VON BAGDAD NACH STAMBUL

Vom Abwechslungs- und Handlungsreichtum her knüpft dieses Buch wieder an "Durch die Wüste" an und gehört ebenso wie dieses zu Karl Mays besten Werken; der Unterschied zum lebensfrohen, schwungvollen "Durch die Wüste" ist, daß hier nun auch die Schattenseiten des Lebens in ganz massiver Form auftauchen: Lebensbedrohliche Krankheit, Verzweiflung, Tod Nahestehender, bitteres Heimweh, Gefühl der Ausweglosigkeit. Aber dann auch wieder: Musik und Tanz, Humor, Geselligkeit, Heimat in der Fremde, Exotik und Geborgenheit. Karl May von all seinen Seiten.

Das großartige Buch setzt sich im wesentlichen aus den ('Hausschatz'-) Erzählungen „Die Todeskarawane“, „In Damaskus und Baalbek“ sowie „Stambul“ zusammen.
 

Erstes Kapitel – Unter Dieben

Zunächst seitenlang Geschichtliches.

Über Mohammed heißt es lax „Er litt an der Epilepsie und in Folge dessen an einer Verstimmung des Nervensystems, welche ihn sehr zu Halluzinationen geneigt machte. Seine religiösen Grübeleien waren der Heilung dieser Krankheit nicht sehr förderlich. Er zog sich schließlich gar in eine Höhle zurück“. Nun, es muß nicht das Schlechteste sein, sich [in eine Höhle] zurückzuziehen …

„Der Perser ist der orientalische Franzose. Seine Sprache ist biegsam und wohlklingend, weßhalb sie auch die Hofsprache der meisten asiatischen Fürsten geworden ist. Aber das höfliche, schmeichelnde und oft kriechende Wesen des Persers hat nie einen vortheilhaften Eindruck auf mich gemacht; die gerade, rauhe Ehrlichkeit des Arabers that mir wohler.“ Dem ist kaum etwas hinzuzufügen …(Wobei nicht wirklich Araber und Perser gemeint sein müssen, sondern die beschriebenen Wesensmerkmale, die einem freilich auch hierzulande unter Einheimischen begegnen.)

„Er reichte mir seine Hand entgegen, und ich schlug ein. Er that dasselbe auch mit den Andern, die sich mit mir herzlich freuten, hier so ganz unerwartet einen Freund und Beschützer gefunden zu haben. Wir sollten es später zu bereuen haben. Der Bejat meinte es nicht böse mit uns; aber er glaubte, an uns eine gute Erwerbung gemacht zu haben, die ihm großen Nutzen bringen werde.“ Das erinnert doch schon sehr an Silberlöwe III und die „Wüstenräuber“ …

Im Orient hat[te] man offenbar größere Chancen, auf so etwas wie Verständigkeit unter den Mitmenschen zu treffen … „Meinst Du denn, daß wir diesen Weg gebrauchen werden?“ – „Ich weiß es nicht, aber ich ahne es. Lache nicht über mich, Mohammed Emin; aber bereits seit meiner Kindheit habe ich ein gewisses Ahnungsvermögen besessen, welches mich oft auf noch entfernte Dinge aufmerksam machte.“ – „Ich glaube Dir. Allah ist groß!“ – „Freudige Dinge ahne ich nie vorher. Aber zuweilen erfaßt mich eine Unruhe, eine Angst, als hätte ich etwas Böses begangen, dessen Folgen ich nun fürchten müsse. Dann ist sicher und regelmäßig irgend Etwas geschehen, was mir Schaden bringt. Und wenn ich später die Zeit vergleiche, so stimmt es ganz genau: die Gefahr hat in demselben Augenblick begonnen, an welchem mich die Angst überfiel.“ – „So wollen wir auf die Warnung achten, welche Dir Allah sendet.“

Wenngleich es dort wiederum offenbar nicht gerade zimperlich zugeht, „Zwischen dem Khane und seinen Leuten gab es nun eine Scene, welche kaum zu beschreiben ist. Er tobte wie ein angeschossener Eber, theilte Fußtritte und Faustschläge aus und war nicht eher zu beruhigen, als bis er seine Kräfte erschöpft hatte. Ich hätte diesem Manne eine solche Wuth gar nicht zugetraut.“

Die Helden machen zunehmend Fehler, „Wir hatten den Vorgang außerhalb des Lagers gar nicht beachtet und sogar vergessen, den Eingang bewachen zu lassen.“ In diesem Band werden sie so einige Probleme bekommen …

Die Schlagkräftigkeit scheint indes vorerst noch in alter Frische vorhanden zu sein, „ich rannte ihm meine Faust mit solcher Gewalt in die entblößte Achselhöhle, daß seine Füße augenblicklich den Halt verloren. Sein Körper beschrieb einen weiten Bogen und stürzte sechs Schritte von mir entfernt zu Boden“.

„Diese Leute konnten unmöglich wissen, wie viele und was für Waffen ich bei mir trug; es wäre mir also leicht gewesen, wenigstens die Revolver bei mir zu behalten; aber ich wollte ehrlich gegen sie sein, um von ihnen ebenso ehrlich behandelt zu werden.“ Fairness und Aufrichtigkeit, immer wieder durchscheinende sympathische Charakterzüge. [Indes wohl leider eher der Figur als wirklich des Autors ...]

Gelegentlich wird es auch schon einmal vermutlich unfreiwillig komisch: „Was thut die Keule unter Deinem Gewande?“ fragt Kara Ben Nemsi und fügt für den Leser hinzu „Ich sah an einer Erhöhung seines Brustkleides, daß er eine Keule darunter verborgen hatte. Er erröthete sichtlich, griff unter das Gewand und warf die Waffe hinter sich.“

Religiöse Toleranz, „Du hast Deine Lehre von dem Propheten erhalten und denkst, Du hättest die richtige; wir haben die unserige von Isa Ben Marryam erhalten und glauben, daß sie die richtige sei; wir haben also beide das Recht, uns Giaurs zu nennen. Du hast es gethan, ich aber nicht; denn es ist nicht fein und schön, einen Menschen ärgern zu wollen. Wer seinen Mitmenschen in den Staub tritt, der beschmutzt sich selbst.“ Wir sind ein Teil und sind das Ganze zugleich.

Wieder Irritation, „Ich war noch nie im Leben so unsicher über die einzuhaltende Richtung gewesen, wie jetzt.“

Dann wird es mit dem Auftritt Allohs des Köhlers wieder einmal herzerfrischend witzig, „Wahrhaftig, das Brummen stieg noch eine kleine Terz tiefer, also Contra-A, und die Spitze der Waffe zielte grad auf meine Kehle. Das war mir denn doch zu ordnungswidrig. Ich faßte also den Spieß und zog. Der räthselhafte Bewohner der Hütte hielt seine Waffe fest, und da er mir nicht gewachsen war, so zog ich ihn aus der Thüre: erst das Haargestrüpp mit der schwarz glänzenden Nase, dann zwei Hände von ganz derselben Farbe und mit breiten Krallen; hierauf folgte ein zerlöcherter Sack, ähnlich denen, in welchen unsere Kohlenhändler ihre Waare aufzubewahren pflegen, dann zwei schmierige Lederfutterale, parallel mit einander, und endlich zwei Gegenstände, über welche sich ein Anderer sicher im Unklaren geblieben wäre, die ich als Scharfsinnigster der Scharfsinnigen in Folge ihrer Umrisse sofort als die Stiefel erkannte, welche der Koloß von Rhodus einmal getragen haben muß.“

„Ich merkte, daß ihm meine Barschheit imponirte. Er war ganz zusammengeknickt, und auch sein Hund zog den Schwanz ein.“

Der Köhler erweist sich als Gegner der Bebbeh, mit denen des Erzählers Leute auch gerade so ihre Probleme haben, „Aber bei diesem Worte spuckte er mit einem sehr feindseligen Räuspern aus. Diese ästhetische Anstrengung erregte, wie ich leider gestehen muß, unter den gegenwärtigen Umständen meine innerste Sympathie.“

„Seine Freude schien auch seinen Hund anzustecken, denn dieser zog den Schwanz behutsam hervor und versuchte ein verschämtes Wedeln“.

Und zitierend-verdrehende Wortspielereien mochte Karl May auch, „und das hat mit seinem Klingen nur der Piaster gethan!“, hübsch.

„Besonders der Engländer schien vor Verwunderung sprachlos; doch auch der Bannah bewunderte die Nase Master Lindsay's mit einer Miene, welche an Wahrheit des Ausdruckes nichts zu wünschen übrig ließ.“

Der Schmutzfink von Köhler möge sich waschen, meint Lindsay, „brüllte er den armen Kerl an; da aber dieser sein Englisch nicht verstand, so blieb es mit der Kohle einstweilen noch beim Alten.“

„Reh, Mehl, Salz - Alles!“ (der Erzähler wiederholt Lindsays Worte, mit denen der ausdrücken wollte, man habe doch alles, um Pudding zuzubereiten). Eine der besten Stellen der heiteren Art im Gesamtwerk. Großartig. Es muß nicht immer tiefsinnig sein.

Kara Ben Nemsi lässt Alloh Rih reiten, sehr sympathisch, das ist Karl May. Ein Mensch. Im guten Sinne.

