. Man schaut gern hinein.“

„Die Gelehrsamkeit verdirbt den Menschen; th'is clear“ meint Old Wabble ...

Die Szene, als Wabble erkennt, mit wem er es zu tun hat, ist schön, wieder einmal so einer der Fälle in denen May so lebensecht schreibt, dass man meint danebenzustehen.

Die Reputation Old Shatterhands im Westen ist mittlerweile beträchtlich, da ist dem Autor innerlich die Chronologie vielleicht insofern etwas durcheinandergeraten, dass er zwar an den zeitlichen Abstand zu den Winnetou-Bänden gedacht hat, aber nicht daran, dass die aktuelle Erzählung vor deren Abschluß spielt. Auch an seltsame Blüten treibendem auftrumpfenden Selbstbewusstsein fehlt es nicht („jetzt stand ich auf, ergriff ihn mit der rechten Hand beim Gürtel, schwang ihn mir einigemale um den Kopf“ …).

Oder „So schweigt, und unternehmt es nicht, mir Vorschriften zu machen oder das, was ich thue, zu kritisieren! Ihr mögt ein guter Mensch und ein ganz brauchbarer Westmann sein, aber Eurer Kritik war ich schon entwachsen, ehe ich meinen Fuß zum erstenmale auf den Boden des wilden Westen setzte“, wobei kurz darauf auch eines dieser köstlichen „Pasta !“ angefügt wird.

Mit Old Wabble gibt es ein interessantes Gespräch über natürliche Autorität, aus der Perspektive des späten Erfolgs. Vergangene Erlebnisse werden erwähnt, die in den Büchern nicht auftauchen (das wäre doch noch etwas für ein paar Sonderbände á la Grill …)

Die Schwimm-Szene mit Old Wabble hat irgendwie etwas Idyllisches an sich. Überhaupt kann man Mays Erzählungen atmosphärisch als angenehm ruhig empfinden im Gegensatz zu zappeliger 'Action' andernorts.

"Ich kann alles, was Ihr wollt, Sir", sagt Old Surehand (der übrigens kaum beschrieben wird), auch dem mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Wie die beiden sich, im Wasser in Lebensgefahr befindlich, sozusagen einander vorstellen und darüber kokettieren, das hat auch etwas.

 

Zweites Kapitel - In der Oase

„So ungefähr schrieb ich in einem früheren Bande“ (nämlich Winnetou III, es geht um die Schilderung des Llano Estacado), ein Präzisionsfanatiker ist unser Autor nicht.

Die Sache mit den Pfahlmännern kann man, entsprechend geeicht, durchaus als Gleichnis sehen, das Motiv der ins Verderben führenden scheinbaren Autoritäten kommt jedenfalls auffallend oft vor bei Karl May. Einen Schritt weitergedacht wäre Bloody Fox eine Art Terrorist ...

Daß Bloody Fox sein Haus in der Oase mit dicht wuchernden Passionsblumen bepflanzt hat, fällt auf. Denken wir an den Passiflorenraum in Winnetou IV oder die Geschichte „Christ ist erstanden“, wo diese Blumen auch eine Rolle spielen.

Seitenlang wird die Geschichte vom „Geist des Llano Estacado“ nacherzählt, hier gibt es mal einen handfesten Anknüpfungspunkt zwischen Jugend- und Reiseerzählungen, dabei fällt auch noch auf, dass Fox, wie der „Waldkönig“, sehr schnell an weit entfernten Orten auftaucht, nur waren es beim „Waldkönig“ zwei Personen, hier ist es offenbar doch nur einer.

Ein „Meister im Spüren“ sei Winnetou, wie er selber, verrät der Erzähler. Und so sind auch viele Dinge für ihn auf manchmal verblüffende Weise vorhersehbar.

„Hier meine Hand zum Morgengruß“, das respektvolle Wohlwollen, mit dem Sure- und Shatterhand miteinander umgehen, wirkt stellenweise schon etwas eigenartig.

Fürchten könne er sich, so Old Wabble, „Höchstens vor sich selber!“, interessant ...

Die vermaledeite Geschichte vom ersten Elk wird mehrmals aufgegriffen, die lässt den Erzähler wohl nicht recht los.

„Ich warf, einen Jauchzer ausstoßend, den Hut hoch in die Luft und fing ihn im jagen wieder auf“, spontanen unvermittelte Anwandlung von Lebensfreude.

„Giebt es doch nie einen Westmann, dessen Lebenslauf ein gewöhnlicher gewesen ist!“, auch bei Autoren u.a. ist es oft ähnlich.

„Da darf es mir auf das Leben von sechs feindlichen Comantschen nicht ankommen“, als der Verleger noch Fehsenfeld hieß, rutschte so ein Satz auch dem späteren (1894) May schon noch mal durch, will sagen: wurde so gedruckt.

„Ich muß sagen, daß ich mich nicht nur über Old Surehand freute, sondern daß ich ihn sogar bewunderte. Erst war er hinter mir geblieben, nun drang er neben mir vorwärts, und zwar mit einer Ausdauer, Umsichtigkeit und Geschicklichkeit, wie ich sie kaum jemals bei einem Weißen gesehen hatte. Jede Lücke wurde benutzt und jedes Hindernis entweder vermieden oder vollständig geräuschlos beseitigt; wenn die Gewandtheit der Hände nicht ausreichend war, mußte das Messer nachhelfen, und wenn ein Zweig oder gar ein stärkerer Ast bewegt werden mußte, geschah es mit einer so gleichmäßigen Langsamkeit, daß ein andrer als ich es gar nicht bemerken konnte. Es war für einen Westmann wirklich eine Freude, ihm zuzusehen“, das wirkt so absolut lebensecht, dass man sich schon wieder fragen kann, von wem spricht er da und was hat er mit ihm erlebt.

„Ich beabsichtigte, aufrichtig, aber nicht höflich zu sein.“ Sehr schön. Ersteres ist auch wesentlicher.

„Ich bin etwas weiter in der Welt herumgekommen als Ihr und habe unter den schwarzen, braunen, roten und gelben Völkern wenigstens ebenso viel gute Menschen gefunden wie bei den weißen, wenigstens, sage ich, wenigstens!“

Und „Wenn man Euch einmal in die Erde scharrt, wird aus Eurem weißhäutigen Leibe grad und genau so ein stinkiger Kadaver wie aus einer Negerleiche“, hübsch antirassistisch und anschaulich. Es wirkt auch, Old Wabble wird immerhin nachdenklich. Siehe oben, Aufrichtigkeit kann tiefergehende Wirkung haben als Höflichkeit.

Dann treffen wir Tibo-Wete. Eine schöne Szene. „Da legte sie schnell die Arme um meinen Hals, küßte mich so rasch, daß ich es gar nicht hätte abwehren können, wenn mein Herz es zugegeben hätte, es ihr zu verwehren“, ja, der Mann hat ein Herz, hier zeigt es sich einmal wieder.

Nach Ohlert in Winnetou II ein weiterer Fall von Geisteskrankheit, es tauchen noch mehrere auf im Gesamtwerk;

„war ich genug unter wilden Völkern gewesen, denen der Wahnsinn heilig ist, um mich derselben Meinung zuzuneigen. Dieses Weib hatte auf mich den Eindruck einer Ausgesonderten gemacht, und es war, als ob sich in meinem Innern um ihre Erscheinung etwas Aureolenartiges zusammenziehen wolle“, sehr schön.

"Rappen Hatatitla? Oh, Bob und Rappen sein sehr gut Freund. Reiten gut aufeinander, kommen nicht auseinander!" sagt Neger Bob, und der Erzähler wiederholt diese Formulierung mit dem gut aufeinander reiten später, hat sie also offensichtlich ganz bewusst so hingeschrieben.

„Dort regte sich kein Hauch und kein Mensch“, auch hübsch, ob jeweils Absicht oder nicht, schön sind sie, diese Stilblüten.

Die Verstellungs-Szene mit dem Pferd („einen einzigen kurzen Augenblick nur sah es mich“ … usw.) verdient Aufmerksamkeit. Die Thematik Schein und Sein begegnet uns bei Karl May immer wieder. Er gibt vor, etwas anderes zu sein als er ist, um Wesen nach seinem Willen zu lenken. "Jetzt bin ich neugierig, was Euer Pferd sagen wird," meinte Old Wabble. "Denn mit der Maskerade hört es jetzt wohl auf?"

Dieses Brechen des Willens eines Pferdes kommt ja des öfteren vor im Werk, hier erscheint es besonders krass, radikal konsequent und mit einem gewissen fatalen Beigeschmack. (Eine ganz ähnliche Szene findet sich im ersten Mahdi-Band. Dort aber hat man eher den Eindruck es geht primär um Einfühlsamkeit und Behutsamkeit, während hier im "Surehand" an der Stelle eher der Aspekt Täuschung und Gewalt im Vordergrund steht.)

„Ein jeder thut, was er kann; der eine versteht dieses besser und der andre jenes, und wenn ein jeder das Seinige leistet, wird's ein gutes Ende geben“, diese Weisheit sollte man des öfteren beherzigen im Leben, aber anstelle von konstruktivem Miteinander erlebt man ja gemeinhin des öfteren eher ein „Rattenrennen“ von Profilierungsneurotikern …

"Oh - oh - oh - - Bob auch mit Mesch'schurs! Schwarzer Bob sein also grad so Gentleman wie weißer Gentleman! Er sich sehr darüber freuen und nun zeigen, daß er grad so tapfer und mutig, wie weiße Jäger. Leider aber er nun haben kein Gewehr, um totschießen rote Indianer!", Bob, in seiner Freude (weil gut für ihn selber) über die eben nicht rassistische Einstellung Old Shatterhands, macht die Sache mit seinerseits rassistischer Anwandlung gleich wieder kaputt …

Die Indianer sind durchaus differenzierter Betrachtungsweise fähig:

"Vupa Umugi harret voller Ungeduld."

"Darf ein Krieger ungeduldig werden?" fragte einer der Gekommenen.

"Er darf es nicht zeigen; aber er darf es sein. Habe ich gesagt, daß er es gezeigt habe?"

„Als sie fort waren, standen wir auf und sahen einander an, obgleich wir in der Dunkelheit unsre Gesichter nicht erkennen konnten“, darin kann man (man muß nicht ...) sehen: Bedürfnis nach Resonanz und Nichterkennbarkeit von Resonanz, allenfalls ein dunkler Umriß, welch Bild. Erinnert an den toten Fallschirmspringer bei Golding, „a ruined face“ hiess es da, statt des erhofften Erlösers …

Die kulturelle Errungenschaft des organisierten In-die-Irre-Führens im großen Stil ist auch schon bei der roten Rasse angekommen, die Comantschen wollen es den Pfahlmännern nachmachen, wie hieß es doch gleich in „Tui Fanua“: „Ich sah die Ueberreste von Völkern, welche von christlichen Kugeln, christlichem Branntwein und christlichen Krankheiten hingemordet wurden, ich sah die Korruption wüthen unter Nationen, welche noch vor kurzer Zeit stark und kräftig waren“.

Die folgende Passage wirkt eigenartigerweise ein wenig so, als sei sie nachträglich von Freunden militärischer Ordnung nachträglich eingearbeitet worden, aber es ist original May: „Old Surehand freute sich über unsre Apatschen. Er bemerkte, daß sie fast militärisch geschult waren. Eines so vortrefflich eingerichteten Proviantwesens wie sie konnte sich wohl kein andrer Indianerstamm rühmen, und als ich ihm während des Rittes erzählte und erklärte, welche Mühe sich Winnetou gegeben und welche Umsicht er aufgewendet hatte, um aus seinen Mescaleros eine Elitetruppe zu machen, wuchs die Hochachtung, welche er bisher vor diesem Häuptlinge empfunden hatte, noch weit mehr.“ Rühren.

Auf Bob ist in Sache Orientierung kein Verlaß, unter anderem wegen der „geistigen Schwächen seiner Rasse“ (Tja liebe May-Glorifizierer: es gibt halt bei Karl May neben antirassistischen Stellen auch ganz eindeutig rassistische, auch gewaltverherrlichende und was dergleichen Unbequemes mehr ist, das kann man zwar schönreden, verschweigen oder wegbearbeiten, aber man kann auch hinschauen und es sozusagen achselzuckend zur Kenntnis nehmen, May hatte halt mehrere Seiten, wie wir alle) und interessanterweise zieht der Erzähler die eigene Intuition gar Dingen wie dem Kompaß vor: „Der Ortsinstinkt des Westmanns ist sicherer als die trügerische Magnetnadel.“

Dann wieder eine Reminiszenz an Winnetou III, „und zufälligerweise befand sich auch ein Neger bei uns, der ebenso Bob hieß, aber mit dem jetzigen Neger Bob nicht zu verwechseln ist“, so etwas hat man bei May häufiger, zwei Mutter Thicks, zwei Turnersticks, und wenn er es immer so schön eindeutig klargestellt hätte wie hier, bräuchten sich seine Leser nicht nach über hundert Jahren in den Haaren liegen, ob Turnerstick nun einer ist oder ob es zweie sind …

Manchmal geht es ungewöhnlich weit in Sachen Stilblüten besonderer Art: 'Aber sein Auge vergrößerte sich und ein leuchtender Glanz inniger Liebe strahlte mir aus demselben entgegen. Ich stieg ab, Wir schlangen die Arme fest, fest umeinander und küßten uns wie Brüder, die einander lange nicht gesehen haben. Dann hielt er meine Hände fest, trat einen halben Schritt zurück, ließ seinen Blick an mir herniederschweifen und sagte: "Mein Bruder Shatterhand kommt wie der Tau in den Kelch der dürstenden Blume und wie der Adler, der mit mächtigen Fängen das Nest seiner jungen beschützt."'

Und Shatterhand antwortet im orientalisch-blumigen Stil von Hadschi Halef Omar: "Mein Bruder Winnetou ist meinem Herzen ersehnt wie der Sonnenstrahl dem Kranken, und meiner Seele teuer wie das Kind der Mutter, die es geboren hat."

Die Augen von Bloody Fox „schauten, vielleicht nur jetzt, da er sich freute, froh und mild in die Welt wie diejenigen eines Kindes, welches kein Würmchen, keinen Schmetterling anrührt, um ihm keinen Schmerz zu bereiten. Und doch war dieser jugendliche Mann der fürchterliche Avenging-Ghost, dessen sichere Kugel jeden 'Geier' des Estacado grad in die Mitte der Stirn getroffen hatte!“, Welt und Menschen sind halt vielschichtig ...

Über die seitenlang beschriebene paradiesische Behausung, die „Insel in der Wüste“, könnte man meditieren; der Kapitelschluß ist dann wieder ganz weltlich-menschlich, Old Wabble raucht, wie ein Schlot, und wir gönnen ihm den Genuß.

 

Drittes Kapitel - In der Kaktusfalle

Nach poetischem Beginn („Der heiße Wüstenwind war zur Ruhe gegangen und die Sonne hatte das letzte Achtel ihres Tagesbogens erreicht; es gab keinen Flugsand mehr in der Luft und wir konnten den leuchtenden Ball sich im Niedersenken deutlich vergrößern sehen. Welche Scene werden seine Strahlen wohl morgen um dieselbe Zeit bescheinen?“) merken wir gleich am Anfang des Kapitels, daß die Stimmung in Sachen Old Wabble nun deutlich zu kippen beginnt, diese Tendenz wird sich im weiteren Verlauf fortsetzen.

