IN DEN SCHLUCHTEN DES BALKAN

Die Reise geht weiter. Zwischenzeitlich hat Karl May einige Kolportageromane geschrieben, zwischen der ersten Hälfte des Orientzyklus und der zweiten liegen ein paar Jahre. (Das ist vereinfacht ausgedrückt. Teilweise hat May an Kolportage und Weiterführung der Orientgeschichte parallel gearbeitet. Über Einzelheiten der Entstehungszeiten der Werke gibt es spezielle Aufstellungen.) Auch geographisch hat sich der Schauplatz etwas verändert, und die Atmosphäre ist ein wenig düsterer geworden (Balkan, "Wald und Höhle" usw. sind halt etwas anderes als Wüste, Sonne, Orient ...). Die "Hoch-Zeit" von "Durch die Wüste" ist, auch in Mays Leben, erst einmal vorbei.

Wieder gibt es etliche Abenteuer zu bestehen, bei der Verfolgung der Leute des Schut, die nun die Bände 4-6 bestimmt. Hierbei reihen sich manchmal Episoden aneinander, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun haben, bei der Vampir-Geschichte kann man gar den Eindruck haben, daß es sich um eine umgearbeitete Dorfgeschichte, möglicherweise von einem Schriftsteller-Kollegen abgeguckt, handelt. Spannend der Auftritt des Mübarek, der, nach Fortsetzungsroman-Tradition (so wirkt es in der Buchfassung, was indes ursprünglich kaum beabsichtigt gewesen sein dürfte), Appetit auf Band 5 macht.

 

Erstes Kapitel - Schimin, der Schmied

Der Orientzyklus wurde durch die Münchmeyerjahre unterbrochen, nur stockend ging es voran. „Der letzte Ritt“ begann bereits mit dem in Edirne spielenden Text, der am Schluß des Bandes „Von Bagdad nach Stambul“ steht.

Eine andere Atmosphäre als in den Bänden 1-3 herrscht nun, von Anfang an. Die Landschaft hat sich verändert, und auch die Stimmung. Es ist [gleichsam] dunkler geworden. Das Sonnige, die leuchtende Lebensfreude, die insbesondere den Band „Durch die Wüste“ in hohem Maße prägten, fehlt, kommt nur noch ansatzweise durch.

Beim Kjaja und seinem Nachtwächter ist eine in dieser Form neue, gesteigerte Großmannssucht des Erzählers zu spüren, man greift nun schnell zur Peitsche, wenn etwas nicht nach eigenem Gusto geht, sehr willkürlich und anmaßend. Das fällt auf, und nicht angenehm.

Der Schut, um den es nun drei Bände lang mehr oder weniger gehen wird, wird erstmals erwähnt.

Der sozusagen verräterische Fehler „Aller Lippen hingen jetzt an meinem Munde“ des Originals ist auf den Seiten der KMG, in HKA und Weltbild-Band stillschweigend auf „Aller Augen hingen jetzt an meinem Munde“ korrigiert, nur im Fehsenfeld-Reprint findet man ihn noch.

Anschließend ist Kara Ben Nemsi für eine Weile allein unterwegs, ohne die im Laufe der ersten Bände immer zahlreicher gewordenen Gefährten, auch das hat seinen Reiz.

Beim Rosenzüchter (eine der schönen, ruhigen Episoden ohne viel Aktion) geht es gleich mehrmals um die Seele, einmal in Zusammenhang mit Tabak („Er geht durch die Nase wie das Sonnenlicht durch die Röthe des Morgens. So schwebt die Seele des Gerechten in die sieben Himmel ein“), dann mit Rosenessenz („In diesem kleinen Fläschchen wohnen die Seelen von zehntausend Rosen“), schließlich in Sachen Mensch, nämlich Kara Ben Nemsi, „Deine Seele ist freundlich und hell; Dein Auge ist klar, und in Deinem Herzen lauert weder Gefahr noch Verrath“ sagt der Rosenzüchter über ihn, das hat er richtig gesehen, wenigstens, sagen wir, zur Hälfte …

Der Besuch bei Schimin dem Schmied ist zunächst unheimlich, da wird die Leiche eines riesigen Hundes mit eingeschlagenem Schädel gefunden, ein dunkles, stilles Haus umschlichen, zunächst nicht definierbare Laute gehört … alptraumhaft. Und Schmied nebst Frau wären da unten erstickt, wenn der Erzähler nicht gekommen wäre.

Der Schmied ist zu seiner Frau von angenehm auffallender Fürsorglichkeit und Zärtlichkeit, Erzähler May kann sich indes trotzdem nicht verkneifen, zu erwähnen, daß, als es dann um Tabak rauchen geht, dies dem guten Mann dann doch erst einmal wichtiger ist … er beobachtet die Dinge halt wie sie sind, nicht schwarz-weiß, und ohne zu werten.

„tausendfache Todesangst und Verdammniß für die Hunde!“ flucht der Schmied, als er erfährt, daß man seinem Hund den Schädel eingeschlagen hat; ob das Absicht (seitens May) ist, daß der Schmied, in Zusammenhang mit seinem betrauerten Hund, nun von den Verbrechern ausgerechnet als von Hunden spricht ? Wäre ein etwas kaputtes Witzchen; vermutlich eher Nachlässigkeit.

Die Sache mit der Koptscha hat er vermutlich einmal mehr aus 'der Residenz', und halt weit südlich verlegt … Auch Kümmelblättchen, Halbwelt, geschickt organisiertes Verbrechen usw. finden wir ja immer wieder auf allen Erdteilen bei Karl May (und im Leben).

