DER SCHUT

Mit diesem Band endet der Orientzyklus.

Das Buch vermag trotz einiger Höhepunkte nicht so gut zu gefallen wie beispielsweise die ersten drei Bände des Zyklus; wurde das Werk schon ab dem vierten Band kontinuierlich schwächer, ist die Luft nun streckenweise ziemlich heraus, und es zieht sich. Auch wenn die Handlung spannend sein mag, es vermittelt sich manchmal eine gewisse Maysche Unlust, ähnlich wie z.B. später bei Old Surehand III.

Auf die Person des Schut wurde mehrere Bände lang sozusagen hingearbeitet, und dann kommt er nur in etwa einem Sechstel des Buches überhaupt vor und wird auch gleich recht unspektakulär überführt, da helfen dann auch einige "Action"-Szenen nicht wirklich ...

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Um auf den erforderlichen Bandumfang zu kommen, schrieb May für die Buchausgabe den traurigen Anhang über Rihs Tod hinzu. Interessant, daß May Wesen, die ihm besonders lieb sind (Winnetou !), relativ früh sterben läßt.

 

Erstes Kapitel – Halef in Gefahr

Kara Ben Nemsi gibt sich einer alten Frau gegenüber als Christ zu erkennen, worauf sie sagt „Herr, Du bist ein Christ? O, die sind zuweilen die Schlimmsten! Aber Dein Gesicht ist gut.“

Ganz gegen sonstige Gewohnheit lässt er sich (in Sachen Czakanwurf) auf eine Wette ein, hundert Piaster gegen „fünf oder sechs“. Das gewonnene Geld nimmt er dann freilich nicht.

In Sachen Schut: „Ich bin überzeugt, daß die Behörde mit ihm in Verbindung steht.“

Kara Ben Nemsi sei, so Halef gegenüber der Verbrechergruppe, ein „Königssohn“, der unterwegs ist, „sich ein Weib zu suchen.“

Der Mübarek berichtet von seiner Begegnung mit dem Erzähler in Mekka, mit diesem Anachronismus besonderer Art müssen wir also nun leben.

Der Erzähler neigt nach der Kolportagezeit zu Nachlässigkeit und Schluderei, gerade eben hat er noch seine Verbrecher als 'gottlose Gesellen' vorgeführt, und wenige Seiten später heißt es „wenn Manach el Barscha auch gesagt hatte, daß er sich aus dem Propheten nichts mache, so war dies doch nicht wörtlich zu nehmen. Der Gedanke, ich sei ein Christ und habe die heilige Kaaba entweiht, rief ihre tiefste Empörung hervor.“ So wie er es gerade braucht für die Handlung.

Wie der Wurzelsepp im „Weg zum Glück“, spielt Hadschi Halef mit entsprechender Fußstampferei einen ganzen Trupp Soldaten …

Später wird er von seinem Freund und Herrn in ungewöhnlicher Weise gemaßregelt. („Komm heraus!“; „Ich sagte das so kurz und gemessen, daß sein Gesicht sich sogleich bedeutend in die Länge zog. Er folgte mir hinaus vor das Haus.“)

„Es gibt in diesem Erdenleben Augenblicke, in denen man sich nicht ganz so behaglich fühlt, wie man es wünschen möchte“ erzählt Halef mit Wallensteinschem Anklang von seiner unheimlichen Begegnung der gefährlichen Art mit Barud el Amasat.

Seinen Halef hat unser Autor derzeit offenbar ein wenig 'auf dem Kieker', „Am liebsten hätte ich ihm eine kleine Ohrfeige verabreicht; er verließ sich doch allzusehr auf meine Zuneigung. Ich begnügte mich, ihm einen zornigen Blick zuzuwerfen“ …

„Erreichten wir ja einmal ein kleines Dorf, so widerte uns die Armseligkeit desselben so an, daß wir uns beeilten, hindurch zu kommen.“ Nicht immer ist ihm nach Mitgefühl und Anteilnahme zumute …

„Wo sich ein Loch in einem Hause befand - mochte es nun Thüre oder Fenster heißen oder mochte es ein wirkliches, wahres, buchstäbliches Loch in der morschen Mauer sein - da ließ sich ein Gesicht oder so etwas Ähnliches sehen. Wenigstens glaubte ich Gesichter zu erkennen, wenn ich auch nur ein Kopftuch, zwei Augen, einen Bart und zwischen diesen drei Dingen etwas Unbeschreibliches, jedenfalls aber Ungewaschenes konstatiren konnte.

Dasjenige, was der von dem Alphabet und dessen Folgen beleckte Mensch hinter seinem Hause anbringt, damit es sich dort in ruhiger und ungestörter Sammlung zur Goldgrube des Landwirthes entwickeln könne, war hier an der Vorderseite der Hütten angebracht, und zwar mit großer Beharrlichkeit grad da, wo die Schutzgeister des Hauses gezwungen waren, lieblich ein- und auszuschweben.“

„Das Haus lag nahe am Bergabhang. Ein Wässerlein floß von da herab bis vor die Thüre und fand dort in der bereits erwähnten Goldgrube Gelegenheit, sich mit einer chemisch anders gearteten Flüssigkeit zu vereinigen. Hart am Rand dieses ‚Bassins ästhetischer Anschauungen’ lagen einige Baumklötze, von denen uns der Konakdschi sagte, daß sie das Amphitheater der öffentlichen Versammlungen bildeten, an welchem Ort schon manche welterschütternde Frage erst mit Worten, dann mit Fäusten und endlich gar mit Messern behandelt worden sei.“

Halef trinkt alten Fischtran, „Die Flasche hatte er im ersten Augenblick des Entsetzens von sich geschleudert. Sie war in die vereinigte Flüssigkeit gefallen, aus welcher sie von der fast bis an die Kniee in derselben watenden Frau mit eigener Lebensgefahr gerettet wurde“;

„Er brachte den Mund noch immer nicht zu und hielt die Arme und die Finger noch ausgespreizt. Die Augen aber öffneten sich und sahen mich mit einem trostlos ersterbenden Blick an.“

„Wollt Ihr still sein, Ihr Kinder des Teufels, Ihr Söhne und Vettern seiner Großmutter! Wenn Ihr über mich lachen wollt, so fragt erst, ob ich es Euch erlaube! Ist es Euch so lächerlich zu Muth, so laßt Euch doch einmal die Flasche geben und trinkt von diesem Öl der Verzweiflung! Wenn Ihr dann noch lacht, so will ich es gelten lassen.“

Nüchtern-nachvollziehbare Betrachtungen des Erzählers in Sachen Mohammed, „Ich glaube, daß Muhamed entweder nur geträumt oder sich die Erscheinung des Engels nur eingebildet hat. Durch sein eigenartiges Leben und sein regelloses Grübeln ist seine Phantasie in krankhafter Weise erregt worden. Er hat Chajalar (Halluzinationen) gehabt, die ihm Dinge vorspiegelten, welche nicht vorhanden waren. Er sah Erscheinungen, die es in Wirklichkeit nicht gab; er hörte Stimmen, die seinem eigenen Gehirn entstammten.“

„Muß ich zweifeln, ob Du meine Bitte erfüllen wirst, Sihdi?“ – „Nein, Halef. Wenn der Drache Ischtah (Appetit) in Deinem Körper wüthet, so muß ich Dich, da ich Dein Freund bin, von diesem Übel erlösen. Du sollst nicht ewig die Qualen erdulden, welche er Dir bereitet. Ich werde also mit der Frau sprechen.“ – „Thue das, ja thue es! Denn es steht geschrieben, daß Allah jede Wohlthat, welche ein Mensch dem andern erweist, tausendfach vergolten wird.“ – „So meinst Du, daß Allah mich tausendfältig belohnen werde dafür, daß ich Dir von dem Fleisch des Schweines kaufe?“ – „Ja, denn er hat dem Propheten nicht den Befehl gegeben, den Genuß dieser Speise zu verbieten, und wird sich also darüber freuen, daß ich diesem unschuldigen Thier die wohlverdiente Ehre erweise.“ – „Ich glaube aber nicht, daß das Schwein es als eine große Ehre empfinden wird, zu Wurst und Schinken verarbeitet zu werden.“ – „Das ist ja aber seine Bestimmung, und jedes Geschöpf, welches seine Bestimmung erfüllt, ist glücklich zu preisen. Der Prophet sagt, das Sterben sei Glück; also ist das Schlachten des Schweines das Beste, wonach es sich sehnen kann.“ Je nun … Gelegentlich spielt Mays Humor ein wenig grenzwertig mit weltanschaulichen Dingen …

„Dafür werde ich mir aber irgend Etwas erbitten, in das ich diese Sachen einwickeln kann.“ – „Ja, was soll das sein? Etwa ein Kiaghad (Papier)?“ – „Das paßt am besten dazu; aber es darf nicht schmutzig sein.“ – „Es ist nicht schmutzig, denn wir haben keins.“ Englischer Humor …

„Alles, was ich hier sehe, hat die Farbe und den Geruch des Pökelfleisches, und Du selbst bist so appetitlich, als hättest Du mit dem Schinken in der Salzlacke gelegen und dann in der Esse gehangen. Ich beneide den Gefährten Deines Lebens.“

'Zähmung' eines martialischen Ortsvorstehers, „Herr! Reite getrost weiter! Vielleicht findest Du anderwärts eine Seele, welche nach den Hieben schmachtet, ohne die Piaster zu begehren“, manchmal gerät Mays Humor auch etwas geschmacklos. Diese ganze Szene mit den Leuten, die neben Hieben auch Piaster bekommen („höre mich, Fremder! Du siehst hier über dreißig Männer stehen, von denen ein Jeder bereit ist, sich fünf Streiche geben zu lassen, wenn er dazu fünf Piaster bekommt. Wenn es Dir recht und gefällig ist, so wollen wir Dizi syraji (In Reihe und Glied aufstellen) machen und uns dieses schöne Geld verdienen“) wäre durchaus entbehrlich gewesen. Zumal er ganz klar mitteilt, daß das Ganze keineswegs nur komisch ist („Das Elend saß in jeder Falte seines Gesichtes“).

