SATAN UND ISCHARIOT I

Der dreibändige Roman beginnt zunächst äußerst verheißungsvoll in einem verschlafenen Kaff in einer der bei May so typischen abstrusen Hotelunterkünfte mit bizarrem, liebevoll gezeichneten Personal. Mays ganzer Charme, sein Humor und seine Menschlichkeit kommen hier voll herüber, solche Passagen sind wirkliche Höhepunkte in seinem Werk.

Auch die dann in Gang kommende Geschichte mit den Auswanderern liest sich zunächst reizvoll und lässt Spannendes erwarten, aber zwischendrin lässt dann schon im ersten Band die Faszination deutlich nach, es geht wieder über in die üblichen, sattsam bekannten Wildwest- und Indianergeschichten mit ihren Gefangennahmen und Befreiungen, hier dann eher wirklich manchmal langweilig. Ab dem Kapitel "Der Player" mit der Begegnung Winnetous mit der neugierigen Gattin des Ortsvorstehers von Ures wird es dann wieder reizvoller und am Ende auch wieder spannend.

 

Im Einzelnen:

Erstes Kapitel – In der Sonora

Die Anfangspassage mit den Wirtsleuten in Guaymas, wo er völlig „abgerissen“ ankommt, zählt zu den Höhepunkten in Mays Gesamtwerk, witzig, augenzwinkernd, menschlich, originell, aberwitzig, hintergründig, abgefahren ...

„Die Menschen schliefen, wenn sie nicht Domino spielten, und spielten Domino, wenn sie nicht schliefen.“ Er mag sie, ohne Frage, aber so etwas wie Respekt (o.ä.) hat er sozusagen nicht wirklich …

„Er hatte aus weiser Sparsamkeit seine Gäste zehn Jahre lang gezwungen, sich dieser Tinte und Feder zu bedienen, und dabei, ebenso aus weiser Sparsamkeit, jedesmal für einen Groschen Spiritus verbrannt!“ Ein Beispiel dafür, dass Mays Humor oft nicht einfach auf irgendeiner ausgedachten Albernheit beruht, sondern auf Beobachtungen im Alltag, wie jeder sie machen kann … es geht schon recht absurd zu in der Welt.

„und konnte mir nun das Aussehen des Fremdenbuches erklären. Ich hatte, während er Wasser kochte, darin geblättert. Die Schrift war auf den letzten Seiten dunkelgelb, wurde je weiter nach vorn desto heller und war endlich gar nicht mehr zu lesen. Die vordersten Seiten schienen niemals beschrieben worden zu sein.“

„Er malte nicht nur, sondern er mahlte förmlich“, so etwas hat natürlich vor den angestrengten Augen von Bearbeitern, ungebetenen Lektoren oder Deutschlehrer[inne]n u.ä. keine Chance, gut, dass es die Originalfassungen nach wie vor immer noch gibt.

„Züge? Man sieht, daß Sie hier fremd sind, Sennor. Die Bahn ist noch nicht fertig.“ Ein Gruß an den Lektor oder andere aufmerksame Chronologen ?

„Ich kaufte also für einen Peso Fleisch, welches, unter uns gesagt, ganz leidlich 'muffig' war“ … Herrlich. Zum einen, das sozusagen öffentlich mitzuteilen, zum anderen dieses abstruse „unter uns gesagt“.

„Wo aber die Harmonie fehlt, da kann von Schönheit nicht die Rede sein“ heißt es in Zusammenhang mit dem als eigentlich schön beschriebenen Harry Melton; welchen Medienmenschen wechselvoller Karriere man nach der Beschreibung und dieser Ergänzung da vor sich sehen kann, sei vorsichtshalber nicht verraten.

„Nun, ich habe im Fremdenbuche gefunden, daß Sie Escritor sind, und weiß, daß es in diesem Fache meist nur verkommene Existenzen gibt“. Um Selbstironie nie verlegen, fiel ihm solch ein Spruch zur Entstehungszeit von S & I, wo sich Erfolg nun doch in etwas größerem Ausmaß abzuzeichnen begann, vielleicht noch etwas leichter als vorher …

Die Gleichsetzung von Erzähler und Old Shatterhand wird in diesem Roman nicht nur hemmungslos durchexerziert, sondern es wird auch kräftig mit ihr kokettiert: „Es hat nicht jeder solches Glück wie Ihr Namensvetter, der übrigens, ehe er in die Welt ging, ein gelernter Jäger und kein Escritor war.“ - „Ein Namensvetter von mir? Wen meinen Sie?“ - „Ah, ich dachte, Sie wären schon einmal drüben in den Vereinigten Staaten gewesen, in den westlichen Prairien; aber Ihre Frage sagt mir, daß dies nicht der Fall ist, sonst hätten Sie doch einmal von Old Shatterhand gehört.“ - „Old Shatterhand? Den Namen kenne ich. Ich habe, es war wohl in irgend einer Zeitung, ein Reiseerlebnis gelesen, in welchem dieser Mann vorkam.“

Unser Mann soll als Buchhalter angestellt werden und wird gefragt

„Und schreiben Sie spanisch vielleicht auch so, wie Sie es sprechen?“

„Ja; aber in die Interpunktion kann ich mich nicht recht finden, weil im Spanischen die Frage- und Ausrufezeichen nicht nur hinter, sondern auch vor dem Satze stehen.“

„Das wird sich schon noch finden,“ lächelte er von oben herab. „Ich verlange keine Meisterschaft von Ihnen.“

Hier könnte in etwa Folgendes dahinterstecken bzw. mitschwingen: der schriftstellernde Karl May weiß, was er tut, schreibt, wie er spricht. Ganz bewusst. Zeichensetzungsregeln interessieren ihn nicht sonderlich. Er setzt die Zeichen nach Gefühl und meistens richtig, gelegentlich, wenn die Umstände es erfordern, auch bewusst inkorrekt. Schulmeistergemüter der faden Art und andere Regelfreunde werden das nie verstehen und sich bis zum Ende der Zeiten über so etwas lustig machen. Ihnen wird der Rahmen fester Regeln auch nie zu eng, sie sind ja froh wenn sie ihn haben, ein Autor wie May geht spielerisch und kreativ damit um. Und manchmal auch g’schlampert, durchaus, ein Teil spielerische Kreativität, ein Teil Nachlässigkeit.

Wildnis sei Wildnis und Zivilisation Zivilisation bei Karl May, er ziehe klare Grenzen, war auf geduldigem Papier in einem KMG-Jahrbuch (2008) zu lesen, nicht doch, „Nachdem ich Sennorita Felisa geweckt hatte, um zu der berühmten Morgenschokolade zu kommen, machte ich, der ich heute die dreißigste Tasse trank, die nun leider zu spät kommende Entdeckung, daß die Liebliche das Getränk mit demselben Wasser bereitete, mit welchem sie ihre zarten Finger und ihr reizendes Gesicht gewaschen hatte.“ (Eines von schätzungsweise hunderten von Beispielen im Gesamtwerk, dass bei Karl May wie im Leben die wahren Ferkel in der sogenannten Zivilisation leben.)

Mit Herzensbanden wird es auch hier nichts, mal wollen andere nicht, mal soll es nicht sein, hier will er selber nicht: „Wahrscheinlich erwartete sie, daß ich den Anfang dieses Morgengespräches zu einem glücklichen Ende führen werde, leider aber hielt ich die Anschaffung eines neuen Anzuges für weit dienlicher, als eine Stegreifverlobung, und ging, um einen Baratillero (Kleiderhändler) aufzusuchen.“

Selbst ist der Mann, solange er sozusagen zwei gesunde Hände hat, „Auch kaufte ich ein Stück billigen Stoffes, um mir mit Hilfe von Nadel und Zwirn, welch beides ich stets bei mir führte, ein Futteral für meine Gewehre anzufertigen.“

„Ich schien ein der Damenwelt höchst gefährliches Individuum geworden zu sein, und da ich dies unmöglich auf Rechnung meiner innern oder äußern Vorzüge setzen konnte, so war ich geneigt, dem Leinenanzuge, welcher nach deutschem Gelde elf Mark gekostet hatte, Zauberkraft zuzuschreiben.“ Und was von so etwas zu halten ist, schwingt auch gleich mit.

„Der Abschied von meinen freundlichen Wirtsleuten war rührend. Don Geronimo beging die Heldenthat, mir sein Dominospiel als Andenken anzubieten, und schluchzte beinahe vor Wonne, als ich dieses Opfer nicht annahm. Die drei Buben sagten mir Ade, indem sie meine Beine umschlangen und ihre Nasen an meine neue Hose wischten. Sennorita Felisa wollte ihr Taschentuch an die Augen führen, da sie aber an Stelle eines solchen augenblicklich gerade nur den schwarzen Herdlappen in der Hand hatte, so rieb sie sich die Traurigkeit mit Ruß ins thränende Gesicht, was auf mich einen weit tiefern Eindruck machte, als wenn sie sich eines wirklichen Nastüchleins bedient hätte. Und Donna Elvira richtete sich soweit auf, daß ich beinahe ihr Gesicht deutlich gesehen hätte, und winkte mir mit der müden Rechten ein Lebewohl zu. Für den Hund hatte ich ein Stück Wurst mitgebracht, welches ich ihm zum Abschiede verehren wollte, da ich Gründe hatte, anzunehmen, daß er nie im Leben so etwas gekostet hatte. Geronimo und Felisa gingen mit in den Hof. Als ich die Wurst aus der Tasche zog und sie dem Hunde hinhielt, schnappte aber die Sennorita noch eher zu als er. Sie riß mir die Liebesgabe aus der Hand und sagte:

‚Was thun Sie da, Sennor! Ich glaube gar, Sie wollen diese Delikatesse an das Tier verschwenden! Sie gehört mir, und ich werde sie in der Erinnerung an Sie verspeisen.’

Sie gab der Erinnerung aber keine Zeit, in ihr Recht zu treten, sondern biß sofort höchst tapfer ein, was ihren Vater veranlaßte, einen schnellen Griff nach ihrer Hand zu thun, um ihr die Wurst zu entreißen und an der Erinnerung teilzunehmen. Sie entfloh mit einem Schreckensrufe, und er rannte hinter ihr her, was mir Gelegenheit gab, das gastliche Haus nun ohne weitere Angriffe auf meine Wurst und auf mein Herz zu verlassen. Der Hund mußte sich freilich nun mit einem Streicheln begnügen, was wahrscheinlich weniger nahrhaft war, als das ihm so räuberisch entzogene Abschiedsgeschenk.“

Die Komik dieser Szene kann man als durchaus gebrochen empfinden: der Mann schluchzt beinahe vor Wonne, weil er sein Geschenk behalten kann. Die Kinder rotzen ihm die Hose voll, was Rücksicht und Achtsamkeit sind wissen sie ja bis heute noch nicht, die Gefühle der Tochter werden karikiert und die Mutter ist zu faul, um sich überhaupt zu zeigen. Dem Hund wird die Wurst nicht gegönnt, und zwei Menschen streiten sich noch darum. So ist das, und man kann es, wenn man mag, je nach Lust und Laune unter anderem auch komisch finden.

Und nun kommen wir zur besonderen Note dieses dreibändigen Werkes, der Begegnung mit Judith Silberstein. Hier hat Karl May offenbar einem weiblichen Wesen, das ihn selber seinerzeit nicht unwesentlich beeindruckt hat, ein mehr oder weniger klammheimliches Denkmal gesetzt, und aus dieser Sicht sei das Ganze hier im Folgenden betrachtet. (Um Emma Pollmer geht es wohl nicht, auch wenn andere Interpreten das so sehen mögen.)

„Als ich das Deck betrat, war die erste Person, welche ich erblickte, ein vielleicht achtzehnjähriges, äußerst schmuck gekleidetes Mädchen mit orientalischen Zügen von ungewöhnlicher Schönheit.“ Vielleicht eine Mitarbeiterin bei Pustet in Regenburg ? Oder eine nach Hohenstein-Ernstthal zugezogene Unbekannte ? Wir wissen es nicht. Es fällt jedenfalls schon einmal auf, dass hier keinerlei Einschränkung in Sachen Schönheit erfolgt, wie etwa vorher bei Melton.

Nur in Sachen äußere Aufmachung bewahrt er sich den kritischen Blick: „Diese Kleidung paßte wohl mehr auf einen Maskenball als hierher auf das Deck eines amerikanischen Transportschiffes für Auswanderer“, auch das gibt es heute noch, übertriebenes Wertlegen auf völlig nebensächliche Äußerlichkeiten seitens weiblicher Wesen, die so etwas ggf. wahrlich nicht nötig hätten.

Von ihrem Vater erfährt er gleich, was er in Sachen Charakterfestigkeit u.ä. in etwa zu erwarten haben wird seitens der beeindruckenden Bekanntschaft: „Vor seinem Namen ist gesessen ein großes 'von', und als er ihr angeboten hat seine Hand und sein Herz, ist gegangen pleite der Herkules mit seinen Hoffnungen.“; „da hat Judith, meine einzige, von nichts geträumt, als von diesem Lande, um zu werden auch eine Sennora in der Hängematte“, aus Mexiko rücktransponiertt heißt letzteres in etwa so etwas wie Weinchen trinken auf der Terrasse im Odenwald oder auch Erzgebirge.

„Der Mann war ein kompletter Narr, ein Dummkopf vom reinsten Schrot und Korn, ein Schwächling gegen seine Tochter, deren Gefallsucht und Eitelkeit nur mit ihrer Gewissenlosigkeit verglichen werden konnte.“ Das ist sehr früh sehr deutlich.

Der 'Herkules' dürfte (u.a.) eine der zahlreichen Selbstspiegelungen Mays sein, „Es war ein Unsinn von dem Kraftmenschen, diesem Mädchen nachzulaufen“. Der Mann „will Judiths Beschützer sein“ und ist „überzeugt, daß sie dann zur Einsicht kommen wird“. Die Judiths dieser Welt pflegen indes gar nicht zur Einsicht kommen zu wollen, außerdem pflegen die Motive der Herkulesse durchaus auch recht eigennützig zu sein.

„Es war mir, als beginne in diesem Augenblicke ein Wölkchen aufzusteigen, welches später den ganzen Horizont bedecken und sich mit Blitz und Donner entladen werde.“ Dabei sieht er nur zwei Leute dastehen und beobachtet den Gesichtsausdruck des einen; sehr schön, das ist halt sensible Wahrnehmung.

„Der Mensch mit dem dummen Gesicht, dem ich die Koje des Herkules anweisen mußte, soll Old Shatterhand sein? Sir, ich will alles glauben, alles, was Ihr mir sagt, doch dieses eine nicht, nein, niemals!“ Schön, wie er sowohl mit der neuen Identität als auch mit schonungsloser Selbstironie spielt.

Er glaubte zu schieben, doch er wurde geschoben, er dachte Melton fiele darauf herein, dass er ihm den Trottel vorspielte, aber jener wusste von Anfang an, mit wem er es wirklich zu tun hatte. – Oder hat er sich während des Schreibprozesses eines anderen besonnen ? Auch das ist möglich …

 

Zweites Kapitel – Ein Teufelsstreich

„Da er mich für Old Shatterhand hielt, der ich ja auch war …“ Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es klingt als ob der Autor selber einmal erst einen Augenblick überlegen müsse, was denn nun Realität ist.

Er ist immer noch spürbar gut gelaunt.

„Die zweite Hängematte geriet ins Schaukeln, und aus ihr entwickelte - ich sage mit vollster Absicht, entwickelte - sich eine lange, ewig lange und erschrecklich hagere Gestalt“; gelegentlich muß man Lektoren und andere mit der Nase drauf stoßen, dass man es bewusst und absichtlich so und so formuliert hat. Und selbst das nützt nicht immer etwas ...

Das Motiv verschlafener oder sonstwie unlustiger Menschen in Hängematten begegnet uns in diesem Band auffallend oft.

„Auch der Papagei ließ so zarte und sanfte Schluchzer und Gluchzer hören, daß mir ganz wonnig zu Mute wurde“, Münchmeyers Schluchzer aus dem „Schundverlag“ können einem einfallen. Vor und nach diesem zwischenzeitlichen Wohlwollen wird der gleiche Papagei nicht müde, den Besucher als „Spitzbuben“ zu titulieren.

„Die Hoffnung, welche ich auf die Meldung bei der hiesigen Behörde gesetzt hatte, war eine vergebliche gewesen. Bei solchen Zuständen, welche heutzutage wohl andere sind, ist es am besten, stets nach dem Grundsatze 'Selbst ist der Mann' zu handeln. Fort also mit der Rechnung auf fremde Leute und auf fremde Hilfe!“ Nein, es sind nicht andere heutzutage, und man tut gut daran, den Grundsatz beizubehalten, nicht nur in Bezug auf Behörden.

„Ich dachte an meine Erlebnisse in jenen Bad-lands, an die Kämpfe mit den Sioux, mit denen ich dort oft zusammengeraten war; ich bildete mir ein, ihr schrilles Kriegsgeheul und die Stimmen ihrer Gewehre zu hören. Da - - war das nur die Erinnerung, die es mir vorspiegelte, oder war es die Wirklichkeit: ein Schuß war gefallen. Ich hielt mein Pferd an und horchte. Es war die Wirklichkeit“. Wie im Schlusskapitel von „Und Friede auf Erden“, wo er dezidiert beschreibt, wie er sich aus der Schreibstube in ferne Exotik träumt, wie eigentlich immer.

„Mein jüngerer Bruder und meine ältere Schwester, tretet in Ehrfurcht zurück, denn wir stehen vor dem großen, weißen Krieger, von welchem unser Vater, der doch ein großer Held ist, gesagt hat, daß er nicht mit ihm verglichen werden könne!“ sagt der junge Indianer, und der Erzähler kommentiert „Das war eine indianische Redensart, eine Uebertreibung, mit welcher der Knabe es allerdings aufrichtig meinte. Die drei wichen zurück und verneigten sich tief vor mir“. Er schwankt, sozusagen, zwischen kritischer Selbstbetrachtung und beginnendem Größenwahn in diesem Roman.

Auch diese Selbsteinschätzung ist interessant: „Ich gestehe, daß ich große Lust verspürte, grob zu werden; aber die Rücksicht auf die Verhältnisse und meine alte Gutmütigkeit veranlaßten mich zu den im höflichsten Tone gesprochenen Worten“; wenn man so an diverse veranlasste Auspeitschungen und etliche andere verbale oder körperliche Fundamentalattacken seitens des Erzählers im Gesamtwerk denkt, kann einen diese „Gutmütigkeit“ vordergründig ein wenig stutzig machen, aber er hat im Grunde schon Recht. Man muß halt immer etwas genauer hingucken. (Angemessene Härte und Gutmütigkeit schließen sich eben keineswegs aus.)

„Sie geben wohl zu, daß ihr Anzug kein Vertrauen erwecken kann, und wenn Sie sich nur einmal genau im Spiegel betrachten wollten, so würden Sie unbedingt einsehen, daß Ihr Gesicht sehr verschieden von demjenigen eines ehrlichen Menschen ist; doch Kleider sind zuweilen nicht maßgebend, und es mag ja auch einmal vorkommen, daß ein Mann mit einem Diebesgesicht noch nicht gestohlen hat.“ Das muß sich der Erzähler anhören. In Sachen Schwanken siehe oben.

Das Thema wie er auf andere wirkt und wie diese auf ihn reagieren, interessiert ihn in diesem Band offenbar wirklich beträchtlich, „Ah, man ist empfindlich. Wer und was ist man denn eigentlich?“ lässt er ein Gegenüber sagen, nicht unbedingt typisch für einen Abenteuerroman, aber solche hat Karl May ja auch, recht besehen, nicht geschrieben.

„So ein Autor oder Romancero erblickt überall Dinge, welche nur in seiner Phantasie existieren!“, auch diese Einschätzung kennt er, und ein Fünkchen mag auch manchmal daran sein.

„Ein Escriter ist nicht der Mann, mit Indianern zu kämpfen. Das soll er uns überlassen, die wir in wilder Gegend wohnen, die Roten kennen, und mit den Waffen umzugehen verstehen!“, sagt der Haciendero, und der Erzähler konstatiert „Ich nahm an, daß der Haziendero den Namen Old Shatterhand nicht kannte, und hatte denselben darum während meiner Erzählung nicht erwähnt. Jetzt, wo ich geradezu ausgelacht wurde, fiel es mir auch nicht ein, das Unterlassene nachzuholen, denn es war zehn gegen eins zu wetten, daß er mir auch da keinen Glauben schenken würde.“

Aber damit ist es noch lange nicht genug, „Nun, für verrückt halte ich Sie nicht, aber irgend ein Rädchen geht in ihrem Kopfe schneller, als es eigentlich laufen sollte. Ich gebe Ihnen den Rat, sich in einer Heilanstalt untersuchen zu lassen, denn vielleicht ist es jetzt noch Zeit, das übrige Räderwerk zu retten“, auch das sind sehr offene Worte seines Gesprächspartners, und die Selbstironie des Autors wiederum sehr ansprechend.