 

Zweites Kapitel – Ein Überfall

Rih erhält einen Hieb auf den Kopf und geht durch, „Kein Graben war zu tief, kein Stein zu hoch, kein Riß zu breit, kein Felsen zu glatt und kein Sumpf zu trügerisch - Alles, Alles, Bäume, Büsche, Felsen, Berg und Thal flogen an mir vorüber, bis ich nur nach und nach wieder die Herrschaft über das rasende Thier gewann. Dann befand ich mich allein in einer wilden, unbekannten Gegend“.

„Zunächst untersuchte ich den Kopf meines Pferdes. Es war eine tüchtige Beule aufgelaufen. Ich führte den Hengst an ein nahes Wasser, wo er sich niederlegen mußte. Hier machte ich ihm Umschläge mit derselben Sorgfalt, mit welcher eine Mutter für ihr Kind bedacht wäre.“

Auch Dojan stellt sich ein, „Das kluge Thier schien sehr bald zu merken, weßhalb ich mich um das Pferd bemühte; denn nachdem Dojan mir eine Weile zugesehen hatte, richtete er sich empor und begann die betroffene Stelle an dem Kopfe seines Freundes sehr sorgsam zu belecken. Rih litt es ruhig und stieß sogar von Zeit zu Zeit ein freundliches Schnauben aus.

So lagen wir noch eine lange Zeit, bis ich es für gerathen hielt, diesen Ort zu verlassen.“ Idyll mit Tieren. Daß die des öfteren „die besseren Menschen“ sind, wird später im Kapitel an einer Stelle fast wörtlich gesagt.

Allo, Lindsay, Halef, nacheinander stellen sie sich wieder ein, es ist ein bißchen wie im Gedicht von Carossa, „wurden alle wieder / eine weiße Sonne“.

Wiedersehensfreude (immerhin ist man dem Tod entgangen), Menscheln, und – nüchterner Pragmatismus, „Der Hadschi!“ ruft Lindsay, „Oh! Ah! Nicht massakrirt! Herrlich! Unvergleichlich! Gleich mit Braten essen! Well!“, und der Erzähler konstatiert entsprechend „Der gute Lindsay faßte die Sache sofort von ihrer praktischen Seite an. Halef war nicht wenig erfreut, ihn und den Führer wohl erhalten zu sehen; doch verschmähte er auch die leibliche Erquickung nicht, sondern langte gleich nach dem Bratenstücke, welches der Engländer ihm entgegenstreckte.“ Well.

„Weil ich Deine Art und Weise kenne, Sihdi, Dir immer einen Ort zu suchen, wo Du nicht gesehen wirst und dennoch Alles sehen kannst“ antwortet Halef auf die Frage, wie er ihn gefunden habe … In der Tat, solche Orte haben etwas für sich.

Sympathieerklärung der besonderen Art Lindsays an Kara Ben Nemsi, „Wenn Ihr todt seid, soll dieses Land zu Grunde gehen! Alle Pferde mit! Auch Ochsen, Schafe, Bebbeh, Alles! Well!“

Kara Ben Nemsi belauscht Feinde, „Also ich war dumm, der Dümmste von uns Allen! Ich mußte dieses erfreuliche Kompliment leider hinnehmen, ohne es jetzt erwiedern zu können.“

Dojan scheint getötet worden zu sein, aber das wird noch einmal vertagt …

Kara Ben Nemsi lässt die anderen beraten, ist mit dem Ergebnis nicht einverstanden und fordert lapidar „Ändert Euer Urtheil!“ … Das wird, wie sich bald zeigt, so auf Dauer nicht gutgehen …

Und schon nimmt das Unheil seinen Lauf, „Mohammed Emin, sage dies noch einmal, so geht Dein Weg von dieser Minute an nach rechts und der meinige nach links.“ So kann das passieren mit Vaterfiguren (u.a.), plötzlich ist alles kaputt …

„Des andern Morgens sah die Sache etwas weniger romantisch aus als gestern Abend bei der poetischen Beleuchtung des flackernden Lagerfeuers“.

„Allah ist allgütig und allweise; er schenkt diese Gewehre nur dem Christen, welcher sich ihrer erst dann bedient, wenn seine Langmuth nichts mehr fruchten will.“ Das kann man auch anders sehen …

„Ich gebe Dir eine ganze Viertelstunde Zeit. Bist Du dann noch nicht mit der Botschaft des Friedens zurückgekehrt, so wird der Scheik an dieser Wurzel da oben aufgehängt.“ Allzuweit her ist es offenbar auch nicht immer mit der christlichen Langmut …

„Ich merkte es den Gefährten an, daß mein Verhalten während der letzten Tage nicht ihren Beifall hatte. Es fiel zwar keine Bemerkung darüber, aber es war aus ihren Blicken, aus ihren Mienen und aus ihrem ganzen mürrischen Wesen zu erkennen. Ein offenes Aussprechen wäre mir lieber als diese Verschlossenheit gewesen.“ Nur haben es die lieben Mitmenschen mit der Offenheit meistens nicht so … und werten die Offenheit anderer nur als unhöflich, verletzend und sonstnochwas, heucheln sich lieber gegenseitig den lieben langen Tag etwas vor, 'wahren die Form', als klar und deutlich mitzuteilen, wo sie der Schuh drückt …

„Auch die uns umgebende Natur war keine freundliche. Wir ritten über öde Bergkuppen, nackte Hänge, finstere Schluchten; es wurde am Abend so kalt und zugig, wie im Winter, und die Nacht, welche wir zwischen zwei gegen einander geneigten Felsen zubrachten, vermochte es nicht, eine andere Stimmung in uns zu erwecken.“ Das Außen entspricht dem Innen.

„Ich hätte das Messer vor Euch in die Erde gesteckt und mit Euch gekämpft als Rächer dessen, der ermordet wurde, obgleich er sich unter meinem Schutze befand.“ Kara Ben Nemsi zu Mohammed Emin. Hier geht es wirklich 'ans Eingemachte'.

„Bist Du etwa unser Gebieter, daß Du Dir jetzt angewöhnt hast, ganz aus eigener Macht zu handeln?“ Hier wird May / Ben Nemsi nun schonungslos konfrontiert mit eigenem, wenn man so will, Fehlverhalten, es heißt dann

„Ich schwieg einige Zeit, um mein Gewissen zu prüfen“, und dann lesen wir (auf einen weiteren Vorwurf):

„Ich bin mir dessen nicht bewußt, obgleich ich nicht mit Euch streiten will. Ich bin nicht Allah, sondern ich bin ein Mensch, der sich irren kann. Ihr habt mir bisher die Leitung freiwillig überlassen, weil Ihr Vertrauen zu mir hattet; da ich nun aber sehe, daß dieses Vertrauen verschwunden ist, so trete ich ebenso freiwillig zurück.“

Das ist sehr beachtenswert. Offen, ehrlich, konsequent.

So ganz ohne Relativierung kann er dann offenbar doch nicht: „Der gute Mann begriff nicht, daß es infolge der eigenthümlichen Zusammensetzung unserer kleinen Gesellschaft gar nicht möglich war, die absolute Führung in eine bestimmte Hand zu legen.“

Lindsay reagiert auf seine Weise auf den neuen Anführer, „Ich bin es zufrieden, selbst wenn dieser Köhler Allo den Meister spielen will.“

Und dann eine der bewegendsten Szenen des Gesamtwerks, Mohammed Emin meint, sagen zu müssen „Dein Wort gilt nichts bei uns. Wir sind es müde, uns von einem Manne regieren zu lassen, der unsere Feinde liebt. Du hast vergessen, was ich an Dir that. Ich nahm Dich auf als Gast bei mir; ich beschützte Dich; ich gab Dir sogar das Pferd, welches mir die Hälfte meines Lebens werth war. Du bist ein Undankbarer!“ worauf er postwendend seinen Rappen zurückerhält.

„Ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich“, man kann es mitempfinden.

Der Erzähler zieht sich zurück, Lindsay kommt zu ihm, „Zounds, Ihr habt ja Wasser im Auge!“ S.o.

„Auch meinem kleinen Hadschi stand ein Tropfen im Auge“, („Da sieht man kein Auge tränenleer“; Friedrich Schiller), aber beachten wir den schönen Satz (Kara Ben Nemsis) „Ich verzeihe ihnen.“ (Denn sie wissen nicht was sie tun ...)

Das ist aber, man beachte, keine simple Gutmenschensfriedenssülzerei, „Wir schießen sie augenblicklich nieder“ steht zwei Zeilen später da, auf die Frage Halefs „Sihdi, was thun wir, wenn sie den Bebbeh tödten wollen?“, wobei Mohammed Emin und dessen Sohn gemeint sind. Diese Stelle meinte man übrigens auch nach der Rückbearbeitung im Bamberger grünen Band weiterhin gestrichen lassen zu müssen, daß Kara Ben Nemsi auch hassen und ggf. Freunde töten kann, wollte man den Leser denn doch nicht wissen lassen.

Konfliktfähigkeit … klarer Blick, auch wenn’s schwerfällt und wehtut … „Emir, Du bist grausam, denn Du wirfst Schande auf mein Haupt.“ – „Du selbst hast es gethan. Ich war Dein Freund und ich liebte Dich; auch heute verzeihe ich Dir. Ich weiß, welche Schande es sein wird, wenn Du zurückkehrst zu den Deinen und den Hengst wieder bringst; ich möchte Dir helfen, aber ich vermag es nicht.“

„Allah il Allah! Was haben wir für Fehler begangen!“ ruft Mohammed Emin schließlich erschüttert aus; „Der alte Scheik dauerte mich, aber ich konnte ihm nicht helfen.“

„Vielleicht war der Keim zu ihrem Verhalten schon lange Zeit in ihnen versteckt gewesen“, ja, so pflegt das zu sein.