Die Parteien versetzen sich nun gegenseitig die Pfähle, Lug und Trug bei den „Bösen“ wie bei den „Guten“, die Ring-Parabal könnte einem dazu einfallen, „Eure Ringe sind alle drei nicht echt“ … (schon interessant: verschiedene Gruppierungen markieren den pfadlosen Llano mit Pfählen, und die einen wie die anderen machen es bewusst falsch, keiner der Wege stimmt.)

„Ich lag neben Winnetou und hörte seinen leisen Bericht über das, was er seit unsrer Trennung erlebt hatte. Dabei hörte ich, daß Old Wabble und Parker sich noch eine ganze Weile, auch mit unterdrückten Stimmen, miteinander zankten. Durch die offenen Fenster des Hauses schallten die Stimmen des Negers und seiner Mutter, welche außerordentlich glücklich waren, einander wieder zu besitzen, und vom Wasser her waren die Schritte der Apatschen und ihrer Pferde noch stundenlang zu vernehmen. So ein Lagerabend hat einen ganz eigenartigen Reiz, den nur derjenige kennt, der ihn selbst empfunden hat“, so etwas wirkt immer sehr lebensecht, und man hat ein wenig das Gefühl, auch dort zu liegen bzw. das dort mitzuerleben.

Es gibt allerhand Indianer-Abenteuer-Geplänkel in diesem Band, wobei die reine 'Action' erfreulicherweise abgenommen hat. Interessant sind eher Passagen wie die, in der der Einwurf „ 'Uff, uff!' sagte er jetzt leise, und seine Augen schimmerten feucht“ steht; die Art und Weise, wie Shatterhand seinen jungen Freund hier ganz bewusst „einwickelt“, das hat etwas. Auch Sätze wie

"Es giebt eine einzige große Liebe, welche, wenn sie wahr ist, nicht in einzelne größere und kleinere Teile zerfallen kann"

oder

„Man muß auch mit der Darreichung geistiger Nahrung vorsichtig sein“

verdienen besondere Beachtung.

Und dann wieder ein bisschen Augenzwinkerei, „'Uff, uff!' antwortete er in schrillem Tone, was so viel bedeuten sollte, nein, das fällt mir gar nicht ein“, wer will da noch über Details der Sprachen sich auslassen …

Mit Schiba-bigk gibt es ein Gespräch über Religion, in dem auch die Rassenthematik zur Sprache kommt (der Rote sieht auf den Schwarzen herab …), und nach weiteren eher belanglosen Intermezzi erleben wir diesen erstaunlichen nächtlichen Wüstenritt, über den schon an anderer Stelle (u.a. im Stiftungsforum) allerhand gesagt bzw. geschrieben wurde; nun, allzu viele Worte sollte man über so etwas vielleicht gar nicht bemühen, wir sahen ja, es kommen dann tatsächlich die Schulmeister und fangen von wegen Stilmitteln an …(es gibt ein Bild von Caspar David Friedrich, die einen schauen sich das große Ganze an, und einer liegt im Gras und zählt die Halme).

Nach dieser in der Tat großartigen, hier und heute nun ganz unkommentierten Szene wird es leider ein bisschen peinlich, die Grenzen zwischen tiefer Gläubigkeit und schwülstiger Frömmelei sind bei Karl May manchmal leider fließend. Nein, man "muß" ganz und gar nicht beten, das wäre ja sozusagen ein sehr kleinlicher Gott, der das einforderte, vom kleinkariert moralinsauren Stil, in den der Erzähler hier leider verfällt, mal ganz abgesehen. Setzen wir einmal voraus, es gibt so etwas wie einen Allwissenden, nun, dann weiß der auch vorher, was so ein Menschlein da beten wird, dann kann der Mensch sich die Plapperei eigentlich sparen. (Demut gegenüber der Schöpfung, ja, klar, aber in Form von Gebetsplapperei muß es nicht sein, es sei denn, man sieht das Gebet als eine Art Meditation, als Ausdruck der Verbundenheit (u.ä.). Aber so beschreibt May es hier nicht.)

„Als später diese Drohung fast wörtlich in Erfüllung ging, war es mir, als ob ich es sei, der durch diese Prophezeiung den schrecklichen Tod des Alten heraufbeschworen habe“, so etwas sind eigentlich fatale Machtphantasien, wie sie uns auch in „Auf fremden Pfaden“ begegnen; unschön.

„Es giebt Millionen Menschen, welche durch das Leben gehen, ohne nach Klarheit zu ringen“, ein solcher Satz ist nun freilich wieder von anderem Kaliber und wohl wahr, auch „Mir aber ist der höchste, ja der einzige Zweck meines Daseins der gewesen, zur Erkenntnis zu gelangen“, alles andere kann man auch, sozusagen, vergessen. „Aber Gott war barmherzig gegen den Thoren und führte ihn auch auf dem Wege des Studiums zu der Erkenntnis, daß jener fromme Kinderglaube der allein richtige sei“, „Mein Kinderglaube ist also durch zahlreiche Prüfungen gegangen; er hat sich in ihnen voll bewährt und wohnt mir darum doppelt unerschütterlich im Herzen“, das sind schon sehr beachtenswerte Sätze.

Dann folgt ein längerer Exkurs in Sachen „verdienen“, auch darüber lohnt sich nachzudenken, es geht um das Wort verdienen in ursprünglicher Bedeutung. (Als einer einmal darüber klagte zuwenig zu „verdienen“ fragte ihn jemand ob er denn mehr „verdiene“ …)

Dann wird es wieder profaner, Old Wabble verhält sich immer törichter. Old Shatterhand gibt unumwunden zu, mit dem Kommandanten und den Soldaten „ein wenig Theater spielen“ zu wollen, die Szene wird dann auch genüsslich ausgewalzt.

Und noch eine interessante Stelle fällt auf, deren Aussage lohnt, sich zu merken:

„Streiten wir uns nicht darüber! Ihr seid Yankee und außerdem Offizier; ich kann und werde Euch nicht zu meiner Ansicht bekehren. Es handelt sich hier auch nicht um diese, sondern um eine ganz andre Ansicht, die sehr falsch ist“. Beherzigenswert. Nicht missionieren, andersgeartete Ansichten und Einstellungen tolerieren und akzeptieren, auch wenn man mit ihnen persönlich nichts im Sinn hat und sie ggf. auch durchaus für falsch hält.

 

Viertes Kapitel – Der „General“

Wenigsagende Dialoge über Dutzende von Seiten, mit verschiedenen Personen, manchmal scheint May nah an der Kolportage zu Beginn dieses Kapitels.

Dann tritt Apanatschka auf, und das kommt etwas eigenartig herüber, „ich mußte mir sagen, außer Winnetou noch keinen so interessanten Indianer gesehen zu haben“; „Sein Gesicht machte einen Eindruck auf mich, den ich am liebsten mit dem Ausdrucke 'anheimeln' bezeichnen möchte.“

Der „General“ hat etwas Clowneskes an sich („Seine Kleidung war höchst phantastisch zusammengesetzt, halb Civil und halb militärisch, und sonderbarer Weise trug er einen langen Säbel an der Seite“), äußerlich und innerlich, das hat man häufiger, das hinter diesem Typus die übelsten Erscheinungen sich verbergen.

Dann wieder unverhohlene bewundernde Aufmerksamkeit seitens des Erzählers in Richtung Apanatschka, „meine Augen waren gefangen, dem wackern, jungen Krieger zu folgen, der mich gleich bei dem ersten Blicke angezogen hatte“. Die Hochschätzung ist gegenseitig, der Comantsche sagt wörtlich, Winnetou und Shatterhand gelten für ihn als „heilig und für unantastbar“, es dürfte auch eine Nummer kleiner sein, ist man hier versucht zu sagen.

Dieser Zweikampf – was soll das ? Surehand wie Apanatschka sind hochgeschätzte Mitmenschen, und doch lässt der Erzähler sie ohne jeden Versuch, einzugreifen, auf Leben und Tod aufeinander losgehen, eigentlich völlig unmotiviert. Freunde der 'action' mag so etwas erfreuen ... Man schüttelt den Kopf und fragt sich, Karl was ist [los mit] dir.

„Man hat nicht umsonst seinen guten Turn- und Fechtunterricht genossen“, gelegentlich ereilen auch einen Old Surehand sozusagen deutschnationale Anwandlungen á la Vater Jahn, dann lesen wir das eigenartige Scherzchen "Oder soll ich Euch extra ein Liebesgeständnis machen und Euch in einer langen und begeisterten Rede erklären, daß ich ohne Euch nicht leben kann?“, so der Erzähler zu Surehand, sie tauschen noch die eine oder andere Freundlichkeit aus, wobei es einmal mehr nicht ohne Stilblüte abgeht („Ich habe Euch herzlich, herzlich lieb und weiß, daß Ihr mir auch gewogen seid. Sollte mir jetzt in diesem Zweikampfe etwas Menschliches passieren, so bitte ich Euch, mich nicht allzu schnell zu vergessen, Mr. Shatterhand“), und dann kann es losgehen mit dem Zweikampf.

Faustschläge auf den Kopf, gegenseitiges Würgen bis zum Umfallen, was musste er denn da unbeholfen kompensieren in seiner Not. Niveaulos wirkt das, unmöglich. "Ja - aaa - - aaaaa!" gurgelte er. "Meine Kehle ist --- noch --- halb zuuuuuuu!", mit acht a und sieben u.

Der folgende (absichtliche ?) Lapsus sei gerne noch einmal wiedergegeben: „War es wirklich nur der indianische Brauch, keine fremde Frau in den Mund zu nehmen, oder hatte er andere Gründe, über sein irrsinniges Weib zu schweigen?“, wer die Bearbeitungen liest, versäumt manchmal wirklich das Beste, solche Stellen sind natürlich alle geändert.

Zu 'esoterischen' Dingen wie Spiritismus u.a. hatte Karl May offenbar ein recht zwiespältiges Verhältnis, einerseits hat er sich einigermaßen intensiv damit beschäftigt, andererseits macht er sich auffallend oft herablassend darüber lustig, so auch hier, wenn er das Treiben des Medizinmannes im Dialog mit diesem als „Hokuspokus“ bezeichnet.

Mit Old Wabble kommt es zum endgültigen Bruch und zur Trennung; die Abschiedsworte des Alten sind beachtenswert.

Mit Menschen macht der Erzähler einmal mehr schlechte und bitter machende Erfahrungen, „Später sah ich ein, daß dies eine Kriegslist gewesen war, um mit nach der Oase kommen zu dürfen; jetzt hätte ich ihm für seine Menschlichkeit noch meinen Dank abstatten mögen!“, schon das Ausrufezeichen verrät die gallige Selbstironie, so in etwa nach dem Motto was bin ich wieder gutgläubig naiv gewesen, lerne ich es denn nie daß man es meistens doch mit Halunken zu tun hat ...

Als die Gewehre gestohlen werden, geraten die Helden schier aus dem Häuschen, so kennt man sie sonst gar nicht, und darauf weist selbst der Erzähler hin; hat da jemand vielleicht Manuskripte nicht zurückgeschickt oder was wird da der Hintergrund gewesen sein ?

Der Abschied von Old Surehand wird für lange, lange Zeit sein, im zweiten Band kommt er überhaupt nicht vor und im dritten erst im letzten Drittel, so etwas ist manchmal recht ungewöhnlich verteilt bei Karl May.

Von Helmers Home wird in einer Weise erzählt, als kenne es der Leser noch nicht, dabei wurde schon im zweiten Kapitel ausführlich davon gesprochen. Dort erleben wir nun einmal wieder urdeutsche Gemütlichkeit, „Ja, da erschien Helmers' hohe, kräftige Gestalt unter der Thür, und seine Frau zeigte sich mit strahlenden Augen hinter ihm. Die beiden Alten liebten sich außerordentlich, sie hieß Barbara; er pflegte sie nicht anders als 'mein liebes Bärbchen' zu nennen.

War das eine Freude über unsere Ankunft! Das Händedrücken wollte gar nicht aufhören“; „Mutter Barbara that ihr möglichstes, um die Tische 'krachen' zu lassen, und während wir aßen und tranken, erzählte ich Helmers, was geschehen war“, so etwas gefällt unserem Autor, da fühlt er sich wohl, und das verstehen wir.

Am Ende wird Haß gesät – seitens der „Guten“ !, Wabble wird gezwungen den General zu peitschen.

Und daß er wieder einen fremden Ring an den Finger steckt, wie schon in „Durch die Wüste“, ist seltsam unsensibel seitens Shatterhand/May, das macht man halt nicht, so bewusst sollte er doch eigentlich gewesen sein.

 

OLD SUREHAND II

Eines der interessantesten und reizvollsten Bücher Karl Mays. Innerhalb einer Rahmenhandlung (bei Mutter Thick, resolut-liebenswürdiger Wirtin, im Boarding House in Jefferson-City) werden Geschichten ganz unterschiedlicher Art erzählt, wobei May auf früher geschriebenes, einschließlich Kolportage (aus dem "Waldröschen") zurückgreift [in der Reihenfolge: Three Carde Monte - Vom Tode erstanden - Auf der See gefangen (I) - Unter der Windhose - Der Königsschatz - Auf der See gefangen (II)]. Dabei sind Schalk und Selbstironie bezüglich des eigenen Schaffens unverkennbar. So läßt er z.B. in der früheren Geschichte "Vom Tode erstanden", die er von einem Dritten im Wirtshaus erzählen und auf zunächst offenbar nicht allzu interessierte Ohren stoßen läßt, am Ende kurzerhand Winnetou und Old Shatterhand auftreten, um der Angelegenheit, auch für die Zuhörer im Gasthaus, zusätzlichen Reiz zu verleihen. Und weist vorher in der überarbeiteten Geschichte "Three Carde Monte" als zuhörender Old Shatterhand einen anderen Erzähler auf zeitliche Anachronismen hin (die ihm, dem Autor May, aber offensichtlich bei der vorherigen Fassung der Geschichte entgangen waren).

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Sehr reizvoll und interessant ist es, die Königsschatz-Epidode aus dem "Waldröschen" mit der Originalfassung zu vergleichen. Karl May hat diesen Text für die Veröffentlichung in Old Surehand II überarbeitet, und zwar in durchaus ähnlicher Weise, wie das andere Bearbeiter später nach seinem Tod mit anderen Texten von ihm machten. Wenn es also heißt, man habe in seinem Sinne gehandelt, kann dem eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden. Auch Karl May hat sich halt gelegentlich angepaßt und verbiegen lassen.

 

Erstes Kapitel - Bei Mutter Thick

Für die Mutter Thick hat unzweifelhaft die Mutter Röse aus Mays Dessauer-Geschichte „Unter den Werbern“ Pate bzw. Patin gestanden, die Beschreibungen der Gaststube, des bunten Treibens dort und der Wirtin ähneln sich sehr.