Aber auch seine Antwort kann sich sehen lassen, „Der Kopf arbeitet bei dem einen ganz naturgemäß schneller als bei dem andern, woraus die komische Situation erfolgen kann, daß dieser andere dem einen allzu große Phantasie und dieser eine dem andern allzu große Denkfaulheit vorwirft.“ Täglich erlebbar.

Und weiter in Sachen Selbstanalyse, „Wenn ich mir diese Frage heute vorlege, so muß ich offen und ehrlich sagen, daß es die liebe Eitelkeit war, welche mich dazu trieb, die Gefahr des Handelns der Sicherheit der Unterlassung vorzuziehen. Es gelüstete mich, Melton zu zeigen, daß ich klüger sei, als er mich taxiert hatte.“

„Ich wunderte mich keineswegs darüber, daß er mit sich selbst sprach. Ich wußte von mir selbst, daß die Aufregung, je größer sie ist, sich desto leichter in Worten Luft macht.“ Das ist (vom Schreibprozeß) überliefert.

Und zur Abwechslung wird unser gutmütiger, sich selbst über allerhand bewusster Freund auch wieder einmal richtig fies: „Da er mit dem Kopfe zwischen meine Beine zu liegen gekommen war, stemmte ich ihm die beiden Kniee rechts und links auf Brust und Schultern und griff nach seinen Händen, mit denen er krampfhaft hin und her fuhr; ich faßte sie - ein Knack und ein Schmerzensruf - noch ein Knack und ein noch lauteres Brüllen - er lag halb wehrlos unter mir, da ich ihm in der Hitze des kurzen Kampfes die beiden Hände in den Gelenken gebrochen hatte.“

Es ist ja schön, daß er den jungen Indianer mitnimmt und seinen väterlichen Part ein wenig ausleben kann; leider geht es nicht ohne eine gehörige Portion unnötige und etwas befremdlich wirkende Selbstbeweihräucherung ab, dass der junge Mann „demütig“ sei, muß so nicht sein ....

„Ich sah zweimal fünfmal zehn Pferde und noch drei dazu“ …

Wir erfahren dass die Mormonen auf die Vielweiberei nicht verzichten wollen und sich in Mexiko ausbreiten.

„Wenn der Deutsche lustig ist, so singt er ganz gewiß: ‚Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin.’“ Das ist fein beobachtet. „Der Jude Jakob Silberberg sang auch mit, wie ich sah. Seine Tochter, die schöne Judith, bemerkte ich nicht.“ Vielleicht gestaltet die in entsprechender Stimmung ihre Freizeit auch eher anders.

„Das Mädchen hat Geschick zu allem, was es nur geben kann, das meiste aber dazu, die Männer verrückt zu machen.“ Eine geschickt kombinierte Aussage ...

Unser Erzähler stiftet den Herkules an, Fleisch für ihn zu stehlen, und erhält seitens des wortkarg grimmigen Mannes unaufgefordert noch Schokolade dazu. Menschlichkeit im Wilden Westen, um ein paar Ecken.

„Die Angewohnheit der Indianer, gefangene Feinde zu Tode zu martern, ist für die letzteren allerdings eine höchst fatale, aber da die Roten diese Prozedur nur selten an Ort und Stelle vornehmen, sondern die Gefangenen mit heimschleppen, um den zurückgebliebenen Ihrigen ein Schauspiel zu bereiten, so ist dadurch dem Betreffenden eine Frist geboten, welche er, wenn er ein unternehmender Mann ist, zur Flucht benutzen kann. Das ist doch immerhin besser, als an Ort und Stelle erschossen zu werden.“ Manchmal scheint durchzuschmecken, dass Karl May seine Abenteuergeschichtenschreiberei offenbar selber nicht recht ernst nahm und es ihm eben doch um andere Dinge ging, für die er halt, um sie kommerziell verwertbar mitzuteilen, die Form des Abenteuerromans vordergründig benutzte.

„Er spuckte mich an“, die ist nun schon mindestens das vierte mal im Gesamtwerk, siehe Winnetou I, Orangen und Datteln (Christus oder Muhammed), Am Jenseits.

Und dann muß er völlig hilflos sich dreingeben, dass die Hacienda überfallen wird und er nicht helfen kann, Erfahrung völliger Ohnmacht, relativ selten beim Erzähler. In Im Lande des Mahdi III ist es einmal ähnlich.

Und seine Imagination geht auch schon mal in Richtung Mord bzw. Selbstjustiz: „Der Mensch hatte leichtes Lachen; mir aber war es trotz der hilflosen Lage, in welcher ich mich befand, genau so, als ob ich ihn schon vor der Mündung meines Gewehres hätte und den kurzen, scharfen Knall desselben hörte.“

 

Drittes Kapitel – Winnetou

Die Hilflosigkeit hält an, „wie ein Kind“ fühlt sich entsprechend unser Erzähler.

„Und nennst dich Old Shatterhand?“

„Nicht ich nenne mich so, sondern berühmte weiße und rote Krieger und Häuptlinge haben mir diesen Namen gegeben.“ (Das erinnert nebenbei an eine ähnliche Stelle in „Nathan der Weise“ („nennst du dich nicht; nennt dich das Volk“)).

„Er spuckte mich, als er diese Worte gesagt hatte, an.“ Schon wieder. (Mehrmals im Gesamtwerk.)

„Der große Geist hat dir die Sinne verwirrt!“

„Nein, sondern er hat mir die Sinne geöffnet und geschärft.“

Eine Frage der Betrachtungsweise, bzw. der Wahrnehmungsfähigkeit und ihrem jeweiligen Beschränkungsgrad.

„Er dachte so angestrengt nach, daß er dabei die Augen verdrehte“, auch das dürfte eine Beobachtung aus dem realen Leben sein.

„Ich möchte neunmal zehn oder zehnmal zehn Jahre alt werden und dann ruhig einschlafen, um jenseits des Lebens wieder zu erwachen“, interessant zu erfahren, wie sich der zum Zeitpunkt der Niederschrift so um die Fünfzig befindliche Mann das so vorstellte in Sachen Lebenserwartung.

In einem Exkurs erfahren wir einiges über Namensgebung und Medizin bei den Indianern. Inwieweit das alles nun richtig recherchiert ist oder auch falsch oder nur mit Einschränkungen zutrifft oder hier so und dort anders, darüber mögen sich andere die Köpfe zerbrechen und dreihundert Arbeiten schreiben. Nehmen wir es so zur Kenntnis wie es May für sein Werk gebraucht, benutzt, formuliert hat.

„Ich wußte es gar wohl, daß ich bei Old Shatterhand viel eher einen Namen, und auch einen viel bessern, finden würde, als an jedem andern Orte!“ erinnert in seiner vermutlich unbeabsichtigten sprachlichen Eigenwilligkeit ein wenig an Hobblefrankens 'Das Klavier ist nicht für mich, sondern für Donnerstags'.

Old Shatterhand legt andere Kleidung an (Winnetou naht …), „Als ich mich umgekleidet hatte, sah ich ungefähr wie ein reicher mexikanischer Großgrundbesitzer, wie ein Caballero aus, der gerade auf dem Wege ist, die Dame seines Herzens zu besuchen“, und sein junger Freund („er errötete vor Verlegenheit“) konstatiert „Aber so haben wir Knaben uns Old Shatterhand vorgestellt, wenn uns von ihm und von Winnetou erzählt wurde.“

Dann erscheint Winnetou, wie ein Naturereignis, aber auch selber sehr beeindruckt vom Wiedersehen, er „schrie mit jubelnder Stimme. ‚Scharlieh, Scharlieh!’ Er pflegte in dieser Weise meinen Vornamen Karl englisch auszusprechen.“

„Er kam gleich einem Halbgotte dahergesaust“ und „schnellte sich, während es" (nämlich das Pferd) "an mir vorüberschoß, herab und mir in die ausgebreiteten Arme, um mich an sich zu drücken und wieder und wieder zu küssen.“

Praktischerweise hat er Hatatitla gleich mitgebracht, über weite Entfernungen.

„Wir hatten uns eben so ineinander eingelebt, daß der eine die Gedanken des andern schon im voraus anzugeben wußte.“

Er gibt sich wieder ungeheuer wichtig, der edle rote Mann, so ein bodenständiger Hadschi Halef Omar ist einem denn doch lieber.

Old Shatterhand wirft mal eben alte Gebräuche der befreundeten Mimbrenjos über den Haufen, als er den noch namenlosen jungen Mann die Friedenspfeife rauchen lässt, er bzw. sein großer roter Bruder bestimmen halt wo es langgeht, auch das kann einem gelegentlich zu viel werden.

Am Ende 'gibt' er noch ein wildes Tier ('Laßt mich den Puma auch spielen'), und vertreibt damit feindliche Indianer, die ggf. hätten gefährlich werden können.

 

Viertes Kapitel - Vergeltung

„Den Hunden der Yumas aber bist du entgangen, weil ihre Schädel mit verfaultem Grase gefüllt sind.“ Die roten Männer hatten wirklich hübsche Bilder, hier für die Beschaffenheit bzw. den Inhalt von Hirnen. Merken wir uns das für das nächste Mal in der Fußgängerzone oder beim Discounter.

„Mitternacht ist schon vorüber, und noch bevor der Morgen graut, müssen die Yumas umzingelt sein.“ Ernst Bloch hat diesen Satz irgendwo hervorhebend zitiert, dabei ist weder der Satz noch die Passage, in der er steht, sonderlich interessant. Wildwest-Geplänkel, Indianer-Spielereien ...

„Der Mann kam, blieb in der Nähe stehen und sah, mir den Rücken zukehrend, gen Himmel. Welche Betrachtungen er anstellte, ob astronomische oder poetische, das weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß sie ihm verhängnisvoll wurden.“

Mal kommt er launig, mal manipulativ daher:

„Er strengte alle sein Gedanken an, einen Ausweg zu finden; er forschte nach, ob es eine Rettung für ihn und seine Leute gebe; ich unterbrach sein Grübeln nicht, denn dieses mußte ihn dahinführen, wohin ich ihn haben wollte.“

"Ich muß? Merke dir, daß Old Shatterhand niemals müssen muß!“ Interessant …

„Der 'starke Büffel' ist ein sehr tapferer Häuptling, aber seinem Auge fehlt die Schärfe, und seine Gedanken reichen nur soweit, wie er den Tomahawk werfen kann.“ Auch sehr hübsch. Und weiter: „Sein Zorn ist schnell groß und schnell wieder klein. Sein Herz ist gut“.

„Wenn Winnetou sprach, so mußte jeder Zorn weichen und jedes etwaige Gekränktsein sich beschwichtigen.“

„Als sie zurückkehrten, kämpfte das Tagesgrauen schon mit dem Mondeslichte. Auch in den Gesichtern der drei Männer gab es einen Kampf, dessen äußere Spuren sie nicht sehen lassen wollten und doch nicht ganz zu unterdrücken vermochten; es war der Kampf zwischen Stolz und Notwendigkeit.“ Wenn man bedenkt, dass das alles am Schreibtisch entstand, muß man ihm schon eine gehörige Portion Phantasie und Feinwahrnehmungsvermögen bescheinigen.

Immer wieder allerhand Zank und Streit und Mißstimmung, „Meinst du, weil deine Kraft so stark und deine Gewandtheit so überlegen ist, kannst du nicht bloß deine Feinde besiegen, sondern darfst auch sogar deine Freunde beleidigen?“, und es liest sich des öfteren, als seien einmal mehr sächsische Kabale unter die Indianer transponiert: „Er war wieder einmal zornig, was bei ihm öfters geschah“; „ … sich der alte Cholerikus im Stadium wirklichen Grimmes befand“ ...

„Ich sage dir, mein Bruder Shatterhand weiß stets, was er thut, und wenn alle roten, weißen und schwarzen Menschen der Erde zu Verrätern würden, er allein bliebe treu!“ Nun mal halblang …

„Die Augen des alten Isegrimm leuchteten vor Kampfeslust. Er kannte mich, dachte aber in diesem Momente weder an das, was er über mich erfahren, noch mit mir erlebt hatte. Wenn er zornig war, so gab es bei ihm kein Bedenken; war der Zorn verraucht, so war er der liebenswürdigste Mensch, nämlich so liebenswürdig, wie ein Indianer zu sein vermag.“ Hier steht 'Indianer' wohl für 'Mensch' …

Dann gibt es eine eigenartige Szene; Old Shatterhand hat den 'Starken Büffel' anscheinend erschlagen, was selbst Winnetous Stimme ein wenig zittrig macht. Nun geht durch den Körper eine „ich möchte sagen, wurmförmige Bewegung“, und gleich darauf „schnellte“ der vermeintlich Erschlagene oder Gelähmte „wie von einer Feder geworfen, empor“.

Der Mimbrenjo betrachtet Shatterhand nun mit einem Gesichtsausdruck „welchen ich denjenigen des Grauens nennen möchte“ und sagt „Das Bleichgesicht hat den lebendigen Tod in seiner Faust. Es wäre entsetzlich gewesen, Leben zu besitzen und doch tot zu sein. Ich will ganz tot sein, wirklich tot.“

Die unausgelebten väterlichen Gefühle bekommt anschließend auch noch der jüngere der Brüder ab, leider wieder von reichlich 'Heldenverehrung' begleitet, „Da ergriff er einen Finger meiner Hand - die ganze Hand wagte er nicht zu ergreifen - drückte denselben an seine Brust und sagte in einem Tone, dem man anhörte, daß seine Worte aus einem überquellenden Herzen kamen: 'Ich habe meinem großen weißen Bruder vorhin mein Leben zugesagt, nun wollte ich, ich hätte viele Leben; sie alle würden Old Shatterhand gehören!' […] Meine Worte waren ihm in das Herz gedrungen und dort auf einen fruchtbaren Boden gefallen. Ein solches Atmen, welches ein sicheres Zeichen der Bewegung ist, habe ich immer gern gehört.“

 

Fünftes Kapitel – Der Player

„Leider hat der Häuptling der Apatschen recht! Wenn die Mormonen solche Menschen wie Melton, die Wellers und den Player nicht nur unter sich aufnehmen, sondern sie sogar als Gründer neuer Niederlassungen aussenden, so gleicht ihre Sekte einer faulen Frucht“ … Man beachte hier die Gegenwartsform „hat“. (Es ist keine direkte Rede.)

Erneut geht es nach Ures zu den Herrschaften in den Hängematten, und hier wird es nach allerhand Wildwest- und Indianerspektakel in den vorangegangenen Kapiteln wieder interessanter.

Die Dame des Hauses gerät schier aus dem Häuschen, „Winnetou! Der Apatschenhäuptling! Der interessante Indianer! Der berühmte Rote! Ist's möglich, ist's wahr, daß er es ist?“

„Sie zündete sich eine neue Cigarette an und legte sich dann in ihrer Hängematte mit der Miene eines Menschen zurecht, welcher sich etwa im Zirkus befindet und das größte Wunder der Welt vorgeführt bekommt.“

Aber noch ein anderer Aspekt kommt hier nun endlich einmal zum Tragen, „und ich habe oft die Beobachtung gemacht, daß besonders die Damenwelt gern von ihm hörte. Er war nicht nur ein hochinteressanter, sondern auch ein schöner Mann, und die Sagen, welche sich an seine erste und auch einzige Liebe knüpften, waren allerdings im stande, ihm das Herz jeder Sennora und Sennorita zu gewinnen.“

„Ihre Hazienda paßte ihm; sie war ihm aber zu teuer. Um sie billiger zu machen, ließ er sie verwüsten.“ Gängige kapitalistische Wirtschaftsmethoden waren bereits Karl May bzw. Harry Melton vertraut.

Zurück zur penetranten Winnetou-Verehrerin: „Wäre ich ein Mann, ich würde stets mit ihm reiten.“

„’Und Winnetou wäre ein Weib, wenn er sich das gefallen ließe!’ antwortete der Apatsche, indem er sich umdrehte und das Zimmer verließ. Ein solches Lob aus solchem Munde war ihm widerwärtig.“ Diese Muffelköpfe bei Karl May ... sie sind nicht bequem, aber ehrlich, und haben das Herz auf dem rechten Fleck. So etwas pflegt der kompakten Majorität der Mitmenschen indes nicht in den Kram zu passen ...

So schnell lässt die Dame aber nicht locker, es folgt eine Einladung auf den Abend bzw. auf die Nacht. „Es handelte sich also um eine Schaustellung, und ich freute mich schon im voraus auf die Antwort des Apatschen. Uebrigens wurde sogleich schon von zwei anderen Seiten Einwand erhoben. Nämlich der Beamte, welcher gar wohl bemerkt hatte, welchen Eindruck der schöne Indianer auf seine Frau gemacht hatte, mochte eine Anwandlung von Eifersucht empfinden und kam zu ihr herüber, um ihr einige zwar leise, aber eindringliche Bemerkungen in das Ohr zu flüstern.“

Der Haciendero bekommt eine längere Gardinenpredigt zu hören, „Ich bin hier ein deutscher Barbar genannt und sogar gefragt worden, ob ich lesen kann, mache aber die Erfahrung, daß man hier nicht einmal weiß, daß einer, für den ein anderer sein Leben in die Schanze geschlagen hat, die heilige Verpflichtung besitzt, sich bei diesem zu bedanken.“

„Ich bin hier nicht heute, sondern schon vorher von oben herab behandelt worden; jetzt schaut einmal von unten herauf, ob ich nicht die Veranlassung und das Recht besitze, euch zur Anklage zu bringen!“ Von oben herab, von unten herauf, Thematik des ewig unterschätzten, mal zu weit unten, mal zu weit oben, am besten, man bleibt im Bereich der Mitte, auch innerlich …

„Gemüt besitzt überhaupt nur der Germane“, manchmal rutschen ihm wirklich peinliche Sätze heraus … Daß einem die Mentalität des eigenen Volkes halt am nahesten liegt, kann man auch anders herüberbringen.

Und noch einmal zurück zum Thema Eheeinerlei und Abwechslung auf der einen wie der anderen Seite, die Hängematten-Königin schickt ihren Gemahl weg, um den netten Abend (zu dem es indes nicht kommen wird) ein wenig ungestörter begehen zu können, „Er war wohl seit langer Zeit nicht so glücklich gewesen, einmal die Zügel nicht zu fühlen, welche sie mit ihren schönen Händen führte. Eine kleine Reise! Und zwar allein, nicht mit ihr! Welch ein Gaudium! Sein Gesicht glänzte förmlich vor Vergnügen“.

Und worum es geht, wird auch nebenbei dezent angemerkt, „Er mochte mir ansehen, daß ich eine Art von Mitleid mit ihm fühlte, denn er warf mir einen flehenden Blick zu, in der Hoffnung, daß ich mich seiner annehmen und den Versuch machen werde, seine Gattin von ihrer für sie pikanten, für ihn aber höchst fatalen Marotte abzubringen“.

„Sennor Winnetou, Sie haben also wirklich die Absicht, die Nacht hier in Ures zu verbleiben?“

„Das Gesicht, mit welchem der Apatsche auf sie niederblickte, war nicht zu beschreiben. Was sich in demselben aussprach, war Mitleid und zugleich Erstaunen darüber, daß sie es wagte, ihn direkt anzureden.“

Aber dann dreht er sich plötzlich auf dem Absatz um und geht, „ich folgte ihm, und wir entfernten uns, ohne ein Wort des Abschiedes zu verlieren. Wir hatten in der Stadt nichts zu suchen“. Nein, mit den Herrschaften ist offenbar wirklich kein erotischer Blumentopf zu gewinnen …

 

Sechstes Kapitel – Der Gefahr entgegen

„Die Beschreibung der Gegend, durch welche wir kamen, würde zu Weitläufigkeiten führen.“ Manchmal mag er, manchmal mag er nicht.

„Ich bin nichts weniger als ein Menschenfresser; aber wenn jemand mich für einen Dummrian hält, so nimmt er mich von einer Seite, welche meine schwache ist, und muß gewärtig sein, daß ich explodiere.“ Wie sich die Bilder manchmal tatsächlich beträchtlich gleichen … Hübsch auch die Aufrichtigkeit (von wegen der schwachen Seite), die da mit hineingeraten ist.

„Der Häuptling der Apatschen hat mir ganz aus der Seele gehandelt.“ Wieder ein Fall für die Fraktion der Sprachvereinheitlicher und Kreativitätsbeschneider, für die das sicher falsch formuliert ist.

„Die Bleichgesichter aber haben nur schöne Worte und böse Thaten.“ Und das haben sie so verinnerlicht, dass der, der etwa böse Worte und gute Taten hat, bei ihnen der Gelackmeierte ist. Steht aber auch schon in der Bibel, die Welt will betrogen sein, und pflegt sich im Zweifelsfall für den Barabbas zu entscheiden.

„Trauten wir uns da nicht zuviel zu? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es kommt bei allem, was man thut, darauf an, wie man es anfängt, und neben diesem Umstande hat jeder Mensch auch das Recht, sich ein wenig auf sein Glück zu verlassen.“ Ahnungsvolle Worte eines, der in den kommenden Jahren (der Text wurde nach dem aktuellen Stand der Forschung Anfang der Achtzehnhundertneunzigerjahre geschrieben) mehr und mehr den Versuchungen der Hybris erliegen sollte.