Und Halef erkennt (angesichts der Treue Rihs): „Allah akbar - Gott ist groß! […] er gibt einem Pferde ein besseres Herz, als viele Menschen es haben.“

„Sihdi, Dein Herz ist betrübt; aber ist das Pferd Dir lieber als Dein treuer Hadschi Halef Omar?“ – „Nein, Halef. Für Dich würde ich zehn und noch mehr solche Pferde hingeben.“ Das ist schön für Halef, aber nicht schön Rih gegenüber …

„Da saß ich nun in stiller Nacht, und das Herz wurde mir groß und weit unter der Gewißheit, die Liebe eines Menschenkindes zu besitzen, eines Menschenkindes, dem auch meine Zuneigung gehörte. Wie glücklich muß ein Mann sein, der eine stille Heimat hat, die unerreicht ist von der Brandung der Schicksalswogen, ein Weib, dem er vertrauen darf, und ein Kind, in welchem er sein veredeltes Ebenbild heranwachsen sieht! Auch das rauhe Herz eines Weltläufers fühlt zuweilen, daß es im Innern des Menschen hinter öden, einsamen Flächen auch Höhen gibt, welche die Sonne mit ihrem Strahle vergolden und erwärmen darf.“ Man bedenke, daß das einer schreibt, der wenige Jahre zuvor geheiratet hat, und das, in deutlich anderer Stimmung, atmosphärisch auch hat in den ersten Teil des Romans (Band 1) einfliessen lassen …

 

Drittes Kapitel – Im Kampf gefallen

Inmitten der düsteren Farben dieses Bandes auch immer wieder die unverwechselbare typisch Maysche Lebensfreude, auch an ‚kleinen Dingen’; es wird Tabak angeboten, „Wer vermag den Eindruck zu beschreiben, den diese Frage auf uns machte! Allo war draußen bei den Pferden geblieben; wir waren also unser Fünf in der Stube; bei der Frage dieses unvergleichlichen Mannes aber langten alle zehn Arme und alle fünfzig Finger nach den Pfeifen, und im vollsten Chore erscholl ein lautes ‚Ja!’ durch den Raum.“

„Er brachte das lang entbehrte Kraut herbei. Allah il Allah, allüberall Allah! Es waren jene mir so wohl bekannten rothen, viereckigen Packetchen, in welchen jener feine Tabak des Feuers harrt, der in Basiran an der Nordgrenze der persischen Wüste Lut gebaut wird. Im Nu waren die Pfeifen gestopft, und kaum stiegen die duftenden Ringel zur Decke empor, so erschien auch bereits die Frau mit dem Tranke von Mokka, der in den meisten Fällen gar nichts vom Mokka weiß, den wir aber auch bereits seit Wochen entbehrt hatten, so daß gar kein Zweifel darüber sein konnte, daß er uns munden werde. Mir war so wohl und weich zu Muthe, daß ich nicht nur einen, sondern zehn und auch zwanzig Rappen angenommen hätte, wenn Mohammed Emin sie mir hätte schenken wollen, und daß ich mich ärgerte, heute so viel Zeit unnütz auf den Fang der Forellen verwendet zu haben. So aber ist der Mensch - immer und immer ein Sklave des Augenblickes!“ Reflexion fehlt nicht …

„Der Köhler erblickte die Pfeife, und aus der Stelle seines Bartwaldes, hinter welcher man es wagen konnte, den Mund zu vermuthen, erscholl ein so unaussprechliches, sehnsüchtiges Grunzen, daß ich sofort zurückeilte, um auch für ihn ein wenig Basiran zu erbitten. Als ich ihm denselben brachte, steckte er ihn - in den Mund statt in die Pfeife. Er hatte einen andern Geschmack als wir.“ Mitmenschlichkeit, bei allem Wohlwollen unüberbrückbare Andersartigkeit, Toleranz, drei Themen oder Aspekte, mal eben en passant in zwei, drei augenzwinkernd hingeworfenen Sätzen ‚mitgenommen’ …

„Es war ein heller, sonniger Tag, den ich niemals vergessen werde.“ Denn so 'hell und sonnig' pflegt es halt im Leben nicht durchgängig zu sein, und eben auch an jenem Tage nicht …

„Ich schaute mich um und erkannte - den Scheik Gasahl Gaboya. Er hatte sein letztes Wort gesprochen: - Halef ritt auf ihn ein und schoß ihn nieder.“ In einer Verfilmung oder auf der Freilichtbühne würden sie Gott weiß was für einen Kampf, 'Showdown' und Ringelpietz aller Art daraus machen, aber um so etwas geht es halt bei Karl May nicht, der Mann hat seine 'dramaturgische Funktion' erfüllt und fällt, fertig.

„Nun gab es einen Kampf, dessen Einzelheiten ich nicht zu beschreiben vermag, da ich mich derselben selbst nicht einmal sofort nach Beendigung des Handgemenges zu erinnern vermochte. Der Anblick des todten Haddedihn hatte eine fürchterliche Wirkung auf uns ausgeübt. Wir wären vor Wuth gegen tausend Lanzen angestürmt, wenn man sie uns entgegengestreckt hätte.“ Auch hier geht es nicht um 'Action', sondern um Emotion.

Die Gefährten glauben Kara Ben Nemsi tot, „Als ich erwachte, sah ich in das Auge meines kleinen Hadschi; es war voll Thränen.“

Es ist auch wieder eine dieser nicht seltenen Nahtod-Erfahrungen im Gesamtwerk,

„Ich hatte mit Drachen und Lindwürmern, gegen Riesen und Giganten zu kämpfen; aber plötzlich waren diese wilden, unheimlichen Gestalten verschwunden; ein süßer Duft wehte um mich her; leise Töne drangen wie Engelsstimmen an mein Ohr, und vier weiche, warme Hände waren um mich bemüht. War dies immer noch Traum, oder war es Wirklichkeit? Ich öffnete abermals die Augen.

Die jenseitigen Höhen der Berge erglühten im letzten Strahle der untergehenden Sonne und über das Thal breitete sich bereits ein Halbdunkel aus; noch aber war es hell genug, die Schönheit der zwei Frauenköpfe zu erkennen, welche sich von beiden Seiten her über mich beugten.“ Das erinnert wiederum, wie zuvor im Band die Sache mit den falsch eingeschätzten neuen Bekanntschaften, an den dritten Band des 'Silberlöwen’.

An der Leiche Mohammed Emins, „Ich kniete bei ihm nieder, sprachlos vor Herzensweh.“

Kara Ben Nemsi betet zur Beerdigung Mohammed Emins die Sure der Auferstehung aus dem Koran.

In eigenen Worten fügt er hinzu: „Allah il Allah! Es ist nur ein Gott und wir Alle sind seine Kinder. Er leitet uns mit seiner Hand und hält uns Alle an seiner Rechten. Er machte uns zu Brüdern und sandte uns auf die Erde, ihm zu dienen und uns in Eintracht seiner Gnade und Barmherzigkeit zu erfreuen. Er läßt den Körper sich entwickeln und die Seele wachsen, bis sie sich nach dem Himmel sehnt. Dann sendet er den Engel des Todes, sie abzulösen und emporzutragen zum Brunnen, aus dem sie ewiges Leben trinkt. Sie ist dann frei von Schmerz und Leid und achtet nicht die Klagen derer, welche um die todte Hülle trauern.“

„Das war ein seltenes Begräbniß. Ein Christ, zwei Sunniten und ein Schiite hatten über dem Grabe des Todten gesprochen, ohne daß Muhammed einen Blitz herniederfallen ließ. Was mich betrifft, so glaubte ich, keine Sünde zu thun, wenn ich von dem todten Freunde Abschied nahm in der Sprache, die er im Leben gesprochen hatte; die Betheiligung des Persers aber war ein Beweis, daß er an Bildung des Geistes und Herzens den moslemitischen Troß weit überragte. Halef hätte ich zum Dank für seine einfachen, kurzen Sätze gleich umarmen können.“ Und schon im dritten Band steht: „Ich wußte es längst: er war, ohne es selbst zu ahnen, nur noch äußerlich ein Moslem, innerlich aber bereits ein Christ.“

Wundfieber, „ich sprach mit allen möglichen Personen, die mir die Einbildungskraft vorführte, und wußte doch, daß es Täuschung sei“. So auch im Leben, ohne Wundfieber.