Im ganzen Band Old Surehand II wird die Titelgestalt nicht ein mal leibhaftig vorkommen, nur auf einer Seite wird er erwähnt.

Es handelt sich bei diesem Band sozusagen um „Auffüllarbeit“, May nimmt eine Rahmenhandlung, eben die bei Mutter Thick, und füllt diese (nicht Mutter Thick, sondern die Rahmenhandlung) mit alten Geschichten ganz unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Umfangs, sogar aus dem „Waldröschen“ ist eine ordentliche Portion dabei. Aus ganz verschiedenen Gründen. Zeitmangel, Krankheit, Krise der Lebensmitte, Rückschau auf das bisherige Schaffen, Ausprobieren einer anderen „Kunstform“, all das mag eine Rolle gespielt haben. Detaillierte Hintergrundinformationen sind unter anderem im ausgezeichneten Vorwort von Siegfried Augustin im Weltbild-Band Old Surehand II zu finden.

„Mutter Thicks Lokal war bekannt als ein Ort, in welchem man auf diese Weise den wilden Westen kennen lernen konnte, ohne die dark-and-bloody-grounds selbst aufsuchen zu müssen“, Karl Mays Arbeitszimmer auch.

Anmerkungen zum Biertrinken und deutsche Gemütlichkeit, der barocke Genussmensch Karl May ist im virtuellen Westen wieder einmal in seinem recht deutschen Element, „Auch die Einrichtung des Lokals heimelte mich an; sie war mehr deutsch als amerikanisch zu nennen“.

Der Anzug des Erzählers ist, wie so oft im Werk, arg heruntergekommen; wer das ständig proppere 'Outfit' der Helden in den Filmen für authentisch hält, irrt beträchtlich.

„Wißt Ihr, Gent's, die Staaten sind ein eigentümliches Land, wo das Größte hart neben dem Kleinsten, das Gute gleich beim Schlimmen steht“, wohl wahr, aber das gilt nicht nur für die Staaten, sondern für die ganze Schöpfung.

„Das war ein Leben wie im Himmel, Mesch'schurs, und ich will es jedem von Euch herzlich gönnen, der solche glückliche Tage aufzuweisen hat; nur mögen sie bei ihm länger gedauert haben als bei mir“, „Es gibt ein Glück“, heißt es im „Lohengrin“, und auch Karl May hat die eine oder andere Portion davon abbekommen.

Und dann sind wir schon mittendrin in der ersten Geschichte, zuvor als „Three carde monte“ im „Deutschen Hausschatz“ erschienen …

„Spiegelblanke Augen ohne Lug und Trug“ habe Lincoln, heißt es hübsch. Karl May war ein guter Augenbeobachter, die deprimierenden „Dukatenaugen“ aus einer der Erzgebirgischen Dorfgeschichten können einem spontan einfallen.

„und konnte trotz der Gutmütigkeit, die ihm anzusehen war, doch vielleicht auch ein wenig verschmitzt und listig sein, wenn er es für gut hielt“, so Lincoln, so May.

Die von mehreren Männern entführte Frau wird „totenbleich, an den Händen gefesselt und mit tief zur Erde gesenktem Kopf“ gefunden, was wird da vorgefallen sein, seinerzeit hüllte man sich noch gern in beredtes Schweigen.

„es giebt eine Qual, die das Herz verkohlt, ohne daß nach außen ein einziger Laut zu hören ist“, heißt es nachdem Braut und Vater getötet wurden, in Sachen Ausdrucksweise war May selten um ungewöhnliche Formulierungen verlegen.

Lincoln ist knallhart, „Das wäre nicht geschehen, wenn Ihr mit dem Schusse bis zur rechten Zeit gewartet hättet. Ich rechne, das wenige Pulver und die kleine Kugel kosten Euch die Braut und den Vater“ haut er dem Betroffenen unmittelbar nach dem Geschehen gnadenlos um die Ohren, und das wird akzeptiert, „Das war die rechte Lehre, im rechten Augenblick gegeben, Gentlemen. Ich habe sie und diesen Augenblick niemals vergessen, darauf könnt Ihr Euch verlassen“. Doch, auch in solchen kleinen 'Schauergeschichten' kann May-Lektüre durchaus lehrreich sein, hier geht es um Dinge wie angemessene Härte, Streitkultur, Konfliktfähigkeit.

Und als sie sich später wiedertreffen, begrüßt Lincoln den armen Kerl mit den Worten „By god, das ist Master Kroner, der sich um seine Braut geschossen hat!“, so etwas gefällt, das muß man aushalten können. Wie schrieb Hemingway, „wer leidet, passt nicht in dieses Klima“.

„Ich habe einen Unschuldigen zu retten, der einen Mord begangen haben soll!“, sagt Lincoln, indes hält er seine Rede auf einem Floß, nur „Schnaken und Libellen“ hören zu, er übt erst für später, eine feine Einlage in Sachen Schein und Sein, alles ist ein Spiel …

"Ja, warum geht Ihr denn eigentlich nach dem Westen und bleibt nicht daheim auf Eurer Farm, wo es mir damals trotz der beiden Toten für mehrere Tage so wohl behagte?", Nein, zimperlich ist der Mann wirklich nicht … Aber er ist keinesfalls nur sarkastisch oder zynisch, sondern sehr wohl konstruktiv bei der Sache: „Das Herzeleid ist ein schlimmer Gesell, und man darf sich nicht mit ihm an einen Ort fesseln und zusammenbinden lassen, sondern man schafft es hinaus in das Weite, wirft es hin und kehrt dann als freier Mann zurück“. Noch einmal: es ist sehr viel Schönes enthalten in Karl Mays Geschichten. Man muß es halt wahrnehmen.

„vor dem Thore lag ein entsetzlicher Haufe von Leichen und zerrissenen Gliedern hochaufgetürmt; das hatten die Kartätschen gethan“, der vermeintliche Kinder- und Jugendschriftsteller hat immer gut hingeguckt und nichts ausgeklammert, und nach bunter Familienunterhaltung klingt das nicht.

„Der Erzähler machte eine Kunstpause“, diese eingeschobenen Stellen machen unter anderem den Reiz dieses Bandes aus. Karl May stellt, aus der Rückschau, sein eigenes Werk vor, mit Witz und Ironie.

Das Pferd Arrow kennen wir aus „Der Oelprinz“ (nicht aus dem Roman, sondern der gleichnamigen frühen Erzählung), „und wo es kein Oel gab, da gab es wenigstens viel öliges Geschrei“, so ist das in vielen Branchen noch heute, man setze statt Oel alles mögliche.

„Er versteht, mit der Karte die ganze Hölle herbeizuzaubern“, heißt es über den Kanada-Bill, der halbwelt-erfahrene Erzähler weiß, wovon er spricht. Daß man den Mann dann, als man ihn hat, mangels Beweisen einfach laufen lässt, bleibt unverständlich, zumal der Erzähler kurz darauf äußert, beim nächsten Mal sei ihm „meine Kugel sicher und gewiß“.

Der aus Mays Werk sattsam bekannte Ölbrand fällt diesmal eine Spur harmloser und unspektakulärer aus als sonst, er ist aus einer früheren Geschichte übernommen, in der der Brand umfangreicher geschildert wird, May hat hier für die Buchausgabe Streichungen vorgenommen, um sich nicht allzusehr zu wiederholen.

In einer dieser köstlichen Einblendungen heißt es über Old Shatterhand verächtlich „Bin oft mit ihm geritten und habe nichts von ihm lernen können“, der Lauscher an der Wand …

Und dieser Durchschnittsreiter Old Shatterhand macht den Erzähler dann auf einen Anachronismus in der Geschichte aufmerksam (die er, May, seinerzeit selber geschrieben hat !), das ist schon großartig, wie er sich hier selber ironisiert.

Oder dies: "Old Shatterhand hat einen solchen Oelbrand erlebt, und zwar im Bluff von New-Venango. Der Oelprinz hieß dort nicht Willmers, sondern Forster." - "Das geht mich nichts an und ändert nichts an meinem Erlebnisse; es finden oft Oelbrände statt." - "Bei denen die Umstände einander so ungeheuer ähnlich sind? Hm!"; er nimmt seinem aufmerksamem Leser das Wort aus dem Munde. Aber bei aller Schluderei und Schlamperei, die er hier ebenso leicht versteckt wie unumwunden zugibt, wie sagt doch Mutter Thick gleich darauf sehr richtig: „Er schreibt Bücher, und erzählt so schön, oh so schön!“ (über einen anderen Gast, einen „Litteraten“, der dann eine weitere May-Geschichte vorträgt).

Und damit kommen wir, immer noch innerhalb des ersten Kapitels, zu „Vom Tode erstanden“. Diese Geschichte beginnt sehr reizvoll: „Es war im Hafen von Sacramento, in welchem sich ein Bild von den lebhaftesten Farbentönen entwickelte. Die Menge, welche sich geschäftig über den Quai ergoß oder lungernd umhertrieb, schien nicht aus den Bewohnern eines besonderen Distriktes oder gar einer einzelnen Stadt zu bestehen, sondern glich eher einem Karneval, der die Repräsentanten aller Nationen für kurze Zeit vereinigt hat“, diesen karnevalistischen Eindruck macht die Welt indes auf Karl May durchaus häufiger. - Die „Mission“ (Santa Lucia) verkommt im Laufe der Jahre in zweckentfremdeter Weise zur völligen Beliebigkeit und zum Tummelplatz für 'Kreti und Pleti', das ist der Lauf der Welt.

„Der alte Pfarrer konnte nichts dagegen thun. Anfangs hatte er, nicht imstande, Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Prozesse angestrengt, um die Lästigen aus dem frommen Hause abzuhalten, aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen kennen lernen, denn er fiel dadurch einer ganzen Schar von Geirn in die Hände, die alle Zahlung von ihm wollten, ohne daß sie aber das geringste für ihn ausgerichtet hätten“, das sollte Karl May selber später noch ganz ähnlich erleben. - Daß es Krankenhausskandale schon im neunzehnten Jahrhundert gab, erfahren wir auf anschauliche Weise hier auch.

„Der Erzähler machte jetzt eine Kunstpause und zeigte dabei eine so verheißungsvolle Miene, daß ich im stillen annahm, er werde nun als 'Schriftsteller' sein Erzählertalent leuchten lassen. Ich hatte mich auch nicht geirrt, denn er gab dem Folgenden die Form einer Novelle, welche ganz gut hatte gedruckt werden können.“

Selbst Ganoven haben bei Karl May Sprachgefühl, „weil White gelehrter klingt als Walker“, Kompliment.

„Der Doktor war gezwungen gewesen, ihn zu engagieren, beruhigte sich aber bei der Beobachtung, daß sein Assistent selbst solche Vorkommnisse ganz an ihrem Platze fand, die der Oeffentlichkeit vorsichtig entzogen werden mussten“, es hat sich offenbar wirklich nicht viel verändert.

Daß erst, nachdem Winnetou und Old Shatterhand auftreten, die Geschichte „viel, viel interessanter“ wird, ist wieder ein selbstironisch gebrochener spezieller Witz Mays und trifft eigentlich gar nicht zu. Und daß Shatterhands Hieb diesmal zu ganz ungewöhnlichen Folgen führt („Er kämpfte Tag und Nacht mit den Gestalten derer, an denen er sich vergangen hatte, und wurde dabei so gefährlich, daß ihn nur die Zwangsjacke bändigen konnte. Die Tobsucht ließ nicht von ihm, bis sie ihn mit schäumendem Ringen tot niederwarf“), ist auch mal etwas Neues.

Und damit kommen wir zu „Auf der See gefangen“; Karl May filettierte aus diesem frühen Roman große Teile heraus (bzw. ließ kleinere Teile weg), überarbeitete sie und füllte mit ihnen weite Teile dieses Bandes Old Surehand II. Hier im ersten Kapitel haben wir es mit den Kapiteln 3 + 4 zu tun, später im Band dann mit den maritimeren Kapiteln des Frühromans.

„Der Mann, welcher aufgefordert wurde, seine Geschichte vorzutragen, hatte lebhafte, scharfblickende Augen, ein intelligentes Gesicht und war wohl gewöhnt, über Dinge nachzudenken, welche andre Leute gleichgültig lassen.“ Immerhin. Auch wenn es nur der noch nicht allzu großen Eindruck hinterlassende Frühroman ist, aus dem er vorträgt.

„Als der Erzähler diese Beschreibung von Dik Hammerdull brachte, mußte ich an meinen alten Gefährten Sam Hawkens denken, dessen Aeußeres beinahe ganz dasselbe war, nur daß er einen Vollbart hatte. Später hörte ich, daß Hammerdull ein guter Bekannter von ihm war und sich aus reiner Freundschaft ebenso wie er kleidete“, ein wenig allzu lax aus dem Handgelenk geschüttelt, manchmal nimmt May weder seine Leser noch sich selbst allzu ernst und schlampert ein wenig sorglos vor sich hin.

Die Atmosphäre des guten Einverständnisses zwischen den „Guten“ unter den „Roten“ und „Weißen“ fehlt hier noch, so gibt es zwischen Hammerdull und Winnetou Irritationen, wie sie später im Werk so nicht mehr denkbar wären. („Was willst du hier bei mir, Rothaut? Dieser Platz ist mein. Geh', such dir einen andern!“ u.a.)

Beim Aufbruch aus der Kneipe wird nebenbei eine anrührend-respektvolle Würdigung eines Pferdes vorgenommen, wie es so und ähnlich des öfteren vorkommt bei May: „Doch hätte nur der im Westen Unbekannte über die alte Rosinante lächeln können. Diese Art von Tieren hat gewöhnlich ein halbes Menschenalter hindurch dem Reiter in Not und Gefahr gedient, in Wind und Wetter, in Sturm und Schnee, Hitze und Regen treu und mutig zu ihm gehalten, ist ihm daher an das Herz gewachsen und besitzt selbst noch im hohen Alter schätzenswerte Eigenschaften, welche ihn nicht leicht zu einem Wechsel schreiten lassen. So wußte jedenfalls auch Dik Hammerdull, warum er seine Stute beibehielt und nicht einen jungen, kräftigen Mustang an ihrer Stelle unter den Sattel nahm.“

Den anschließenden Eisenbahnüberfall kennt der Mayleser (auch der von 1895) schon aus „Old Firehand“ sowie „Winnetou II“, und aberwitzigerweise stand er in der gleichen Fehsenfeldschen Buchausgabe (in Band VIII), in der nun nicht allzu lange Zeit später dieser Band (XV) erschien, ob May das tatsächlich vergessen hat ? Daß eine der teilnehmenden Figuren statt Old Firehand nun Sam Firegun heißt, dient der Verschleierung nun auch nicht allzu sehr …

Daß Letrier (der vermeintliche Peter Wolf) und sein Kumpan Latour beim Kampf mit den Indianern nur zum Schein mitmischen, steht in „Auf der See …“ so noch nicht, und es ist May offenbar erst bei der Überarbeitung aufgefallen, daß es sonst unlogisch wäre. So hatte er denn gleich auch Gelegenheit, seine Leib- und Magenthematik Schein und Sein noch einmal einzubringen: „Und noch zwei ragten unter den weißen Kämpfern hervor: die beiden Deutschen. Sie hatten die Tomahawks gefallener Indianer aufgerafft und handhabten sie mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, als hätten sie sich auf diese Art des Fechtens besonders eingeübt. Niemand aber sah, daß sie nur zum Scheine kämpften. Sie verletzten keinen Indianer und wurden auch von diesen verschont. Die Waffen klirrten nur so aneinander, und wenn ein Indianer so that, als ob er niedergeschlagen worden sei, so kroch er bald fort, um sich einen andern Gegner zu suchen.“

Diese Passagen mit den Kämpfen wirken schon in „Old Firehand“ gewaltverherrlichend, von „Kampfeswonne“ ist ja auch ausdrücklich die Rede (daß es die gibt ist klar, wie man sie beschreibt steht aber immer noch auf einem anderen Blatt), in frühen Werken Mays hat man es scheinbar noch mit einem groberen (oder vielleicht besser: offeneren ... ?) Gemüt zu tun als später, es mag aber auch ein wenig am jeweiligen Verleger gelegen haben.