„Schwatzen Sie nicht so albernes Zeug! [...] Ein Juriskonsulto sollte doch klügere Dinge vorzubringen wissen!“ Es gibt halt auch unter Juriskonsultos solche und solche. Nicht immer ist ein Titel Garant für wirkliche Qualifikation (und umgekehrt).

Bei der Sache mit dem Schwarzen Geier und der Dunklen Wolke kommt es einem vor wie im Kasperletheater, und so wird er es auch gemeint haben: Menschen sind, wenn es denn richtig angestellt wird, beliebig manipulier- und vorführbar.

„Du wirst ebenso wie er nicht mehr zu dem Stamme der Yuma gehören, denn ihr werdet unsere Kugeln schmecken, ehe wir von hinnen reiten; dann wird die Sonne in eure offenen Schädel scheinen, um zu sehen, daß niemals ein Gehirn darin gewesen ist!“ Das ist nicht nett, aber anschaulich und überzeugend vorgetragen.

„Ja, wir reiten mit Ihnen“ signalisiert jovial der Juriskonsulto, und der Erzähler entgegnet ihm „Dann möchte ich Sie doch lieber hängen lassen, denn ich bin überzeugt, daß wir viel leichter und eher zum Ziele gelangen, wenn Sie nicht bei uns sind. Sie würden ja doch nur wieder Dummheiten machen.“ Herzerfrischend in seiner unverblümten Verachtung. Geschmackssache, freilich.

Und auch unser edler Winnetou ist keineswegs der Menschenfreund, als den ihn viele (die ihre Freilichtbühnenerfahrungen u.ä. für May-Kenntnisse halten) so gerne hätten: „Die Bleichgesichter sind wie die Flöhe, welche keinen Nutzen bringen und auch niemandem zu schaden vermögen und denjenigen, an dem sie hangen, nur belästigen. Wenn Old Shatterhand solch Ungeziefer mit sich schleppen will, so ist das seine Sache. Der Häuptling der Apatschen hat nichts dagegen.“ Howgh. (Doch, das Anführungszeichen steht schon an der richtigen Stelle.)

„Ich zählte vierzig. Einige von ihnen waren verwundet; da vier von ihnen als Boten unterwegs waren, hatten sie bei dem Zusammentreffen mit dem 'großen Munde' sechs Tote verloren.“ Manchmal sind die seltsamen Formulierungen völlig bewusste Absicht, hier nun vermutlich nicht …

„Der 'große Mund' trägt seinen Namen mit vollem Rechte: Sein Mund ist groß, und seine Worte klingen erhaben …“, sind es aber nicht.

In diesem Buch fällt in vielen Passagen wieder auf, wie literarisch belanglos Karl May manchmal ist …wenn die humorigen Einlagen, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten usw. zwischendrin nicht wären, es wäre manchmal wirklich fad …

Mit dem Juriskonsulto gibt es eine Auseinandersetzung über Kompetenzen, hier im Westen macht unser May was er will, hier ist er Chef, hier darf er’s sein.

Manchmal hat er auch einfach keine Lust zum Schreiben oder keine Inspiration, „Die kurze Verhandlung, welche wir mit ihnen führten, braucht nicht des näheren geschildert zu werden“ …, „Es gab selbstverständlich lebhafte Scenen, welche für uns teils unangenehm, teils heiter waren, aber keine Bedeutung hatten, weshalb ihre Schilderung besser unterlassen bleibt.“

Hübsch: der andere fordert Menschlichkeit ein, und er entgegnet „Pah! Ich will menschlich gegen Euch sein; aber Ihr scheint Euch einen falschen Begriff von Menschlichkeit zu machen. Menschlich ist derjenige, welcher seinen Nächsten eben als Mensch behandelt, und das thue ich allerdings. Das heißt: einen guten Menschen behandle ich gut und einen schlechten schlecht.“ Ein wenig zu einfach ausgedrückt, was heißt schon „gut“, „schlecht“, aber jeder bekommt halt was er verdient, und das ist eben manchmal wirklich nicht allzu viel.

Nun erfahren wir auch vom Ausmaß der Schweinerei, die man da mit den Auswanderern vorhat, krasse Auswüchse zur Anfangszeit industrieller Revolution, an Ausbeutung und Versklavung hat sich bis heute eigentlich nicht allzuviel geändert, nur tritt das alles heutzutage deutlich geschickter verschleiert und verpackt in Erscheinung und wird so meistenteils nicht mehr als das, was es immer noch ist, wahrgenommen.

Manchmal ist der Mann recht martialisch 'drauf', „Mein Plan ist einfach und dabei leicht auszuführen. Wir reiten nach Almaden, schießen die Yumas zusammen, nehmen die weißen Halunken gefangen und veranstalten den mit uns verbündeten Mimbrenjos ein Schauspiel mit Marterpfählen. Da Ihr so viel von mir gehört haben wollt, werdet Ihr mir wohl zutrauen, daß ich dies ohne Eure Hilfe fertig bringe.“

„Ich war überzeugt, daß seine Festigkeit keine bedeutende sei und ich, um ihm das Geheimnis zu entlocken, nur seine Hände zu drücken brauchte; aber die immerwährende Wiederholung desselben Einschüchterungsmittels widerstrebte mir." Literarisch, ist wohl eigentlich gemeint, er kann ja schlecht in einem Buch dreimal das gleiche schreiben …(obwohl er freilich auch das gelegentlich getan hat.)

„Konnten wir den beabsichtigten Umweg nicht auch nach Norden machen? Allerdings; aber dann hätten wir später beim Anschleichen, wobei wir die südliche Richtung einhalten mußten, die Sonne seitlich vor uns gehabt; so wie wir aber jetzt ritten, bekamen wir sie in den Rücken und konnten nicht geblendet werden. Es giebt eben bei solchen Erlebnissen so vieles zu bedenken und zu berücksichtigen, wovon ein Laie keine Ahnung hat.“ Ein Gruß an den Redakteur ? Trickige oder augenzwinkernde Rechtfertigung von Schlamperei ? Differenzierte Überlegung ? Möglich ist alles …

„Der erstere war nach unsern Begriffen sein jetziger Arbeitgeber und der letztere sein oberster Häuptling“, unser Autor arbeitet in diesem Band und diesem Kapitel des öfteren recht hemdsärmelig, plaudert wie aus dem Alltag ...

„Der Player stand mit gebundenen Händen dabei und machte ein Gesicht, als ob er sich über den so gelungenen Ueberfall seiner bisherigen Verbündeten herzlich freue.“ Mit Verlässlichkeit, Solidarität usw. von Menschen ist es halt so eine Sache.

"Was sehe ich! Dort liegen alle fünf im Grase, erschossen, gestorben, ermordet und tot!"

„Es war leider so, wie er sagte; die Roten waren tot. Ich hätte sie geschont, die Mimbrenjos aber hatten kein Federlesens gemacht". Die Wortwahl „Federlesens“ und die sprachliche Ironie der Stelle vorher verraten, dass das „leider“ und die Schonung ihm nun offenbar nicht gerade Herzensangelegenheit waren …

Die eigene Laufgeschwindigkeit beeindrucken den Erzähler selber wie auch Winnetou, „Ich wußte, daß Old Shatterhand ein vortrefflicher Läufer ist; aber daß er fliegen kann, habe ich nicht gedacht.“

„Sie scheinen ein Gaudium daran zu finden, andere Leute immer nur zu tadeln!“ wird ihm gesagt; da könnte man nun einwenden, daß das gar nicht immer ein „Gaudium“ oder ein Bedürfnis sein muß, nur hat man halt ggf. leider allzu oft Anlaß zu dieser für alle Beteiligten lästigen Tadelei. Als es dann aber einige Zeilen weiter über den gleichen Gesprächspartner heißt „Verkannte Genies haben ja immer zu klagen“ weiß man nicht recht, ob er nun den anderen oder vielleicht (ebenso ironisch) sich selbst meint …

Die schon erwähnte Hemdsärmeligkeit erstreckt sich nämlich auch auf die eigenen Leute, „wenn wir uns entfernten, konnte hinter uns unsere ganze, so sonderbar zusammengewürfelte Gesellschaft auseinanderfliegen“, allzu selbstherrlich klingt das nicht.

Und dann findet er den fast erschlagenen Goliath, dessen unglückliche Liebe ihn ins Verderben führt, und nimmt sich seiner an, „Mein Pferd hatte eine schwere Last zu tragen, war aber stark genug, trotz derselben Galopp zu gehen.“

Der Herkules „phantasierte von seiner Geliebten“, „Er bethört sie; er bethört sie! Sie denkt nicht an seine Schlechtigkeit, sondern an sein Geld“ (über Melton). Selbst diese Einsicht vermag den Mann nicht zu kurieren.

Einen der Bösewichte ereilt es bereits hier, „Wir bedauerten es, daß es so gekommen war, fühlten aber kein Mitleid mit dem Toten. Er wurde kurzweg in die Erde verscharrt; dann setzten wir unsere Fahrt fort“, nicht immer greifen die christlichen Gepflogenheiten.

Bei der Felsenburg geht es um Zwangsarbeiter. Wie so oft geht eben nicht um irgendwelche zu verniedlichenden oder zu verharmlosenden „Abenteuer“, sondern um Leben und Tod, unter übelsten, wahrlich alles andere als in irgend einer Weise „romantischen“ Umständen.

„Gerade als man mich losband, damit ich hinunter sollte, verhöhnte sie mich und sagte mir, daß ich unten Quecksilber graben müsse, während sie oben die Wirtschafterin des Bergwerksherrn sein werde“ erzählt der Herkules, da erhebt unser Autor die Judith ja wirklich zu einer Art Bilderbuch-Teufelin, die ihr reales Vorbild vermutlich so nicht gewesen sein wird …

„Dabei versprach sie mir, mir ihre Wohnung zu zeigen; nur müsse sie erst nachsehen, ob Melton fest schlafe, weil dieser mich nicht gewahren dürfe“, das klingt in der Tat wohl reizvoll, erweist sich aber als böse Falle.

Nun ist der Erzähler allmählich wirklich empört, „So hat Ihre Angebetete Sie verraten. Wie kann ein Mann wie Sie noch Liebe zu einem solchen Geschöpfe hegen!“ Es handelt sich natürlich wieder um eine Spiegelung im Außen, wer’s sagt ist es selber …

„Ein wenig Wasser fand ich in meinem Verstecke, wo ich es von den Wänden leckte“, „Als ich wie ein Tier alle Halme verzehrt hatte, die es im Umkreise gab, mußte ich fort“, der Mann macht wirklich einiges mit.

Judiths Vater sei „Im Schachte gefangen wie die übrigen“, erfährt der Erzähler, und sie habe für ihn kein gutes Wort eingelegt (also hier mal keine rührende Familiengeschichte …), daraufhin möchte er sie prügeln lassen, zum Erschrecken des „nicht nur am Kopfe, sondern immer noch auch im Herzen“ verwundeten Herkules, „Der Jammer könnte ihr gar nichts schaden und würde ihr sehr wahrscheinlich besser bekommen, als das ewige trostlose Anhimmeln Ihrerseits.“

Prügeln ist, nebenbei bemerkt, bei Karl May wie im Leben selbstverständlich eine ernste und unerfreuliche Angelegenheit, entweder Straf- oder Erziehungsmaßnahme oder schlichtweg rohe Gewalt, die nicht hübsch anzusehen ist und ggf. sehr weh tut, „zünftig“ im Sinne gefälliger Unterhaltung für Groß und Klein ist die Prügelei bei ihm nie, auch wenn solches in einer Zeitschrift zu lesen war. Einige verwechseln halt gern Freilichtbühneneindrücke mit Literatur, das sollten sie lassen.

Und dann folgt noch ein interessanter Vortrag, „Hören Sie, liebster Freund und unglücklicher Liebhaber, ein Mann, dem eine solche Geschwulst auf dem Kopfe sitzt, der sollte wohl von Heftpflastern und Brausepulver, nicht aber von Frauenliebe reden. Ich gestatte meinem Herzen auch eine Stimme, und ich bin so glücklich, eine Mutter zu haben, welche mir in jeder Minute meines Lebens bewiesen hat, daß echte, wahre Frauenliebe, hier Mutterliebe, ein herrliches Abbild der Liebe Gottes ist; vielleicht lerne ich auch einmal die Liebe eines andern Weibes kennen; jedenfalls aber wird das Weib dann nicht die geringste Ähnlichkeit mit Ihrer Judith besitzen. Ich wünsche Ihnen für Ihr Herz eine so gründliche Heilung, wie Sie von Winnetou für Ihren armen, schwachen Kopf erwarten können!“ Alles sozusagen schön und gut, bis auf die fatale Schönrednerei der vermeintlichen allgegenwärtigen Mutterliebe; Mutter May hat ihn seinerzeit weggeschickt, als er sie dringend gebraucht hätte, und zu seinen Traumata wohl ein gerüttelt Maß beigetragen.

Er beeindruckt ein Gegenüber wieder einmal mit seiner erstaunlichen Wahrnehmungsfähigkeit bzw. seinem Scharfsinn, worauf der andere „Master, jetzt glaube ich, daß Ihr, wenn man Euch nur ein A zeigt, das ganze Alphabet aus diesem einen Buchstaben holt!“ sagt, und er relativierend klarstellt „So schlimm ist es nicht; aber ich bin durch die scharfe Not sehr oft gezwungen worden, ebenso scharf nachzudenken, und das Berechnen, erst so schwer, wird mit der Zeit zur Leichtigkeit. Die Not ist, wie überall, so auch hier die beste Lehrmeisterin.“

„Aber einesteils wollte ich mit diesem Ignoranten überhaupt nichts zu thun haben“ …, wie schrieb er doch andernorts über seine Figuren, „haben gelebt oder leben noch“, wohl wahr.

Am Ende gibt es noch einmal Lebensfreude nach all dem erlebten bzw. angesprochenen Elend, „und so flogen wir denn, beide gleich gut beritten und zunächst eine südliche Route einschlagend, in den frischen Morgen hinein“, wie hieß es bei Tolstoi, der Frühling war Frühling geblieben, auch in der Stadt.

 

SATAN UND ISCHARIOT II

Schon im ersten Band vermittelte sich im Laufe der Handlung (nach zunächst großartigem Beginn) zwischenzeitlich der Eindruck, den Autor verlasse ein wenig die Inspiration, und er spiele teilweise etwas lustlos die alte Leier. Auch das eigentlich reizvolle Abenteuer im Bergwerk im zweiten Band reicht bei weitem nicht an frühere Werke heran, es wird auch verblüffend schnell abgehandelt, eh' man sich's versieht sind die Leute befreit, ist das Felsenburg-Abenteuer, auf das so lange hingearbeitet wurde, auch schon wieder vorbei. – Der lange Text „In der Heimath“, der eigentlich in den zweiten Band gehörte, wurde seinerzeit vom Redakteur Keiter gestrichen und auch von May selber später nicht mehr verwendet, eigenartig, ist er doch besonders gelungen (Band 79 GW). – Dann folgt eine der seltsamsten Stellen in Mays Reiseerzählungen: Winnetou in Dresden, mit Zylinderhut im Gesangverein. Das ist sehr reizvoll, während die folgende Orient-Passage, wiederum mit Winnetou, nicht zu halten vermag was sie angesichts ihrer spektakulären "Besetzung" zu versprechen schien, das Ganze bleibt merkwürdig blass, unser Autor vermag das Sujet nicht mit dem Leben zu füllen, wie man das sonst von ihm gewöhnt ist und hätte erwarten können. Aber selbst das verarbeitet der Meister literarisch: im dritten Band der "Satan"-Trilogie heißt es, Winnetou sei schwer erkrankt, habe sogar mit dem Tode gerungen ...

 

Erstes Kapitel – Unter der Erde

„Wie schon vorher aus vielem anderem konnte man jetzt auch hieraus ersehen, daß Melton sein 'Geschäft' schon vorbereitet gehabt hatte, ehe er mit dem Haziendero den Kauf abschloß.“ Das ist auch heutzutage noch so zu beobachten, z.B. wenn Infrastruktur nach einer Art feindlicher Übernahme erstaunlich schnell vorhanden ist, derlei Dinge werden halt von langer Hand eingefädelt. Das 'auslösende Ereignis', wie hier der Indianerüberfall, gehört halt dazu, wenn das auch nicht alle beteiligten Indianer wissen und auch die Unbeteiligten so genau gar nicht wissen wollen; was soll da vorbereitet gewesen sein, werden sie sich im Einzelfall empört fragen, so sehr waren sie mit dem Herzen dabei oder liessen sich beeindrucken.

Die Herrschaften „erreichten bald darauf die schon mehrmals erwähnte Grenze der Vegetation. Die Einöde begann.“

„Es war ein Ritt, wie durch eine Wüste. Der Boden bildete lange, niedrige Wellen, zwischen denen seichte Vertiefungen lagen, und alles war Fels, war Stein, Geröll oder Sand. Kein Strauch, kein Grashalm war zu sehen.“ Gelegentlich wird es einsam und unbehaglich im Leben, auch innerlich.

Man sieht nun erstmals die ehemalige Felseninsel und jetzige Felsenburg, wohlgemerkt erst in diesem zweiten Band.

Nun sehen wir die Herzensdame wieder, „Melton ging mit der Jüdin fort, dem Bergwerke zu. Sie hing sich dabei an seinen Arm, eine Vertraulichkeit, bei welcher dem Herkules, wenn er sie gesehen hätte, das Blut in den Kopf gestiegen wäre.“ (Wer’s sagt ist es selber … Was kümmert ihn das Blut im Kopf des armen Herkules, er selbst ist es, der mit dem Anblick offenbar ein Problem hat.)

„Sie sprachen miteinander und lachten, waren also bei besserer Laune, als der Vater des Mädchens, welcher tief im Innern des vor mir liegenden Felsens steckte.“ Und eine Portion galliger Zynismus ist auch wieder nicht fern.

Karl May liefert immer wieder hübsche Beispiele für 'das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben': „und ich konnte den Hintergrund der Höhle untersuchen oder vielmehr besichtigen, da das Hinabblicken in einen Abgrund keine Untersuchung ist.“

Und dann diese herrlich doppelbödige Szene des belauschten Gesprächs zwischen Judith und einem ihrer Kandidaten:

„Wie ich hörte, war sein englischer und spanischer Wortschatz ein für einen Yuma nicht gewöhnlicher; die Jüdin wußte nicht den zwanzigsten Teil davon und verstand kein Wort indianisch. Aus diesem Grunde konnten sie grammatikalisch einander das nicht sagen, was sie sagen wollten; aber sie verstanden einander doch, wenn es auch hier und da ein Mißverständnis gab, über welches man hätte aufschreien mögen. Wo Worte nicht ausreichten, wurde das Zeichen zu Hilfe genommen; kurz und gut, sie verstanden sich trotz aller sprachlichen Hindernisse, und ich verstand sie auch.“

Die Hellste scheint die Angebetete nicht zu sein, „Er mußte seine Frage mehrere Male wiederholen und ihr ein anderes Gewand geben, ehe sie dieselbe verstand“, um das Andocken bei völlig verschiedenartigen Wellenlängen zu ermöglichen, müssen die Weichen gelegentlich schon kräftig verbogen werden …

„Ihr Leichtsinn war auf eine kleine Liebelei mit dem hübschen jungen Häuptlinge nicht ungern eingegangen; an die Folgen hatte sie nicht gedacht.“ (Immer diese lästigen Begleiterscheinungen oder Konsequenzen …)

Sehr schön: „Sie ließ ihn drei oder vier Schritte fort, da sprang sie auf, ihm nach, schlang die Arme um seinen Hals; ich hörte das Geräusch eines Kusses; dann kam sie schnell zurück und setzte sich wieder auf den Stein. War dies Berechnung, plötzliche Gefühlswallung oder eine Art Pränumerandodank für das Gold, welches er ihr versprochen hatte? Vielleicht ein weniges von allen dreien.“ Man muß keine fünfzig Psychologiebücher gelesen haben, man kann auch einfach hingucken und wahrnehmen … Pränumerandodank, allein diese Formulierung …

Die Dame erfährt vom vermeintlichen Tod des Herkules:

„Sie saß eine Weile stumm; dann rief sie aus:

'Es ist so ganz recht gekommen. Er war mir widerwärtig, und nun bin ich ihn los!'“

Und damit nicht genug, „Sie blieb sitzen, nachdenklich und ohne sich zu bewegen. Dann schnippste sie mit den Fingerspitzen, wie man es macht, wenn man eine Grille, einen unangenehmen Gedanken verjagt, und begann, leise vor sich hin zu trällern. Es war die Melodie eines alten Gassenhauers.“ So ist das … („Nun macht aber Ordnung“ sagt der Aufseher am Ende von Kafkas „Hungerkünstler“ ruckigzuckig.)

Der Erzähler kennt sich aus im „Indianerleben“, „ich kannte das Indianerleben zu genau, um nicht zu wissen, daß die 'listige Schlange' sich nicht ganz entfernt hatte. Er folgte ihr jedenfalls von fern, um sie heimlich zu begleiten, bis sie oben angekommen war.“ Dresdener Halbwelt.

