AM RIO DE LA PLATA

Erster Teil des zweibändigen, in Südamerika spielenden Romans „El sendador“.

Südamerika ist ein Nebenschauplatz bei Karl May, den er selten besucht, er hatte für diese Region auch kaum literarische Vorbilder oder Quellen, und so betrat er hier gleichsam Neuland.

Karl May arbeitete oft an mehreren Manuskripten gleichzeitig, so auch zur Entstehungszeit dieser Reiseerzählung, und das kann man dem Text, nach zunächst schwungvollem Beginn, im Laufe des Buches dann auch anmerken.

„Am Rio de la Plata“ und „In den Cordilleren“ wurden zuerst unter dem Titel „El Sendador“ für den „Hausschatz“ geschrieben, und für die Buchausgabe in zwei auch vom Umfang her ungleiche Teile getrennt. Dieser Unterschied im Umfang spiegelt sich auch in Originaltext enthaltenden Buchausgaben wieder.

Reizvoller Beginn in Montevideo. Zunächst beschäftigt sich der Ich-Erzähler, der, frisch im Lande angekommen, in einem Buch über Uruguay liest (feine Selbstironie !), ein wenig mit dem Gaucho, einem Wesen, mit dem sich auch Jorge Louis Borges, wenn auch weitgehender, auseinandergesetzt hat. Dann unterliegt er einer folgenreichen Verwechslung und kann in einem Empfehlungsschreiben, in das er neugierigerweise hineinguckt, über sich wörtlich lesen, er sei stockdumm und von einer geradezu albernen Anspruchslosigkeit. Er beeindruckt Einheimische in der Kathedrale mit seinem Orgelspiel, und muß bald darauf, einmal mehr in seinem Leben, die Erfahrung von (hier lebensgefährlicher) fehlender Solidarität und Im-Stich-gelassen-werden machen, das ist dann später bei Kochta alias Bruder Jaguar (dem Mann, der mit der Macht seiner Augen Dutzende von Freischärlern einschüchtert; der Anstaltsgeistliche Kochta aus Mays realem Leben stand wohl Pate für diese Figur) anders.

Sehr hübsch die Schilderung einer Abendgesellschaft, da haben vermutlich Neureichs in Sachsen Pate gestanden.

Episode reiht sich an Episode. Interessant des Erzählers Äußerungen zur Politik bzw. seine 'Bekenntnisse eines Unpolitischen' („Ich verspeise das Brot, ohne mich um den Bäcker zu bekümmern, der es gebacken hat, und Millionen freuen sich des Frühlings, ohne Astronomie studieren zu müssen, um die Ursache desselben kennen zu lernen“).

„Wir werden uns verstehen und einander nicht im Stiche lassen“ sagt Bruder Jaguar; in Karl Mays Leben waren solcherlei Einverständnis und Solidarität wohl eher selten.

Atemberaubend gehen die beiden später über einen sumpfigen Pfad, wo rechts und links das Verderben lauert. „Mir scheint unser jetziger Pfad überhaupt nicht recht geheuer zu sein!“, sagt May, der geistige Grenzgänger, und dürfte sich dabei an nächtliche Gespräche mit Kochta über Gut und Böse, Moral, Ethik und ähnliches erinnern. Kochta dürfte ihm seinerzeit unter anderem aufgezeigt haben, dass geistige Grenzgängerei möglich ist, ohne abzustürzen, ohne zu versinken.

In seinem Verlauf hat das Buch auch gelegentlich Längen, so das Hin und Her bei den Bolamännern, es zieht sich. Bei Lopez Jordan wird es zunächst wieder spannender, wenn auch im weiteren Verlauf dann doch arg übertrieben. Dem großen Meister 'kann halt keiner'.

Im letzten Kapitel muß zunächst einmal, einzig um allein um Schießkünste zu demonstrieren, der eine und andere Alligator sterben, später auf dem Rancho betätigt sich der Held wieder einmal als Schauspieler bzw. kritischer gesehen als abgefeimter Trickser, was ihm auch diesmal bestens gelingt.

Ein Buch mit Höhen und Tiefen, Hochinteressantes und hervorragend geschriebenes neben auch viel uninspirierter Routine.

 

Im Einzelnen:

Erstes Kapitel – In Montevideo

„Ein kalter Pampero strich über die meerbusenartige Mündung des La Plata herüber“, einer dieser Anfänge, die man in Erinnerung behalten kann, schöne Exposition, der Erzähler erkennbar „gut drauf“ und inspiriert, 'jedem Anfang wohnt ein Zauber inne', das gilt oft auch bei Karl May.

Die Passagen, die in den Städten spielen, sind immer wieder besonders reizvoll bei ihm, „saß ich in meinem Zimmer des Hotel Oriental und vertrieb mir die Zeit mit einem Buche, dessen Inhalt sich auf das Land bezog, welches ich kennen lernen wollte“, hierin kann man zusätzlich eine ironische Brechung entdecken.

Über den Gaucho, um den es dann ein paar Absätze lang geht, hat sich auch Jorge Louis Borges in großem Stil ausgelassen; dass hinter dieser Personengruppe bzw. der Beschäftigung mit ihr auch sozusagen etwas Weltanschauliches steht, sollte klar sein.

Und unser Held wird gleich in einen Waffenhandel hineingezogen (kaum denkt man – um ein paar Ecken - an Rimbaud, wird der Bezug tatsächlich noch eine Portion direkter), aufgrund einer Verwechslung, auch dieser Themenbereich (Identität, Schein und Sein usw.) hat Karl May ja lebenslänglich nicht losgelassen.

„Ich ging zur Thüre, öffnete dieselbe und lud ihn durch eine Verbeugung ein, von dieser Oeffnung Gebrauch zu machen“, herrliche Ironie; der Bearbeiter, der da aus der „Verbeugung“ eine „Handbewegung“ machte, wollte den Helden hier wohl noch eine Spur 'heldenhafter' / selbstbewußter haben, aber dass es darum gar nicht geht, sondern ausschließlich um Persiflage und Spiel, eben auch im Verhalten der einen geschilderten Person zur anderen, das entging ihm offenbar.

Mit dem Briefgeheimnis geht unser Erzähler nicht eben zimperlich um, er versucht sich zwar scheinbar vor dem Leser noch ein bisschen herauszureden, aber diese fadenscheinige Argumentation dürfte er doch selber durchschaut haben …

„stockdumm und vertrauensselig, wie es von einem Dutchman auch gar nicht anders zu erwarten ist“, sei er, erfährt der Erzähler auf diese Weise …, ein „Dummkopf“, „von einer geradezu albernen Anspruchslosigkeit“. Da haben wir’s.

Die Szene in den Geschäftsräumen bei Tupido erinnert ein wenig an die Seidelmänner oder Dreißiger aus Mays „Verlornen Sohn“ bzw. Hauptmanns „Webern“, verlegt ins exotische Montevideo.

Eine interessante Figur, dieser Teesammler … „Der Mann schien zwei ganz verschiedene Naturen in sich zu vereinigen“, das ist öfter so bei Karl May [und im Leben].

„Er genoß es mit der Eleganz einer Dame, der so etwas geläufig ist“, gelegentlich rutscht ihm schon mal eine etwas irritierende Formulierung durch.

Der Erzähler unterscheidet hübsch zwischen Mitleid und Teilnahme.

Der Yerbatero erwähnt erstmals den Sendador, da klingt es noch ausschließlich positiv …

„Man merkt es, daß Sie ein Bücherwurm sind,“ wird dem Erzähler gesagt, „Im Leben geht es weit anders zu als in Ihren Büchern.“ Karl May war nach Selbstironie zumute, als er an diesem Kapitel schrieb.

Ave Maria de la noche, das klingt schon verheißungsvoll, als er da in die Kirche geht. Aber es erwartet uns dann eher doch nur eine Aufschneiderei größeren Stils, man erhebt sich, allgemein zutiefst beeindruckt, als der spontan einspringende deutsche Gast-Organist fertig gespielt hat …

Daraus ersteht nun eine Bekanntschaft, mit dem respektvoll begeisterten örtlichen Orgler, aber als es später gefährlich wird, lässt der unseren Erzähler im Stich, rettet die eigene Haut … eine Erfahrung, die Karl May wohl oft gemacht hat, im Stich gelassen werden, wenn man einen Menschen bräuchte … zum Zeitpunkt dieser Erzählung geht er recht gallig-abgeklärt-gelassen mit diesem Thema um.

„Ich reise um des Reisens willen“, äußert der Erzähler, und das versteht sein Gegenüber nicht recht, daß es einem weder um die Wissenschaft noch ums Geldverdienen geht ...

„Ich hatte mir sagen lassen, daß die Kindererziehung in den La Plata-Staaten eine sehr mangelhafte sei, und fand das jetzt bestätigt“, na da soll er erstmal in europäische Verhältnisse des 21. Jahrhunderts gucken, da steht sie mittlerweile teilweise unter Strafe.

„Ein guter, deutscher Fausthieb setzt einen bei jedem feigen Bravo in Respekt“. Manchmal fragt man sich wirklich, ob Karl May so etwas geschrieben hat, oder ein „Hausschatz“-Nationaler ihm das hineingeschmuggelt. Wenige Zeilen später steht schon wieder so etwas, nachdem sich sein Gesprächspartner eine „gewaltige Ohrfeige, daß er um fünf oder sechs Schritte fortgeschleudert wurde und dort seine Gestalt, so lang und hager sie war, auf die Erde ausstreckte“ eingefangen hat: „Ich vermute, daß er seine in solcher Weise beantwortete Frage nicht so bald wieder an einen Deutschen gerichtet hat“.

Dann lernt unser Held eine junge Dame kennen, wobei auch diese Begegnung, wie so vieles, unter Desillusionserlebnis abgehakt werden muß. Wahn, überall Wahn. Immerhin: „Ich war überhaupt geneigt, sie von jeder Schuld frei zu sprechen.“ Für die feine Gesellschaft, in die er da gerät, dürfte wieder einmal Kümmelblättchenmilieu u.ä. aus der Heimat Vorbild gewesen sein.

„Es war vorauszusehen, daß sie zu Grunde gehen werde“, so ist das. Wie lautet doch der Kinderreim, ich sehe was was du nicht siehst.

„Unsere Diebe haben nämlich die Angewohnheit, nebenbei Beamte zu sein“, da haben wir's wieder, rein deutsche Begebenheiten ...