Es tritt auf Peter Polter, nomen est omen, und entsprechend polterig und hemdsärmelig-grobschlächtig geht es denn auch im Folgenden über weite Strecken zu in dieser ruppigen Wildwest-Geschichte.

 

Zweites Kapitel - Der Königsschatz

Mutter Thick ist zufrieden:

„Seht Euch doch einmal im Zimmer um! Alles lauscht nach Eurem Tisch, und es ist noch nie bei mir so still und friedlich zugegangen wie jetzt. Ich meine auch, daß eine solche Geschichte viel besser und genteeler ist, als wenn die Gentlemen sich miteinander zanken und balgen und mir dabei die Tische und Stühle zerschlagen und die Flaschen und Gläser zerbrechen.“

Und so darf der Nächste erzählen, eine Geschichte, in der auch Intschu Tschuna vorkommt bzw. mehrmals erwähnt wird. Der Bösewicht, nebenbei bemerkt, heißt Rollins, den Namen adaptierte man später für eine Verfilmung eines ganz anderen Stoffes.

Bei diesem Master Rollins geht es gleich ganz gehörig zur Sache, kein Wunder bei Alkoholismus und mentaler Grenzbereichgängerei, wie sie der Mann offenbar betreibt.

Des einen Pferd lahmt, der andere hinkt selber (indes, das täuscht er nur vor, wie sich später zeigt), die Frau wiederum ist wegen Krankheit an jenem Ort hängengeblieben, ein Schicksalsplatz offenbar.

„Durch diese Löcher und Ritzen kroch das Elend ein und aus“, indes, das geht auch ganz ohne Löcher und Ritzen, auch in der nobelsten Villa, so etwas ist von äußeren Umständen völlig unabhängig.

Die Beschreibung der Windhose enthält eine hübsche Stilblüte besonderer Art.

Die weibliche Hauptperson der Geschichte wird ein wenig allzu jammerhaft und wehleidig beschrieben. „Ihr zweiter Mann war der Mörder des ersten“, ein interessantes Motiv.

Mit der Geschichte und mit Rollins geht es nach dem Sturm bald zu Ende: „Und doch verfuhr der Barmherzige noch gnädig mit ihm: Die zermalmten Glieder verursachten ihm keine Schmerzen; er schlief ein, ohne einen Seufzer auszustoßen“, da war aber der Autor später im dritten Surehand-Band ungleich ungnädiger mit seinen Hauptschurken.

„Der große Geist hat den Menschen erschaffen, nicht daß er reich, sondern daß er gut werde“, der junge rote Mann ist offensichtlich schon einen gehörigen Schritt weiter als mancher weiße dreimal so alte; wenn wir „gut werden“ nun noch nicht „moralisch“, sondern im Sinne von Reifen, Wachsen, Erkennen usw. sehen, ist es noch besser.

Und damit kommen wir zum „Waldröschen“ bzw. einem geschickt ausgewählten qualitativ herausragenden Teil daraus.

"Und ein Graf spielte den Halunken, ein wirklicher Graf?", das ist hübsch formuliert, in Sachen Spielen, denken wir z.B. an „Prolog im Himmel“ und Mephisto.

„'Ich möchte nämlich gern, daß die Gentlemen, welche hier sitzen, die Geschichte vom Grafen Rodriganda auch hören. Wollt Ihr sie erzählen?'

'Bin gar nicht abgeneigt. Aber sie ist nicht so kurz wie die Eurige; haben die Gentlemen Zeit?'“,solche Einschaltungen sind mit das Reizvollste an dem Band.

Die „Königsschatz“-Episode sei an dieser Stelle [zunächst] übergangen. Einschaltungen wie oben kommen innerhalb der Episode auch nicht mehr vor. Interessant ist, daß Winnetou und Old Shatterhand erwähnt werden.

In dem teilweise vorzüglichen Band aus der Reihe „Karl-May-Studien“ zu Old Surehand stellt Christoph F. Lorenz in einem ausgezeichneten Artikel klar und präzise die wesentlichsten Informationen zu den Unterschieden zwischen der Münchmeyer- und der Buchfassung dieser Episode heraus.

 

Drittes Kapitel - Ein Korsar

Mutter Thick schaltet sich nun auch zu inhaltlichen Fragen der erzählten Geschichten ein; die Herrschaften lassen sich über Winnetou, die Verhältnisse des Landes und Varianten eines Schlusses einer Erzählung aus, wie hieß doch ein schöner Satz andernorts, wenn es auch nicht wahr ist, so ist es doch schön erfunden.

In dem Zusammenhang fällt sehr hübsch das Wort „Licenz“, und hier erklärt Karl May bestens sich selbst: „Licenz, Licenz, das ist das richtige Wort. Man nimmt sich die Freiheit, gegen die Wahrheit zu erzählen, um dadurch eine höhere künstlerische Wirkung oder einen guten, befriedigenden Abschluß zu erzielen.“ Das legt er allerdings wieder einem anderen in den Mund.

„Ich habe also bis zum heutigen Tage nicht gewußt, was Ihr mit den beiden angefangen habt, und da die Gerechtigkeit ihre Bestrafung erforderte, so habe ich sie einfach bei unsrem Angriffe im Gutter sterben lassen. Das gab einen Schluß, mit dem man zufrieden sein konnte, und so hoffe ich, daß die Gentlemen hier mir die kleine Licenz verzeihen werden“, das könnten Bearbeiter an der Wand hängen haben.

Mit auffallendem (unterschwelligen) Respekt wird anschließend vom Schwarzen Kapitän erzählt, es dürfte Karl May selber sein, dessen klammheimliches Beeindrucktsein von Kriminellen grösseren Stils und Niveaus hier wieder einmal durchkommt.

Sehr interessant ist die Beziehung zwischen dem Schwarzen Kapitän und Miß Admiral, hier in Form einer Nacherzählung zu begutachten. „Man darf nun nicht etwa meinen, daß er zu der 'Miß Admiral' in einem einträchtigen Verhältnisse gestanden habe; sie lebten im Gegenteile in offener Feindseligkeit, und keins von ihnen beiden fühlte sich seines Lebens sicher.“ Aber da ist zweifelsohne auch Anziehung. „Die beiden sahen sehr bald ein, daß sie vortrefflich zu einander paßten, aber nicht etwa, um einander zu heiraten, o nein! denn die 'Miß Admiral' ist in dieser Beziehung niemals ein Frauenzimmer gewesen, sondern in ganz anderer, sagen wir, geschäftlicher Beziehung“.

Die Einleitung (zum zweiten Block von „Auf der See gefangen“) ist reizvoll, weltanschauliche Betrachtungen in und um San Francisco.

Die folgende große Passage aus „Auf der See gefangen“ sei hier übergangen. (Zu "Auf der See gefangen" siehe unter 'Frühwerk'.)

Die Sprünge hin und her des Originals werden hier lakonisch kommentiert, „Und nun, Mesch'schurs,“ fuhr der Erzähler fort, „muß ich meine Geschichte einen großen, weiten Sprung von San Francisco nach der Gegend des wilden Westens machen lassen, in welcher sich Sam Fire-gun mit seinen Leuten befindet. –“

Und bei der Gelegenheit gleich wieder ein weltanschaulicher Einschub, die Bhagavadgita lässt grüßen:

„Die erregten Lüfte, welche heulend über die Ebene jagten, sie fangen sich an den Felsenmauern der Gebirge und gehen - zur Ruhe. Die Wolken, die entweder majestätisch langsam am Himmel hinzogen, oder, vom Sturme gepeitscht, wie wilde, wirre Gespensterscharen am Firmamente sich auf- und niederwälzten, sie gießen ihr wärmeloses Blut zur Erde nieder und gehen - zur Ruhe. Der Bach, der Fluß, der rauschende Strom, der ohne Rast und Aufenthalt von dem unerbittlichen Gesetze der Schwere zwischen seinen Ufern fortgetrieben wird, er wälzt sich endlich in das Meer und geht -zur Ruhe. Bewegung und Ruhe ist der Inhalt des ganzen, des besonderen wie allgemeinen Lebens, auch des menschlichen.“ Wir sind dann allerdings gleich ganz profan wieder bei Fire-gun, Peter Polter, Hammerdull und Holbers.

Und gleich (nach ein bisschen „Überspringen“ …) wieder zurückgesprungen:

„Wenn ich in meiner Geschichte vorhin einen großen Sprung von San Francisco nach dem wilden Westen gethan habe, so bitte ich euch, Mesch'schurs, diesen Sprung mit mir wieder zurückzuthun. Wir befinden uns also wieder in 'Frisco' oder vielmehr zunächst in dem ihm an der Bai gegenüberliegenden Oakland, denn wer zu Pferde, so wie wir, aus dem Osten kommt, der muß in Oakland halten, weil sich ihm die hier elf Kilometer breite San Francisco-Bai in den Weg legt.“

Beim Blättern fällt die Stelle „Ob juchheisassassassa oder nicht, das bleibt sich gleich“ auf.

Und der nächste große Sprung führt uns gleich zu einem der 'dicksten Hunde' in Mays Werk überhaupt, das ist schon recht tolldreist:

„Und jetzt, Gentlemen, machen wir einen dritten Sprung; es ist der letzte, aber dafür auch der größeste, denn er führt uns aus dem Stillen Meere nach dem Atlantischen Ocean, nämlich nach Hoboken, der Schwesterstadt von New York. Dort giebt es, grad so wie hier, auch eine liebe, gute Mutter Thick, die von den bei ihr verkehrenden Seeleuten hoch verehrt wird und das Gesicht eines jeden kennt, der einmal bei ihr gewesen ist. Die Gleichheit der Namen ist nichts Auffälliges, denn der amerikanische Seemann pflegt jede wohlbeleibte Wirtin gern 'Mutter Thick' zu nennen.“ Hier mischen sich frechste Schlamperei und unbekümmertste augenzwinkernde Schlitzohrigkeit, und daß der Bearbeiter des aktuellen Bandes GW 19 sich an dieser Stelle ausgedacht hat, daß es doch nur eine Mutter Thick ist, die ihre Kneipe im Laufe ihres Lebens halt irgendwann in eine andere Region verlegt hat, kann man fast verstehen. (Wenn uns auch in dieser Variante dann freilich entgeht, was für ein Chaot Karl May manchmal war.)

 

Viertes Kapitel - Die verkehrten Toasts

Mit dem Ende des dritten Kapitels ist die Geschichtenerzählerei zu Ende.

„Ich gehöre nämlich zu denjenigen Menschen, deren Züge grad dann einen recht bescheidenen Ausdruck annehmen können, wenn es in ihrem Innern arbeitet. Einer, der sich für einen großen Psychologen hielt, erklärte mir das einmal mit den Worten: Wenn der Geist sich nach innen zieht, muß außen das Gesicht dumm aussehen; das ist doch selbstverständlich“, manchmal weiß man bei Karl May wirklich nicht, meint er es jetzt ernst oder nimmt er uns auf den Arm. Vielleicht beides gleichzeitig.

Der vermeintliche Colorado-Mann wird als Aufschneider überführt (in „Three Carde monte“ war er es noch wirklich), und Erzähler Shatterhand/May wird unmittelbar darauf 'angemacht': "Seid wohl auch so ein Colorado-Mann wie der da drüben, he?" Das ist doch wirklich sehr hübsch …

„Die gestrigen Gäste waren wieder da, und es gab da eine Unterhaltung, welche der gestrigen ähnlich war“, es wird doch nicht wieder von vorne losgehen mit der Erzählerei ? In Gedanken schon beim nächsten Sammelband ? (Darauf kommen wir gleich noch.)

Und dann tauchen Hammerdull und Holbers persönlich auf, von denen am Vortag soviel erzählt worden war, bei May ist’s möglich …

Hammerdull hält einen interessanten zivilisationskritischen Vortrag, Holbers beschäftigt sich mit der Prügelstrafe und ihrem Unwert oder eben auch Wert, Vater May lässt grüßen. Old Shatterhand hat mal wieder einen seiner ganz großen Auftritte, alle kennen, achten und verehren ihn, und sind schier aus dem Häuschen, daß wirklich er es ist, der da bei ihnen ist.

Von der Polizei hielt er wohl nicht allzu viel, er wird seine Erfahrungen gemacht haben in damaligen Milieus und Strukturen. (Eine Einrichtung, die eine vordergründige 'Ruhe im Land' sowie vermeintlich Recht und Ordnung vorzutäuschen sich bemühen soll ...)

"Denkt nicht an die Polizei," unterbrach ich ihn. "Von ihr haben die Bestohlenen gar nichts zu erwarten."

"Ich denke doch!"

"Nein, gar nichts! Wenn wir nicht selbst das Richtige treffen, so trifft es die Polizei noch viel weniger als wir."

klingt jedenfalls in etwa so.

Auch Herren wie der seriöse Treskow sind bei Karl May nicht eben immer zimperlich, „Und wenn Ihr ihn hättet totprügeln lassen, so wäre es nicht schade um ihn gewesen“, klare Worte.

Die neuen Freunde sind in durchgängig grüner Kleidung sowie mit Regenschirm erschienen, die Welt erscheint immer wieder mal etwas bizarr. Und daß die Helden miteinander ordentlich einen trinken oder auch saufen gehen, wird nicht explizit ausgesprochen, aber klar genug angedeutet.

Die „lockenhungrige Alte“ holt sich das, was sie will, nämlich ein kräftiges Büschel von des Erzählers männlich enorm starkem Haar, und der ist darob so entgeistert, daß er konstatiert „Diese schreckliche Mutter Thick! Ich stülpte mir schleunigst den Hut auf den Kopf und habe mir seitdem nie wieder eine Locke vom Haupte schneiden lassen, weder von einer Mutter, noch von einer Tochter!“

„Das Essen begann also von neuem, in zweiter, verbesserter Auflage“, das ist auch nicht übel, von einem, der gerade etliche alte Geschichten in neuem Gewand präsentiert hat. „Ich erzählte eben ein humoristisches Erlebnis unter dem Zeltdache eines Lappländers und hatte nur auf die lachenden Gesichter meiner Zuhörer acht“, aha, der Band „Auf fremden Pfaden“ mit „Saiwa tjalem“ ist offenbar schon in Aussicht.

