DURCH DAS LAND DER SKIPETAREN

In diesem insgesamt schwächeren Buch gibt es einige umfangreiche humorige Passagen wie die Gips-Orgie beim Apotheker oder das Unter-Wasser-Setzen der Übeltäter, aber so komisch Karl May sonst oft sein kann, diese Szenen wären eher entbehrlich ... Bis auf Höhepunkte wie das Gespräch zwischen Kara Ben Nemsi und Halef über den bald bevorstehenden Abschied der beiden oder auch einige andere schöne Momente ist in diesem Band ein bißchen "die Luft raus" ...

 

Erstes Kapitel - Entlarvt

"Die türkische Rechtspflege hat bekanntlich ihre Eigentümlichkeiten, sagen wir geradezu ihre Schattenseiten, [...] Unter den dortigen Verhältnissen ist es nicht zu verwundern, daß da [...] von einem wirklichen 'Rechte' fast gar nicht gesprochen werden kann." Man könnte meinen, er habe Ort und Zeit verlegt ... In der Tat, diese Dinge sind zeitlos und geographisch nicht beschränkt.

Kara Ben Nemsi läßt den Richter aufstehen und setzt sich an dessen Platz; er übertreibt es zunehmend mit der Anmaßung; das, was er Halef ankreidet, macht er selber.

Die Entlarvung des Mübarek geschieht dann recht plötzlich, man hätte noch mehr erwarten können in Sachen Spannungsaufbau.

"Aferim, aferim - bravo, bravo!" rufen "dieselben Leute, welche mir noch vor wenigen Augenblicken gefährlich werden wollten." So kann es zugehen, und nicht immer dreht es sich wie hier in die 'richtige' Richtung, ganz unabhängig von Wahr oder Falsch; der Mensch in größerer Zahl ist halt eine beliebig manipulierbare Masse ...

Es sei, so Kara Ben Nemsi, kein Wunder, wenn "die ärgsten Spitzbuben für Heilige gehalten werden."

"Ein nächtlicher Zug zu der Ruine hinauf", atmosphärisch hübsch eingefangen, es erinnert ein bißchen an die große Exkursion zum "Geist der Höhle" in "Durchs wilde Kurdistan".

"Es war lustig, zu hören, welche Meinungen geäußert wurden, auch über unsere Personen. Der Eine meinte, ich sei ein großherrlicher Prinz, und der Andere hielt mich für einen persischen Fürstensohn. Ein Dritter schwur, ich sei ein indischer Zauberer, und ein Vierter schrie überlaut, daß ich ein Kronprinz aus Moskau sei und gekommen wäre, um das Land für Rußland zu erobern." Geltungsbedürfnis auf die Spitze getrieben, phantasievoll ironisch gebrochen.

Auch (Ehe-) Frauen sind natürlich beeindruckt, "Effendi, Deinem Rath werde ich folgen. Du weißt das Alles besser als andere Leute oder gar als mein Mann".

Amtsanmaßung; "Herr, Du bist kein Beamter!" - "Ich habe Dir heute erwiesen, daß ich ein besserer Beamter sein würde, als Du!" Darauf kommt es freilich des öfteren kaum an ...

Halef benutzt oft und gern die Peitsche, das wird ein wenig lästig, schon Wollschläger schrieb, die Kolportagezeit habe May die Hand verdorben. Er verliert in diesem Band manchmal ein wenig das Gefühl dafür, was noch so geht und was übertrieben, zu dick aufgetragen ist, letzteres oft in grellen Farben.

"Er ist die Obrigkeit, aber im Stillen unterstützt er die Leute des Schut" (über den Kodscha Bascha), das ist indes wieder sehr realistisch zeitlos ...

Schöne Episode um die Pflanzensammlerin und die Marienkreuzdistel, "Ich liebe die Nacht. Sie ist die Freundin des Menschen. Sie läßt ihn mit seinem Gott allein".

"Das Kind des Volkes hat einen liebevolleren Blick für die Heimlichkeiten der Natur, als der sogenannte bevorzugte Mensch. -"

Zum insgesamt dritten Mal geht es hinauf auf den Berg, um dem Mübarek und seinen Leuten unter öffentlicher Demütigung der örtlichen Obrigkeit endgültig das Handwerk zu legen. Kara Ben Nemsi hat Gelegenheit, die Bevölkerung, die teilweise noch nicht so recht weiß, was sie von alledem halten soll ("Von einigen Gleichgesinnten, die sich zu dem Sprecher drängten, ward ein drohendes Murmeln erhoben"), auch nonverbal in den Griff zu kriegen: "Ich schritt langsam auf sie zu, stieß den Kolben des Gewehres auf den Boden, legte die Arme gekreuzt auf die Mündung und sah ihnen in die Gesichter, ohne ein Wort zu sagen. Sie wichen zurück."

Nicht genug damit, daß der Kodscha Bascha korrupt ist, er mache auch "die Dummheiten eines Anfängers im Verbrechen." Damit kennt der Erzähler sich aus ...

Die Logik des Ibarek in Sachen Ergreifung bzw. Nichtergreifung der Verbrecher erinnert stark an deutsches Beamtentum, Vorschrift ist Vorschrift ...

Noch einmal absurdes Theater in Sachen zerrissener Kaftan, und dann hat der Erzähler einmal mehr genug von seinen Mitmenschen, "Der Bascha erhob kreischend Widerspruch. Ich aber hatte genug; ich mochte nichts mehr hören, kein Wort."