Der Schmied macht Anmerkungen über Politik und Gesellschaft, die man ihm so nicht unbedingt zugetraut hätte, Kara Ben Nemsi will differenziert antworten, kommt aber nicht dazu, weil in dem Moment einer geritten kommt … auch später wird der Gesprächsfaden nicht wieder aufgenommen, ein geschickter dramaturgischer Kniff, so kann man sich heraushalten.

Der Färber Boschak, der hier auf interessante Art angekündigt und dann im zweiten Kapitel in Erscheinung treten wird, hat sein reales Vorbild sicher auch in des Erzählers Heimat, „Was thut denn der Mann?“; „Er ißt, trinkt, raucht und hält seinen Kef.“

 

Zweites Kapitel - Unter Paschern

„Der Prophet sagt: Wenn Du in Leiden fällst, so bedenke, daß es meist nicht Allah's Wille, sondern nur der deinige gewesen ist“, was Kara Ben Nemsi da offenbar aus dem Koran zitiert, deckt sich durchaus mit fortschrittlichen Erkenntnissen ganzheitlicher Medizin, freilich pflegen Krankheiten psychisch bedingt zu sein, nur sind sich die Betroffenen dessen halt meistens überhaupt nicht bewusst.

„Auch hat sie vor Allem dafür zu sorgen, daß kein Mensch erfährt, wir hätten einen Mann im Keller" ist mal wieder eine dieser allerliebsten Formulierungen, je nach Phantasie des Betrachters, in diesem Fall vielleicht nicht wirklich beabsichtigt.

„Dann ging's über die Brücke und linksum nach Südost, nicht, wie der Schmied gesagt hatte, nach Süden zu“, wieder so eine kleine Feinheit; die Menschen pflegen, selbst wenn wie in diesem Fall sympathisch und wohlwollend, unpräzise, unbedacht und letzten Endes nicht verlässlich zu sein, man kann sich nur auf sich selbst verlassen und macht am besten so weit wie möglich doch alles allein, eine jahrzehntelange Erfahrung des Autors wie des hier Vortragenden.

Die Sache mit dem Reiten im Gespräch zwischen Kolporteur Ali und Kara Ben Nemsi kann man getrost als Gleichnis betrachten, z.B. über das richtige Schreiben; der eine denkt der andere könne es nicht richtig, dabei macht der andere das, was der andere für Unbeholfenheit hält, durchaus [meistens …] mit Absicht so … Man erlebt es ja immer wieder, da formuliert einer kreativ, und dann kommt so ein nivellierendes Schulmeisterbewußtsein daher und meint, "korrigieren" zu müssen …

Der Dialog

„Aber sie ist das schönste Mädchen von Rumili.“

Ich machte eine Armbewegung gegen die Sonne und sagte:

„Eljoom ßob - heut ist es heiß!“

ist in seiner beredten Verschwiegenheit auch nicht übel, überhaupt zeigt sich Karl May in diesem Kapitel von bester Laune, sprühenden Ideen und wunderbaren Bemerkungen.

Und dann heiß die Gute auch noch Ikbala … wir erinnern uns, Ikbal, „um alles Leid der Erde zu vergessen“, Ardistan & Dschinnistan.

Noch ein Dialog zwischen Ali und Kara: Habe ich Recht?" - "Nein." - "Gut; ich will schweigen." - "Daran handeln Sie klug." Natürliche Autorität dessen, der nun mal besser 'durchblickt'; leider funktioniert das in der Realität so eher selten, nicht jeder ist so einsichtig wie dieser Ali ...

„Ich aber bete heimlich zu der großen Muhabbet ilahi [Göttlichen Liebe], ihn mir noch lange, lange zu erhalten“, angenehm konfessionsübergreifend, im Weltbild-Band steht allerdings nur die deutsche Bezeichnung „Großen Göttlichen Liebe“, was diesen Effekt noch verstärkt. Unangenehmerweise wird es aber unmittelbar direkt anschließend wieder einmal fatal moralinsäuerlich, von der „strafenden, vernichtenden Macht“ Gottes ist da die Rede, und es gibt ärgerlich undifferenzierte allgemeine Eltern-Beweihräucherung zu lesen. Karl May hätte es doch eigentlich besser wissen müssen.

Gottlob geht unser merkwürdiger Autor dann gleich wieder gutgelaunt zu entspannter Kasperei über, und seine Formulierungen sind wirklich herrlich, „zeigte es sich, daß auch weiterhin der Weg in verschiedenen Intervallen mit Gebäck interpunktirt war. Welch ein gesegnetes Land, dieses Rumelien! Ich ließ natürlich liegen, was am Boden lag, und trachtete darnach, den wohlthätigen Spender dieser nahrhaften Kommata zu erreichen“, auf so etwas muß man erst einmal kommen.

„Wäre sie ein Mann gewesen und beim verflossenen Leipziger Turnfeste erschienen, so hätte sie bei der bekannten 'dicken Riege' schon durch ihr bloßes Erscheinen jede Concurrenz und Rivalität aus dem Felde geschlagen. Da sie aber eine Dame war und ich mich gern für 'genteel' halten lasse, so sei von einer näheren Personalbeschreibung hiermit abgesehen.