Und am Ende leider noch einmal diese fatale Allmachtsphantasie, „wenn die Faust des Todes seinen Körper krümmt, soll er nach der Vergebung seiner Sünden heulen!“ in Richtung Old Wabble, genau so wird es am Ende des dritten Bandes dann ja sein, das ist hässlich, das ist schade.

*

Der Band Old Surehand II ist einer der reizvollsten überhaupt von Karl May. Walther Ilmer (im Studien-Band) sieht das anders und kommt in seinem Artikel zu einigen verblüffenden [Fehl-] Urteilen. Bei ihm ist es überhaupt erstaunlich, mal trifft er den Nagel auf den Kopf und schreibt großartige Dinge über unseren Autor, dann ist er einer der besten Interpreten überhaupt, mal haut er völlig daneben. Viel Licht, viel Schatten.

 

OLD SUREHAND III

Old Surehand III läßt teilweise schon Anklänge zum Spätwerk erkennen. Das trifft aber erst auf etwa das letzte Viertel des Bandes zu, auch wenn vorher schon gelegentlich Tiefgründigeres eingeflochten wird, ist das Buch doch über weite Strecken noch eine Abenteuergeschichte alten Stils.

Ängste spiegeln sich wider, das Wiederholen der Situation mit dem plötzlich am Fenster auftauchenden Gewehr, dass da einer aus der Dunkelheit heraus einem in der hellerleuchteten Stube ans Leben will; später das Grauen um Old Wabbles Sterben, und das um den nicht bekehrungsfähigen General.

Sehr interessant die langen Passagen, in denen es unter anderem um Schutzengel geht. Aber dann folgen auch wieder sehr profan anmutende Dinge wie ein ausführliches und teilweise etwas einfältig anmutendes Plädoyer für die Prügelstrafe. Überhaupt finden wir immer wieder sehr viel Privates in diesem Buch.

Der Autor ergeht sich an einer Stelle gleichsam ergriffen über die eigene Frömmigkeit, und direkt anschließend gibt er sich ausführlich der Betrachtung eines Kampfes hin, in dem die Leute mit Eisenhämmern aufeinander losgehen …

Daß Old Shatterhand auch nähen kann, erfahren wir ebenfalls. Und so flickt er die halbe Nacht an den Sachen eines Kameraden herum.

Später werden reichlich Bären gejagt, es wird fast ein halbes Dutzend zur Strecke gebracht.

Im letzten Buch-Viertel geht es dann wirklich 'ans Eingemachte'. Daß die grausige, lange Szene um Old Wabbles Sterben einem Pfarrer zum Bekehren sündiger Schäflein gedient hat, kann man sich durchaus vorstellen. Die Szene berührt. Und als der sonst nicht gerade zum Schwören neigende Old Shatterhand dem sterbenden Verbrecher hoch und heilig zuschwört, dass es einen Gott gibt, kann man davon ausgehen, dass das wahrhaft Karl Mays persönlicher Glaube ist, der da aus ihm spricht. Und das „doch - doch -- doch --- doch !“ am Ende bleibt in Erinnerung. (Da steht übrigens nicht einfach doch – doch – doch - doch, sondern es wird nach jedem „doch“ ein Gedankenstrich mehr).

 

Im Einzelnen:

Erstes Kapitel – Schahko Matto

Schon mal vorab geschaut, auf S. 468 wird Schluß sein im Weltbild-Band … Old Surehand III ist kürzer als andere Reiseerzählungen. Dafür manchmal recht schwerblütig und zäh.

Es beginnt mit Betrachtungen in Sachen Rache und Strafe, zwei verschieden’ Paar Schuh’.

„Welche Menge, ja Masse von Sünden hat die millionenköpfige Hydra, welche wir Gesellschaft nennen, auf dem Gewissen!“ Hübsche Formulierung, millionenköpfige Hydra … „Und gerade diese Gesellschaft ist es, welche mit wahrer Wonne zu Gerichte sitzt, wenn der Krebs, an dem sie leidet, an einem einzelnen ihrer Glieder zum Ausbruche kommt! Mit welch' frommem Augenaufschlage, mit welchem abweisenden Nasenrümpfen, mit welcher Angst vor fernerer Berührung zieht man sich da von dem armen Teufel zurück, der das Unglück hatte, daß die allgemeine Blutentmischung grad an seinem Körper zur Entzündung und zur Eiterung führte!“ Das ist, wie so vieles, immer noch so …Wir denken u.a. an schamlose Zeitungs-Schlagzeilen …

„Wer sich uns anschließen wollte, mußte auf die Grausamkeiten und Härten des Westens verzichten und wurde, ohne es eigentlich zu wissen und zu wollen, dann wenn nicht in Worten, so doch in Thaten ein Lehrer und Verbreiter der Humanität, welche er bei uns, sozusagen, eingeatmet hatte.“ Jenun … ganz so human geht es auch bei Old Shatterhands durchaus nicht immer zu …

„Old Wabble war auch einer jener Entarteten, dem wir mehr Nachsicht schenkten, als er an uns verdient hatte.“ Mit dem Wort „Entarteten“ muß man ja heutzutage aufgrund gewisser immer einigermaßen hysterisch wirkender Standard-Reaktionen und –mechanismen vorsichtig sein, dabei ist es eigentlich ein ganz normales Wort, bei dem jeder weiß, was gemeint ist …

„Es war, als ob ich nach einem von mir unabhängigen und doch in mir wohnenden Willen handeln müsse, welcher mir verbot, mich an ihm zu vergreifen, weil er, wenn er sich nicht bekehre, für ein ganz besonderes göttliches Strafgericht aufgehoben sei.“ Das ist nun wieder einmal eine dieser, sagen wir, Unerfreulichkeiten bei May. Zum einen muß man seine ausgesprochene Vorliebe für einen alttestamentarischen übelst strafenden Gott wirklich überhaupt nicht teilen, zum anderen wirken solche Gedankengänge halt auch ausgesprochen kleinkariert und eines Gottes sozusagen kaum würdig …

Cow-boys schreibt er manchmal mit und manchmal ohne Bindestrich. Hoffen wir dass das keiner in einer Historisch-Kritischen Ausgabe etwa vereinheitlicht … Wer weiß was sich ein Autor manchmal im Einzelnen denkt, oder auch was er, falls es nicht bewusste Absicht sein sollte, empfindet und was ihn dann entsprechend zu unterschiedlichen Schreibweisen veranlasst. Es hat z.B. einer einmal Wert darauf gelegt, dass das Wort Auferstehungs-Sinfonie in ein und dem gleichen Text einmal mit und einmal ohne Bindestrich geschrieben werde, einmal, um den Begriff Auferstehung hervorzuheben, und das andere Mal, um eben nur die entsprechende Musik noch einmal zu erwähnen … So etwas mag für manche Ohren albern klingen, hat aber durchaus seine Berechtigung und seinen Sinn.

„Warum sollen sich zwei mit Sprechen befassen, wenn einer dieselbe Sache durch Nachdenken erledigen kann?“ Ein ganz großartiger Satz Winnetous … In der Tat, gar manches Gespräch ist völlig verzichtbar.

Old Wabble lässt sich, wie der Erzähler ganz richtig vermutet, von den Osagen als Spion einsetzen, „So eine Infamie war ihm schon zuzutrauen“; nun, so ganz un-infam war unser Autor in Sachen Anpassung, Auftragsschreiben, Herumtrickserei u.a. indes auch nicht immer …

„Die Klugheit verbot, Indianern, wenigstens Kriegern des eigenen Stammes, diese Aufgabe zu erteilen. Schon richtete Schahko Matto sein Augenmerk auf einige Mischlinge, von denen er wußte, daß sie in Beziehung auf den Unterschied zwischen gut und böse gar nicht wählerisch seien, wenn sie nur ihren Vorteil dabei fänden, da führte der Zufall ihm Old Wabble und seine Begleiter zu.“ Wie sprach doch Rudolf Lebius, wer am meisten bezahlt, der hat uns …

Wir hören eine unbekannte Winnetou-Geschichte, „Die Kriegsthat, von welcher der Häuptling jetzt erzählte, war ein wahres Meisterstück meines Winnetou gewesen.“

Wir erfahren dass Old Shatterhands spezielle humane Ader bei der Gegnerschaft gar nicht immer so gut ankommt … „Er hat mehrere unserer Krieger, als sie ihn festnehmen wollten, lahm geschossen, sodaß sie nun wie alte Weiber sind. Das ist schlimmer, als wenn er sie getötet hätte. Dieser Hund sagt nämlich, daß er seinen Feinden nur dann das Leben nehme, wenn er von ihnen dazu gezwungen werde; er giebt ihnen die Kugeln seines Zaubergewehres entweder in die Knie oder in die Hüfte und nimmt ihnen also für ihr ganzes Leben die Fähigkeit, zu den Männern, zu den Kriegern gerechnet zu werden. Das ist entsetzlicher als der langsamste Martertod.“

„Der Häuptling der Apatschen ist gewohnt, nur dann zu schlafen, wenn er Zeit hat.“ Und sitzt entsprechend auch schon mal zwanzig Stunden im Sattel …

Auf geht’s zu neuen Abenteuern und Lokalitäten, „Mein Bruder Scharlih kennt das große Loch, welches die Dakota Kih-pe-ta-kih (Alte Frau) nennen?“

„Pitt, schnürt ihm die Fesseln so fest um die Gelenke, daß er schreien muß, und macht sie nicht eher wieder lockerer, als bis er um Gnade wimmert!“ Das sagt Old Shatterhand … Wie war das doch noch mit der sozusagen eingeatmeten Humanität ?

Old Wabble nimmt die eine oder andere Anleihe bei König Lear, „Das Leben ist nichts; der Tod ist nichts, und euer Jenseits ist der größte Schwindel, von klugen Pfaffen für Kinder und für alte Weiber ausgedacht! Ich habe es euch schon einmal gesagt, und ich denke, daß ihr euch meiner Worte noch erinnern werdet: Ich bin ins Leben hereingehinkt, ohne um Erlaubnis gefragt zu werden, und der Teufel soll mich holen, wenn ich nun meinerseits beim Hinaushinken irgend wen um Erlaubnis frage! Ich brauche dazu weder Religion noch Gott!“

Der Erzähler hingegen gibt sich angesichts des Sternenhimmels ganz anderen Betrachtungen hin, sieht die „Himmelslichter, welche Körper bedeuten, gegen die unsere Erde nur ein winziges Stäublein ist, uns doch als nie irrende Führer durch die pfadlosesten Gegenden und durch die irdischen Nächte dienen. Genau so wahr und ohne Falschheit ist auch der Fingerzeig, mit welchem sie den Blick des Sterblichen nach dem Jenseits lenken“.

Atmosphärisch bringt unser Mann am Schreibtisch immer wieder einiges zustande:

„Die Sonne sank; das Abendrot verglomm; die letzten matten Streifen der Dämmerung verschwanden wie sterbende Hoffnungen am Horizonte. Glücklicherweise giebt es einen Osten, der uns Licht und Hoffnung wiederbringt! Es trat die erste, tiefe Dunkelheit des Abends ein, welche, weil noch kein Stern am Himmel steht, finsterer als die Nacht selber ist. […] Wir aber flogen im Galopp über die hier nicht mehr 'rollende', sondern tischebene Prairie. Unsere geübten Augen waren scharf und diejenigen unserer Pferde noch schärfer. Einmal lief mein Rappe, ohne daß ich den Grund ersah, einen Bogen; ich ließ ihm den Willen, denn ich wußte wohl, daß er es nicht ohne Veranlassung that. Wahrscheinlich flogen wir an einer Kolonie von Prairiehunden vorüber. […] Der Klang der Hufe war ein harter; es gab kein Gras; wir befanden uns nun schon im westlichen Teile des Staates, welcher kahler, trockener und weniger fruchtbar als der östliche ist.“; „Jagt doch nicht so, Mr. Shatterhand! Wollen langsamer reiten! Es ist doch grad, als ob wir durch eine umgestürzte, meilenlange Feueresse galoppierten.“

„Er fragte mich einige Male, ob ich auch den richtigen Weg hier wisse; ich konnte ihm natürlich nichts anderes antworten, als daß es in dieser unbewohnten Gegend gar keine Wege gebe; also konnte ich weder auf dem richtigen, noch auf einem falschen sein.“ Das ist nun freilich auch gleichnishaft gemeint bzw. entsprechend deutbar ...

„Ihr seht, wie gut für uns das Gewitter ist, welches den Himmel ganz bedeckt hat und nun bald losbrechen wird. Es ist, als ob es sich bloß wegen uns zusammengezogen hätte.“ Nun denn; wenn unser Autor ein Gewitter braucht, schreibt er sich halt eins … (und winkt nebenbei mit dem 'Fügungs'-Zaunpfahl) …

„Nun aber schnell, sehr schnell, sonst wird der Tanz wegen des Gewitters eher beendet!“ schreibt der Erzähler; gleichsam direkte Rede (innerer Monolog), und Präsens, warum auch nicht. So etwas macht Schreiben lebendig.

„Grad so wie jetzt hinter Apanatschka, hatte ich einst hinter Winnetou und seinem Vater Intschu tschuna gesteckt“; in der Tat, das kommt uns bekannt vor.

Hübsch: „Welchen Zweck hatte eigentlich unser Ritt nach dem Wara-tu gehabt?“ fragt er sich just in dem Moment, wo der geneigte Leser sich das vielleicht auch gerade fragt ...

Für auflockernden Blödsinn ist in diesem Band offenbar Dick Hammerdull zuständig, „Er hat zwölf Squaws, denn jeder Player muß zwölf Frauen haben, und zweimal zwanzig Söhne und Töchter, die auch alle taub sind und nicht hören.“

„Er hielt mich fest, und so ritten wir Hand in Hand eng nebeneinander, bis die Nacht dem grauenden Morgen wich und ich sehen konnte, daß ich auch auf diesem Ritte die rechte Richtung nicht verfehlt hatte.“

Old Wabble wird erneut laufen gelassen, „Nun bin ich mit dir fertig. Du bist ein so armseliges Menschenkind, daß jedes Auge schmerzt, welches gezwungen ist, dich anzusehen. Mach dich aus dem Staube!“

„Du glaubst wohl freilich, aus Güte zu handeln; im Grunde genommen aber treibt dich nichts als die Erkenntnis, die auch ich hege, nämlich daß kein Mensch gut und keiner böse ist, weil Gott, der Erfinder der Erbsünde, allein schuld daran wäre“ sagt Old Wabble. Hier wäre noch ein wenig auszuholen bzw. zu differenzieren; aber das würde hier denn doch zu weit führen. In aller Kürze: keiner ist nur „gut“ und keiner nur „böse“. Es mischt sich. In unendlichen Variationen.

„Der Weiße ist der Ehrenmann, welcher den Roten unaufhörlich betrügt und bestiehlt, und der Rote ist der Dieb, der Räuber, welchem von dem Weißen stets das Fell über die Ohren gezogen wird“ läßt Schahko Matto verlauten.