„Am Morgen fiel ich in einen festern Schlaf, aus dem ich erst - - gegen Abend erwachte. Der bereits erwähnte Duft umfluthete mich, aber anstatt der beiden schönen Augenpaare sah ich die mächtige Aleppobeule auf der Nase des Engländers mir entgegenleuchten.“ Manchmal geht es halt auch recht profan zu im Leben …

„Diese gealterte Jungfrau hatte nun freilich mehr Ähnlichkeit mit der stacheligen Aloë als mit dem hübschen Tausendschönchen. Sie trug weite, am Knöchel zusammengebundene Beinkleider, deren niederhängende Falten zwei graue Filzpantoffeln fast bedeckten, darüber eine rothtuchene Weste und dann ein kaftanartiges, dunkelblaues Obergewand, auf dem Kopfe einen gelben Turban und daran zwei salope Schleierflügel, welche hinten einen haarlosen Nacken und vorn das eigenthümlich gezeichnete Gesicht einer Schleiereule sehen ließen. Doch schien diese 'tausendschöne Aloë' ein recht freundliches Gemüth zu besitzen, und ich beschloß, mich zu ihr auf einen möglichst freundschaftlichen Fuß zu stellen.“ Diese unnachahmliche Mischung aus 'gnadenlos hingucken', mephistophelescher Verachtung, Humor und warmherziger Mitmenschlichkeit ist immer wieder schön wahrzunehmen …

Am Grab Mohammed Emins, „Es war mir so trüb und traurig zu Muthe, und ich fühlte eine solche Leere in mir, als sei mit dem Freunde ein Theil meines eigenen Wesens von mir gewichen.“ Hier wird die „Anteile“-Thematik wörtlich angesprochen … Darüber hinaus: Mohammed Emin war eine Vaterfigur, mit ihm geht ein Stück Geborgenheit, genauer: ein Teil der Illusion, sich 'in dieser Welt' wirklich geborgen fühlen zu können …

Aber: „Und doch sollte man am Grabe eines guten Menschen nie trauern; der Tod ist ja der Bote Gottes, welcher uns nur naht, um uns empor zu führen zu jenen lichten Höhen, von denen der Erlöser seinen Jüngern sagte: 'In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen, und ich gehe hin, Euch die Stätte zu bereiten.'“

„Die Sonne küßte den Horizont, und ihre scheidenden Strahlen färbten denselben mit flammenden Lichtern, die sich, dem Osten entgegen, in immer milderen Tinten verloren. Die bewaldeten Höhen unter mir glichen einem grünen Meere, über dessen erstarrte Wogen die Dämmerung ihre langsam vorrückenden Schatten breitet. Nur über die nahe liegenden Kämme merkte man den Abendwind streichen, vor dessen Hauche sich die Wipfel leise neigten. Die Schatten wurden dunkler; die Ferne verschwand; das Abendroth war verglüht, und nun legte auch die Nähe das Alles verhüllende Gewand des Abends an. Wer doch mit der Sonne ziehen könnte! Wer ihr doch folgen könnte weit, weit fort zum Westen, wo ihre Strahlen noch voll und warm die Heimat beleuchteten! Hier auf der einsamen Höhe streckte das Heimweh seine Hand nach mir aus, das Heimweh, welchem in der Fremde kein Mensch entrinnen kann, in dessen Brust ein fühlendes Herz schlägt.“

Und kurz darauf „frisches, ungesäuertes Brod nebst kalten Bratenschnitten, und in dem Letzteren dampfte der wohlriechende Trank, dessen Cichorie-Imitation in Sachsen den poetischen Namen 'Bliemchenkaffee' führt.“

Ein Wechselbad der Empfindungen, kaum jemals so oft und so krass wie in diesem Band …

„Gott sei gelobt, der köstliche Dinge wachsen läßt und dazu liebliche Frauen, welche Alles zu bereiten verstehen! Sihdi, diese Perserinen sind Dir hold, sonst würden sie Dir nicht so herrliche Speisen senden. Heirathe sie, damit sie für Dich kochen müssen jetzt und in alle Ewigkeit!“ – „Hadschi Halef Omar, hebe Dich von dannen, sonst vergesse ich vor Entzücken über Deinen Vorschlag, diese Leckerbissen mit Dir zu theilen.“ Unkomplizierte Lebensfreude, Humor, Kameradschaft, Mitmenschlichkeit …

Der Perser macht sich nicht allzu viel aus religiösen Konventionen, „Ich weiß, daß mein Vater in Allah's Händen ruht, ob seine Leiche nun in Teheran oder in Kerbela begraben liegt.“

Kara Ben Nemsi äußert in Zusammenhang mit Reisevorbereitungen einen 'Kernsatz eines Autodidakten': „Allah hat mir die Gabe verliehen, ohne Führer Orte zu finden, die ich noch nie betreten habe“.

„Wir werden bei einander bleiben, und ich werde für das wenige, das ich Dir bieten kann, von Dir Schätze erhalten, nach denen ich bisher vergebens gerungen habe, weil ich Keinen fand, der sie besaß - Schätze des Geistes“ sagt der Perser. Nachvollziehbar.

„O Mohammed, ich hasse dich, denn du hast unseren Frauen die Seele genommen und sie zu Sklavinen der Sinnenlust gemacht; du hast dadurch unsere Kraft gebrochen, unser Herz versteinert, unsere Länder verödet und alle Jene, welche Dir folgen, um das wahre Glück betrogen!“ Wiederum der Perser.

Der Perser bietet an, die Gäste mit Kleidung auszustatten, „Dieser Vorschlag war mir ebenso willkommen als bedenklich. Hassan Ardschir-Mirza hatte Recht: wir Drei hätten uns in keinem civilisirten Orte sehen lassen können, ohne für ächte Vagabunden gehalten zu werden“. Recht oft kommt Entsprechendes vor im Gesamtwerk. Durch Freilichtbühnen und Filme in die Irre geführte, die die dort vorherrschende bunte Sauberkeit für die Mays halten, mögen es zur geneigten Kenntnis nehmen.

„Ein Mensch mit winkeliger, gebrochener Kinnlade ist falsch; dies mag ein Vorurtheil sein, aber ich habe es bisher immer bestätigt gefunden.“ So ist das manchmal mit den Vorurteilen …

Der Verräter Saduk „verkehrte [...] viel in dem Hause des Muschtahed und sah die Tochter desselben. Sie gefiel ihm, und er war ein schöner Mann. Er sprang über die Mauer des Gartens, als sie bei den Blumen stand, und wagte es, zu ihr von seiner Neigung zu sprechen. Der Muschtahed befand sich unbemerkt in der Nähe und ließ ihn festnehmen. Aus Rücksicht für meinen Vater wurde er nicht dem Urfgerichte übergeben, welches ihn zum Tode verurtheilt hätte; aber er hatte mit der Zunge gesündigt“ und bekam dieselbe daher herausgeschnitten.

„Das Mädchen ertrank bei einer Wasserfahrt, als der Kahn eines verhüllten Mannes den ihrigen umstieß.“ Dieses Motiv von Mädchen in einem Kahn nebst Begegnungen auf dem Wasser begegnet uns des öfteren im Gesamtwerk, Juweleninsel, Deutsche Herzen, Waldröschen, und im Orientzyklus in Sachen Senitza (als die Vorgeschichte erzählt wird).

„Wer in der Nähe eines Feindes husten muß, der huste mit eingehülltem Kopfe in die Erde hinein und ahme dabei, wenn es Nacht ist, den Ruf des Uhu nach.“ Kleiner Tipp, blühender Blödsinn oder Kuriosum und noch mehr: eine Art heiteres Gleichnis …

„Auch mir hatte ja das Herz geklopft, als ich zum erstenmal einen Trupp Sioux belauschte, welcher ausgezogen war, um mich zu fangen. Jetzt freilich hatte mich die Erfahrung kühler gemacht.“ Schon zu 'Hausschatz'-Zeiten: Kara Ben Nemsi war in Amerika, und ist natürlich immer derselbe Erzähler.

Erste Unzufriedenheitsanzeichen beim sich vernachlässigt fühlenden Lindsay. Das wird sich später verstärken.

„Liebet Eure Feinde […] In diesem Befehle liegt der Inbegriff der göttlichen Weisheit verborgen.“ Kara Ben Nemsi führt das nicht weiter aus; unsere „Feinde“ sind Spiegelungen unserer selbst, „der Feind ist wir“ sagt eine weise Schildkröte in einem Comic, das mag hier genügen.

„Hassan Ardschir-Mirza - oder war es vielleicht seine schöne Schwester? - war sehr aufmerksam gewesen, denn bei den Speisen fand sich auch ein kleiner Vorrath persischen Tabaks.“ Eine kleine Liebesgeschichte ist hier unterlegt, von der wir kaum irgend etwas erfahren, erst, als sie vorbei ist.

„Herr, Deine Weisheit ist zu bewundern!“ – „Dieses Lob verdiene ich nicht. Die Erfahrung hat mich gelehrt, in allen Lagen auch das Kleinste zu beobachten; es ist also nicht Weisheit, sondern einfache Gewohnheit von mir.“ ('Ich sehe was, was Du nicht siehst' …)

Am Ende des Kapitels recht individuell-unreflektierte Ansichten zur Gültigkeitsdauer eines Eides, die dem hier ganz und gar nicht moralisierenden Kara Ben Nemsi indes gerade bestens in den Kram passen …

 

Viertes Kapitel – In Bagdad

Der Erzähler bekommt es mit Mirza Selim Agha zu tun, einer Art Nebenbuhler, bei dem zunächst einmal die Namensgleichheit mit dem ganz andersgearteten Selim Agha in Kurdistan auffällt. Er legt sich sofort an mit ihm. Auch wenn der andere angefangen hat, die Faust ins Gesicht müsste vielleicht nicht gleich sein …

„Dieser Mann war also der Schah-Swar, der Getreue, welcher seinen Offiziersposten in der persischen Armee aufgegeben, dem Hassan seine Werthsachen anvertraut und der sogar Benda's Herz gewonnen hatte. Denn auch dies hatte mir der Mirza in vertrauter Stunde mitgetheilt. Armes Mädchen! War dieser Agha wirklich ein Schah-Swar, d. h. ein außerordentlicher Reiter, so mußte er auch gelernt haben, den Mann nach seinem Pferde zu beurtheilen, und in dieser Beziehung war weder ich noch Lindsay ein Lump zu nennen.“

„Pinsel“ nennt er ihn … und steht dann kurz darauf mit Lindsay „während des ganzen feierlichen Vorgangs wie dumme Jungen an der Thür. Endlich war das glorreiche Werk vollbracht“. Die erlebte Eifersucht ärgert ihn spürbar immer noch …

„Jetzt war es doch wohl an der Zeit, den Mann in die Kur zu nehmen“.