Der Yerbatero führt offenbar ein Doppelleben in einer Art Parallelwelt, auch das ein Themenbereich, der einem bei Karl May des öfteren begegnet. - „Eleganz einer Hofdame“, schon wieder … (s.o.)

Den Sendador, von dem wieder erzählt wird, durchschaut der Erzähler jetzt gleich vorab, und sein gesundes Ur-Mißtrauen hat ihn immerhin oft vor späteren Überraschungen bewahrt.

„Ich werde ganz dieselbe Kleidung anlegen, welche ich in der Prairie getragen habe“, er hat seinen eigenen Kopf. Wenn andere etwas besser wissen, hat er kein Problem damit und nimmt es an, aber immer in Maßen, naturgemäß gegebenen Grenzen, bis zu dem Punkt, wo er selber weiß was zu tun ist. Eine gute, differenzierte Haltung.

 

Zweites Kapitel - Bei den Bolamännern

„Der Kutscher, Mayoral genannt, thront vom oben, mit einem stereotyp verächtlichen Gesichte, aus welchem zu ersehen ist, daß es ihm höchst gleichgültig erscheint, ob die Fuhre glücklich von statten geht oder einige der Pferde totgehetzt liegen bleiben und er beim Umwerfen die gebrochenen Glieder der Passagiere aus dem Wagen auf die Pampa schüttet“, um hübsche Formulierungen war Karl May wirklich nicht verlegen. Darüberhinaus dürfen wir uns zu der Stelle auch z.B. das Gesicht eines Berliner Busfahrers vorstellen (damals waren’s Droschken, aber das wesentliche ist bekanntlich immer zeitlos).

Wegen seines Anzuges wird unser Erzähler zunächst beträchtlich ausgelacht, bis ihm das (in der Vorstellung beim Schreiben) dann doch zuviel wird und er sich den nötigen Respekt mit einiger Verspätung zu beschaffen weiß.

Anschließend besiegt er wieder einmal ein Pferd. Nicht dass da auch noch einer lacht.

Die Szene im Polizeigebäude verlief im wirklichen Leben Karl Mays normalerweise anders, bzw., die Gegebenheiten (nämlich es mit bürokratisch-unflexiblen Dummköpfen zu tun zu haben) dürften zunächst durchaus ähnlich gewesen sein, aber die Sache ging dann jeweils wohl doch anders aus …

Charley betätigt sich als charmanter Hutretter und überführt einen Schwindler; später muß er erfahren dass man auch damals in Sachen Überwachung schon recht weit war, auch ohne die heutigen technischen Hilfsmittel. Wieder: zeitlos und nicht geographisch beschränkt.

Er wird wiederum in Dinge hineingezogen, mit denen er nichts zu tun haben will, er mag sich auch nicht benutzen lassen. In dem Zusammenhang 'outet' er sich überzeugend mit klaren 'Bekenntnissen eines Unpolitischen': „Ich verspeise das Brot, ohne mich um den Bäcker zu bekümmern, der es gebacken hat, und Millionen freuen sich des Frühlings, ohne Astronomie studieren zu müssen, um die Ursache desselben kennen zu lernen.“ Ähnliches wird an anderer Stelle mit „Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist“ ausgedrückt und ist eine durchaus nachvollziehbare und angemessene Haltung. (Hier gehen die Ansichten bekanntlich beträchtlich auseinander.)

„Für einen oberflächlichen Beobachter konnte es leicht sein, die Gesellschaft eine glänzende zu nennen; leider aber besaß ich scharfe Augen.“ Das mit den scharfen Augen braucht sich dabei keineswegs ausschließlich auf die dort angeführten Äußerlichkeiten zu beziehen, er wird auch gesehen haben, mit wes Geistes Kindern er es zu tun gehabt hat, wie es denen mit sich selber ging usw. Neureichs in Sachsen, verlegt nach Uruguay. (Herrn Pletichas detaillierte Ausführungen zu südamerikanischem Adel des 19. Jahrhunderts im Weltbild-Band können insofern durchaus als entbehrlich betrachtet werden.) „Echtheit aber fand ich nicht“.

Die ganze Einladung erweist sich auch über den schrillen Abend hinaus als unersprießlich, „Wie es gewöhnlich zu sein pflegt, war die Höhe der Trinkgelder, welche ich zu geben hatte, größer als der Wert des Genossenen“, und das ist wiederum nicht nur wörtlich zu nehmen. Ent-Täuschung statt wirklicher Resonanz, allenthalben.

Wenn er etwas erfahren möchte, trifft unser Mann offenbar den richtigen Ton, „Ich hatte sie trotz ihres Alters Sennorita, also Fräulein genannt. Dazu kam der zutrauliche Ton, in welchem ich sprach. Sie konnte nicht widerstehen.“ Ob man da schon wieder über die Auskunfterteilung hinausdenken muß ? (das soll nicht heißen in der konkreten Szene, und auch nicht dass der Autor nun so ein toller Hecht war, aber: dass er zumindest gerne ein solcher gewesen wäre.)

Gelegentlich gibt es (möglicherweise aus dem Lexikon übernommene) handlungsunabhängige Einlagen, wie hier über Strauße, Straußenfleisch und Straußeneier. Aber gesehen haben wird er die Viecher vermutlich irgendwo, sprechen sie doch beträchtlich seinen Sinn für Situationskomik an.

Der Yerbatero erweist sich endgültig als wohlhabend. Dort auf der Estanzia erlebt der Erzähler nun Gastlichkeit der erfreulicheren Art, „Das liebste aber war mir die aufrichtige Herzlichkeit“, Speis’ und Trank vom Feinsten gibt es dort auch [als angenehme Begleiterscheinungen, Nebenerscheinungen], aber darauf kommt es eben nicht an, wenn das Wesentliche nicht stimmt. „Man fühlte sich wirklich wohl bei diesen guten Leuten“, wie seinerzeit bei Albani in Dschidda, wo man genüsslich aus Blechbüchsen aß.

Das 'Grundgefühl' ändert sich beträchtlich, als der nachgemachte Major da hereinplatzt, „Es war plötzlich um und in uns kalt geworden“, auch dazu fällt eine Stelle aus einem anderen Band ein, „wo so vieles von uns und in uns zu den Toten gebettet worden war“ hieß es in Band 3 bzw. der 'Hausschatz'-Fassung der Stelle, sozusagen noch eine Nummer größer.

Und dann fängt es an mit den Längen, die den Band in seinem weiteren Verlauf doch einigermaßen prägen werden … jedenfalls ist anschließend zu einigen Dutzenden Seiten mit Abenteuer- und Action-Geplänkel rein gar nichts erwähnenswertes zu notieren …

Erst wieder dies: „Es gab im ganzen Lande keinen Menschen, welcher einen Anzug trug wie ich, so erkannten sie mich denn“; manchmal hat es eben doch konkrete Nachteile, nicht konform zu gehen … (im üblichen Gewand wäre er hier nicht aufgefallen und dementsprechend nicht verfolgt worden).

Der Rancho, in dem die Rettung wartet, erscheint vor dem auf ihn zustürmenden Reiter, „als ob er auf mich zugeschoben werde“.

Und dann tritt Pater Hilario auf, mit dem berühmten „Halt! Sie reiten ins Verderben!“, er mag in der Tat wohl für den Anstaltsgeistlichen Johannes Kochta stehen, aber natürlich nicht Eins zu Eins und schon gar nicht an dieser Stelle, hier allenfalls als Bild. Sein Gesichtsausdruck sei „kinderfreundlich“, je nun, vermuten wir mal, dass so etwas wie „kindhaft freundlich“ gemeint ist, wobei man auch darüber noch (vom Ansatz her …) geteilter Meinung sein kann …

Schließlich ein spektakulärer Kapitelschluß; man darf gespannt sein, was es mit dem Mann (Hilario) noch so des weiteren auf sich haben wird.

 

Drittes Kapitel – Bruder Jaguar

„Jaguar! Wie harmonierte dieses Wort mit der Sanftmut und Milde, welche sein bleiches, bartloses Gesicht so anziehend machte! Ich ahnte, daß ich da vor einem hochinteressanten Geheimnisse stand.“

Und kurz darauf „Das mutete einen so heimatlich an.“ Manchmal wird es (durch die Sprache, die Ausdrücke, die Formulierung, durch das, was im Text mitschwingt) ganz deutlich, dass May reale Erlebnisse berichtet, in exotischem Gewand.

„Es war mir ganz so, als ob ich mich in einer thüringischen oder bayerischen Bauernstube befände.“

„Jetzt hatte ich gesehen, worin die Macht des Fraters lag, nämlich in seinen Augen. Diese hatten einen Glanz angenommen und einen Blick gehabt, welche beide ganz unbeschreiblich waren.“ Zu Augen hat Karl May eine starke Affinität.

Vor dem Major vermag er keinen Respekt zu entwickeln, was sich auch in der Wahrnehmung und Darstellung des Äußeren zeigt: „Seine Beinkleider waren bis zum Sitze durchnäßt, und an dem Fracke fehlte das große Stück, welches ich ihm losgerissen hatte.“

„Aber,“ fragte ich den Frater, „warum veranlaßten Sie mich denn, hier in den Hof einzubiegen? Warum riefen Sie mir zu, daß ich ins Verderben reiten werde?“

„Weil sich Ihnen jenseits des Rancho ein Flüßchen in den Weg gelegt hätte, über welches Sie nicht gekommen wären. Es mündet dort in den Negro.“

„Nun, wenn ich über diesen letzteren gekommen bin, hätte ich wohl auch durch dieses Flüßchen reiten können.“

„O nein. Die Ufer desselben sind außerordentlich sumpfig. Sie wären stecken geblieben“

Diesen Dialog dürfen wir getrost gleichnishaft auffassen. Es ist in etwa vergleichbar der Sache mit der Dornenhecke, in der man stecken bleiben, um die man aber auch herumgehen kann.

„Ich sah sogar ein Harmonium dastehen. Es hatte den ersten Gewinn bei einer zu einem mildthätigen Zwecke in Montevideo veranstalteten Lotterie gebildet. Der Ranchero war zufällig dort anwesend gewesen, hatte einige Lose genommen und das Instrument gewonnen. Nun stand es als Luxusmöbel da, denn niemand besaß hier die Fertigkeit, es zu spielen.“ Wenn Karl May ein Requisit braucht, dann holt er es sich. Auch wenn er dann im weiteren Verlauf offenbar vergisst, dass er es hatte einsetzen (in dem Fall wohl: darauf spielen) wollen.