 

Zweites Kapitel – Eine Bärenjagd

„Noch ritten wir auf der Hochebene; aber vor uns im Westen lagen schwere Bergesmassen, deren Ausläufer uns bald zwischen sich nahmen. […] Von da, wo wir uns jetzt befanden, bis zur Meeresküste beträgt die Luftlinie kaum über fünfzehn deutsche Meilen. In drei Tagen konnten wir dort sein. Ob uns das aber auch gelingen würde? Es gab Hindernisse zu überwinden, welche nicht nur in den Terrain-Schwierigkeiten bestanden.

Nun befanden wir uns schon mitten zwischen himmelan strebenden Bergen. Zwar hatten wir bisher keinen gebahnten Weg gehabt, aber wir hatten dennoch ziemlich schnell reiten können. Jetzt mußten wir uns durch Schluchten winden, welche fast unzugänglich waren. Schwere Felstrümmer legten sich uns in den Weg. Mächtige Stämme waren von den Steilungen abgestürzt und zwangen unsere Pferde, über sie hinweg zu klettern.“

Und wieder eine 'Ekel-Einlage' mit erneut Halef als Opfer:

„Er nahm den Bissen aus dem Mund und betrachtete ihn. Er drückte, zog und quetschte; er unterwarf ihn einer sehr sorgfältigen Untersuchung“ …

„O Unglück! Sie hat einen wunden Finger gehabt und von einem Diw eldiweni (Fausthandschuh) den Daumen abgeschnitten und sich über das Pflaster und den Finger gesteckt. Als sie dann die Wurst füllte, hat sie die Fingerdüte mit hineingestopft. Schu haida - pfui!“ – „Das wäre ja entsetzlich, Halef.“ – „La tihki, walah kilmi - rede nicht mehr, auch nicht ein Wort!“

„Mein Leib ist entweiht, meine Seele ist entwürdigt, und mein Herz hängt mir genau so, wie eine traurige Wurst im Busen. Meine Urahnen drehen sich, grad so wie mein Magen, im Grab um, und die Söhne meiner Enkelskinder werden Thränen trinken beim Andenken an diese Stunde der bestraften Leckerhaftigkeit. Ich sage Dir, Sihdi, der Prophet hat vollständig Recht. Das Schwein ist die ruchloseste Bestie des Weltalls, die Verführerin des menschlichen Geschlechtes und die Erztantentochter der Teufelsmutter. Das Schwein muß ausgerottet werden aus dem Reich der Schöpfung, es muß gesteinigt werden und vergiftet mit allen möglichen schädlichen Arzneien. Und der Mensch, welcher die schandbare Erfindung gemacht hat, die zerstückelte Leiche, das Fett und das Blut dieses Viehzeuges in die eigenen Gedärme desselben zu füllen, dieser Mensch muß in der schrecklichsten Ecke der Hölle schmoren in alle Ewigkeit. Die Frau aber, welche diesen Finger des Fausthandschuhes und das Pflaster ihres ungläubigen Daumens in die Wurst stopfte, diese Halefschänderin soll von ihrem bösen Gewissen gepeinigt werden Tag und Nacht, ohne Unterlaß, daß sie sich für einen umgekehrten Igel halten soll, bei dem die Stacheln nach innen gehen!“

„Schweig', Effendi! Erinnere mich nicht an die wackeren Väter meiner Großväter! Keiner von ihnen hat das kolossale Unglück gehabt, eine Hülse zu kauen, welche erst an einem kranken Finger und dann in einer noch viel kränkeren und trostloseren Wurst steckte. Alle meine männliche Beredsamkeit reicht nicht aus, die Qualen meines Mundes, die Angst meines Schlundes und die Hülflosigkeit meiner Verdauung zu schildern. Dieser Tag ist der bejammernswürdigste meiner ganzen irdischen Pilgerfahrt. Erst habe ich den Thran des Fisches getrunken, daß mir vor Übelkeit das Lebenslicht auslöschen wollte, und kaum hat es wieder ein wenig aufzuflackern begonnen, so fange ich gar an, an dem eingepökelten Etui einer nichtswürdigen Daumengeschwulst zu kauen. Das ist doch wahrhaftig mehr, als ein Sterblicher vertragen kann!“

„Die Sünde des heutigen Tages soll keinen Augenblick länger an meinen Fingern kleben. Mir sind alle Genüsse der Erde vergällt. Dem Ersten, der mir eine Wurst vor die Augen bringt, schieße ich meine sämmtlichen Kugeln in den Leib. Ich mag vom Schwein nichts mehr sehen und riechen; es ist die heilloseste Creatur, die es auf Erden gibt! […] Möge derjenige, welcher nach uns dieses Weges reitet, ein hart gesottener Sünder sein! Wenn er diese Wurst findet und verspeist, so wird sein Gewissen vor Grauen aufplatzen, wie ein Sack, und seine Thaten werden hervorbrechen und an das Tageslicht kommen. Denn diese Wurst ist die Offenbarungsspeise aller Geheimnisse des innern Menschen. Ich muß alle meine Kräfte zusammenfassen, damit Du nicht zu schauen bekommst, welches Aussehen die inwendige Seite Deines todtkranken und schwer geprüften Halef hat.“

Dann geht es einmal mehr auf Bärenjagd. Halef kennt offenbar keine Bären („ein Thier, welches es in Deiner Heimat nicht gibt, und darum kennst Du es auch nicht“; „weil Du noch nicht die Fährte eines Bären gesehen hast“), dabei hat er in Kurdistan schon welche gejagt …

In Sachen 'Dichtung und Wahrheit' und alles, was sonst noch so passiert: „Die Beschreibung einer Reise durch den duftumflossenen, sagenumwobenen, sonnigen Orient mag wohl angenehm zu lesen sein; aber diese Reise selbst machen, das ist etwas ganz Anderes. Das Schicklichkeitsgefühl verbietet oft, grad von den eigenartigen, charakteristischen Zügen zu sprechen. Der Orient gleicht Constantinopel, welches der 'Wangenglanz des Weltangesichtes' genannt wird. Von außen bietet es einen herrlichen Anblick; aber tritt man in die engen Straßen selbst, so ist's mit der schönen Täuschung vorüber. Der Orient hat Alles, ja Alles, nur darf man ja nicht Ästhetiker sein!

Der Reisende braucht den Osten gar nicht um hervorragender Abenteuer willen zu besuchen; er findet Abenteuer übergenug, täglich, ja stündlich. Aber was sind das für Abenteuer! Sie beziehen sich nicht auf große Ereignisse, sondern auf die kleinen Verhältnisse des alltäglichen Lebens. […]

Dem Erzähler ist es verboten, von diesen Abenteuern zu sprechen. Die zahlreichsten derselben erlebt er im Kampf gegen die oft aller Beschreibung spottende Unreinlichkeit der dortigen Bevölkerung. Ich habe mit einem berühmten Scheik gespeist, welcher während des Essens sich einige allzu lebhafte Thierchen aus dem Nacken holte, sie vor Aller Augen zwischen den Nägeln seiner Daumen guillotinirte und dann mit den Händen, ohne sie vorher abzuwischen, in den Pillaw fuhr und von demselben eine Kugel rollte, um sie mir als 'el Lukme esch Scharaf' (Ehrenbissen) in den Mund zu schieben.“

Diese Geschichte vom Reiskloß geht dann noch weiter ... Bitte nachzulesen.

„Solche Erlebnisse sind häufiger, als Einem lieb sein kann. Man darf wohl eine Andeutung geben, sie aber nicht ausführlich beschreiben. Der Kampf gegen Schmutz und Ungeziefer ist ein wahrhaft schrecklicher und kann Einem die höchsten Genüsse verleiden.“ Belassen wir es bei der Andeutung.

