IM LANDE DES MAHDI I

Das Buch beginnt in Kairo reiz- und verheißungsvoll, der Erzähler lernt den gemütlichen Murad Nassyr kennen und geht mit ihm Bier trinken. Bei solchen Plaudereien kommt May so recht menschlich daher und vermag besonders zu gefallen. Nicht die Abenteuergeschichten sind es, die den Reiz der May-Lektüre ausmachen.

Der nette Trinkkumpan zeigt sich allerdings später von ganz anderen Seiten und kann sehr ungemütlich werden, er dürfte eine Verkörperung des Kolportageverlegers Münchmeyer sein.

Im weiteren Verlauf gibt es eine kleine Gespenster-Geschichte, eine anrührende Passage um Geschwister-Kinder, ein Abenteuer zu Schiff, die Begegnung mit dem Reis Effendina, die dann im dritten Band noch besonders interessant werden soll, ein "Zureiten" im Orient, eine etwas herzlos wirkende Vorführung eines Übergewichtigen sowie mehrere Höhlen-Abenteuer.

Im letzten Drittel des Buches, in der Wüste, zeigt sich, dass es nicht mehr die Frische und Ursprünglichkeit etwa der ersten Bände des Orient-Zyklus hat, es finden die üblichen Abenteuer statt, aber so recht mit dem Herzen dabei ist der Erzähler irgendwie nicht, und der Leser demzufolge auch nicht.

Und dass der nervtötende Selim ein schlechter Ersatz für Hadschi Halef ist, war seinerzeit schon Verleger Fehsenfeld aufgefallen.

 

Im Einzelnen:

Erstes Kapitel - Ein Chajjal

Murad Nassyr ist Münchmeyer, nach mehrmaligem Lesen wird es immer klarer. Und Kairo ist Dresden. Natürlich nicht Eins zu Eins und nicht durchgängig, aber in "Und Friede auf Erden" hat May es ja im Schlußkapitel beschrieben, wie die Dinge ineinanderfließen und sich verwandeln, wenn seine Phantasie in Gang kommt ... Und daß die Gespenstergeschichte aus der Heimat abgeschaut ist, äußert er ja selber deutlich genug. ("Sollte, wenn nicht der gleiche, doch ein ähnlicher Fall in Aegypten vorkommen können?")

Biertrinkerei mit Münchmeyer ... 'mit Wurzeln und mit Flügeln' ... mit beiden Beinen fest auf der Erde, aber eben nicht nur, das wäre ja auch vielleicht etwas fad.

"Lassen Sie aber die unnützen Bücher hier, und kommen Sie mit mir. Eine Flasche Bira nimsawiji ist besser als alle Weisheit der Gelehrten" kriegt der Erzähler gesagt, und: "Ich war gezwungen, mich vor dieser Philosophie zu beugen, und that dies, der Pilsener Brauerei zuliebe, nicht ungern."

Unübersehbar kinderlieb ist er, unser Autor. Ja wenn sie so sind wie hier geschildert  ... (sie können auch ganz, ganz anders.)

Interessant ist Nassyrs Einstellung zur Sklaverei. Entfernt vergleichbar mit der unverblümt lax-lapidaren Haltung der drei Weißen im Schlußkapitel von Winnetou III in Sachen Opfer; man möge nachlesen.

"Was wäre aus mir geworden, wenn dieses Ereignis vor zwanzig, ja noch vor zehn Jahren stattgefunden hätte! Der Wirt hätte alle Gäste herbeigerufen und ich wäre an Ort und Stelle gelyncht worden. Jetzt aber war er schon so einsichtsvoll, zu erkennen, daß es auch in seinem eigenen Interesse liege, eine solche Scene zu vermeiden", interessant ... "Jetzt aber war er schon so einsichtsvoll", da wird ganz deutlich: dieser Wirt ist halt eine Figur, die der Autor nach Belieben entweder in dieser oder jener Zeit "einsetzt"; ein Wirt zehn oder zwanzig Jahre vorher hätte sich anders verhalten als der jetzige, für den Autor ist es aber gleichsam ein und die gleiche Figur, und so rutscht ihm heraus [bzw. er macht diesen kleinen Scherz ganz bewußt], er sei "einsichtsvoll" geworden ... Putzig.

Auch Kenntnisse in Sachen heimische Hausapotheke werden einmal mehr eingeflochten, hier geht es um die Bekämpfung weiblicher Kahlköpfigkeit.

Der Obrigkeit meldet man den Vorfall mit den vermeintlichen Gespenstern besser nicht, die scheint mit der organisierten Kriminalität unter einer Decke zu stecken ...

"Meine Geschäftsverbindungen mit Aegypten würden in kurzer Zeit wie abgebrochen sein, und nicht nur mit Aegypten, da die Kadirine sich über ganz Nordafrika und sogar bis tief in den Sudan erstreckt. Und auch Sie dürfen eine so mächtige Verbindung sich nicht zur Feindin machen. Ich bin überzeugt, daß Sie ihr Vaterland nicht wiedersehen würden." - "Ich muß Ihnen leider beistimmen. Also bestrafen dürfen wir die Thäter nicht lassen. Es ist nicht einmal rätlich, die Sache in anderer Weise an die Oeffentlichkeit zu bringen." Zustände waren das, in Dresden oder Kairo ... (Will sagen: und sind es noch.)

"und so sind sie alle, diese unwissenden Moslemim, deren Frömmigkeit sich meist nur im gedankenlosen Herleiern einiger Gebete bethätigt, verbissene und verständnislose Menschen, welche mit Verachtung selbst auf ihre Glaubensgenossen herabsehen, falls diese nicht Mitglieder einer Verbrüderung sind",

diese Stelle hat man schon als besonders islamfeindlich herausgestellt; man möge aber bedenken: Karl Mays Geschichten sind auch Gleichnisse, Begebenheiten rein deutscher Angelegenheiten im exotischen Gewande, man sehe es nicht allzu eng: hier muß keineswegs wirklich der Islam gemeint sein. Vielleicht denkt er an irgendwelche frömmelden Kirchgänger seiner Heimat. Das zweimalige wörtliche Zitieren des "Ich höre" (des Abd el Barak) und die fühlbare Verärgerung darüber ist in dieser Richtung ein deutliches Indiz, weil offensichtlich ein privates Erlebnis zugrunde liegt.

 

Zweites Kapitel - Der Reis Effendina

Das zweite Kapitel spielt auf einem Schiff auf dem Nil.

Das oftmals und gern erwähnte Bier spielt, neben Geld, eine beträchtliche Rolle in Sachen 'Achse' Murad Nassyr - Kara Ben Nemsi, "Meine Sympathie für den Dicken wuchs mehr und mehr".

"Mein dicker Murad Nassyr war gar kein übler Türke. Leider hatten wir in Beziehung auf den Glauben sehr verschiedene Meinung; aber in Hinsicht auf Geldangelegenheiten schien zwischen uns die erfreulichste Harmonie zu bestehen. Nur fragte es sich, zu welcher Art von Diensten er mich dadurch verpflichten wollte. Es bestand noch immer eine leise Ahnung in mir, daß seine Geschäfte doch nicht ganz von derjenigen Gattung seien, zu welcher ich mich bedenkenlos verstehen durfte. Ueber sein sonst so ehrliches Gesicht war zuweilen ein Zug gegangen, wie man ihn nur bei Personen bemerkt, denen jeder Weg recht ist, falls er sie nur zum Ziele führt. Sein Verhalten zu mir war ganz gewiß auch mit die Folge eines gewissen Wohlwollens; das gab ich gerne zu; der eigentliche Grund desselben lag aber sicher in einer selbstsüchtigen Berechnung, die ich ihm freilich nicht übelnehmen konnte, da wir Menschen ja alle mehr oder weniger Egoisten sind, wie jeder Aufrichtige gestehen wird." Besser (und aufrichtiger) läßt sich die Beziehung May-Münchmeyer kaum beschreiben.

Mit dem Reis Effendina gibt es ein putziges Gespräch über Schriftstellerei, in der allerdings ein sehr wesentlicher Satz fällt,

"Wir haben in Deutschland eine Redensart, welche lautet: Rede, wie dir der Schnabel gewachsen ist! Verstehst du das?" - "Ja. Man soll offen und natürlich sprechen." - "Gerade so schreibe ich."

Das ist eine Kernstelle zu Karl May. So schreibt er, und das ist insofern durchaus als Bekenntnis aufzufassen.

Mit der Auspeitscherei hat unser Autor unzweifelhaft etwas 'am Hut', hier erleben wir es mal wieder über mehrere Seiten. Ja, Kindheit und Jugend können recht prägend sein und einem lebenslänglich sozusagen im Genick, in den Zellen und sonstnochwo sitzen.

Daß er einen der harmloseren Übeltäter auf dem Schiff einfach laufen (bzw. davonschippern) läßt, ist auch so eine persönliche Note, die öfter mal durchkommt im Werk. Angenehm.