Auch von Halef gilt es - vorausschauend - Abschied zu nehmen, "Und dennoch mußt Du Dich mit diesem Gedanken von Tag zu Tag vertrauter machen. Einmal muß doch geschieden sein. Dich ruft Deine Heimat und mich die meinige, und leider liegen beide so weit entfernt von einander, daß wir uns trennen müssen." Wahrlich, das ist bitter.

Diese Passage gehört zu den Glanzlichtern, von Halefs Sicht des Abendlandes sei als Kostprobe nur "Eure Kinder werden in der Wiege seekrank geschaukelt, wozu die Mutter Eia poppei singt" und "Wer bei Euch einmal fröhlich sein will, der trägt die Kleider und Betten zum Pfandleiher und springt dann wie ein Unsinniger auf dem Tanzboden herum" wiedergegeben.

"Der kleine, brave Hadschi hatte keine gute Vorstellung von dem Leben im Abendland. Aber was sollte ich ihm antworten? Wenn er auch übertrieb und Manches wohl falsch verstanden hatte, so konnte ich ihm im Ganzen doch nicht Unrecht geben."

"Sobald ich die Gegend erreiche, in welcher die Bildung und der Branntwein beginnt, kehre ich um" nimmt sich Halef vor; nicht das Schlechteste.

Rührende Kußszene, wie man so etwas (im grünen Band) streichen kann, ist schwer nachvollziehbar.

Rih will er ihm schenken, ohne es ihm jetzt zu verraten, das ist richtig anrührend, echte Freundschaft und tiefe Menschlichkeit unter 'erfundenen' Figuren, überzeugender und berührender als bei manchen aus Fleisch und Blut.

Und am Ende "Solche Gedanken pflegen die Thüre zu öffnen, durch welche man in die Vergangenheit blickt. Wohl dem Menschen, welcher dann erkennt, daß er zwar selbstbestimmend auf sein Schicksal einzuwirken vermag, daß aber doch eine mächtigere Hand ihn immer hält und leitet, selbst dann, wenn er diese Hand von sich zu stoßen vermeint!" Daß er es bei diesen knappen Worten bewenden läßt, anstatt in größerem Stil herumzuschwadronieren, spricht für die Glaubwürdigkeit dieser Stelle.

 

Zweites Kapitel - Die beiden Aladschy

Spürbar gut gelaunt kommt der Erzähler zu Beginn dieses Kapitels daher.

"Der Besitzer der 'Gesundheitsfabrik' war ein wahrer Apollo gegen sein Weibchen. Am liebsten widme ich der Schönheit ihres Antlitzes ein ohnmächtiges Schweigen."

"Was ich sah, erfüllte mich mit jener eigenartigen Seelenstimmung, welche man vulgär mit dem Wort 'gruseln' zu bezeichnen pflegt."

"Wenn wir einmal kein Dschiwa haben, thun wir Ziegenmilch in die Röhren; die sieht auch weiß aus und zeigt das Wetter genauer an, als das Quecksilber. [...] Die Ziegen wissen ganz genau, was für Wetter wird. Wenn es regnen will, rennen sie straks nach dem Stalle. Also muß die Milch ein gutes Mittel in die Röhren sein."

"Aber eine große Umwälzung hast Du uns gebracht" sagt einer der beeindruckten Dorfbewohner zum Erzähler, "und dafür sind wir Dir dankbar, obgleich man lieber Alles lassen soll, wie Allah es gemacht hat." Das wird so ganz en passant notiert ... man könnte durchaus länger darüber nachdenken.

"Diese Leute waren so durchsichtig!" Vermutlich einmal mehr ein Stoßseufzer aus ganz heimatlichen Gefilden ... (Türken, Skipetaren, Albaner oder wer auch immer sind vermutlich nicht durchsichtiger als z.B. Erzgebirgler ...)

Der "kugelfeste" Kara Ben Nemsi erweist sich zum wiederholten Male als versierter Taschenspieler; auch daß er später sein Aussehen in professionell-routiniert anmutender Weise zu verändern imstande ist, geht ein bißchen in diese Richtung.

In der kleinen anrührenden Episode mit dem vom Zahnschmerz geplagten Kind fließt hübsch ein, daß liebevolle Zuwendung heilsamer sein kann als schulmedizinisches Standard-Einerlei ...

Von den Aladschy wird er für reichlich blöd gehalten, was ihn zu der interessanten Erkenntnis führt "Ich kam zu der Überzeugung, daß mein Gesicht schon von Natur ein nicht sehr geistreiches sein müsse, denn ihm ein so dummes Aussehen zu geben, dazu reichte meine ungeschulte Verstellung doch jedenfalls nicht aus. Und geradezu albern mußte man ja sein, um diese Burschen nicht sofort zu durchschauen."

Die Aladschy werden, zwei auf einen Streich, zur Strecke gebracht, und damit es des Heldentums auch wieder nicht zu viel wird, flicht er anschließend die hübsche Formulierung "Ich gab dem Pferd - nicht die Sporen, sondern die Pantoffeln" ein.

 

Drittes Kapitel - Ein Hekim

"Es gibt keine Heiligen mehr wie früher. Es ist Alles List, Trug und Täuschung." Schon Ende des neunzehnten Jahrehunderts fein beobachtet ...

