DURCH DIE WÜSTE

Dem Zauber dieses Buches kann man immer wieder aufs neue erliegen.

Die ursprünglich unter dem Titel "GIÖLGEDA PADISHANÜN" erschienenen Texte sind mit das Beste, was Karl May geschrieben hat. Auch Claus Roxin spricht (in der Einleitung zum Reprint) davon, daß May dieses Niveau der Erzählkunst später nur noch gelegentlich erreicht hat.

Hadschi Halef - Die atemberaubendes Szene auf dem Schott - Der Wekil und seine Frau - Abrahim Mamur - der irgendwie auch den Erzähler beeindruckende Abu Seif - Albani - Dschidda - Hanneh - Mekka - Lindsay - Mohammed Emin - Rih - Wüstenabenteuer - Beim Pascha - Bei den 'Teufelsanbetern' ... Großartig.

Auch scheinbar ganz unspektakuläre kleine Stellen können einen für unseren Autor einnehmen, z.B. wenn Menschlichkeit in einer Weise herüberkommt, daß es einen beträchtlich berühren kann; ein Beispiel: Halef hat man (in der Abu-Seif-Episode) sein Geld weggenommen, der Erzähler, selber arm, kann ihm den Verlust nicht ersetzen, sieht dann die Traurigkeit in den Augen seines Freundes und sagt ihm spontan, daß er ihm die verlorenen Taler nochmals geben wird. In solchen Momenten kommt besonders deutlich herüber, wie sehr innerlich beteiligt Karl May [manchmal] beim Schreiben war, und was er da alles hineingelegt hat, seine so oft enttäuschten Träume von Solidarität, Anteilnahme, Redlichkeit, echter Freundschaft, Geborgenheit, wenn man so will.

*

Die Buchausgabe hieß ursprünglich „Durch Wüste und Harem“ und sollte - ähnlich wie es etwa bei „Kabale und Liebe“ oder „Am Marterpfahl“ der Fall sein mag - mit diesem Titel wohl zusätzlich bestimmte Käuferschichten anlocken.

Immerhin zweimal ist der Held auch tatsächlich im Harem in diesem Buch, zunächst bei Abrahim Mamur und später auch noch bei Mohammed Emin, aber da passiert nun wirklich ganz und gar nichts Anstößiges ...

Aber die Spannung, die sich da vermittelt bei Abrahim Mamur und Senitza hinter weißen Mauern am Nil, das kann so dem Altmeister kaum einer nachmachen ... Der Leser spürt die hochangespannte Atmosphäre und mag, gleichsam, kaum atmen, wie die Figuren, von denen er da liest. Spannungsaufbau, Eindringlichkeit, Atmosphäre ... Es kommt halt nicht auf „Action“ an.

*

Zunächst handelt es sich um voneinander unabhängige Episoden; wie in der Musik strömen verschiedene Motive später gleichsam zusammen.

 

Erstes Kapitel - Ein Todesritt

Mays bestes Buch beginnt eigenartigerweise einleitungslos gleich mitten im Dialog; wir sind gleich mitten drin.

Wir erleben ein erstes Religionsgespräch, eine Art gefälliger Vorläufer zu späteren tiefergehenden, z.B. in „Am Jenseits“.

Kara Ben Nemsi äußert, er sei ein „Feind aller Frauen und Mädchen“ ...

In Sachen 'Hadschi' treffen wir schon auf die Thematik Schein und Sein, die im Gesamtwerk Mays wie im Leben eine große Rolle spielt; selten ist mal etwas wirklich echt ...

Der Ring, den die aufgefundene Leiche am Finger trägt, trägt die Initialien E.P., wie Mays erste Ehefrau; das ist "stark". Und dass er den Ring einfach an den Finger steckt, ebenfalls. Man spielt ja nicht mit solchen Dingen. War er in dieser Hinsicht eigenartigerweise so unsensibel, unser May (auch in ‚Old Surehand’ steckt er einen fremden Ring einfach an) oder überschreitet er diese gefühlten Grenzen gar ganz bewusst ? - Auch um eine Taschenuhr geht es übrigens. (Eine solche spielte bekanntlich in Mays Biographie eine große Rolle ...)

Halefs Kummer gilt interessanterweise mehr dem prächtigen Reittier als dem toten Menschen.

Pragmatisch überkonfessionell:

"Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!"

"Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb."

"Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Thiere der Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines Kreuzes bekam", das kennen wir aus "Deadly dust". Kara Ben Nemsi und Halef beten, der eine so, der andere anders, wie spricht der abgeklärte Kurpfälzer, des derf alles soi.

Ein Vorläufer von unserem Freund aus dem "Waldröschen" in der Wüste, hier als Negativ-Figur: "Das war keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form eines Geierschnabels". Dieser Hamd el Amasat wird uns durch den Orientzyklus begleiten bzw. in dessen zweiter Hälfte wiederbegegnen.

"Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit", auch der Satz fällt, da auf eine unwesentliche Nebenfigur bezogen, auf.

Kara Ben Nemsi läßt den Mörder laufen, "ich übergebe Dich der Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That unvergolten läßt", wenn es nicht mit der "Rache" so unpassend martialisch formuliert wäre, wäre es noch schöner. Die Wertsachen läßt er sich herausgeben, das Geld nicht.

Das einst dem Hausschatz-Text den Titel gebende "Giölgeda padishanün" (für "Im Schatten des Großherrn") wird des öfteren zitiert und auch für Worstspielereien verwendet. In späteren Bearbeitungen hat man das weggelassen, weil es offenbar nicht korrekt übersetzt ist. (Aber was spielt das schon für eine Rolle ... Weder ein Grund zum Ändern noch immer wieder belehrend darauf herumzureiten, was wissenschaftlich orientierte ein wenig zu oft und gern zu tun pflegen.)

"Zu unserer Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte." Diese Schotts (auch der im 'Krumir' z.B.) sind grundsätzlich zusätzlich auch gleichnishaft zu sehen, insofern ist das "auskosten" schon bemerkenswert. Faszination des Abgründigen.

"Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen. Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste."

"Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer Linken".

"Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar" heißt es über Halef und Sadek, diese Gefühlsaufwallung ist den beiden im bearbeiteteten grünen Band übrigens bis heute nicht erlaubt.

"So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens, das Meer des Schweigens, über welches ich Dich hinwegführen werde mit sicherem Schritte." Hier kann man freilich an Mays Anstaltsgeistlichen Kochta und nächtliche Gespräche denken, wie auch an entsprechender Stelle in "Am Rio de la Plata".

"Du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast Du mir nicht stets die reichsten Reisenden weggefangen?" Marktwirtschaft und Konkurrenz am Schott Dscherid. Später geschieht gar ein Mord unter anderem aus eben diesem wirtschaftlichen Aspekt.

"Wer sind die Männer?" frug unser Führer.

"Mörder," antwortete Halef.