„Er war ein schöner, ein sehr schöner Mann; das sah ich, als ich jetzt Zeit genug hatte, ihn zu betrachten. Aber um seine Augen lagen bereits jene tiefen Schatten, welche auf vergeudete Zeit und Kraft schließen lassen, und in seinen Zügen gab es ein undefinierbares Etwas, welches nach einer genaueren Prüfung abstoßend wirkte. Dieser Selim Agha war nicht der Mann, Benda glücklich zu machen.“

„Mit einem Löwen kämpfe ich; einen Wurm aber störe ich nicht, wenn es ihm gefällt, im Kot herumzukriechen.“

Die beiden suchen dann den Mirza Hassan Ardschir auf, geben Rechenschaftsbericht und stehen vor ihm und den zuhörenden Frauen ein wenig wie unartige Buben vor dem Papa. Damit dieser Eindruck aber nicht zu arg wird, heißt es dann bald „Sprich mit ihm selbst, und wenn Du mich brauchst, so rufe mich“ sowie „Ich ging hinaus zu den Pferden, um dort mit Halef zu plaudern“.

Und auf dem Rückweg betreiben die Herrschaften just genau das, was er vorher dem Widerpart so ankreidete, „Voran rannte der Beduine, mit seinem Knüttel rechts und links schonungslos zuschlagend, wenn Jemand in den Weg zu kommen drohte.“

In Bagdad treffen wir erstmals auf den Polen und seinen Diener, den wir im Spätwerk wieder sehen werden. „Es war über dem alten Mann eine tiefe Schwermuth ausgebreitet; er interessirte mich.“; „Der Effendi war mir ein Räthsel, welches zu lösen ich mir bereits vorzunehmen begann.“

„Am andern Abend zogen wir ein: Hassan Ardschir-Mirza in Frauenkleidern, um etwaige Beobachter irre zu führen.“

Die Todeskarawane; „Die Todten liegen in leichten Särgen, welche in der Hitze zerspringen, oder sie sind in Filzdecken gehüllt, die von den Produkten der Verwesung zerstört oder doch durchdrungen werden; und so ist es denn kein Wunder, daß das hohläugige Gespenst der Pest auf hagerem Klepper jenen Todeszügen auf dem Fuße folgt. Wer ihnen begegnet, weicht weit zur Seite aus, und nur der Schakal und der Beduine schleichen herbei: der Eine, angezogen von dem Geruche der Verwesung, und der Andere, herbeigelockt von den Schätzen, welche die Karavane mit sich führt.“

Lindsay, nach Hadschi Halef doch der beste Freund des Erzählers, zeigt sich zunehmend verstimmt.

 

Fünftes Kapitel – Die Todeskarawane

Selbstzweifel, Selbstkritik … „Ich hatte mir den jetzigen Ritt ganz anders gedacht. Das ganze Arrangement war ein verkehrtes. Vielleicht war ich selbst mit Schuld daran, aber es war mir jetzt schwer geworden, eine Ansicht gehörig durchzusprechen. Meine Verwundung, die ich erst doch ganz gut überwunden zu haben schien, war nicht ohne Nachtheil für mich geblieben, und zudem hatte ich mehr Sorge, Aufregung und Anstrengung gehabt, als einer meiner Begleiter. Ich fühlte mich körperlich sehr müde und geistig niedergeschlagen, ohne daß ich für dieses Accablement eine Ursache hätte angeben können. Ich war ärgerlich über Hassan Ardschir und den Engländer, ohne zu bedenken, daß ich ihnen mit meiner eigenen Verdrießlichkeit vielleicht Ursache gegeben hatte, mich mit ihren Angelegenheiten weniger zu beschäftigen, als sie es vorher gethan hatten.“

Lange historische Betrachtungen, „Hier wurde die gemeinste Sinnlichkeit zur Ekstase getrieben“ sei erwähnt.

„Haus der Pest“ solle man Bagdad nennen … „Ich schüttelte mich und ritt den Andern schnell nach, um aus der Stadt und meinen Gedanken fortzukommen.“

Ein Bettler am Wegesrand, „Ich hatte in Indien Büßer gesehen, welche sich auf die fabelhaftesten Weisen Schmerzen verursachten, und mit ihnen immer Mitleid gefühlt; diesem fanatisch dummen Menschen aber hätte ich wahrhaftig lieber eine Ohrfeige als ein Almosen gegeben, denn neben dem Grauen, welches sein ekelhafter Anblick erweckte, konnte ich auch den Unverstand nicht ertragen, welcher so scheußliche Martern ersinnt, um den Todestag eines doch nur sündhaften Menschen zu begehen.“

Als Halef provoziert, „öffneten sich die rhetorischen Schleusen des Schiiten auf eine Art und Weise, daß wir Alle Reißaus nahmen.“

Ardschir Mirza glaubt dem misstrauischen Kara Ben Nemsi nicht, „Emir, ich habe schon bemerkt, daß Deine Seele krank und Dein Leib müde ist; darum sieht Dein Auge Alles schwarz, und Deine Rede ist bitter wie die Medizin der Aloë.“ Das mag bisweilen so sein.

Es geht zum Turm zu Babel. Dabei ist ganz unerheblich, ob er das nun ist oder nicht und was sonst die Forschung herausgefunden haben mag; der Turm, an dem das Folgende spielt, steht bei Karl May für den Turm zu Babel, und damit hat es sich. Es geht ja eh mehr um Symbolik, Gleichnis und inneres Erleben als um Historie und „Fakten“.

Krank und elend, verlässt den Erzähler kaum jemals der ganz spezielle persönliche Humor, „Ich befand mich in einem Zustande, welcher einem recht starken Katzenjammer glich, was ich sehr wohl zu beurtheilen verstand, da ich während meiner Schülerzeit leider auch einige Male mich in jener hochelegischen Morgenstimmung befunden hatte“ …

Bald darauf Todesangst, und dann eine der bewegendsten Passagen des Gesamtwerkes.

„Halef, reite fort! Verlasse mich! […] Ich habe die - Pest! […] Gehe fort; suche den Engländer auf! Er wird für Dich sorgen;“, wie schrieb Peter Wapnewski vor Jahrzehnten in anderem Zusammenhang, „Wer (das) [...] ohne Erschütterung an sich vorübergehen lassen kann, dem ist nicht zu helfen“.

„Sihdi, […] glaubst Du, daß ich Dich verlassen werde?“ – „Gehe fort!“ – „Nein! Der Fluch Allahs soll mich verzehren, wenn ich Dich verlasse. […] Wer soll bei meinem Sihdi sein, wenn er leidet! Wer soll ihn segnen, wenn er stirbt! Effendi, o mein Effendi, meine Seele schluchzt, und mein Auge weint! Komm, halte Dich im Sattel fest; wir wollen einen Ort suchen, wo ich Dich pflegen kann.“ – „Willst Du das wirklich thun, Du treuer Halef?“ – „Bei Allah, Herr! Ich weiche nicht von Dir!“ – „Ah, das vergesse ich Dir nicht. Vielleicht halte ich mich noch. Komm, den Persern nach!“

„Wir gelangten an die Stelle, deren Anblick sich in unauslöschlichen Zügen meinem Gedächtnisse eingeprägt hat. Weit auseinander zerstreut, waren fünf Gestalten zu erkennen, welche bewegungslos am Boden lagen.“ Die Perser, alle tot, auch Benda.

„Hadschi Halef Omar, ich bleibe auch hier liegen!“

„Da lag sie, die ‚Siegerin’, todesbleich, mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen, als ob sie im Traume flüstern wolle. Diese prächtigen Augensterne waren für immer erloschen; diesen Lippen konnte kein warmer Ton mehr entströmen, und der kalte Stahl hatte den Puls dieses reinen Herzens zerschneiden müssen. Sie lag vor mir, eine herrliche Menschenblume, die im ersten Augenblick ihres Blühens verwelken mußte.“

Dann wieder eine der zahlreichen Nahtoderfahrungen des Gesamtwerks, bis er Hadschi Halef über sich sieht, „Halef, weine nicht!“ …

Aber das Leben ist noch nicht zuende, jedes Ding hat seine Zeit. „Nie werde ich diesen Weg vergessen“ …

Am „Turm zu Babel“ scheint Kara Ben Nemsis Leben zu Ende zu gehen … Später, im 'Silberlöwen', wird er wieder dort sein …

Räuber fliehen vor dem Wehrlosen, um sich nicht anzustecken, „Diese lieben Söhne des Propheten dachten in ihrem Entsetzen gar nicht an die Lehre des Kuran, daß Alles im Buche verzeichnet sei und daß sie also durch ihre Flucht dem ihnen eventuell bestimmten Schicksale gar nicht entgehen könnten. Sie vergaßen sogar, mir vor ihrer so beschleunigten Abreise erst eine Kugel in den Kopf zu jagen dafür, daß sie nun mein Eigenthum nicht nehmen durften.“ Auch hier, in äußerster Grenzsituation, noch eine halb humorige Bemerkung … Das ist Karl May. Nicht Unfug auf Freilichtbühnen.