"Es ist in der Türkei ebenso, wie bei uns." Auch dies gilt, auch ohne den Kontext. (Wenn auch vielleicht nicht grundsätzlich ...)

Halef hat ebensowenig ein Problem damit, sich reich beschenken zu lassen, wie damit, das Erhaltene weiterzuschenken ... Das ist die richtige Einstellung, Leben und Leben lassen, Geld & Gut schätzen, aber nicht daran kleben ...

Und damit er nicht zu sympathisch wird, folgt auch bald wieder eine dieser Auspeitschereien, deren Folgen diesmal besonders genüßlich geschildert werden.

"Nach einer kleinen Weile hörte ich von Weitem jene Laute, welche man heut zu Tage nur noch in China und in der Türkei zu hören bekommt, jene unbeschreiblichen Töne, welche die Folge des innigen Verkehres einer Peitsche mit einer Menschenhaut zu sein pflegen.

Dann wurde die Thüre wieder geöffnet, und der Bote trat heraus. Seine Haltung war nicht sehr imponirend, und sein Antlitz schien einen gestörten Seelenfrieden verwinden zu wollen. Sein Gang glich beinahe demjenigen eines Orang-Utang, der sich ohne Hülfe eines Stockes auf den Beinen bewegen muß: die Kniee nach vorn gebeugt, die Brust zusammen gedrückt und der Kopf hintenüber gelegt.

Er war auch offenbar gar nicht neugierig, welchen Eindruck sein dramatischer Abgang machte; denn er sah sich gar nicht um, sondern er that das, was der drastische Berliner mit den Worten bezeichnet: 'er jondelte sich um die Ecke'."

Auf die Frage des Arztes nach seinem Appetit antwortet der Erzähler "Stark und vielseitig".

Der zu Ferkeleien aller Art neigende May (er durfte nur seinerzeit nicht so wie aktuell z.B. Frau Roche, und das ist auch gut so, auch wenn bei ihm Entsprechendes mit Sicherheit origineller, niveauvoller (weil dezenter) & charmanter herübergekommen wäre ...) kommt uns hier tatsächlich mit der Klystierspritze, was er seinerzeit im "Repertorium" ja bereits angedroht hatte ...

Hier tritt nun der merkwürdige Fall auf, daß der Autor selber offenbar größten Spaß an der vermeintlich ach so lustigen Szene hat, "Ich wollte Einhalt thun, kam aber vor Lachen gar nicht dazu, denn der Arzt bot einen Anblick, der nicht anders als 'schauderhaft-schön' zu bezeichnen war. Selbst der galligste Melancholikus hätte hier in die Lustigkeit einstimmen müssen. Die Zuschauer schüttelten sich vor Lachen", der Leser aber ggf. bei dieser Art von platter Klamotten-Komik keine Miene verziehen kann und völlig verständnislos mit den Achseln zuckt ...

Die beeindruckende Erfindung des Gips für den Balkan ...

Das Folgende hingegen ist dann wirklich witzig, und zwar nicht die Aktion an sich, sondern die Komik, die durch die trockene Vortragsweise entsteht:

"Sehr neugierig war ich, was er bringen werde. Bei seiner Rückkehr war ich eben beschäftigt, einen Umschlag um den Fuß zu legen, und sah erst empor, als ich Hammerschläge hörte."

("Um Gottes willen, was machst Du denn? Was hast Du in den Händen? [...] Da wirst Du ihm in Wirklichkeit die Rippen zerschlagen oder ihm den Meißel in die Brust treiben.")

Oder das:

"Und es ist wahr, ich habe heute sehr viel gelernt und weiß gar nicht, wie ich dankbar sein soll. Geld wirst Du nicht nehmen. So will ich Dir ein Andenken geben, Effendim; Du wirst Dich darüber freuen."

"Was ist es denn?"

"Mehrere Gläser mit Spiritus und allen Arten von Band- und Darmwürmern, an denen ich sehr große Freude habe. Dir aber gönne ich sie von Herzen."

"Ich danke Dir! Die Gläser würden mir während der Reise nur unbequem werden."

"Das thut mir leid; aber Du sollst dennoch sehen, daß ich Dir dankbar bin. Ich gebe Dir das Liebste, was ich besitze: ein Skelett. Ich habe die Knochen selbst abgeschabt, gekocht, gewässert und gebleicht."

"Auch dafür muß ich leider danken."

"Willst Du mich beleidigen?"

"Gewiß nicht. Du siehst ein, daß ich kein Skelett zu mir auf das Pferd nehmen kann."

"Das ist freilich wahr. So erlaube mir wenigstens, daß ich Dir die Hand recht herzlich drücke."

Am Ende wird noch einer der Zeugen aus Ostromdscha darüber aufgeklärt, daß es mit der vermeintlichen Kugelfestigkeit gar nichts war, Aufklärung und Vernunft kehren ein, "Jetzt meine auch ich, daß die Magie aus nichts als nur aus solchen Kunststücken besteht." Na wenn er meint daß das alles immer so einfach ist mit der Logik bzw. Argumentation (Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß) ...

 

Viertes Kapitel - In der Schluchthütte

Kara Ben Nemsi reist sozusagen auf den Spuren des unbekannten Bierbrauers ... und erwähnt nebenbei 'Chef-Symptome' (was das Verhalten seiner Gefährten ihm gegenüber betrifft): "Als ich ihnen sagte, daß sie Bier zu trinken bekämen, äußerten sie eine lebhafte Freude darüber. Es schien mir aber, als ob sie das mehr mir zu Gefallen als aus 'innerem' Antrieb thäten. Sie mußten sich natürlich über den Haupt- und Krafttrank meines Heimatlandes freuen."