„Ich war mir gar nicht bewußt, ein besonders geistreiches Gesicht gemacht zu haben; ich weiß vielmehr, daß ich, wenn sich die Seele zum Nachdenken zurückzieht, eigentlich eine recht dumme Physiognomie zu zeigen pflege.“ Auch sehr hübsch.

„Das stimmt; das stimmt und wird noch besser stimmen lernen!“ Formulierungstechnisch fällt dem Erzähler immer noch Neues ein.

Es kommt zu einer weiteren Anklagerede seitens Schahko Matto, worauf der Erzähler, auch dem Leser gegenüber, nur mit Binsenweisheiten bzw. Ausflüchten reagieren kann (bzw. so tut. So kann man Gesellschaftskritik ja auch ein wenig kaschieren).

„Das Seelenleben des Menschen ist so reich an geheimnisvollen Gesetzen, Kräften und Erscheinungen, deren Wirkungen wir achtlos an uns vorübergehen lassen; aber wer so viel bei seinen Büchern gesessen und getüftelt hat wie ich, wer so viel Nächte unter dem Dache des Urwaldes oder unter dem Himmel der Wüste, der Savanne lag und tiefe Einkehr in sich hielt, der lernt, auf die Regungen und Stimmen seines Innern aufmerksam zu sein, und schenkt ihnen gern das Vertrauen, welches sie verdienen.“ Das ist vielleicht nicht „wissenschaftlich“, aber umso wertvoller ...

„Wo habe ich doch nur meine Augen gehabt! Das ist er ja selbst, der berühmte Häuptling der Apatschen! Da ist ja alles gut. Ihr andern mögt nun meinetwegen sein, wer ihr wollt. Wo Winnetou dabei ist, da giebt's nur Ehrlichkeit und keine Schelmerei.“ Manchmal klingt es zwischendrin doch ein wenig nach Kinderbuch ...

„Es wurden Erlebnisse und Episoden erzählt“, wie in Old Surehand II, nur bekommen wir sie diesmal nicht zu Gesicht.

Auch der gastfreundliche Farmer hat kritische und interessante Ansichten über Zivilisation, Christentum und „fortgesetzen Raub“.

Winnetou wird ungewöhnlicherweise einmal sehr lebensnah geschildert, „Der Apatsche warf sein Haar jetzt mit beiden Händen nach hinten zurück. Seine Augen sprühten Blitze, und sein Mund War geöffnet, als ob er die Antwort des Farmers förmlich trinken wolle.“ So kennen wir ihn sonst gar nicht bzw. kaum.

Wieder gibt es einen Anschlag durchs Fenster ... von draußen ... in übertragenem Sinne wurde Karl May ja noch des öfteren mit so etwas konfrontiert.

„Ein Schriftsteller, welcher nicht Erlebtes, sondern nur Romane schreibt, würde nun Old Shatterhand eine Tasche, einen Beutel, einen Brief oder sonst einen Gegenstand finden lassen, durch dessen Erlangung alles, was uns noch Geheimnis war, aufgeklärt wurde; ich kann aber leider meiner Feder nicht gestatten, mir eine solche Schicksalsgunst zu erweisen, und muß eingestehen, daß ich nichts, aber auch ganz und gar nichts fand.“ Hübsch.

Schutzengel ... großes Thema. „Lieber Zweifler, ich schmeichle mir ganz und gar nicht, dich zu meiner Ansicht, zu meinem Glauben zu bekehren, aber du magst sagen, was du willst, den Schutzengel disputierst du mir doch nicht hinweg.“

Innerhalb der langen Betrachtungen zu diesem Thema fließt ihm zwischendurch eine kuriose gallig-private Bemerkung in den Text, „sie alle bedürfen zu ihrem Schutze, ihrer Beratung, ihrer Warnung viel, viel mehr der Engel, als zum Beispiel ein fetter Rentner, welcher keine andere Arbeit kennt und keinen andern Beruf zu haben scheint, als Coupons abzuschneiden.“

„Wer da weiß, daß er sein Werk nur zum geringsten Teile sich selbst verdankt, der kann nicht anders als demütig und bescheiden sein, und ich trete mit dieser meiner Anschauung nur deshalb vor die Oeffentlichkeit, weil in unserer materiellen Zeit, in unserem ideals- und glaubenslosen fin de siècle nur selten jemand wagt, zu sagen, daß er mit diesem Leugnen und Verneinen nichts zu schaffen habe.“ Auch über hundert Jahre später klingt das durchaus aktuell ... Diese Erscheinungen (Materialismus, Ideal- und Glaubenslosigkeit usw.) sind nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt und innerhalb eines Jahrhunderts auch nicht auf eine bestimmte Phase. Das scheint nur so.

„Ich gebe diesen sogenannten, in Mißkredit geratenen Kinder-, Ammen- und Märchenglauben nicht für alle Schätze dieser Erde hin!“ Glaubwürdig und schön.

Wir hören eine Geschichte von einer Rettung aus Bergnot, vergleichbares kann man auch ohne äußere dramatische Umstände erleben. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ schrieb Hölderlin.

„Die Frage, ob ich meinen Schutzengel gesehen und gehört habe, kann mich nicht in Verlegenheit bringen. Ja, ich habe ihn gesehen, mit dem geistigen Auge; ich habe ihn gehört, in meinem Innern; ich habe seinen Einfluß gefühlt, und zwar unzählige Male. Bin ich etwa besonders veranlagt dazu? Gewiß nicht! Es ist wohl jedem Menschen gegeben, das Walten seines Schutzengels zu bemerken; die einzige Erfordernis dazu ist, daß man sich selbst genau kennt und sich selbst unter steter Kontrolle hält. Nur wer die richtige Selbstkenntnis besitzt und auf sie acht hat, kann unterscheiden, ob ein Gedanke ihm eingegeben wurde oder aus seinem eigenen Kopfe stammt, ob eine Empfindung, ein Entschluß in ihm selbst oder außerhalb seines geistigen Ichs entstand. Wieviel Menschen aber besitzen diese genaue Kenntnis ihrer selbst?“

„Wie oft habe ich Situationen, an welche nach menschlichem Ermessen in meinem ganzen Leben nicht zu denken war, voraus empfunden, voraus durchlebt und dann, wenn sie sich genau nach diesem Seelenbild einstellten, zu meinem dankbaren Erstaunen einsehen müssen, daß mit diesem Vorausgefühle mein Vorteil, ja mein Heil bezweckt gewesen war.“ Die Erfahrungen, die auf solches „Vorausgefühl“ folgen, müssen indes wahrlich nicht immer nur erfreulich sein ... (In einem Gedicht von Brecht heißt es „Die Blinden reden von einem Ausweg. Ich sehe.“)

Ein Gedicht „aus meiner Schülerzeit“ wird vorgestellt, und dann heißt es

„Ich weiß, daß ich als Schriftsteller mit diesen achtzehn Zeilen eine große litterarische Sünde begehen würde; aber ich meine, in der letzten Viertelstunde nicht geschriftstellert, sondern als Mensch, als wohlmeinender Freund zu meinen Lesern gesprochen zu haben, und Reime aus der Knabenzeit eines Freundes pflegt man doch überall mit kritikloser Güte und mild lächelnder Nachsicht aufzunehmen. Ich bitte auch für mich um diese Schonung!“

Sympathisch, diese Art des Schreibens, jenseits aller Regeln und „Form“-Vorschriften, gängigen Gepflogenheiten usw., frisch von der Leber, spontan und ungefiltert. (Oder gibt er sich nur den Anschein ...)

„Es machte Winnetou und mir Spaß, zu sehen und zu hören, wie sie ihren Scharfsinn anstrengten und sich miteinander stritten und dabei einer den andern auf den Irrweg führen wollte, auf dem er sich selbst befand.“ Diese Haltung sollte der eine oder andere noch lernen, und sich nicht bei jedem Unsinn einmischen. Das fällt halt manchmal schwer, wenn der Unsinn gar zu arg betrieben wird ...

„Seine Hand festhaltend, ging ich dem Hause zu. Das war schon nicht mehr Mut zu nennen, sondern eine Frechheit, die ihresgleichen suchte“. ... „Ich hatte durch meine Unverfrorenheit, die eigentlich Ohrfeigen verdient hätte, alles Blutvergießen verhütet, den Ernst der Situation in das fast Lächerliche verwandelt und die Volte derart geschlagen, daß wir alle Trümpfe und Zähler, die Cheyennes aber nur leere Karten hatten.“ In diesem Band hat man manchmal den Eindruck, er ist seine alten Wildwestgeschichten allmählich leid, zwängt die Inhalte, um die es ihm zunehmend geht, nur noch widerwillig in diese Form, und bedient sich ihrer gelegentlich wie hier in etwas nachlässiger Weise ... (läßt ohne sich größere Mühe zu geben auch zu daß es einigermaßen unrealistisch herüberkommt, weil es ja eben nicht primär um die äußere Handlung geht).

 

Zweites Kapitel – Kolma Putschi

„Dieser Platz hatte nach der Beschreibung des Apatschen einen nie versiechenden Quell“, das kann ein Saxonismus und Irrtum sein, muss aber nicht. Man kann mit Sprache auch ein wenig spielen, in diesem Fall wäre es durchaus kreativ. (siech - versiechend.)

„Wahrscheinlich hatten wir da die Fährte einer Gesellschaft jener Abenteurer, welche sich infolge solcher Gerüchte schnell zusammenfinden und dann ebenso rasch wieder auseinander gehen, verwegene und gewissenlose Gesellen, welche vom Leben alles erwarten und sich doch sehr wenig daraus machen, wenn sie nichts bekommen.“ Diese Art Leute dürfte unser Autor in seinem „Vorleben“ zur Genüge kennengelernt haben.

„Ich kann mich noch heut über meine damalige Unachtsamkeit ärgern.“ Hübsch, einmal die sprachliche Flappsigkeit („heut“), zum andern die Vermischung der Realitäten und Vernachlässigung üblicher schriftstellerischer Gewohnheiten.

"'Uff, uff!' sagte Winnetou, vor Ueberraschung beinahe laut.

'Uff, uff!' sagte auch ich, mit ihm zu gleicher Zeit, denn ich war so erstaunt wie er selbst."

Das ist nun aber schon bald „einer zuviel“ …

Auftritt Kolma Pu[t]schi, Winnetous singender Doppelgänger, in der Kapitelüberschrift mit t in der Mitte, danach jeweils ohne.

„Dieser Rote war nicht das, was er schien, und schien nicht das, was er war. Hatte ich ihn schon gesehen? Entweder nirgends oder hundertmal! Er war mir ein Geheimnis, aber inwiefern und warum, das vermochte ich nicht zu sagen.“

„Es gab oben in den hohen Parks einen Indianer, den kein Mensch näher kannte, der zu keinem Volke gehörte und der in stolzer Weise jeden Umgang von sich wies.“ Allein das macht ihn schon mal sehr interessant.

Kolma Puschi heißt auch „Schwarzauge“, eine Figur dieses Namens (und beeindruckende Schönheit) kennen wir schon aus „Die Rache des Mormonen“.

„Seine Stimme hatte einen weichen und doch kräftigen, entschiedenen Ton; sie war fast noch sonorer, noch klangreicher als diejenige des Apatschen und hatte unbedingt eine höhere, beinahe weibliche Lage.“ Gleichsam das Bildnis des Apatschen als attraktive Frau …

„Ehe ich eine Bewegung machen konnte, traf mich der Hieb, und es war aus mit mir - - -glücklicherweise nicht für immer.“ Wieder einmal dieser Kolbenhieb, der uns bzw. ihn durch Leben und Gesamtwerk begleitet, in der Schilderung der Nachwirkungen einmal mehr recht ironisch gebrochen.

„Nachdem ich die oben beschriebenen Grade durchgemacht hatte, bekam ich alle möglichen Farben, vielleicht auch Röntgens Strahlen, vor die Augen“ …

„Das schlangengleich in einzelnen Strähnen von seinem Kopfe fallende lange, graue Haar verlieh ihm das Aussehen einer greisenhaften, männlichen Eumenide oder Gorgone, aus deren krakenähnlichen Fangarmen kein Entrinnen ist. Die oft wechselnde Beleuchtung des bald hoch aufflackernden und bald zusammensinkenden Feuers gab ihm etwas so grotesk Phantastisches und ließ seine langgliederige, wabbelnde Gestalt so wunderlich erscheinen, daß ich hätte glauben mögen, mich innerhalb einer Märchenscene zu befinden“; die Wahrnehmung Old Wabbles hat sich verändert, im ersten der drei Bände wurde er noch weit respektvoller und positiver geschildert.

Jetzt kündigt er Old Shatterhand an, diesen zu foltern, auch das hätte man zwei Bände zuvor noch nicht für möglich gehalten.

Old S hofft auf Kolma Puschi und schreibt „Wenn man mich fragt, warum dieser Name seit der Zeit, in welcher wir uns schlafen legten, nicht wieder genannt worden ist, so muß ich antworten: Dies hatte seinen Grund, und dieser Grund bestand in dem Umstande, daß Kolma Puschi nicht mehr da war.“ Er hat schon eleganter geschrieben.

„Weil sie mit ihrem Beten und Plärren dem Vater das Leben so verbittert hat, daß er sich gezwungen sah, es sich durch den Brandy zu versüßen. Es ist eben unmöglich, daß ein kluger Mann es bei einer Betschwester aushalten kann; er läßt sie daheim sitzen und geht in das Wirtshaus. Das ist ja das beste, was er thun kann!“, äußert Hammerdulls Bekannter [in anderem Zusammenhang], es klingt, wie so vieles, irgendwie nach Hohenstein-Ernstthal.

„Ja; er bekam es überdrüssig, und als er eines schönen Tages sah, daß er einen Strick zu viel besaß, der zu nichts anderem zu gebrauchen war, hing er ihn an einen Nagel, machte eine Schlinge und steckte den Kopf hinein, und zwar so lange, bis er abgeschnitten wurde.“

Der Erzähler beeilt sich, gleichsam als persönliche Stellungnahme „Es zuckte mir in den leider gefesselten Händen, als ich diesen Kerl hinter mir in dieser cynischen Weise von dem Tode seines selbstmörderischen Vaters sprechen hörte“ anzufügen, nachdem er gerade dem anderen diese unfreundlichen und wenig herzenswarmen Worte in den Mund gelegt hat.

„’Donnerrrrrr!’ knirschte er.“; mit sechs r.

„Es waren nur wenige Augenblicke, in denen sich dies und das Folgende abspielte, und die Seelen aller Zuschauer traten in die Augen.“

„Unser Haus- und Hofarzt ist stets Winnetou,“ antwortete Dick Hammerdull. „Wenn Ihr an seiner Nachtklingel zieht, wird er sogleich erscheinen.“ Eine gewisse Launigkeit verlässt den Erzähler auch in diesem Band nicht.

„Sie schüttelte den Kopf und sah mich mit so geistesleeren Augen an, daß sie mir förmlich wehe thaten. Selbst die Leere kann aggressiv wirken.“ Jeder längere Aufenthalt in Fußgängerzonen und Einkaufstempeln kann diese These erneut bestätigen.