„Was war diese Judith für ein Geschöpf!“ Aber eine Portion Fürsprache ist auch gleich parat, „Freilich wurde ich mit diesem Leichtsinne einigermaßen dadurch versöhnt, daß ich mich in Bezug auf ihren Vater in ihr geirrt hatte. Er war nicht so ganz gefühllos von ihr verlassen worden, sondern sie glaubte ihn in einer erträglichen Lage.“ Na dann.

„Er liebte die Jüdin, die für mich jetzt eine wichtige Person, ein wertvolles Tauschobjekt geworden war.“ Ob er schon soweit ist, mit der Angelegenheit innerlich abgeschlossen zu haben ? „Ich gestehe nämlich aufrichtig, daß ich entschlossen war, etwas ganz Verdammenswertes zu treiben - ein wenig Menschenhandel! Ich wollte Judith festnehmen, um durch sie Macht über die 'falsche Schlange' und seine Yumas zu bekommen.“ Aber erst am Ende des dritten Bandes wird er sich wirklich gelöst haben …

Der Erzähler entdeckt auf unterirdischen Wänden alte Inschriften, ohne dass er oder der Leser erfährt, was es denn nun damit auf sich hat.

Und schon wieder treffen wir auf Judith, „Die Begrüßung war keine sehr freundliche; ich nahm sie aber nicht Uebel, da sie jedenfalls an eine andere Adresse gerichtet war“.

Er schiebt „die Arme des wütenden Wesens“ weg, „um den Nägeln nicht Gelegenheit zu geben, meinen Hals abermals einer so eindringlichen Lokalinspektion zu unterwerfen“, und spricht auffallend höflich: „Bitte, Fräulein, wollen Sie bemerken, daß Sie sich in der Person irren! Ich komme nicht in der Absicht, von zarter Hand zu sterben.“

„Sie errötete nicht, wie es sicher bei einem andern Mädchen der Fall gewesen wäre“, als er sie mit heiklem Belauschtwordensein konfrontiert.

„Den lasse ich nicht laufen, sondern hängen!“ sagt der Erzähler über Melton, und die pragmatische Dame antwortet „Ich will Ihnen sagen, wie Sie das anzufangen haben“, der Nächste bitte.

Melton hingegen gibt sich auf eigenartige Weise freundlich, „Ich werde Ihnen gleich beweisen, daß ich kein Unmensch, sondern ein Mensch, und zwar ein sehr gutherziger, bin. Sie lieben den roten Gentleman, und er ist Ihnen zugetan. Sie sollen, ehe er stirbt, zwei oder drei Stunden beisammen sein.“ Eine saubere Zynikergesellschaft haben wir da … „Wollen Sie Prophetin sein, Judith? Das ist ein schlechtes Geschäft, denn die jetzige Menschheit besitzt keinen Glauben“.

Auch der Erzähler vermittelt zwischen den Zeilen nicht gerade Warmherzigkeit, „Ich werde die 'listige Schlange' und die weiße Tochter auf einem ihnen unbekannten Wege aus dem Schachte führen; dann kann mein Bruder sie zu seiner Squaw machen und ihr einen Palast und ein Schloß bauen“, gallige Resignation, Sarkasmus.

Die Beschreibung der Umstände, unter denen die Eingeschlossenen zu leiden haben, gerät deutlich harmloser als in DHDH, nur von außerordentlich schlechter Luft ist die Rede („das, was man roch, war geradezu unbeschreiblich“), alles andere müssen wir uns denken. Die Befreiung geht holterdipolter vonstatten, über diese doch dramatische Szene geht er wirklich recht schnell hinweg. Er gönnt sich zwar ein „Man jubelte; ich wurde trotz der Ketten umarmt. Jeder wollte mir die Hand drücken; einige küßten mich sogar, und viele weinten vor Freude“, aber damit hat es sich dann auch.

Auch die Szene mit der alten Indianerin kennen wir aus DHDH, hier nur kurz angerissen.

„Jeder Kriminalbeamte weiß, daß bei einer Haussuchung der Gesichtsausdruck und die Augen des Betreffenden als beinahe sichere Wegweiser dienen.“ In dem Metier kannte er sich aus, auf der einen wie der anderen Seite. Wie schrieb Gutiérrez, „Polizisten sind den Kriminellen am ähnlichsten. Die Extreme berühren sich“.

Und schon ist man wieder weg vom Fels von Almaden, der im ersten Band gar nicht vorkam und in diesem nur auf ein paar Dutzend Seiten. Das (immerhin ein doch recht reizvolles 'Sujet') hat er sozusagen verschenkt.

Ob er bei „Ich gestehe Euch aufrichtig und unumwunden, daß ich zum Beispiel bei meinem gegenwärtigen Unternehmen ein Glück gehabt habe wie noch nie in meinem ganzen Leben“ auch ein wenig an den Fehsenfeld-Verlagsvertrag und anbrechende goldene Zeiten gedacht haben mag ?

„Der Teufel ist ein schlechter Freund und läßt einen gerade dann im Stiche, wenn man seine Hilfe am nötigsten hat!“ konstatiert Melton, der Erzähler antwortet „Ja, das habt Ihr wohl genügsam an Euch selbst erfahren, und gerade jetzt fühlt Ihr Euch ganz und gar von ihm verlassen“, und wendet sich von ihm ab, denn „ich möchte behaupten, daß der Anblick seines Gesichtes mir geradezu körperliche Schmerzen verursachte. Die Regelmäßigkeit und männliche Schönheit seiner Züge war mit einem Male verschwunden; er sah häßlich, diabolisch häßlich aus“; ein Blick in den Spiegel ? Mays Figuren, auch die der unangenehmeren Art, sind [oft] Teil-Projektionen seiner selbst ...

Melton „wirft sich“, wie ein Kind, „auf die Erde nieder“, der Erzähler erhält von ihm einen Fußtritt, nachdem zuvor schon vor ihm ausgespuckt wurde, dann läuft Melton mit verbundenen Händen davon. „Der Fluchtversuch war lächerlich“, aber einen allzu guten Eindruck macht keiner der Beteiligten in dieser Szene. „Die Jüdin befand sich in einer Aufregung, welche allerdings nicht weiblich war. Sie schrie in einem fort und schlug dabei mit geballten Händen auf Melton ein, bis die andern kamen, denen sie Platz machen mußte. Nun gab es einen Knäuel von schreienden Menschen“. Es kann auf eine gewisse Weise faszinierend sein, Desillusionierung und Realität in ihrer ganzen Hässlichkeit so hautnah und gestochen scharf zu erleben.

Als der wild entschlossene Rote seine Ansprüche bezüglich Judith anmeldet, entgegnet Old Shatterhand „ich habe gar nichts dagegen, sondern bin im Gegenteile sehr überzeugt, daß kein Weißer für die Blume so gut paßt, wie mein roter Bruder. Darüber sind wir also einig.“ Das hätten wir also eigentlich geklärt, aber noch einmal: erst am Ende des dritten Bandes hat er sich wirklich innerlich von ihr gelöst. (Falls einer fragt wo das alles steht, nirgends. Nur zwischen den Zeilen. Aber da recht deutlich.)

„Es befinden sich sogar schon weiße Polizisten in der Nähe, welche Melton fangen wollen; aber ich brauche nicht nach ihnen und ihren Absichten zu fragen; ich tue, was ich will, auch wenn es gegen die Gesetze dieser Leute ist.“ Auf sächsischen Pfaden war das manchmal noch anders …

In der Sache Small Hunter / Jonathan Melton erleben wir eine Abhängigkeitsthematik mit Ähnlichkeiten zu der von Ohlert / Gibson in Winnetou II.

Melton konstatiert hinsichtlich seiner verflossenen Braut „sie hat alle möglichen Feinheiten, die denjenigen, welcher das Glück hat, ihr Mann zu sein, verrückt machen können“, wir hörten es schon einmal ganz ähnlich (im 2. Kapitel des 1. Bandes). „Mag sie Indianerin werden! Habt aber doch die Gewogenheit, ihm zu sagen, daß sie nur durch Prügel zu kurieren ist!“ Männer unter sich ...

Und schon wieder wird der Erzähler angespuckt, das häuft sich … Er reagiert kaum noch darauf, was etwas mit Selbstachtung, bzw. deren Fehlen, zu tun haben dürfte.

Shatterhand gibt eine Art jovialen Brautführer, und auch Geld kann er verteilen, es ist ordentlich welches da, „Noch nie im Leben hatte ich in Beziehung auf diesen Punkt mit solchem Gleichmute und solcher Befriedigung reden können, und es tat mir ordentlich wohl, auch einmal die Miene eines reichen Erdensohnes annehmen zu können.“ Früchte ersten größeren Erfolges. Aber Folgendes hat er noch nicht vergessen: „Ueberhaupt kann man reich sein, ohne Geld zu besitzen; es gibt verschiedene Arten von Reichtum. Doch weiter!“

Die Gesetze des Innern sind nicht unbedingt die allgemein geltenden, „Nach dem Gesetze, welches ich in meinem Innern fühle, sind die beiden Menschen Ihnen volle Entschädigung und wohl auch noch mehr schuldig; sie hatten Geld bei sich; ich habe sie gefangen und müßte sie und ihr Geld nach den hier herrschenden Gesetzen dem Richter übergeben. Was würde die Folge sein? Das Geld würde verschwinden und die Schufte wahrscheinlich auch, um an andrem Orte wieder aufzutauchen und neuen Unfug zu treiben; Sie aber würden keinen Heller bekommen und hätten nichts, womit Sie Ihre Blöße bedecken und Ihren Hunger stillen könnten. Da ist mir denn das Gesetz in meinem Innern weit gerechter vorgekommen, als das andere, und ich habe nach den Paragraphen desselben die Sache für Sie in die Hand genommen, oder mit andern Worten, ich habe das Geld Meltons und Wellers in die Hand genommen, um Ihnen mit Hilfe desselben zu der Gerechtigkeit zu verhelfen.“ Und das ist auch gut so.

[„Rundum so tiefes Schweigen, daß man den Atem gehen hörte“, nicht etwa „Es herrschte …“ oder dergleichen, Nein, „Rundum so tiefes Schweigen“. Ein Autor muß sich nicht an schablonenhafte Regelungen halten. Wir sind ja nicht mehr in der Schule.]

 

Zweites Kapitel - Yuma-Tsi

Der 'Herkules' wird es nicht leicht haben in diesem Kapitel, „Es konnte mir nicht einfallen, diesen Riesen an Körper und Zwerg an Charakter schonend zu behandeln; ich hielt es vielmehr für geraten, ihm reinen Wein einzuschenken; vielleicht wurde er dadurch von der Krankheit oder vielmehr Verirrung seines Herzens geheilt.“ Operation gelungen …

Die Dinge gehen ihren Gang, „und es war ganz so, als ob das, was nun geschah, nicht anders hätte kommen können.“ Das ist nun allerdings des öfteren so im Leben. Und wenn ein Leben vorbei ist, hier das des alten Wellers wie des 'Herkules', dann ist es vorbei. Das äußere Ereignis bzw. die Form findet sich.

Und so werden wir denn Zeuge einer recht grausigen Szene, in deren Verlauf der 'Herkules' den alten Weller umbringt und anschließend sich selbst; Judith, auf die es ebenfalls abgesehen war, wird vom Erzähler gerettet.

„Ja,“ nickte sie erhaben. „Ich werde Königin der Yumas sein.“ Noch inmitten des massiven Elends um sie herum denkt die Frau an nichts anderes als ihre persönliche Zukunft.

„Deinetwegen mache ich keine Lüge. Ich habe mich mit dem Häuptling verlobt, und du kannst deines Weges gehen!“ Wie schrieb Hemingway, wer leidet, passt nicht in dieses Klima …

„Es giebt Millionen Mädchen auf der Welt. Schicken Sie sich in das Unvermeidliche; nehmen Sie Verstand an, und beruhigen Sie sich!“ Das kommt zu spät …

„Ruhig, ruhig!“ sind des Herkules letzte Worte, „dann war es mit seinem Leben und mit seiner unglückseligen Liebe zu Ende.“ Tragik und Sarkasmus, Herzblut und gebrochene Ironie.

Und die Reaktion der Dame ? „Wie häßlich und wie dumm von ihm! Das konnte er gescheiter machen. Er konnte mit nach Texas gehen, oder, wenn er sich das Leben nehmen wollte, dies wo anders thun, wo niemand dabei war. Ich mag ihn nicht sehen. Komm!“

Das veranlasst nun den Erzähler doch zu geharischtem Protest: „Ja, gehen Sie, verschwinden Sie! Ich mag Sie auch nicht mehr sehen. Und wenn Sie sich noch einmal von mir erblicken lassen, so vergesse ich, daß Sie ein Mädchen sind, und lasse Ihnen einen guten, starken Lasso auf den Rücken geben, um wenigstens dort Gefühl hervorzurufen, da Sie keines im Herzen haben, Sie stolze Königin der Yuma-Indianer!“ Allzu überzeugend klingt das nicht …

Denn das schwingt irgendwie schon mit: „Aber als ich sie später in anderer Umgebung und unter andern Umständen als reiche und vornehme Dame wiedersah, schien sie meine Anweisung auf einige Dutzend Lassohiebe vollständig vergessen zu haben.“ Und er selber eben auch.

Nur der Indianer scheint als Einziger einen einigermaßen klaren Kopf sich bewahrt zu haben, „Die Bleichgesichter sind sonderbare Leute. Kein Indianer tötet sich, wenn ein Mädchen sich weigert, seine Squaw zu werden, Entweder zwingt er sie dazu, indem er sie raubt, oder er lacht sie aus und nimmt sich eine bessere. Haben denn die Bleichgesichter gar so wenig Mädchen, daß sie eines jungen Gesichtes wegen den Verstand verlieren können? Ich beklage sie!“ Nun, das ist ein wenig arg reduziert, oder auch, das andere Extrem. Man wähle vielleicht einmal mehr den Bereich der Mitte.

Der Player wird bekehrt und erhält 300 Dollar; unserm Autor macht es offenbar Spaß, mal ein wenig mit Geld auftrumpfen zu können, was durchaus auch mit der Entstehungszeit des Buches zu tun haben wird.

Winnetou droht Juriskonsulto und Haziendero mit Erschießen, um sie loszuwerden. Die Flappsigkeit der Erzählhaltung, die in dieser Trilogie immer wieder durchkommt, überträgt sich offenbar auch auf ihn.

"Der Vollständigkeit wegen sei noch erwähnt, daß wir vor dem Aufbruche Weller und den Athleten begraben hatten. Sie lagen beide nebeneinander in der Erde, die ihnen nicht gegeben hatte, was sie suchten, Reichtum dem einen und Liebe dem andern."

Nun denkt man, ist es gut, hat die Handlung von früherer Lektüre vielleicht noch einigermaßen im Kopf, der 'Herkules' ist tot, die Leute befreit, was soll jetzt noch kommen über ein paar Dutzend Seiten bis zum Ende des ersten Amerika-Teils ? Nun, noch einmal Indianergeplänkel, dann und wann mit bemerkenswerten Formulierungen wie "Es ist keineswegs angenehm, zu wissen, daß man einen Rücken hat, auf den über vierzig geladene Gewehre gerichtet sind" garniert. (Die Bedrohung als Eigenart des Rückens ...)

"Höre, mein geliebter roter Bruder, ich gestehe, daß ich mich in dir geirrt habe, denn ich habe dich bisher für einen Dummkopf gehalten, nun sehe ich ein, daß du ein pfiffiger alter Onkel bist." Der Hang zur Flappsigkeit ist wirklich unübersehbar.

Und dann, zum gefühlten hundertsten Mal im Gesamtwerk, wieder Zweikämpfe, auch der Erzähler scheint nicht die rechte Lust daran zu haben, "Sollte denn die ganze Nacht vergehen, ehe man mit dieser Kinderei zu Ende kam!" "Das dumme Ding, welches diese Leute Kampf nannten, konnte beginnen."

Winnetou sagt über seinen Freund "niemand hat jemals gehört, daß er eine Lanze in der Hand gehabt habe", und der Erzähler wiederholt das kurz darauf wörtlich, "hatte doch sogar Winnetou behauptet, daß noch niemand eine Lanze in meiner Hand gesehen habe."

In Sachen 'Listige Schlange', den er mittlerweile als Freund bezeichnet, spekuliert er sozusagen auf dessen Chefetagen-Mentalität, "Ich hatte schon längst bemerkt, daß der junge und ehrliebende Häuptling eifersüchtig auf den alten war. Dazu kam die Kränkung, welche er während der vergangenen Nacht von ihm erfahren hatte, und die Trennung der Krieger des einen Stammes von denen des andern. Wenn die Mimbrenjos Beute nahmen, so wurde der 'große Mund' in seinem Vermögen und Ansehen schwer geschädigt; das sah 'listige Schlange' sehr wohl ein. Diejenigen, welche sich von dem Alten getrennt hatten, mußten dann ihm zufallen; sein Anhang wuchs, und es konnte leicht kommen, daß er bald an Stelle des 'großen Mundes' zum Kriegshäuptling ernannt wurde, was ihn, wie er wohl hoffte, auch in den Augen der Jüdin einige Stufen höher hob."

Gegen Ende hören wir noch zwei längere Reden, in deren zweiter die Worte "Gut" und "Böse" seitens Old Shatterhand inflationär verwendet werden, allzu viel ist ihm hier wirklich nicht mehr eingefallen.

Und ob "Yuma-Tsil" (Yuma-Skalp) wirklich so eine geschmackvolle Namensgebung ist, insbesondere in Anwesenheit der betroffenen Gegner ?

Die letzten 30, 40 Seiten dieses Kapitels (im Weltbild-Band) wirken wirklich ein wenig wie "Auffüllarbeit", allenfalls das Generationen-Thema fällt noch auf am Ende. (Die beiden jungen Mimbrenjos sind zu voll anerkannten Stammesgenossen geworden.)

"Von der 'listigen Schlange' gab es einen herzlichen Abschied; seine Braut, die Jüdin, bekam ich dabei nicht zu sehen; sie blieb vor mir verborgen." Im dritten Band wird man sich wiedersehen.

 

Drittes Kapitel - Ein Millionär

"Ehe ich weiter erzähle" ... wir verlassen Amerika und gehen nach Deutschland, zunächst nach Bremerhaven in Löhrs Hotel. So etwas ist immer besonders reizvoll bei Karl May. Leider strich seinerzeit ein Rindsgemüt von Redakteur (beim "Deutschen Hausschatz " in Regensburg) hunderte von Seiten und beeinflusste damit langfristig leider gar den Autor selber, der auch bei der Einrichtung der Buchausgabe später den eigenen Text nicht mehr verwendete. Heutzutage steht er separat in Band 79 der grünen Bände.

Im zweiten "Satan"-Band also nur ein Bruchteil der schönen Heimat-Episode. Aber dieses kurze dritte Kapitel hat es nichtsdestotrotz in sich.

"Hier hüben in dem Meere von Civilisierten bin ich ein Tropfen, welcher verschwindet." Karl May soll in Kairo darunter gelitten haben, so gänzlich unbeachtet zu sein ... Geltungsbedürfnis und Scheu, eine eigenartige Mischung.

Daß es ein Sumpf ist, aus dem der spätere Ölprinz seinen Reichtum aufgebaut hat, entbehrt nicht einer gewissen Symbolik ...

"Ein Luftikus, ein Taugenichts!" war er früher, sagt der deutsche Ölprinz über sich selber, wieder eine Teil-Spiegelung im Außen.

"Weil ich jetzt keiner mehr bin. Ich wurde im Armenhause geboren, war also ein Armenhäusler und befand mich auf dem richtigen Wege, ein Zuchthäusler zu werden."

"Was Sie sagen! Wenn das so ist, so haben Sie jedenfalls mit diesen Erinnerungen gebrochen und es ist besser, darüber zu schweigen."

"Von diesem Gelde kaufte sie sich Branntwein, der ihr über alles ging und auch über ihr Kind" sagt Ölprinz Werner, und der Erzähler meint "Das sind ja schreckliche Verhältnisse! Ich meine, wir schweigen lieber darüber. Nicht?" Aber warum denn. Ganz falsch. Unter den Teppich kehren bringt nichts, gar nichts. Hingucken, schonungslos. Generell. Aber selbst ein Karl May scheint (teilweise) zu den Schönrednern und Verharmlosern gezählt zu haben, wie einige Betrachtungen in Sachen der Eltern in autobiographischen Schriften einigermaßen deutlich werden lassen.

"Ja, es war toll; aber was verstand ich denn davon? Ich glaubte, man brauche, um nach Amerika zu kommen, nur so fort und fort zu laufen. Ich hatte gehört, daß man dort reich werden könne, und reich, steinreich wollte ich werden. Dann wollte ich heimkehren und den Meister blamieren, schrecklich blamieren." Auch diese dem Ölprinzen in den Mund gelegten Worte erinnern stark an Autobiographisches.

"Höchst wahrscheinlich hat er Sie nur ausnützen wollen", sie sind sich gleich, Harzer Landfuhrmann wie Verleger ...