Bei zweifelhaften Wirtsleuten, „Bist Du denn toll ? […] Dort befindet sich Einer, welcher das Wundfieber hat, und dabei liegt eine Pferdeleiche, von welcher tausend Insekten zehren. Und von diesem Fleisch sollten wir essen!“

Begegnung mit dem todgeweihten und phantasierenden Mübarek, „Er versprach mir als Lösegeld Tausende von Menschen, welche er ermorden wolle, um mir ihre Seelen zur Hölle zu senden.“

„Ich habe noch niemals einen Gottlosen glücklich gesehen.“

Das Sprichwort „Gottes Mühlen mahlen langsam, Mahlen aber schrecklich klein“ wird zitiert.

„Hülfe! Hülfe! Es brennt! Ich stehe in Flammen! […] Auch hier Flammen! Überall Flammen, hier, da, dort! Und in mir brennt's auch, brennt's, brennt's! Hülfe! Hülfe!“

„Höre, was ich Dir jetzt sagen werde!“ sagt der Mübarek. „Er richtete sich langsam empor. Seine Augen funkelten wie die eines Panthers. Ich trat unwillkürlich zurück.“ Es bleibt bei der Ankündigung, dennoch: „Noch heute überläuft mich ein Grauen, wenn ich an jenen Abend denke.“

Jagd auf den Bären, „Wir legten uns neben einander hin und warteten nun - nicht der Dinge, sondern des Dinges, welches da kommen sollte.“ Dem zu erwartenden Lektorat der oberflächlichen Art hat er auf diese Weise („nicht der Dinge, sondern“) nebenbei gleich signalisiert 'Laßt es so stehen, ich habe mir schon etwas dabei gedacht'; daß man es so stehen lässt, dafür aber in fatalem Eifer, sogenannte Dehnungs-e zu streichen, „des Dings“ schreibt (Bamberger Ausgabe), zeugt von mangelnder Aufmerksamkeit in Sachen Sprachgefühl oder gar vom Fehlen desselben … (es kommt ja so eine Nebendeutigkeit hinein, die in dem Fall einmal nicht beabsichtigt war …)

Halef im Jagdfieber, „Nur Geduld. Du scheinst ja zu zittern?“ – „Ja, Herr, es hat mich ergriffen, so ganz eigenartig. Ich gestehe Dir, daß ich zittere, aber nicht aus Angst.“ – „Ich weiß das; ich kenne es." Vgl. „Eine Seehundsjagd“ …

„Dem Bären schien sein Mahl sehr gut zu munden. Er schlürfte und schmatzte, wie ein schlecht erzogenes Kind an seiner Suppenschüssel. Freilich sind es nicht immer Kinder, an denen man ein solches rücksichtsloses Betragen zu rügen hat. Man setze sich nur an die 'Table d'hôte' eines Gasthofes, so wird man genug solcher Bären schlürfen und schmatzen hören.“

Körperliche Gewalt seitens Kara Ben Nemsi gegen Halef, es dürfte die einzige solche Stelle sein im Gesamtwerk: „Ich war wirklich sehr zornig und hatte in Folge dessen so fest zugegriffen, daß er unter meiner Hand wie ein Gliedermännchen zusammenknickte.“

„Allah ist groß, und dieser Bär ist fast ebenso groß.“

Kara Ben Nemsi („und dann begann ich in der eigenartigen Rythmik und der Koreïsch-Mundart des Originales“ …) betet zur Beerdigung des Mübarek die heilige Fatah.

 

Drittes Kapitel – In der Teufelsschlucht

„Ein wunderbar schöner Herbstmorgen war es, frisch und duftig, und wir ritten zunächst zwischen sanften Höhen dahin, daß man denken konnte, man befände sich im Thüringer Wald. Aber hinter diesen Bergen ragten schroffe Felsenmassen empor, finster wie drohende Giganten, und nach Verlauf einer Stunde war es ganz so, als ob wir uns durch die Schluchten der Pyrenäen bewegten.“

„Man dachte unwillkürlich an untergangene Culturen, über welche nun der Tod seine Waldesschatten wirft.“ Ganz wie in der Heimat …

„Der Konakdschi […] setzte sich nieder, zog seinen alten, weithin stinkenden Tschibuk hervor, stopfte ihn und setzte den Tabak in Brand. Aber was für Tabak! Dieses Kraut war nichts weniger als das schnell verduftende Kraut von Latakia. Dem Geruch nach schien es aus Kartoffel- und Gurkenschalen und abgeschnittenen Fingernägeln zu bestehen. Denke man sich dazu einen Menschen, der sich durch das Waschen zu erkälten fürchtet, und eine Nacht in der durchräucherten Bude Junak's und auf dem verpesteten Sterbelager des Mübarek zugebracht hat, so wird man es sehr erklärlich finden, daß ich mich nicht an seiner Seite niederließ.“

In Sachen Halef kommt so etwas wie eine gewisse martialische Ader durch, „Das Kerlchen hätte einen ausgezeichneten Soldaten abgegeben; es steckte ein Held in ihm“, entsprechendes ist gelegentlich zu beobachten bei Karl May.

Beim Belauschen der Verbrecher erfährt man nichts Gutes verheißendes, „Die Aladschy haben geschworen, den Deutschen bei lebendigem Leibe langsam in Stücke zu zerschneiden. Barud hier nimmt den Montenegriner Osco, und mir muß diese kleine, giftige Kröte, der Hadschi, in die Hände laufen. Er ist so flink mit der Peitsche, und er soll erfahren, was Schläge bedeuten. Kein Messer und keine Kugel darf ihn berühren; er wird an der Peitsche sterben.“

Die ersten Schurken kommen zu Tode, zunächst Manach el Barscha, „Allah, Allah, All- -!“ brüllt er noch, „dann war er von der Kante der Bastei verschwunden. Man hörte seinen Körper unten aufschlagen.“ Es könnte wirklich im Elbsandsteingebirge spielen.

„Vielleicht hat der Konakdschi mich gegen Dich schlechter gemacht, als ich bin?“ – „Ich pflege mein Urtheil nicht nach der Meinung anderer Leute einzurichten. Ich habe meine eigenen Augen und Ohren.“ Empfehlenswert.

„Herr, warum soll ich nicht zu ihnen sprechen?“ – „Weil es keinen Zweck hat.“ Übertragbar …

Beim Mübarek kurz zuvor wurde noch gebetet, Manach el Barscha lässt man einfach am Wege liegen, „Wir stiegen nicht ab“.

Die Helden erreichen das „Tal der Trümmer“.

Die „Extragratifikation“, die durchs Gesamtwerk geistert, taucht auch hier auf, als „Baschka üdschret“.

„Kara Nirwan hat einen Einfall über die serbische Grenze beschlossen und zieht zu diesem Zweck eine Anzahl tapferer Männer bei Pristina zusammen“ …

„Jetzt gährt es überall. Man spricht nicht mehr von Räubern, sondern von Patrioten. Das Handwerk hat den politischen Turban aufgesetzt. Wer nach dem Besitz Anderer trachtet, der gibt vor, sein Volk frei und unabhängig machen zu wollen.“ Hört, hört …

Auch Barud el Amasat muß von der Bastei hinab …

„Das ist der Orient: neben blendendem, trügerischem Licht ein desto tieferer, unheimlicher Schatten!“ Das ist nicht der Orient, das ist das Leben, immer und überall.

 

Viertes Kapitel – In der Juwelenhöhle

Dialog mit einem Ganoven, „Wir logen eben beide einander herzhaft an, was moralisch zwar nicht schön zu nennen ist, hier aber auf beiden Seiten recht triftige Gründe hatte.“ Das wird er gekannt haben.

„Alles Wissen ist nichts vor Allah's Auge. Er hat die Steine gemacht, nicht wir. Darum sollen wir auch nicht darüber nachdenken, wie sie entstanden sind“ will sich der andere herausmogeln, als Kara Ben Nemsi ihm als vermeintlichem Geologen auf den Zahn fühlen will. Worauf der Erzähler launig konstatiert „Sehr richtig! Nur braucht es da eben keine Geologen zu geben.“

„Einmal macht er ein ganz dummes Gesicht und spricht die Worte eines Albernen, und dann wieder hat er ganz das Aussehen eines Mannes, vor dem man sich nicht genug hüten kann“ hört er über sich sagen und wird das wohl auch schon einmal im Leben so oder ähnlich gehört haben; es gibt Menschen, die können auf der einen Seite kindlich naiv sein und auf der anderen mit allerhand Wassern gewaschen, zu diesen gehörte auch Karl May.

Omar Ben Sadeks Schwur aus dem ersten Band wird noch einmal wörtlich wiedergegeben, das hat einen ganz eigenartigen Reiz, sich diese Szene noch einmal ins Bewusstsein zu rufen.

„Ist schon da“ ruft der Erzähler dem gefangenen Lindsay zu, als dieser seinem Mitgefangenen versichert, Kara Ben Nemsi werde kommen und sie befreien; das ist ein wenig wie im Kindermärchen, aber nichtsdestotrotz schön.