"Haben sie Jemand aus Deiner Familie oder aus Deinem Stamme getödtet?"

"Nein."

"Hast Du über Blut mit ihnen zu richten?"

"Nein."

"So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu mischen."

Ähnlich sah es zuvor ja selbst Kara Ben Nemsi.

"Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst, sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden ist. Statt des Eises eine Salzdecke - das war mir mehr als neu. Der eigenthümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste - das Alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart und glatt, daß man hätte Schlittschuhe benutzen können, dann aber hatte er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergethautem Schnee und vermochte nicht, die geringste Last zu tragen." Ähnliche Empfindungen begleiteten unseren Autor wohl mehr oder weniger lebenslang.

"noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten, welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen sind sie eine Ewigkeit." In der Tat eine der packendsten Szenen im Gesamtwerk, dieses traumatische Erlebnis, das einen immer wieder gleichsam den Atem anhalten läßt, auch wenn man die Szene schon zehn und mehr mal gelesen hat. Packend auch auf der einfachen Leseebene, die schon für sich allein reizvoll ist.

"In dem Augenblick, während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet meines ganzen Lebens gehört." Hier kann, wer will, bei aller Ernsthaftigkeit durchaus eine Prise Komik wahrnehmen, diese Dinge schließen sich ja bekanntlich nicht aus; das inbrünstigste Gebet, koppheister durch die Luft schießend.

"Nicht lange Worte und viele Minuten gehören zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, gibt es keine Worte und keine Zeit zu messen." Es bedarf überhaupt der Worte nicht.

"Gott wollte, daß ich noch leben sollte", jedwedes Ding hat halt seine Zeit.

Das Kapitelende ist prädestiniert für einen Zeitschriften-Fortsetzungsroman und gleichzeitig ein großartiges Bild: zwei gleichsam hilflos ausgesetzt und allein, ohne festen Boden unter den Füßen, den Mut nicht verlierend und auf Rettung wartend.

 

Zweites Kapitel - Vor Gericht

Ernst und Albernheit liegen immer wieder nah beieinander bei Karl May; als Omar Ben Sadek eintrifft, dem man die Nachricht vom Tod seines Vaters zu sagen hat, weiß Halef zunächst nichts Besseres, als die Anrede "Halef Omar" auf "Hadschi Halef Omar" zu korrigieren, und gibt anschließend auf die Frage nach Sadek gar "feierlich" den makabren Kalauer "Er ist in der Nähe" von sich.

Omar beeindruckt mit seinem Schwur, eine Szene, die man über Jahrzehnte in Erinnerung behalten kann. Anschließend ist er von "unnatürlicher" Ruhe, die aber freilich gar nicht so unnatürlich ist. Alles zu seiner Zeit, und 'Umschalten' zwischen emotionalen Befindlichkeiten kann individuell recht schnell gehen.

Dann geht es vor Gericht; "Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!", rein deutsche Begebenheiten im exotischen Gewande, auch Achtzehnhundertundnochwas schon.

Die Szene beim Wekil wirkt von Anfang an nie bedrohlich, der Leser spürt, der Mann kann unserem Helden nichts tun. Der Auftritt der Soldaten erscheint allenfalls als absurdes Theater, wenn man so will eine ins Groteske gesteigerte Schilderung der Art Wahrnehmung, wie man sie auch in weniger exotischen Amtsstuben (u.a.) haben kann. Die Welt ist ein Narrenhaus, und bei Karl May wird es immer wieder deutlich.

Irgendwann wird es dem erheiterten Erzähler zu bunt, "Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich Dir eine Ssille, das heißt, eine solche Ohrfeige, daß Du morgen Deine Nase für ein Minaret ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So etwas darfst Du wohl hier Deinen Oasenhelden weis machen, nicht aber mir; verstanden!"

Anschließend läßt er sich doch vorübergehend festhalten, "Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu meiner Befreiung hätte machen mögen"; "die steife, orientalische Würde, mit der das alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war Schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte." Marionettenhaftes hatten wir auch schon z.B. bei E.T.A. Hoffmann.

Immer wieder treffen wir auf dieses "Giölgeda padischahnün" (in unterschiedlichen Schreibweisen ...) als eine Art geflügeltes Wort.

"'Bist Du todt' frug ich den Wekil"; der Erzähler läßt sich von der allgemeinen Groteske offensichtlich ein wenig anstecken.

Und dann erscheint eine der Mayschen 'Rosen', die hier ist die von Kbilli, und ihr Ehrentitel erscheint durchaus ironisch gebrochen ... Die Dame in dieser Geschichte heißt Mersinah; in Kurdistan werden wir eine Namensvetterin kennenlernen.

"Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade vor ihren Augen gefunden hatte." Kara Ben Nemsi versteht es, die Damen 'einzuwickeln', pflegt indes von dieser Fähigkeit keinen weitergehenden Gebrauch zu machen.

Wer ist schon Hamd el Amasat, "Er ist ein Giölgeda padischahnün, das heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin, in meinem Schatten, hörst Du?" Die Dame übernimmt sozusagen die Gerichtsverhandlung.

"Am liebsten wäre es mir trotz Allem gewesen, wenn es ihm gelingen konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen", das bezieht sich immerhin auf einen überführten Mörder, so etwas finden wir des öfteren bei Karl May.

"Habt Ihr jemals eine unserer Frauen bei Euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns, und weßhalb? O jazik, o wehe!" sagt der Wekil, was er damit meint, muß man sich hinzudenken.

"Ein schwatzhafter Mann gleicht einem zerbrochnen Topfe, den Niemand brauchen kann, weil er nichts bewahrt." Bemerkens- und beherzigenswert.

Am Ende gibt's gar Prügel für den Wekil aus der Hand der 'Rose', "Meine Hand soll über ihn kommen, ile gertschekki hemen schimdi, und zwar sogleich, in diesem Augenblick!"; "Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük."

 

Drittes Kapitel - Im Harem

Am Nil haben wir es in der Episode um Abrahim Mamur und Senitza mit einer Bearbeitung der „Leilet“-Erzählung von 1876 durch Karl May selber zu tun; er hat eigene Geschichten ähnlich beträchtlich bearbeitet wie das später andere taten. Intensität, Dramatik und großer Reiz sind hier erfreulicherweise erhalten geblieben, die Liebesangelegenheit des Erzählers wurde auf einen Mitmenschen namens Isa Ben Maflei übertragen.

"Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet", eine reizvolle, den Leser ggf. gänzlich vereinnamende Atmosphäre entsteht da am Beginn des Kapitels. Man kann völlig eintauchen, mit dem Erzähler auf dem Diwan sitzen, den Tschibuk rauchen und alles miterleben, Helligkeit, Wärme, weiße Mauern, Gemütsruhe ...