Durch das Wechseln des Schiffes und die Bekanntschaft mit dem Reis Effendina, mit dem er nun fährt, findet sozusagen eine soziale Aufwertung für den Erzähler statt, nach Murad Nassyr ist der Reis die zweite Figur in diesem Buch, mit dem eine freundschaftliche Beziehung besteht. Nüchterner, kühler als die menschlich geprägte mit dem Erstgenannten. Und im dritten Band werden später ganz andere Töne zu hören sein ...

 

Drittes Kapitel - In Siut

Das dritte Kapitel beginnt mit Eindrücken einer Nilfahrt.

In Siut betätigt sich der Erzähler einmal mehr als Arzt, zweierlei fällt dabei immer auf: zum einen macht keinen Hehl daraus, daß er eigentlich gar nichts besonderes geleistet hat, zum anderen ist der Erfolg jedesmal überwältigend und die Anerkennung entsprechend groß.

Auch zum Thema "Der Widerspenstigen Zähmung" (in Sachen Pferde) erleben wir ein weiteres Exempel, diesmal allerdings auf die ganz sanfte Tour, auch in dieser Hinsicht versteht Pferdeflüsterer Kara Ben Nemsi sein Fach. ("Ich war schon jetzt, noch ehe ich den Grauschimmel sah, vollständig überzeugt, daß man ihn nicht richtig zu behandeln verstand. Selbst der feurigste Araberhengst ist, wenn man ihn zu nehmen weiß, fromm wie ein Kind. [...] es war für den Kenner ein Anblick, welcher das Verlangen erregte, sofort aufzusteigen und hinaus in die unendliche Wüste zu jagen".)

Ein kurzer Hinweis auf die Zeit bei den Haddedihn wurde zwischendurch eingeflochten, anschließend wird mit einem Fettleibigen Spaß der ein wenig makabren Art getrieben. ("Aber, aufrichtig gestanden, hatte die Rachsucht weniger Teil daran als der angebotene Schabernack".) - Das Wort "Schlagetodro" (für Selim) wurde möglicherweise für diese Erzählung sozusagen erfunden.

In die Wahrnehmung der Beziehung zu Murad Nassyr geraten erste feine Risse ("Mit einem Worte, ich hatte das aufrichtige Gesicht meines dicken Türken nicht mehr vor Augen; ich betrachtete ihn jetzt aus der Ferne, und da wollte mein Vertrauen wankend werden. Er erschien mir berechnender und egoistischer als vorher, und es stieg eine Ahnung in mir auf, daß es geraten sei, vorsichtiger als früher mit ihm zu verfahren"). Dann folgen eine Mondfinsternis, eine Wette (eigentlich ganz gegen die sonstigen Prinzipien des Erzählers) und ein Einbruch im Sand (Böden aller Art sind bei Karl May immer wieder mal brüchig ...). Zwischenzeitlich hatte der vorlaute Selim die Fähigkeiten des Erzählers sozusagen differenziert bezweifelt ("Ja, kirre machen kann er ein Pferd; das versteht er wohl; aber reiten, nein, das kann er nicht"), aber er wird im weiteren Verlauf schon sehen, was er davon hat.

Der Erzähler wird vom im Sand eingesunkenen zunächst für den Engel des Todes gehalten und signalisiert ihm zwar, daß alles halb so schlimm sei, bestätigt dem verzagten Mann aber interessanterweise auch "Ja, wir sind in der Hölle" ...

 

Viertes Kapitel - Unter der Erde

Kara Ben Nemsi läßt sich, ebenso ungern wie wenig aufgeschlossen, aus der Hand lesen ("Also Chiromantie! Wer glaubt noch an solchen Humbug!"), der Fakir wird zunächst als eine Art Vorläufer des Münedschi vorgestellt ("sein Leib wohnt auf der Erde, sein Geist aber befindet sich schon jenseits dieser Grenzen").

Der Besuch der Mumienhöhle mutet alptraumartig an, obwohl man hier zunächst noch ganz freiwillig und ohne Gefahr "unter der Erde" ist; später im Kapitel wird das anders.

Eine ganz starke Szene, als der Erzähler da unten für eine Weile alleingelassen wird !

"Dann setzte ich mich auf den Körper einer Mumie, dem der Kopf und die Beine fehlten. Welche Gedanken durchfuhren mich in diesem Augenblicke der Einsamkeit! Der einzig Lebende mitten unter Leichentrümmern, tief im Innern der Erde! Wer war der Mann gewesen, auf dessen Leib ich hier saß? Er hatte gelebt, geliebt, gehofft und - gelitten. Vielleicht stand er an der Seite eines Pharao, und nun, nach vier Jahrtausenden, diente er einem Deutschen zum Schemel!

Die Zeit verging; eine Minute nach der andern verstrich, und der Führer kehrte nicht zurück. Hatte er mich durch seine Freundlichkeit getäuscht? Wollte er sich etwa für meine Sparsamkeit dadurch rächen, daß er mich hier sitzen ließ, damit ich, der ich den Weg nicht kannte, elend umkommen solle?"

Einmal mehr: Sicherheit ist nirgends. Und daß er sich bei aller Einfühlsamkeit, Erfahrung und Kenntnis in Menschen tatsächlich täuschen kann, erlebt der Erzähler in diesem Kapitel auch ("Nein, dieses Gesicht konnte nicht lügen"); selbst der heilige Fakir ist nicht das, was er vorgibt zu sein.

Eine wundersame Wandlung innerhalb kurzer Zeit macht der Höhlenführer durch ... am Anfang nach üblichem Muster um die Bezahlung feilschend, erweist er sich nachher plötzlich als wohlhabender und niveauvoller Mann, der solches gar nicht nötig hat, und wird gar großzügig ... offenbar einer der Fälle, in denen es May mit Präzision und Logik nicht so genau nahm.

Die abgeschnittene Hand war uns schon mehrmals im "Waldröschen" begegnet, damit scheint unser Autor irgend etwas zu verarbeiten zu haben.

"Wer Angst hat, der bleibt hier; wer aber Mut besitzt, der geht mit." Vgl. im späteren Nachwort zu Winnetou III: "Wer Mut hat, gehe mit; der Schwache aber bleibe!"

Dieser und jener ist in den Mumienschmuggel oder dessen "Dunstkreis" verwickelt, der spätere Gefährte Ben Nil gar indirekt in den des Sklavenhandels ... Nein, als immer wirklich konsequenter Moralist tritt der Erzähler wahrlich nicht auf, immer wieder kommt das durch bei Karl May.

Auf "Nein; der Sand hat keine Stimme"

antwortet der Erzähler interessanterweise

"Er hat eine, aber keine solche. Ich hörte ihn in stillen Nächten in der Wüste sehr oft klingen und singen, wenn er vom leisen Windhauche auf der einen Seite der Sandhügel hinauf und auf der andern wieder hinabgetrieben wurde. Das giebt ein metallisches Tönen, als ob Elfen und Gnomen mit winzigen goldenen Pokalen zusammenstießen. Dieser Ton hier aber ist ganz anders", ein gewisses Feingespür und Ausdrucksvermögen ist ihm nicht abzusprechen.

Den Ausgang aus der bedrohlichen Unterwelt findet man, da man zuvor deren Eingang kennengelernt hat. Dieses Einbrechen in den Sand zuvor hatte also durchaus seinen Sinn bzw. Wert.

Die Verfolgung der Verbrecher endet, wie oft bei May, zunächst sang- und klanglos, im Sande verlaufend.

 

Fünftes Kapitel - In der Wüste

Die Dame, die Murad Nassyr an den Erzähler verkuppeln will, sieht aus wie ein „Beierfelder Mäuslein“ aus der Heimat, „aber in orientalischem Gewande“ … Und die Situation behagt dem armen Mann gar nicht („O weh! In was für eine Beißzange war ich da geraten!“) Der anschließende Dialog zwischen Nassyr und ihm ist durchaus witzig.

Aber die Dinge pflegen bei Karl May wie im Leben auch schon mal zu kippen, „Jetzt zeigte er sich als der gemeine Charakter, wie er zum Sklavenhändler geeignet ist“, „Für einen solchen Menschen hatte ich Murad Nassyr denn doch nicht gehalten.“

Und dann steht er wieder einmal allein in der Wüste, „mich erregte nur die Enttäuschung, welche ich erfahren hatte.“

In diesem Wüsten-Kapitel wird die Wüste viel ausführlicher und eindringlicher geschildert als etwa in „Durch die Wüste“, dem Buch, das dieselbe schon im Titel führte.