Auf die Frage, ob er "oberer Herr der Polizei" sei und als Geheimpolizist reise, lautet die selbstbewußte Antwort "Nein, ich bin kein Beamter. Ich habe in eigner Angelegenheit einige Worte mit dem Schut zu sprechen."

Daß er das neue "Kennwort" errät, damit hat er gerade noch einmal Glück gehabt ... das wirkt etwas unrealistisch, das einer Ahnung folgend einfach auszuprobieren.

Zur Schluchthütte wird er in einer Sänfte getragen ... zwei Dinge vermitteln sich hier: a.) er ist der Chef, b.) er ist krank. Oder auch: sein Heldentum kommt etwas 'gebrochen' herüber.

Man gerät in einen etwas plumpen Hinterhalt, ähnlich wie schon in den Schluchten des Balkan. Der Fleischer Tschurak wird durchs Gesäß erschossen, auch wieder passend zum Aspekt Gebrochenheit der Darstellung.

"Was liegt an mir!" sagt Halef, als der Erzähler ihn auf die Gefahr, erschossen zu werden, aufmerksam macht.

"Sehr viel! Denke an Deine Hanneh, die Lieblichste der Frauen und Mädchen! Ich aber habe keine Hanneh, die auf mich wartet."

"Aber Du bist ohne Hanneh mehr werth als ich mit zehn Blumen der Töchter der Schönheit."

Einer der Übeltäter stirbt den Helden unter den Händen, Halef hat Mitleid, geht indes ein paar Zeilen später den verwundeten Mübarek mit "Lebst Du noch, altes Skelett?" an. "Es wäre auch Jammerschade, wenn die Kugel Dich zu Tod getroffen hätte; denn so ein Ende hast Du nicht verdient. Du sollst qualvoll sterben, damit Du einen Vorgeschmack der Freuden bekommst, welche Dich in der Hölle erwarten." Solch schnelles 'Umschalten' kennen wir ja auch von Kara Ben Nemsi.

"Er wurde in die Höhle geschafft und zwischen die Leichen gelegt. Ein wenig Todesangst konnte dem Unhold gar nicht schaden." Diese Art sehr spezielle Privatjustiz erleben wir später auch noch einmal im "Silberlöwen".

Auch der Humor KBNs ist nicht immer jedermanns Sache,

"Ja, Ihr verlaßt dann diese Gegend; mich aber werden die Freunde des Alten kalt machen."

"So wird es Dir vielleicht warm dabei, und das ist auch nicht zu verwerfen."

Über Menschen macht er sich keine großen Illusionen, "Er hatte so dringlich zu mir geredet, wie nur die Sorge um sich selbst sprechen konnte." Das ist deutlich.

Endlose Debatten über Vorgehensweisen mit dem Wirt, manchmal scheint die Kolportage-Zeilenschinderei noch durchzukommen. Und als der andere weg ist, gibt er zu "Nein; ich will uns nur einen Spaß machen. Ich reise doch, um Länder und Völker kennen zu lernen. Ich möchte einmal die Bewohner eines hiesigen Ortes beisammen sehen, um zu beobachten, wie sie sich unterhalten und belustigen. Wir haben uns heute in Gefahr befunden und dürfen uns nun eine frohe Stunde gewähren." Es geht zwar um Mörder, um Leben und Tod, aber plötzlich ist blühender Blödsinn angesagt ...

Freibier und Hammel soll es geben; in den "so pfiffigen Augen" der Leute sieht er bereits, daß sie ihn hereinlegen werden, aber das ist ihm einerlei ...

"Zwei Saiten hätten sich im Abendwind geschwungen, wenn er hier in der Stube geweht hätte."

"Halef stellte sich unter die Verbindungsthüre und hielt seine Rede. Diese war ein kleines rhetorisches Meisterstück. Er war überaus freigebig mit der Bezeichnung der Zuhörer als Helden, Unüberwindliche, Vortreffliche und warf dazwischen eine Fülle von sarkastischen Brocken, welche nur wir verstanden." Was die sarkastischen Brocken betrifft, pflegt es auch sein Freund und Herr so zu handhaben.

Ein Mordanschlag durchs Fenster wie später in 'Old Surehand', "Es ist ein eigenthümliches und ganz unbeschreibliches Gefühl, sich so plötzlich im Angesicht des Todes zu befinden und sich ebenso schnell gerettet zu sehen. Millionen haben glücklicher Weise keine Ahnung von diesem Gefühl."

Immer wieder mal ist von Hanneh die Rede, man merkt, der Abschied von Halef wie der Abschluß des Orientzyklus werden vorbereitet.

"Was ist ein Kiaja gegen mich!" Da ist zwar durchaus etwas dran, aber in der gesellschaftlichen Realität eben nicht ... er hätte es aber wohl gern so gehabt.

"Was wir nun zu hören bekamen, spottet jeder Beschreibung."

"Die Chorgesänge aber, fast ausnahmslos Kriegslieder, wurden einstimmig gesungen oder vielmehr gebrüllt und von Schreien unterbrochen, welche das Trommelfell zu zerreißen drohten. Die Begleitung war eine angemessene."