Hier agiert nun Halef Agha statt Omar Agha (in "Leilet"), wobei die Überarbeitung in dieser Hinsicht ähnlich wie schon bei "Old Firehand" (in Sachen Ellen / Harry) teilweise recht schlampig geschah; einiges von dem, was wir da über "Halef Agha" lesen, paßt irgendwie nicht so recht zu seinem sonstigen Erscheinungsbild, und vor allem läßt der Erzähler den "Agha" dann ab Kapitel 5 wieder weg und kommt nie mehr darauf zurück.

Daß man mit Grundkenntnissen in Sachen Homöopathie manchmal durchaus den Hausarzt ersetzen kann, ist heute noch so, hier sind Mays Angaben durchaus zu bestätigen. Auch mit den Mitteln und Potenzen kannte er sich offenbar aus. Erst Ignatia und später ein Placebo, das zeugt durchaus von einer gewissen Einfühlsamkeit.

"Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen", im ersten Kapitel lasen wir doch auch schon Ähnliches. "Er darf kein irdisches Weib lieben", durchaus interessant.

Das Außen entspricht dem Innen, "Wohin das Auge nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung in die traurige tote Szene" lesen wir über Abrahim Mamurs Behausung.

"Er mußte die Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast ausgebrannten Herzens lieb haben", dafür, daß er den Mann zum ersten Mal sieht, fühlt er sich recht gut in ihn hinein.

Die ganze Episode ist ungeheuer spannend und außerordentlich reizvoll geschildert, ggf. auch beim zehnten, fünfzehnten oder zwanzigsten Lesen noch.

"Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume", siehe oben.

"Rette Senitza", selbst im Fix-und-Foxi-Heft vor vielen Jahrzehnten vermittelte sich hier schon Spannung, Dramatik und exotischer Reiz. [Vorsichtshalber: Das ist ernst gemeint.]

"Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse sein Weib so lange als möglich krank bleiben!", bakschischheischender Pragmatismus des Halef Omar (Agha).

"Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat, und doch von keiner sehr viel lernte" sagt der Kapitän über den Hallodri aus Jüterbog[k], eines der zahlreichen alter egos Mays. Ein in allerhand Richtungen Begabter, der "nichts rechtes" daraus gemacht hat; in diesem Band ist das noch recht entspannt und mit Nachsicht, einem gewissen Wohlwollen oder Verständnis gesehen, im dritten wird es ganz bitter werden in Sachen der gleichen Person. Man kann halt die gleichen Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. (Überhaupt kann man einen allgemeinen Wechsel der "Farben", der Stimmung, zwischen Band 1 und Band 3 realisieren.) Bei Albani ist es später ähnlich, wenn auch nicht ganz so kraß wie beim vermeintlichen Jüterbogker.

Über ein franzosenfeindliches Liedchen kommt man sich schnell näher, in Sachen "political correctness" ging es damals weiß Gott noch nicht zimperlich zu. (Heute macht man sich bei weit Harmloserem ins Hemd ...)

"Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald geschieht." Wie schon geschrieben, der Erzähler nimmt Menschen einmal wahr und weiß sozusagen Bescheid, durchaus nicht unrealistisch übrigens. (Wenn auch reine Intuition gelegentlich zu Fehlurteilen führen kann).

"Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?"
"Nein, ich habe es beobachtet."

Ohne Lehrbücher.

 

Viertes Kapitel - Eine Entführung

Wieder gibt es ein Zusammentreffen mit dem "gutmütigen aber leichtsinnigen Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde." Auch Abrahim Mamur wird man, wie noch etliche andere, in "Von Bagdad nach Stambul" wiedersehen.

Für den Mamur hat der Leser, wenn auch vielleicht nur der vielzitierte geneigte, eine Art Sympathie, zumindest zwischenzeitlich stellenweise, und das dürfte durchaus die Sympathie auch des Erzählers sein, die sich vermittelt. Zumindest Anteil nimmt man an der Figur. Das gleiche erleben wir später ähnlich auch bei Abu Seif.

Und die Entführung kann man durchaus [auch] als eine Art Verrat empfinden. Fair ist die Angelegenheit jedenfalls nicht, und in dem Moment in dem er entdeckt daß sie ihm das geliebte Wesen rauben, kann er einem leid tun, der Mamur. Kara Ben Nemsi hat sich mit Geschick und Einfühlsamkeit sein Vertrauen sozusagen und wenn man so will, erschlichen. [Gewünschte Ergebnisse sind das eine, Vorgehensweisen das andere ...]

"Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen ruht, als gäbe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges drohendes Element." Die Natur "ruht" halt immer in "tiefem Vertrauen" (= alles ist "wohlgetan"), es ist so, auch wenn der Mensch Dinge als "drohende Elemente" wahrnimmt. Die Dinge sind wie sie sind, die Wertungen bringt der Mensch hinein.

"Diese Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies zu glauben." Aber warum denn. (Nichts leichter als das nachzuvollziehen.) Selbst auf dem Weg zum Schafott, z.B., muß ja nicht sozusagen theatralisch herumgehampelt werden.

Die Szene im Kanal hat Ernst Bloch beschrieben; "Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Ängstlichkeit meiner", hier lag eine frühere Bearbeitung mit "Todesangst" ausnahmsweise sprachlich wohl richtiger.

Bei der anschließenden Schiffsfahrt und Verfolgung auf dem Nil werden alle erzählerischen Register gezogen, "Er faßt danach - ergreift ihn - wird emporgezogen - es ist - Abrahim-Mamur".

"Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so lange du dich friedlich benimmst." Man geht teilweise auf recht hohem Niveau miteinander um. Und, einmal mehr, einfühlsam: "Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Ägypter erbittern und zum Äußersten reizen."

Barud el Amasat wird erwähnt, und damit eine lose Verknüpfung zur Schott-Episode hergestellt.

Dann erleben wir erneut Obrigkeit im Morgenlande, unter ähnlichen Voraussetzungen wie schon zuvor: nicht recht ernstzunehmen, mit absurden Zügen.

"Hamsad al Dscherbaja, der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner Beine munter sein 'Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!'" Das erinnert an eine Szene in Winnetou II im 'Scout'-Teil, dort gibt es eine ähnlich merkwürdige Prozession.

"Ich habe einen Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch (Reiseschein) des Vizekönigs von Ägypten; dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün", diesmal ist es Maflei, der im Schatten des Großherrn wandelt.

Und wieder ist es der "Bösewicht", Abrahim Mamur, der vor Gericht zunächst die 'besseren Karten' hat.

Am Ende werden beide Parteien laufen gelassen, auch in der Schott-Episode kamen die Täter davon, und der Erzähler hatte in beiden Fällen sozusagen kein Problem damit, das fällt auf.

 

Fünftes Kapitel - Abu-Seif

Der Erzähler erwähnt seine "gute, fromme Großmutter", die ihm seinerzeit unter anderem aus der Bibel erzählte, "Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr geistiges Auge ihn gesehen hatte", womit er gleichzeitig einen wesentlichen Teil seines eigenen schriftstellerischen Erfolgsrezeptes verrät, das Sehen mit dem geistigen Auge und das 'Zeichnen' in lebendigen Farben.