Schöne Stellen, „Auch mich überkam ein Gefühl, als ob die Wüste sich hebe und der Himmel sich senke und ich zwischen beiden zerquetscht, zermalmt werden sollte. Da ich kein Leben sah, mußte ich es hören - ich begann zu pfeifen, wie furchtsame Schulknaben zu pfeifen pflegen, wenn sie sich im Dunkeln grauen. Und doch war es so hell, so licht um mich.“

„Das war ein Ritt! So ganz allein, wirklich mutterseelenallein! Und doch nicht allein. Unten ist die Oede, der Tod; droben aber glänzt das Leben; da leuchten die Sterne und erzählen mit flammenden Worten von dem, der ewig war, ewig ist, ewig bleibt und den Menschen mit liebender Vaterhand selbst durch das Grauen der Wüste leitet. Die Gedanken des Menschen in einer solchen sternenhellen Wüstennacht, wer wollte sie nachdenken oder gar beschreiben!“

Nun, das wäre doch mal etwas, das nachdenken oder gar beschreiben. Aber das gibt es auch alles schon.

 

Sechstes Kapitel - Die Sklavinnen

Üble Geschäfte treiben der Fakir und andere, man geht über Leichen, auch in größeren Zahlen. Und wenn sie nicht gestorben sind …

In diesem Buch kommt Karl May besonders exotisch daher, Karawane gefangener Frauen usw., er selbst bemerkt es auch:

„Mir war ganz eigentümlich zu Mute. Ich hatte den Orient kennen gelernt, aber doch noch kein so ganz und gar fremdartiges Bild vor Augen gehabt wie dasienige, welches sich da unter mir entrollte.“

Kara Ben Nemsi bekommt das Peitschen einer jungen Dame zu Gesicht, hier kann er einmal nicht helfen, und muß sich anhören, daß ihm selber die Zunge abgeschnitten und er als Sklave verkauft werden soll.

In Gefahr und sozusagen größter Not denkt er an die angenehmen Dinge des Lebens, „Ein gut gebratenes Haselhuhn mit nachfolgendem 'Fürst Pückler' wäre mir freilich lieber gewesen, aber ländlich, sittlich, und da der Negerhirsenbrei hier ländlich war, so durfte ich ihn nicht für unsittlich halten.“

„Als ich dann nach edler Beduinenart das Gefäß gar auszulecken begann“ … er lässt wirklich nichts aus.

„Man meint, daß solche oder ähnliche Scenen nur in Romanen vorkommen können; das ist sehr richtig, denn - - das Leben ist der fruchtbarste und phantasiereichste Romanschreiber, welcher nicht, um eine unmögliche Situation zu ersinnen, ein dutzend Gänsefedern zerkauen muß.“

Auch das Folgende ist nicht übel, ein Autor karikiert sich selbst:

„Das Gesicht des Anführers hatte sich während des Vortrages meiner Fabel bedeutend aufgeheitert; er begann, Vertrauen zu mir zu fassen, und seine Leute warfen gar beinahe freundliche Blicke auf mich. Leider hatte diese Fabel eine sehr wunde Stelle, was ich aber unmöglich vermeiden oder ändern konnte. Nämlich wenn Murad Nassyr von Korosko aus den kurzen Landweg nach Abu Hammed eingeschlagen hatte und ich erst nach ihm in Korosko angekommen und die viel, viel längere Strecke auf dem Nile heraufgefahren war, konnte ich ganz unmöglich vor ihm in Berber angekommen sein und mich nun gar infolge eines sehr langen Retourrittes durch die Wüste heute hier im Wadi el Berd befinden. Es lag da eine Zeitdifferenz von über einer Woche, also eine sehr grobe Finte vor. Meine Zuhörer ahnten das glücklicherweise nicht; sie rechneten nicht nach, und ich ging, um sie nicht zum Nachdenken kommen zu lassen, mit größter Eile über diesen heiklen Punkt hinweg“.

„Deine Verschlagenheit ist noch viel größer als deine Tapferkeit“ wird dem Erzähler bescheinigt. Und statt des Fausthiebs an die Schläfe erleben wir diesmal den „Knock-down-blow“ (so steht es da), welcher „gut geführt, den Gegner sofort zu Boden streckt. […] ein kurzes, krampfhaftes Schlingern der Arme und Beine, dann ließ ich den Besinnungslosen neben dem Anführer niedergleiten.“

Unser Tausendsassa leitet eine größere Militäraktion und darf gar ins Frauenzelt, bzw., die Freiheit nimmt er sich, allerdings hat er nicht allzu viel davon.

Der arme Selim wird beträchtlich zur Schnecke gemacht, wir erfahren auch noch daß er seinerzeit ausgestoßen wurde, aber der Erzähler kennt keine Schonung. Man kann bei solchen Dingen das Gefühl haben, er gehe (unbewusst ?) [nebenbei] auch mit sich selbst ins Gericht.

"Ein jeder wandelt den Weg, welcher ihm vorgezeichnet ist, und keiner kann anders, als ihm beschieden ist. Darum trifft keinen Menschen eine Schuld" sagt einer, und das ist nun in der Tat bedenkenswert, auch wenn der Erzähler "Das ist eine sehr billige Beruhigung, und ich glaube nicht, daß sie dir die Schlinge des Strickes erweitern wird" antwortet.

Allmachtsphantasien … „Er fuchtelte nicht lange, denn meine dritte Kugel warf ihn nieder.

Dieses Mal schrie man nicht. Vielleicht hatte man vorher angenommen, es sei Zufall, daß ich so genau traf; die dritte Kugel aber gab den Beweis, daß man sich geirrt hatte. Das wirkte. Die Verwundeten krümmten sich an der Erde. Wem galt meine nächste Kugel? So fragten sie sich wohl.“, Karl, mach' halblang.

Und als gar die befreiten Sklavinnen ihm entgegenströmen, „folgte eine Scene, welche man sich gar nicht lebhafter vorzustellen vermag.“ Doch, durchaus … Auf die angebotene „Frauenfantasia“ verzichtet er, und eine Alternative gibt es, im „Hausschatz“ und zu der Zeit, auch nicht … Schade eigentlich.

Am Ende gibt es eine Massenexekution, und der böse Ibn Asl entkommt. Kara Ben Nemsi darf derweil die Damen nachhause bringen.

 

IM LANDE DES MAHDI II

Verleger Fehsenfeld wußte schon, warum er May bat, aus der Figur des Selim doch bitte wieder einen Hadschi Halef zu machen, der Kerl (Selim) ist ja wirklich nur eine Nervensäge, für Ich-Erzähler und Leser. Er kommt, gottlob, auch kaum noch vor im zweiten Band.

Auch der Mann mit der „Visionsflinte“ ist nicht wirklich komisch, da kennt man von May weit besseres.

Ansonsten ist dieser Band abenteuerreich wie immer, aber nicht allzu reizvoll. Nicht nur daß der Humor zu kurz kommt, irgendwie ist das Ganze insgesamt trockener, uninspirierter als z.B. die ersten Bände des Orient-Zyklus, reicht bei weitem nicht an diese heran.

Die erste Begegnung Kara Ben Nemsis mit dem "Vater der Fünfhundert" allerdings ist ebenso spannend wie köstlich, auch das anschließende Abenteuer unter Arnauten ist gelungen.

Und dann gilt es auch noch eine recht sonderbare Szene zu erleben: Kara Ben Nemsi und sein Gefährte Ben Nil sitzen still und pfeiferauchend einfach so da, als im Nebenzimmer ein Übeltäter buchstäblich zu Tode gepeitscht wird. Der Ich-Erzähler spricht zwar immerhin von gemischten Gefühlen, aber damit hat es sich auch. "Ich hätte den Mudir hassen mögen und mußte doch einsehen, daß seine eiserne Strenge hier ganz am Platz sei."

 

Erstes Kapitel - Der Mahdi

Man hätte erwarten können, daß Kara Ben Nemsi schildert, wie er die Damen Sklavinnen wohlbehalten nachhause gebracht hat, was dabei noch so alles passiert ist und wie dankbar sie ihm waren. Aber so viele Frauen, das ist ihm doch wohl nicht so ganz geheuer, und so erfahren wir nur, dass nichts besonderes vorgefallen ist. Stattdessen erzählt er uns etwas über Kordofan und anschließend über diese vertrackte „Visionsflinte“ des ortskundigen Führers. „Diese Flinte war sein Herzeleid, und doch schien er sie über alle Maßen zu lieben. Er hatte sie stets in der Hand und sprach gern von ihr.“

Schon das zweite Mal in der Trilogie sehen wir den Erzähler wetten, was sonst gar nicht seine Art ist. Was mag da diesmal mit ihm los gewesen sein.

Der Mahdi tritt recht unspektakulär in Erscheinung und zieht gegen Kara Ben Nemsi in diesem Kapitel gleich zweimal auch in körperlicher Auseinandersetzung den kürzeren. Vor dem Löwen hat er „schreckliche Angst“.