Der Orientale mißt die Schönheit seines Weibes nach dem Lehrsatze: Radius mal Radius mal Ò, multiplizirt mit dem Quadrate des ganzen Durchmessers, gibt, in Millimetern ausgedrückt, die Kubikwurzel des Schönheitsgrades. Nach diesem Theorem enthielt die von Dornen eingefaßte Vertiefung einen Schatz von ungeheurem Werthe.“ Der Orientale in uns merkt auf.

„Ich hatte die Frau des Bojadschy Boschak vor mir, den ich besuchen wollte, die gute Frau, welche ihre Tochter beschützte, wenn diese mit dem Freier sprach.

O gute Erdbeere! Derjenige, dessen Liebe Du unter Deinen mütterlichen Fittich nimmst, hat Dich vor kaum einer Viertelstunde für einen Frosch, für eine Kröte und Deine hülfeflehende Stimme für den Ruf einer mit klebrigen Warzen bedeckten Unke gehalten! Hat die Liebe nicht mehr Instinkt? Vermag sie nicht, die Nähe der Beschützerin zu ahnen -?“ Solche durchaus nicht nur oberflächlichen Späßchen und sinnigen Bemerkungen gibt es in diesem Kapitel zuhauf, unser Autor ist merklich ebenso gut gelaunt wie abgeklärt. Die ganze Szene mit der wohlbeleibten Dame ist köstlich, das macht ihm so keiner nach.

„Wir schritten nun mit der halben Geschwindigkeit eines Leichenzuges weiter“, „Ja, Du hast Alles an mir gethan, was ich von Dir begehrte“, „Er nickte ihr verständnißvoll zu“ (im Kontext), herrlich. Auch das spätere Gespräch mit der Tochter und die Trinkszene, oder die Beschreibung des Bäckers, großartig. (Manchmal kommt man um regelrechte Schwärmerei nicht herum, wenn es um Karl May geht.)

"Ich weiß es nicht; aber Du und er, Ihr habt Euch sehr in Acht zu nehmen, und ich würde viele, viele Thränen vergießen, wenn ihm ein Leid geschähe."

"Ihm! Um mich aber würdest Du wohl nichts vergießen?"

"Du bist ja fremd!"

Und „Sie sagte das so aufrichtig, und das war so spassig, daß ich herzlich lachen musste“ konstatiert dann der Erzähler.

Das ist es, den Egoismus der Menschen erkennen, abgeklärt zur Kenntnis nehmen, nicht darunter leiden, noch ein verstecktes Witzchen einflechten und überhaupt mit Humor und ganz entspannt reagieren, von Karl May können wir noch lernen.

Daß aber Kara Ben Nemsi zuguterletzt in geradezu törichter Weise in eine Gefahr läuft, obwohl er ausdrücklich gewarnt wird (mehr davon im dritten Kapitel), passt eigentlich nicht recht zu unserem 'Helden' …

 

Drittes Kapitel - In Gefahr

Daß Kara Ben Nemsi ein wenig ängstlich ist („Ich hätte höchstens seinen Zorn oder gar seine Rachsucht herausgefordert. Und er sah mir ganz so aus, als ob er in einem solchen Falle geneigt sein würde, mich von der Güte seiner Waffen zu überzeugen“) ist eigentlich sonst nicht so seine Art; gelegentlich schreibt May auch schon mal so, wie er es halt gerade braucht für den Fortgang der Handlung. Auch der Leichtsinn, blindlings in die durchaus zu erahnende Falle zu tappen, geht in diese Richtung. Und dass der überrumpelte Held gleich mit der Pistole auf den Kopf des vermeintlichen Bettlers zielt, dem gegenüber er einen Augenblick vorher noch beträchtliches Mitgefühl zeigte, mutet trotz Notwehrsituation etwas seltsam an. Wie schrieb Wollschläger, die Kolportage verdarb ihm die Hand. (Natürlich nicht durchgehend, aber gelegentlich machen sich doch Schwächen bemerkbar, die vor der Kolportagezeit so noch nicht auftraten.)

Anschließend gibt es eine der im Werk des öfteren vorkommenden Nahtoderfahrungen zu erleben, diesmal besonders eindringlich geschildert. Dabei geht es nicht ohne Kalauerei ab („Ich war gestorben gewesen und hatte dies doch bemerkt“), was aber an der kundigen Schilderung der Erfahrung („indem ich jetzt wieder zur Erde niedersank, deutlicher und immer deutlicher, je mehr ich mich ihr näherte. . . . .

Und wunderbar! Ich sank durch das Dach der Hütte, auf das Laub des stinkenden Lagers, und da saßen sie noch“ …) nichts ändert. Das Beschriebene stimmt durchaus überein mit andernorts über solche Dinge gelesenem.

Der Erzähler wird von den finsteren Gesellen um ihn zur „Schaflaus“ (als Steigerung von Schafskopf und Schafskerl) ernannt, was er entsprechend launig kommentiert, überhaupt gehen in dieser Passage wahrlich unfrohes Erleben und lockere Plauderei Hand in Hand.

Die Angst vorm Lebendig-begraben-werden ist ein weiteres Thema, überzeugend geschildert und nicht ohne biographischen Hintergrund.

Aber dann erscheint Hadschi Halef auf der Bildfläche, und das ist für Autor wie Leser erleichternd. „Halef, ich lebe“, eine Stelle, die einen berührt, wenn man sich wie seinerzeit der Autor selber in die Situation so recht hineinversetzt.