Der Schneider Afrit hat "ein so verkümmertes, ehrliches Gesicht, und sein Blick war so aufrichtig, daß ich mich sehr für ihn eingenommen fühlte." Auch Kara Ben Nemsi darf mal irren ...

 

Fünftes Kapitel - Der Miridit

"Der höchste Richter und der frömmste Imam kann ein Mitglied dieser Bande sein." Zeitlos ...

"Ich habe einmal gehört, unsere Gesetze seien so dunkel und vieldeutig, daß sie selbst da, wo ihnen Nachdruck gegeben werden kann, mehr Schaden als Nutzen bringen. Der Richter kann ein solches Gesetz der verschiedenartigsten Deutung unterwerfen" sagt einer, und KBN antwortet "Leider ist das nur allzu wahr." Zeitlos und nicht ortsgebunden ...

Die ewigen gesellschaftlichen Verhältnisse und das ewige 'Schut-Unwesen' werden mit den Worten "Das ist ein ewiger Krieg, und da behält natürlich der gewaltthätigste und größte Übelthäter die Oberhand" hübsch erklärt.

Der am Ende des vorigen Kapitels noch mitgefühlversehene Afrit ist durchschaut, "Dieser kleine Sperber verstand es, das Gefieder einer Turteltaube anzulegen."

Der Erzähler gibt sich selbstbewußt, "Wer sich mir in den Weg stellt, den reite ich nieder, und wäre es der Schut selbst. Will er sich an mich wagen, so mag er es versuchen. Es wird sich zeigen, wer den Kürzeren zieht."

Interessant und betrachtenswert: "Ich bin fremd, ich habe kein Interesse an den hiesigen Personen und Verhältnissen; ob ein Schut hier existirt oder nicht, ob es einen Räuber mehr oder weniger gibt, das ist mir ganz gleichgültig. Aber ich habe ein persönliches Verlangen an ihn zu stellen." Nein, die Welt will er nicht retten. Das fiele auch schwer ...

"Wäre es nicht wie ein Schatten über das Licht der Augen, mit denen er mich anblickte, gegangen, so hätte ich leicht glauben können, daß ich mich irrte." Das fällt immer wieder auf: in Sachen Augen kann man dem Erzähler nichts vormachen.

"derselbe vor kurzem von mir zerschnitten" über seinen Lasso, den er dann aber ersetzt habe, eine Änderung für die Buchausgabe, in der Hausschatz-Fassung war ihm eine entsprechende kleine Ungenauigkeit offenbar noch nicht aufgefallen.

"Wer noch nicht weiß, welche Bewandtniß es mit diesem Geheimniß hat, der darf erfahren, daß ein jeder Araber, welcher sich im Besitz eines ächten Vollblutes befindet, diesem ein gewisses Zeichen anlehrt", er berücksichtigt auch neu hinzugekommene Leser ...

"Halef sollte den Rappen als Geschenk bekommen. Derselbe gehörte mir also nur noch wenige Tage, und da war es verzeihlich, wenn ich wünschte, noch ein letztes Mal mit ihm 'fliegen' zu können", es wird konkret in Sachen (vorweggenommener) Abschied.

"was helfen Worte! Es kann eben nicht geschildert werden. Ich saß auf keinem Pferd, sondern es war, als ob ich auf einem Pfeile durch die Luft schnellte."

"Ich blieb aber im Sattel und liebkoste mein Pferd zum Dank für seine Anstrengung. Der Rappe war für solche Zärtlichkeiten sehr empfänglich. Er bog den Hals zurück und leckte mit der Zunge nach mir, ohne mich jedoch zu erreichen. Als das nicht ging, versuchte er, mich wenigstens mit dem Schwanze treffen zu können. Um ihm diese Freude zu machen, bog ich mich nach hinten und streckte die Hand aus, in welche er mir den prächtigen Schweif wohl zehnmal warf und dabei vor Vergnügen laut aufwieherte."

"Ich glaube, der Klepper war ein ebenso großer Heuchler, wie sein Herr." Auch nicht übel.

"Halef reichte mir die herrliche Waffe. Der gewundene Stiel war mit geperlter Fischhaut überzogen; das Beil selbst war von feiner, alter und herrlich ciselirter Arbeit. Auf der einen Seite stand in arabischer Schrift: 'Li ma' ak kelimet - ich habe ein Wort mit Dir zu sprechen,' und auf der andern: 'Awafi, chatrak - wohl bekomm's, lebe wohl!' Der Künstler, von welchem diese Arbeit stammte, hatte einen etwas stacheligen Charakter gehabt." Wie sein Autor, der sich das ausgedacht hat.

"Selbst der Prophet hat kein solches Pferd gehabt. Schade, daß es ein Hengst und keine Stute ist! Das ist sein einziger, aber auch sein allereinziger Fehler." Hadschi Halef Omar, wie meinst Du das ?!

Dem überwältigten Miriditen gibt Kara Ben Nemsi imponierenden und auf fruchtbaren Boden fallenden Anschauungsunterricht in Sachen Konfliktfähigkeit und 'fair play'.

"Für einen langen, hageren, bartlosen Türken hatte ich nicht die mindeste Zuneigung. Ich kann mir einen braven, gradsinnigen, ehrlichen Türken nicht als halbes oder ganzes Skelett vorstellen und habe die Erfahrung gemacht, daß man sich im osmanischen Reich vor Jedem, der über mittelmäßig lang und hager und überdies noch bartlos ist, in Acht nehmen muß." Klischee laß nach. (Obwohl ...)