„Wenn sie zwei oder drei Tage lang die Gespenster des Verhungerns und Verdurstens vor sich haben, so ist das eine Strafe, wie wir eine größere ihnen gar nicht diktiren können.“ Bestafungsgelüste dieser Art hat unser Autor des öfteren, auch noch im späten „Silberlöwen“.

„So hole Dich der Scheïtan und versenke Dich in die tiefste Verdammniß der Hölle! Du bist der bissigste und räudigste unter allen Hunden der Erde. Möge Dein Ende tausendmal elender und qualvoller sein, als das unserige!“ ruft ein Missetäter ihm zu, worauf er schreibt „Das hatte ich erwartet. Sein augenblicklicher Gehorsam und seine Versicherung der Reue konnten mich nicht täuschen.“ Verbitterung über Erfahrungen und Kenntnisse seiner Pappenheimer im „wirklichen“ Leben dürften da mitschwingen.

Halef brennt auch noch ein „Feuerchen“ (dieses Wort fällt mehrmals) an, um die Todesangst der Gegner zu steigern …

„Habt aber einen Kopf, der so dick ist, daß bald Hörner daraus hervorbrechen werden.“ Sagt Lindsay. 1888.

Unser Mann braucht keinen Lügendetektor, den ersetzen Intuition und Scharfblick, „Dieser Blick, dieses Zucken der Brauen hatte kaum eine halbe Sekunde in Anspruch genommen, war aber für mich so vielsagend gewesen, daß ich nun wußte, woran ich war.“

Des Erzählers Meinung von Türken und Türkei ist nicht die beste, „Dazu kam, daß ich nicht an die Ausfüllung des Schachtes glaubte. Alte Bergwerke wirft man nur in zivilisirten Ländern zu. Der Türke hütet sich sehr, eine mühevolle Arbeit zu unternehmen, welche nur Kosten verursacht. Ihm ist es sehr gleichgültig, ob irgend ein Bulgare oder Albanese in das offen gelassene Mundloch eines Schachtes stürzt und da den Hals bricht. ‚Allah hat es gewollt!’ sagt er, und damit beruhigt er sich.“ Heutzutage wird ja viel über mögliche Neubearbeitungen gesprochen. Solche Stellen dürften in ihnen auch fehlen.

Rugowa, wir ahnten es, ist überall; des Erzählers Absicht, den Schut festzunehmen, löst bei einem Gegenüber Heiterkeit aus. „Wenn Du in Rugova Jemanden arretiren lassen willst, so mußt Du ja eben zu dem besten Freund des Schut gehen. Du kannst nichts gegen ihn unternehmen. Er steht in einem großen Ansehen. Wenn Du Hülfe gegen ihn forderst, so hast Du es entweder mit Leuten zu thun, welche seine Verbündeten sind oder ihn für einen so frommen, ehrlichen und wohlthätigen Mann halten, daß sie Dir kein Wort glauben. Wir, ja wir sind in Deine Hände gerathen; er aber wird nur über Dich lachen. Wenn Ihr offen gegen ihn auftretet, so wird man Euch als Wahnsinnige behandeln. Handelt Ihr aber heimlich gegen ihn, so rennt Ihr dem sichern Verderben entgegen. Thut, was Ihr wollt. Die Dschehennah ist auf alle Fälle Euer Theil!“

Lindsay bemerkt auf eine entsprechende geständnishafte Andeutung des Erzählers, mit dem Briefgeheimnis es nicht immer so genau zu nehmen, sein Freund sei ein „Sonderbarer Kerl“, worauf May / Ben Nemsi nur antwortet „Es ist oft von Vortheil, sonderbar zu sein“ …

Über die Physiognomie des Schut erfahren wir (seitens Lindsay) „Seht Euch nur diesen Kara Nirwan an und sagt mir dann, ob es Euch möglich sei, ihn für einen solchen Halunken zu halten! Er hat ein so ehrliches Gesicht, daß man ihm sofort das größte Vertrauen schenken muß.“

 

Fünftes Kapitel – Ein Ueberfall

Zu Beginn einmal mehr Landschaftsbeschreibung bzw. Korrespondieren von Außen und Innen, „Zwischen diesen eng bei einander stehenden Mauern tritt das Gefühl äußerster Hilflosigkeit an den Fremden heran. Es ist, als ob die schweren Massen über ihm zusammenbrechen wollten“; „dem niederdrückenden Bewußtsein menschlicher Ohnmächtigkeit“. Zuvor gab es eine neckische Schilderung von Halef in Verkleidung.

„Bei diesem abwehrenden Aufbau des Hochlandes ist es sehr erklärlich, daß die Bewohner desselben den fremden Eroberern gegenüber stets mehr oder weniger ihre Unabhängigkeit bewahrten. Diese finsteren, drohenden, kalten Schluchten und Gründe sind natürlich von großem Einfluß auf den Charakter und die physische Beschaffenheit der Bevölkerung gewesen. Der Skipetar ist gegen Fremde ebenso ernst, abgeschlossen und feindselig, wie sein Land. Seine sehnige, kraftvoll elastische Gestalt, sein ernstes Gesicht mit den granitnen, unerbittlichen Zügen, sein kalt blickendes und abweisend drohendes Auge stimmt ganz mit der Beschaffenheit der von ihm bewohnten Berge überein. Sein Inneres zeigt wenig helle, freundliche Punkte; es ist von tiefen Spalten und Rissen durchzogen, in deren Gründen die Wasser des Hasses, der Rache und des unversöhnlichen Zornes schäumen.“

Rih geht ihm durch, „Das war das erste Mal, daß es Rih unternahm, mit mir durchzugehen, und er that es denn auch so nachdrücklich“ … Das ist indes zuvor auch in Band 3 passiert.

Spektakulärer Überfall, „Was man in solchen Augenblicken denkt und fühlt, das weiß man später nicht mehr.“

Unser Autor kämpft mit allerhand Mitteln, „Der Damascener blitzte auf - ein Sprung von mir nach seinem erhobenen Arm empor, ein schneller Streich - die Axt fiel mit der daran hängenden Hand herab; sie war von der ausgezeichneten Klinge hart hinter dem Gelenk abgetrennt worden.“ Die im „Waldröschen“ mehrmals vorkommende abgetrennte Hand, da ist sie schon wieder. Entweder hat er selber etwas in der Art erlebt oder sich von Wilhelm Hauff allzu sehr beeindrucken lassen.

„Jeder von ihnen hielt die mit dem Messer bewaffnete Hand des Andern mit der Linken von sich ab, während er ihn mit der Rechten umkrallt hatte.“ Diesen Satz hat man ihm immer wieder angekreidet, das ginge nicht, dazu brauche man drei Arme; nicht doch, probiert’s aus, das geht. Nicht allzu elegant, aber es geht.

Kampf auf Leben und Tod, Angst um die Freunde, aber es darf auch nach wie vor gleichzeitig geblödelt werden, „Bist Du verwundet?“ wird Halef gefragt, und der antwortet „Das weiß ich selbst noch nicht. Aber mein Kaftan ist sehr verwundet. Dort liegt er. Sie haben ihm die Arme ausgerissen und die Rippen eingeschlagen. Er wird wohl nicht wieder in's Leben zurückzubringen sein!“

Halef wird Rih zum Geschenk erhalten, „Bist Du nicht mein bester Freund auf Erden?“ Das kann einen schon berühren.

„Als er sah, daß es mir Ernst war, erglänzte das helle Entzücken in seinen noch feuchten Augen.“

Spätere Besuche werden angesprochen; irgendwo war zu lesen, es solle im Orientzyklus schon zum endgültigen Abschied von Halef kommen, diese Stelle spricht aber ganz eindeutig dagegen. „Herr, ist's wahr? So wolltest Du uns besuchen?“ steht schon im 'Hausschatz'.

Lindsay zeigt sich ob des Rappen-Geschenks an Halef eifersüchtig, der Erzähler lenkt bald von dieser Unerfreulichkeit ab, indem er mit einer anderen kommt, Kopfläusen nämlich, humoristisch verpackt.

 

Sechstes Kapitel – Unter der Erde

Kara Ben Nemsi begegnet einem, der mit ihm den Schut bekämpfen will, „ihn, den ehrlichen, frommen, geachteten Menschen, welcher doch der größte Bösewicht der Erde ist!“

Auf S. 348 (im Weltbild-Band) tritt der Schut dann erstmals persönlich auf, insgesamt für nur knapp hundert Seiten …

Kara Ben Nemsi erkennt ihn sofort und legt sich gleich mit ihm an, „So wie ich hatte ihn wohl noch Niemand angeschrieen.“

„Dieser gewaltthätige und gewissenlose Mensch besaß jedenfalls einen hohen persönlichen Muth“, da ist sie wieder, die Achtung, die zuvor auch Abu Seif und Abrahim Mamur mehr oder weniger klammheimlich gezollt bekamen und von der hier auch später noch einmal die Rede sein wird.