„Das Bleichgesicht nannte die roten Männer eine armselige Bande, welche immer mehr herunterkomme. Wer ist tiefer herabgekommen, und wer ist verachtenswerter, der Weiße, welcher wie ein räudiger, hungriger Hund als Tramp das Land durchstänkert, oder der Indianer, welcher als unausgesetzt Bestohlener und immerfort Vertriebener durch die Wildnis irrt und den Untergang seiner unschuldigen Nation beklagt?“ Vielleicht entbehren BEIDE Parteien der überzeugenden Noblesse …

„Zu den Verhältnissen, die man aus der Ferne richtiger beurteilt als in der Nähe, gehört dasjenige zwischen der roten und der weißen Rasse. Der echte Yankee, der Native, wird nun und nimmermehr zugeben, daß er schuld am Untergange der Indsmen, am gewaltsamen Tode seines roten Bruders sei!“ Die Sicht des 'echten Yankee' erinnert an gewisse manchmal ein wenig idealisierende Betrachtungsweisen in Internetforen.

„Der sogenannte 'Herr der Schöpfung' mag sich trotz des vielgerühmten Reichtums seiner geistigen Eigenschaften ja nicht vermessen, daß er von keiner andern Führung abhängig sei als nur von seinem Willen! Mag er es noch so sehr bezweifeln, es giebt einen Willen, der hoch über allem irdischen Wollen erhaben ist.“

Old Wabble tituliert den immer wieder nachsichtigen Erzähler unter anderem als „Heulmaier“, was an das Schluchzen und Stapfen eines anderen Meyers erinnert.

„Diese Art, mir zu danken, konnte mich nicht beleidigen. Ich hatte auf keinen Erfolg gehofft, und doch that es mir unendlich leid um den alten Mann, daß ich ihn für unrettbar verloren halten mußte.“

Mit Treskow gibt es ein Geplänkel über „juridische Anschauung“, und wir spüren eine gewisse Hemdsärmeligkeit und Intellektuellenverachtung einigermaßen deutlich heraus. (Wohlgemerkt: nicht aller Intellektuellen natürlich. Aber einer gewissen Sorte von ihnen.)

Dann die berühmt-berüchtigte Abhandlung über „Prügel“ als Mittel zum Zweck, jenun, darüber ließe sich allerhand sagen, das muß aber nicht hier und heute geschehen. - Mag das eine oder andere ihm vom Tonfall her gelegentlich in Richtung Stammtisch abgleiten, („was ist da wohl richtiger, eine zeitweilige Einsperrung nach allen Regeln und allen Errungenschaften des humanitären Strafvollzuges oder eine Gefängnispönitenz mit kräftigen Hieben rundum garniert?“), nicht mit allem, was er da vorträgt, muß er so Unrecht haben, daß man auf ihn gleich wie auf einen halt nicht Ernstzunehmenden naserümpfend großartig überlegen sich dünkend herabsieht … (siehe Essig / Schury, „Alles über Karl May“, S. 201).

„Das ist die Meinung eines Mannes, der jeden nützlichen Käfer von der Straße aufhebt und dahin setzt, wo er nicht zertreten wird, eines Weltläufers, der überall, wohin er seinen Fuß setzte, bedacht war für den Nachruf 'er war ein guter Mensch', und endlich eines Schriftstellers, der seine Werke nur in der Absicht schreibt, ein Prediger der ewigen Liebe zu sein und das Ebenbild Gottes im Menschen nachzuweisen!“ Dieser Schluß der „Prügel“-Predigt mag auf den ersten Blick wirklich sehr seltsam erscheinen, aber vielleicht auch nur auf den ersten … dem unschuldigen Käfer wird geholfen und der, der’s verdient hat, bekommt es zu spüren, was ist daran so verkehrt ? (Der durch und durch menschliche „Bruder Esel“, dargestellt von Dieter Pfaff, schlug seinerzeit in einem Fernsehfilm mit den Worten „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“ ebenso hart wie beeindruckend und überzeugend zu.)

„Diese lange Rede des zornbegeisterten Juristen brachte eine Wirkung hervor, welche jeder Beschreibung spottet; ich halte es überhaupt für gemütlicher, über die nächste, für die Tramps äußerst ungemütliche Stunde so schnell wie möglich hinwegzugehen.“ Gemütlicher, jenun.

 

Drittes Kapitel - Im Kui-erant-yuaw

Hammerdull und Holbers versuchen sich an Reimereien und kommen dabei unter anderem auf „Paul und Maul“ …

„Der Knieschuß wird nur in ganz bestimmten Fällen angewendet“ und wieder neu erklärt. „Er wird die Kameraden auf alle Fälle erschrecken, weil man ihnen nicht hat sagen dürfen, was man vorhat“.

Auch den „Fehlknieschuß“ gibt es, Winnetou aber habe, wie uns der Erzähler versichert, „selbst in der stockdunkelsten Nacht“ niemals einen solchen gethan.

Und dann wird erklärt, wie es sein kann, daß die Silberbüchse, die doch Winnetou mit ins Grab gelegt wurde, auf Kostümfotos zu sehen ist … „und so habe ich denn jetzt den schriftstellerischen Fehler begangen, eine hochgespannte Handlung durch eine nicht hineingehörige Auskunft zu unterbrechen.“

Bei der Gelegenheit erfahren wir auch, daß Winnetou, der Erfundene, „mein bester, vielleicht mein einziger Freund gewesen ist“.

„Es wurden einige harzreiche Aeste gesammelt, welche als Leuchten beim Pflanzensuchen dienen sollten; die drei Indianerhäuptlinge zündeten sie an und entfernten sich, um für ihren angeschossenen Freund und Bruder Shatterhand botanisieren zu gehen.“ Ironische Brechung auch, wenn die Leute es, selten genug, offensichtlich einmal richtig gut mit ihm meinen …Karl May hat halt nüchternen Blicks erkannt wie die Dinge auf dieser Welt so einzuschätzen sind. Darüber später an anderer Stelle vielleicht einmal mehr.

„Dick Hammerdull hatte sich neben mich gesetzt. Er hielt seine alten, guten Augen zärtlich auf mich gerichtet, strich mir plötzlich einmal mit überquellender, besorgter Zärtlichkeit über die Wange“ …

Winnetou lässt ihm naturheilkundliche Behandlung zuteil werden und konstatiert „Ich weiß, daß Old Shatterhand jetzt am Marterpfahle hängt; da er diesen Schmerz mit Lächeln übersteht, würde er auch an einem wirklichen Pfahle lachen. Howgh!“

„Man glaubt nicht, welchen Eindruck die Rocky-Mountains machen, wenn man so lange Zeit von Tag zu Tag vergeblich nach dem Horizonte der weiten, unendlich scheinenden Ebene gejagt hat.“ Daß er sie noch gar nicht gesehen hat, ist eher Nebensache … man kann sie natürlich auch innerlich sehen, und es müssen ja auch gar keine Berge im ursprünglichen Sinne sein, zumindest nicht nur, nicht ausschließlich, die Dinge pflegen ja bei Karl May auch Nebenbedeutungen zu haben.

„Kanaan des Auges“, da haben wir es ja schon, sehr schön. Auch in dem Gedicht der „Himmelsgedanken“, in dem Kanaan vorkommt, ist natürlich nicht besagtes Land als solches gemeint. Man kann sich immer wieder wundern, wie simpel eindimensional manchmal interpretiert wird.

„Glich die Savanne einer keinen Anfang und kein Ende bietenden Tafel, auf welcher die große, erhabene Rune 'Ich, der Herr, bin das Alpha und das Omega!' zu lesen war, so steigen jetzt die in Stein erklingenden Hymnen von der Erde auf“ …

„Ich ritt auch heut hinter den Gefährten her, um nicht gestört zu sein, und ließ die Farben und Lichter, welche von oben glänzten, mir in die Seele leuchten“.

„Nicht wahr, lieber Leser, ich bin doch ein ganz übermäßig frommer Mensch? So wirst du vielleicht denken; aber du wirst dich da wohl irren.“ Sehr hübsch in zwei Sätzen auf den Punkt gebracht. Der [meist ...] aufrichtige May des 'Old Surehand' ist nicht der aufgesetzt frömmelnde May einiger Marienkalender-Geschichten. Da gibt es einen beträchtlichen Unterschied. (Indes: in dieser Einschätzung kann man im Laufe der Zeit unsicher werden ...)

„Ich bin ein stets gern seelenvergnügter, heiterer Gesell“ … „Du darfst es mir wirklich nicht übelnehmen, daß ich das, was ich drüben im wilden Westen dachte und fühlte, hier in der von der 'Civilisation' gebändigten Heimat niederschreibe“, „Ueberdies hat jeder Leser das Recht, seinem Autor in das Herz zu blikken, und dieser ist verpflichtet, es ihm stets offen zu halten. So gebe ich dir das meine. Ist es dir recht, so soll mich's freuen; magst du es nicht, so wird es dir dennoch stets geöffnet bleiben.“ Sehr schön.

Und dann das allgemeingültige „Soll ein Buch seinen Zweck erreichen, so muß es eine Seele haben, nämlich die Seele des Verfassers. Ist es bei zugeknöpftern Rock geschrieben, so mag ich es nicht lesen.“ Wir grüßen hier, unter vielen anderen, auch den Geheimrat Goethe ...

Dann wieder ein wenig, man kann fast sagen, lästige Handlung …

„Die Schwester hat sich verstecken müssen, warum, das brauche ich nicht zu sagen.“ Mehr 'ging' damals offenbar auch nicht. Allzu direkt braucht allerhand auch gar nicht zu sein.

Nach all den zwischenzeitlichen frommen Betrachtungen gehen zwei Leute, unter Billigung der zahlreichen anwesenden „Gutmenschen“, mit Eisenhämmern aufeinander los, und alles schaut bereitwillig zu … „Ich gestehe aufrichtig, daß dieser Kampf dem Westmanne in mir sehr interessant vorkam, während ich als Mensch glaubte, ihn verwerfen zu müssen; aber dieser Zwiespalt in mir fand gar keine Zeit, zur Geltung zu kommen, denn meine Gefährten gingen mit großer Bereitwilligkeit auf den Vorschlag des Schmiedes ein.“

„Es liegt nicht in der Absicht dieser Zeilen, malerische Schilderungen unsers Weges zu geben, der uns von jetzt an stets aufwärts führte.“

Ein Blick in die Augen Old Surehands verschafft intuitiv Klarheit in Sachen Vergangenheitsaufschlüsselung, „die Augen Old Surehands in tiefer, aber verhaltener Glut entgegenleuchteten, wurde mir wenigstens soviel klar: das waren Indianeraugen!“

Jagdgeplauder ... „Der graue Bär hat keine eigentliche Stimme; der Kampf mit ihm ist meist ein stiller, stummer, doch grad das ist es, was diesen Kampf so 'Rückenmark angreifend' macht, wie mein alter Sam Hawkens sich auszudrücken pflegte. Beim Donnergebrüll des Löwen schießt sich's besser!“

Anschaulich: „Die Worte waren förmlich aus dem Munde heraus- und übereinander weggeflogen!“ (Holbers)

Old Shatterhand kann auch Dinge wie Nähen: „Ich saß fast bis zum frühen Morgen da und besserte die Jacke, Hose und Weste des dicken Bärenbabyjägers aus!“

„Die Tatzen, bekanntlich das beste von dem Bären, wurden eingewickelt, um aufgehoben zu werden, denn sie haben erst dann den höchsten Grad von Delikatesse erreicht, wenn die Würmer darin zu 'wibbeln' beginnen.“ Ob jedermanns Geschmack? (Unsereiner hält sich doch lieber strikt ans Verfallsdatum, auch wenn auch darauf nicht wirklich Verlass ist ...)

„Hoffentlich habt Ihr Euern Dick nicht vergessen, seit wir uns nicht sahen!“ Hammerdullsche Begrüßung Old Surehands, der erst im letzten Drittel des Buches auftaucht, nachdem er im ganzen zweiten Band überhaupt nicht vorkam.

Ausführlich geschildert geht’s auf Bärenjagd, das wirkt in diesem Buch, in dem es zunehmend um weltanschauliche Dinge geht, schon geradezu fremdkörperhaft.

Von weißen Gesellschaften von „Sauschützen“ ist die Rede in Sachen Ausrottung der Büffel, „und was nun erst die Indianer dabei dachten und dazu sagten, das läßt sich wohl unschwer denken! Sie waren selbstverständlich der Ansicht, daß die Regierung diese niederträchtigen Metzeleien nicht nur dulde, sondern sogar begünstige, um die Ausrottung der nun dem Hunger preisgegebenen roten Rasse zu beschleunigen. Und wenn der Redman sich gegen diese Sauschießereien zu wehren versuchte, wurde er ebenso schonungslos wie die Büffel niedergeknallt.“ Das sind sehr deutliche Worte (deutlicher als man sie in gleichem Zusammenhang manchmal heutzutage hört) über Dinge, die so alt sind wie die Menschen selber. Kämpfe, Völkermorde, Kriege, bei welchen, „wie überall hier im blutgetränkten Westen, die erbarmungslose Gewalt das Recht vernichtete.“ Recht … ist halt von Menschen gemacht. Wird gegeben und genommen, wie es gerade beliebt. Pshaw.

Der angegriffene Bär „hatte genug; er fiel um, wälzte sich einigemal hin und her, zuckte konvulsivisch mit den Pranken und ließ dann seine Seele nach den ewigen Jagdgründen wandern, seinen Leib aber mit dem Felle hier bei uns zurück.“ Für vermeintlich „frommen Predigtton“ ganz schön lax, die Formulierung im Umgang mit diesem Thema …

„Wir hatten Old Surehand keine speziellen Verhaltungsmaßregeln erteilt und mit ihm nicht verabredet, was er thun und sprechen solle. Sein und unser Verhalten mußte, sozusagen, extemporiert werden.“ Vom konzeptlosen Schreiben.

„Old Shatterhand und Winnetou sind nicht zwei Personen, sondern eine“, das übrigens ist der Grund oder einer der Gründe, warum die Orientgeschichten reizvoller sind: der Hadschi Halef – Anteil unseres Autors kommt doch interessanter, zumindest unterhaltsamer herüber als der Winnetou-Anteil …

Old Surehand neigt zur Eigenwilligkeit (was bis 'Winnetou IV' so bleiben soll), „Der Mann, der Charakter in mir, wollte beleidigt thun, der Mensch in mir aber, das alte, gute, deutsche Gemüt, überwand die aufsteigende Bitterkeit.“ Na fein.