"Ich habe nie, nie ein Familienglück gekannt; ich möchte es kennen lernen, möchte es selbst fühlen und empfinden, und hege die Ansicht, welche vielleicht nur ein Vorurteil ist, daß man es nur an der Seite einer deutschen Frau zu finden vermag" sagt der Ölprinz, und der Erzähler entgegnet "Ihr Vorurteil ist auch das meinige."

Der Ölprinz "hatte seine Mutter nicht mehr am Leben gefunden; sie war schon vor längerer Zeit am Säuferwahnsinn gestorben. Er erzählte mir das in einem so gleichgültigen Tone, als ob von einer ihm vollständig fremden Person gesprochen werde. Es war bei ihr zwar von keiner Mutterliebe die Rede gewesen, aber es hätte doch besser geklungen, wenn dabei etwas mehr Gemüt von ihm verraten worden wäre." Wo kein Gemüt ist, kann man keines "verraten", warum künstlich etwas berufen wollen, nur damit es "besser geklungen" hätte ... Man mache sich nichts vor. Der Tod des einen geht einem nahe, der des anderen nicht, das kann durchaus ganz unabhängig von Verwandtschaftsverhältnissen sein.

"So wenig mir das von ihm gefallen wollte, gab es doch Gründe, die ihn hinreichend entschuldigten." Na immerhin.

"Seine Person hatte als diejenige eines frühern Schusterjungen und jetzigen Oelprinzen ein gewisses Interesse für mich; das war aber auch alles." Vor Herzenswärme quillt auch der Erzähler nicht über.

Von der Familie Vogel erfahren wir hier nur zusammengefaßt, wesentlich ausführlicher steht das alles in "In der Heimath". Die "Kinder waren hochbegabt. Franz, der Sohn, geigte mir sofort alles nach, was ich ihm vorspielte", na dann muß es ja ein "Virtuos" werden ...

Daß der Erzähler selber in Fräulein Martha heftig verliebt war, erfahren wir hier nicht, auch das steht in "In der Heimath".

Konrad Werner legt eine Art Gartow-Auftritt in Form einer besonders unangenehmen Variante hin, "Er protzte mit seinen Millionen, prahlte mit den armseligen Verhältnissen seiner Jugendzeit, schüttete, um seinen Reichtum zu zeigen, Ströme von Sekt unter die Tafel, warf mit beleidigenden Ausdrücken um sich und beantwortete die dagegen gerichteten Bitten der Gäste so mit Hohn, daß sie sich, einer nach dem andern, mit ihren Damen entfernten."

Dann sind wir plötzlich und für kurze Zeit wieder im Westen, Winnetou und Old Shatterhand in San Francisco im Park, und da läuft man mal eben den Vogels über den Weg ... "Sapperlot".

Vater Vogel zeigt sich, nach Werner, gleichsam als zweiter warnender Spiegel eines zu Wohlstand gekommenen, der das nicht recht verkraftet, "die reenen faktischen Millionärsch" seien sie geworden, man beachte das Wortspiel, dessen sich vielleicht nicht Herr Vogel, wohl aber der Autor bewußt gewesen sein wird.

"Ich bin als een ganz anderer hier angekommen, als ich drüben war. Wissen Sie, man is ooch eener von die Großen mit geworden. Man kriegt ordentlich Respekt vor sich selber."

"Ob sie einen Mann hat" möchte Winnetou angesichts Martha Vogels wissen. Ja, leider, sie hat. Und was für einen.

"Aber Grad wie Hund und Katze!" sagt zu dieser Ehe der Vater der Braut, "Aber, wissen Sie, wir Millionäre können uns das leisten. Er wohnt unten und sie oben; sie reden den ganzen geschlagenen Tag keen Wort mitnander, höchstens wenn er mal zum Essen kommt."

Martha singt "ein deutsches Lied"; "Ich saß mit dem Rücken dem Eingange und mit dem Gesichte dem Musikzimmer zugekehrt. Winnetou saß mir gegenüber und lauschte mit angehaltenem Atem."

Dann wird der grobe Ehemann deutlich in die Schranken verwiesen, und Winnetou, der vom beginnenden Größenwahn des Erzählers angesteckt worden zu sein scheint, droht "Meine Macht reicht bis in die Mitte dieser großen Stadt und bis in den hintersten Winkel des tiefsten Kellers des entlegensten Hauses. Ich werde dich beobachten lassen. Sage nur ein zorniges Wort zu ihr, so wird einer meiner Apatschen dir mit seinem Messer antworten." Führt er, ähnlich wie weiland der unterschätzte Wurzelsepp, gar eine Art [indianische] Geheimpolizei ?

Die beiden Helden verschaffen sich einen großen Abgang, sich dessen bewußt, daß das Haus, das sie verlassen, "dem Schicksale entgegensah, ein Haus des Elends zu werden."

Flugs sind wir wieder in Sachsen, im Gesangverein, und da erscheint Winnetou unter der Tür, "Wir küßten uns wieder und immer wieder".

"Welch ein Hallo, als ich seinen Namen nannte! Zunächst wollten sie es nicht glauben. Sie konnten sich ihn nicht anders denken, als in seiner bekannten Kleidung und mit der berühmten Silberbüchse. Ich ahnte, weshalb er den Hut nicht abnahm; er hatte die Fülle seines reichen, dunkeln Haares unter denselben verborgen. Ich nahm ihm den Cylinder ab; da wurde es frei und fiel ihm wie ein Mantel über die Schultern und weit auf den Rücken herab." Es hat etwas Eigenartiges, dieses Hut abnehmen und die Haarpracht vorführen ... und berührt nicht angenehm ... Es ist ein Übergriff.

"Er hielt meine Rechte in der seinigen und ich seine Linke in der meinigen. Ich war ganz glücklich, ihn einmal bei mir in der Heimat zu haben, und er war ebenso glücklich darüber, mir dieses Glück bereiten zu können. Ich glaube, wir haben in den Augen der Zuschauer ein ganz rührendes Paar gebildet."

Bei Bier und Gesang hat man einen netten Abend. Später erzählt Winnetou von seiner Kontaktaufnahme mir Martha Vogel, "Ich erfuhr von dem Unheile, welches sie betroffen hat, und ging zu ihr, um sie zu trösten."

Nach Dresden steht nun auch noch Kairo auf der Reiseroute des Apatschenhäuptlings, es wird sozusagen nichts ausgelassen. Von einer Ehefrau des Erzählers erfahren wir übrigens nichts, und er scheint in recht junggesellenhaft unkomplizierten häuslichen Verhältnissen zu leben, "der Apatsche aber schlief natürlich bei mir, doch nicht lange, denn schon zur frühen Morgenstunde mußten wir den Zug besteigen. Das machte uns aber keine Schmerzen, denn umfangreicher Reisevorbereitungen bedurfte es nicht, da ich alles, was dazu gehört, stets für den augenblicklichen Gebrauch beisammen habe."

"Kleine Erlebnisse, oft interessanter und oft lustiger Art, welche uns auf der Reise begegneten, gehören nicht hierher," schade eigentlich.

In Kairo trifft man auf Emery Bothwell, der den Erzähler gleich als Old Shatterhand begrüßt. "Er kannte Winnetou ebensogut persönlich wie mich, da wir mit ihm den Südwesten der Vereinigten Staaten fast drei Vierteljahre lang durchstreift und dabei manches ungewöhnliche Vorkommnis erlebt hatten." Davon weiß der Leser des Gesamtwerks gar nichts.

Und noch einen alten Bekannten gilt es wiederzusehen, Krüger Bei. Schade daß nicht auch noch Lindsay und Halef mit von der Partie sein werden.

Nach "Deutsche Herzen" und "Waldröschen" versucht es Karl May nun auch in den Reiseerzählungen kontinentübergreifend, einmal um die ganze Welt.

 

Viertes Kapitel - In Tunis

"Er machte nämlich einen geradezu vortrefflichen Eindruck, und ich wunderte mich nun gar nicht mehr darüber, daß Emery ihn einen anständigen Mann genannt hatte. Es war weder in seinem Gesichte noch in seiner ganzen Erscheinung oder seinem Benehmen das Geringste zu entdecken, was unsern Verdacht hätte bestätigen können. Er zeigte sich frei, offen und ohne alle Spur irgend einer Unsicherheit oder gar Bangigkeit, wie man sie bei einem Menschen, welcher auf unsicherem Boden steht, zu erwarten pflegt. Wir hatten uns entweder in ihm geirrt, oder er war trotz seiner Jugend schon ein vollständig klargeriebener Gauner."

heißt es über Jonathan Malton, einen der Schurken. Verbrecher erkennt man halt nicht auf Anhieb, das ist der Unterschied zwischen Freilichtbühnen auf der einen und dem Leben bzw. Karl May auf der anderen Seite.

Winnetou erweist sich als geschickter Taschendieb, aber der Zweck 'heiligt' hier die Mittel, "ein Mann muß alles können, was er will; er darf es aber nur dann thun, wenn es gut und nützlich ist."

"Er umarmte und küßte mich und rannte dann ins Nebenzimmer, wo ich ihn laut 'o Sallam, Sallam, Sallam!' rufen hörte. Man denke ja nicht, daß ich zornig darüber war, von einem einfachen Unteroffizier umarmt und geküßt zu werden, o nein! Seine Freude war aufrichtig. Zwar hatte er sein Gesicht wohl wochenlang nicht gewaschen; sein grauer Bart hing voller Hammelfett, welches beim Essen auf denselben tropfte und nie entfernt wurde, wenn es nicht von selbst abfiel, und sein Mund roch nach dem Safte der Pfeife, die wohl nie gereinigt worden war; aber ich wischte mir die Lippen erst mit dem rechten Aermel ab, wischte dann mit dem linken tüchtig nach und freute mich herzlich darüber, meinen alten Sallam so wohl und munter wiedergefunden zu haben. Der Mensch darf sich nicht überheben." Sympathische Menschlichkeit. Und allzu zimperlich ist er auch nicht.

Krüger Bei wird gemeinhin offenbar als komisch empfunden, auch in Sachen Humor gehen die Vorlieben und Empfänglichkeiten halt auseinander.

"Sie können doch nicht Mr. Jones sein und zu gleicher Zeit als Kara Ben Nemsi auftreten!", das Spiel mit den Identitäten wird hier ein wenig auf die Spitze getrieben, indes sehr reizvoll.

Ausgerechnet Jonathan Melton, der sich selber für einen anderen ausgibt, spielt der Erzähler die Komödie vor, sich für einen anderen auszugeben ...

Der warnt ihn "Ein einziges falsches Wort, eine unrichtige Bemerkung, eine kleine Unwissenheit kann Sie zu Falle bringen" worauf Kara Ben Nemsi alias Jones "Es ist viel leichter, als Sie denken, die Rolle des Kara Ben Nemsi durchzuführen" antwortet.

Man beachte das Unrealistische der Angelegenheit: Melton macht sich seine Ähnlichkeit mit Small Hunter zunutze, um als dieser aufzutreten. Kara Ben Nemsi konfrontiert diesen Melton nun seinerseits mit eben dieser Methode, sich wegen großer Ähnlichkeit für einen anderen auszugeben, ohne daß aber Melton allzu stutzig wird ...

Kara Ben Nemsi macht eine Damenbekanntschaft unter unerfreulichen Umständen,

"Die Leiche, von welcher die Geier gefressen hatten, lag nur zehn Schritte entfernt; sie bestand fast nur noch aus den Knochen, welche aber auch schon auseinandergerissen waren."

Frühkindliche Blindheit unter exotisch-krassen Umständen,

"Auch das Kind war nicht tot. Ich hatte einen kleinen Flaschenkürbis voll Wasser am Sattelknopfe hängen, nahm ihn herab und flößte dem Kleinen von der belebenden Flüssigkeit ein. Es schlug die Augen auf, aber was für Augen! Die Augapfel waren wie mit einer grauen Haut überzogen; das Kind war blind. Ich gab ihm mehr Wasser; es trank und trank und ließ dann die Lider wieder fallen; es war so erschöpft, daß es sogleich wieder in Schlaf verfiel.

Die Geier hatten sich wieder herangemacht. Wenn sie sich auch nicht bis her zu mir zu kommen trauten, so wagten sie sich doch an die Leiche und zerrten an den Knochen derselben herum, ein geradezu scheußlicher Anblick."

Winnetou hat später Gelegenheit, im Nahen Osten den Tomahawk eindrucksvoll vorzuführen. "Sie rissen die Augen und, um mich dieses Ausdrucks zu bedienen, auch die Mäuler auf und starrten zu uns herüber."

Die altbekannten Schießkunststückchen werden wieder einmal vorgeführt, "O Herr, was seid ihr für Männer!" rief sie aus. "Ihr thut Wunder über Wunder, und euch ist alles, alles möglich!"

Und groß ärgern läßt sich unser Held auch nicht mehr so ohne weiteres, sondern nutzt die Gelegenheit, mal wieder ein bißchen locker daherzuplaudern, "die Verwünschung will also sagen: Gott rechne dich zu den Ungläubigen, und da ich im Sinne des Islam Zeit meines Lebens zu den Ungläubigen gehört habe, so konnte auch dieser sonst so entsetzliche Fluch mich weder in großen Zorn versetzen, noch zu bittern Thränen rühren. Hatte ich doch manchen Tag meines Daseins einen Filz- oder Strohhut und zur schönen Zeit der lieben Examina sogar einen Cylinder, genannt Angströhre, nebst obligatem Frack getragen, der Glacés für eine Mark zwanzig Pfennige gar nicht zu gedenken!"

 

Fünftes Kapitel - Am Dschebel Magraham

"Ihnen meine Freundschaft! Darauf können Sie sich verlassen von Zeit zu Zeit" sagt Krüger Bei. Auf den ersten Blick eine dieser humorigen Sprachspielereien, aber gewiß nicht ohne (ernsten) Neben-Sinn. Ja, von Zeit zu Zeit kann man sich auf Menschen verlassen ...

"Hundert Hiebe und hundert Namen Allahs; da verzählt man sich nicht. Ich habe einer derartigen Exekution noch nicht beigewohnt, aber man hat mir versichert, es komme häufig vor, daß der Exekutierte die Namen Allahs mitsage, oder vielmehr laut brülle, um seine Schmerzen zu betäuben." Auch ohne Hadschi Halef Omar werden Peitsch-Exekutionen vorgenommen, zur Not organisiert das Kara Ben Nemsi eben selber. Er tut immer so, als ob ihm das eigentlich nicht gefiele, aber das mag man ihm nicht mehr so recht glauben ...

"Ich kann es mir heute noch nicht erklären, warum ich damals so außerordentlich unvorsichtig war und dem Führer glaubte. Seine Erzählung war so unwahrscheinlich!" Das geht dem Leser auch so ... Die 'Satan'-Bände sind teilweise mit locker-nachlässiger Hand geschrieben, das kommt immer wieder durch.

Der Führer ist der Verräter, wieder einmal, das Motiv kommt des öfteren vor bei Karl May. (Und im Leben soll es im Kleinen wie im Großen auch gelegentlich so sein.)

"Der Paß wird von großer Bedeutung für euch werden."

steht da (in Anführungszeichen), und unmittelbar anschließend (ohne Anführungszeichen)

"So sagte ich mir gleich, als ich ihn erblickte"; direkte und indirekte Rede, der Verfasser spricht auch schon mal mit sich selbst.

Dann treffen wir Thomas Melton, er und der Erzähler kennen sich aus diesem wie jenem Fort und tauschen einigermaßen gallig Erinnerungen aus, nur der Leser von Mays Werk weiß davon nur vom Hörensagen. Nachahmer (oder sagen wir besser Sequel-Schreiber, denn nachahmen wollen heißt noch nicht nachahmen können, insofern wäre die Bezeichnung Nachahmer nur im Einzelfall richtig ...), da wäre noch Stoff.

"Jetzt wußte ich, was ich wissen wollte, doch stellte ich mich überzeugt und machte ein möglichst verlegenes Gesicht. Dann ließ ich es schnell wieder hell werden"; der Manipulator in großem Stil in Aktion.

Bemerkenswerte Formulierung, "entfuhr es mir halb unfreiwillig und doch auch halb mit Bedacht", mit psychologischen Dingen kannte er sich aus, auch ganz ohne Lehrbücher, "Gulaschpsychologie" nennen so etwas gern Unwohlmeinende der akademischen Front ... auf was sollten sie (selbstverständlich nicht alle, aber halt doch einige) sich sonst auch etwas einbilden als auf ihr angelesenes theoretisches Zeug; ob sie es auch umsetzen können (oder ein May mit seiner Intuition sie vielleicht locker 'in die Tasche steckt'), ist eine andere Frage.

"'Winnetou!' hätte ich beinahe ganz laut ausgerufen", oder auch hingeschrieben (formuliert); manchmal erlebt der Leser den Entstehungsprozess des Schreibens wirklich unmittelbar mit.

"Er bietet uns Gaben, über welche ihr euch freuen werdet wie die Lämmer, wenn sie frische Weide finden." Manchmal schon sehr erfreuliche Worte, die Kara Ben Nemsi so über sich vernehmen kann.

"Bei den Beduinen wird einer Dschemma die größte Ehrerbietung erwiesen, und mancher junge Civilisations-Fant könnte von diesen ungebildeten Leuten lernen, wie man das Alter zu achten und zu ehren hat." (Man sehe sich die 'Civilisations-Fants' mal heutzutage an ...)

"Er hatte Blut gespuckt, und zwei Zähne, welche in demselben lagen, bewiesen, daß mein Kolbenstoß nicht gerade die Wirkung einer Liebkosung gehabt hatte."

"Der etwas abwärts gehende Schuß konnte also unmöglich mit der rechten Hand abgegeben worden sein. Der Apatsche richtete sich auf, hielt uns seine Hand mit der Kugel entgegen und sagte nur das eine Wort:

'Mord!'

'Well!' stimmte Emery bei. 'Hier liegt kein Selbstmord vor. Eine solche Richtung nimmt die Kugel nur, wenn mit der linken Hand geschossen wird, und mit dieser hat Small Hunter unmöglich schießen können.'"

(Wegen einer gewissen Verwechslungsgefahr: die Szene spielt im vorvorigen Jahrhundert im Nahen Osten.)

 

Sechstes Kapitel - Vergebliche Jagd

Wir erleben die Begnadigung eines armen Sünders, dem die Fremdenlegion anempfohlen wird. Eine interessante, ungewöhnliche, kühle Form von Menschlichkeit, ohne großes Aufhebens,

"Das Gesicht des Mannes wurde sonnenhell; er brach in wahrhafte Dankeshymnen aus; wir aber hatten keine Zeit, dieselben anzuhören, und ritten weiter."

Old Shatterhand hört nicht auf Winnetou und prompt gerät man in einen Hinterhalt, später geraten erst Winnetou, dann Old Shatterhand nacheinander in akute Lebensgefahr.

Den vermeintlichen Tod Old Shatterhands kommentiert Winnetou mit den Worten "Die Sonne des Apatschen ist untergegangen im fernen Lande", das ist nun eindeutig Liebe.

"Hundert solche Hatatitla und hundert solche Iltschi für ein einziges von den Pferden, die wir jetzt reiten." So etwas kann man als eine Art Verrat empfinden, egal wie gut die aktuellen Pferde sein mögen. Nicht immer erweist sich Karl May als fürs Feinempfinden allzu geschmackvoll.

"Selbst der große Manitou reitet in den ewigen Jagdgründen kein besseres!" Und auch das paßt nicht recht, aus dem Munde eines sonst nicht gerade zu Dummplapperei neigenden Winnetou.

*

Bei aller Handlungsvielfalt nebst Extra-Bonbons: die "Satan"-Bände reichen an frühere Meisterwerke nicht mehr heran.

 

SATAN UND ISCHARIOT III

Der dritte Band spielt (nach Abstechern nach Sachsen und Nordafrika im zweiten) wieder im „Wilden Westen“. Reizvoll ist immer das Motiv „Old Shatterhand in den Städten“, was hier gleich wieder mehrmals vorkommt. In Sachen Judith Silberstein vermittelt uns der Autor ungewöhnlicherweise mal zumindest einen Hauch erotischer Spannung, aber eher nur zwischen den Zeilen. Und noch einmal: irgendwie gefällt ihm die Frau, trotz allem, da kann er schreiben was er will.

Gegen Ende des Bandes (vorher erleben wir noch eine reizvolle Kutschfahrt der besonderen Art) kommt der Ich-Erzähler in einer reizvollen Szene bei der Bestrafung bzw. „Erziehung“ eines mißliebig gewordenen Advokaten in Selbstjustiz recht anarchisch daher, wie überhaupt der Hang zur Großspurigkeit in dieser Trilogie immer wieder stark durchkommt. (Nicht jedem bekommt später Ruhm unbedingt gut.)

Der Schlussabschnitt mit der vermeintlich ach so heilen Welt im Heim wirkt furchtbar kitschig, hier bedient May offenbar eine Frömmelei, die er selber später im „Silberlöwen“ gekonnt ironisieren sollte.