Den Erzähler betrachtet der spätere Mahdi als „Freund und Bruder“, nachdem der ihm das Leben gerettet hat; das hindert ihn indes nicht, ihn am Ende des Kapitels gleich zu verraten und hintergehen zu wollen.

„Ben Nil stand, gerade so wie vorhin, mit dem Messer in der Hand vor mir“, an der Stelle hat man den Eindruck, daß das dem Autor gerade wieder eingefallen ist

Der Dialog mit dem Mahdi über den Islam ist interessant … und das Thema keineswegs „durch“.

 

Zweites Kapitel - Gefangen

"Natürlich war alles, was ich erzählte, ersonnen." Ein Eingeständnis an den Leser, der das heutzutage natürlich mit anderen Augen liest als zu "Hausschatz"- oder Fehsenfeld-Zeiten. Seinerzeit hätte ein aufmerksamer Leser vielleicht an dieser Stelle Verdacht schöpfen können …

Der recht unscheinbare Mahdi, der im gesamten ersten Band überhaupt nicht vorkam, wird in diesem Kapitel nur erwähnt: "Sollte es diesem Manne mit seiner Mahdischaft wirklich ernst sein? Wenn das der Fall war, so hatte ich eigentlich die Verpflichtung, die Regierung zu warnen." Der Mahdi bleibt Nebenfigur.

Daß er den Steuermann seinerzeit laufen ließ, wird dem Erzähler hier fast zum Verhängnis, und er verschweigt auch nicht, daß er es bereut, so entgegenkommend gewesen zu sein.

Dann ist er auf geradezu tollkühn anmutende Weise offen und ehrlich zu den Leuten, die ihn in ihrer Gewalt haben, obwohl es sonst auf allen Seiten wieder allerhand Verstellerei und Lug und Trug zu beobachten gibt in diesem Kapitel. Die Dialoge sind hier oft von beträchtlicher Länge und wirken gelegentlich etwas wirr, seine besten Tage hatte May bei der Niederschrift dieses Kapitels offenbar nicht.

Auch das Schiff fährt unter falschem Namen, es ist wirklich auf nichts Verlaß bei Karl May bzw. in der Welt. Dann hilft ihm einer, indem er praktisch seine Kameraden verrät, um nicht seinerseits verraten zu werden.

Die Szene im Seitenarm des Flusses, nachdem man sich befreit hat, wirkt ebenso romantisch wie bedrohlich, solche Dinge können sich mischen.

"und plötzlich lag der Wald hinter uns, der offene Fluß vor uns und der mit Sternen übersäte Himmel über uns.

'Allah sei Dank!' seufzte der Steuermann. 'Es wollte mir beinahe bange werden.'"

„Eine Nacht auf dem Nile! Welch ein Sujet für einen Dichter! Mir aber war gar nicht sehr poetisch zu Mute. Ich hatte eine ganze Reihe von Nächten nur wenig geschlafen, war infolgedessen sehr abgespannt und mußte doch - rudern. Mit meinem Ben Nil war es nicht anders. Ich glaube, er ruderte zuweilen, ganz so wie ich, mit geschlossenen Augen, halb oder gar dreiviertel im Schlafe.“ Hier könnte gleich „schreiben“ statt „rudern“ stehen; Stoßseufzer eines gleichsam im Akkord Schreibenden ...

 

Drittes Kapitel - Am Sumpf des Fiebers

Zum „Weg des Unglücks“ geht es in diesem Kapitel, zum „Ort des Schreckens, des Verderbens“. Aber diesmal ist es nicht der Erzähler, der leiden muß, sondern die anderen …

Das Kapitel (wie der ganze Band) ist „abenteuerlastig“ und hat beträchtliche Längen.

Dem späteren Mahdi begegnen wir als Gefangenem wieder. - Warum der Erzähler Abd Asl und den Asakern gegenüber zunächst den Anschein erweckt, der Reis Effendina sei wie geplant überfallen worden, es aber einen Augenblick später schon richtig stellt, erschließt sich nicht.

Der Erzähler ist, zumindest gedanklich, diesmal seinen Gegnern gegenüber nicht gerade zur Zimperlichkeit geneigt („Wie du mir, so ich dir, das ist das Gesetz der Wüste ebenso wie dasjenige der Prairie, der Savanne, der Pampas und Llanos Südamerikas“) und tritt außerordentlich großspurig in Erscheinung. Der Reis Effendina ernennt ihn sozusagen zum größten Sklavenjäger aller Zeiten.

Den Reis vermag der Erzähler nur eingeschränkt zur Milde zu stimmen, bekommt allerdings in dem Zusammenhang von zwei Begnadigten die Hände geküsst (davon, daß das ihm etwa unangenehm wäre, lesen wir nichts). Psychologisch interessant ist, daß er dem Reis Effendina sagt, er wisse, daß dessen Asaker ihn trotz seiner Strenge „lieb haben“: der fragt „So? Hast du das erfahren?", "in sehr mildem Tone und indem ein beinahe sonniges Lächeln über seine Züge glitt.“

Der Mahdi wird gepeitscht, Abd Asl den Krokodilen vorgeworfen … Am Ende erntet der Erzähler seitens des späteren Mahdi für praktizierte Mitmenschlichkeit und Hilfe sozusagen Gift und Galle, „Fürchte die Rache, die Rache!“, was er nicht weiter kommentiert, er ist solches gewohnt.

 

Viertes Kapitel - Beim "Vater der Fünfhundert"

Das Kapitel beginnt mit Betrachtungen über die Wüste (davon gibt es in der „Mahdi“-Trilogie mehr als in „Durch die Wüste“) sowie sinnigen Anmerkungen über Kamele und Pferde.

Obwohl die Tiere der Protagonisten „liefen wie die Schneider“, ist es „entsetzlich langweilig“, man „schlief innerlich ein“ und befindet sich im „Zustande der seelischen Erschlaffung“.

In diesem Kapitel ist der alte Fuchs wieder in erfrischenderer erzählerischer Form als es zuvor im Band der Fall war, er gibt sich z.B. als Heiligen aus und gerät in einen trockenen Dialog, in dem sein Gegenüber unter anderem äußert „weil es besser ist, man bekommt die Töchter bezahlt, als daß man sie ernähren muß." Und dann "Er sagte das mit einer vollständig unbegreiflichen Gefühllosigkeit und in einem Tone, als ob er mit seinen Worten ganz selbstverständlich nicht nur seine eigene, sondern die Ansicht aller Menschen überhaupt ausgesprochen habe.“

Auch eines dieser Dauerbrenner von Gedichten, an denen unser Autor offensichtlich einen Narren gefressen hat, begegnet einem unvermutet wieder: „Es treibt die Fanna heimatlos“ …

Ab und an gibt es auch wieder eine witzige Szene, die hatte man bislang allzu sehr vermisst in diesem Band. „Laßt mich den Löwen auch spielen“, wird er sich darüber hinaus gedacht haben, und gibt dem Bedürfnis entsprechend nach,

„Ich hatte auf einsamen Ritten aus Langeweile oft versucht, das Gebrüll des Löwen nachzuahmen. Es richtig wiederzugeben, dazu sind die menschlichen Stimmwerkzeuge unfähig, aber eine Aehnlichkeit läßt sich doch erreichen. Das war auch jetzt der Fall. Die drei Takaleh prallten, als sie mich hörten, ganz entsetzt zurück.

'Eine Löwe, ein Löwe!' schrie einer von ihnen. 'O Allah, o Beschützer, o Erhalter des Lebens, bewahre uns vor - -'

Die Fortsetzung dieser Worte konnte ich nicht hören, weil der Kerl, während er in dieser Weise zeterte, so schnell davon rannte, daß er bei dem letzten Worte schon nicht mehr zu sehen war.“

Aber auch bemerkenswerte Einsichten wie „Jedes Ereignis, wenn wir es ein Unheil nennen, haben wir reichlich verdient, und dennoch fügt es Allah, daß dieses Unheil, wenn wir es in der rechten Weise auf uns wirken lassen, uns zum Heile und Segen wird. Sprich also nicht vom Verdienen! Es war eine Prüfung, von Allah gesandt, vielleicht um dein Herz zu läutern, deinen Sinn nach innen und nach oben zu lenken“ kommen aus des Erzählers Munde, wir finden solches in anderen Worten später in den „Himmelsgedanken“ wieder.

„die liebe, alberne Eitelkeit trübte meinen Blick, und ich griff eine Sache, die gar nicht zu verderben war, gerade bei derjenigen Seite an, wo ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit verderben konnte“, auch das bekommen wir ehrlicherweise zu lesen.

Dann folgt ein sehr ungemütliches Wiedersehen mit einem nun ganz und gar nicht mehr kumpelhaften Murad Nassyr, sowie durch weibliche Langzeit-Dankbarkeit Errettung aus Lebensgefahr.