Halef benutzt im Gespräch mit den bösen Buben ein Motiv aus 'Der Sohn des Bärenjägers', er selber jage die Bären, flunkert er zielgerichtet, seit ein Bär seine Tanten gefressen habe …(im 'Sohn des Bärenjägers' ist die entsprechende Stelle, wo es um ein kleines Mädchen geht, dessen Tötung da detailliert beschrieben wird, indes ganz und gar nicht lustig).

Kaum genesen bzw. „vom Tode erstanden“, legt Kara Ben Nemsi einen wahren Husarenritt über Stock und Stein hin und erschreckt nebenbei die Landbevölkerung. „Mein Rappe war mir mehr werth als sein Leben“, erfahren wir auch, bezüglich eines Übeltäters, „Gab er ihn nicht freiwillig auf, so war ihm die Kugel gewiß“.

Der Mann kommt denn auch tatsächlich zu Tode, indem er sich das Genick bricht, was unsere Helden aber nicht weiter beschäftigt. Halef verhöhnt den soeben Umgekommenen und macht ein paar Witzchen, und er und sein ebenso pragmatisch veranlagter Freund und Herr kommen gleich überein, die „Koptscha“ des Verblichenen, das Erkennungszeichen der finsteren Gesellen untereinander, an sich zu nehmen.

„Ihr Menschen, Ihr Unterthanen, Ihr Sklaven!“ (seitens des Ortsvorstehers an seine Mitbürger) als Beschimpfung ist auch nicht übel. Kara Ben Nemsi und Halef fühlen und zeigen sich mittlerweile als außerhalb jeglicher Gesetze stehende Herren über Leben und Tod („Ich werde Jeden, der mich verhindert, abzureisen, niederschießen oder ihm die Klinge geben“).

Dann gibt es eine einigermaßen anrührende Begegnung mit dem Vater Alis, bei der, einmal mehr im Gesamtwerk, eine Taschenuhr eine Rolle spielt. Auch eine notleidende Frau wird später gnädig bedacht. Diese Begegnungen haben keinerlei handlungsrelevante Funktion.

„Da endlich kam doch die angeborene Gutmüthigkeit zum Durchbruch!“ über den dicken Färber und Bäcker, der ihn immerhin in einen Hinterhalt hat laufen lassen und auch seinen Tod durchaus in Kauf genommen hätte ! Nicht nur der Bäcker, sondern auch seine Spießgesellen gehen samt und sonders straffrei aus, auch die Pascherei wird nicht angezeigt werden … Diese Neigung, Gauner laufen zu lassen, hat May ja sympathischerweise des öfteren im Gesamtwerk, aber hier hat es, da der Erzähler ja immerhin umgebracht werden sollte, einen irgendwie eigenartigen Beigeschmack, und vielleicht mit mangelnder Selbstachtung nach der Zeit der Münchmeyerei zu tun; Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, könnte man etwas übertrieben (?) veranschaulichend sagen.

Das Reisgericht zur Versöhnung wird gar unappetitlich zubereitet, „Ich verzichtete, weiter in die Küchengeheimnisse der Färbersleute einzudringen, und zog mich schaudernd in das Haus zurück“. Es gibt außerdem Bock statt Ziege, da haben wir diese vertauschten Viecher schon wieder; in dem Zusammenhang äußert Hadschi Halef den bemerkenswerten Satz "Ziege oder Bock - das ist gleichgültig, Sihdi; der Braten wird uns doch schmecken", womit er gleich auch noch einen May-Titel zitiert. (Eine Humoreske heißt so).

Wir erleben noch ein hübsches Back-Intermezzo mit der Tochter des Hauses, einen ziemlich sinnlosen längeren Dialog mit einem der Gauner, und dann geht es weiter, vorerst wieder ohne die Gefährten, dafür mit Schimin, dem Schmied. Mit ihm wird (im nächsten Kapitel) das im zweiten Kapitel unterbrochene Gespräch fortgesetzt werden.

 

Viertes Kapitel - Alte Bekanntschaft

Kara Ben Nemsi führt mit Schimin dem Schmied auf nächtlichem Ritt eines seiner Religionsgespräche. „Ich erzählend und er still zuhörend. Nur zuweilen warf er eine kurze Frage ein oder sprach ein Wort der Verwunderung aus. Wir ritten im schärfsten Trabe, und er hatte sehr zu thun, sich an meiner Seite zu halten. Dennoch achtete er mehr auf meine Worte als auf Pferd und Weg, und da kam es vor, daß er bei einem Stolpern oder bei einem unerwarteten Sprung seines Gaules den Bügel verlor und dabei ein Kraftwort ausrief, welches zu dem Inhalte meiner Erzählung keine ganz passende Interjektion bildete.“ Eine sehr interessante Stelle. Man stelle sich das so auf Leinwand oder Bühne oder auch einfach in der Phantasie richtig vor, der eine erzählt von großen Worten und schönen Dingen, und der andere raunzt immer wieder Kraftworte dazwischen. Die mögen sich zwar eigentlich auf etwas anderes beziehen, aber gehen wir mal davon aus, daß, wer sich als Autor so etwas ausdenkt, zu so einem Bild greift, sich etwas dabei gedacht hat. Und das so gekonnt versteckt, daß offenbar nicht einmal die „Hausschatz“-Redaktion Verdacht geschöpft hat, und Generationen von Lesern vermutlich einfach über die Stelle hinweggelesen.