Und dann eine in der Tat überzeugende Aussage, eher beiläufig daherkommend, "Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte".

Der Erzähler hat eine unübersehbare Neigung, mit den Leuten anzubinden (hier zunächst mit dem Schiffskapitän), wenn etwas nicht ganz nach seinem Willen geht, was sicherlich mit Kompensation und Geltungsbedürfnis zu tun hat. "Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich dich frage."

Auf dem Schiff fühlt er sich dann (mit Recht) belästigt, was gleich zu Folgendem führt: "Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem Bauche begrüßte", der deutsche 'dicke Wilhelm' im Orient.

"Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für einen großen Schützen ausgegeben." Humor des Ärgers, jeden Tag nachempfindbar, wenn man mit Menschen zu tun hat.

Auch mit Abu-Seif wird sofort angebunden, des Gefangenseins ungeachtet. Es kommt zu einem Säbelkampf, "Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand." Spätestens danach hat auch der 'Vater des Säbels' vor dem Erzähler Respekt.

Und er setzt gleich noch einen drauf, "Hier hast du den Säbel; ich bin in deiner Hand."

"Diese - freilich gewagte - Appellation an seinen Edelmut hatte einen guten Erfolg."

Eine gewisse Affinität zu "Edelschurken", vorher schon bei Abrahim Mamur, später in einem anderen Werk beim 'Sendador' spürbar. Solche Leute imponieren und gefallen ihm auch irgendwie.

Abu-Seif ist erkennbar beeindruckt, "Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.";
"Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter den Christen auch ehrliche Leute sind."

 

Sechstes Kapitel - Wieder frei

Abu-Seif fragt den Erzähler, ob er entfliehen werde, wenn er die Gelegenheit dazu habe, und der bejaht das uneingeschränkt. Darauf wird er wieder gebunden und eingesperrt, nicht ohne eine weitere verbale Sympathiekundgebung:

"Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!"

"Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten, darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt hatte." Vergleichbares soll noch heute in ähnlicher Form vorkommen.

Dann eine Stelle, die einen wirklich berühren kann: Halef versucht, an das ihm geraubte Geld zu kommen, muß aber umständehalber verzichten, "Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder gar in Gefahr gebracht", der Krach beim Aufsprengen der Kasette würde die Flüchtlinge verraten, das sieht auch Halef ein, "Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Taler doch nicht holen können. Komm, wir wollen gehen!" Und dann heißt es "Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht getan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem Versprechen: 'Halef, du sollst die Theresientaler noch einmal von mir bekommen!'" Wie schrieb Fehsenfeld einmal sehr richtig (sinngemäß), wer so schreibe, könne kein schlechter Mensch sein; da ist echte Freundschaft, Solidariät, Anteilnahme, Mitgefühl, ein großes Herz.

In Sachen Mekkabesuch Kara Ben Nemsis wird Halefs Anhänglichkeit dann auf eine beträchtliche Belastungsprobe (konfessioneller Natur) gestellt, aber sie hält auch das aus.

Und dann folgt die schöne und sympathische Albani-Episode, eine der schönsten Passagen des Gesamtwerkes, eingeleitet mit einem "G'sangl" aus der Heimat; Exotik und Geborgenheit, Lebensfreude, alle Fünfe gerade sein lassen, solche Dinge vermitteln sich hier; Käse aus der Blechbüchse usw. in bescheidenem Ambiente schmeckt den beiden besser als wenn sie im Grand-Hotel säßen, das ist allerdings sehr nachvollziehbar. - Hier scheint gleichsam die Sonne, nicht nur weil wir uns im heißen Orient befinden. Karl May schrieb dies in der Hoch-Zeit seines Lebens.

"Damals" ... ("Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals als der Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede überrascht hatte!") Das war doch gerade erst in der vorangegangenen Episode; über die zeitliche Abfolge, Jahreszahlen usw. zerbrechen sich andere unnötig die Köpfe, Karl May selber offenbar nicht.

Albani stellt sich als "Violinist, Komiker, Schiffskoch, Privatsekretär, bookkeeper, Ehemann, merchant, Witwer, Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu" vor,

"Was tun Sie hier in Dschidda?"
"Nichts. Und Sie?"
"Nichts. Wollen wir einander helfen?"

'Warten auf Godot' sozusagen 'auf Positiv' ...

"Der Mann gefiel mir." Nachvollziehbar. "Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden ist."

Herzlichkeit, erfreuliches Miteinander, erfrischend. Das Herz kann einem aufgehen.

Dann hält Kara Ben Nemsi eine interessanten Vortrag zum Thema "Abenteuer", unter anderem "Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer, wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung, Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt, daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten." Darin steckt auch gleich ein interessanter Hinweis; vielleicht hat er tatsächlich Ameisen am Waldrand beobachtet und daraus irgendwo z.B. spektakuläre Indianer- oder Beduinenauseinandersetzungen gemacht ...

"Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische hinüberklingende Seelenstimmung."

Mit dem Kamelverleiher wird auch gleich wieder angebunden, das Budjuruldi oder wie immer es heißt oder geschrieben werden mag (der Varianten sind etliche), über das der Erzähler mittlerweile selber verfügt, scheint sozusagen symbolisch für eine Art Herrenmenschentum zu stehen ... (allerdings wohl ein aus Kompensationsbedürfnis geborenes).

Hübsch Albanis Kommentar zu Amscha (Frau vom Typ "Fürchtet euch nicht" ..., in der WDR-Hörfunkproduktion seinerzeit kongenial besetzt mit Renan Demirkan).

Halef hat von den neuen Freunden, den Ateibeh, schon gehört, "keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher". So ganz 'moralisch einwandfrei' ist die Welt, in der sich der Erzähler bewegt, des öfteren nicht.

Und 'Hanneh', die uns, an Halefs Seite, durchs Lebenswerk begleiten wird, heißt Anna, erfahren wir. Wenn man ein paar biographische Kenntnisse hat, wird das interessant.

Der Erzähler konstatiert über Halef "vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der Ehe" und sagt ihm ins Gesicht "Die Liebe ist eine Koloquinte. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen."

Ein späteres Wiedersehen mit Albani, von dem man sich für diesmal verabschiedet, wird angedeutet. Es wird (in Band 4) in deutlich gedeckteren Tönen gemalt sein.

 

Siebentes Kapitel - In Mekka

Für Halefs Knauserigkeit in Sachen Brautgeschenk hat der Erzähler zunächst noch ein gewisses Verständnis, dann wird es ihm zuviel. Das kommt hübsch differenziert herüber: menschliche Schwächen haben ist in Ordnung, aber man darf es nicht übertreiben.

In Sachen Eheschließung / Freundschaft steht Halef, der seinen Sihdi nicht verlasen mag, vor einem Problem, "Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war."