Beerdigung der Lieben, der Perser; „Brauchte ich mich der Thränen zu schämen, welche mir über die Wangen rannen?“ Freilich nicht. Ebensowenig der Leser der ganzen Passage zuvor.

Es geht ja nicht um irgendeine kitschige Geschichte, die mit uns nichts zu tun hat. Es geht um Leben und Tod, um Haltung, Solidarität, echte Freundschaft, Liebe, Geborgenheit, Mitmenschlichkeit, Vertrauen. Bis in den Tod.

„Sie hatten Kerbela, die Stadt der Trauer, nicht erreicht, sondern eine höhere Pilgerschaft angetreten, empor zur Stadt der Klarheit und Wahrheit“, sehr schön.

„Wie traurig war diese Lage am Phrat, dem ‚Flusse des Paradieses’! Todkrank, ohne andere Hilfe, als die wir uns selbst zu leisten vermochten, umweht vom Hauche der Pest, inmitten uncivilisirter, fanatischer Thoren“ … Muß es noch hingeschrieben werden ? Natürlich geht es um Erfahrungen, die wir so auch überall in der Heimat machen können … und Pest muß nicht Pest sein …

Mittlerweile ist Halef der Gefährdetere, „Ich werde sterben; Du aber wirst zu Hanneh gehen und sie trösten.“

„Es war kein Wunder, daß Geier über uns ihre Kreise zogen und die Hyänen und Schakale, welche aus den Ruinen zur Tränke kamen, durch das Schilf schauten, um zu sehen, ob wir nicht bald zu verspeisen seien.“

Auch Dojan ereilt es, er wird „wörtlich in Stücke gerissen“.

Daß der vermeintliche Tod Lindsays sich als „Folge eines Irrthums“ herausstellen wird, verrät der Erzähler seinen Lesern bereits zur Unzeit.

„Es drängte mich, so bald wie möglich die Gegend zu verlassen, wo im Angesichte dieses Trümmerreiches auch so Vieles von uns und in uns zu den Todten gebettet worden war.“ Hier ist die 'Hausschatz'-Fassung mit ihrem „von uns und in uns“ gegenüber dem profaneren „von uns“ der Buchausgabe eindeutig vorzuziehen.

"An die einst beabsichtigte Reise nach dem Hadhramaut war nun nicht mehr zu denken. - -"

 

Sechstes Kapitel – In Damaskus

„Sei mir gegrüßt, Damask, du Blumenreiche, du Königin der Düfte, du Augenlicht des Weltantlitzes, du Jungfrau der Feigen, du Spenderin aller Freuden und du Feindin alles Kummers!“ Das klingt doch gleich wieder ganz anders … Die existentielle Krise scheint überwunden.

Wir sind an einem biblischen Ort, „wie eine Wahrheit gewordene Fata Morgana des sich nach Labung und Erquickung sehnenden Wüstenpilgers“ liegt die Stadt da, „Gegen Norden liegt der Dschebel Kassium, auf welchem nach der morgenländischen Erzählung einst Kaïn seinen Bruder Abel erschlug. In El Ghuta stand nach der arabischen Legende der Baum des Erkenntnisses, unter welchem die erste Sünde geschah, und in Damask selbst erhebt sich die berühmte Moschee der Ommijaden, auf deren Minareh sich Christus am Tage des Gerichtes niederlassen wird, um zu richten die Lebendigen und die Todten.“

„Oft, sehr oft wurde Damaskus erobert und in Trümmer gelegt, aber immer erhob es sich wieder mit neuer Lebensfähigkeit.“ So wie es überall in der Schöpfung ist.

Wir erfahren allerhand aus der Historie und lesen die aparte Formulierung „Mann und Knabe wurde erschlagen; mit den Frauen und Mädchen geschah theils Schlimmeres“ …

Banknoten waren der Inhalt des Amuletts von Marah Durimeh, das ist seltsam, aber sie haben unseren Helden in ihrer verzweifelten Situation geholfen.

In der Zwischenzeit war man auch bei den Haddedihn, wie wir per zusammenfassender Nacherzählung überrascht erfahren.

„Der Tod Mohammed Emin's versetzte den ganzen Stamm in die tiefste Trauer, und es wurde eine große Feier veranstaltet, um sein Gedächtniß zu ehren.

Ganz anders aber war es bei Hanneh, welche sich bei unserm Erscheinen jubelnd in die Arme ihres Halef warf. Er war ganz entzückt von ihrem Anblick, und sein Entzücken verdoppelte sich, als sie ihn und mich in das Zelt führte, um ihm einen kleinen Hadschi zu zeigen, welcher während unserer Abwesenheit sich zur irdischen Pilgerreise eingefunden hatte.“

„Ein großer Theil der Stammesangehörigen begleitete uns bis an den Euphrat, an dessen linkem Ufer wir Abschied nahmen: Halef auf kurze Zeit, ich aber für lebenslang.“ Das wird sich gottlob als falsche Voraussage erweisen.

Man begegnet einem Verwandten Isa Ben Mafleis; so etliche Bezüge zu bzw. Personen aus „Durch die Wüste“ werden sich in diesem Band wieder einstellen.

Er beschreibt typisch neureichsch-geschmacklose Bilder in der Wohnung seines Gastgebers und sinniert dann „Solche Kunstungeheuerlichkeiten können eben nur für den - - Orient bestimmt sein.“ Vielleicht war es aber Dresden, wo er sie gesehen hat …

Man nimmt ein Bad, wird neu eingekleidet, „Zwei Diener erwarteten uns, um uns zu bedienen.

Das war eine wirklich morgenländische Gastfreundlichkeit, deren Werth ich dankbar erkennen mußte.“

Und dann die Sache mit dem Klavier, „begann der Mann ein Faust-Attentat auf die Tasten, welches mir die Haare zu Berge trieb“.

„Er ging und brachte bald ein Kästchen, welches Saitendraht verschiedener Stärke und einen Stimmschlüssel enthielt. Er nahm den letzteren und hämmerte damit auf den Tasten herum, daß es heulte und krachte.“

So nebenbei erfahren wir in unnachahmlich beredter Verschwiegenheit von einer Strindbergschen Ehe, das Klavier gehörte zuvor einem Engländer, „Sein Weib hatte Musik gemacht, war aber gestorben. Er schlug es mit den Fäusten und das gefiel ihm sehr, denn er lachte dazu.“

Und dann spielt Kara Ben Nemsi, „Nach einem kurzen Präludiren ließ ich meinen 'feschesten' Walzer los. Mein Publikum saß zunächst ganz starr; bald aber begann der Rhythmus seine unwiderstehliche Wirkung zu äußern. Es kam Bewegung in die steifen Gestalten: die Hände zuckten, die Beine empörten sich gegen ihre orientalisch eingebogene Lage, und die Körper begannen, sich nach dem Takte hin und her zu wiegen.“

Die Irländer wagen ein Tänzchen; nach all dem Elend der 'Todeskarawane' hier nun: Lebensfreude, heiter-entspannte Gelassenheit …

Man erkundet die Stadt und gerät in eine Art Volksfest, „Kinder lärmten, Lastträger zankten, Kameele schrien, Pferde wieherten, Hunde bellten, und dazu in den Musikzelten ein Blasen, Kratzen, Schlagen und Zerren auf allen möglichen und unmöglichen Instrumenten - es war das wirkliche Vogelschießtreiben, nur auf anderem Schauplatz und mit anderen Gestalten.“

„Vor einem großen Zelte waren sehr viele Leute versammelt; aus demselben ertönten Violinen- und Harfenklänge, und jetzt, richtig, fiel nach beendetem Zwischenspiele eine abgejagte Sopranstimme in der reinsten erzgebirgischen Mundart ein“ …

Auf Wunsch wird des Erzählers Lieblingslied gesungen, und das ist „Wenn sich zwei Herzen scheiden, Die sich dereinst geliebt, Das ist ein großes Leiden, Wie's größer keines gibt.“ Keine Frohnatur …

Abrahim Mamur taucht unvermittelt wieder auf. Dann ist man wieder beim Gastgeber, wieder Geselligkeit und Musik, „Ich that mein Möglichstes, sie zu unterhalten, und sang ihnen auch eine Anzahl Lieder vor, deren Text ich während des Gesanges, so gut ich es vermochte, in das Arabische extemporirte.“

Besuch bei den Aussätzigen vor den Toren von Damaskus, wie später in der nach diesen benannten Novelle.

Dann geht die Reise schon weiter, „Dort oben, am Grabe des mohammedanischen Heiligen, wandte ich mich um und warf einen Blick hinab auf Damaskus, den letzten im Leben.“ In der Buchausgabe steht dann „den letzten für jetzt“.