Die Überführung gerät ebenso (sprachlich) kolportagehaft wie unspektakulär (Zitat: „Schut?“ fragte er erbleichend. „Schut?“ riefen auch die Andern.)

„Wische Deine schmutzigen Hände ab und hüte Dich, meine Pässe zu beflecken!“ Kara Ben Nemsi spricht mit dem Ortsvorsteher …

Bei „seit wir den Kahn verlassen hatten“ steht im Weltbild-Band putzigerweise „Khan“ statt „Kahn“, da beide Worte hier des öfteren vorkommen, ist der Setzer wohl für einen Moment durcheinandergekommen …

Man befindet sich unter der Erde in beeindruckendem Ambiente und es gibt allerhand „Action“, gefährliche Stollen, strudelnde Wasser, Verfolgung, Kämpfe …

„Da - grad aus dem Wirbel, den ich so ängstlich vermieden hatte, tauchte er empor; er schoß fast bis zur Hälfte des Leibes aus dem Wasser, that einen wahren Delphinensprung und überwand den Strudel. Dann hielt er nach dem Ufer herüber, in dessen Nähe ich mich befand.

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihn bewundern. Er war ein viel, viel besserer Schwimmer als ich. Es war ihm gar nicht eingefallen, einen Wirbel zu vermeiden. Er wußte, daß dieser ihn zwar fassen, aber auch wieder ausstoßen würde.“

Es fällt nicht allzu schwer, die eben zitierte Stelle auch wieder mehrebenig zu lesen …

„Halef hatte sich eben bei allen seinen reichen Erlebnissen und Erfahrungen ein wahrhaft kindliches Gemüth bewahrt.“ Und das ist auch gut so.

 

Siebtes Kapitel – An der Verräterspalte

Der Besuch bei der Schuta vermittelt unterschwellig einen Hauch erotischen Knisterns, „Ich setzte mich gemächlich auf die Ecke der Kiste und betrachtete mir die Drei. Die Schuta war noch immer eine schöne Frau. Sie besaß wohl einen sehr leidenschaftlichen Charakter“ …

„Diese Frau konnte sich außerordentlich verstellen. Vielleicht war sie mir an Schlauheit überlegen.“

Kampfhandlungen; „Was ich nun that, kann ich nicht bis in's Einzelne beschreiben, denn es ist mir unmöglich, mich darauf zu besinnen.“

Den Galingréschen Ring hat er sechs Bände lang am Finger getragen und zeigt ihn nun vor …

Besuch bei ebenso gutmütigen wie verkommenen Hirten, Bruder und Schwester; „Das Herz that mir wehe. Das waren nun auch Menschen!“

„Hätte nicht die Hälfte des Daches gefehlt, so wäre es in der Hütte nicht auszuhalten gewesen, zumal der Inhalt des Topfes einen Gestank verbreitete, welcher zum Entsetzen war.“

Wir erfahren auch gleich warum, es gibt (zum Essen) Igel besonderer Art: „Ich ergriff das 'Wildbret' beim Bein und zog es empor. Hurrrr! Die lieben Leute hatten dem Thier zwar die Stachelhaut abgezogen, es aber nicht aufgebrochen und ausgenommen. Es kochte also sammt dem ganzen Leibesinhalt!“

„Wir hatten mit einer kleinen Gabe zwei Menschen glücklich gemacht“, wie später in Gartow. Wo solches indes zu Misstrauen und fatalen Folgen führte.

„Das war ein Nebenfluß des vereinigten Drin. Den Namen habe ich vergessen.“

Und dann geht’s auf zur Schlussapotheose, „Plötzlich hörte der Wald auf. Weit, weithin Ebene, welche nur aus hartem Felsen zu bestehen schien, der mit schlüpfrigem Moos bekleidet war.“

Auch wenn man sie zum ca. zehnten Male liest, diese Verfolgung mit dem anschließenden Sprung über bzw. Sturz in die Spalte ist wirklich spannend geschrieben.

Es geht dann noch zwei gute Dutzend Seiten weiter;

„Ich habe weder Gold noch Silber, aber ich bin dennoch ebenso reich wie Sie und möchte wohl schwerlich mit Ihnen tauschen.“ Reaktion auf Geldangebote Galingrés.

Auch Lindsay und Osko werden kein Geld bekommen, aber Halef und Omar. Das ist schön differenziert betrachtet und geschildert.

„Der Lord befand sich in einem sehr angeregten Gespräch mit den Damen. Er freute sich, da sie Französisch verstanden, seine Zunge wieder einmal in Bewegung bringen zu können, was ihm bei seiner mangelhaften Sprachkenntniß unter Türken und Arnauten nicht gut möglich gewesen war.“

Daß Hamd el Amasat den Erzähler nicht erkennt bzw. die Begründung dafür ist etwas unlogisch, „Der Mann mußte seit jenem entsetzlichen Ereigniß auf dem Schott Dscherid sehr viel erlebt haben, da er sich an uns nicht mehr erinnerte“, mehr erlebt haben als der Erzähler des Orient-Zyklus wird er ja wohl nicht …

„Er sah sich im Kreise um. Niemand antwortete.“ Diese Stelle ist, nebenbei bemerkt, textidentisch mit einer aus „Merhameh“, nur daß dort „Sie“ statt „Er“ steht.

Eine Art Duell soll es geben, einen Zweikampf, „Wenn die höchststehenden Vertreter der Civilisation sich wegen eines schnellen Wortes nach dem Leben trachten und es für eine Ehrlosigkeit halten, dies nicht zu thun, durfte ich da diesen ungebildeten Araber verdammen, wenn er Genugthuung vom Mörder seines Vaters verlangte? Ich sagte nichts und trat zurück.“

Omar hat seinem Gegner „beide Augen ausgedrückt.“ „Meine ganze Seele wollte sich gegen dieses Geschehniß aufbäumen.“

Sinnig zitierte Zeilen, „Herrlich tritt die Sonn' auf ihre Wolke, Doch den Wahn, der Menschen noch betört, Strahlt sie nicht hinweg von diesem Volke, Welches ewig, ewig sich zerstört.“ So ist das.

Omar fragt, ob er richtig gehandelt habe, „Ich erinnerte mich daran, daß hochstehende christliche Rechtslehrer die Forderung stellten, die Verbrecher zu blenden, weil man sie dadurch, ohne sie zu tödten, für die menschliche Gesellschaft unschädlich mache. Ich nickte stumm und kehrte in die Stube zurück.“

„Was aber soll nun mit den Bewohnern dieses Newera-Khan geschehen? Sie sind mit dem Schut einverstanden gewesen.“ – „Laßt sie laufen! Sie gehen uns nichts an. Es ist mehr als genug geschehen. Mir graut vor diesem Lande. Beeilen wir uns, es zu verlassen! Ich mag es niemals wiedersehen.“

„Und dann wollte Keiner der Erste sein, welcher das Wort des Abschiedes in den Mund nahm.“

„Ich wanderte eine Strecke in die lautlose Morgenstille hinein. Kein Vogel ließ sich hören, kein Geräusch gab es rings umher. Das war der geeignete Ort zum Insichschauen; aber je tiefer dieser Blick nach innen dringt, desto mehr sieht man ein, daß der Mensch nichts ist, als ein zerbrechliches Gefäß, mit Schwächen, Fehlern und - - Hochmuth gefüllt!“ Auch das.

Am Ende bereist man Jerusalem, darüber wurde nie berichtet („davon vielleicht ein anderes Mal“).

Ganz am Ende steht ein Brief Halefs; ein schöner Schluß. Er enthält weltliche („Heirathe auch bald! […] fliehe die Betrunkenheit!“) wie weltanschauliche Ratschläge, „Sei stets zufrieden und murre nicht! […] meide die Sünde und das Verbrechen!“. F[e]in.

 

ANHANG (zu Band 6)

Ein sehr schöner und interessanter Text.

Der Erzähler erlebt einmal mehr die alte Erfahrung „Wenn dich die Welt aus ihren Toren stößt, so gehe ruhig fort, und laß das Klagen. Sie hat durch die Verstoßung dich erlöst, und ihre Schuld an dir nun selbst zu tragen“ ...

Seltsam ist, dass Halef vor den tragischen Ereignissen mit den Haddedihn geht und sich somit vorübergehend von seinem Herrn und Freund trennt, da wird auseinanderdividiert, was zusammengehört. Auch dass Kara Ben Nemsi erst einmal dem flüchtenden Bösewicht nachjagt, bevor er sich um den sterbenden Rih kümmert, war eher nicht zu erwarten.

 

Der Erzähler sieht sich "zu meiner Freude gezwungen, einen Anhang folgen zu lassen".