Hin und wieder ist der Erzähler für wirklich etwas eigenartige Überraschungen besonderer Art gut:

„Er brachte Anzüge, einen weiblichen für Ben Nil und den eines Eunuchen für mich. […] Ben Nil war tief eingehüllt. Ein Schleier bedeckte sein Gesicht, so daß er vollständig einer Frau glich.“

Und in Fadoschah sitzt man, auch der Erzähler, pfeiferauchend im Nebenzimmer, als ein Delinquent – absichtlich und angekündigt ! – buchstäblich zu Tode gepeitscht wird. Am Ende teilen noch einmal fünf Menschen das gleiche Schicksal, während der Erzähler nüchtern vermerkt „Als dann aber der erste Raubmörder eingeschnallt wurde, entfernte ich mich“. Eigenartig.

 

Fünftes Kapitel - Die Seribah Aliab

Das fünfte und letzte Kapitel des Bandes ist das kürzeste, aber das interessanteste und beste.

Zunächst wird das Thema Sklaverei behandelt und in seiner ganzen Hässlichkeit recht nüchtern beleuchtet.

„Unser Gesundheitszustand war darum ein verhältnismäßig ganz vortrefflicher“, über eine solche Formulierung mag man schmunzeln, sie für unbeholfen, unüberlegt und veränderungsbedürftig halten, man kann aber auch durchaus davon ausgehen, daß ein Autor sich schon etwas dabei denkt, wenn er so etwas schreibt. Wenn man über gängige Floskeln hinaus einen Sachverhalt möglichst differenziert ausdrücken möchte, gerät die Formulierung schon mal etwas ungewöhnlich.

„Sie weinten, nein, sie heulten vor Freude“ … nicht immer ist wirkliche Anteilnahme dabei, wenn Karl May rührende Szenen schildert. Man spürt Abstand. Durchaus verständlich.

„Du weißt alles vorher. Dein Auge schaut in die Zeit, welche erst später kommt“, das ist, seitens des Schwarzen, fein beobachtet.

„Er, der Neger, der Heide, konnte eine solche Schlechtigkeit nicht begreifen“, wie heißt es bei Schiller, das Erbarmen ist zu den Bären geflohen. Und die Unschuld in den Sudan. „Jetzt sind die Feinde zu Freunden und die Freunde zu Feinden geworden“, so kann es gehen, nichts ist verlässlich, das hat der Mann schnell begriffen.

Es geht weiter, sozusagen ins Herz der Finsternis, zur Seribah Aliab.

„und der Bedrohte flog herein in das Boot, welches dabei so ins Schwanken kam, daß es zu kentern drohte. Schon verschwand der Rand unter dem Wasser; da stieß das Krokodil mit dem Kopfe gegen denselben, zu unserm Glücke, denn das Boot wurde dadurch wieder aufgerichtet“, auch an solchen Stellen zeigt sich die Maysche irritierte Weltwahrnehmung, Kleists „Erdbeben in Chili“ kann einem an dieser Stelle einfallen.

Dann gibt es wieder einmal einen Hieb über den Kopf, diesmal ist es statt eines Gewehrkolbens ein Ruder. Man gerät, wieder für sehr kurze Zeit, in Gefangenschaft. („Wir befinden uns da, trotzdem du sagtest, daß es gar nicht deine Absicht sei, hier einzudringen. Nun, eingedrungen sind wir freilich nicht, aber eingedrungen worden“.)

Sehr hübsch gerät der Besuch im Damenzelt:

„Ich bin sonst gern so rücksichtsvoll wie möglich gegen Damen, jetzt aber war ich äußerst rücksichtslos, was mir aber, wie ich aufrichtig gestehe, selbst heutigen Tages noch keine Gewissensbisse macht. Erstens kam ich nicht zur vorgeschriebenen 'Visitenzeit'; zweitens betrat ich einen Harem, was bekanntlich streng verboten ist, und drittens war meine Erscheinung so wenig salonfähig, daß ich jetzt, wo ich dies niederschreibe, die Augen, allerdings nur für zwei Sekunden, niederschlage. Hatte mein Anzug schon während der langen Fahrt und der vorherigen Erlebnisse bedeutend gelitten, so war ihm nun vorhin in der schlammigen Grube der 'letzte Rest' gegeben. Mein Aussehen war nichts weniger als gentlemanlike. Dazu meine Bewaffnung! Ich hatte nämlich von den Waffen, welche wir an uns genommen hatten, drei Flinten überhängen und vier Pistolen im Gürtel stecken - ein Rinaldini in Lehm!“

Die Sache mit dem Kaffee, im weiteren Verlauf mehrmals wiederholt, ist einigermaßen beeindruckend:

„Ihr Bruder war gefangen; was man mit ihm vornahm, welche Verluste ihn erwarteten, das ging sie nichts an; er durfte leben bleiben und so kochte sie sich noch einen Kaffee! Und die Schwester dieses indolenten Wesens hätte meine Frau werden sollen“ … Man spürt die bittere, gallige Verachtung, und dieser Sache mit dem Kaffee wird freilich ein reales Erlebnis in Sachsen zugrunde liegen. (Es erinnert übrigens an die dumpfbirnige Schwester Wilhelm Voigts in Sachen Bettenaufstellen.)

Und dennoch: „Der Umtausch wurde bewerkstelligt, und als wir die Hütte verließen, hatte ich mich so zu meinem Vorteile verändert, daß mir der Gedanke kam, der Turteltaube einen nun auch in Beziehung auf das Kostüm würdigen Morgenbesuch zu machen, um ihr für den Kaffee und die Pfeifen Dank und Anerkennung auszudrücken.“ Er spielt mit solchen Menschen. Er verachtet sie, aber er benutzt sie, sozusagen zu Unterhaltungszwecken.

„Ich bin Dein Freund gewesen und habe das nicht vergessen können“, hier, im Gespräch mit dem reuigen Verbrecher Murad Nassyr, erleben wir so etwas wie echte, anrührende Menschlichkeit. Und natürlich May / Münchmeyer ungefiltert, th’ is clear.

Interessant der Disput über den Bart des Propheten, und kurz darauf heißt es dann in diesem Zusammenhang über den alten Kumpel: „Murad Nassyr dachte jetzt nicht an seinen Eid, nicht an den Bart des Propheten. Er zitterte vor Angst“, da ist er wieder, der kalte, beobachtende Sezierblick.

„Effendi, du hast ein ungeheures Glück, ein solches Glück, daß es mir angst und bange um dich werden möchte. Wenn es dich einmal verläßt, wird es dir um so trauriger ergehen. Nimm dich in acht und wage in Zukunft nicht mehr so viel wie bisher!“ sagt der Reis Effendina, und es wirkt wie eine Prophezeiung, wenn wir an Mays spätere Renommierzeit, an Aufstieg und Fall denken …

„Vielleicht interessierte sie der Anblick der Truppen mehr als das Schicksal ihres Bruders, welches jetzt entschieden werden sollte“, das ist wieder sozusagen gnadenlos beobachtet, und „Es war mir immer, als ob sie kommen und den Emir fragen müsse, ob sie ihm eine Tasse Kaffee kochen dürfe.“ Und was denkbar ist, ist [bekanntlich] auch möglich:

„Und wer erschien?

Hatte ich es mir doch gedacht! Kumra, die Turteltaube, den Schleier vor dem Gesichte und einen rauchenden Wassertopf in den Händen! Hinter ihr kam Fatma, der Liebling, den zerstoßenen Kaffee tragend.“

Diese Frau ist zweifellos grauenvoll. Aber May sieht bei aller ungefiltert-ernüchternden Wahrnehmung auch das Komische bei der Angelegenheit. „Damit der allgemeinen Freude auch die pikante Würze nicht fehle, kam das Ewigweibliche jetzt wieder gewallfahrtet.“ Er ist zynisch, menschenverachtend, hat einen unbestechlichen Blick, und er ist gutmütig und ein humorvoller Mensch. Das geht zusammen, aber ja.

„Ich eilte hinzu, ergriff sie - nicht etwa am Arme, nein, das durfte ich nicht, sondern bei ihrer Umhüllung und zog sie nach dem Tokul ihres Bruders, in dessen Vorderabteilung sie dem Emir und mir den festlichen Trank kredenzen durfte, wobei es dieses Mal keine nassen Hosen gab.

Nun begann in der Seribah ein sehr lebendiges Regen und Bewegen.“

 

IM LANDE DES MAHDI III

Die Haupthandlung endet bereits nach einem Drittel des Bandes, unter anderem ist hier noch eine typische Maysche komische Glanznummer zu erleben, er trägt mit großem Trara und Brimborium Schillers Glocke mitten im Sudan vor. - Auch gibt es eine längere Passage über viele Seiten, die, selten bei Karl May, bedrückende scheinbare Ausweglosigkeit für die Helden vermittelt.

 

Erstes Kapitel - Aufgehängt

Wir sind im tiefsten Afrika und spüren die veränderte Atmosphäre.