Die eigene Religiosität dergestalt kritisch zu hinterfragen, schließt nun nicht aus, diese Dinge andererseits durchaus sehr ernstzunehmen, so einfach schwarz oder weiß ist das ja alles nun bekanntlich nicht im Leben, und so ist Kara Ben Nemsis Leseempfehlung in Sachen Neues Testament durchaus nachvollziehbar. („Nicht ein Märchen wirst Du lesen, sondern die Wahrheit […] Deine Seele dürstet nach ihr, und Du sollst sie haben. […] es enthält den größten Reichthum, den die Erde bietet, nämlich den Weg zur Seligkeit. Der heilige Apostel sagt, man solle in dieser Schrift suchen und forschen, da sie das ewige Leben enthalte. Mögest Du Dir dieses Leben daraus erforschen!“)

Schimin verabschiedet sich, und Kara Ben Nemsi ist wieder allein, das kommt des öfteren vor in diesem Band. Er erreicht einen der diversen Gasthöfe, die er im Laufe des Balkan-Abenteuers besuchen wird. „Ich grüßte. Sie glotzte mich mit großen, dummen Augen an und antwortete nicht“, moderne Bearbeitungen von Mays Stoffen könnten auch in Kantinen, Autobahnraststätten u.ä. spielen, und man könnte den einen oder anderen Satz wie diesen wörtlich so stehen lassen.

So recht appetitlich geht es auch nicht immer zu bei ihm, „Die Frau rührte noch immer. Ihre Unterlippe hing weit herab, und davon tropfte es in den Milchkübel hinein. Ich wendete mich ab und blickte zu einem der Löcher hinaus, welche hier Fenster genannt werden“, die Welt ist schön, Mylord, aber halt nicht immer und nicht durchgängig.

'Sex & Crime', wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, „Sie trug nur den Rock“ und wird ausgepeitscht, die arme Magd, nur weil sie mit einem Gast geflirtet hat; der Wirt hätte sie wohl lieber für sich allein gehabt.

Wir erleben schon den dritten Kjaja in diesem Band, es sind natürlich alles lächerliche Figuren, und die Nummer mit dem Paß kommt auch wieder einmal vor, unser Autor hat einiges zu kompensieren.

„denn wer die Eltern liebt und achtet, auf dem ruht Allah's Wohlgefallen“, Vergleichbares kommt so oft vor, daß es einem auf den Wecker gehen kann; hat der „Hausschatz“ solches eingefordert, wollte er (May) gegenteilige Anwandlungen schönreden oder wegschreiben, oder sah er es wirklich so ? Gegen dieses Lieben und Achten spricht nun wirklich nichts, aber zu dieser Erkenntnis muß jeder selber kommen, ggf. nach langem Ringen nebst Irrungen und Wirrungen, und das kann man nicht einfach so ohne jegliche Begründung als sozusagen gottgegeben einfordern, dann wäre es nämlich einfach nur leeres, unreflektiertes Gerede.

Die Gefährten stellen sich wieder ein, und dann treffen wir unseren Freund Martin Albani wieder, es war so schön damals in Dschidda, und ist es auch jetzt wieder, Musik und Gesang aus der Heimat im Hof des düsteren Gasthofes auf dem Balkan, mag man es für kitschig und schlicht und sentimental halten, das Herz geht auf bei solchen Stellen. Herrlich zu lesen; mögen andere denken was sie wollen.

Großartig auch der Dialog über die abhanden gekommene Brieftasche, so etwas ist wahre Situationskomik, ganz fein und dezent, da müssen keine Torten fliegen, und die unterschwellige Komik muß man auch nicht weiter erklären, es ist eh nur für zwei oder drei von zehn oder hundert Lesern, die dafür ein Gespür haben, und beim Rest helfen auch keine Erklärungen.

„Wir haben also doch auf unserer Hut zu sein. Wir sind in das Loch der Hyäne gekrochen, um mit ihr zu schlafen. Wollen sehen, ob wir glücklich wieder herauskommen!“, man landet wirklich an üblen Orten in diesem Band, der Autor mag hier zweifelhafte Erfahrungen aus seiner Vagabundenzeit verarbeitet haben.

Albani habe, so erfahren wir vorzeitig, „nicht mehr lange gejodelt“. „Er war ein leichtlebiger, unvorsichtiger Mensch […] Von dieser Reise ist er freilich glücklich zurückgekehrt, hat aber kurze Zeit darauf während des Badens im Meere seinen Tod gefunden.“ Schade eigentlich. Wirklich.

 

Fünftes Kapitel – Im Taubenschlag

„Man muß die Leute nach ihrer rechten Art zu behandeln wissen“, das ist zwar im Prinzip richtig, aber hier übertreibt es Kara Ben May mit seiner Großmannssucht denn nun doch. (Er lässt Halef einen Mann peitschen, der nicht so wollte, wie er wohl wollte.)

Die Episode um den Altar der Christin hat mit der übrigen Handlung so gut wie nichts zu tun, das erleben wir öfter in diesem Band. Eine Aneinanderreihung von Einzelgeschichten.

Ein Einsiedler und Menschenfeind sei der Hauptmann, dem die Frau gestorben ist, lesen wir; diesem Typus begegnet man des öfteren bei May.

„Mir wurde so weh“, schreibt der Erzähler angesichts der zum Erbarmen weinenden Menschen, und erwähnt auch die Tränen in den eigenen Augen. Der Satz „Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an“ eines anderen Dichters kann einem spontan einfallen. Die Frau hat ihren Glauben mit dem Leben gebüßt, und die Reue ihres Mannes kommt zu spät. Auch die Knaben können sich nicht beruhigen, „Ihr Weinen war herzerschütternd; ich mußte gehen, um nicht auch laut zu schluchzen“.