Über einen vorgesehenen Bewirter, nachdem es im Dialog "Hat er auch Bücher?" und "Eine ganze, große Sammlung" hieß:

"Da war es nun freilich mit allen Bedenken aus, und ich sandte den Schneider voraus, um uns anzumelden." Nachvollziehbar.

Nebenbei erfahren wir noch, daß Kara Ben Nemsi in Rom war und dort den Papst gesehen hat.

 

Sechstes Kapitel - Im Turme der alten Mutter

"Wozu soll ich steigen und klettern, um nachher wieder herabzulaufen? Es ist doch unnütz. Die Sonne geht auf und geht unter, auch wenn ich nicht da oben auf dem Berg sitze. Allah hat Alles weislich eingerichtet, und ich kann durch mein Klettern nicht das Mindeste zu seinem Rathschluß beitragen" sagt einer, und der Erzähler meint

"Ja, so sind die Ansichten dieser Leute! Allah il Allah, allüberall Allah! Das ist ihr Wahrspruch und die Entschuldigung ihres geistigen und körperlichen Phlegmas." Jenun ... Man kann es auch durchaus anders sehen, das Prisma ist auch hier drehbar. Zwar macht der zitierte Wirt keinen allzu bewußten Eindruck, aber vielleicht ist er letzten Endes klüger als er weiß und es den Anschein hat ...

"Er machte keineswegs den Eindruck eines reichen Mannes. Sein Turbantuch war alt und schmutzig und sein Kaftan gleichfalls. Von seinen Beinen sah ich nur, daß sie wegen des Podagra dick umwickelt waren. Trotzdem waren die Füße nackt und steckten nur in alten, dünnen, abgeschlurften Pantoffeln." Das kennen wir so schon aus Dorfgeschichten. Die Bände 4 und 5 wirken des öfteren wie Zusammengestellte, locker verbundene umgearbeitete Dorfgeschichten.

Die Frau im Sterbegewand auf dem Söller des Turms hingegen ist uns aus der "Liebe des Ulanen" bekannt; ein Genremix oder Potpourri; man nehme Dorfgeschichten und Kolportage und mache eine Reiseerzählung daraus.

Der Erzähler serviert seinem meuchlerischen Wirt die Speise, durch die er sterben sollte, mit den toten Sperlingen darauf: "Ich gab ihnen davon zu essen, und sie sind sogleich vor Wonne über den Wohlgeschmack der Speise gestorben." Horror humorvoll verpackt.

Und auch dies geht in die Richtung:

"Natürlich! Sie müssen ganz klein zerhackt und dann in den großen Fischteich Habulam's geworfen werden, den Hechten zum Fraß," meinten die Andern.

"Und die Hechte verspeise dann ich?" fragte Habulam mit einer Gebärde des Abscheus. "Das fällt mir gar nicht ein!"

"Es ist auch nicht nöthig. Die Fische verkaufst Du."

Reminiszenzen an Band 1 (Rettung Senitzas; "Diese Senitza liebte nämlich einen Anderen, den Sohn eines steinreichen Großhändlers in Stambul. Er heißt Isla und traf in Ägypten mit dem Deutschen zusammen. Dieser hat Senitza entdeckt und entführt und sie dem Isla übergeben, welcher mit ihr nach Stambul reiste und sie zum Weib nahm.")

Der Miridit argumentiert interessant, "Ich war vollständig in seine Hand gegeben, und trotzdem krümmte er nicht ein Haar meines Hauptes. Blut um Blut, so lautet das Gesetz der Rache; aber der Kuran gebietet Schonung gegen Schonung. Wem habe ich zu gehorchen, dem Kuran des Propheten oder der Satzung sündiger Menschen?"

In Sachen Unterwassersetzen der Übeltäter geht es zu wie auf dem Kindergeburtstag, "Alle Drei stürmten nun so lange mit Bitten auf mich ein, bis ich wohl oder übel Ja sagte."

"Halef kauerte auf seiner Decke, rieb sich von Zeit zu Zeit mit leisem Lachen die Hände und stieß dabei unverständliche Rufe aus. Seine Gedanken waren ausschließlich mit der Einwässerung unserer Feinde beschäftigt."

 

Siebentes Kapitel - In Wassersnot

Von seinem zwielichtigen Wirt wird Kara Ben Nemsi als "Verführer der Dienstboten" tituliert, was nicht ganz ohne biographischen Bezug sein dürfte ...

Der lebensweise Halef fragt eine zukünftige Ehefrau feierlich "Und Du, Blume von Kilissely und Retterin unseres Lebens, soll dieser Diener Janik Dein Mann werden, dem Du stets zu gehorchen hast, so lange er nämlich verständig ist und keine Albernheiten von Dir fordert?"

"Übrigens haben wir uns seit kurzer Zeit die löbliche Gewohnheit angeeignet, jedem Spitzbuben, welcher uns in die Hände läuft, das abzunehmen, was er gestohlen hat, um es an ehrliche Leute zu verschenken." Diese inflationäre Geldverschenkerei hatte May vermutlich noch aus dem "Weg zum Glück" in (für ihn offenbar) angenehmer Erinnerung, und so haben wir es hier des öfteren mit ihr zu tun. Ebenso wie mit dem zunehmend peitschenschwingenden Halef, was ebenfalls an verderblicher Kolportage-Zeit liegen dürfte.