Der Erzähler verhindert nicht das Abschlachten von Abu-Seifs Räubergesellschaft durch die Ateibeh; "Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich nicht vielleicht hätte anders verhalten können." Aber der Gedanke an das verbotene Mekka lenkt ihn schnell ab, "Ich zuckte in allen Gliedern nach ihr hin".

Bei Amscha beißt er mit seinen ihm so lieben Belehrungen auf Granit, "'Schweige,' unterbrach sie mich barsch. 'Ich sage dir meine Gedanken, aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich tue'" und berichtet ganz neutral und uneitel darüber, auch daß sie es ist, die ihm hilft, nach Mekka zu gelangen, er also nicht wie sonst üblich alles alleine zu bewerkstelligen weiß, fällt auf.

In der verbotenen Stadt ist er dann auffallend kurz, so um die zwei Seiten sind es im Text, dann ist er wieder draußen.

"Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so oft findet, so war ich unbedingt verloren." Wechsel der Zeiten innerhalb eines Satzes, warum auch nicht.

"So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später."

Halef hält seinen Herrn nun für bekehrt, da der das heilige Wasser vom Brunnen Sem-Sem oder auch Zem-Zem geholt hat, "Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage; aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht ein, seine Anschauung zu widerlegen."

Auf die Frage, was denn Hanneh dazu sagen werde, daß Halef sie nicht wieder hergeben mag, antwortet der kurz und klar "sie liebt mich".

"Draußen liegt tot der Vater des Säbels." Hier erinnert Halefs feierlich individuelle Sprechweise an das Winnetou-Deutsch (insbesondere aus der Old Firehand - Episode). Kara Ben Nemsi war an der Großtat freilich, wie sollte es anders sein, indirekt beteiligt, "er hat mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen."

Und als Belohnung wünscht Halef "Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter die Deinen auf." Heimat ist eben nicht zwangsläufig der Geburtsort, sondern ggf. da, wo man sie findet. (Vgl. auch Ausführungen Wolf-Dieter Bachs andernorts.)

Am Ende hält Kara Ben Nemsi eine beeindruckende Rede, die er zwar vermutlich selber nicht so ganz ernst nimmt, aber nichtsdestotrotz Fingerspitzengefühl und Warmherzigkeit verrät, "Nun aber hat Allah ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von einander scheiden möchten."

"Du bist unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als wir. Sallam, Effendi!" Ein schöner Schluß dieser (nach Schott Dscherid / Kbilli und Abrahim Mamur) dritten Episode des Bandes.

 

Achtes Kapitel - Am Tigris

Wir begegnen erstmals Sir David Lindsay, der unseren Erzähler als wirklicher Freund durchs Lebenswerk begleiten wird (Halef - Hanneh - Albani - Lindsay; so viele großartige Menschen wie in diesem Buch lernt wohl mancher im Laufe eines Lebens nicht kennen ...), bis zum Abschied im 'Silberlöwen'. Und wir erleben ihn hier genau so, wie es beim letzten Wiedersehen in Basra sein wird: er bestellt im Lokal Kaffee und Tabak und 'entsorgt' beides nach erstem Probieren. Wer darob im 'Silberlöwen' nichts anderes wahrnimmt als den vermeintlich arroganten Engländer, der nimmt zuwenig wahr.

Lindsay hat vom Erzähler vor dem ersten Zusammentreffen bereits gehört,

"Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London, Near-Street 47"

"Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?"
"Auf Reisen - hier oder dort - weiß nicht. Sie waren mit ihm auf Ceylon?"
"Allerdings."
"Elefanten gejagt?"
"Ja."
"Dann in See auf Girl-Robber?"
"So ist es."

Sehr schön. Die entsprechenden Geschichten stehen in Band 11 (im bearbeiteten Grünen Band 1 spricht Lindsay übrigens aufgrund irgendwelcher Überlegungen in Sachen Chronologie der Geschichten nicht von Raffley, sondern von Bothwell, und entsprechend von anderen Abenteuern).

In Sachen Anrede stellt Lindsay klar, was er hören, und was er nicht hören will,

"Lindsay, David Lindsay - Titel nicht, brauche nicht - Sir Lindsay sagen", besserwisserische Erbsenzähler[innen] brauchen sich hundert und mehr Jahre später nicht den Kopf zerbrechen, welche Anrede denn "korrekt" wäre. Das sollen sie der Figur selber bzw. deren Gesprächspartner überlassen, die haben ihre persönlichen Vorlieben, "Korrektheit" her oder hin. (Und falls es jemand moniert: ganz bewußt steht hier "persönliche Vorlieben", auch wenn Leute der Meinung sein mögen, bei Kara Ben Nemsi und David Lindsay handele es sich lediglich um Romanfiguren, bei denen man von so etwas nicht sprechen könne).

Bevor es zu den Haddedihn geht, erleben wir noch eine kleine (verzichtbare) Episode mit Pferdedieben. Sechs Schüsse, und der Fall ist erledigt.

"Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht vergleichen." Siehe in diesem Zusammenhang auch Wolf-Dieter Bachs Betrachtungen zum Zweistromland (im KMG-Jahrbuch von 1971). Halef findet in der Fremde eine Heimat.

Nachdem der Erzähler ihm das schmackhaft gemacht hat, äußert Lindsay "Werde auch nach Amerika gehen - reiten in Urwald - auf Flußeis - in Cannon - schönes Abenteuer - prachtvoll!" Im Werk Karl Mays ist es dazu nicht mehr gekommen, aber in Band 62 der Grünen Bände, da ist Lindsay (statt im Original Lord Eaglenest) tatsächlich in Amerika und erlebt Abenteuer.

"Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns den Haddedihn näherten. [...] Hier ritten wir auf einer beinahe unbegrenzten Merdsch (Wiese, Prairie), welche nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einer Uah (Oase) des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. [...] Die weite Ebene hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten keine Spur jener 'Wüstenstimmung', welcher westwärts vom Nil kein Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton, der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.
Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte - rechts und links von uns, vor und hinter uns - wogte ein Meer von grasenden und wandernden Tieren."

Mohammed Emin tritt auf, Ersatzvaterfigur, für Erzähler wie (ggf.) jugendlichen Leser. "Just so mußte Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat, um seine Gäste zu begrüßen." Das erinnert an eine ganz ähnliche Stelle im "Silberlöwen", wo es um den Ustad geht. Eine gewisse Sehnsucht nach Vervollkommnung [der äußeren Gegebenheiten], Geborgenheit, Angekommensein oder wie immer man es nennen mag dürfte hier mitspielen, hier noch im Außen, später im Innern.

"Du bist ein Hadschi" sagt Mohammed Emin zum Erzähler, da dieser das Hamail um den Hals trägt, und dieser widerspricht nicht. "Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?" Da er ja tatsächlich im übertragenen Sinne ein Pilger ist, auf der Bewußtseins-Reise zu Wachstum und Reife, kann das auch so stehen bleiben. Im Grünen Band hat man die entsprechenden Stellen allerdings wegbearbeitet.