Es gibt ein weiteres Religionsgespräch, „sein Herz war geöffnet, und ich versuchte es, das Samenkorn hineinzulegen, so gut ich es vermochte, in der Hoffnung, daß es aufgehen und Früchte bringen würde“.

Albani wird leider in Melnik einfach sozusagen vergessen, „Da Albani den Pferdebesitzer ablohnte und er also nun allein war, fand er ein Unterkommen“ lesen wir noch, danach hören wir nicht mehr von ihm.

Die Großmannssucht und das Bedürfnis, den 'dicken Wilhelm' zu geben, verraten sich auch bei so unspektakulären Veranstaltungen wie dem Schattenspiel auf dem Jahrmarkt, „Es schien unmöglich zu sein, Platz zu bekommen, aber mit Hülfe der Ellbogen, die ich ganz rücksichtslos in Thätigkeit setzte, gelangten wir doch bis an die Grenze der Möglichkeit“. Er hält offenbar auch nicht allzu viel von den anwesenden Mitgeschöpfen, „Jetzt setzte sich das Menschen-Gelee in Bewegung und löste sich langsam in einzelne Personen auf. Draußen angelangt, holte ich zunächst tief Athem“.

Das Verhältnis zu Rih ist wirklich recht innig, „Ich liebkosete seinen Kopf; er pflegte dann gewöhnlich die feine Nase an meiner Achsel zu reiben und mich auf die Wange zu küssen - denn ein Pferd küßt auch“.

„'Hasa nassieb - das ist Gottes Schickung!' sagte Halef. Er hatte Recht. Eben diese alte Dienerin, diese treue, wenn auch heimliche Christin, mußte sich da drüben bei dem Fruchthändler befinden!“ Das ist der einzige Anknüpfungspunkt zur Altar-Episode.

„Der Muhammedaner kennt zwar das Wort Wakaa [Zufall], aber er bezeichnet damit Etwas, was Andersgläubige für möglich halten, er niemals. Die Worte Taktir, Kismet, Kader [Schickung Gottes, Fügung des Schicksals], welche das Entgegengesetzte bezeichnen, sind ihm heilig.“ Womit er sich dem westlichen verstandesorientierten, „wissenschaftlich“ geprägten Menschen als überlegen erweisen dürfte.

Die Geschichte mit dem Taubenschlag mag komisch finden wer will, sie ist spannend (immer wieder), aber nicht komisch … Die unausgesprochenen unterschwelligen Dinge in Dialogen (wie mit Albani über die Brieftasche) oder die zahlreichen launigen Bemerkungen sind viel komischer. „Hier waren die Vögel des Ölzweiges aus- und eingeschlüpft“, diese Formulierung im unmittelbaren Zusammenhang mit dem entsetzlichen Geruch, das z.B. ist viel komischer als wenn da einer mit großem Getöse durch die Bretter bricht. Aber jeder Jeck ist und empfindet wohl anders.

 

Sechstes Kapitel – Ein Vampyr

Noch immer vom Vogelkot überzogen, sind die Helden zur Weiterreise aufgebrochen … selbst dass sie es in diesem Zustand unterwegs mit anderen Menschen zu tun haben, nehmen sie in Kauf.

„Halef war ein vollständig furchtloser Mensch“. Und eben keinesfalls eine Witzfigur, wir erinnern uns an manche Debatte …

„Dabei saßen die Fleischer - wilde, schmutzige, fetttriefende Gesellen. Die Feuer leuchteten weit hinaus in das Feld und ließen alle Gegenstände in grotesker Gestalt erscheinen“. Orte und Begegnungen haben oft etwas Alptraumhaftes in diesem Band, und die verzerrte [oder besser: weitergehende ...] Wahrnehmung war darüber hinaus wohl lebenslang Mays Thema …

Wir werden Zeuge einer grausigen Schlachterszene, auch die hat keinen Bezug zur Haupthandlung, May teilt uns halt mit, was ihn so umtreibt oder beschäftigt, in diesem Band ist es besonders abwechslungsreich oder auch bunt zusammengestellt.

Auch der nächste Einkehrort ist wieder recht ekelhaft. „In dem kleinen, schwarz geräucherten Raum saßen mehrere Männer. Der Eine war sehr eifrig beschäftigt, sich mit einem Dolchmesser die Nägel seiner Zehen zu verschneiden. Neben ihm hockte ein Zweiter, welcher einen Gegenstand in der Hand hatte, der vor langen Jahren wahrscheinlich einmal eine Bürste gewesen war, und rieb sich damit dasjenige Kleidungsstück, welches wohl nur er eine Hose nannte. Dieses Beinkleid war so voll von Schmutz, und der Besitzer arbeitete mit solchem Nachdruck, daß er in eine dichte Staubwolke gehüllt war. Ihnen gegenüber hatte ein Dritter einen Napf voll Milch zwischen den ausgestreckten Beinen und schabte an der Schneide seines Messers Knoblauch, den er in die Milch that. An der dritten Wand saß ein Vierter auf dem Boden und hatte den Kopf eines Fünften, den er rasirte, im Schooße liegen. Dieser Fünfte war ein bärtiger Arnaut. Er trug nur auf der Mitte des völlig eingeseiften Schädels einen Haarbüschel. Der Barbier strich Alles, was er von dem Hirnschädel des Genannten schabte, ganz gemächlich an die Wand“ …