Insgesamt sind die drei Bände eines der schwächeren Werke Mays, mit einigen Höhepunkten. Der späte Erfolg scheint ihm etwas zu Kopf gestiegen, und er fabuliert allzu bedenkenlos und oft auch etwas uninspiriert darauf los.

 

Im Einzelnen:

Erstes Kapitel – Wieder im Westen

Winnetou, so lesen wir, war ernsthaft krank, Leber & Galle ...

„Schonung und Erholung! Der Apatsche lächelte, als er die beiden Worte hörte, obgleich er zum Skelette abgemagert war, sodaß dieses Lächeln weit eher wie unterdrücktes Weinen aussah.“ Klingt ein wenig nach Kafka.

Old Shatterhand muß beim Anwalt mehrstündig warten und wird ausnahmsweise einmal behandelt wie jeder andere auch, „Was war denn das!“

Legitimieren nützt auch zunächst einmal nichts, auch der Jurist erkennt erst später, gefoppt worden zu sein, und äußert vorher ein „Ihr seid ein berühmter und ein sehr tüchtiger Westmann; aber außerhalb der Prairie scheint Ihr unbegreiflich zu werden“, worin man eine Prise Selbstironie des Autors durchschmecken mag. (Im Weltbild-Band steht noch besser „wunderlich“ statt „unbegreiflich“, vermutlich einer dieser Unterschiede zwischen Buchausgabe und illustrierter Ausgabe oder gar zwischen verschiedenen Auflagen).

Der Anwalt rät, Old Shatterhand solle die Suche nach dem Mörder den Geheimpolizisten überlassen, und der weiß, was er davon zu halten hat ... „Daß er dennoch meinte, ich könne leicht alles in Frage stellen, verdarb mir vollends die Laune, die schon vorher keine gute gewesen war. Ich machte also kurzen Prozeß, nannte ihm das Hotel, in welchem wir zu finden waren, und ließ ihn mit dem Bewußtsein allein, das zu sein, was ich nicht war, nämlich ein guter Jurist, trotzdem aber doch die beiden Meltons nicht durchschaut zu haben.“

„Dann wurden wir ermahnt, uns jetzt stets zur Verfügung der Behörde bereit zu halten. Trotzdem aber waren wir entschlossen, New Orleans zu verlassen, sobald wir das für nötig halten sollten.“ Ein Satz aus der „Beichte“ kann einem sogleich einfallen, „keine Polizeiaufsicht“, heißt es da, solle ihn „hinüber in die ewige Freiheit begleiten“ ...

Einer der Herrschaften Geheimpolizisten taucht auf, „Wir antworteten dem eingebildeten Patron kaum, sodaß er endlich zornig sich empfahl.“

„Ich wußte diese Art von Dienstboten zu behandeln, zog den Hut sehr tief und fragte“ ...  das kann er gut, insbesondere bei [älteren] Damen kommt er entsprechend gut an.

„Ich hielt ihn für krank, für tiefsinnig.“ Hübsch ... (Jetzt weiß der eine oder andere warum es ihm vielleicht nicht so gut geht ...)

Unsere gute alte Judith heißt plötzlich Silberberg, und auf der nächsten Seite dann wieder Silberstein, Karl, was ist Dir ...

„Sie hatte sich seit damals noch mehr entwickelt und war schöner, höher und auch stärker geworden. Freilich zeigte der erste Blick gleich, daß sie ihre damaligen Anlagen fleißig ausgebildet hatte und eine vollständige Kokette geworden war.“ Licht und Schatten, auch hier ...

„Sie, Sennor - - Sennor - -! Welch eine frohe Ueberraschung! Wie habe ich mich gesehnt, Sie einmal zu sehen! Bitte, kommen Sie herein ins Boudoir! Setzen Sie sich zu mir! Wir haben uns viel, viel zu erzählen.“

Reizvoll; aber der Kopf bleibt klar und der Blick ungetrübt, „Ja, sie war ein schönes Weib; aber der Scheitel lag voller Haarschuppen; der Hals schien heute noch nicht gewaschen zu sein; die schön geformten Fingernägel hatten Trauerränder.“

Seinen Namen hat sie vergessen, und er gibt ihn jetzt mit „Old Firefoot“ an ...

Man ergeht sich in neckischer Konversation, unter anderem darüber, daß er damals gedroht habe, sie peitschen zu lassen; „Schrecklich! Hören Sie nur, wie das klingt! Eine Dame, noch dazu eine junge, hübsche, prügeln lassen! Hoffentlich war es nur eine Drohung von Ihnen!“; „Sie waren vom Gegenteil überzeugt, denn Sie haben sich dann nicht wieder sehen lassen.“; „Also hätten Sie die Drohung wirklich zur Wahrheit gemacht?“; „Ganz gewiß! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß es mir voller Ernst war.“; „Entsetzlich! Sie sind kein Sennor, kein Mensch, sondern ein Tyrann!“ Es klingt recht eindeutig nach einem masochistischen Äderchen ihrerseits bzw. einer entsprechenden Wunsch-Projektion seinerseits ...

„Nein. Ich besitze im Gegenteil ein sehr weiches Herz, tausche aber nicht gern Wachs für Eisen ein. Beides hat Berechtigung, aber jedes nur zu seiner Zeit.“ Das ist allerdings bemerkenswert, und so ist es richtig, wenn auch die Leute es gemeinhin lieber verlogen freundlich als ehrlich und hart haben.

„Sie gingen von der noch warmen Leiche Ihres Verlobten wie von einem Braten, der für den Herd geschlachtet worden ist.“ Über mangelnde Ehrlichkeit seinerseits braucht man sich hier tatsächlich nicht zu beklagen.

„Ja. Sie sind schöner geworden.“- „Und das sagen Sie in einem so eisigen Tone? Sie sind wirklich ein entsetzlicher Mensch und ganz derselbe wie damals geblieben. Ich bin schöner, Sie aber sind nicht besser und gefühlvoller geworden. Aber gerade Ihre Kälte, Ihre Härte hat mir schon damals imponiert.“

„Wissen Sie nicht, daß eine Frau, deren Mann unter solchen Umständen stirbt, eine von andern Frauen beneidete Berühmtheit wird? Das Band, mit welchem ich mich so leichtsinnigerweise an den Wilden gefesselt hatte, war zerrissen, und ich hatte meine kostbare Freiheit wieder. Ich genoß sie natürlich mit vollen Zügen.“

Nachgetragen sei, daß der Erzähler vor dem letzten zitierten Satz sozusagen anstandshalber ein „Diese Herzlosigkeit war empörend. Sie fuhr in ruhigem Tone fort“ eingefügt hat.

Er sieht Jonathan Meltons Foto und das Eheversprechen und konstatiert „Ja, der sonst so kalt und gefühllos berechnende Mann befand sich vollständig in ihren Fesseln“.

Bei den Jeffers setzt er dann seine Absichten mittels der gekonnten 'Amtsanmaßung' durch, wie seinerzeit der Polizeileutnant von Wolframsdorf ...

„Ich sah es ihm an, daß er damit die Wahrheit sagte. Er schien ein Mann zu sein, der es, wenn es sich um seinen Vorteil handelte, im Geschäfte nicht allzu genau mit der Ehrlichkeit nahm; aber wie ein gewerbsmäßiger, hartgesottener Verbrecher sah er nicht aus.“ Wenn man über Intuition verfügt, braucht man halt nur ein paarmal gut hinzugucken ...

Am Ende des Kapitels eine sympathische, offenherzige Stelle: „weder Winnetou noch Emery zweifelten daran, daß es die richtige Fährte sei. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich derselben nicht so schnell folgen können, denn zu einer Fahrt nach Gainesville gehörte mehr Geld, als ich dazu hätte aufwenden können; dem Millionär Emery aber war das eine Kleinigkeit, und der Apatsche brauchte nur in seinen Gürtel zu greifen, um einige Nuggets gegen gutes Geld umzuwechseln; ich, der Proletarier, wurde von beiden so mit durchgeschleppt. - - -“ Für die grünen Bände strich man so etwas. Kaum nachvollziehbar.

 

Zweites Kapitel – Im Todesthale

Der entflohenen Judith begegnet man unterwegs wieder,

„Inzwischen hatte ich einen andern Genuß, der viel größer war als der seines jedenfalls schlechten Gerstenabsudes. Als er das Licht brachte, sah ich, daß an der Tafel nicht nur die Bank stand, welche wir eingenommen hatten, sondern es befand sich auf der andern Seite eine zweite, und auf dieser saß - Judith mit ihrer Indianerin! 

Welche Gesichter die beiden machten, als sie mich sahen! Kein Maler hätte die Verblüffung so zu treffen gewußt, wie ich sie in solcher Vollendung in meinem Leben hier zum erstenmal sah.“

Es ist eine gehörige Portion Ironie dabei in der ganzen Passage,

 „Entschuldigt, Mesch'schurs!“ sagt der Wirt in der traurigen Kaschemme, in der man absteigt („eine deutsche Dorfkneipe mußte dagegen ein Paradies genannt werden“), „Ich habe heute nur eine Lampe. Die drei großen Kronleuchter, welche ich in Little Rock bestellt habe, kommen leider erst übermorgen an. Wünscht Ihr auch zu essen?“

„Meine Frau kommt erst übermorgen, und die vier Kellner, welche ich mir verschrieben habe, sollten schon gestern hier sein, werden sich aber verspätet haben, weil der Schneider ihre Fracks nicht zur rechten Zeit fertig gebracht hat.“

Neben Ironie ist aber auch eine gewisse Schlampigkeit bemerkbar; daß der Wirt Pferde, die er eh nicht verkaufen will, vorzeigt und sich dazu mit den Gästen zu einer zehn Minuten entfernten Fenz begibt, ist einigermaßen unsinnig.

„Winnetou ist ein Thor gewesen.“ So kennen wir ihn gar nicht ... (Den Satz kennen wir in ähnlicher Form schon, ohne Winnetou, aus dem „Ehrenwort“.)

Im Llano (da ist er auch immer wieder gern ... den kennt er ...) Sturm und Fata Morgana. „Das ganze Bild ist ein Deckenbild mit verkehrten Gegenständen. Wir erblicken die Gegend, welche südlich von uns liegt.“

Eine längere Geschichte aus der Vergangenheit wird vorgetragen, mit allerhand Schauerlichem, Blut trinken, lebendig verbrennen, Old Shatterhand als Rächer („Sie hatten alle den Tod verdient; es mußte aber einer leben bleiben, um daheim zu erzählen, wie Winnetou den Mord zu rächen weiß“; „Wir hoben ihn bis zuletzt auf, um ihm auch das Vergnügen zu gönnen, den sichern Tod vor sich zu sehen. Ihn und den einen seiner Begleiter schossen wir nieder; den andern ließen wir laufen“).

„Den Stutzen hatte ich damals noch nicht.“ Chronologisch überprüfen und einordnen mögen das andere.

„Wenn einen der Alp drückt, und man sagt das Wort, so ist der Druck vorüber, und man kann wieder atmen. So erzählen viele Leute, und es schien wahr zu sein, denn kaum hatte ich das Wort Alp gesagt oder wahrscheinlich nur gedacht, so fühlte ich die Last nicht mehr und ich konnte atmen. Ich wachte auf“. Tipps für den Hausgebrauch.

Daß Old Shatterhand bei „Mrs. Silverhill“ 'abgeblitzt' sei („Es ist Euch wohl recht ans Herz gegangen, daß sie Euch damals den Korb gegeben hat?“) wird hier nur zum Schein vorgegeben. Man weiß bei Karl May halt selten was nun stimmt und was nicht ...

„Tausend rote Squaws und Mädchen würden ja sagen, wenn Old Shatterhand sie begehrte; eine solche Pflanze, wie du bist, wird er nie begehren.“ Na ...

Man schneidet Judith die Haare ab, das ist wirklich fatal, definiert sich doch diese Sorte Mensch u.a. auch durch Frisuren ... „Judith schien sich aus allen Kräften zu wehren; sie brüllte, als ob sie gespießt werden sollte.“

Lebendig begraben sollen die Helden werden, eine Horror-Vorstellung aus der Kindheit (Mays Großmutter), man versteckt sich dann aus eigenen freien Stücken in einem Grab, eine Art Konfrontations-Therapie ...

Am Ende kommt man relativ holterdipolter auf und davon, wie überhaupt das ganze Buch teilweise locker-flockig mit der 'heißen Nadel' gestrickt zu sein scheint.

 

Drittes Kapitel – Ein Brudermord

Als der Aufwärter beim Abendessen in Albuquerque einen Veranstaltungstipp gibt, „Ihr solltet die Spanierin nur sehen, Sir!“, reagiert der Erzähler lässig-zurückhaltend, „Habe schon manche Spanierin gesehen!“ ...

Immerhin handelt es sich, wie sich relativ schnell herausstellt, um Martha Vogel, die sich hier Pajaro nennt, wozu einem der Witz vom Herrn Fischer einfallen kann ... („Guten Tag Herr Pajaro ...“; Verzeihung.)

„Sie hatte keinerlei Toilettenkünste angewendet und trug ein langes, schwarzes Kleid, welches hoch und eng am Halse anschloß.“ Da hat er doch gewisse Bedürfnisse späterer Kolportageroman-Bearbeiter in Sachen „anständige“ Kleidung schon bestens befriedigt ... (je nach Verleger und Zielpublikum sind die reizvollen Damen bei May mal so, mal so gekleidet, Pustet ist halt nicht Münchmeyer.)

Frau Pajaro singt „das prächtige deutsche Lied“

„Ich sah dich nur ein einzig Mal,

Da war's um mich geschehen;

Ich fühlte deiner Augen Strahl

Durch meine Seele gehen.“

(Hat nicht auch besagter eben schon erwähnter Bearbeiter dies oder ganz ähnliches unserem Autor seinerzeit ins Gästebuch geschrieben ?)

„Ja, das war deutsche Innigkeit und Gemütstiefe. Solche Lieder kann nur Deutschland haben.“ Je nun ...

„Es war mir, als ob sie wankte; ich machte eine Bewegung, sie zu stützen; da faßte sie meine Hände und küßte sie, ehe ich es zu verhindern vermochte, und brach dabei in ein lautes Schluchzen aus.“ In der „Heimath“-Episode, die ja in diesen Roman gehört, hat er sich die Hände auch schon von ihr küssen lassen ... diesmal versucht er immerhin das zu verhindern.

Er begleitet sie heim, „Der schmale, ausgetretene Pfad, den wir gingen, führte hart am Ufer des Flusses hin. Da stand allerlei Gebüsch, hinter dem dichtes Schilf aus dem Wasser ragte.“

Auf das Thema „Millionärin“ angesprochen antwortet die junge Frau „Millionärin? Ich mag es nicht wieder sein, wenigstens nicht um den Preis, den ich damals dafür bezahlen mußte. Ich sah sehr bald ein, daß ich verblendet gewesen war. Und von meinen Erfolgen sprechen Sie? Glauben Sie ja nicht, daß die im stande sind, mich trunken zu machen! Sie wissen, daß ich schon damals lieber daheim, als öffentlich singen wollte. Mein Ideal war nicht das einer Sängerin, die jeder hören darf, der das Entree bezahlt. Und noch viel lieber wäre es mir heute, wenn ich damals von dem Kapellmeister nicht 'entdeckt' worden wäre. Er nahm mich unter einen Zwang, dem nur sehr schwer zu widerstehen war.“ Das mutet nahezu prophetisch an, wenn man an des Autors Einkommen und Bekanntheit einige Jahre später denkt ...

Martha will mitreiten, ohne sich dessen bewußt zu sein, was das so bedeutet im „Wilden Westen“; „Sie ließ sich aber von mir nicht zurückweisen; Emery mußte innerlich über ihren Wunsch lachen, blieb aber äußerlich ernst und höflich; er wollte nicht Nein sagen, und so wiesen wir sie an Winnetou, indem wir überzeugt waren, daß es ihm besser als uns gelingen werde, ihr ihre Bitte abzuschlagen, ohne sie dadurch zu beleidigen. Und das gelang ihm auch.“ Wer es im „Geschliffenen Diamanten“ gelesen hat (S. 199-201), weiß, daß hier allerhand fehlt und auch schon bei Pustet und Fehsenfeld fehlte, da geht es um Flöhe, die man sich im Wilden Westen leicht einfängt, und „wenn man durstet und kein anderes Wasser hat, muß man aus Pfützen trinken, in denen Würmer und Blutegel schwimmen“.

„Wir mußten verschiedene Misters, Masters und Sennores aus dem Schlafe wecken, und wegen der Störung der Nachtruhe verschiedene Dollar und Piaster mehr bezahlen.“ Es wird sich sicher wieder irgendjemand an den "Piastern" stören ... (was solche Dinge betrifft, hat man es in der 'Szene' mit lauter 'Fachleuten' zu tun. Leider eben nur bei solchen Dingen.)

Am Ende gibt es einen – irgendwie recht unspektakulär beschriebenen - Brudermord, und es wird mehrmals auf den Ischariot Bezug genommen, wodurch denn auch der Romantitel erklärt ist ...

 

Viertes Kapitel – Im Pueblo

„Hatte man noch vor nur fünf Minuten keine zehn Schritte weit durch den Regen zu sehen vermocht, so konnte man jetzt - ah, sogar den Mann sehen, welcher da oben auf der Höhe stand“ ... Ein sehr eigenwilliger, nichtsdestotrotz reizvoller Schreibstil.

Old Shatterhand erkundigt sich einfühlsam nach Judiths Befindlichkeit, „Wie kann die weiße Squaw sich hier in der Wildnis wohl fühlen? Es muß ihr doch alles fehlen, was eine Weiße nötig hat, um zufrieden zu sein!“, ihm wird aber die Auskunft zuteil, daß er sich sozusagen keine Sorgen machen braucht, es kümmern sich andere um sie, die sie mühelos um den Finger wickelt: „Es war sehr schwer, die vielen Sachen durch die Wildnis herbeizuschaffen; aber sie hatte ihn so verblendet, daß ihm keine Anstrengung für sie zu groß erschien. Unsere Männer waren immer nach Prescott oder Santa Fé unterwegs, um zu holen, was sie sich bestellte.“

Ob es mit der gut verkappten 'Love-Story' zusammenhängt, daß unser Held in diesem Roman des öfteren ein wenig 'außer Form' ist ? „Wir so erfahrenen, wir klugen, wir überklugen Menschen hatten eine ganz armselige, eine ganz beschämende Schlappe erhalten“. Und kurz darauf: „Jetzt passierte mir etwas Seltenes; nämlich ich erriet nicht, was der Apatsche mit diesen Worten meinte.“

„Wir sind nicht ihre Sklaven“ sagt einer der Yumas, und Old Shatterhand sagt ihm auf den Kopf zu „Ihr seid es. Ihr fangt um ihretwillen sogar Feindschaft mit drei berühmten Kriegern an, von denen ihr wißt, daß sie euch, sobald sie nur wollen, vernichten werden. Um dieses Weibes willen nehmt ihr Menschen in Schutz, welche Diebe und Mörder sind und nicht einmal zu einem Stamme der roten Männer gehören. Man sollte euch verachten!“ Diese Spiegelungen im Außen ...

Winnetou sieht voraus, daß Judith als Botin kommen wird, „Die Meltons werden sich hüten, selber zu kommen, und was sie uns zu sagen haben, das können sie keinem Yuma anvertrauen; da giebt es nur eine Person, welche sie senden können, und das ist die weiße Squaw, von der sie wohl auch glauben, daß wir uns von ihrem schönen Gesicht betrügen lassen werden.“

Und sein „Mein Bruder wird wohl noch manches als Wahrheit erkennen müssen, was er vorher für unglaublich gehalten hat“ dürfen wir getrost als zeitlos und allgemeingültig nehmen.

„Er entfernte sich, und wir warteten nun mit Spannung auf die Ankunft der Angehörigen des zarten Geschlechtes, welche nach allem, was geschehen war, die Stirn hatte, mit uns sprechen zu wollen.“ Ob ihm bewußt ist, daß er mit solchen launigen Formulierungen verrät, wie ihn die Sache noch immer beschäftigt ?

„Die Judith hatte Toilette gemacht, hier in der Wildnis an der Grenze zwischen Neu-Mexiko und Arizona!“ Wer größten Wert darauf legt, sich sozusagen definiert über Äußeres und Kinkerlitzchen aller Art, der wird auch in der Wildnis an der Grenze zwischen Neu-Mexiko und Arizona nicht darauf verzichten ...

Man kommt noch einmal auf die Angelegenheit mit dem Peitschen zu sprechen, das scheint beide Gesprächspartner doch einigermaßen zu beschäftigen, und dann sagt die gute Frau gar einen klugen Satz, „Was ist Schuld, Sennor! Schuld ist alles, was das Gewissen beschwert; das meinige aber ist leicht“. Wir erinnern uns, Moralisch ist, wenn man sich hinterher gut fühlt, unmoralisch, wenn schlecht, schrieb Hemingway. Wobei denn doch zu bezweifeln ist ob eine Judith Silberstein sich wirklich immer gut fühlt, das funktioniert nur, solange ein gewisses Bewußtsein halt gar nicht vorhanden ist bzw. von oberflächlichen Verdrängungsmechanismen überdeckt ...