"Ich sage, zu meiner Freude, denn" einerseits gibt es den Zwang, den Band 6 auf den erforderlichen Umfang zu bringen, andererseits "viele Hunderte von Zuschriften aus allen Gegenden des Vater- und auch des Auslandes haben mir bewiesen, welch ein inniges Seelenbündnis sich zwischen meinen Lesern und mir herausgestaltet hat." (In der Weltbild-Ausgabe steht hier übrigens ein ganz falsches Komma vor "und mir", dies nebenbei.)

"Was die Zeitungen über die bisherigen sechs Bände schreiben, ist außerordentlich erfreulich und ehrenvoll", das erfreut heute noch.

"Besonders ist es mein guter, treuer Hadschi Halef Omar, nach dessen späteren Schicksalen und gegenwärtigen Verhältnissen ich gefragt werde. Aus Kreisen, welche dem Throne nahe stehen, und aus der kleinen Arbeiterhütte, aus der teuren Goldfeder des Millionärs und der zitternden Hand der armen Witwe, vom Boudoir der Weltdame ebenso, wie aus der ernsten Klausur des Klosters, von der Schulbank des Kadetten oder Gymnasiasten und aus der Schreibmappe des kleinen, munteren Pensionsbackfischchens habe ich Anfragen erhalten, welche meist den wackeren Hadschi betreffen."

"Es möge also mein folgendes Erlebnis mit Hadschi Halef Omar und mein letzter Ritt auf meinem Rih nun folgen." Die Formulierung "letzter Ritt" fällt insofern auf, daß seinerzeit vorher ein 'Hausschatz'-Text (und zwar ein Teil des Orient-Zyklus !) so benannt wurde. Hatte er vielleicht damals schon die Absicht gehabt, Rih sterben zu lassen (und das dann doch noch etwas 'vertagt' ...) ?

"Ich befand mich wieder einmal in Damaskus und hatte die Absicht, von da aus über Aleppo, Diarbekr, Erzerum und die russische Grenze zu gehen, um nach Tiflis zu gelangen. Ein Freund von mir, bekannter Professor und Sprachforscher, hatte es verstanden, mich für die kaukasischen Idiome zu interessieren," ob das der gewesen ist, von dem wir in "In der Heimath" lasen ? Vermutlich ... 

Und dann ist er eben doch wieder in Damaskus (in einem früheren 'Hausschatz'-Text hatte er den 'letzten Blick im Leben' auf die Stadt geworfen ...), "Damals hatte ich nicht Zeit gefunden, die Umgebung von Damaskus kennen zu lernen, und so bestrebte ich mich denn jetzt, dieses Versäumnis nachzuholen. Ich machte täglich einen Ausflug und war bald so weit herumgekommen, daß ich nur noch den im Norden der Stadt gelegenen Dschebel Kassium zu besuchen hatte. Dieser Berg ist darum merkwürdig, weil dort nach der morgenländischen Erzählung Kain seinen Bruder Abel erschlagen haben soll." Eine Thematik, die sicher nicht 'zufällig' erwähnt wird ...

Wiedersehen mit David Lindsay, das wievielte mal wird es sein in Orientzyklus und Gesamtwerk. Immer wieder schön. Diesmal gibt es gar einen Kuß.

"Mann, Mensch, Kerl, Herzensfreund" ...

Man ist wieder bei Jakub Arafah, alles ist ein wenig wie früher, auch das "famose Klavier" steht offenbar noch da ... (wir erinnern uns ... die Sache mit dem Engländer und dessen verstorbener Gattin ... in ihrer vielsagenden Verschwiegenheit eine der originellsten Stellen im Gesamtwerk. Nachzulesen in Band 3.)

„Kain und Abels Erinnerungsstätte erregte jetzt weniger unsere Aufmerksamkeit;“ denn man hat sich gedanklich gerade mit Leichterem, Erfreulicherem beschäftigt, die Medaille hat ja immer mehrere Seiten, „wir ritten bald nach der Stadt zurück“.

Weitere Wiedersehen, „Rih, mein lieber Rih, komm her zu mir!“

„Früher pflegte er mich dadurch zu liebkosen, daß er seinen Kopf an mir rieb oder mich leckte. Jetzt aber war das treue Tier so entzückt, daß ihm das nicht genügte; es nahm meine Schulter in das Maul und ließ dabei einen schnaubenden Freudenlaut hören, welcher so deutlich wie mit menschlichen Worten sagte: 'O du lieber, lieber Herr, ich könnte vor Wonne sterben, daß ich dich wieder habe.'

Aber es gab keine Zeit zu Zärtlichkeiten.“

Amad el Ghandur ist jetzt Scheik der Haddedihn.

Halef fragt, bevor er ihn erkennt, nach seinem Sihdi, „Wie geht es ihm? Hat er ein Weib genommen oder noch nicht?“

„Er bewegte zunächst kein Glied; dann breitete er die Arme aus, als ob er mich schon von weitem umfangen wolle, konnte aber nicht von der Stelle, sondern sank auf die Kniee nieder und bewegte die Lippen. Man sah, daß er sprechen wollte; er brachte aber kein Wort hervor; dabei rannen ihm dicke Tränen aus den Augen und über das Gesicht herab.

Ich war tief, tief gerührt von dieser außerordentlichen Gemütsbewegung, hob ihn empor und zog ihn an meine Brust. Da schlang er die Arme um mich, drückte sein Gesicht an mich und weinte und schluchzte zum Herzbrechen.“

„Ya Sihdi, hajaji, na' imi, nuri esch schems, ya Allah, ya Allah - o Sihdi, mein Leben, mein Glück, mein Sonnenlicht, o Gott, o Gott!“

„Dabei streichelte er mir mit beiden Händen das Gesicht und küßte den Saum meines Burnus.“

„Auch ich hatte Tränen in den Augen über Halefs tiefes Ergriffensein“ ...

Omar Ben Sadek „drückte, ich mochte wehren, so sehr ich wollte, seine Lippen auf meine Hände und ließ nicht eher von mir ab, als bis Amad el Ghandur ihn zur Seite drängte“ ...

Dann ist auch das wiedergebrachte Pferd Thema, „O, Sihdi, man hatte mir deinen Rih gestohlen, das Pferd meiner Seele, den Rappen meines Herzens“.

„Ein etwa achtjähriger Knabe saß auf einem vielleicht dreijährigen Rapphengste; er war nicht abgestiegen und hielt seine großen, dunklen Augen mit einem ganz eigenen Ausdrucke auf mich gerichtet.“ Kara Ben Halef sieht, sagen wir, eine Art Vater ...

Auch Rih hat Nachwuchs bekommen, Assil, sowie eine Stute.

Auch Amscha ist da ... wie gesagt, es ist einiges wie früher.

Das Ganze ist schön zu lesen und atmet Kraft, Lebensfreude usw., die Welle des Erfolges, auf der der Autor zu der Zeit fortgetragen wurde, man kann sie spüren. Und dennoch wird die Geschichte nicht "gut" ausgehen ...

Die Geschenke, die Lindsay gekauft hat, soll Kara Ben Nemsi überreichen, „Was Ihr tut, das hat Schick. So etwas steht Euch besser an als mir. Möchte doch wissen, was ich dazu sagen sollte, wie ich mich dabei ausdrücken würde! Will doch lieber einen Löwen jagen als einer Lady ein Geschenk überreichen!“

Versammlung der Ältesten; „Daß mein Hadschi mit hinzugezogen wurde, freute mich außerordentlich, denn ich ersah hieraus, daß er es verstanden hatte, sich in den Stamm einzuleben und die Achtung desselben zu erwerben.“

Der Erzähler erinnert die Haddedihn und seine Leser daran, seinerzeit an Mohammed Emins Grab die „Sure der Auferstehung gesprochen“ zu haben.

Man will genau den gleichen Weg wie damals gehen ... „zunächst zu dem Tschimarwalde, an welchem wir Heider Mirlam trafen. Das war die erste Stufe hinauf zu dem hohen Grabmale meines Vaters Mohammed Emin.“

Der achtjährige Kara schießt auf die bekannte Zeltstange, und wie beim Vorbild sitzt eine Kugel unter der anderen.

„Wir vom Stamme der Ateïbeh waren die Verachtetsten unter den Verachteten, als du uns kennen lerntest; jetzt ist das ganz anders geworden“, auch darauf wird noch einmal hingewiesen. Denken wir an die Apachen, May hat offenbar ein Herz für schlecht Beleumundete.

„Was ich erwartet hatte, geschah dann später: Als die Haddedihn vernahmen, daß der Hadschi seinen Knaben mitnehmen wollte, waren sie einstimmig dagegen. Ich machte nicht viel Worte, um ihre Einwilligung zu erlangen, sondern sagte nur, daß es auch mein Wunsch sei, meinen 'Paten', der meinen Namen trage, bei mir zu haben; da ließen sie jeden Einwand fallen.“

Es wird noch einmal darauf hingewiesen, daß „wir beschlossen hatten, genau den damaligen Weg zu verfolgen, um die Orte, die wir zu jener Zeit berührt hatten, wiederzusehen“. Leider wird sich herausstellen, daß nicht nur der Weg der gleiche ist, sondern auch fatale menschliche Verhaltensmuster sich wiederholen ...