„Sind Sie Freigeist oder gläubig?“

“Das letztere, eigentlich auch das erstere, denn ich hege die Ueberzeugung, daß der Geist des Menschen nur durch den Glauben frei zu werden vermag.“

„So sind Sie der richtige Mann für mich.“

Sehr hübsch.

Die Sache mit dem Sendador und dem Mord wird nun praktisch endgültig aufgeklärt, bevor der Mann überhaupt realiter in dem Werk in Erscheinung getreten ist … es geht eben nicht primär um Spannung und Abenteuer. (Bzw., schon, aber in anderem Sinne.)

Pena, der im zweiten Band völlig unvorbereitet auftauchen wird, wird kurz erwähnt. Irgendwo muß aber etwas gestrichen worden sein (durch die „Hausschatz“-Redaktion), ein richtiger Bezug fehlt.

Hilario und der Erzähler ergehen sich recht ausgiebig im gegenseitigen Austesten von Taschenspielerfertigkeiten, Anschleichen, Hutwegnehmen usw., so etwas wirkt manchmal etwas kindsköpfig. Noch über den siebzigjährigen Karl May war ja zu lesen, er habe „unglaublich kindlich“ gewirkt, jenun, warum auch nicht.

„Nach Ost. Folglich will er nach West“, mit welcher Selbstverständlichkeit das vorgetragen wird … Putzig. Pseudologens Weltwahrnehmung.

Immer wieder Längen, und dann zwischen dutzenden von vernachlässigbaren Seiten aber Stellen wie „Wir werden uns verstehen und einander nicht im Stiche lassen“, da kommt die Sehnsucht des Einsamen und Enttäuschten durch, dessen bester Freund lebenslänglich Hadschi Halef Omar gewesen ist (und vielleicht eben, vorübergehend, jener Kochta. Aber da kommt die Bezeichnung „Freund“ ja schon nicht mehr richtig hin).

Wieder geht es durch sumpfiges Gelände, und hier ist der große Charley einmal nicht so recht 'Herr der Lage':

„Ich sah ein eigentümliches, dickplumpes Tier in einer dieser Buchten plätschern. Es floh bei unserer Annäherung.

'Das war ein Wasserschwein,' erklärte der Frater auf meine Frage.

In einer anderen Bucht sah ich dunkle Baumstämme liegen, deren Enden aus dem Wasser ragten.

'Das sind Krokodile,' belehrte er mich jetzt.

'Und da reiten wir so nahe vorüber?'

'Wir haben von ihnen nichts zu fürchten. Freilich, hineinsteigen in so einen Tümpel möchte ich nicht; da könnten mir ihre Rachen doch gefährlich werden.'

'Mir scheint unser jetziger Pfad überhaupt nicht recht geheuer zu sein!'

'Das ist richtig. Reiten wir einzeln hintereinander, ich voran. Wir kommen jetzt auf ein Terrain, wo man leicht einen Fehltritt thun kann, der einen in den Sumpf bringt.'

'Giebt es keinen andern, bessern Weg zu dem Indianer?'

'Nein, Sennor. Er wohnt so, daß man nur auf diese Weise und von dieser Seite an seine Hütte kommen kann. Sie ist eine kleine Festung für ihn.'

Nun ging es still und langsam auf dem weichen, wankenden Boden weiter. Der Frater mußte den Weg sehr genau kennen, da er es wagte, uns hier durchzuführen. Er stieg nicht einmal vom Pferde, was ich an seiner Stelle jedenfalls gethan hätte. Nun war es ganz dunkel geworden. Ich konnte nur notdürftig den vor mir reitenden Führer sehen. Dennoch ging es fast noch eine ganze Viertelstunde so fort, bis wir etwas wie einen Lichtschein vor uns sahen.

'Jetzt müssen wir absteigen,' sagte der Bruder. 'Jeder nehme sein Pferd beim Zügel und folge seinem Vordermanne, ohne nach rechts oder links abzuweichen. Der Pfad ist sehr schmal; er geht mitten durch tiefen Sumpf.'

Wir thaten so, wie er angeordnet hatte. Ich fühlte, daß die weiche Erde mir über den Füßen zusammenging wie Teig, und auch mein Pferd setzte nur langsam und zögernd den einen Fuß vor den andern. Das Licht wurde heller. Wir erreichten wieder festen Boden“.

[Neue Passage.] „Dabei funkelten ihre Augen vor Vergnügen, und ihr Gesicht nahm einen kindlich fröhlichen Ausdruck an, welcher einen fast zu rühren vermochte.“ Man beachte das „fast“.

Ab der „Insel der Krokodile“ kommt, verglichen mit erwähnten vorherigen Längen, wieder mehr Spanung auf bzw. wieder mehr 'Leben' in das Werk.

Als Charley von einem mit Gift präparierten Pfeil getroffen wird, gibt es vorübergehend so etwas wie Südamerika-Urwald-Abenteuerromantik, aber eben auch nur (sehr schnell wieder) vorübergehend. Ansonsten könnte das Buch auch irgendwo im sattsam [á la May] bekannten Nordamerika oder auch vielleicht in der Lüneburger Heide spielen.

Ein Kombattant bekommt schon mal einen Stich in den Oberarm, wenn er nicht so will wie der Erzähler will, solche Anwandlungen kommen immer wieder einmal durch bei May.

Dann begegnen wir Turnerstick, jenem Käpt'n, der in den Reiseerzählungen als Amerikaner Frick in Erscheinung tritt und im „Methusalem“ als Friese Heimdall, die gleiche Figur, in Bezug auf Namen und Herkunft geringfügig und vernachlässigbar variiert. In der „Hausschatz“-Fassung (im HKA-Band „In den Cordilleren“ im Anhang nachzulesen) war das die erste Begegnung der beiden, hier kennen sie sich schon, da bei Fehsenfeld ja schon „Am stillen Ocean“ erschienen war.

„Die Bekanntschaft war gemacht; was sollte da sonst noch viel gesprochen werden?“ (in Sachen Larsen), in der Tat, der Worte sind des öfteren schon recht schnell genug gewechselt.

Dann wieder 'Action'-Geplänkel, Anschleichen, debattieren, verhandeln, befreien; der Band ist über längere Strecken wirklich vorrangig eher fad. „Der zweiteilige 'Sendador' wuchert ihm unter der unlustigen Hand“, mit diesen Worten brachte Hans Wollschläger die Sache seinerzeit knapp auf den Punkt.

 

Viertes Kapitel – In der Höhle des Löwen

Kaum scheint es vorbei mit dem Hin und Her in Sachen Bolamänner, geht es schon wieder damit weiter ...

Nun soll unser Held unter die Soldaten gesteckt werden, siehe Dessauer-Geschichten u.a., eine Thematik, die damals offenbar im Bewußtsein der Öffentlichkeit präsent war.

Und ein wenig verharmlost ('das macht man halt', wiederum siehe Dessauer-Geschichten) wird das Ganze auch:

„Ist es denn in dieser schönen Gegend Sitte, sich Soldaten zusammenzustehlen?“

„Es scheint so.“

„Das ist aber doch gegen alles Völkerrecht!“

„Habt Ihr denselben Paragraphen des Völkerrechtes nicht vielleicht auch schon übertreten?

Euch also noch niemals mit Gewalt eines Matrosen bemächtigt?“

„Hm! Meint Ihr es so? Ja, in der Not frißt der Teufel Fliegen. Und wenn sie keine Lust haben, sich von ihm fressen zu lassen, muß er sie eben fangen.“

„Da habt Ihr es! ihr dürft also gar nicht über andere reden.“

„Sir, das sind ganz verschiedene Verhältnisse. Wenn meine Matrosen desertieren, so muß ich andere haben, sonst kann ich all mein Lebtage vor Anker liegen bleiben."

„Ja, da Ihr nun einmal persönlich in so einer Presse steckt, so schreit Ihr Ach und Wehe über dieselbe“.

Dann geht es zu einer Art Schloß („was uns vermuten ließ, daß wir uns am Hauptquartiere irgend eines Napoleon oder Moltke befanden“), aber, anders als bei Kafka, wird unser Mann selber hier ordentlich 'aufräumen'. Kompensation auf die Spitze getrieben.

„Er schien auf einer Karte die berühmte Gegend zu suchen, wo der Pfeffer wächst, konnte sie aber nicht finden, denn ich stand mit dem Major wohl fünf Minuten lang an der Thüre, ohne daß der Sennor General uns die geringste Beachtung schenkte. Die übrige Eskorte war draußen in der vordern Peststube geblieben.“ Respekt oder Beeindrucktsein hört sich anders an. „Es kam mir ganz so vor, als ob ich mich während der Probe eines kriegerischen Lustspieles auf der Bühne befände.“

Dann hält er dem kriegerischen Gegenüber eine ungeheure Gardinenpredigt. „Der General sah aus, als ob er ein Dutzend Ohrfeigen erhalten habe, ohne zu wissen, woher sie gekommen seien.“

Wieder ein schönes Beispiel für „gebrochene Wahrnehmung“: „Bei so einem Anblicke kann es einem unmöglich wohl zu Mute sein, und doch konnte ich mich eines Lächelns nicht erwehren. Wenn diese Kerle alle auf mich schossen, so mußten die Kugeln die Gegenüberstehenden treffen, denn alle konnten nicht in meinem Körper stecken bleiben. Gerade die Größe dieses Apparates, einem einzelnen Menschen Furcht einzuflößen, war lächerlich.“

Dann duzt er, um das Maß voll zu machen, auch den herbeizitierten Lopez Jordan. Mit einem Trick gelingt ihm vorübergehend, das Blatt zu wenden bzw. Jordan sich in ihm täuschen zu lassen, „Mir war es, als ob ich in allen möglichen Staatslotterien das große Los gewonnen hätte.“

Aber auch dieser Boden wird bald wieder brüchig, und mit seiner Wahrheitsliebe (er sagt Jordan ins Gesicht dass er ihn hinter einem Mordanschlag vermutet) hat sich der Erzähler schon so manches mal selber ins Knie geschossen; „Sennor, bewahren Sie Ihre Besonnenheit! Sie haben die Wahrheit von mir verlangt, und ich habe sie Ihnen gesagt. Wenn Sie sich durch dieselbe in dieser Weise aufregen lassen, geben Sie sich in die Gefahr, daß man schließlich doch an solches Geschwätz glaubt!“

„Ich bin nur außerordentlich aufrichtig.“ Und das ist halt leider ungewöhnlich, und die Menschen vertragen es in der Regel auch nicht. Sie pflegen sich lieber alle gegenseitig in die Tasche zu lügen, Hauptsache, die Form und die Höflichkeit bleiben gewahrt. Armes Uruguay... zu allen Zeiten und an allen Orten.