„Da lag die Stadt, im Monde glänzend wie eine Wohnung von Geistern und Dschinnen […] Ich hatte nicht geahnt, daß mein Aufenthalt in Damaskus ein so kurzer sein werde.“

Als sich herausstellt, daß Lindsay wider Erwarten noch lebt, ruft Halef „Allah ist groß und stark und ihm ist Alles möglich. Er macht todt und lebendig, wie es ihm gefällt.“ Was sich hier indes auch ein wenig auf den Autor bezieht …

„Weiter aufwärts, vielleicht fünfhundert Schritte weit entfernt, erblickte ich einen hohen, grauen Cylinderhut, welcher, im Takte auf- und niedernickend, sich über einer aufgeworfenen Grube bewegte.“

„Ich rief die Irländer und hatte nun eine Szene vor mir, die sich nicht beschreiben läßt. Die beiden Burschen weinten vor Entzücken, und Lindsay schnitt die unglaublichsten Pantomimen, um seine Freude und Rührung männlich zu verbergen.“

Der Kodscha Pascha von Baalbek hat die Kawassen zurückgeschickt, „Ich hörte, daß sie im Kaffeehause saßen und Eure Angelegenheiten ausplauderten. […] habe ich sie fortgejagt und dem Tschausch einen Brief mitgegeben an seinen Kaimakam, damit sie bestraft werden. Der Großherr, den Allah segne, will, daß Ordnung sei in seinem Reiche, und auch wir sollen das wollen.“

„Das war denn einmal ein ehrlicher Beamter, eine Seltenheit im Reiche des Großherrn.“ Und nicht nur dort im Orient …

Dialog mit Abrahim Mamur in unheimlichem Dunkel, „Du nahmst mir Güzela, durch welche ich ein besserer Mann geworden wäre. Du hast mich wieder zurückgeschleudert in die Tiefe, aus welcher ich mich erheben wollte“.

Mamur stellt sich als Oberster der Sackmänner heraus, die ihre Opfer im Wasser versenkten.

Die beiden schleichen in dunklen Gängen umeinander herum, der Erzähler hört den anderen aufgrund des Tickens einer Taschenuhr (!), bevor er über ihn hinwegsteigt … „Es war ein höchst kritischer Augenblick.“

„Ich stieg empor; es wurde heller und heller […] Gott sei Dank! Ich war befreit!“

Später äußert Lindsay, verärgert über die Entwendung seines Pferdes, „Hier gibt es keinen klugen Menschen mehr!“ und der Erzähler meint „Das schien mir auch so.“

Man verfolgt den flüchtigen Mamur „ohne Ruh und Rast“, der entkommt aber übers „in herrlicher Bläue“ vor den Augen liegende Meer, was den Erzähler „zornig den Boden mit den Füßen“ stampfen lässt, ein geneigter Leser kann trotz dieser bemühten Versicherung den Eindruck haben, er lässt den beeindruckenden Mann einmal mehr eigentlich ganz gern entkommen …

„Ade, ade, Du stolzer Libanon! Dieses Mal bin ich achtlos an Dir vorübergegangen. Ade also für ein anderes Mal! - - -“

 

Siebtes Kapitel – In Stambul

Launiger Beginn; alsdann Betrachtungen eines ziemlich Unpolitischen … („Ich habe mich niemals leidenschaftlich mit Politik beschäftigt“ …)

„Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein“ heißt es in einem anderen Band, und hier fällt einem beim Türken der Indianer ein … „Der Türke ist ein Mensch, und einen Menschen macht man nicht damit gesund, daß die Nachbarn sich um sein Lager stellen und mit Säbeln ein Stück nach dem Andern von seinem Leibe hacken, sie, die sie Christen sind. Einen kranken Mann macht man nicht todt, sondern man macht ihn gesund, denn er hat ein ebenso heiliges Recht, zu leben, wie jeder Andere. Man entzieht seinem Körper die Krankheitsstoffe, welche ihm schädlich sind, und reiche ihm dagegen das Mittel, welches ihn heilt und wieder zu einem leistungsfähigen Menschen macht.“ Die anschließenden Betrachtungen zum Türken im Allgemeinen bleiben hier unkommentiert, nachlesen mag man sie selber.

„Nur ein Einziger steht von ferne, mit christlicher Theilnahme im Herzen. Er war ihm einst ein ehrlicher Feind und möchte ihm nun auch ein ehrlicher Freund sein. Er hat eingesehen, daß der Türke ein ebenso großes Recht hat, sein Land zu behalten, wie Preußen sein Schlesien, Sachsen und Hannover behalten hat. […] Dieser Einzige ist der Deutsche. Ist dem Germanen wirklich die weltgeschichtliche Rolle zugetheilt, der Träger christlicher Humanität zu sein, so ist er sicher überzeugt, daß Mekka einst veröden wird, wenn die Liebe dem Hasse das Schwert aus der Hand gewunden hat.“

„Ich hasse den Türken nicht, sondern er dauert mich“, und zwei Zeilen später, kritisch über andere: „Das ist Pharisäer-Hochmuth“ …

Wiederbegegnung mit Isa Ben Maflei, später auch mit dem vermeintlichen Jüterbogker. Den lernen wir nun von einer ganz anderen Seite kennen als in „Durch die Wüste“, er wohnt in St. Dimitri, „Des Abends ist es gefährlich, sich dort sehen zu lassen, und selbst am Tage öffnen sich bei jedem Schritte rechts und links die Höhlen, in denen das Laster seine Orgien feiert oder unter den ekelhaftesten Krankheiten sein Dasein verjammert.“ Seine Wohnung „war einem Ziegenstalle ähnlicher als einer menschlichen Behausung […] und an Geschirr und Geräth hatte er nichts aufzuweisen, als einen henkellosen Wasserkrug, über dessen Öffnung eine Kreuzspinne ihr Netz gewoben hatte, und ein Stück von einem zerfetzten Segel, welches als Ottomane und Schlafstelle diente.“ Er raucht Opium und verspielt erhaltenes Geld sogleich, „Ich gab den Mann an Leib und Seele verloren, nahm mir aber vor, ihn womöglich von der eingeschlagenen Bahn wieder abzulenken.“

Bei den Derwischen; „Sie verrichten allerlei Kunst- und Taschenspielerstückchen und führen Komödien auf, in denen sie sich in eigenthümlichen Tänzen und heulenden Gesängen produziren.“

„Auf diesen Divans saßen die Derwische mit ihren tutenförmigen, zuckerhutähnlichen Filzmützen auf dem Kopfe, genau so, wie sie in unseren Circusvorstellungen von den Clowns getragen werden.“

„Die Komödie, welche als gottesdienstliche Handlung gelten sollte, nahm ihren Anfang.“

„Nun begann eine Musik, deren Disharmonie mir die Ohren zerreißen wollte, und dazu ertönte ein Gesang, welcher, nach dem Worte eines deutschen Dichters, 'Steine erweichen und Menschen rasend machen konnte'.“

„Auf mich machte das Exercitium den Eindruck, daß ich es mit verrückten Menschen zu thun habe; die Türken jedoch hatten ihm mit außerordentlicher Andacht und mit Staunen zugeschaut und schienen sehr erbaut zu sein.“ „Ihre Wirkung auf mich war eine derartige, daß ich sie nicht wieder zu sehen wünschte.“ „Mir ist beinahe übel geworden“. - Interessant ist, daß in einer früheren Ausgabe des Grünen Bandes 3 die Passage bei den Derwischen durch Franz Kandolf dahingehend bearbeitet war, daß sie viel respektvoller, für die fremde Religion offener klang. Das war einer der seltenen Fälle, in denen einem die Bearbeitung besser gefallen konnte als das Original.

Wir begegnen Omar Ben Sadek wieder; bei einem zweifelhaften Kuriosum von Wohnungsvermieter macht der Erzähler launige Beobachtungen („Die Nase war nicht viel kürzer als die Pfeife“; „der Kaftan war kein Zeug mehr, sondern nur noch Schmutz; […] Übrigens hatte der Kaftan keine Ärmel mehr, und die Ängstlichkeit, mit welcher ihn der Mann zusammengeschlagen und den Kragen emporgezogen hielt, ließ vermuthen, daß er die einzige Bedeckung des Vermiethers bilde“, u.a.).

„Er öffnete zunächst die beiden Pforten der Parterreseiten; wir erblickten zwei kellerartige Höhlen, in denen sich nichts als Schmutz und Ungeziefer befand. Dann kletterten wir zur Treppe empor und gelangten in drei Stuben, von denen ich die erste einen Taubenschlag, die zweite einen Hühnerstall und die dritte eine Kaninchenhöhle hätte nennen mögen.“

Lindsay wird einmal mehr außen vor gelassen, „Er war darüber so erzürnt, daß er erklärte, allein und ohne mich nicht bei Maflei bleiben zu können, und zog auch wirklich am Nachmittag nach Pera“, die wirklich gute Freundschaft ist keineswegs belastungsfrei, hält das aber immer wieder aus.

Es gilt ein Haus zu beobachten, „Es wohnt ein Grieche da, der ein Weib und einen Sohn hat. Sie haben Wein zu trinken und halten viele schöne Knaben und junge Mädchen“. Das alles gab es also natürlich auch schon vor Dutroux & Co, auch wenn es bei Karl May nur angedeutet wird.

„Mehrere Männer gehen von früh bis am Abend durch die Stadt, um Gäste herbei zu bringen. Da kommen vornehme Herren und gewöhnliche Leute, Einwohner von Stambul und Fremde; es wird gespielt und Musik gemacht, und ich glaube nicht, daß Alle wieder fortgehen, die gekommen sind. Man hört manchmal des Nachts einen Hülferuf oder ein Waffengeklirr, und dann sieht man gewöhnlich des Morgens eine Leiche auf dem Wasser schwimmen.“

„Aber wie kommt es, daß Sie keine Anzeige erstattet haben? Das wäre doch Ihre Pflicht gewesen!“ – „Effendi, meine erste Pflicht ist, mir das Leben zu erhalten. Ich will nicht auch aufgehängt werden.“ – „Sie wären aber von der Polizei ja doch nicht verrathen worden!“ – „Herr, Sie wohnen wohl noch nicht lange in Stambul?“ Sehr hübsch. Nicht vergessen: Stambul (u.a. …) ist (bei Karl May …) überall …

„Er nannte mir den Namen eines Mannes, der später eine bedeutende Rolle spielte und noch heut als hoher Würdenträger bekannt ist.“

Der legt dann spurenverwischenderweise auch Feuer, von dem mehrere völlig Außenstehende und Unbescholtene betroffen sind, „sehr viele Häuser“ werden „verzehrt“, um die Angelegenheit vertuschen zu helfen und von der Verwicklung der Obrigkeit abzulenken.