Und „es versteht sich ganz von selbst, daß jede Erinnerung aufgefrischt und alles, was wir hier erlebt hatten, bis auf das Einzelnste durchgesprochen wurde“.

„Unserm Programm gemäß gelangten wir gegen Abend des nächsten Tages an die kleine Hütte, in welcher wir Allo, den bärenhaften Köhler, gefunden hatten. Sie war unbewohnt und ganz verfallen.“

Einsichtsvoll spricht Amad el Ghandur „Emir, mein Vater lebte wohl heute noch, wenn wir uns nicht hier gegen deinen Willen empört und nachher infolgedessen den Scheik Gasahl Gaboya freigelassen hätten. Wir sind damals große Toren gewesen.“ Um wenig später die Angelegenheit entsprechend des alten Musters erneut ins Verderben laufen zu lassen ...

Und bald nimmt das Unheil seinen Lauf, „Er war bisher so ruhig gewesen; nun aber wirkte die Nähe des unglücklichen Platzes auf ihn ein; die schreckliche Erinnerung erregte ihn; er trieb sein Pferd weiter, und die Andern folgten ihm“ ... Daß auch Orte ihre Aura haben, ist ja, nebenbei bemerkt, klar.

„Ihr habt damals den Tod deines Vaters selbst verschuldet; wenn ihr jetzt wieder so unvorsichtig seid, bitte ich euch, die Verantwortung dessen, was darauf folgen kann, nicht auf mich zu wälzen.“

Bei alledem ist aber noch entspanntes Scherzen mit Lindsay möglich, „Er wendete sich lachend von mir ab“.

Halef und Kara jr. beten, „denn die Toten sind unsere Feinde nicht mehr; der Christ kennt überhaupt keine Feinde, er haßt keinen Menschen, [...] Ich und mein Sohn haben als Christen hier gestanden und das heilige Abuna gebetet, welches ich von dir gelernt habe. Hanneh, die Perle unter den Frauen und Müttern, pflegt es auch mit uns zu beten.“

„Der Islam ist die Soka (Distel), die nur auf dürrem Boden wächst, das Christentum aber die Nachla (Palme), welche hoch in die Lüfte ragt und viele Früchte bringt. Der Islam gleicht der Wüste, in welcher es nur hier und da einen Brunnen gibt, der schlechtes Wasser hat, das Christentum aber einem schönen Lande mit mächtigen Bergen, auf deren Höhen Glocken erklingen, und schönen Tälern, in denen Ströme fließen, welche Wälder und Felder und Gärten nähren und an deren Ufern Städte und Dörfer stehen, deren Bewohner gute und folgsame Kinder ihres himmlischen Vaters sind. Daß ich dieses weiß, habe ich dir zu danken; es sollen es aber auch von mir noch viele, sehr viele erfahren.“ Da behaupte noch einer, Halef sei bis zum Schluß bei seiner Konfession geblieben ...

„Jetzt gingen wir, die Pferde an den Zügeln führend, nach dem Orte, an welchem wir nach dem Kampfe mit den Persern gelagert hatten. Ich dachte an das 'Haus', welches mich und Halef mit allen möglichen Delikatessen versehen hatte, und dabei war es mir, als ob jener süße, orientalische Duft mich heute wieder umwehe.“

Die Leiche Mohammed Emins im Grabmal verfehlt nicht ihre – auf die Haddedihn fatale – Wirkung, „Welchem Umstande oder welchen chemischen Einflüssen diese Erhaltung der Leiche zuzuschreiben war, das weiß ich nicht, aber der Anblick war von einer außerordentlichen, unbeschreiblichen Wirkung; ich mußte noch nach Monaten immer an ihn denken, und noch heute ist es mir, als ob ich die Mumie des edlen Greises noch vor mir in den Steinen sitzen sähe.“

„Man soll nichts sagen oder tun, von dem man vorher überzeugt ist, daß es vergeblich sein wird; es könnte nur Schaden, nicht aber Nutzen bringen.“ Das ist wohl wahr, und man sollte es öfter beherzigen ...

Halef versucht vergeblich zu warnen, „Laßt doch meinen Effendi reden! [...] Er ist klüger als wir alle, und ich habe viele, viele Male die Erfahrung gemacht, daß derjenige, welcher nicht auf ihn hört, es später zu bereuen hatte.“

Alle Argumentation ist vergeblich, „Wir bleiben, wir bleiben!“ rufen die Haddedihn „einmütig“.

Und Amad el Ghandur ist nicht mehr 'erreichbar', „seit er sich am Grabe seines Vaters befand, schien er nicht nur abermals an Rache zu denken, sondern auch gegen mich steifsinnig geworden zu sein“.

Zu „Kull Schejatin - alle Teufel!“ läßt sich der Erzähler wegen der fatalen Blauäugigkeit seiner Mitmenschen hinreißen, „ganz gegen meine Gewohnheit, da ich mich sonst in jeder Lage bestrebe, gelassen zu sein“.

„Aber blicke dieses Grab an, in welchem dein Vater ruht; es sollte dir und euch allen eine Warnung sein. Mohammed Emin ist nur darum hier begraben, weil ihr euch damals nicht mehr nach meinen Vorschlägen richten wolltet.“

„Nun raucht euch plötzlich das Blut des toten Scheikes um die Köpfe; es benebelt euren Verstand und macht euch widerspenstig gegen mich. Bedenkt wohl, was ihr tut! Ich bin mit euch ausgezogen, um alle Not und Gefahr mit euch zu teilen; ich werde euch auf keinen Fall verlassen, aber wenn ich sehe, daß ihr meinen Willen nicht mehr achtet und Dummheiten begeht, welche uns unser Leben kosten können, so kann ich nicht länger euer Anführer sein.“

„Das Herz begann, mir wehe zu tun; ich hatte das sichere Gefühl, daß die Starrsucht dieser Leute üble Folgen haben werde.“

„Du hast uns vorgeworfen, daß unser damaliges Verhalten den Tod meines Vaters verschuldet habe. Es ist aber ganz anders: hättest du uns erlaubt, auf die Bebbeh zu schießen und ihren Scheik Gasahl Gaboya zu töten, so hätten sie nicht mehr gelebt und uns nicht verfolgen können. Du also bist schuld, du allein, ganz allein! Ich klage dich an des Todes meines Vaters und mag nichts mehr von dir wissen. Ich gebiete dir, dich von uns zu trennen!“ Das sagt Amad el Ghandur ... nicht lange zuvor dachte und sprach er noch ganz anders ...

„Er war das lebendig gewordene Bild des rücksichtslosesten, keiner Ueberlegung mehr fähigen Zornes. Ich kann nicht etwa bloß sagen, daß er mir leid tat, denn das, was ich jetzt empfand, war viel, viel mehr.“ Vermutlich, Einblick in den Lauf der Welt und die Natur der Dinge ...

Auch Halef muß sich Unfreundliches anhören, „du aber bist ein von Allah Abtrünniger. Bleibe bei deinem Effendi; wir haben nichts mehr mit euch zu tun!“

Omar Ben Sadek zeigt sich solidarisch, und der achtjährige Kara äußert über seinen Namensvetter „Er ist größer, als ihr alle seid!“

Halefs Treue nimmt hier zwischendurch etwas eigenartige Züge an ... „Ich mochte ihm wieder und immer wieder versichern, daß ich jetzt weder Aerger noch Kränkung fühle, sondern nur die Verpflichtung, über die Leute zu wachen, deren Augen blind und taub geworden waren, er glaubte es nicht und gab sich alle Mühe, mich zu beruhigen, zu trösten und seiner Treue und Anhänglichkeit zu versichern. Es war unendlich rührend, wie er eng neben mir lag und sich wie ein Hund an mich schmiegte, meine Hand in seinen beiden hielt und sich bemühte, seiner leisen Stimme den zärtlichsten Ausdruck zu geben. Ich brauchte weder Trost noch Beruhigung, denn ich grämte mich nicht und fühlte auch keine Erregung mehr; aber diese treue, hingebende Liebe ließ mich die Befürchtungen, welche ich hegte, weniger schwer empfinden.“

Dem Erzähler „liegt das Vorgefühl in den Gliedern, daß es auch dieses Mal hier kein gutes Ende nehmen werde.“

Das in gewisser Weise Außer-sich-sein Amad el Ghandurs geht so weit, daß er Halef „An deinem Leben ist nicht viel gelegen!“ zuruft ...