Das Völkerrecht kann laut dem Gast-Politologen Old Shatterhand auch schon mal vernachlässigt werden, „Völkerrecht! Wo es sich um so große, so schauderhafte Verbrechen handelt!“ In späteren Zeiten pflegt[e] man solche und ähnliche Überlegungen zur gängigen Relativierung abstrakter Begriffe aber nicht so deutlich zu machen, sondern subtiler und kaschierter vorzugehen.

„Ich habe Sie gehaßt vom ersten Augenblicke, an dem ich Sie sah!“ sagt Judith; so etwas ist immer in gewissem Sinne verdächtig ... (so eine heftige Emotion entsteht nur, wenn man mit jemand in irgendeiner Form etwas „am Hut“ hat, sonst nicht.)

„Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich, wenn ich nur will, ganz gewiß in Ihr Thal komme!“ Das ist auch nicht übel ...

„Erst jetzt schien sie zu bemerken, daß eine Ironie des Grimmes aus mir gesprochen hatte.“ (Immerhin bemerkt sie es ... in Internetforen und im Alltag gibt es Leut’, die merken überhaupt nichts ...)

„Leben Sie wohl, Sie großer Held und Retter von Leuten, die Sie nichts angehen!“ Sehr hübsch.

Die gallige Ironie wird bestens erwidert, „Zürnen Sie mir nicht, schönste Sennora, wenn Ihr Schwanenhals ein wenig mit meiner Faust in Berührung kommen sollte“; teilweise auch nur vor dem Leser ... „zeterte sie“, „zischte sie mich an“ ...

„Silberberg“, auch in der direkten Anrede, ist das nun Schlamperei, oder Ironisierung der falschen Übersetzung, die sie benutzt hat ? Beides ist möglich.

„Es war mit keineswegs angenehm, so verfahren zu müssen, denn die Jüdin mochte moralisch noch so tief stehen, sie war doch ein Weib“. Den Subtext müssen wir uns dazudenken. Ein Weib, das ihm gefallen hat und für die er etwas empfunden hat.

„Der 'große Held und Retter' sagt Ihnen lebewohl!“ Hübsch, daß er diesen Ball auch noch aufnimmt ...

„Mein Bruder Scharlieh stellt sich die Sache viel schwerer vor, als sie ist“ konstatiert Winnetou, und der Erzähler räumt ein „So etwas hatte Winnetou mir noch nicht gesagt. Ich wußte, daß er nicht an meinem Mute zweifelte, und doch war es mir, als ob ich mich zu schämen hätte.“ Ja, er ist ein wenig „neben der Spur“ ...

Zimperlichkeit und Respekt sich selber gegenüber halten sich in [erfreulichen] Grenzen, „Wie leicht konnten wir, oben am Lasso hängend, unten gesehen werden! Dann wurden wir wahrscheinlich 'abgeschossen', wie zum Beispiel auf der Vogelwiese zu Tiegelhausen oder Pfannenstadt von der löblichen Schützengilde alljährlich zur schönen Sommerzeit ein hölzerner Vogel 'abgeschossen' wird.“

Diese ganze Abseil-Aktion erinnert ja beträchtlich an Winnetou III, die dortigen Folgen sind uns bekannt; es ist wie eine Variante jener früher geschriebenen Szene, eine, die glücklicher ausgeht ...

Später schießt Judith auf ihn, und reagiert auf sein vorgetäuschtes Röcheln und Stöhnen recht aufgeregt, „Er stirbt, er stirbt! Ich habe ihn erschossen! Licht her, Licht!“; „Das klang ja ganz so, als ob es gar nicht ihre Absicht gewesen sei, mich zu treffen.“

Neckisch geht’s zu im 'Psychodrama' der beiden, „Ich hörte Sie fallen!“; „Das habe ich auch gehört!“ ...

„Ich glaubte Sie im Sterben, und nun - nun - stehen Sie hier vor mir! Sind Sie denn nicht verwundet?“ -  „Nein.“ – „Aber warum röchelten Sie da so entsetzlich?“ – „Ich habe die Angewohnheit, nur zu meiner Unterhaltung zu röcheln.“

„Es widerstrebte mir, Gewalt anzuwenden, aber was wollte man mit dem obstinaten Frauenzimmer anders thun?“

„Rühren Sie mich nicht wieder an! Mich schmerzt der Arm noch jetzt, den Sie mir am Tage so übel zugerichtet haben. Sie sind ein entsetzlicher Mensch.“

Spätestens die Sache mit der weggezogenen Leiter erinnert dann beträchtlich an eine vergleichbare Situation im zweiten Band des Romans (in der „Felsenburg“), schon vorher konnte man sich daran erinnert fühlen.

Kurz darauf erinnert sich auch der Erzähler an frühere Geschichten, „Ich mußte dabei lebhaft an einige frühere Ereignisse denken, welche dem jetzigen zwar ähnlich, aber viel gefährlicher gewesen waren. Um ein geraubtes Mädchen aus dem Harem zu retten, war ich einst in Aegypten in einen Kanal gedrungen, welcher aus dem Nile unterirdisch in den Hof des betreffenden Hauses führte. Der Kanal war nur durch Zertrümmerung eines starken Holzgitters und nach Lossprengung eines sehr festen Blechsiebes zu passieren gewesen, und während der Arbeit hatte ich mich, auch mit dem Kopfe, ganz unter Wasser befunden. Ich war auf eine halbe Sekunde dem Tode des Erstickens, des Ertrinkens nahe gewesen. Ein ganz ähnliches Ereignis hatte ich im Norden der Vereinigten Staaten erlebt, wobei der Ort von allen Seiten von feindlichen Indianern umgeben gewesen war, Wie ungefährlich war dagegen unsere heutige Lage!“ Und nicht nur in Sachen Ungefährlichkeit gibt es einen bedeutenden Unterschied zwischen früheren Erzählungen und dieser: auch in Sachen Spannung, Intensität, Reiz fällt dieser Roman ganz beträchtlich ab; wäre nicht die kaschierte Liebesgeschichte, es wäre wahrlich fad.

Judith mit billigen „schauspielerischen Mitteln“ hereinzulegen, fällt nicht schwer, „Ich sagte das in möglichst zornigem Tone“, worauf denn auch „ihre Augen vor Vergnügen funkelten.“ Respekt- oder liebevoll klingt das nicht.

Auf ihrer Seite auch nicht, „Ich hasse Sie mit jeder Ader, in jeder Fingerspitze; darum freut es mich unendlich, daß Sie wie der Fuchs vor dem leeren Hühnerstalle stehen.“

„Ich glaube vielmehr, Sie haben sich stets nur mit fremden Angelegenheiten beschäftigt und in fremden Gewässern gefischt. Hoffentlich haben Sie da für sich soviel zusammengeangelt, daß Sie nun endlich einmal aufhören können! Das nennen Sie aber wohl, sich ihrer hilfsbedürftigen Mitmenschen annehmen, Sie Unikum von einem Menschenfreunde Sie?“ Selbsterkenntnis ... der Gegnerin in den Mund gelegt ...

„Dann können sie meinetwegen laufen, wohin Sie wollen, sogar hinter Ihrem Jonathan her.“ Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie ihm immer wieder emotionale Befindlichkeiten in die Formulierungen schlüpfen ...

„Lügner, Schwindler, Ungeheuer! So also betrügen Sie die Menschen! Sie verbergen unter dem ehrlichsten Gesichte, welches man sich denken kann, eine Hinterlist, eine Heimtücke, die gar nicht zu beschreiben ist! Ich möchte Ihnen das Gesicht zerkratzen.“ Das ist sozusagen „Münedschi für Arme“, wir erinnern uns an dessen große, sehr ernst zu nehmende Anklagerede gegen den Erzähler in „Am Jenseits“. (Und an Marie Hannes ...)

„So durchtrieben wie Sie bin ich auch!“ äußert sie noch.

Aber unser Manipulator sieht sich stärker, „Die Antwort war gerade diejenige, welche ich haben wollte. Sie ahnte nicht, daß sie jetzt von mir auf ein Eis geführt wurde, welches gar nicht glatter und gefährlicher sein konnte. Sie befand sich auf dem besten Wege, die zweite und noch größere Dummheit, welche ich ihr vorhergesagt hatte, zu machen.“

Sie selber vermag er indes nicht zu beeindrucken, „Shatterhand ist ein alberner Wicht“ hört er sie zu einem anderen sagen ...

Dann schlüpft er in die Rolle Meltons und läßt sich von ihr „befreien“, „sie durchschnitt die Armfessel und dann auch die an den Füßen; ich richtete mich in sitzende Stellung auf, und verursachte dabei mit Absicht einiges Geräusch. Sie sollte mich zur Vorsicht mahnen, damit ihr dann meine kurzen Antworten nicht auffallen könnten. Viele Worte durfte ich nicht machen, weil sie mich sonst wohl gar erkennen konnte.“ Wirklich ein raffinierter Hund ...

Und dann spielt er seine Rolle so gut, daß er noch bei der nachträglichen Schilderung in sie zu verfallen scheint: „Ich war natürlich wütend, als ich die zerschnittenen Fesseln sah.“

„Es war kein Zweifel, sie fühlte sich als Siegerin, als mir weit überlegen.“ Das kann aber der eine oder andere grundsätzlich schlecht ertragen, und so wird sich das natürlich bald wieder ändern ...

Er sagt ihr ins Gesicht zu, ohne es wirklich zu wissen, daß der „Weiße Felsen“ in den Mogollonbergen liege, und schreibt anschließend „Ich stieg mit Emery hinauf zu Winnetou, welcher oben saß und mir auf mein Befragen sagte, daß der 'weiße Felsen' nicht in der Sierre Blanca, sondern in den Mogollonbergen liege. Wir hatten der Jüdin also nicht unrecht gethan.“

Am Ende wird Melton gefoltert, um die Wahrheit aus ihm herauszubekommen, „Melton stieß gleich beim ersten Hiebe des Englishman einen Schrei aus, denn das Fleisch war auseinander gesprungen; der zweite und dritte Schlag hatte denselben Erfolg, und als die nächsten Hiebe ins rohe Fleisch schnitten, konnte er die Schmerzen doch nicht ertragen“.

Vogel erhält schon mal annähernd dreihunderttausend Mark, der Erzähler nimmt nichts. - Gegenüber Fehsenfeld sah die Sache später manchmal allerdings etwas anders aus ...

 

Fünftes Kapitel - Am weißen Felsen

„Es fiel uns natürlich nicht ein, von der Jüdin Abschied zu nehmen.“

„Auf der obersten Plattform stand die Jüdin. Man hatte sie also nach unserm Fortgange frei gemacht. Die Rache, welche sie gegen uns empfand, hatte ihr einen schrecklichen Gedanken eingegeben. Sie hatte nämlich den Teil des Lassos, den sie erreichen konnte, abgeschnitten und hielt ihn uns unter triumphierenden Rufen entgegen, eine schreckliche Rache! Ich lachte.“ Das ist ja wie im Kindergarten mit den beiden ...

Das Allerhand und Allerlei läßt auch einen Old Shatterhand müde werden, „Nach den Ereignissen der letzten Zeit und dem öfteren Wachen während der Nächte schlief ich so fest, daß Emery, als meine Zeit gekommen war, mich zweimal stoßen mußte, ehe ich aufwachte.“

„Daß er trotzdem in der Nähe geblieben war, ließ darauf schließen, daß - ja, worauf ließ das denn nun schließen?“ Manchmal läßt er wirklich den Leser am Schreib- und Denkprozeß direkt teilhaben ...

Und die Ironie ist gelegentlich wirklich so fein, daß mancher sie übersehen oder für Nachlässigkeit, Flüchtigkeit oder dergleichen halten mag, „hörte ich da die Stimme der weißen Squaw“ schreibt er und meint Judith, unmittelbar vorher hat ein anderer eben wörtlich von der „weißen Squaw“ gesprochen.

Judiths Haß ist mittlerweile beträchtlich, „Ich will dabei sein; ich will es sehen, wenn die Hunde, die Schurken von euern Kugeln getroffen werden.“

Der Erzähler ist einigermaßen beeindruckt, "Das war ja toll! Das Weib war uns mit den Roten nachgeeilt, um uns sterben zu sehen! Um solche Parforceritte zu machen, mußte sie als die Frau des verstorbenen Häuptlings viel zu Pferde gewesen sein. Welch ein Haß aber gehörte dazu, welch ein glühender, alle Rücksichten umstoßender Haß!"

Allzu ernst nimmt er sie aber denn doch nicht immer; „Sein Blick ruhte erschrocken auf seiner verunglückten Retterin, deren Gesicht noch immer nicht geistreich genannt werden konnte.“

Und auch Bothwell muß entsprechend mitwahrnehmen und mitagieren, „Das ist ja unsere holde Judith von neuem! Kann die sich denn noch immer nicht von uns trennen?“

„So, jetzt gebt mir einmal die gute Freundin herauf! Da sie so gern bei uns ist, will ich sie einmal in die Arme nehmen.“ Man kann auch eigene Gefühle ironisieren ...

„Ich nahm sie quer über das Pferd; die anderen sprangen in die Sättel; Winnetou ergriff den Zügel von Meltons Pferd - es ging fort, an der Felswand hin und dann auf die freie Ebene hinaus, über welche der Sturmwind heulte. Der Himmel hing voller Wolken; es war stockdunkle Nacht, doch Winnetou machte den Führer; auf ihn konnten wir uns verlassen.“ Und inneres Chaos kann man auch in die Natur außen verlegen bzw. das eine mit dem anderen korrespondieren lassen, dabei den Schwerpunkt ganz auf das Außen legen um das Innere nicht wahrzunehmen oder zeigen zu müssen ...

„Aber wenn sie wirklich nicht gefunden wird und elend zu Grunde gehen muß!“ sagt Emery, der Erzähler antwortet „Daran ist nicht zu denken“ und fügt dem Leser gegenüber hinzu „Es zeigte sich später, daß ich recht gehabt hatte; solches Unkraut geht nicht zu Grunde.“ Nicht allzu herzenswarm ...

Man trifft auf „Schneller Pfeil“, Häuptling der Nijoras; dem werden nacheinander Emery Bothwell, Vogel und Old Shatterhand vorgestellt, „Der Blick des Nijora zuckte leuchtend auf; er hatte, geradeso wie wir, bis jetzt auf seinem Pferde gesessen; nun aber schwang er sich rasch aus dem Sattel, stieß die Klinge seines Messers in die Erde, setzte sich daneben hin und sagte: 'Der gute Manitou hat jetzt den größten meiner Wünsche erfüllt; ich sehe Old Shatterhand.'“

Melton und Vogel werden bei den Nijoras sozusagen 'zwischengeparkt', offenbar hat der Erzähler für die nächsten Passagen für sie keine Verwendung ...

Dann trifft man Will Dunker, den „berühmten Scout des Generales Grant“, ursprünglich hieß er noch Will Parker, aber dann ist May offenbar selber aufgefallen, daß er den Namen schon vergeben hatte ... Daraus aber nun Schlußfolgerungen auf die offenbar immer noch nicht ganz geklärte Entstehungszeit des dritten Bandes des Romans ableiten zu wollen, wie Roland Schmidt das im Nachwort zum Reprint tut, erscheint zu kurzsichtig; May neigte bekanntlich zu Nachlässig- und auch Vergeßlichkeit, was solche Dinge betrifft.

„Mein Advokat die Namen hören, nach der Wohnung der Sängerin fragen und wie auf der Flucht aus dem Salon rennen, das war eins. Wäre er nicht ein Advokat gewesen, so hätte ich geglaubt, er sei toll geworden; aber Advokaten werden bekanntlich nicht verrückt. Oder habt Ihr vielleicht einen gesehen, welcher ausnahmsweise übergeschnappt ist, Sir?“ sagt Dunker, darauf der Erzähler: „Nein - ja - ja - nein! Weiter, macht nur weiter!“ Sehr hübsch.

„Ich glaube, wenn der Advokat aus New-Orleans gefragt würde, was er lieber studiert, das Gesetzbuch oder die hübschen Augen der Sängerin, so würde er gestehen, daß er die letzteren vorzieht.“ Aha, eine Art Konkurrent ... (es geht mittlerweile nicht mehr um Judith, sondern um Martha Vogel) ob sich daraus die anarchische Demütigung des Advokaten am Ende des Buches erklärt ?

„Der Advokat wollte bald vor Grimm zerplatzen, bald schluchzte er aus lauter Angst; er ist ein Hasenfuß. Die Lady war still und gefaßt.“

„Die Lady bekam auch ein Zelt für sich; aber ihr nahm man die Fesseln ab. Jetzt darf sie sogar das Zelt verlassen. Sie scheint es mit ihren Augen dem Häuptling angethan zu haben.“ Noch einer ...

„Der Doppelposten hatte ein Feuer brennen, bei dem wir die beiden Gestalten deutlich sehen konnten. Die Wächter oder vielmehr ihre Anführer verdienten geprügelt zu werden.“ Manchmal recht martialisch, unser Mann.

Und gschamig-seriös: „Wir hatten zwar bei Emery soviel davon zurückgelassen, wie wir entbehren konnten, doch hatte wenigstens ich, weil ich womöglich mit Martha sprechen wollte, soviel von meinem Anzuge anbehalten, daß die Kleidungsstücke bald schwer wurden und mich am Schwimmen hinderten.“

„Wir hatten nicht viel über eine Stunde vor Anker gelegen oder vielmehr vor Anker gesessen“, hübsch.

„Der Mensch brachte noch andere Gründe und lügenhafte Angaben in so scharfsinniger Weise vor, daß ich, noch ehe er seine Rede geendet hatte, überzeugt war, die Beratung werde ihm beistimmen.“ Vom Manipulieren und der Berechenbarkeit von Reaktionen versteht er etwas.

„Da lagen die Millionen, welche wir haben wollten! Durfte ich sie nehmen? Es wirbelte mir vor den Augen und vor den Ohren. Wie muß es erst einem Einbrecher zu Mute sein, der unter Lebensgefahr seine Hand nach unrechtem Gute ausstreckt! Ich zwang mich zur innern Ruhe.“ Das ist mal ehrlicher als sonst, wo immer nur von Edelmut, weisem Verzicht und dergleichen die Rede ist.

Und in Hadschi Halef – Sprache verfällt er ausnahmsweise auch einmal: „Ich bin so sicher wie ein eingeschriebener Brief im Postbeutel.“

 

Sechstes Kapitel - Gerettete Millionen

„Wenn die Witterung schon auf den Stubenhocker einen solchen Einfluß ausübt, daß er bei schönem Wetter sich in guter, bei schlechtem Wetter aber in weniger angenehmer Laune befindet, so kann man sich denken, daß Leute, die in der Wildnis direkt dem Sturme und Regen ausgesetzt sind, diesen Einfluß auch wohl kennen lernen.“ Wir sind doch alle mehr oder weniger wandelnde Barometer, wohl wahr.

„Es war ein Vermögen, wie es wohl selten ein Mensch voll in den Händen gehabt hat, ausgenommen natürlich die Krösusse der Banken“, manchmal rutscht ihm eine sozusagen rührend privat wirkende Formulierung durch.

„Er ließ sich von Judith erzählen, was auf dem Pueblo geschehen war, nachdem er es verlassen hatte. Sie erging sich, wenn sie von uns sprach, in Ausdrücken und Reden, welche unmöglich wiederzugeben sind.“ Schade eigentlich.

Das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Familie hält sich angemessenerweise in engen Grenzen, „Ein Brudermörder aber ist auch im stande, seinen Sohn umzubringen“; „Er aber würde nicht nur einen Raub, sondern, wenn es sich um sein Leben handelte, auch einen Mord begehen, ohne zu fragen, ob es sich dabei um seinen eigenen Sohn handelt“,

und der Sohn seinerseits „kennt nichts“, als es darum geht, ob der Vater ermordet worden sein könnte, heißt es: „Lieber wäre es mir, wenn sie es gethan hätten; da wäre ich ihn los und bekäme sein Geld für mich, wenn sie dann in meine Hände fallen.“ Nun kann man es sich leicht machen und in etwa sagen, naja, das sind „die Bösen“, das ist eine Wildwestgeschichte, das ist halt etwas übertrieben usw., aber wer das so sieht, der irrt. Auch in „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ Karl Mays geht es gelegentlich um Morde innerhalb einer Familie (und in einer von ihnen am Ende nicht [primär] um Versöhnung, Nicht-Bloßstellen und dergleichen, was der eine oder andere wohl gerne so hätte, sondern um Lebenslüge, Lug & Trug, allgemeine gesellschaftliche Verlogenheit und „schönen Schein“). Karl May bewegt sich literarisch in Grenzbereichen, er scheut sich nicht, den Finger in Wunden zu legen, Menschen in ihren Extremen vorzuführen, radikal, schonungslos. Darum geht’s.