So konnte Kara Ben Nemsi laut Halef sehen, „wie unterhaltend es ist, wenn sechzig tapfere Krieger zwanzig Knaben und Mädchen fangen, die Erwachsenen aber entlaufen lassen.“

Daß unser Held den arroganten Tunichtgut, mit dem er es in der Passage zu tun hat, dann mehrmals mit „Mein Sohn“ anredet, obgleich er nach eigener Einschätzung „nicht älter“ sei, fällt dann wieder unter Kompensationsbedürfnis und literarischer Rache an nicht für voll zu nehmenden Vertretern der Obrigkeit.

Auf dem Friedhof des Derwischklosters, „Da ruhten sie, die Hunderte von Derwischen. Sie hatten ausgetanzt, und nun lag ein Stein zu ihren Häuptern, auf dem der Turban thronte. Ihre Komödie war ausgespielt.“

Omar hat Abrahim Mamur in Selbstjustiz vom Turm gestürzt, „Das Alles erzählte er so gleichmüthig, als habe er etwas ganz Alltägliches gethan. Auch ich machte nicht viele Worte“. Auch wenn es immer wieder gleichsam nur so nebenbei untergebracht ist und offenbar allgemein auch nicht sonderlich auffällt: daß Autor Karl May seine ganz eigene Moral hat und auf weltliche Justiz sozusagen pfeift, wird immer wieder deutlich …

Die gleichmütige Unaufgeregtheit des Erzählers in Sachen Schuld und Sühne an folgender Stelle wird auch nicht jedermanns Sache sein, „laute Ausrufe ausstoßend, sprangen Maflei, sein Bruder und Isla auf und rannten, ihre Muselmanns-Gravität ganz verleugnend, fort, um sich die Todten anzusehen“. Während Noch-'Muselmann' Halef (bezüglich Kolettis) äußert „Wenn es Kara Ben Nemsi oder Hadschi Halef Omar wäre, so würde ich hingehen; dieser Grieche aber ist eine Kröte, die ich nicht sehen mag“.

(Vorerst) Abschied von Lindsay, „Yes! Oh! Ah! Well! Wiedersehen! Miserables Scheiden! Gefällt mir ganz und gar nicht!“ meint der „mit unsicherer Stimme, indem er mit der einen Hand seine Nase beruhigte und mit der andern nach dem Auge langte.“

Der Jüterbogker alias Thüringer ist mittlerweile gestorben, „Ich bemitleidete den jungen Mann, der bei seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten ganz andere Aussichten gehabt hatte, als so elendiglich in dem fernen Lande um das Leben zu kommen.“

Noch ein Wiedersehen einer alten Bekanntschaft, der Adjutant, den man bei den Dschesidi kennengelernt hatte, „Es war wirklich, als ob mir hier in Constantinopel eine Recapitulation meiner Erlebnisse beschieden sei.“

Noch einmal das Thema 'Moral nach eigenen Gutdünken', „Das war eine keineswegs angenehme Scene, aber ich mache mir noch heut keine Vorwürfe darüber, daß ich den Weg der Nöthigung betrat, um den Offizier für seine Arroganz zu bestrafen und dem armen Juden zu einer Entschädigung zu verhelfen“; „Das Glück der alten Leute söhnte mich mit meinem Bruch der Gastfreundschaft vollständig aus.“

Senitza, die uns in „Durch die Wüste“ so beeindruckte, hat einen ebenso kurzen wie 'blassen' Auftritt.

„Am Schlusse nahm Lindsay Abschied. Seine Nase war so ziemlich von ihrer Beule befreit, so daß er sich auch wieder in London zeigen konnte. Als er ging, begleitete ich ihn nach seiner Wohnung. Dort entkorkte er noch eine Flasche Wein und gab mir die Versicherung, daß er mich wie einen Bruder liebe.“ Geld soll es geben, und vermutlich nicht eben wenig, aber der Erzähler nimmt es natürlich nicht. (Bei Fehsenfeld sah das später anders aus … der private May entsprach auch in solchen Dingen nicht immer seinem Buch-Ich. Jedenfalls liest sich der Briefwechsel mit dem späteren Verleger schon so, als habe Geld einen ganz beträchtlichen Stellenwert für Karl May gehabt.)

 

Achtes Kapitel – In Edreneh

Der Erzähler hält seinem Gastgeber spontan einen kleinen Vortrag in Sachen Gott, „Allah ist überall, wo der Mensch den Glauben an ihn im Herzen trägt. Er wohnt in den Städten, und er blickt auf die Hammada; er wacht über den Wassern, und er rauscht durch das Dunkel des Urwaldes; er schafft im Innern der Erden und in den hohen Lüften; er regiert den leuchtenden Käfer und die blitzenden Sonnen; Du hörst ihn im Jubel der Lust und in dem Rufe des Schmerzes; sein Auge glänzt aus der Thräne der Freude und schimmert aus dem Tropfen, mit welchem das Leid die Wange befeuchtet. Ich war in Städten, wo Millionen wohnen, und ich war in der Wüste, von jeder Wohnung weit entfernt, aber niemals habe ich gefürchtet, allein zu sein, denn ich wußte, daß Gottes Hand mich hielt“. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen, allenfalls, daß auf den Internetseiten der KMG vom „Jubel der Luft“ statt von dem der Lust zu lesen ist. Eine interessante, vermutlich unbeabsichtigte Bearbeitung.

Ein Verbrecher wird überführt, „Hulam erschrak, und Isla erzählte. Auch als er geendet hatte, wollte der alte Handelsherr es noch nicht glauben, daß er es mit einem Verbrecher zu thun habe. Er konnte nicht glauben, daß eine Maske so geschickt getragen werden könne.“

Kara Ben Nemsi entschlüpft in Richtung Halef eine etwas unbedachte Bemerkung, „Wir wollen gleich heute einmal sehen, ob Du wirklich so klug bist, wie Du denkst!“, was Halef indes ernsthaft kränkt, „Sihdi, ein Fußtritt hätte mir nicht weher gethan, als dieses Wort!“, in den Augen des Freundes sieht der Erzähler „einen feuchten Schimmer“, worauf er sich beeilt, die Sache richtigzustellen. „Es war natürlich weder meine Absicht gewesen, ihn zu kränken, noch ihn zu beleidigen.“

Irgendwie scheint er aber auf Halef nicht wirklich gut zu sprechen zu sein zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Passage, „Er hatte einen Bart, welcher so dünn ist, wie der Schwanz einer alten Henne“ lässt er einen anderen über ihn sagen.

Unser Held lässt sich beträchtlich hereinlegen und bekommt es erneut mit Ali Manach zu tun, „Bei diesen Worten versetzte er mir einen zweiten Fußtritt in die Seite. Hätte ich nur eine einzige Hand frei gehabt! Dieser Derwisch hätte noch ganz anders tanzen sollen, als vor Kurzem in Stambul!“

Im Auftrag der Entführer schreibt er an den Vertreter des Schah-in-Schah um Lösegeld, ist indes dem Leser gegenüber zu aufrichtiger Selbsteinschätzung in der Lage, „ich war fest überzeugt, daß der Perser den Überbringer meiner Anweisung ebenso wie mich selbst für wahnsinnig halten werde. Der Sohn der Zoroasterlehre hatte gar keine Ahnung von der irdischen Existenz eines deutschen Federfüchserleins meines Namens.“

Wieder das Thema der eigenen Gesetze, „Ich höre, daß Du ein Franke bist, der die Gesetze dieses Landes nicht kennt.“ – „Das mag sein; aber darum befolge ich meine eigenen Gesetze. Kadi, das Geld behalte ich! Du bekommst es nicht!“

Mordanschlag auf Kara Ben Nemsi, zu Tode kommt Ali Manach. Der ominöse Zettel mit „Karanorman-Chan“ taucht auf, und wir erfahren, daß das übersetzt u.a. „Schwarzwaldhaus“ heißen kann. „Der Ort war also jedenfalls klein und lag im Walde, im tiefen Forste.“ Irgendwo in Sachsen vielleicht, ein Gastronomiebetrieb mit Umfeld ?

Und dann ist der schöne Band zu Ende,

„Es ist wahr, ich ließ liebe Freunde zurück; aber der Liebste, mein Hadschi, blieb doch bei mir; das milderte den Trübsinn jener Stimmung, welcher sich kein Scheidender erwehren kann.“

Der letzte Satz lautet in der 'Hausschatz'-Fassung „Ich hatte geglaubt, Edreneh in der Richtung nach Filibe verlassen zu können; nun aber ging es anders, nach Westen zu, an der Arda hin, an deren Ufer wir gestern Abend spazieren gegangen waren.“ In der Buchausgabe hingegen steht statt der Angelegenheit vom Spazierengehen: „größeren Anstrengungen und Gefahren entgegen, als wir ahnten“.