Anschließend aber wieder eine dieser Idyllen bei armen Leuten, eine Stelle aus dem „Weg zum Glück“ mit blankgeputztem Tisch, Armut und dem „lieben Herrgott“ fällt dazu ein; „Ich kann bei keinem Kummer, bei keiner Entsagung den kalten, ruhigen Zuschauer machen“, nun, wenn wir so an die eine oder andere zynische Beobachtung denken wie z.B. die Beschreibung der Masell Rosine aus „Unter den Werbern“, nehmen wir ihm das nicht so recht ab …

Die ganze Vampyr-Geschichte könnte eine eingearbeitete Dorfgeschichte sein, möglicherweise bei einem anderen Autor abgeschaut. - Das Kapitel endet mit einem alkoholischen Umtrunk unter Moslems. - An dieser Stelle war seinerzeit im „Deutschen Hausschatz“ die Erzählung „Der letzte Ritt“ zu Ende, obwohl die Gejagten alle noch immer auf freiem Fuß waren und auch noch lange kein Schut in Sicht … Erst mit „Durch das Land der Skipetaren“ (das ursprünglich schon im späteren 4. Band anfing) sollte es nach einer Unterbrechung weitergehen.

 

Siebentes Kapitel - Im Konak von Dabila

"Die unter dem Scepter des Sultans befindlichen Länder gehören zu denjenigen, in welchen der Reisende zu seinem Leidwesen und vielleicht auch zu seinem Schaden sehr oft erfährt, daß die Karten, deren er sich nothwendigerweise bedienen muß, nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen."

Wenn man gewohnt ist, Karl May auf mehreren Ebenen zu lesen, fällt einem selbst ein solcher Kapitel-Beginn auf ... die Länder, um die es im übertragenen Sinne gehen kann, müssen keineswegs so fern liegen, und auch die Karten müssen keine wirklichen Karten sein, man könnte auch allgemeiner von Medien sprechen.

"Zu einem guten Kartenleser gehört schon Etwas; aber selbst ein solcher findet sich gar oft in größter Verlegenheit, wenn er den Fehler begeht, sich der wahrheitswidrigen Zeichnung anzuvertrauen."

Der Hof, in den die Gefährten reiten, liegt voller Sch ... ("wadeten unsere Pferde bereits in den tiefen vegetabilischen und animalischen Resten, welche ihre Gegenwart den Geruchsorganen in nicht gerade lieblicher Weise bemerkbar machten"), und wir erleben folgenden Dialog:

"Wer sich hier niederlegt, der liegt sehr weich. Sihdi, willst Du es versuchen?"

"Du bist mein Freund und Beschützer; ich werde thun, was Du mir vormachst"

gefolgt von "Damit war unser Gedankenaustausch zu Ende".

"Alemanja, wo alle Leute Bier trinken. Sogar die Säuglinge schreien schon danach", Übertreiben veranschaulicht.

Kara Ben Nemsi wird für einen Polizisten gehalten, "Deine Person paßt dazu, und Du sprichst wie Einer, welcher Alles ganz genau weiß, bevor er es gesagt bekommt." Er wäre sicher nicht der schlechteste gewesen.

Halefs Reaktion auf die ungewohnten Servietten ist auch nicht übel, "die vornehmen Leute müssen doch rechte Tolpatsche sein, wenn sie besondere Vorhänge brauchen, um die Speisen in den Mund zu bringen und sie nicht auf die Kleider zu schütten."

Nachdem sich alle brav die Tücher umgebunden haben, sinniert der Erzähler "so saßen wir nun da, wie Kinder, welche von der vortrefflichen Mama den dicken Milchbrei eingestopft bekommen." Die kindlichen Züge bzw. Bedürfnisse kommen halt immer wieder mal durch ...

"Es gibt eben Dinge, welche man, unbeschadet seiner Ehre und seines Selbstgefühles, ganz wohl thun kann, aber - wissen lassen darf man es nicht. Zu diesen Dingen gehört jedenfalls auch das Lauschen." Wir erinnern uns, schon irgendwo in den 'Geographischen Predigten' den eingestreuten Hinweis auf das elfte Gebot, man dürfe sich nicht erwischen lassen, gefunden zu haben ...

"Das Trinken am Geburtstag ist ein böses Ding. Man trinkt sich da sehr leicht einen Rausch an, in Folge dessen man gern bis in den Tag hinein schläft" sagt einer, und der Erzähler wirft ein

"Das klang grad so, als ob ich mich im lieben deutschen Reich befände, wo sich ganz dieselben Anschauungen vorfinden sollen."

Daß Halef unter anderem auch eine Ich-Spiegelung des Erzählers ist, wird an einer Stelle ganz nebenbei hübsch deutlich, "Gebratenes Huhn war sein ganzes Leben!" heißt es da über ihn, und bekanntlich teilte er diese Vorliebe mit seinem Autor.

Auf Bedenken in Sachen Geister antwortet Kara Ben Nemsi "Die Geister meines Vaterlandes bringen keinen Menschen um. Sie sind sehr friedfertiger Natur. Es gibt ihrer drei Arten. Man nennt sie Plagegeister, Schöngeister und Salmiakgeister. Nur die erstere Sorte kann unbequem werden. Die Andern thun nichts."