Wir erleben eine Nilpferdjagd, und als man ob der geschilderten Beobachtungen gerade so etwas denken könnte wie 'ach wie süß, wie tierlieb', lesen wir:

„sie sahen den köstlichen Braten, wenn auch in noch ungeröstetem Zustande, vor sich, und durch ihre Seelen ging ein tiefes Rühren, dem sich alles andere unterordnen mußte.“

Auch Selim ist wieder dabei, und die Bösewichter aus dem ersten Band, Mokkadem und Muza’bir (hat etwas von Max und Moritz …) tauchen wieder auf.

Es gibt einen Ritt auf einem Ochsen, bzw., später davon noch mehrere, und dann wohnt der Erzähler einer Hinrichtung bei, „seitwärts“ stehend.

In Sachen Exekutionen scheint er aber schnell einen gewissen Abhärtungsgrad zu erreichen, er äußert kurz darauf: „Laß tausend Menschen hängen, ich sehe ruhig zu, wenn sie es verdient haben.“

"So bist du einverstanden, daß ich den Mokkadem auch hängen lasse, und wirst mitgehen?" - "Ja."

Und als es dann dazu kommt, wird das geradezu genüsslich geschildert; wie gesagt, er ist im tiefsten Afrika, innerlich …

 

Zweites Kapitel - Gerechte Vergeltung

Dieses letzte Kapitel der eigentlichen Haupthandlung hat es noch einmal in sich.

Der Weg führt durch Dunkelheit und Sumpf, „ich kam aus der Sorge, in diesen Schlamm hinabgezogen zu werden, gar nicht heraus“.

Der Erzähler „lernte hier auch - - Ochsen achten“, weil es ohne sie manchmal gar nicht mehr vorwärts ginge; eine interessante Beobachtung.

„Gott schreibt auf krummen Linien gerade“, heißt es bei Claudel, (u.a.) daran kann man bei „und so kam es, daß wir zuweilen Windungen beschrieben, durch welche die letzten im Zuge den ersten ganz nahe kamen, während die in der Mitte Reitenden sich fern von Kopf und Schwanz befanden“ denken.

Aber nach langen Tunnelstrecken gibt es (zwischenzeitlich) auch wieder solches: „Nach der bisherigen langen Dämmerung war es, als ob uns ein förmliches Lichtmeer entgegenflute“.

Wenn ihm zwischenzeitlich bewusst wird, daß die Schilderung aus exotischen Landen vielleicht gerade ein wenig zu heimatlich gerät, flicht der Erzähler auch schon einmal so etwas ein:

„Den Bach? Das klingt so heimatlich! Freilich mache ich, indem ich dieses Wort anwende, mich einer Unrichtigkeit schuldig. Was wir Weiher und Bäche nennen, giebt es in jenen Gegenden nicht. Und die Höhen, von denen ich sprach, waren noch lange keine Berge. Aber nach einer dreitägigen Wanderung durch fieberstinkenden Sumpf kommt man leicht in die Gefahr, eine Bodenanschwellung als Höhe und ein Wasser, welches nicht ganz still steht und leidlich durchsichtig ist, als Bach zu bezeichnen.“

Seinem neuen schwarzen Freund mit der Brille erklärt er, wie er diese richtig zu benutzen hat, indes – sie hat keine Gläser ...

Und dann folgt diese völlig aberwitzige Nummer mit Schillers Glocke, dazu ließe sich einiges sagen, auch interpretatorisch, z.B. in Sachen Publikum, Resonanz oder, um die eine oder andere Ecke, Kafkas schweigenden Sirenen, es muß aber nicht sein.

Da denkt man oft seitenlang, jetzt ist es mit ihm durchgegangen, das kann doch kein Mensch mehr ernstnehmen, das ist doch durch und durch eine einzige Veralberei, und dann kippt das Ganze vollständig ins andere Extrem. So düster wie im weiteren Verlauf des Kapitels geht es wohl in keinem anderen Band Karl Mays zu.

Zunächst kränkt ihn der Reis Effendina ganz beträchtlich, ein geneigter Leser fühlt, schwerer atmend, mit; die Szene erinnert an „Von Bagdad nach Stambul“ und Mohammed Emin, als Lindsay die Tränen in den Augen des Erzählers sieht. Diesmal steckt er die Angelegenheit scheinbar etwas kühler weg, man härtet ab mit der Zeit ...

Eine mehrtägige Wanderung schliesst sich an, durch Wälder und Sümpfe, die sarkastischen Bemerkungen, die sich hier immer wieder finden, sind auch nicht ohne. Der Mann macht sich wirklich nichts vor.

Und dann gibt es auch noch wieder den berühmten Kolbenhieb, und beim Erwachen steht Ibn Asl vor ihm; das Leben wird sozusagen nicht leichter.

Es geht, ganz real, unters Joch, und dann wird’s zunehmend ungemütlich.

"Die Ratten werden ausgeräuchert" sagt einer „in freudigem Tone“, als es ans Verbrennen von Menschen geht. Der Erzähler wird nun über Einzelheiten der Sklavenjägerei aus erster Hand unterrichtet und muß sich auch später mit eigenen Augen ein Bild machen.

„Alte Weiber mit kleinen Kindern, denen es gelungen ist, sich aus dem Brande zu retten, treibt man einfach in das Feuer zurück. Wer unter fünf und über dreißig Jahre alt ist, den können wir nicht brauchen, da niemand einen solchen Sklaven kauft. Und indem man solche unbrauchbare Schwarze in das Feuer zurücktreibt, erspart man das Pulver, welches sie nicht wert sind.“

Der Erzähler wird nun vor Ort an einen Pfahl gebunden und mittels der Peitsche gezwungen, die Augen offen zu halten, um mitansehen zu müssen, wie Kinder erstochen werden.

„Die Mütter und Väter der Ermordeten schrieen und heulten vor Schmerz; sie sträubten sich gegen ihre Fesseln; sie wollten auf, um den Tod ihrer Kinder zu rächen. Die Armen! Man brachte sie durch Peitschenhiebe zum Schweigen, und einige, bei denen dieses Mittel nicht fruchten wollte, wurden einfach erschossen.“

Ja, auch so geht es zu in der Welt und bei Karl May; die zu fröhlich-bunter Ballerei in Bad Segeberg und anderswo oder bei museumspädagogischen Nachmittagen für die ganze Familie genügsam friedlich lächelnden Mitmenschen wollen, bei Eis und Popcorn, von so etwas natürlich nichts wissen. Sie sollten mal Karl May lesen.

Hingucken, die Augen nicht verschließen vor der Wahrheit, das will schließlich auch der Erzähler:

„Um nicht aufzubrüllen, preßte ich die Zähne zusammen; aber ich behielt die Augen offen, jetzt nicht aus Furcht vor der Peitsche, sondern ich wollte nun Augenzeuge dieser Schlächterei bis zum letzten Ende derselben sein.“

Dann geht es wieder, unterm Joch, über Stock und Stein, und man hat das Gefühl, diesmal wird es eng für den Erzähler und seinen Gefährten, aber mit den beiden Liebespaaren im Urwald stellen sich gleichsam Vorboten des wieder zurückkehrenden Lebens in seinen angenehmeren Erscheinungsformen nach all der Finsternis ein:

„Da standen ein Männlein und Weiblein, also ein Liebespärchen, was, wie man munkelt, auch in anderen Erdteilen und nicht allein in Afrika vorkommen soll. […] Das Verschenken der Herzen schien hier epidemisch geworden zu sein.“

Es folgt ein einigermaßen abrupt wirkendes glückliches Ende, durchsetzt mit der einen oder anderen nachdenklicheren Betrachtung.

In der „Hausschatz“-Fassung ist der Schluß anders, für die Buchausgabe schrieb May ihn an dieser Stelle um, im Zusammenhang mit dem Anfügen zweier zusätzlicher Kapitel.

 

Drittes Kapitel - Thut wohl Denen, die Euch hassen!

Seine Erzählung sei ja nun eigentlich zuende, schreibt May, aber da er „nicht eigentlich schriftstellere, sondern Erlebnisse niederschreibe“ und „das Leben und die Wirklichkeit nicht nach schriftstellerischen Regeln richten und sich selbst vom scharfsinnigsten Kritikus nicht den Gang der Ereignisse vorschreiben lassen“, ginge es doch noch weiter, was er mit Zusammenhängen von Ereignissen in Kurdistan mit denen in Afrika begründet, seinen Grund indes aber eher in der schlichten Tatsache hatte, daß das Buch auf Normumfang gebracht werden musste ...