„Sennor, Sie haben einen ganz entsetzlich harten Kopf!“

Nach langem Hin und Her wird der Schauplatz des Geschehens endlich verlassen, und der Erzähler hat unterwegs Gelegenheit, den schönen Satz „Ich stehe unter keines Menschen Aufsicht“ anzubringen, wir erinnern uns an die Polizeiaufsicht in Hohenstein-Ernstthal und an „Meine Beichte“, „Es soll mich keine Polizeiaufsicht aus dem zeitlichen Gefängnisse hinüber in die ewige Freiheit begleiten“. In der Reiseerzählung darf es dann mal anders sein.

Am Ende entkommt man per Floß, und nach Hunderten von Seiten ist es auch langsam genug mit den Kabbeleien und Balgereien im Militärmilieu.

 

Fünftes Kapitel - Der Pampero

Die Intermezzi mit den Bolamännern sind nun vorbei. Wir erfahren einiges über den Fluss, der dem Band den Namen gab, und bei der Fahrt auf ihm entsteht eine reizvolle Atmosphäre.

Für schnöde Schießübungen muß der eine oder andere Alligator sein Leben lassen, seltsamerweise ist auch Pater Hilario unirritiert mit von der Partie. Andere Zeiten, andere Sitten.

Der Pampero erinnert, obwohl die Größenordnungen eigentlich wahrlich andere sind, an den Sturm auf der Mosel in „Die Liebe des Ulanen“, sowie andere Schiffsuntergangsszenarien bei Karl May.

Auch auf dem Rancho, zu dem es nun geht, stellen sich wieder die Verfolger ein. „Raubtiere giebt es hier ja nicht.“ „Aber Raubmenschen.“

Dann fängt unser Held in großem Stil an zu schauspielern und hält das über weite Strecken des Kapitels erfolgreich durch, es fällt ihm erkennbar leicht, mit Menschen zu spielen, und scheint ihm auch zu gefallen; das kommt öfter vor in seinem Werk, aber nicht in dem Ausmaß wie hier.

„Dieser Schwachkopf nahm alles für bare Münze und glaubte nun gar, mir gute Lehre geben zu können.“

Über Gomarra heißt es „Ein böser Mensch?“ „O nein. Er ist nur sehr ernst und verschlossen. Es wurde ihm ein Bruder getötet, den er sehr lieb gehabt hat. Seit jener Zeit ist er Menschenfeind.“ Es kann bei so etwas auch um anderes gehen als um einen Bruder ... (s.u.)

„Sennor, Sennor, stellen Sie sich die Sache nicht so leicht vor!“

„Das pflege ich nie zu thun. Ich male mir im Gegenteile alles schwer aus, um dann nicht enttäuscht zu werden.“ Eine gute Haltung, auch übertragbar … („Mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus, der Optimismus dessen, der nichts erwartet“; Sartre)

Mit Gomarra ist wahrlich nicht gut Kirschen essen,

„Und dieser Sennor hat meiner Mutter während des Pampero das Leben gerettet!“ 

„Das ist sehr hübsch von ihm. Sie wird sich doch auch bei ihm bedankt haben!“

„Dafür soll er gefangen werden?“

„Gefangen? Pah! Sterben muß er“

„Cielo!“

„Was giebt es da zu erschrecken? Was ist das Sterben weiter? Mancher muß fort“ …

„Ich will Ihnen nämlich sagen, daß Sie ein Dummkopf sind!", hört der Erzähler, und berichtet "Das war eine sehr überraschende Mitteilung. Meine Gefährten richteten sogleich alle ihre Blicke auf mich. Sie mochten glauben, daß ich zornig über den Sprecher herfallen werde. Das kam mir aber gar nicht in den Sinn." Bereitschaft zu - auch radikaler - Selbstkritik kann man auch so literarisch verarbeiten. Ein wenig kaschiert hier, da die Dummköpfigkeit in dem Text ja nur gespielt ist, aber es dürfte schon mehr dahinterstecken.

Und dann, bezüglich des Gegenübers: „Dieses Selbstbewußtsein ließ mich ernsthaft bleiben. Ein schlechter Mann ist derjenige, welcher nicht weiß, was er kann; freilich ein noch schlechterer Mann ist der, welcher meint, er könne mehr, als er vermag. Aber wer erwartet auch, bei einem südamerikanischen Indianer den richtigen Maßstab für sich selbst zu finden?“

Und gleich noch einmal bekommt der Erzähler Unbequemes zu hören: „Sennor, ich kann nicht anders, wirklich nicht. Sie haben aber das Pulver nicht erfunden. Das muß ich Ihnen unbedingt noch sagen, bevor ich gehe. Man hat mich wirklich über Sie belogen. Sie locken keinen Papagei vom Baume - wirklich nicht!“

„Sein Betragen bedurfte einer Verbesserung“ (Gilt wieder einem anderen). Hübsch formuliert.

„Ich bin vielleicht ein besserer Soldat als Sie, obgleich ich den Krieg und die Aufwiegelung nicht zu meinem Handwerke mache! Beurteilen Sie mich nicht falsch!“ Statt Soldat, Krieg und Aufwiegelung sind auch andere Begriffe einsetzbar.

„Nach einer halben Stunde erschien der Mond am Himmel, welch' letzterer jetzt so rein und wolkenlos war, daß man ein Wetter wie das heutige gar nicht für möglich gehalten hätte. Es war eben ein sehr nasser Pampero gewesen, der seinen Grimm schnell erschöpft hatte.“ (Wie außen, so innen.)

„Eben weil ich klüger war als Sie, schwieg ich, und eben weil ich Ehre hatte, ließ ich Ihre Beleidigungen einstweilen hingehen, weil ich wußte, daß Sie sich nun jetzt vor mir schämen müßten. Aber es geschieht Ihnen nichts, Sie gefallen mir.“ Gefallen und Nicht-Gefallen ist bei bewussten und reifen Menschen eben unabhängig von Verhaltensweisen.

„Was man in solchen Stunden denkt? Wer weiß es; wer kann es später sagen! Vielleicht hat man an sehr viel, vielleicht aber auch an gar nichts gedacht. Oft ist es ein eigenartiges Halbdunkel, in welchem sich die Seele befindet.“

„Antonio Gomarra hatte wohl Erlebnisse hinter sich, welche ihn in sich selbst zurückgetrieben hatten. Nun zeigte er eine rauhe Schale, welche aber wohl einen guten Kern in sich schloß. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen; aber es war mir, als müsse ich einen wehmütigen Zug in demselben erblicken, einen Zug, der mir sympathisch sein werde.“ „Menschenhaß aus der Fülle der Liebe“ hat Brahms vertont ...

Wir erfahren nun endgültig alles über Sendador und Pampa de Salinas, und schon wieder kommt ein mayfremdes Zitat in den Sinn, „Ich hatte mich im Hochgebirg verstiegen“, Christian Morgenstern.

„Es können Jahre vergehen, ehe sich einmal ein Jaguar dorthin verirrt, denn diese Tiere wissen, daß sie dort hungern müssen, da die Geier alles Aas sofort wegnehmen“, und noch eins, „Niemand weiß, was der Leopard in dieser Höhe suchte“, Hemingway, Schnee auf dem Kilimandscharo.

Und dann kommt die Bestätigung (s.o.) für das, was man einige Seiten vorher schon denken konnte, „Mein Bruder war mein zweites Ich und mir so lieb wie mein Leben. Damit ist alles gesagt. Es war mir, als ob ich den Schuß in meine eigene Brust erhalten hätte.“

„Ja, er muß der wahre Geronimo Sabuco sein“ (über den Sendador), schon wieder (über ein paar gedankliche Ecken) ein literarisches Äquivalent, der Täter ist der Richter (Adam).

Gomarra hält nun plötzlich nicht mehr zu Jordan, Verrat, gleichsam auf einer höheren Ebene. „Jordan ist, streng genommen, selbst ein Verräter und darf sich nicht wundern, wenn er erntet, was er gesäet hat.“

„Ich weiche und wanke nicht von Ihrer Seite“, jenseits gängiger Moral wird so etwas wie echte Solidarität und Verlässlichkeit, Loyalität und Treue möglich. „dieser Mann ist zu uns übergetreten und will seine bisherigen Kameraden in unsere Hände liefern.“ - „Diablo! Und Sie vertrauen ihm?“ - „Vollständig.“ - „Nun, ich kenne Sie als einen Mann, welcher gar wohl weiß, was er will und warum er etwas thut.“

Nicht nur ist der Mordfall aufgeklärt am Ende des ersten von zwei Bänden, es wird auch schon die Vorgehensweise angekündigt, wie man den Täter zur Strecke bringen will, es geht eben nicht primär um Abenteuer und „Spannung“ bei Karl May. Bzw., die Abenteuer, um die es bei ihm geht, sind viel spannender als jedwede 'Action' es sein könnte.

Und wieder sumpfiges Gelände, in großem Stil …

Der Frater glaubt nicht recht an die Schatz-Geschichte, bzw., denkt dass der Erzähler nicht recht an sie glaubt, wie könne er denn sonst so ruhig sein … „Es giebt verschiedenerlei Schätze. Ein Klumpen Gold oder ein kürbisgroßer Diamant ist gewiß etwas sehr Schönes; aber ein Schluck frischen Wassers, wenn man rechten Durst hat, ist noch viel besser und eine Handvoll Schlaf ist mir augenblicklich nötiger. Erlauben Sie mir also, die Augen zu schließen, mein lieber Frater!“ Der Mann ist schon recht weit … (leider nur auf dem Papier).

„Sie ritten in breiter Reihe und schienen den Sumpf gar nicht zu bemerken“, wie die breite Allgemeinheit, die pflegt ihn auch nicht zu bemerken. Und irgendwann ist dann das Geschrei groß.

Großartige Bilder gelingen ihm am Ende in diesem Kapitel, und gedanklich ist es von ungewöhnlicher Tiefe. (Wenn man es denn entsprechend liest.)