„Und sie ist ebenso schlecht, wie er!“ sagt einer über Judith und Melton, und der Erzähler antwortet „Noch schlechter, denn wenn eine Squaw Böses thut, so sieht das Böse viel häßlicher aus, als wenn ein Mann es thut“ Das hätten wir gern mal näher erklärt gehabt, leider tut er das nicht. Vermutlich meint er, etwas aus einem reiferen Bewußtsein zu tun ist etwas anderes als es aus niederen Beweggründen zu tun ...

„Ich hatte übrigens meine Absicht erreicht, zu erfahren, was von der Grausamkeit oder Humanität der Nijoras zu halten war, natürlich soweit das Wort Humanität auf Indianer in Anwendung gebracht werden kann.“ Hm ...

Melton „entsorgt“ (scheinbar) in einer Anwandlung von Verzweiflung das Geld, worauf Frau Silberstein völlig die Contenance verliert und sehr aufrichtig wird, „Du hattest es mir versprochen! Er war der Preis, der Kaufpreis meines Herzens! Meinst du denn, daß ich dich geliebt hätte ohne das Geld? Und du wirfst es fort, du Wicht, du elender Schwächling, du - -!“

„Nun du mich um das Geld betrogen hast, hasse ich dich. Ich freue mich deiner Gefangenschaft und werde entzückt sein, wenn ich höre, daß der Scharfrichter, hörst du, der Scharf - -"

Der Mann wirft darob, das verstehen wir, die Dame ins Wasser, „Da unten, unten ist die Tasche! Suche sie! Ich habe sie dir versprochen; nun hast du sie. Gratuliere, gratuliere!“ Ja, da 'geht’s ab', und es geht nicht um 'Räuberpistolen', sondern völlig ernstzunehmen und übertragbar um Abgründe und Extremsituationen zwischen Menschen.

„Sir, ich hatte es in der Tasche, in der Tasche, welche vorhin im Wasser verschwunden ist. Verschwunden - verschwunden! Wißt ihr, was das heißt? Man giebt seine Ehre, sein Gewissen, seine Ruhe, seine Seligkeit dafür hin; man tritt die Gesetze mit Füßen; man - man -man thut alles, um es zu gewinnen. Und wenn man es erlangt hat, muß man sich in der Wildnis verbergen, wo man es nicht genießen kann, rennt hinter einem verruchten Weibe her, welches das Geld, aber nicht die Qualen des Gewissens mit einem teilen will, und wirft es, um es nicht hergeben zu müssen, in das Wasser - ins Wasser - ins Wasser! Wißt Ihr, Sir, was das heißen will?“ sagt Melton, aber der Erzähler läßt ihn ohne Antwort und beschränkt sich auf ein „Es war eine Scene von solcher Häßlichkeit, daß sich die Feder sträubt, sie zu beschreiben“.

„Sie lebte, und ich brauchte also um sie keine Sorge zu haben; ja, ich war so hartherzig, mir zu sagen, daß das Wasserbad ihr gar nichts schaden könne. Ich ließ sie also liegen, um mich um Dinge zu bekümmern, welche notwendiger waren.“

Später geht es noch einmal gehörig zur Sache, „Das Weib kreischte“; „Es war ein widerlicher Anblick. Sie gebärdeten sich nicht wie Menschen. Ich stieß sie mit den Füßen von mir; sie rollten sich aber immer wieder heran, und ich war gezwungen, sie so binden zu lassen, daß sie sich nicht von der Stelle bewegen konnten. Sie sträubten sich wie Irrsinnige dagegen. Das Gesicht Meltons war gar nicht zu beschreiben.“ Wenn man sich das alles so recht zu Gemüte führt, könnte man auf des König Philipps (in einem anderen Stück ...) Bitte „Jetzt gib mir einen Menschen“ ggf. entgeistert entgegnen: „ --- Warum ?“ ...

 

Siebtes Kapitel - Schluß

„Der Tag verging, und die Dämmerung sank tiefer. Der Abend war schön; die Sterne standen am Himmel, und die dünne Sichel des jungen Mondes, der im Beginne des ersten Viertels stand, neigte sich bereits dem Horizonte zu.“ Romantisch fängt er an, um es sogleich zu „brechen“, „Die gute Luna war bescheidenerweise, um nicht so lange gesehen zu werden, schon am Tage aufgegangen.“

Und dann hat der Meister der beeindruckenden Stilblüten besonderer Art wieder einmal einen großen Moment: „Ich konnte dir mit meinem Munde anstatt mit einem Schusse antworten.“

Eine sonst unübliche Palaverei mit Winnetou über Vorgehensweisen fällt auf, wie des öfteren schon in diesem Roman, sowie Selbstzweifel, „Darnach hatte ich Winnetou gar nicht gefragt, eine Unterlassungssünde, welche eigentlich unbegreiflich war.“

„Zugleich drang mir der Geruch von Tabak in die Nase, von Tabak, wie ihn die Indianer zu rauchen pflegen, nämlich eine Mischung von sehr viel wildem Hanf und sehr wenig Tabak.“

„Jetzt befand ich mich so nahe bei den vier Roten, daß ich jedes ihrer Worte verstehen konnte.

Ja, jedes ihrer Worte - wenn sie nämlich gesprochen hätten; leider aber thaten sie das nicht.“

„Also Kundschafter kamen. Die mußten ihre Meldung machen, wobei es jedenfalls etwas zu erlauschen gab. Ich blieb also liegen und fühlte keine Spur mehr von dem vorigen Reize zum Niesen. Der Geist hat also auch die Nase in seiner Gewalt.“ Wenn einer so seine psychosomatischen Erkenntnisse einwirft, beiläufig aus dem Nähkästchen, kann das schon mal etwas seltsam wirken ... Aber wo er Recht hat hat er Recht.

„Der also Aufgeforderte wartete fünf oder sechs Minuten und sagte dann“, Nein, allzu gesprächig sind sie offenbar nicht, die Indsmen.

„Sind die beiden Bleichgesichter noch drin?“ fragt einer und dann folgt, eigentlich ohne Bezug, „Er hatte sich in einem ganz schlechten Englisch ausgedrückt.“ Manchmal fragt man sich, was hat er sich dabei nun wieder gedacht ...

Die Sache mit dem leisen Flüstern bei Gefahr, erwischt zu werden, scheint unser Autor gut zu kennen, „Jetzt könnten wir sprechen“, „Nur hütet Euch, das 's' und andere Zischlaute zu laut auszusprechen!“

„Pshaw! Denkt doch nicht solche Sachen! Ihr kennt den Westen nicht; ich aber kenne ihn und weiß, wie es kommen wird.“ Das ist überzeugend vorgetragen und läßt sich darüberhinaus fein übertragen ...

May / Old Shatterhand hat laut Winnetou (mit seiner Lauschaktion im Wagen) „den großen Geist versucht, welcher seine guten Menschen nur dann beschützt, wenn sie sich nicht ohne Ursache in Gefahr begeben. Wer sich ohne Grund in ein reißendes Wasser stürzt, kann, selbst wenn er ein guter Schwimmer ist, leicht darin umkommen. Ich muß meinen Bruder ob seiner Verwegenheit tadeln!“ Denken wir an die zur Zeit der Entstehung dieses Romans nicht mehr ferne Renommier-Zeit ...

Und dann erweist sich Winnetou einmal mehr als mit Qualitäten besonderer Art ausgestattet: „Ich bin jetzt im Geiste dort gewesen, und habe mit den Augen meiner Seele jede Stelle ausgemessen. Der Wagen kann hindurch.“

„Die Hände unter dem Kopfe und die Augen gen Himmel gerichtet, an welchem die Sterne jetzt wieder erschienen, da das Gewölk im Westen verschwunden war, dachte ich an all die Ereignisse von jenem Tage an, an welchem ich Harry Melton, den Ermordeten, in Guaymas zum erstenmal gesehen hatte. Welche Ereignisse, welche Sorgen, Mühen, Enttäuschungen und Gefahren lagen zwischen jenem Tage und dem heutigen Abend! Die Lehre aus allem, allem, was ich in dieser Zeit erfahren und erlebt hatte, bestand in den wenigen und doch so schwerwiegenden Worten: Bewahre dir allezeit ein gutes Gewissen!“

(und, um den Proporz zu wahren, zwischendurch wieder eine Stilblüte, „besser ist doch immer besser“.)

Der Advokat muß Bekanntschaft mit Old Shatterhands Körperkraft und Imponiergehabe (Frau Vogel ist anwesend ...) machen, „Er sprach nicht weiter, denn er flog in einem weiten Boden durch die Luft, über den nächsten Strauch und jenseits desselben zur Erde nieder.“ Martha hat Angst, er könne den Mann umbringen, aber unser Held antwortet „Töten? Pah! Ich habe ihn nur auch ein wenig 'wegwerfend' behandelt“ ...

Judith wird freigegeben, damit sie „Mrs. Werner bedienen“ kann, das ist nicht schön ... Darüberhinaus redet er sie auch noch mit „Mamsell Silberberg“ an ... Größe sieht anders aus.

Emery hat Angst, Shatterhand könne sich den Hals brechen bei seiner Fahrt aufs Plateau, „Wage nicht zu viel, alter Charley! Du weißt, es giebt Leute in dieser Gegend, die lieber selbst dem leibhaftigen Tode entgegenblicken als dir in die erstarrten Augen sehen möchten“, dabei hat er „Thränen im Auge, so sehr hing er an mir“, eine solche Erfahrung hat unser Erzähler nicht oft. Kennen wir vergleichbar so eigentlich nur seitens Hadschi Halef.

„Was nun thun? War ich denn noch nicht da? Als Winnetou sich dieses fragte ...“ Man mokiert sich über solche Schreibweise, wenn es der gute alte Karl May ist, der das so macht. Bei anderen würde man es zur Kunst deklarieren und einen neuen Fachbegriff erfinden ...

Lebensgefährliche Fahrt aufs Plateau hinauf (der Weg nach oben muß nicht bequem sein ...), „Es war mir, als ob ich von einem Windmühlenflügel über ganz Elberfeld und Barmen hinweggeschleudert worden wäre; im Kopfe hatte ich wenigstens zwanzig summende Bienenstöcke, und vor meinen Augen flimmerten so viele Nordlichter, wie man droben in Lappland binnen zehn Jahren zu sehen bekommt. Ich mußte manches und verschiedenes gebrochen haben.“ (Es wurde allen Ernstes sozusagen analytisch gefragt nach diesem "über ganz Elberfeld und Barmen hinweggeschleudert" ... Entweder man hat ein Gefühl für einen Text oder man hat es nicht ...)

Franz Vogel ist beglückt, „Er schlang die Arme um mich. Ich ließ es mir gefallen, wehrte aber, als er mich gar wiederholt küssen wollte, durch die Warnung ab [...]“

Daß es das Geld ist, das den Hauptanteil an Vogels Außersichgeraten ausmacht, untersteht kaum einem Zweifel, „Welche Augen machte er, als er die Aufschrift des ersten Ledercouvertes las und dann, dasselbe aufschlagend, die Wertpapiere erblickte. Seine Seele, sein Herz, alle seine Sinne, sein Leben trat in seine Augen.

Er öffnete ein Couvert nach dem andern; seine Augen wurden größer und größer; er war aufgesprungen und stand vor mir; seine Hände zitterten, und seine Lippen bebten, aber sprechen konnte er nicht. Fast wollte es mir bange um ihn werden, denn auch die Freude kann schädigen, sogar töten; da ließ er die Tasche plötzlich in das Gras fallen, warf sich selbst nieder, grub das Gesicht in die Hände und weinte laut, fast überlaut und lange Zeit.“ Das läßt einen aus o.g. Grund relativ kalt. Die Stelle erinnert übrigens ein wenig an das im grünen Band 76 gestrichene „Reich, reich, reich“ aus dem „Verlornen Sohn“ (ein Erbe am Bett eines Sterbenden ...)

„So plötzlich einige Millionen in die Hand zu bekommen, das kann nicht jedermann vertragen.“ Unser Herr Neureich in Radebeul mußte vergleichbare Erfahrung bald darauf auch machen ...

„Dann wehe Euch, dreimal wehe, wehe, wehe!“ (Melton); kommt uns das nicht bekannt vor ?

„Jeder ist seines Schicksales Fabrikant.“ Gottlob saßen offenbar weder beim 'Hausschatz' noch bei Fehsenfeld Redakteur[inn]e[n] vom Typus „Es heißt nicht so, sondern so und so ...“

„Das war ein Vater! Mir graute so vor ihm, daß es mir war, als ob mir ein Stück Eis auf den Rücken gelegt würde“ äußert unser Autor nachdem Melton senior „Er hat mir zu wenig gegeben, hat mich betrogen; ich sage mich von ihm los, und es ist mir ganz einerlei, was mit ihm geschieht. Stirbt er, so ist es mir ganz recht, denn ich habe dann später vor ihm Ruhe. Ihr aber macht das beste Geschäft dabei, viel, viel besser als das meinige!“ vorgetragen hat.

Unser Autor selber ist aber in den Augen des Anderen auch nicht viel besser, „0, Ihr Teufel, Teufel, Teufel!“ wird ihm zuteil. Und „Du stammst aus der Hölle! Weißt du, wer du bist? Der Satanas, der leibhaftige Satanas!“

Der so unfreundlich Angesprochene gibt sich derweil ein wenig allwissend, „Ja, du bist Ischariot und wirst sterben wie jener Verräter, welcher hinging und sich selbst aufhing. Du wirst nicht durch die Hand eines Henkers sterben, sondern dich selbst ermorden. Möge Gott gnädiger gegen dich sein, als du selbst!“

Eifersucht gibt’s zwischen dem Advokaten und dem Erzähler, „Weil die Lady unter meinem Schutze steht und es mir nicht gleichgültig sein kann, mit wem sie über die Berge steigt“.

„Ich hob ihn empor, schüttelte ihn in der Luft und steifte ihn so auf die Erde nieder, daß er laut aufschrie und nach Atem rang.“

Und dann geht es richtig anarchisch zur Sache, er bindet den Mann an sein Pferd und schleift ihn hinter sich her ... (im grünen Band gestrichen). „Ich meine aber, daß die dortigen Richter den Kuckuck darnach fragen werden, was hier in Neu Mexiko oder Arizona geschehen ist; sie haben in ihrem schönen Louisiana mehr als genug zu thun.“

In dubiöse Immobilienkäufe ist der feine Advokat auch noch verwickelt ...

Dann haben alle Beteiligten (einschl. Leser ...) es hinter sich mit der 'Amtsanmaßung' besonderer Art, „Ich stieg ab und band ihn los. Er lief fort und versteckte sich, so fern von mir, als er konnte“.

Offene Worte mit Judith, „Als Sie glaubten, das Geld sei im Wasser verschwunden, war es mit Ihrer Liebe aus. Jetzt wissen Sie, daß Mr. Vogel es besitzt, und Jonathan behauptet, daß er es wiederbekommen werde; sofort ist die alte Liebe und eine neue, rührende Anhänglichkeit wieder da.“

Old Shatterhand läßt sie gehen, auch innerlich, „Dunker machte kurzen Prozeß mit ihr“; „später wurden wir von Dunker eingeholt - er hatte sich, wie er lachend erklärte, der Lady mit Eleganz entledigt und sie einigen sehr roten Gentlemen anvertraut“. Das ist nun gleichgültig ...

Aber auch in Sachen Martha Vogel spüren wir, wenn wir so wollen, etwas wie Ironie, als die Nijoras für sie „aus Stangen, gegerbten Häuten und Riemen“ eine „allerliebste Sänfte“ bauen ...

Dann gibt es doch noch eine letzte Begegnung mit Judith, aber der Erzähler hat sich mittlerweile innerlich von ihr verabschiedet ... „Fort mit Ihnen, hinaus! Wir mögen Sie nicht mehr sehen.“

Jonathan Melton „befand sich in einem eigenartigen Zustande. Er murmelte immer unverständliches Zeug vor sich hin, fuhr des Nachts angstheulend aus dem Schlafe auf und trieb allerhand Allotria, die uns um seinen Verstand bange machten.“ Allzu warmherzig-mitfühlend klingt das nicht.

„Wir wollten die Nacht da lagern. Noch lag das Gerippe des gestürzten Pferdes da; die Geier hatten es rein abgenagt. Es war ein schauerlicher Ort, der Ort des Brudermordes. Hätte man uns gefragt, warum wir gerade ihn für die Nacht gewählt hatten, es wäre wohl keiner von uns imstande gewesen, eine befriedigende Antwort zu geben.“ Man spielt einmal wieder Vorsehung ...

„Was soll ich weiter sagen! Solche Augenblicke muß man erleben, aber darüber sprechen, darüber schreiben kann man nicht. Das ist das Gericht Gottes, welches schon hier auf Erden beginnt, und sich bis jenseits des jüngsten Tages in alle Ewigkeit erstreckt! Auf derselben Stelle auch ganz derselbe Tod! Erstochen! Ich hatte ihm gesagt, er werde sterben wie Ischariot - von seiner eigenen Hand. Wie schnell war das in Erfüllung gegangen!“

Nun läßt sich nicht jeder von so etwas beeindrucken ... Jonathan Melton „sah in den Mond“,  man könnte meinen, hier karikiert bzw. bricht der Autor seine eigene Pathetik.

„Reißt Euch das denn nicht das Herz aus der Brust?“ – „Warum? Dem Alten ist wohl. Der Tod hier war das beste für ihn; er hätte sonst doch baumeln müssen!“

Und dann (auf des Sohnes rhetorische Frage, ob sein Vater wohl anders gesprochen hätte),  „Ich wußte zwar, daß er recht hatte, antwortete aber doch“ ...

„Nein, Sir. Er hätte mich ebenso wie jeden andern verraten und geopfert, wenn es für ihn von entsprechendem Nutzen gewesen wäre. Scharrt ihn zu seinem Bruder ein, den er umgebracht hat!“ (sagt Melton).

„Diese Gefühllosigkeit und Herzenshärte brachte mich noch weit mehr zum Grauen als der Selbstmord an sich. Kann es wirklich solche Menschen geben? Ja, es giebt welche!“

Der eingeschüchterte Advokat verrät, heimgekehrt, nichts von seinen Erlebnissen, „Später aber habe ich einen von ihm geschriebenen Bericht über seine damaligen Erlebnisse gelesen, welcher, wenn ich mich nicht ganz irre, im 'Crescent' erschien. Zu meiner großen Verwunderung und nachhaltigen Besserung las ich da schwarz auf weiß, daß er alles ganz allein gewagt, gethan, erreicht und in das richtige Geleis gebracht hatte, während Winnetou, Emery, Dunker und ich nur ganz unbedeutende, nebensächliche Personen gewesen waren. So kann man sich über seine eigenen, scheinbar gut im Gedächtnisse aufbewahrten Erlebnisse im erstaunenswertesten Irrtum befinden! Ich habe mich seit jener Zeit stets gehütet, etwas zu denken, zu sagen oder gar zu thun, wenn dabei drei oder fünf Meilen in der Runde ein amerikanischer Advokat anzutreffen war. Meine Reiseerlebnisse sind in hundert amerikanischen Zeitungen und in tausend amerikanischen Büchern ab- und nachgedruckt worden, ohne daß man mich darum fragte oder, was ein vernünftiger Mensch und Deutscher übrigens gar nicht verlangen kann, mir in Gnaden ein Exemplar davon gab; die amerikanischen Verleger sind steinreich geworden; mein einziges Honorar aber hat in einem bohnenstrohgroben Briefe bestanden, den der gebildetste dieser Gentlemen mir schrieb; die andern hielten es für geboten, mir gar nicht zu antworten. Wenn dazu dann noch so ein Mr. Fred Murphy kommt und, anstatt mich nur nachzudrucken, meine Erlebnisse für die seinigen erklärt, so kommt man, wenn man halbwegs ein gutes Gemüt besitzt und seinem Nebenmenschen etwas gönnt, leicht auf den Gedanken, fernerhin hübsch daheim zu bleiben, um auch einmal nachzudrucken, Mr. Murphy aber reisen zu lassen.“

„Krüger-Bei ist gestorben, wie kürzlich auch die Zeitungen meldeten, leider aber nicht in seiner unübertroffenen deutschen Ausdrucksweise.“

„Jonathan Melton, der falsche Small Hunter, wurde zu vieljähriger Einzelhaft verurteilt, ist aber bald in seiner engen Zelle zu Grunde gegangen, hoffentlich nicht auch in Beziehung auf seine Seele.“

„Judith hat nie wieder von sich hören lassen.“ Eine verräterische, vielsagende Formulierung ...

Und die Familie Vogel? „Bei dieser Frage geht mir, ich mag wollen oder nicht, das Herz auf.“ Ein Selbstzitat ... Der Virtuose Vogel gibt ohne Honorar Unterricht (für „Begabte Kinder armer, braver Eltern“), „Ich selbst bin ein solcher armer Junge gewesen; ich fand zwar keine Annonce, welche mir emporhalf, aber ich wurde gefunden, und es ist nun mein größtes Glück, wiederzufinden“.

Der Schluß ist beeindruckend UND kitschig, so nah kann das beieinanderliegen, der vorletzte Absatz ist (in seiner naiv wirkenden Schönmalerei) schwer erträglich, der letzte sehr schön.