In Erwartung des Unheils ... aber „Von unten herauf erklang jenes monotone und doch so vielsagende Rauschen des Waldes, jene ergreifende Predigt von der Allmacht des Unendlichen, des Ewigen.“

Der Lord hört die sich nähernden nicht, das Wahrnehmungsvermögen ist halt in vielerlei Hinsicht recht unterschiedlich ... „Müßt Ihr lange Ohren haben, Sir! Ich glaube, die Lappen davon hängen bis dort hinunter, wo die Kerle sich befinden. Ihr seid ein Unikum und gehört in ein Panoptikum!“

Zwischen Amad el Ghandur und dem Erzähler eskaliert es, „Wenn Freundschaft, Dankbarkeit, Vorsicht und Ueberlegung nichts mehr gelten, so mag das Messer zwischen uns entscheiden. Es wird heut grad so sein wie damals mit Gasahl Gaboya, und du wirst deinen Starrsinn zu bezahlen haben.“

„Es ist aus zwischen uns Beiden, aus für immer!“

Wieder, wie damals, ist es der Bruder Gasahl Gaboyas, der dem Erzähler in die Hände fällt ..

Und erneut gibt er ihn frei ... „Aber ... aber ... aber das tut ... das tut doch kein Mensch!“

„Herr, ich habe noch keinen Menschen gekannt, der so denkt, redet und handelt wie du.“

„Es war das keine gute Nacht. Es schien geradezu ein Teufel in die Haddedihn gefahren zu sein. Wie hatten sie sich über mein Kommen gefreut! Welche Achtung und Zuneigung hatten sie mir erwiesen!“

Rih „war noch nie so zärtlich mit mir gewesen, rieb seinen schönen Kopf immerfort an mir und suchte mich auch von hinten mit dem Schwanze zu erreichen.“

„Wenn es nicht für lächerlich gehalten werden könnte, möchte ich fast sagen, Rih ahnte, was ihm bevorstand, wollte mir zum letzten Male seine Liebe zeigen und Abschied von mir nehmen.“ Was soll daran lächerlich sein können ... aber schon richtig, die Menschen sind dumm genug ...  „Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß mir, indem ich heut dieses schreibe, einige sehr unmännliche Tropfen aus den Augen rinnen.“

Ungute Worte ... „Bleibe hier zurück, und erstick an deiner Klugheit und an deiner berühmten Feindesliebe. Und wenn dein Halef vergißt, daß er ein Haddedihn geworden ist und nicht zu dir, sondern zu uns gehört, so mag er mit seinem Knaben auch zurückbleiben und uns niemals wieder vor die Augen kommen. Wir brauchen keine Feiglinge bei uns!“

Halef reitet tatsächlich mit, was sehr merkwürdig anmutet, auch Lindsay will sich anschließen, aber der Erzähler denkt nicht daran, sich zu beteiligen, „Nicht so, Mylord! Es fällt mir nicht ein, mit diesen toll gewordenen Menschen geradezu ins Verderben zu rennen.“

„Wenn wir sterben sollten, so grüße meine Hanneh, die Rose unter den Blumen, und sage ihr, daß wir nicht vor dem Tode gezittert haben. Tröste die Gute, und lebe auch du wohl, mein lieber, lieber Herr!“ Omar Ben Sadek aber bleibt. Schwer nachvollziehbar, Halefs Verhalten ...

„Als wir die Enge hinter uns hatten, war von den Haddedihn schon nichts mehr zu sehen; sie konnten nicht schnell genug ins Unglück gelangen.“

Beim Retten Amad el Ghandurs geschieht es, Rih empfängt die tödliche Kugel. „Da bemächtigte sich meiner ein Grimm, wie ich ihn noch nie gefühlt hatte; er riß mich förmlich vom Pferde weg und nach dem Bebbeh hin [...] Die Wut, welche in mir kochte, wollte mich verführen, ihn vom Pferde zu schießen, doch hörte ich glücklicherweise selbst in diesem Augenblicke auf die Stimme der Ueberlegung.“

„Du hast mir mein Pferd erschossen. Weißt du, was das für dich bedeutet? Ein solches Pferd ist das Leben von hundert Kurden wert.“

Nachdem eigenartigerweise zunächst einmal der Täter verfolgt wurde ... „die volle Erkenntnis des Verlustes trat erst in diesem Augenblicke an mich heran. Ich ging seitwärts, setzte mich nieder und legte das Gesicht in beide Hände. Halefs Knabe weinte laut; sein Vater setzte sich zu mir und legte den Arm um mich“ ... Auch Lindsay weint.

Und dann kommt Rih ... „Ja, er kam, der Rappe, in langsamem Trabe, wankend und strauchelnd; die Liebe zu mir hatte ihn noch einmal auf- und mir nachgetrieben. Es war ein Anblick zum Herzbrechen. Wir sprangen ihm entgegen; aus seiner Brust floß ein fingerstarker Blutstrahl. Ich war der erste bei ihm und schlang ihm beide Arme um den Hals. Er schnaubte mich freudig an und leckte mir die Wange und den Hals; dann brach er langsam erst hinten und dann vorn zusammen. Nach einer vergeblichen Anstrengung, sich wieder aufzuraffen, hob er den schönen, kleinen Kopf, sah mit brechenden Augen zu mir auf und wieherte leise, leise und ersterbend, wie ich noch nie ein Pferd habe wiehern hören. Ich warf mich neben ihn nieder und bettete seinen Kopf an meine Brust, während Halef das rinnende Blut zu stillen suchte. Wir alle weinten, weinten so, als ob ein lieber, lieber Mensch im Sterben liege. Des Rappen Maul lag in meiner Hand; er leckte sie fort und fort, immer leiser und langsamer, bis er die Zunge nicht mehr bewegen konnte; dann noch ein letztes, sich verhauchendes Schnauben, ein krampfhaftes Zucken - - - Rih war tot!“

„Hier, Hadschi, hast du dieses Gewehr. Du allein weißt außer mir, wie es gehandhabt wird. Ich will noch eine Weile bei dem Pferde bleiben. Wenn die Kurden kommen, laß keinen heran; gib jedem eine Kugel! Du weißt, ich strebe nicht nach Blut; aber dasjenige unsers Rih ist geflossen; nun ist es mir gleich, wer noch das seinige hergeben muß.“

„Ich bitte, nicht allzu streng mit meiner damaligen Stimmung ins Gericht zu gehen. Ein Tier lieb zu haben, ja innig lieb zu haben, ist wohl keine Schwäche, zumal wenn es ein so edles ist, wie mein Rih gewesen war. Er hatte mit mir gehungert und gedürstet, mich durch so viele Gefahren getragen und mir so oft das Leben gerettet, auch jetzt wieder, da er an der Kugel, welche mir gegolten hatte, gestorben war. Mit Menschen, mit Freunden kann man sich entzweien, sich über sie ärgern oder betrüben; Rih hatte mir nicht ein einziges Mal Veranlassung zur Unzufriedenheit, zu einer Strafe, einem Schlage gegeben; er hatte jedes meiner Worte, jeden Wink verstanden und fast möchte ich sagen, mit freudigem Gehorsam ausgeführt; er war geradezu ein Teil von mir selbst geworden, den ich nun für immer verloren hatte. Ist es da ein Wunder, daß mir sein Tod so zu Herzen ging, daß ich wie ein Kind weinte und eine lange Zeit bei ihm saß, ohne mich um das, was um mich her vorging, zu bekümmern?“ Nein, ist es nicht.

„Ich habe keine Lust, viel zu sprechen, denn Rih ist tot. Das erfordert das Leben dessen, der ihn erschossen hat. [...] Ich gebe den Söhnen Gasahl Gaboyas eine volle Viertelstunde Zeit; sind sie da noch nicht auf meine Bedingungen eingegangen, so werden sie hier an dieser Steineiche aufgehängt.“

Rih wird neben Mohammed Emin begraben ...

Halef „ist, grad so wie ich, noch lange Zeit innerlich krank gewesen“.

"Sihdi, mir ist so weh, so traurig“, sagt Halef weinend, „Ich werde wohl nie wieder lachen können. Mein Herz ist ganz mit Tränen angefüllt, fast so, wenn es keine Sünde ist, es zu sagen, als ob mir Hanneh, die schönste der Frauen, gestorben wäre!“

„Amad al Ghandur wurde mit Vorwürfen überhäuft. Er nahm sich das so zu Herzen, daß er seine Würde als Scheik freiwillig niederlegte; sie wurde einstimmig Malek, dem einstigen Scheik der Ateïbeh, dem Großvater Hannehs, zuerkannt. Nach dessen Tode wird mein Hadschi Halef Omar Scheik der Haddedihn sein.“

Abschied, „Sihdi, mein lieber, lieber Sihdi, mit dir geht mein halbes Leben fort; die andere Hälfte gehört Hanneh, meinem Weibe, und Kara Ben Halef, meinem Sohne [...] Gott sei bei dir - - allezeit, und - - - ich - - ich kann - - - nicht weiter - - - nicht - - - nicht weiter sprechen!“

Abschied, „auch mit Tränen im Auge“, von Kara Ben Halef, „Bleibe fromm und brav, und werde ein Mann wie dein Vater! Vielleicht sehen wir uns einmal wieder. Und solltest du einmal hinauf nach Kurdistan kommen, so steig auf die Felsenhöhe und grüß meinen Rih von mir!“