 

IN DEN CORDILLEREN

Zweiter Teil des Südamerika-Romans um den Sendador, eine der vielschichtigeren Figuren bei May.

"Der zweiteilige 'Sendador' wuchert ihm unter der unlustigen Hand" schrieb Hans Wollschläger; in der Tat, schon im ersten Band mußte der Geduldsfaden des Lesers zwischenzeitlich manchmal beträchtliche Länge aufweisen, und zu Beginn des zweiten fallen Merkwürdigkeiten ins Auge ... Da taucht dieser Pena auf, von dem nie zuvor die Rede war, und der Erzähler schreibt so als sei dieser dem Leser längst vertraut. Nun, da mag noch eine Streichung (im ersten Teil) seitens dusseliger Redakteursschlauberger vorliegen, aber als dann kurz darauf ein Dialog über mehrere Seiten von einem Dritten in wörtlicher Rede wiedergegeben wird, mit allen Ahs und Ohs, fragt man sich wirklich, ob weder Autor noch Redaktion gemerkt haben, wie unrealistisch das ist und wie hingeschludert das wirkt.

Fragen der Moral werden in diesem Band seitens des Ich-Erzählers differenziert angegangen. Und mit dem Sendador befindet er sich eine ganze Weile in erstaunlich gutem Einvernehmen, als er längst weiß, was der so auf dem Kerbholz hat. Am Ende hängen beide in einer atemberaubenden Szene über dem Abgrund, und Charly erwacht nach anschließender Besinnungslosigkeit im Schoß des Bruder Jaguar.

Zwischendrin viel Längen, viel Gewurschtel hin und her, wie im vorangegangenen La Plata-Band. - Schön die Passagen um den Eremiten in der Wildnis, eines der Mayschen Menschenbilder von außergewöhnlichen Einzelgängern, auch dieses Thema hat ihn lebenslänglich begleitet.

Insgesamt eines der schwächeren Bücher.

 

Erstes Kapitel – Im Gran Chaco

Interessant der Dialog mit Gomez zu Beginn, unter anderem sozusagen über Krieg und Frieden.

Gomez und Gomarra, freundschaftlich gesonnene und ebenso auch durchaus eher freundschaftlich wahrgenommene Wesen aus dem letzten Kapitel von „Am Rio de la Plata“, mutieren zu Gegnern, Gomarra zwischenzeitlich gar zum Todfeind, so ist das im Leben, alles fließt, auf nichts (ggf. auch großzuschreiben …) ist Verlaß, und Sicherheit ist nirgends (siehe Schnitzlers schon des öfteren zitierten Spruch, der so trefflich zu Karl May paßt).

Dann platzt oder fällt der bis dahin völlig unbekannte Pena in die Handlung, im „Rio“-Band wurde der Name einmal kurz erwähnt, ansonsten weiß der Leser überhaupt nicht worum es geht, dem Erzähler scheint der Mann indes bestens bekannt zu sein. Da hat vermutlich wieder einmal irgendein neunmalkluger Redakteur irgendwo etwas gestrichen, was ihm entbehrlich schien, und so den Gesamtzusammenhang unerkennbar werden lassen.

Es kann freilich auch eine Schlamperei á la May vorliegen, er scheint zur Zeit der Niederschrift dieses Werkes nicht immer so recht auf der Höhe gewesen zu sein; einen langen Dialog über mehrere Seiten (kurz darauf) mit allen Ahs und Ohs von einem Dritten wiedergeben zu lassen, dazu gehört schon eine ordentliche Portion gedankenlose Hemdsärmeligkeit.

„Die Sprache des Grases ist eine sichtbare und nicht eine hörbare“ könnte z.B. aus einem heimisch-ehelichen Dialog entnommen sein, wobei ergänzend hinzugefügt sei, dass nicht nur die einen weder etwas hören noch etwas sehen und die anderen es halt sehen können, sondern darüber hinaus zusätzlich ggf. durchaus auch noch hören. Das Gras wächst ja auch, nur hört oder sieht es halt nicht jeder.

„Erst die Worte, welche er uns dann noch aus der sichern Ferne zurief, daß er unsere Frauen mit den Indianern verheiraten und die schönsten unserer Töchter für sich selbst behalten werde, während uns hier die Krokodile auffressen würden, enthüllten seine Absicht.“ Mit dem Mann ist ganz offensichtlich nicht gut Kirschen essen.

„Eine Viertelstunde ruhiger Ueberlegung bringt später Stunden und wohl gar Tage ein, wie ich oft erfahren hatte.“ Im Alltag ist indes oft von früh bis spat ganz im Gegenteil eine hirnrissige Gschaftlhuberei wahrnehmbar; der Grund wird sein, dass sich die Leut’ halt wichtig fühlen möchten, sich spüren möchten. (Sie spüren sich wenn sie viel Wind machen und den ganzen Tag [mit laut klappernden Absätzen] hin und her rennen und Aufhebens machen, anstatt vielleicht einfach nur mal kurz nachzudenken und alles ganz in Ruhe zu machen, ginge durchaus auch, wäre aber ja vermutlich reizlos für sie, was haben sie denn dann noch sonst …)

„Harrico versicherte, daß sie treue Leute seien, welche sicher nicht mit ihm unter derselben Decke spielten“, gelegentlich rutschen ihm wirklich urige Formulierungen durch. Ohne sie wäre der Text durchaus ärmer. (Im grünen Band ist er um einiges ärmer, sei nebenbei angemerkt, da stehen die zuletzt wiedergegebenen Zitate gar nicht drin.)

Pena heißt (übersetzt) Kummer und kommt aus Deutschland, das passt.

Die erste Begegnung mit dem Sendador verläuft (oberflächlich betrachtet) anscheinend recht unspektakulär. „Dieser schaut dir bis in das tiefste Herz“ wird letzterem immerhin über den Erzähler gesagt. Und das kurz darauf seitens des Erzählers geäußerte „Der kleine Rest von Gefühl, welchen Sie damals noch besaßen, empörte sich doch dagegen, diesen Mann zu ermorden“ scheint diese These durchaus zu bestätigen.

„Sie gefallen mir“ sagt der Erzbösewicht zum Erzähler, und das beruht offenbar, zumindest teilweise und natürlich eher durchscheinend als klar geäußert, auf Gegenseitigkeit. Wir (die des zwischen den Zeilen lesens einigermaßen mächtigen sind gemeint) kennen das schon z.B. in Sachen Abu Seif und einigen anderen.

„Sind Sie bereit, den Zug in die Berge mitzumachen, auch wenn Sie überzeugt sind, daß ich ein Mörder bin?“

„Auch dann. Ich bin nicht als Richter über Sie gesetzt.“

„Das ist sehr vernünftig!“

„Verstehen Sie mich nicht falsch! Es ist mir nicht gleichgültig, einen Verbrecher oder einen straflosen Menschen vor mir zu haben; aber ich interessiere mich ungemein für die Angelegenheit und bin außerdem überzeugt, daß Sie Ihrer Strafe mit Geschwindigkeit entgegen gehen.“

Der Erzähler lässt den Mann vorübergehend tatsächlich laufen. Seine Betrachtungsweise ist wirklich recht differenziert und bewegt sich jenseits gängiger Pfade.

Zimperlich ist er auch nicht, gelegentlich fließt das auch ins Vokabular ein: „Erst jetzt erkannte ich, wie unvorsichtig es von uns gewesen war, so offen und weithin sichtbar am Feuer zu sitzen. Die Indianer hätten uns alle einzeln mit ihren Pfeilen wegputzen können“; „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir behalten diese beiden Männer als Geiseln bei uns. Geschieht uns nichts, so lassen wir sie frei, wenn wir hier fortgehen. Haben wir aber im geringsten zu klagen, so stechen wir sie nieder und rotten auch euch aus“, wer solches wegbearbeitet, will wohl nicht wahrhaben, dass der vermeintliche Friedensapostel May auch solche 'Farben' in sich hat.

„Dabei stellte sich heraus, daß ihre Heldenthaten nur darin bestanden hatten, daß sie mit den Köpfen an die Bäume gerannt waren und sich die Hände und Gesichter an den Büschen zerrissen hatten, ohne einen Zipfel des Sendador zu sehen oder einen Hauch von ihm zu hören“, es macht ihm sichtlich Spaß, dass er den Sendador hat entkommen lassen, und die rechtschaffene Empörung wie den Aktionismus der anderen vermag er offenbar auch nicht recht ernst zu nehmen.

Manchmal scheint er indes irgendwie gar nichts ernst zu nehmen, „Sie wurden so zutraulich, daß wir die Erlaubnis zur gleichzeitigen Anwesenheit aller gaben, was sie in solche Freude versetzte, daß sie, um uns ihre gute Gesinnung zu beweisen, alle ihre vergifteten Pfeile in das Feuer warfen“, so etwas liest sich, als nähme er sich selbst bzw. seine ganze Abenteuergeschichtenschreiberei auf den Arm.

„Die gute Stimmung mußte ausgenutzt werden. Auf meinen Rat wurde Zucker, Rum und anderer Branntwein hervorgesucht und in den auf dem Wagen mitgebrachten Feldkesseln ein tüchtiger Grog gebraut, dessen Genuß die Roten so entzückte, daß die beiden Kaziken, deren Fesseln wir gelöst hatten, den Ansiedlern den Vorschlag machten, mit ihnen ein heiliges Schutz- und Trutzbündnis zu schließen, was natürlich sehr gern angenommen und unter dem gebräuchlichen und bindenden Ceremoniell vollzogen wurde.

Nun waren die vorherigen Feinde in sichere Freunde umgewandelt. Die Roten sahen ein, daß ein langer, steter und freundlicher Verkehr mit den Weißen, welche vielleicht für immer da blieben, ihnen mehr Nutzen bringen werde, als eine einmalige Beraubung derselben, und dachten nun gar nicht mehr daran, nach dem Sendador zu suchen und sich zur Ausführung seiner Pläne herzugeben.“ Pragmatismus allerorten.

Feinde werden zu Freunden, Freunde zu Feinden. „Vorhin hatte ich gar wohl bemerkt, daß die Gründe, welche Pena in so ruhiger Weise gegen mich vorbrachte, bei meinen Gefährten Wurzel faßten. Aber wenn sie durch dieselben beinahe zu der Ansicht bekehrt worden waren, daß er recht und ich unrecht hatte, so brachte jetzt das wütende Verhalten Gomarras sie wieder auf meine Seite.“ Menschen werden als beliebig manipulierbare Masse wahrgenommen, will sagen, als das was sie [auch; unter anderem] sind.