Nun ist er also mit Halef unterwegs, und verrät, er werde über die Persienreise später berichten, was er ja später im „Silberlöwen“ auch tat, allerdings war Rih da tot, während er sich hier, NACH der Rückkehr aus Persien, der Quicklebendigkeit erfreut …

„War mir gleich, als der Mann erschien, sein irrer Blick aufgefallen, so ging er jetzt mit so wankenden, ja taumelnden Schritten vor uns her, daß ich annahm, es wohne nicht nur die Seele in ihm, die er vorhin nicht herauslassen durfte, sondern auch noch jener 'selig' machende Geist, welcher sein Dasein der Gärung verdankt, um schoppen- oder gläserweise 'hinter den Binden' seiner Anhänger zu verschwinden“, mit dem Thema Alkohol kriegen wir es später in dieser Erzählung in großem Stil auch noch weniger humoristisch zu tun.

Er kann schon recht komisch sein, unser Autor, jedenfalls können die drei Bezeichnungen Vater aller Schweine, Großvater des Schmutzes und Liebling des Düngers, von Halef kurz hintereinander auf den Wirt angewandt, schon einigermaßen amüsieren.

Ein Gast in der Schenke spricht vom zu erwartenden Mahdi, womit eine erste lose Verknüpfung zur Trilogie hergestellt ist. Es gibt außerdem ein paar Reminiszenzen an frühere Erlebnisse (Tal der Stufen, Gasal Gaboya). Dann folgt ein intensives Religionsgespräch sowie eine hübsche Aussage Halefs über Kara Ben Nemsi alias Karl May: "Er ist der Adler, von dem ich gelernt habe, mit ihm hoch über den Wolken zu fliegen. Dort gefällt es mir; wenn es den andern Geschöpfen unten lieber ist, so fällt es mir nicht ein, mich mit ihnen darüber zu streiten; aber ich dulde auch nicht, daß sie mir meine reine Luft nicht gönnen!" Dem ist sozusagen nichts hinzuzufügen.

Der Erzähler schaut gut in seine Mitmenschen hinein, „die Seufzer, mit denen er meine Milde bejammerte, noch ehe ich sie hatte zeigen können, waren eigentlich nichts als ihm selbst unbewußte Aufforderungen an mich, Gnade walten zu lassen“.

Dann läßt er wieder einen Feind, der ihm ans Leben wollte, ungestraft laufen. Es folgt eine absurde Episode um die Tulumba, eine Feuerspritze, fast bezugslos einfach so hineingesetzt in die Handlung, und da gehen ihm dann auch wieder einmal sämtliche erzählerischen und stilistischen Gäule durch. „Die Mannschaft der Tulumba befindet sich im Innenraume des hinteren Dreieckes, kann also mit den zu beseitigenden Inhabern des Ehrentitels 'Publikum' nicht in direkte Karambolage kommen“, großartig.

„Der kleine Kerl behielt selbst in der gegenwärtigen Lage die possierliche Ausdrucksweise bei, die eine Folge seiner stetigen guten Laune war“, das gilt [insbesondere] an dieser Stelle (bitte nachzuschlagen) auch für den Autor Karl May.

„Der Kopf des Mannes gleicht oftmals einem leeren Beutel; im Kopfe der Frau aber ist stets noch ein Piaster zu finden, und wenn der letzte herausgenommen worden ist, steckt immer noch ein allerletzter drin!“, auch das wollen wir nicht abstreiten. Ebenso nicht, daß im weiteren Verlauf Halef (der, nebenbei bemerkt, mittlerweile ganz ungeniert Schweinefleisch isst) wie Autor ein wenig schwatzhaft werden.

Der Autor erwähnt nebenbei, daß er zwar nicht an Gespenster, sehr wohl aber an Geister glaube, bewahrt den Schmuddelwirt vor dem Freitod und hält ihm eine Gardinenpredigt (über mehrere Seiten !) in Sachen Alkoholismus, gibt auch gleich praktische Tipps zur Entwöhnung, es scheint, er weiß wovon er spricht.

Dann sehen wir bei der Kapelle der Toten eine recht großartige Szenerie vor uns, leider wird die Geschichte anschließend zunehmend schwülstig-marienkalenderhaft, das ist dann manchmal schwer genießbar, es fällt auch auf, daß perfide ausgesonnene Grausamkeiten und penetrante Frömmelei bei May gelegentlich Hand in Hand gehen.

„Das war ein Schlürfen und Schmatzen, fast wie an einer feinen Hoteltafel, wenn die Suppe serviert worden ist und kein Mensch auf den Ekel und Abscheu seines Nachbars Rücksicht nimmt. Bär bleibt eben Bär, im kurdischen Hochgebirge und an der Table d'hÔte in Cannes, Baden-Baden oder Scheveningen!“, das ist wieder hübsch.

Auch die Betrachtungen über wahre Liebe (die sozusagen einseitige, selbstlose) sowie Freiheit und Kismet sind durchaus lesenswert, oder eine Stelle wie „Laß dein Herz im Schoße der ewigen Liebe und Wahrhaftigkeit ruhen, so brauchst du keinen Mahdi, den du erst mühevoll entdecken musst“, wobei man für „Mahdi“ z.B. auch „Guru“ o.ä. schreiben könnte.

Die Kleinkinderlogik á la „Ätsch, mein Gott ist mächtiger als Deiner, er hat Dir geholfen, Deiner kann das nicht“ kommt so auch in anderen Geschichten Mays vor und ist eines intelligenten Autors eigentlich nicht würdig. Ein Satz wie „Das Kismet meinte es, obgleich ich es vorhin in so unfreundlicher Weise kritisiert hatte, heut überhaupt herzlich gut mit mir, aber eben ein Beweis, was für ein charakterloses Ding es ist!“ zeigt dann in seiner mehrfachen ironischen Gebrochenheit aber wieder, daß wir solches halt auch nicht zu ernst nehmen dürfen.

„Und doch gab es ein Etwas, was stets vorhanden gewesen war, was allen diesen Nächten die gleiche - - - Klangfarbe, möchte ich sagen, die gleiche Stimmung gegeben und den Grundton gebildet hatte zu all den Moll- oder Dur-, zu all den weichen oder härteren Accorden, die da in meiner Seele erklungen waren, nämlich das Gefühl der Gottesnähe, die mit allen Fasern und Fibern empfundene Gegenwart dessen, welcher die allerhöchste Macht und zugleich die allerhöchste Liebe ist, das seligmachende Durchdrungensein von der Ueberzeugung, daß eine unendliche und allbarmherzige Weisheit mich an Ort und Stelle geleitet hat und mich auch weiter führen wird“, es ist bei Karl May manchmal eine Gratwanderung, mal kommt seine Religiosität eher kitschig-schwülstig daher, mal durchaus überzeugend, hier gilt eher letzteres.

Und immerhin schreibt er : „Ein Mensch, der im Gefühle seines Christentumes den Nacken stolz aufrichtet, der ist kein wahrer Christ, der hat nie über sich zu Gericht gesessen, denn hätte er dies nur ein einziges Mal in der richtigen Weise und ohne Selbstgefälligkeit gethan, so würde er recht demütig und bescheiden anstatt stolz geworden sein“, nur hält er sich leider nicht immer daran …

„Suchen nach Beute, Raub und Fraß überall!“ nach all den Betrachtungen ...

Große Versöhnung über viele, viele Seiten, es kann einem wirklich zuviel werden; anschließend geht es noch einmal um den Mahdi, diesmal konfessionsübergreifend, und das ist wirklich interessant, „Muß also der Mahdi, den wir erwarten, ursprünglich und unbedingt ein Moslem sein? Kann nicht auch ein Christ von Allah begnadet werden, die Wohnung des Geistes zu sein, welcher seinen Gläubigen die Pforten der wahren Seligkeit öffnet?“

Daß es mit dem ewigen Frieden zumindest auf Erden niemals so weit her sein wird, wie man es vielleicht gern hätte, deutet auch der Erzähler an: „Was solche Ewigkeiten zu bedeuten haben, und von welcher Dauer sie sind, das wissen die Diplomaten aller Länder, und das wissen auch die Kurden“, und daß Hass und Hader niemals aus der Welt verschwinden werden, ist am Ende des Kapitels, in den allerletzten Zeilen, hübsch eingeflochten, da steht der Apotheker an der Straße und „warf uns wütende Blicke zu, die unsern Gleichmut nicht zu stören vermochten. - - -"

 

Viertes Kapitel - Die letzte Sklavenjagd

„Und wieder war’s am Nile“ … (nach rund zweihundert Seiten Kurdistan …); der Erzähler wird vom Reis Effendina (man ist sich nicht einig, wen der spiegelt, mal liest man Kürschner, mal Spemann) „kaltgestellt“ (das Wort fällt mehrmals und scheint unseren Autor zu beschäftigen; einer der Fälle, in denen man einen privaten Hintergrund deutlich spürt. Nun ist die Sache mit dem Spüren unter wissenschaftlich herangehenden freilich völlig außen vor, was indes nicht weiter tangieren muß) und verlegt sich selber in dem Zusammenhang aufs Schweigen, eine manchmal beherzigens- bzw. nachahmenswerte Verfahrensweise.