"Ich sage Dir, daß das ganze Reich des Sultans und alle Länder der Erde meinem Emir zu gehorchen haben, wenn ich mich bei ihm befinde, ich, der ich ein brüllender Löwe bin gegen Dich, Du niesender Regenwurm!"

Festtag der Prügel ... unschön. Kompensationsbedürfnisse müssen nicht unbedingt in Richtung körperliche Gewalt gehen.

"Wenn die oberste Gerichtsbehörde raubt und mordet, was werden erst die Unterthanen thun!" Das ist nun wiederum fein beobachtet.

Und auch das: "Die drei Wichte steckten jetzt so ernste Amtsgesichter auf, daß es mich Mühe kostete, nicht zu lachen."

"Welch' eine schmerzhafte Strafe das ist, geht daraus hervor, daß oft schon beim ersten Streich die Sohle aufspringt. Ein geübter Khawaß schlägt quer über die schmale Fläche der Sohle; er fängt bei der Ferse an und hört bei den Zehen auf, so daß ein Hieb hart neben den andern zu sitzen kommt. Der erste Schlag fällt auf den rechten, der zweite auf den linken Fuß, und so fort. Sind beide Sohlen von den Fersen bis zu den Zehen aufgesprungen, ohne daß die Execution zu Ende ist, so werden die übrigen Streiche in der Weise verabreicht, daß sie sich mit den vorigen rechtwinkelig kreuzen. Das nennt der Türke in höchst behaglicher Weise Satrandsch tachtassy wurmak, d. h. 'Schachbrett schlagen'." Er hat unübersehbar offenbar Freude an so etwas.

"Murad Habulam betrachtete die Bank mit einem beinahe zärtlichen Blick." Da hat er offenbar die eigene Lust an der Sache vorsichtshalber bei einem anderen bemerkt ...

"Hier bleibst Du sitzen, ohne Dich zu rühren; Sobald Du Miene machst, ohne meine Erlaubniß aufzustehen, drücke ich Dir Deinen Schwachkopf wie ein Ei zusammen." Auch die Umgangsformen waren seitens des Erzählers schon mal andere ...

"Nimm die Peitsche, und schaffe Ruhe, Halef!"

Für einen Moment könnte der "Pseudoschneider", der kleine elende Lump, für den gesuchten Schut gehalten werden; das wäre (nach Abrahim Mamur) ebenfalls eine interessante Lösung gewesen ...

Ein Salto mortale mit eingegipstem Bein, auch nicht übel ... "Wie ich es mit meinem im Gypsverband steckenden Fuß fertig gebracht habe, das weiß ich heute noch nicht".

"Wo es gilt, uns mit der Peitsche Achtung zu verschaffen, da bin ich bereit, aber ein Khawaß mag ich nicht sein. Die Peitsche ist ein Zeichen der Herrschaft; sie schwinge ich, aber nicht den Stock. Einen Rechtsspruch zu vollziehen, ist das Amt des Henkers; ich aber bin kein solcher" sagt Halef, und für einen Moment mag man denken, der Erzähler sei wieder friedlicheren Gemüts, aber dem ist nicht so: die Übeltäter untereinander läßt er sich gegenseitig schlagen, wie später auch in 'Old Surehand', das ist infam, sät es doch Haß und Zwietracht, und das weiß er auch sehr wohl. "Der Hadschi machte seine Sache vortrefflich. Dadurch, daß einer der Schurken den andern schlagen mußte, säete er Haß und Rache unter sie."

"Sobald Humun den ersten blutigen Striemen sah, schien er gar nicht mehr daran zu denken, daß er hatte Rücksicht üben wollen. Er schlug so kräftig zu, daß ich ihm fast Einhalt gethan hätte. Es gibt eben Menschen, denen beim Anblick des Blutes erst die Blutgierde kommt. Wilde scheinen sogar berauscht davon zu werden."

Das nachgeschobene "Ich hatte gleich beim ersten Schlag die Augen geschlossen. Es ist nichts weniger als ein Vergnügen, einer solchen Execution beizuwohnen" nimmt man ihm dann nicht recht ab.

"Er brach fast zusammen. Ich sah seine Kniee schlottern. [...] Der schreckliche Alte krümmte sich wie ein Wurm und wimmerte wie ein Kind. Ich winkte Osco und Omar. Sie faßten mit an und drückten ihn auf die Bank."

"Gewiß war die Situation, ja die ganze Prügelei kein ästhetischer Vorgang", in der Tat, in seiner längeren Rechtfertigungsrede dem Leser gegenüber weist dann der Erzähler darauf hin, seiner habe sich im Laufe der Zeit halt "eine ganz bedeutende Erbitterung bemächtigt".

Karanirwan ... (Kara Nirwan) ... die Sache mit den verdrehten Buchstaben ... und kurz darauf heißt es dann "Es ist wunderbar, wie Du Dir aus einem Namen gleich so eine ganze Geschichte machen kannst!"

"Murad Habulam, merke Dir, daß ein Lügner ein sehr gutes Gedächtniß haben muß, wenn er nicht mit sich in Widerspruch gerathen will." Da weiß er, wovon er spricht.