Bei der späteren Begegnung mit dem Sendador fällt erneut auf, dass das Verhältnis der beiden bei aller Gegnerschaft von gegenseitigem Respekt, Offenheit und Ehrlichkeit geprägt ist. „Daß Sie es ehrlich meinen, das glaube ich“, „Also, den Tod konnten Sie davon haben? Das merke ich mir, Sennor! Sie sind für Ihren Feind ein höchst gefährlicher Kerl; aber daß Sie ein gegebenes Wort halten, weiß ich ganz genau.“

Gomarra, mittlerweile 'abgemeldet', wird (seitens des Erzählers !) als „Ungeziefer“ bezeichnet, das „ein zähes Leben“ habe (nach einem Kolbenhieb - des Erzählers). Ja, auch das ist Karl May. Der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihn auf den Hut. (Zitate bitte in Anführungszeichen sowie mit Quellenangabe und Seitenzahl. Nicht doch, wir sind ja hier unter uns.)

Dann, um den Proporz zu wahren, noch ein paar nette Kalauer, „Wir waren kaum zwei Stunden unterwegs, so begann es zu regnen, und zwar so, wie es in jenen Gegenden immer regnet, nämlich gießt“, „Wir begannen nun auch hier Kreise zu schlagen, fanden aber, um den Ausdruck zu gebrauchen, nicht die Spur von einer Spur.“

Die beiden Fußgänger in ihrer Unbeholfenheit am Schluß erinnern ein wenig an die aus dem „Silberlöwen“ (im dritten Band), schlechtes Wetter gibt es auch, Chaos und Verwirrung. Aber die Hoffnung bleibt auch immer dabei, „Ich zweifle nicht daran, daß uns der Himmel einen Fingerzeig giebt, der uns auf den richtigen Weg leitet!“

 

Zweites Kapitel – Der alte Desierto

Noch lange sind unsere Freunde zu Fuß unterwegs, aber man ist nicht zimperlich. In der Not frisst der Teufel Fliegen, oder Pena tote Eichhörnchen im Rohzustand. Watt mutt datt mutt, man hat’s halt nicht immer nett im Leben, aber man kann schon zurechtkommen.

Kummer und May werden in Indianerauseinandersetzungen hineingezogen, etwas exotischere Klänge diesmal, Mbocovis und Tobas, aber Namen sind auch hier Schall und Rauch und die Erscheinungen und Mechanismen letzten Endes immer die gleichen.

„Wir schritten trotz der Dunkelheit aus, als ob wir wochenlang ausgeruht hätten. Es ist erstaunlich, welche Macht der Geist über den schwachen, müden, ja erfahrungsgemäß sogar über den wirklich kranken Körper hat! Meine vorher so steifen Beine waren plötzlich ganz gelenkig und die hohen Stiefel, welche mir zentnerschwer an den Füßen gehangen hatten, waren federleicht geworden.“

Das Versteck im Urwald, der Auftritt des Desierto, beeindruckende Passagen.

„Ein Roter wiegt bei mir mehr als zehn Weiße, die sich im Gran Chaco nur in der Absicht herumtreiben, die Indianer gegen einander aufzuhetzen und dabei ihren Vorteil zu finden. Ich leide und dulde keinen Weißen hier bei uns. Sie alle sind Spitzbuben und noch Schlimmeres.“ Der Mann (ein Weißer, aus Deutschland) hat, scheint’s, so seine Erfahrungen gemacht …

Der Erzähler spricht von ihm als „diesem Manne, welcher in seinem blinden Mißtrauen gar nicht prüfte“, er selber wird das gut gekannt haben. Es sind immer alles mehr oder weniger Spiegelungen, was einem im Außen begegnet.

Einen Garten gibt es auch (Hermann Wohlgschaft hat sich in einem Artikel im Jahrbuch der KMG 2008 sehr schön zur Gartenthematik bei Karl May geäußert), „Wir befanden uns nämlich in einem - - Garten, ja in einem regelrecht angelegten und sorgfältig gepflegten Garten mit Gemüsebeeten, Beeten, auf denen Melonen gezogen wurden, Beeten mit allerlei Blumen und Blüten. An ihren Rändern standen blühende Rosenstöcke. Ganz im Hintergrunde lag ein hölzernes, schuppenartiges Gebäude, und an jeder Ecke gab es eine Laube.“

„Er ist jedenfalls ein Ascet, der das Leben von der strengsten Seite zu nehmen scheint. Und nun dieser Blumenflor, diese Lauben, und - sehen Sie, diese Aussicht!“ Es ist eben keiner, um es simpel auszudrücken, nur so oder nur so, sondern jeder sowohl [dieses] als auch [jenes]. Wir erinnern uns an das schöne Wort vom Flickenteppich.

Unica, eine Taube des Urwalds … (vgl. in Deutsche He. und He.) Die dunklere Variante.

„Ich hasse ihn!“ sagt sie, und der Erzähler konstatiert wunderbar in trockener Kürze:

„Da täuschte sie sich. Sie liebte ihn noch.“ „Und wenn sie ihn jetzt gesehen hätte, dort drüben an der Lagune, so wäre ihr Gesicht wohl nicht so zornig geblieben, wie es jetzt war.“ So ist das, gelegentlich wissen andere besser bescheid als einer selber.

„In sogenannter feiner Gesellschaft hätten wir eine Generalpause vermeiden müssen; hier aber durften wir uns ganz nach unserer Stimmung verhalten.“ Der Erzähler weiß schon, warum es ihn immer wieder in Urwälder, Wüsten und zu den „Wilden“ zieht … Ggf. auch zu den Aussätzigen (in der Erzählung in der sie im Titel stehen), immer noch besser als künstlich aufgesetztes 'höfliches' Gekasper aller Art.

„Ich habe sie kennen gelernt, in San Antonio, wohin der Tio mich that, damit ich eine Dame werden solle“, wir erinnern uns an Nscho Tschi.

„Also hat es Ihnen in San Antonio nicht gefallen?“

„Nein. Und dennoch wäre ich geblieben, wenn die Menschen gut gewesen wären. Sie waren freundlich, und hinter dem Rücken sprachen sie Schlechtes von einander. Alle waren falsch, und alle waren schlecht. Ich bin entflohen.“

Zu ergänzen ist, dass die Mitmenschen in San Antonio und anderswo auch Wert darauf legen, dass man freundlich ist, aber nicht darauf, dass man aufrichtig ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und so geht mancher lieber in den Gran Chaco ins Versteck, und sei es innerlich.

Drei Deutsche sind es, die sich da unten im tiefsten Südamerika unterhalten, der Erzähler, Pena (Kummer), und der Einsiedler (Winter); wie hieß es doch bei Büchner, den Winter im Herzen („Er war so alt unter seinen blonden Locken …“).

Aber Wein und Zigarren genießt man auch, dort im finsteren Walde, es ist ja nicht so, dass es keine Lebensfreude gäbe „trotz alledem“.

Und diese traute heimatliche Idylle wird auch gleich wieder gebrochen, „Deutschland hoch“ schreien angeblich die Indianer, aber:

„Die Rotte Korah brüllte noch immer ohne Aufhören. Eine der Silben klang beinahe wie „hoch“; aber wehe dem armen „Deutschland“; was war aus ihm geworden! Kein einziger dieser Soldaten, und keine einzige der Amazonen konnte das Wort richtig aussprechen, und je länger sie es schrieen, desto mehr veränderten sie es. Der Doppellaut eu und die Vokale a und o blieben, aber die Konsonanten wurden in die so schwer auszusprechenden indianischen Gaumenlaute verwandelt.“

Da soll noch einer sagen, Karl May habe nicht auch schon vor der Jahrhundertwende „symbolisch“ geschrieben …

Er mag Kinder, unser Karl May, immer wieder mal kommt das durch. „Ich folgte diesem Beispiele und hatte sehr bald auf jedem Knie ein rotes Knirpslein hocken, welche beiden hoffnungsvollen Zappelmänner sich solche Fleischstücke in den Mund steckten, daß zwar nicht ihnen, destomehr aber mir vor Angst der Atem verging.“ Auch wenn man selber mit so etwas eher wenig 'am Hut' hat, es ist sympathisch, in seiner menschlichen Art ...

„Es war mir trotz der fremdartigen Umgebung so zu Mute, als ob ich mich daheim befände“, nun, das ist in keinem Buch Karl Mays anders. Und zu Beginn des letzten Kapitels von „Und Friede auf Erden“ hübsch veranschaulichend erklärt.

Am Ende gibt es, wie schon im Schlusskapitel vom „Rio“, eine größere Schauspielereiaktion über mehrere Seiten, an so etwas scheint er zu „Sendador“-Zeiten Freude gehabt zu haben.

 

Drittes Kapitel - An der Laguna de Carapa

Die Schauspielerei größeren Ausmaßes geht weiter, der „Schwiegersohn“ wird erfolgreich an der Nase herumgeführt. Das geht wiederum nicht ohne Längen ab, wie des öfteren in diesem Werk. Die These, dass die Längen damit zu tun haben könnten, dass Karl May im „Sendador“ halt Vergangenheits- und Konfliktbewältigung größeren Stils betrieben habe und ihm das eben nicht immer so leicht gefallen sei, ist interessant.

„Welch ein Thor sind Sie!“ lachte der Yerno. „Sie meinen, weil er als fromm bekannt ist?“ „Ja.“ „Das sind die Schlimmsten!“ Auch ein nettes Dialogfragment.

Und auch das verdient Beachtung:

"Sennor, ich muß gehorchen. Aber wissen Sie vielleicht - -"

„Nun, was?“

„Daß Sie es gar nicht verstehen, mit einer jungen Sennorita umzugehen?“

„Das weiß ich leider schon längst.“

Nicht immer lässt unser Erzähler so offen durchblicken, dass er ein so toller Hecht nun eben auch nicht ist …

Indianer und andere Exoten wirken ja des öfteren recht deutsch bei Karl May, nicht immer wird es so deutlich gesagt wie hier: „Dieser Einzige stand an der Thüre und sah nach dem Wetter aus, gerade wie ein deutscher, civilisierter Spießbürger des Morgens seinen Kopf aus der Thüre steckt, um zu erfahren, ob es Sonnenschein oder Graupelwetter geben werde.“ - Ob das dem „Hausschatz“-Durchschnittsabonnenten gefallen haben wird ?