Nach mehrseitiger Schilderung belauschter Gebete heißt es „Der Geist wird durch diese Aeußerlichkeiten getötet, und das Gebet verwandelt sich in ein gedankenloses Plappern. Auch sage man mir ja nicht, daß diese vorgeschriebenen islamitischen Phrasen infolge der dabei vorkommenden Worte wie Barmherzigkeit, Gnade, Reue, u.s.w. denn doch Aehnlichkeit mit christlichen Gebeten haben! Das sind nur leere, hohle Silben, die keinen Inhalt haben und ohne wahres Herzensbedürfnis ausgesprochen werden.“ Vermutlich war es Autor May durchaus bewusst, dass das alles auch auf deutsche Gebete in deutschen Kirchen anwendbar ist ... Wir können (bzw. könnten ...) es auch über hundert Jahre später weiterhin jeden Sonntag erleben.

Anläßlich eines beobachteten Mahles heißt es „Jeder ißt nach seiner Art und Weise; der eine braucht zum Fisch ein silbernes Besteck, der andere will die Auster nur mit Seewasser haben. Wer kein Silberzeug besitzt und Austern nicht bezahlen kann, ißt, wenn er in Berlin wohnt, Eisbein mit Sauerkraut; Gallertschüssel schmeckt ebenso, und wem es im Buche des Lebens vorgezeichnet war, ein Bedawi el Homr zu werden, klebt sich den kalten Hirsebrei nach Art der Maurer zwischen das Gebiß.“

Im Dialog mit Abu Reqiq hört der Erzähler „Der neuerwachte Islam wird seinen Rachen öffnen und dich und deinen Reis Effendina verschlingen“, alles schon mal dagewesen. Über den Erzähler äußert derselbe Abu Reqiq: „Er ist milde wie ein Weib, aber stolz und unerschütterlich dabei.“

Daß es in Sachen Chronologie und Logik gelegentlich etwas wackelt und holpert, fällt auch dem Erzähler auf, er macht dann schon mal eine entschuldigende Zwischenbemerkung wie „Zwischen unserer Fahrt stromaufwärts und jetzt waren allerdings Monate vergangen, denn ich erzähle nur die hervorragenden Ereignisse derselben, und die Zeit unserer Abwesenheit war mehr als lang genug, daß aus dem Fakir el Fukara inzwischen hatte ein Heiliger werden können und am Ufer des Niles ein Ort entstanden war, den es damals noch nicht gegeben hatte“, jenun, überzeugender wird’s daduch in diesem Fall nicht unbedingt …

Und die Juxerei kann er auch nicht lassen, manchmal hat man wirklich den Eindruck, er nimmt nicht nur weder sich noch seine Leser ernst, sondern gibt sich auch nicht die geringste Mühe, das zu kaschieren: „Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten wir die Gefangenen samt und sonders in den Nil geworfen, um sie von den Krokodilen, deren es grad hier freilich keine gab, verzehren zu lassen.“

„Der Tanz zu Zweien sollte beginnen“ heißt es zu Beginn der nun wirklich unerwartet heftig werdenden Auseinandersetzungen mit dem Reis Effendina, und die Erfahrung, dass es mit den Menschen meistens nichts ist, kommt auch wieder: „Da saß ich nun, ein in die Wildnis Gewiesener! Nicht einmal an meine Effekten, die noch auf dem Schiffe waren, hatte er gedacht. Ich fühlte mich nicht etwa mutlos, o nein, gar nicht! Ich hatte Ben Nil mit seinem Goldstaube; ich hatte die El Homr, und ich hatte - was noch viel mehr, was überhaupt mehr als alles wert war - ich hatte meinen festen Glauben an und mein ebenso felsenfestes Vertrauen zu Gott! Es giebt einen himmlischen Vater, der keines, keines seiner Kinder verläßt, der selbst in der tiefsten Wildnis, in der schauerlichsten Wüste, in der Abgeschiedenheit des fernsten Erdenwinkels bei dem von allen Menschen verlassenen Erdenpilger bleibt, wenn dieser die Hand der ewigen Liebe nicht von sich weist!

Aber traurig war ich, ernstlich traurig.“

„dann sprühten seine Augen einen Strahl von Wut auf mich, der mich niedergeworfen hätte, wenn er materieller gewesen wäre“, hübsch, ebenso: „er hätte mir doch vielleicht eine Falle gestellt, während ich mich jetzt auf mich allein verlassen mußte, also auf einen Mann, der mich jedenfalls nicht zu betrügen suchte“ oder „Also meine Augen waren unschuldige Kinderaugen! Und dabei hielt ich den Henker zwar heimlich aber scharf im Auge“, ja, das eine schließt das andere nicht aus ...

Dann kommt die Wiederbegegnung mit dem Herrn aus Kurdistan, der jetzt „nicht mehr nach dem Mahdi, sondern nur noch nach der Liebe“ sucht. Des Erzählers Idealismus in Sachen Menschen hält sich in Grenzen, wie aus „Wie ich vorausgesehen hatte, sollte es nun an eine regellose Plünderung der Seribah gehen, und es kostete mich die Anstrengung meiner ganzen Energie, dies zu verhindern; ich war sogar gezwungen, meine Fäuste zu brauchen, und erreichte meinen Zweck schließlich nur dadurch, daß ich den ausgehungerten Sklaven ein großes Essen versprach, welches sich freilich schon mehr zu einem Fressen gestaltete. Als der Tag anbrach, lagen dann die Schwarzen von der übermäßig genossenen Merissah besinnungslos betrunken auf dem ganzen Platz herum. Das war aber immer noch besser, als wenn sie andere Ausschreitungen begangen hätten“ hübsch hervorgeht.

Vom Mahdi erfahren wir in Erzählform, und dass er „Jede Seele, welche mit diesem Giaur in Berührung kommt, ist dem Teufel verfallen“ über Kara Ben Nemsi gesagt hat. Er tritt selbst nicht mehr auf. Auch vom Wirt aus Khoi hören wir noch einmal.

Mit Murad Nassyr und dem Reis Effendina hat der Erzähler zwei frühere Freunde unwiederbringlich verloren, das ist bitter, es hält halt auch kaum jemand Stand vor soviel kritischem Anspruch, und einen perfekten Winnetou muß man sich schon erfinden. Der Abschied tut entsprechend einigermaßen weh, „Wir saßen lange, lange schweigend im Boote; die notwendigen Handgriffe wurden stumm gethan. Da hinter uns im Süden war ein kurzer aber ereignisreicher Teil unsres Lebens zurückgeblieben!“

Die Insel des Mahdi wird sang- und klanglos liegengelassen, dann ein letzter Gruß an den „Reis Effendina“:

„Da meine Werke, allerdings in einer von mir nicht erlaubten Uebersetzung in französischer Sprache, auch in Kairo gelesen werden, so ist es sehr leicht möglich, daß ihm, der jetzt gut französisch liest, der vorliegende Band vor die Augen kommt. Falls er da dies Buch nicht auch als einen Teil der Atmosphäre betrachtet, sondern die Gnade hat, einen Blick hineinzuwerfen, so mag er hier die höfliche Bemerkung finden, daß ihn die deutsche Luft schön grüßen läßt!

Doch weiter!“

„Unter denjenigen meiner freundlichen Leser, welche das Land der Pharaonen besuchen und hinauf nach Oberägypten wollen, giebt es wohl dann und wann einen, der nicht zu jagen und zu hetzen braucht und Zeit genug besitzt, auf Eisenbahn und Dampfer zu verzichten und die Reise in aller Muße per Segelschiff zu machen. Wenn dieser sich in Bulaq, dem Hafen von Kairo, nach der Dahabijeh 'Baraka el Fadl' (Segen der Güte) erkundigt, so wird man ihm ein außerordentlich schmuckes und sauberes Fahrzeug zeigen, dessen Reis besonders gern und billig deutsche Passagiere nimmt. Und sagt der Reisende, daß er Kara Ben Nemsis Bücher gelesen habe, so erfährt er von dem Reis, daß er sich Ben Nil nenne und seinem Schiffe den Namen 'Baraka el Fadl' gegeben habe, weil er die Mittel, es zu erwerben, der Güte seiner Freunde verdanke. Er ist ein sehr guter Erzähler, und die Fahrt bis zum ersten Schellal (Katarakt) hinauf wird dem Zuhörer sicher wie im Fluge vergehen, obgleich die Dahabijeh kein schneller Dampfer ist“,

da kann man Lust bekommen, hin- und mitzufahren, auch über hundert Jahre später, so schön, herzerwärmend und überzeugend ist das vorgetragen.

Und die allerletzten Sätze lauten so:

"Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts als ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Ich werde von ihr in meinem Buche 'Marah Durimeh' erzählen. - - -"