Dann ein neuer Handlungsstrang in dem langen Kapitel, und darin erst die "Wassersnot" (die der Übeltäter im Turm war nämlich vermutlich gar nicht gemeint in der Kapitelüberschrift).

"Der Mann hatte ein offenes, ehrliches Gesicht und sah gar nicht wie ein Menschenfeind aus." Je nun, das eine schließt das andere keinesfalls aus ... "Sein zurückweisendes Verhalten mußte einen besonderen Grund haben". Da haben wir's schon.

Als der Fährmann zwanzig Piaster haben will und die Hand entsprechend ausstreckt, greift Kara Ben Nemsi gleich zu körperlicher Gewalt, "gab ihm mit der Peitsche einen gelinden Hieb auf dieselbe", solche im Grunde oder 'bei Lichte' besehenen indiskutablen Verhaltensweises häufen sich wirklich in der zweiten Hälfte des Zyklus. Wie schon erwähnt, offenbar Kolportage-Folgen. Peitsche und Ferman, das ist nun des öfteren sein Weg, mit widerspenstigen Menschen umzugehen. Verständlich aber nicht gerade sympathisch.

Und dann rückt er das Geld doch noch heraus, "So geht es zu 'da hinten in der Türkei'!" heißt es vorher nach erfolgreichem Statuieren des Macht-Exempels, dann aber "Ich aber war kein Türke" ... Hm ... Er geruht, gnädig zu sein.

Bei der (aus dem "Weg zum Glück" in ähnlicher Form bekannten) Schiffbrüchigen-Rettungsaktion ist das Interessanteste, daß er mitten in der "Action" einen Diskurs über die Relativität von Zeit und Raum einflicht und auf 'verborgene' Fähigkeiten des Menschen hinweist.

"Ich habe mich in Lagen befunden, in denen mein oder Anderer Leben an einer Sekunde hing, und als diese Zeit vorüber und die Gefahr abgewiesen war, habe ich ganz genau gewußt, daß ich in dieser einen Sekunde die Gefahr vollkommen durchschaut, mir alle Mittel zur Abwehr vergegenwärtigt und das beste und sicherste derselben ausgewählt und auch ausgeführt hatte. Das scheint unbegreiflich, ein Wunder zu sein; aber Tausende von ebenso großen und noch größeren Wundern geschehen im alltäglichen Leben, ohne daß man sich derselben bewußt wird. Wir sind eben nicht nur von lauter Wundern Gottes umgeben, sondern wir selbst sind das größte derselben. Der Gottesleugner mag mir das bestreiten: ich beklage ihn."

Halefs besorgtes "Bist Du todt oder lebst Du noch?" erinnert beträchtlich an zeitgenössische Möbelhaus-Werbung; sein scheinbar harmloses "Soll ich hinabreiten und ihm Eins auf die Nase geben, wenn er aus dem Wasser kommt?" verrät Mordabsichten, wie aus des Erzählers Anmerkung "Das ist kein Grund, ihn todtzuschlagen" hervorgeht. Wenn man etwas genauer hinguckt, sind Mays Figuren eben keineswegs so harmlos, wie es manchmal den Anschein haben mag. (Wenn solche Stellen gestrichen werden, ist es allerdings auch etwas schwierig mit dem genauer hingucken.)

"Natürlich bezeugten auch Osco und Omar mir ihre große Freude über das Gelingen der Wassertour, welche gar nicht auf unserem Programm gestanden hatte." Unmittelbar nachdem es um Leben und Tod ging, gibt sich der Erzähler schon wieder locker-flockig ... Das schnelle Umschalten fällt ihm nicht schwer.

Dann gleich wieder Streit um Geld, Prügel, Schimpf und Schande, so ist das Leben, von allem etwas, bunt durcheinander.

"In dieser Gegend lassen die Leute den Kaffee durch einen Sack laufen, weil er ihnen sonst zu gut schmecken würde. Allah hat sehr verschiedene Geschöpfe in seinem Reich." Auch das ist wahr.

Als es um Wurst und Schinken geht, der "Leiche eines Schweins", erweist sich der Erzähler einmal mehr als ganz und gar unzimperlich; "Aber es sind ja Bandwürmer darinnen!" sagt Halef, und er antwortet "Vor denen fürchten wir uns nicht." Bon appetit.

"Nie hat mir ein Schinken besser geschmeckt, als damals in Rumelia." Wir erinnern uns, Dschidda, Albani, das Gastmahl aus Blechbüchsen ... Unkomplizierte Lebensfreude.

Dann ißt Halef Wurst und Schinken, "Halef gab sich die größte Mühe, zu beweisen, daß er sich heute aus dem Gebot des Propheten gar nichts mache."

Auch mit Nadel und Zwirn können unsere Helden umgehen, und als es heißt "Die Kacheln strömten eine Wärme aus, welche mich an die schönen Tage der Sahara gemahnte" können wir wieder den Phantasiereisen-Anteil von Mays Schreiberei wahrnehmen; vielleicht saß seine Frau gerade mit Nadel und Zwirn mit im Zimmer und hatte ordentlich eingeheizt ...

"Jetzt kam der Abschied. Ich kürzte ihn so viel wie möglich ab, und dann ritten wir davon, meist über ungebahnte Wiesen dem Westen zu." Wo der Orientzyklus (der sich zwischen Band 1 und 5 doch sehr verändert hat ...) mit Band 6 ein Ende finden wird.