Und dann geht es gehörig zur Sache, Karl May erweist sich als ein Befürworter des Folterns, wenn es denn der Wahrheitsfindung dient, „Nach dem sechzigsten Hiebe bestand sein Rücken aus blutigen Fleisch- und Kleiderfetzen“, und damit nicht genug, die „Tropfhütte“ muß auch noch her. Ein Hang zum Sadismus ist hier wirklich unübersehbar. Als es immer noch nichts wird mit dem Geständnis, obwohl der Delinquent schon sozusagen dem Wahnsinn nahe ist, geht man erst einmal gemütlich frühstücken … Da werden einige Herrschaften noch einiges wegzubearbeiten haben, wenn sie den armen May neuerlich als Kinder- und Jugendbuchautor verbraten wollen, es gibt ja mehr als genug Ideen in diese Richtung.

„Und ein Mörder! Das ist auch wahr, Herr! Fürchten Sie sich nicht vor mir? Verabscheuen Sie mich nicht?“

„Das fällt mir nicht ein! Gott hat mich nicht zum Richter über irgend einen meiner Nebenmenschen gesetzt. Ich bin wohl ein noch größerer Sünder als Sie und kann mich an Stärke der Reue nicht mit Ihnen vergleichen.“

Letzteres sagt der Erzähler, ohne weitere Begründung übrigens, aber er wird schon wissen wovon er spricht. Sein Gegenüber (seine Spiegelung im Außen) ist „so verbittert, daß es war, als ob mein ganzer Körper nur aus Galle bestehe.“

Dann widmet man sich (nach Frühstück und Gespräch) wieder dem Gefolterten,

„Ich sah es wohl, und es that mir trotz seiner Schlechtigkeit wehe. Dennoch zog ich das Gefäß wieder in die richtige Lage, so daß das wenige Wasser, welches sich noch in demselben befand, wieder auf seinen Kopf zu tropfen begann. Er fuhr trotz der Fesseln zusammen, als ob er einen Keulenschlag auf den Schädel erhalten habe, und brüllte erschrocken auf:

„Heiliger Himmel! Schon wieder! Was habe ich denn gethan? Gnade, Gnade!“

„Wir sind noch nicht fertig,“ antwortete ich.“

Man ist froh, als das dann endlich vorbei ist, ähnlich wie bei der Tötung Rattlers in Winnetou I.

Auch der spezifische Humor kommt aber nicht zu kurz in diesen Bänden,

„Der Signalist aber setzte ab, holte tief Atem, drehte sich um und blickte mich an, um zu sehen, welchen Eindruck seine bambusrohrige Leistung auf mein empfängliches Gemüt hervorgebracht habe. Ich nickte ihm lächelnd zu, worüber er so in Entzücken geriet, daß er sofort mit dem Munde den erwähnten dunklen Krater abermals bildete und nun zu tuten begann, daß man hätte meinen mögen, die drei Elemente wälzten sich kunterbunt durcheinander in dem vierten, nämlich in der Luft herum. Vier oder fünf solche Signalisten hätten wohl eine Mauer umblasen können.“

„Bambusrohrige Leistung“ … Als Sprachschöpfer ist May immer wieder gern gesehen bzw. gelesen.

„Er pustete und blies, daß ihm die Backen platzen wollten, und hielt dabei sein Auge auf mein Gesicht geheftet. Ich nickte ihm unausgesetzt meine Bewunderung zu. Er erkannte, daß er in mir eine quarten- und quintenverwandte Seele gefunden hatte und geriet vor Freude darüber so in Ekstase, daß ich mich schließlich abwenden mußte, aus purer Angst, daß er sich die Haut vom Körper losblasen und dann mit samt der Pfeife als Luftballon in die Wolken gehen werde. Glücklicherweise wurde ich bald von anderer Seite in Anspruch genommen.“

Der Erzähler lässt sich von Pena anraunzen „Sehen Sie das nicht ein, Sie überaus kluger Mann?“ und konstatiert trocken „Er hatte recht, und ich gestand dies aufrichtig ein.“ Es geht ja auch nicht ums Rechthaben, um Gewinnen, sich durchsetzten usw., auch wenn viele das anders sehen weil sie es offenbar nur so sehen können, May bzw. der Erzähler sieht es hier ganz richtig, und gesteht, wenn es angezeigt ist (nur war es eben nicht allzu oft angezeigt bei ihm) Fehler umstandslos ein.

Und gleich noch einmal, „Und das war abermals ein Fehler, ja sogar eine unverzeihliche Dummheit von mir.“

„Einige Zeit später bemerkten wir, daß sie sich paarweise hervorwagten. Sie krochen an der Erde nach ihren Toten und Schwerverwundeten hin, um dieselben in das Lager zu holen. Auch auf diese Leute wurde geschossen, ohne daß wir Einhalt thaten. Es mag das als hart und wenig menschlich erscheinen; aber in unserer Lage galt es vor allen Dingen, den Mbocovis zu zeigen, daß wir nicht beabsichtigten, Scherz zu treiben. Dadurch, daß wir jetzt so streng wie möglich waren, konnten wir es erreichen, später Milde walten zu lassen.“ Je nun. In diesen Bänden ist er wirklich für allerhand Merkwürdigkeiten offen (und spätere Bearbeiter, die dies verschleiern wollten, hatten allerhand zu tun; es ist insbesondere in „In den Kordilleren“ sehr viel).

„Es waren zwei sogenannte Sauschüsse. Ich habe mitten in die Menge gezielt und mußte also irgend wen treffen. Mein Zweck ist aber erreicht, denn jedenfalls sind die Kerle nun überzeugt, daß sie vor unsern Kugeln nicht sicher sind. Ich hoffe, daß sie sich bald ergeben.“

Dann hat er nach langer Zeit endlich sein (namenloses) Pferd wieder, das sich noch weit mehr freut als er selber, „Die Folge war, daß er vor Freude rein außer Rand und Band geriet. Er rieb und stieß mich mit dem Maule von allen Seiten, stieg vorn empor, schlug hinten aus, rannte eine Strecke davon und dann rund um mich herum, kehrte zurück, um mich zu lecken, schlug die tollsten Capriolen, kurz, er war vor Freude außer sich.“

Spurenlesen mit Unica, endlich einmal ein verständiges Wesen, das die Interessen unseres Erzählers teilt, ja wo gibt es denn das. In Südamerika vielleicht, und vergeben.

Mit der vertrackten Psychologie von Kinderhirnen scheint er sich auch auszukennen, „Der Junge hatte es auf das herabtropfende Fett abgesehen. So oft ein Tropfen fiel, fing er ihn mit der Hand auf, brüllte dann vor Schmerz, weil das Fett natürlich brennend heiß war, leckte die Hand ab und hielt trotz des empfundenen Schmerzes den nächsten Tropfen doch wieder an. Um dem Kleinen einen praktischen Fingerzeig zu geben, fing ich mit dem Gewehrkolben einen Tropfen auf, leckte ihn ab und nickte dem Buben zu, sich in derselben Weise eines Gegenstandes zu bedienen. Er schüttelte den Kopf, lachte mich aus und hielt die Hand wieder hin, um wie vorher abwechselnd zu heulen und zu lecken. Das Verbrennen seiner braunen Fingerchen schien ihm ganz dasselbe Vergnügen zu machen wie das Ablecken derselben; das Heulen war einfache Zugabe zum Fett.“ Und es scheint ihm nicht zu missfallen, je nun, was den einen aufs heftigste abstößt (nicht explizit diese Szene, aber [entfernt] vergleichbare Beobachtungen in Supermärkten und Fußgängerzonen), findet der andere offenbar irgendwie ganz nett.

Unica soll eventuell mit nach Deutschland; wird er sie gar dem Herrn Horn (!) auf Dauer ausspannen wollen oder diese Möglichkeit hier zumindest zwischen den Zeilen andeuten ?

Heimatliche Annehmlichkeiten nach dem Geschmack des Erzählers finden wir einmal mehr in exotische Gefilde verlegt, „Außerdem darf es Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen die schönste Wurst anbiete. Ich habe meinen Roten das regelrechte Schlachten, Wurstmachen, Pöckeln und Räuchern gelernt. Einen gut verpackten geräucherten Schinken lege ich Ihnen auch bei, und ebenso können Sie einige Steinkrüge voll der besten Butter haben. Sie sehen, daß wir hier in leidlich civilisierten Umständen leben.“

Und am Ende tanzen sie Walzer bzw. versuchen das zumindest, wie vielleicht in der Dorfschänke irgendwo in Sachsen, „Wir drehten uns zu der gar nicht passenden Musik einigemale im Kreise herum und setzten uns dann wieder nieder. Wir hatten gar nicht beabsichtigt, ein Beispiel oder Vorbild zu liefern. Darum waren wir höchst überrascht, als die Roten sich anfaßten und nun auch zu Paaren im Kreise schwenkten. Aber wie! Es war ein wahres Wunder, daß die Beine nicht davonflogen.“

 

Viertes Kapitel - Auf der Isleta del Circulo

Zum Abschied noch einmal die Musikantenklamottenkomik, „Er griff nämlich sein Rieseninstrument, welches in der Ecke lehnte, spitzte den Mund, formte ihn zu einem weiten, runden Schlauch, legte ihn an das Loch der Pfeife und begann zu blasen, daß sein Gesicht blau, mir es aber rot und violett vor den Augen wurde. Er wollte, ehe wir auf Nimmerwiedersehen voneinander gingen, mir noch einmal den Genuß bereiten, den er für den höchsten des Erdenlebens hielt. Ich hörte ihm zu, bis ich glaubte, Einhalt thun zu müssen, da er sonst unbedingt zerplatzen werde, und gab ihm einige Stücke kleiner Münzen, über welche er so erfreut war, daß er die Pfeife sofort wieder an den Mund setzte. Ich aber machte mich mit der Gänsehaut, welche er mir angeblasen hatte, auf das schleunigste von dannen.“

Und das „Lebt wohl - lebt wohl - lebt wohl!“ gerät wieder, wie (siehe weiter oben) das Deutschland-Lob, recht verzerrt, und das dürfte wiederum gleichnishaft zu sehen sein, „Das sollten uns die streitbaren Helden zu- und nachrufen. Sie thaten es auch; aber anstatt der Worte 'lebt wohl' vernahm ich ein unentwirrbares Gemisch der schrecklichsten Konsonanten, zwischen denen nur das e und o, also die Vokale der beiden Worte, deutlich hervortraten.“ Man mag das für übertrieben halten, aber da ist einmal mehr die typische Maysche Weltsicht durchzuschmecken, a.) das Leben als eine Art absurdes Theater, b.) das (letzten Endes) Nichtzustandekommen wirklicher Kommunikation; allenfalls Überschneidungen gibt es, und selbst die kommen gelegentlich noch ziemlich verzerrt daher.