Über Amscha sagt der Scheik "sie ist kein Weib, sondern ein Mann".

Dann geht es in den Harem, nach der Nil-Episode zum zweiten Mal in diesem Band. Da Kara Ben Nemsi das Wasser vom Zem-Zem mit sich führt, wird er dazu eingeladen. "Komm, und besprenge sie selbst."

"Von einem jeden Ohre hing ein großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine funkelten: - er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein." Was eine Frau so alles anstellt, um ihrem Gemahl bzw. sich selber und anderen zu gefallen.

Unvergessen die Schilderung des Gastmahles, seit dem ersten Lesen vor vielen Jahrzehnten, "Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittels seiner Zunge von dem unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden muß."

Lindsay hat fertig gegessen, "fuhr mit der Hand in das Wasser und - betrachtete sie dann sehr verlegen.
Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.
'Sage deinem Freunde,' meinte er zu mir, 'daß er seine Hände an meinem Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie sich abtrocknen können.'
Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon."

Wörtlich mit "Hadschi Kara Ben Nemsi" stellt sich der Genannte den anderen Anwesenden nun tatsächlich selbst vor. Und damit nicht genug: "Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad (* Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen) ist er. Laßt uns sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!"

"Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage" konstatiert der Erzähler, der dann ja tatsächlich mit ihnen gegen die Feinde ziehen wird.

Und dann tritt Rih in Erscheinung. Ein weiteres der wesentlichen Wesen, derer wir in diesem Band etliche kennenlernen.

Die Bedingung, Rih zu erwerben, ist "Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari sich vereinigen werden" und der Erzähler notiert "Beinahe hätte ich ein 'Juchhei!' hinausgejubelt."

"Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge." Sehr innig ...

 

Neuntes Kapitel - Auf Kundschaft

Der Erzähler verfügt über "das Fernrohr, mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen wurde".

"Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari." So etwas wie V-Männer und dergleichen gab's freilich damals schon. Sicherheit ist nirgends.

"Ich war trotz meines guten Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges Geschöpf!"

Diese Gefangenschaft währt aber wie immer nicht lange, nebenbei wird noch ein Löwe erlegt. Das werden wir im Gesamtwerk öfter erleben.

Und wieder der Hadschi (Kara Ben Nemsi !): "Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich das Wasser des Zem-Zem befindet!"

Und:

"Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?"
"Ja."
"Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem, welches du in der Tasche hast."
"Ich schwöre es!"

Er ist in dieser Hinsicht wirklich nicht zimperlich ...

Dann eine merkwürdige Stelle; Lindsay hat einen Stein mit Inschrift gefunden,

"Was heißt das?"
"Zum Ruhme Babylons aufgeführt."
Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis hinter an die Ohren.
"Lest Ihr richtig, Sir?"
"Ich denke es."
"Was daraus nehmen?"
"Alles und nichts!"
"Hm! Hier doch gar nicht Babylon!"
"Was sonst?"
"Niniveh!"
"Meinetwegen Rio de Janeiro! Reimt Euch das Zeugs da selbst zusammen oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu."

Nach seiner Rückkehr zu den Haddedihn genießt Kara Ben Nemsi sichtlich die Anerkennung, die ihm zuteil wird. Anschließend hat er in großem Stil Gelegenheit, die Herrschaften in "europäische Kriegskunst" einzuführen, und alle einschlägigen Begriffe fallen, Musterung, Compagnien, Manöver, Offiziere, Unteroffiziere; mit diesen Dingen hatte der Autor der "Rückblicke eines Veteranen" offensichtlich doch einiges 'am Hut'; "jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren."

Das Wiedersehen mit Hadschi Halef gestaltet sich beträchtlich emotional, "Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu küssen." Und: "Hamdullillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne."

Die Ansicht, Kara Ben Nemsi sei aufgrund seines Mekkabesuchs und des Besitzes des Zem-Zem-Wassers nun kein "Giaur" mehr, äußert Halef erneut, und sein Freund widerspricht ihm auch hier nicht.

Unter den Feinden wird er indes, wie er belauschend hören kann, für den leibhaftigen Teufel gehalten, und jagt ihnen mit seinem persönlichen Erscheinen dann entsprechend einen gehörigen Schrecken ein.

Das "Geheimnis" wird ohne Not angewendet, und das Pferd "schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen".

Am Ende wird Blutsbrüderschaft getrunken, ganz wie in 'Winnetou', hier zu dritt.

 

Zehntes Kapitel - Der Sieg

Militärisch (und recht deutsch ...) geht es zur Sache, "setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte."

"Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das Sanitätskorps zu bilden hatten".

Aber 'Weltanschauliches' lesen wir auch, bevor es in die Schlacht geht, "Es war ein erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte."

"Wo seid Ihr?" fragt Lindsay. "Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?"

Der Erzähler beschaut sich das Terrain und gibt sich Betrachtungen über die Wiederkehr ähnlicher Erscheinungen hin, "Dort hatten wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert. Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knien gelegen, als am 5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana."

Und weiter spielt die Phantasie, "Es war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine glänzende Phantasia auszuführen."

Im Orient muß Old Shatterhand im Kampfeinsatz schon mal Gegners Kopfbedeckung abnehmen, "ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward."

Die folgende Charakterisierung gerät ein wenig schwarzweiß, "Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter, und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele."

"Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn früher trug, nichts gemein" sagt der Erzähler zum Griechen Alexander Kolettis, ohne daß der Leser weiß (oder ergoogeln kann), wer oder was gemeint ist.

Mit seinem Edelmut beeindruckt Kara Ben Nemsi seinen Gegner Eslah el Mahem außerordentlich:

 "Wie ist dein Name, Sihdi?"
"Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi."
"Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde, sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergibst, hast du mich leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei dir trägst und mit denen du mich töten könntest."

Und er erhält von ihm eine wertvolle Waffe mit der Inschrift "Nur nach dem Sieg in die Scheide".

In Sachen Siegermentalität erweist sich Kara Ben Nemsi gegenüber Scheik Malek als Mann von nachvollziehbarem psychologischen Einfühlungsvermögen,

"Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia veranstalten, die es jemals hier gegeben hat."
"Nein, das werden wir nicht."
"Warum?"
"Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?" Ähnliches dachte der hier Vortragende bereits in seiner Jugend bei unnötig lautsprecherunterstütztem Torjubel auf dem Fußballplatz. Reicht es nicht, gewonnen (bzw. einen Vorteil erzielt) zu haben, muß man den Gegner auch noch unnötig reizen ?

Ins Verhältnis zu Lindsay schleichen sich auffallende kleine Irritationen ein, "hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr einsilbig verhalten",  "Ich ließ ihn stehen", was aber an der grundsätzlichen guten Basis nie etwas ändern kann.