Er kennt zwar den Mübarek nicht, weiß aber recht genau, wie es in dessen Gemach aussieht, und erklärt das mit den hübschen Worten "Das kommt daher, weil ich andere Mübareks kennen gelernt habe."

Halef peitscht einen Polizisten aus, klammheimlich freut sich der Erzähler darüber, nimmt die Sache aber trotzdem zum Anlaß, Halef einmal ordentlich ein schlechtes Gewissen zu bereiten, sozusagen aus pädagogischen Gründen. "Im Stillen freute ich mich darüber, daß er den faulen Polizisten so wacker durchgebläut hatte, und ich war, was sich von selbst verstand, entschlossen, die Folgen von ihm abzulenken. Aber ich hielt es für gerathen, seiner Thatenlust und Thaten-Eiligkeit einen kleinen Dämpfer aufzusetzen."

 

Achtes Kapitel - Ein Heiliger

"Das ist Ostromdscha,", sagt sein Begleiter, und Kara Ben Nemsi wirft ein "Auch Strumnitza genannt, nach dem Fluß, der nahe an der Stadt vorüberfließt", verrät aber dem Leser: "fügte ich bei, meine ganze Geographie-Kenntniß erschöpfend". Sehr hübsch.

In Sachen Halef: "Der Blick voll inniger Liebe und Treue, fast möchte ich sagen Hundetreue, welchen er mir dabei zaghaft zuwarf, drang mir tief zu Herzen. Was für ein herrliches Gut ist es doch um das Glück, einen solchen treuen Freund zu besitzen!" Hm. Ohne die "Hundetreue" würde die Stelle besser gefallen ...

Den Mübarek will er in Mekka gesehen haben, das wäre zwar nicht unbedingt sechs Jahre her innerhalb der Handlung, aber da es ca. sechs Jahre früher geschrieben wurde, kommt es wieder hin ... (So muß man das halt sehen. Nicht erbsenzählerisch ...)

Über eine Frau: "O Himmel! Welch' ein Antlitz erblickte ich! Die Visage eines tätowirten Südseeinsulaners ist das reine Schönheitsideal dagegen." Sein Humor gerät ihm nicht immer allzu herzenswarm oder auch menschenfreundlich ...

Und auch nicht allzu frauenfreundlich; "Du weißt jetzt, daß ich Erbse heiße. Er nennt mich aber bereits seit langer Zeit nur seine alte Schote. Ist das nicht kränkend?" "Aber ich will ihm zeigen und beweisen, daß ich keine alte Schote bin."

"Es war kein Leichtes, ernst zu bleiben."

Der Erzähler gibt dezente Tipps, so sagt er, daß "ein von dem Zorn bewegtes Frauenantlitz einem schmutzigen Sack gleiche, welcher mit Fröschen und Kröten gefüllt ist. Der Sack befindet sich in steter Bewegung, weil diese häßlichen Thiere niemals Ruhe halten." Worauf die gute Frau "Auch ich habe stets dasselbe gedacht, und darum befleißige ich mich einer steten Ruhe meines tiefen Gemüthes. Aber mein Mann ist keineswegs damit einverstanden. Er wünscht im Gegentheil, daß ich lebhafter sein solle" entgegnet ... Es ist nicht einfach ...

"Er ging vorüber, wie ein Dalai-Lama, für welchen andere Menschen so verächtliche Geschöpfe sind, daß sein Blick sie gar nicht zu bemerken vermag." Nicht mehr ganz aktuell angesichts des dauerlächelnden freundlichen Herrn unserer Tage ...

Von dem Aberglauben der Leute hält KBN überhaupt nichts, es platzt ihm der Kragen und er schießt einen Vogel, den vermeintlichen Diener des Mübarek, einfach ab, "O, was seid Ihr doch für dumme Menschen!"

Deswegen ihn nun für ausschließlich ganz bodenständig irdisch orientiert zu halten, wäre indes falsch,

"Die heilige Schrift lehrt, daß Gott in einem Licht wohnt, zu welchem kein irdisches Geschöpf kommen kann."

Die Wohnung der armen Frau erinnert an eine aus dem "Verlornen Sohn"; "kurz und gut, es war entsetzlich."

Wir erfahren, "daß das Laub der Birke den Rheumatismus heilt." Die anschließenden überzeugend klingenden konkreten Ratschläge zur Anwendung reizen geradezu zum Ausprobieren.

Der Gasthof heißt übersetzt "Zum roten Ochsen". "Das klang mir lieblich in die Ohren, wie Gungl's Heimatklänge." Manchmal wird es recht deutlich, daß eigentlich deutsche Begebenheiten in orientalischem Gewand geschildert werden.

Dann wieder einmal eine Szene 'absurdes Theater'; "Nun !" - "Nimm !" (Der Polizist versucht ein gestrenges Verhör. Halef reicht ihm einfach Essen hin und der Mann greift ordentlich zu ...) Auch der anschließende Dialog ... "Er war weg, vollständig weg."

"Die sind verrückt!" "Gewiß." - "Es herrschte also eine geradezu beglückende Einheit der Ansichten unter diesen lieben Leuten."

Die Verwandlung des Mübarek in den Bettler und wieder zurück zwecks kriminellen Tuns kommt Halef "so fremd, so unbegreiflich vor, fast wie ein Märchen", worauf der Erzähler ihm versichert "Das glaube ich Dir gern. In den großen Städten des Abendlandes kommen noch ganz andere Sachen vor." ...