Dann trifft man auf einen „Irren“, dem man helfen mag, „Das ist schlecht von ihnen! Möchtest du nicht lieber bei Leuten wohnen, welche dich lieb haben und dir alles geben, was du nötig hast?“ - „Das möchte ich wohl; aber es giebt keine solchen.“ Da hat der Mann allerdings wirklich so etwas wie einen sehr lichten Moment.

Pena gibt dem Erzähler wiederholt kontra, „Ich habe wiederholt gegen Ihre berühmte Humanität geeifert, doch stets umsonst. Und Sie müssen mir zugeben, daß Sie stets, gelinde ausgedrückt, Unannehmlichkeiten davon gehabt haben.“ Dabei ist in diesem Band gar nicht der Eindruck allzu großer Humanität auf Seiten des Erzählers entstanden ...

Wieder das Abenteuer-Einerlei, Inseln, umzingeln, anschleichen, befreien, das alles ist immer wieder das gleiche, andere Dinge sind es, die May-Lektüre interessant machen.

Die Gefährten werden befreit, allerdings geben sie in diesem Band auch weiterhin allenfalls eine Art verzichtbare Staffage ab. Zum Turnerstick z.B. ist ihm diesmal wirklich nahezu überhaupt nichts eingefallen, der hätte nicht unbedingt mitreisen müssen.

„Das Wort brach ihm auf der Zunge entzwei“, auch nicht schlecht.

Und dann bringt er den armen Mann auch noch gezielt in Irritation (ohne dass das gesagt wird), „Ich kenne sie so gut, daß sie mit mir nach Deutschland reisen will.“ Und lässt das so im Raum stehen, Nein, das ist nicht nett.

Dieses vierte Kapitel ist für Maysche Originalausgabenverhältnisse recht kurz, und daher fällt auch die Berichterstattung darüber entsprechend aus.

 

Fünftes Kapitel – Gottes Gericht

Und nun sind wir im Hochgebirge, die Cordilleren werden also im letzten Fünftel des Buches doch noch erreicht.

Mit Gomarra wird umgegangen bzw. von ihm gesprochen, als sei sozusagen nichts geschehen, man blättert etwas überrascht zurück und stellt fest, zuletzt wurde er als „Ungeziefer“ bezeichnet und seitens des Erzählers fast erschlagen.

In Sachen Sendador ist der Effekt eher umgekehrt, da wundert man sich, was für feindselige Töne da plötzlich auf beiden Seiten angeschlagen werden, war doch das Einvernehmen der beiden Hauptpersonen vorher eher einigermaßen freundlich, soweit den Umständen entsprechend möglich.

„Diese Scenerie war hochromantisch“ heißt es beiläufig über äußere optische Eindrücke, unser Erzähler hat schon Schilderungen hinbekommen, in denen er erkennbar mehr bei der Sache war.

„Es war, als wisse ich ganz genau, daß er sich nicht umdrehen werde.“ Ist das nun schriftstellerischer Pragmatismus oder Wiedergabe einer Empfindung ?

Diesmal sind zwei klassische Schlußapotheosenorte sozusagen verknüpft, Höhe und Salzsee.

Mit Gomarra gibt es wieder Ärger, „Oho! Wollen Sie abermals mit mir anbinden?“

„Fällt mir nicht ein. Mit Menschen Ihresgleichen binde ich nicht an“, eine im Prinzip gute Haltung. Kurz darauf folgt noch ein „denn wer das Leben eines Chiriguano nicht achtet und doch selbst ein Roter ist, der verdient auch den Atem nicht“, da kann man sich wieder fragen, ob ihm diese unausgesprochene aber enthaltene ein wenig fatale differenzierte Abstufung bewusst ist oder nur so herausgerutscht (aufs Manuskript …)

Und dann begegnen sie sich wieder, Sendador und Erzähler, und von Todfeindschaft merken wir erstmal nichts,

„Es war ein eigenes Gefühl, welches ich empfand, als ich diesen Mann hier nun abermals erblickte, ein abgehetzter, dem Tode geweihter Verbrecher, welcher bei Gott keine Gnade sucht und bei den Menschen keine findet.

Er trug den rechten Arm in einer improvisierten Binde. Als er vor mir stehen blieb, blickte er mir mit scharfen, finsteren Augen in das Gesicht, als ob er mein Inneres ganz durchdringen wolle. Ich muß gestehen, daß es mir herzlich leid um ihn that. Was hätte dieser Mann bei seinen hohen Gaben, wenn er auf dem rechten Wege geblieben wäre, sein können, und was war er geworden, da sein Fuß die Irrwege des Verbrechens betreten hatte! Bei den Verhältnissen des Landes, in welchen er lebte, hätte er es zu hohen Ehrenstellen bringen können; nun aber stand er vor mir als ein ebenso gehaßter wie gefürchteter Verbrecher, dem keine Gnade gegeben werden sollte, welcher vielmehr dem baldigen und gewaltsamen Tode entgegen ging. Es erfaßte mich eine unbeschreibliche, milde Regung. Wäre es jetzt auf mich angekommen, wahrhaftig, ich hätte ihn gegen das Versprechen der Besserung laufen lassen.

'Da haben wir uns ja wieder,' sagte er mit ungewisser Stimme und indem er zu lächeln versuchte, aber nur eine krampfhafte Verzerrung des Gesichtes hervorbrachte.“

Und dann, nach weiterem Hin und Her, der Absturz; alle sind sie gegen ihn, aber der Erzähler setzt seinen Kopf durch, den verlorenen Mann aus seiner furchtbaren Lage retten zu wollen.

Selbst wenn man weiß wie es ausgeht und die Szene schon (vielleicht mehrmals) gelesen hat, das Folgende ist atemberaubend. Eine der beeindruckendsten Stellen in Mays Gesamtwerk. Diesmal haut es schließlich auch den Erzähler um, er wird bewusstlos, und erwacht anschließend mit seinem Kopf im Schoß des Bruder Jaguar.

„Er sah, daß ich die Augen öffnete, stieß einen Jubellaut aus, hob meinen Kopf empor und küßte mich auf Stirn, Mund und Wangen, nicht darauf achtend, daß seine Freudenthränen mir das Gesicht befeuchteten.

'Sie leben! Sie leben!' rief er dabei. 'Dem Allgütigen sei dank! Welch ein Unternehmen ist das gewesen! Nie, niemals wieder werde ich in so etwas willigen! Ich sah den Stumpf zur Tiefe stürzen und Sie an einer Hand am Seile bangen. Es war fürchterlich!'

Er legte die Hände über die Augen und schluchzte laut; er, der starke, vielerfahrene Mann! Auch die andern waren tief ergriffen und hatten Thränen in den Augen. Der Yerbatero umarmte mich, als ich mich erhoben hatte; ich wurde, sozusagen, von einer Brust an die andere genommen. Zuletzt drückte mich Pena an das Herz und sagte im Tone der tiefsten Ergriffenheit:

'Sennor, ich bin oft, sehr oft hart und ungerecht gegen Sie gewesen; ich werde es nicht wieder thun. Können Sie mir verzeihen?' Ich verzieh nur gar zu gern; ich hatte ja nicht weniger Fehler begangen als er, und jetzt, da ich die Liebe dieser braven Leute so deutlich sah, mußte ich mir aufrichtig sagen, daß mein Verhalten gegen sie nicht immer ein vorwurfsfreies gewesen war.“ Allgemeine Rührung.

Es ist aber (wider Erwarten) noch nicht vorbei mit den dramatischen Ereignissen, es folgt noch der erwartete (sozusagen angemeldete …) Ritt über den Salzsee. Hierfür taucht unversehens der Sohn des Sendador auf, von dem vorher nie die Rede war. Wir bekommen es anschließend noch mit einer etwas schwülstig wirkenden größeren Vater-Sohn-Szene zu tun („Dann komm her, mein Sohn; gieb mir deine Hand, und höre, was ich dir sage! Es ist entsetzlich, wenn ein Vater zu seinem Kinde so reden muß, wie ich jetzt zu dir; aber ich habe vor dir und mit dir gesündigt und dich den Weg des Verbrechens geführt; meine Reue kann mir die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit erwecken, nicht aber vermag sie, an den Menschen gut zu machen, was wir an ihnen verbrochen haben“; „Er war ein großer, verstockter, ja frecher Sünder gewesen, aber wie ich ihn jetzt sprechen hörte, gingen mir seine Worte tief zu Herzen. Die Todesangst um seinen Sohn hatte wirklich die harte, unzerstörbar scheinende Rinde gebrochen“; „Seine Stimme klang trotzdem mild, wie diejenige einer liebevollen Mutter“); wenn man Roxins Interpretation folgen will, dass Vater und Sohn hier eher verschiedene Anteile eines einzelnen Menschen verkörpern, wird es etwas erträglicher.

„Es war mir zu Mute, als ob ich mich in einem Dome befände und vor dem Heiligtume kniete“.

Es gibt keinen Schatz der Inkas, d.h., es gibt ihn schon, aber keiner kriegt ihn, winner takes nothing, „Pah! Es giebt Schätze, welche wertvoller sind und weder von dem Roste gefressen, noch von den Motten verzehrt werden“, das ist allerdings wohl wahr.

Der Schlußabsatz wirkt kolportagehaft und im Vergleich zu allerhand Vorhergegangenem etwas unpassend kitschig. Wohl eine Konzession an den „Hausschatz“ und fatale Verleger- und Lesererwartungen.

Sehr lesenswert ist einiges in den Artikeln von Engelbert Botschen im May-Handbuch (z.B.: „jener Verbrecher …“, u.a.) und Claus Roxin im Reprint (z.B. „der Sohn aber, der bessere May …“, u.a.) sowie in Wohlgschafts Dreibänder und im Jahrbuch der KMG von 1979.