Die Ratschläge, die der kluge Erzähler den Siegern gibt, erinnern an Gegebenheiten aus späterer Zeit, die Dinge wiederholen sich halt: "Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können; dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen."

"Ich habe gesprochen!"
"Du sollst noch mehr sprechen!"

Solche kleinen Kalauereien scheinen Absicht zu sein; ganz sicher ist man sich manchmal nicht.

Und noch einmal Politik:

"Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?"
"Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage vergelten zu können."

Die Reparationsgegebenheiten fallen human aus, "Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch nicht grausam; dies freute mich außerordentlich, zumal ich mir sagen konnte, daß mein Wort hier nicht ganz ohne Einfluß gewesen war gegenüber den grausamen Gewohnheiten, welche in solchen Fällen in Anwendung kamen. Von Sklaverei war keine Rede gewesen."

Und wieder sinnierende Einkehr, "Mitten in diesem Jubel lag ich unter duftenden Blüten, umklungen von tausend Stimmen und doch allein mit meinen Gedanken. Vor vielen Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren ihre gefürchteten Speere geschwungen. Hier hatte vielleicht auch das Zelt des Holofernes gestanden, aus Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und Edelsteinen geschmückt. Und drüben auf den rauschenden Wellen des Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche Herodot beschreibt".

Auf der Gefangenen-Insel erwischt es angesichts der lebendig Eingegrabenen auch unseren nicht eben zimperlichen Helden einigermaßen, "die Augen öffneten sich und starrten mich mit einem gläsernen Blick an. Ich war wohl in meinem Leben selten über ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte ich mich so sehr, daß ich mehrere Schritte zurückwich."

Und eine zutreffende Einschätzung aufgrund einer Wahrnehmung, die im anschließenden Gespräch gleich genutzt wird, ist ihm einmal mehr ein leichtes, "Ich hatte da eine Frau bemerkt, welche mit einer heimlichen Befriedigung dem Treiben meiner Leute zusah."

"Folge mir!" gebot ich ihr.
"Herr, sei gnädig! Ich habe nichts getan!" flehte sie erschrocken.

Machtphantasien ...

Mittlerweile ist er hier wirklich recht mächtig, "Ich werde ihn als Gefangenen zurückbehalten und den Abu Hammed einen Scheik geben, welcher gerecht und ehrlich ist."

Gern verläßt man die neuen Bekanntschaften, menschenfreundlicher Idealismus ist nicht immer allzu haltbar, "Ich hatte erst Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte mich jedes Gesicht desselben an".

Zu den sogenannten "Teufelsanbetern" aber hat der Erzähler von Anfang an ein freundschaftliches Verhältnis, solche "Außenseiter" haben einen fühlbaren Bonus bei ihm, so hat er sich doch auch z.B. die Apachen, die bis dato nicht unbedingt als "Vorzeigeindianer" galten, als Sympathieträger ausgesucht. Ihm ist bewußt, daß auf das Urteil der Allgemeinheit nichts zu geben ist, es nie wirklich ein Maßstab sein kann ... "Sie sind sehr brave, fleißige und ehrliche Leute".

Halef ist entsetzt, daß der vermeintlich alleskönnende Freund und Herr auch Defizite einräumen muß,

"Kannst du sie sprechen?"
"Nein."
Er fuhr beinahe erschrocken auf.
"Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!"
"Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir."

Aber es wird doch tatsächlich auch gleich wieder eingeschränkt:

"Gar nicht?"
"Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist; vielleicht, daß ich da einige Worte finde, mich ihnen verständlich zu machen."
"Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!"

Und das

"Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk."

trifft zwar zu, fällt aber hier eher unter so etwas wie leicht ironisch gebrochene Schein-Bescheidenheit ...

Die Gefolterten legen keinen Wert auf Rache, "Wir sind dem Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen", und dem Erzähler entfährt spontan wirkend "Das also waren Teufelsanbeter!" Es ist ihm spürbar eine Herzensangelegenheit, daß die vermeintlichen 'Outlaws' des öfteren die 'besseren Menschen' sind.

"Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?" fragt er sein Gegenüber. Ja, zumindest im übertragenen Sinne.

Solche Stellen aber:

"Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung, die ich dem Missetäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen. Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte: der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück."

mißfallen; dieses Bedürfnis, gleichsam Vorsehung spielen zu wollen, hat er des öfteren.

Nun geht es nach Amadijah. Halef wird auch dorthin mitreiten und das junge Eheglück warten lassen.

 

Elftes Kapitel - Bei den Teufelsanbetern

Nach eigenen Angaben war der Erzähler bereits in Australien, das Herz der dortigen May-Freunde wird noch höher schlagen, wenn sie das erfahren.

Mit Halef wird erneut ein Religionsgespräch geführt, über "Teufelsanbeter" u.a. Die Genannten sind laut Kara Ben Nemsi "reinlich, treu, dankbar, tapfer und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten."

Halef kündigt an, den Pascha über den Haufen zu schiessen, wenn sein Herr und Freund nicht wohlbehalten von dem zurückkehrt, und der Erzähler vermeldet

"Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es getan, der wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen." Solidarität und wahre Freundschaft zwischen Buchseiten, überzeugender als mancher es jemals erleben oder erlebt haben wird.

"Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja (Amerika) kam."
"Und was bist du?"
"Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden."

Daß Old Shatterhand zum Zeitpunkt der ersten Begegnung mit Winnetou achtzehn ( = sozusagen noch ein Kind) war, ist schwer vorstellbar, aber dann wird es wohl so sein. Daß bereits von "Büchern" die Rede ist, lange vor der Bekanntschaft mit Fehsenfeld, ist interessant. Nun ja, "Im fernen Westen" war immerhin schon erschienen.

Und gleich noch einmal, "und dann werde ich große Bücher und Zeitungen darüber schreiben".

Mit dem Pascha gibt es dann ein kleines Besäufnis, wobei der Erzähler nicht allzuviel vom hinter die Binde gegossenen abbekommt. Scheint eine feuchtfröhliche Zeit gewesen zu sein, den nächsten Umtrunk exzessiverer Art gibt es bald darauf (im zweiten Band) in Amadijah.

Der Pascha wirkt, vergleichbar dem Wekil am Anfang des Bandes, relativ harmlos, das Ganze hat einen stark humoristischen Einschlag. Auf Freilichtbühnen oder der Kinoleinwand begegnen einem ja eher 'Bilderbuchteufel', bei Karl May und im Leben kommen bedrohliche Umstände, Dinge wie Machtmißbrauch, Willkür und Gefährlichkeit schon mal recht harmlos verpackt daher, in clownesker Szenerie. Es ist als nähme May auch die wirklich üblen Erscheinungen dieser Welt manchmal nicht wirklich richtig ernst und kokettiere ein wenig damit.