 

Viertes Kapitel – Am Devils-head

„Nun befanden wir uns hoch oben in den eigentlichen Rocky-Mountains und ritten an der östlichen Seite des Pah-sawehre-payew (Berg des grünen Wassers) hinan. Das Riesenpanorama, in welchem wir Zwerggeschöpfe uns bewegten, war ein überwältigend großartiges. Hier wirkte die ungeheure Massigkeit der Gebirgsstöcke im Vereine mit dem Farbenreichtum der unbekleideten Felsen. Das waren himmelhohe und meilenlange Granitmauern mit wunderbar gestalteten Bastionen, über welche es kein Hinüberkommen zu geben schien. Wenn wir, uns umwendend, rückwärts blickten, lag im Osten die weite Prairie wie ein endloser, flimmernder See tief, tief zu unsern Füßen. Die Bäche rauschten um uns wie zu Schaum gewordenes, flüssiges Silber dahin; Frau Flora stieg, gekleidet in ihr reich nuanciertes, grünes Sammetgewand und ihr Haupt mit Gold gekrönt, stolzen Schrittes zu den erhabenen Scheiden und Kuppen des Gebirges empor. Hier bauen sich gigantische Felsenstufen, eine über die andere, auf, mächtige Balsamtannen tragend und den Geistern des Gebirges als Treppe dienend, wenn sie nächtlicherweise niedersteigen, ‚eine Wildschur um die Lenden, eine Kiefer in der Faust’. Hier wieder haben sich zu Füßen eines einzeln thronenden Bergtitanen ganze Reihen kolossaler Säulen herausgebildet, hinter deren Waldkulissen die wunderbaren Geheimnisse der Hochwelt träumen. Hinter den scharfgezeichneten, dunklen Kanten der scheinbar höchsten Höhen flimmern silberne und goldene Punkte und strahlen diamantene Linien und Streifen aus blaugrauen Schleiern hervor. Sind das die Grüße einer für den Sterblichen unerreichbaren Märchenwelt, eines jenseits der Erde befindlichen Zauberlandes, oder sind es die Sonnenreflexe von fernen Gebirgshäuptern, mit deren Höhe diejenige der uns umgebenden Felsenriesen nicht zu wetteifern vermag?

Wir ritten durch all diese Pracht und Herrlichkeit empor.“

Kurz darauf geht es sehr weltlich ums „Anpumpen“, unser in den Neunzigerjahren erfolgreicher und begüteter Autor lässt einen privaten Stoßseufzer hören, „ich weiß als Verfasser meiner Werke leider nicht nur ein Wort, sondern tausend Worte davon zu sprechen. Howgh!“

Auf die Frage Old Surehands, ob er wirklich glaube, daß es einen Gott gibt, antwortet der Erzähler „Ich glaube es nicht nur, sondern ich weiß es“.

Die, die das anders sehen, halte er aber keineswegs für „dumm“, „Das würde eine Überhebung von mir sein, welche erst recht dumm wäre. Es giebt tausend und abertausend Menschen, welche nicht an Gott glauben und denen ich in Beziehung auf ihre materiellen und formalen Kenntnisse nicht wert bin, das Wasser zu reichen.“

Es gäbe viele Arten von „Ungläubigen“ (ein knappes Dutzend wird aufgezählt), „Ich habe weder die Lust noch das Recht, sie zu klassifizieren und ein Urteil über sie zu fällen. Ich habe meinen Gott, und der ist kein Steckenpferd.“

Und in Sachen Beten usw. erfahren wir durchaus Differenziertes, (in vergleichbarer Weise äußert sich übrigens Abu Kital in „Babel und Bibel“,)

„Der Lenker aller Welten ist keineswegs Euer Lakai; dem Ihr nur zu klopfen oder zu klingeln braucht! Auch ist der Himmel kein Krämerladen, in welchem der Herrgott vorschlägt und mit sich handeln läßt. Was giebt es doch in dieser Beziehung für sonderbare Menschen! Da fährt sich der Herr Müller oder Maier Sonntags mit dem Waschlappen über das von den sieben Wochentagen her schmutzige Gesicht, bindet ein frischgewaschenes Vorhemdchen um, nimmt das Gesangbuch in die Hand und geht in die Kirche, natürlich auf seinen ‚Stammplatz’ Nummer fünfzehn oder achtundsechzig. Da singt er einige Lieder, hört die Predigt an, wirft einen Pfennig, zwölf Stück auf den Groschen, die jetzt nicht mehr gelten, in den Klingelbeutel und geht dann hoch erhobenen Hauptes und sehr befriedigten Herzens nach Hause.“

„Diese Christen sind die größten Feinde des wahren Christentums. Sie stellen sich zu Gott auf denselben Fuß, auf welchem ein Fuhrherr zu seinem Kutscher steht, der Woche für Woche seinen Lohn ausgezahlt bekommt.“

Es kommt eben nicht darauf an, „eine bestimmte Anzahl von Gebetsworten gedankenlos heruntergeleiert zu haben“.

Man trifft wieder auf Wabble und den General, mit denen es sichtlich abwärts geht.

„Die landschaftlichen Schönheiten, welche ich unterwegs zu bewundern hatte, will ich nicht beschreiben. Nie in meinem Leben habe ich mich so anstößig benommen wie in dieser Stunde. Die Bäume dort am See wissen ein Wort davon zu reden!“ Das klingt nun allerdings etwas doppeldeutig und lässt an Waldabenteuer ganz anderer Art denken.

Die Leichen der Tramps werden gefunden, und dann Wabble im Baum, „die Schmerzen einer ganzen Welt herausbrüllend“, was aber nur „drüben vom jenseitigen Seeufer und hüben aus der Waldestiefe vom mitleidlosen Echo“ beantwortet wird.

Erst wird für ihn gebetet, aber der Erzähler kann durchaus auch anders, „Da kam mir ein Gedanke, nein, kein Gedanke, sondern eine Eingebung; es war eine, das fühlte ich: Ich ließ den alten Wabble holen und nach dem Grabe bringen. Das verursachte ihm große Schmerzen; er schrie in einem fort und fragte dann, warum er nicht habe liegen bleiben dürfen.“

„Ihr sollt sehen, wohin wir Eure skalpierten Kameraden legen, [...] Wir lassen einen Platz für Euch, denn ehe die heutige Sonne untergeht, liegt Ihr bei ihnen hier unter diesen Steinen. Ihr habt nur noch Zeit zur Reue und zum Sterben, weiter keine!“ Knüppelhart.

Das Gedicht mit der am Gaumen klebenden Zunge und den klappernden Zähnen klingt ja eigentlich wirklich eher wie eine Parodie, andererseits hat der Erzähler nicht Unrecht, wenn er „wenn sie richtig gelesen oder gesprochen werden, allerdings geeignet, wie Schwerterspitzen durch Mark und Bein zu gehen“ schreibt. Auch die „Himmelsgedanken“ halten ja einige für hohlen Kitsch, sie haben sie nur noch nicht richtig gelesen [oder vortragen gehört].

„Ich schwöre nie; heut und hier schwöre ich bei meiner Seligkeit, daß es einen Gott giebt!“ Glaubhaft.

Die ganze Szene vermag zu beeindrucken, „Die Hüte ab, Mesch'schurs! […] Wir stehen vor einem hehren, heiligen Augenblick: Ein verlorener Sohn kehrt jetzt zurück ins Vaterhaus.“ Das ist kein Kitsch. Man muß es nur an sich heranlassen. Das ist auch nicht irgendeine abseitige Geschichte, die mit uns nichts zu tun hat, sondern [nahezu] jeder kann sie erleben.

Dem Todgeweihten erscheint der Geist seiner Mutter und küsst ihn; „Dieser Sterbende war ein böser Mensch und zuletzt mein Todfeind gewesen, und doch liefen die Thränen, die ich nicht zurückzuhalten vermochte, mir über die Wangen herab.“

„Geht also heim in Frieden! Ihr habt im Traum das irdische Vaterhaus gesehen; es steht Euch nun die Thür des himmlischen offen. Eure Sünden bleiben hier zurück. Lebt wohl!“ Verglichen mit der Winnetous ist das eigentlich die rührendere Sterbeszene …

„Das Lächeln war in seinem Angesichte geblieben; es war so mild, als ob er wieder von seiner Mutter träumte. Doch war's kein Traum mehr, der ihm die Erbarmung zeigte; er sah sie jetzt in Wirklichkeit, in jener Wirklichkeit, die über allem Irdischen erhaben ist; - - er war tot!“

„Was für ein sonderbares Geschöpf ist doch der Mensch! Welche Gefühle hatten wir noch vor wenigen Stunden für diesen nun Verstorbenen gehabt! Und jetzt stand ich so tief berührt vor seiner Leiche, als ob mir ein lieber, lieber Kamerad gestorben sei!“

Daß Old Surehand der „Sohn eines Zuchthäuslers“ ist, läß den Erzähler kalt und unbeeindruckt, „Pshaw!“

„Hört 'mal, Mr. Surehand, was gehen mich die Münzen und die Gefängnisse der Vereinigten Staaten an?“ Das ist hübsch zurückhaltend dezent eingedenk eines bürgerlichen Publikums, dennoch zwischen den Worten recht mitteilsam.

„Wer Strafe verdient, der mag sie tragen; ist sie vorüber, so steht er wieder da wie zuvor, wenigstens in meinen Augen. Ich bin überhaupt der Ansicht, daß wenigstens fünfzig Prozent der Bestraften nicht Verbrecher, sondern entweder kranke Menschen oder Opfer unglücklicher Verhältnisse sind.“

„Für den Jäger konnte es keinen schönern Anblick geben, als diesen rund von himmelhohen Bergkolossen eingeschlossenen Park, in welchem Wälder und Prairien, Felsen und Gewässer in einer Weise miteinander abwechselten, als ob Jagdliebhaber ihn unter einem Aufwande von allerdings vielen, vielen Millionen haben künstlich anlegen lassen, und zwar zum Aufenthalte und gelegentlichen Abschusse aller jagdbaren Tiere des wilden Westens.“ Recht weltliche und heutzutage umstrittene Freuden in paradiesischer Landschaft …

„Wir kamen während des ganzen Vormittages durch eine Gegend, welche ganz das Aussehen hatte, als ob sie aus dem schönen, deutschen Schwabenlande hierher versetzt worden sei.“

Kolma Puschi ist eine Frau; es kommt zur großen Wiedersehensszene zwischen Mutter und Sohn.

Dann wird in der Aufklärung der Vorgeschichte ein ganzer Kolportageroman auf einigen Seiten erzählt (das hätte Stoff für rund 3000 Seiten gegeben …). Dessen Schluß erleben wir noch mit. „Und wenn mich nicht alles trügt, so bringt Gott grad jetzt den Mörder Euch getrieben. Er ist nach dem Schauplatz seiner That unterwegs. Thibaut kommt mit Tokbela, und Etters ist ihnen schon voran.“

Hammerdull und Holbers gehen auf ihre Art mit der Angelegenheit um, „Hat man jemals erlebt, daß ein Mann eigentlich eine Frau ist? Aus diesem Kolma Puschi, dessen Mut und List wir so bewundert haben, ist eine Squaw herausgekrochen die man noch mehr bewundern muß als vorher, da sie noch ein männlicher Indianer war! […] Wer soll da wissen, was er dazu zu sagen hat? Von jetzt an halte ich alles für möglich. Jetzt werde ich gar nicht erschrecken, wenn umgekehrt mein alter Pitt Holbers sich in eine Squaw verwandelt! […] Was willst du dagegen machen, wenn du plötzlich zu der Erkenntnis kommst, daß du ein heimliches, verkleidetes Frauenzimmer bist?“

Wiedersehen zwischen Tibo Wete und Kolma Puschi, Erinnerungen … Einfühlsam und feinfühlig beschrieben.

Dann wieder Schauplatzwechsel, „Man denke sich den berühmten Staubbach des Lauterbrunner Thales in der Schweiz, nur den Felsen nicht ganz so hoch und den herabstürzenden, sich in Staub auflösenden Bach von dreifacher Stärke, so hat man ein Bild von der Foam-Kaskade im Parke von San Louis.“

Autor wie Leser haben gegen Ende keine rechte Lust mehr, „Und wenn der Häuptling der Apatschen nicht mitmacht, so springe ich allein mitten unter die roten Kerls hinein. Diese Geschichte muß ein Ende nehmen. Ich habe das ewige Anschleichen satt!“

Wie vorher Old Wabble, wird auch dem General der Unterleib zerstört ...

Und auch die schrecklich strafende alttestamentarische Vorsehung ist wieder nicht fern, unangenehm bekannt schon aus der einen oder anderen in „Auf fremden Pfaden“ enthaltenen Geschichte, „Dieser Mann liegt grad auf dem Grabe meines Bruders, genau da, wo er mich damals festgebunden hatte, und wo ich im Kampfe mit ihm meinen Trauring verlor.“

Bevor es dann bei der zweiten großen familiären Wiedersehensszene allzu schwülstig werden kann, steht da erfreulicherweise „Die hierauf folgende Scene ist unmöglich zu schildern.“ Danke.

Etters stirbt ohne Reue, eine Variante zu Old Wabble. Ein relativ harmlos und ein wenig clownesk gezeichneter Halunke, von dem längere Zeit kaum die Rede war, mutiert hier am Ende zum Monsterschurken.

„Kann Gott seiner armen Seele gnädig sein? Vielleicht doch - doch - - doch --- doch!“ Jedesmal ein Gedankenstrich mehr, man beachte.

Der Schluß erscheint ein wenig gedrängt, und Mays Vermerk unter dem Manuskript bestätigt ja, daß er wohl froh war, endlich fertig geworden zu sein.

 


DER ERSTE ELK

Immer wieder baute Karl May früher geschriebene Geschichten in sein Werk ein, gelegentlich aus ganz simplen, pragmatischen Gründen, um Text zu verwerten, voran zu kommen, einen Band auf den üblichen Umfang zu bringen.

Diese Geschichte, die zunächst anonym in einer Zeitschrift erschien, floss ein paar Jahre später nahezu unverändert in Old Surehand I ein.

Hier lernen wir Old Wabble kennen, von dem Karl May zur Entstehungszeit der Geschichte noch nicht weiß, dass er später mal einen ganz großen Schuft aus ihm machen will, hier ist er noch Held, Vorbild gar, und wird entsprechend geschildert, auch durchaus nicht unsympathisch.

Der „erste Elk“ ist gar nicht der erste, das Ganze ist eine Lügengeschichte, entstanden aus Dankbarkeit anderer für eine gute Tat, und Old Wabble hält den Erzähler denn auch am Ende für einen Flunkerer, wobei er nun das Falsche glaubt und die Wahrheit für Flunkerei hält.

In ihrer Doppelbödigkeit und Realitätsverschiebung eine ganz typische Karl-May-Geschichte, zugegebenermaßen erst auf den zweiten oder auch dritten Blick.

 

 

IM MISTAKE-CANYON

Hier wird ein unschuldiges Opfer, das sich, schwer verwundet, seiner Haut wehren und rächen will, wiederum zum Opfer, indem es von Dritten, eigentlich Befreundeten, erschossen wird, da sein Widerpart ihm die Kleidung entwendet hat, und nun für ihn gehalten wird.

Es ist eben auf nichts Verlaß, Schein und Täuschung allenthalben. Und damit haben wir es bei dieser kleinen Geschichte wieder mit einem absolut typischen May-Thema zu tun.

Zunächst in einer Zeitschrift erschienen, wurde der Text von Karl May später fast unverändert in den Band Old Surehand I eingearbeitet.