Die Geschichte mit der abgehauenen Nase kennen wir aus einer frühen Humoreske, wie überhaupt allerhand, Karl May hat tatsächlich lediglich den Schauplatz seiner Sujets und Geschichten ins Exotische verlegt, der Inhalt könnte auch in der sächsischen Heimat spielen, mal mehr, mal weniger abgewandelt.

Man befreit Mohammed Emin aus kurzer Gefangenschaft und durchquert anschließend, jeder für sich alleine reitend, einen Sumpf.

"Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm." Bei Karl May weiß man manchmal nicht, ist das nun Nachlässigkeit, eine Stilblüte, absichtlich ironisch gebrochen, schelmische Laune, oder irgendein Mischungsverhältnis aus alledem ...

Ali Bey ist "ein junger Mann von sehr schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war."

"Sind die Dschesidi Christen?"
"Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute für sich genommen - - -"

Eine gute Wahl.

Ali Bey hält eine längere Rede, die, wenn man eben konsequent zuende denkt, an Dinge wie 'ethnische Säuberungen' u.ä. denken läßt, und an die "Rückblicke eines Veteranen". "Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt imstande sei, aus einem Zehr-lahana (Giftkraut) eine Karanfil (Nelke) zu machen? Der Gärtner kann die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen."

Frieden will er dann zwar durchaus auch, aber "Aber kannst du dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können?"

"Wir glaubten einst, Bonapertah werde es sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist verschieden." Ein interessanter Gedanke ...

Der Bericht des Pir Kamek erinnert stellenweise an den des Polen aus "Von Bagdad nach Stambul" bzw. dem "Silberlöwen". Auch an Marah Durimeh erinnert der Pir, bzw. weist als eine Art Variante auf sie voraus.

Er ist ein überzeugter Dschesidi, "Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme." Wieder ein 'Religionsgespräch'.

Der Erzähler schätzt die Dschesidi sehr, und andere kriegen, ein wenig nach Schwarz-Weiß-Klischee, ordentlich ihr Fett weg, "Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so übel beleumundeten 'Teufelsanbeter' achten lernen."

"Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom Sindschar", man beachte die Reihenfolge.

"Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand." Auch ein von entsprechenden Anwandlungen selten berührter spürt hier die sympathische Kinderliebe des Verfassers.

"Ihr Name ist mir leider wieder entfallen"; "Am besten schmeckte mir der Kursch"; "am besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte", man meint wirklich, er sei dort gewesen. Er selbst vermutlich auch.

Über den lauten Esel heißt es "Wer sollte während der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte".

"Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von der Nase des Buluk Emini zu hören bekam." Da hat er sich vermutlich verzählt. Der Leser hört die Geschichte mindestens zum gefühlten fünften Mal.

Lebensfreude und gute Laune vermittelt diese ganze Passage, wie des öfteren in diesem Buch. Und dabei ging es unmittelbar vorher um todernste Dinge. Eine durchaus angemessene Mischung.

Wir hören die Geschichte vom beseelten Backstein und eine Sprachprobe in Kurmangdschi. Manchmal fragt man sich wirklich so in etwa, welche Schnapssorte mag er heute getrunken haben ...

Blödsinn und Tiefsinn, Spaß und Ernst, immer wieder hin und her und her und hin.

"Pir Kamek war der unterrichtetste unter den Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen." Mit allzu vielen pflegt man tiefergehend nicht kommunizieren zu können ...

"Sollte ich mir einen Spaß machen? Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des Grautiers hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut widerstehen konnte."

Der Scherz mit der Seele des Großvaters im störrischen Esel ist, sagen wir, grenzwertig; der Erzähler hat später auch ein Einsehen und klärt den tief irritierten Buluk Emini freundlicherweise entsprechend auf.

"Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen." Wieder einmal: es ist eben BEIDES da, und das eine schließt das andere nicht aus.

Am Ende wird auch das fatale Esel-Problem überzeugend gelöst: "So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann wird er das Schreien lassen."

 

Zwölftes Kapitel - Das große Fest

Ein weiteres Religionsgespräch führt Kara Ben Nemsi mit dem Dolmetscher. Es geht wieder um die "Teufelsanbeter", und diesmal auch mehrseitig um [je nach persönlichem Geschmack] eher belanglose Einzelheiten. Die Freunde trockener Fakten werden auf ihre Kosten kommen.

Man besucht ein Dorf und trifft zwei der seinerzeit von Kara Ben Nemsi geretteten Männer wieder, "welche ganz außer sich waren, als sie mich erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die Hände küßten." Nun, das könnte man auch vermeiden ...

Es wird eine bewaffnete Konfrontation geben:

"Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben wird?"
"Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei Türken erschlagen worden. Er will die Täter in Scheik Adi holen."
"Es sind in Malthaijah von zwei Türken zwei Dschesidi erschlagen worden, so lautet die Wahrheit."

Es wiederholt sich halt alles immer wieder, durch die Jahrtausende und die ganze Weltgeschichte ...

"'Emir!' rief er, nachdem er sich bereits einige Male geräuspert hatte, ohne daß es von mir bemerkt worden war." - Woher weiß er dann, daß der andere sich geräuspert hat, wenn er es nicht bemerkt hat ?

G'schamig ist er auch, und plaudert aus der morgenländischen Schule: "Der Bach wimmelte von Badenden und ich mußte ziemlich weit gehen, um eine Stelle zu finden, an welcher ich mich unbeobachtet glaubte.
Hier badete ich und wechselte die Wäsche, eine Prozedur, welche man auf Reisen im Oriente nicht gar zu häufig vornehmen kann."

Die Freilassung eines Spions stößt bei den Anderen auf Unverständnis, aber Kara Ben Nemsi hat wieder einmal weitergedacht; nachdem er seine Überlegungen überzeugend vorgetragen hat, äußert Ali Bey: "Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so weit wie die deinigen." Leider pflegen solche - einsichtigen, ehrlichen - Ali Beys eher selten zu sein ...

Es folgen außführliche Schilderungen der Ört- und Feierlichkeiten.

Der Erzähler soll ein "Melek Ta-us" erhalten;

"Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einerbesonderen Mission beehrt!"

Mit Ali Bey gibt es ein Gespräch über die Seele, das recht unvermittelt mit "Laß uns nun aufbrechen" endet. Man muß auch nicht alles zerreden.

Der Erzähler hört die Geschichte vom Tal der Stufen theatralisch aufgepeppt erzählen; als der, der da erzählt, erfährt, daß der Held der Geschichte neben ihm sitzt, ist er so perplex daß er "augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte."

Der "Angenetzte" reagiert kühl besonnen, "indem er sich mit dem Zipfel seines Kleides das Angesicht reinigte."

Der Schlußsatz wäre ein schöner solcher, das befand auch Erich Loest in seinem May-Roman, indes: in der 'Hausschatz'-Fassung steht er ganz unspektakulär inmitten des Textes; zum Schlußsatz wurde er erst im Zuge der Buchausgabe.