ABU KITAL

„Es war in meiner ersten Haddedihnzeit“ beginnt, nach einer einleitenden Bemerkung, ein später Text Karl Mays von 1907, und endet eine halbe Seite später auch wieder mit denselben Worten.

„Abu Kital“ steht darüber, und da May beabsichtigte, sich mit dieser Figur über sein „Babel und Bibel“ hinaus noch in größerem Stil auseinanderzusetzen, kann man annehmen, dass diese Zeilen ursprünglich der Anfang zu einem nie zustande gekommenen Text sein sollten.

Andererseits – hat er nicht auch zu „Am Jenseits“ eine Fortsetzung angekündigt und nie verfasst ? Vielleicht, weil er sah, dass das eigentlich nicht nötig, oder, nicht sinnvoll, war ? Endete nicht eine erste Fassung von „Ardistan & Dschinnistan“ mit den Worten „Das Weitere liest man später. --- “ und die endgültige Fassung mit „ Wir aber wendeten unsern weitern Aufstieg nun den Bergen, über deren Pässe der Weg nach Dschinnistan führte, und unsrem hohen, weiteren Ziele zu. --- “ ? (was in beiden Fällen unvollendet wirkte oder wirken sollte).

Man kann bei wiederholtem Lesen von „Abu Kital“ irgendwann den Eindruck bekommen, das Ding sei fertig, da fehle nichts mehr. Es kommt zwar Abu Kital ebenso wenig vor wie der Mir von Dschinnistan ausdrücklich im gleichnamigen Buch oder Godot beim Warten auf denselben, aber der Text wirkt gleichwohl auch in sich eigenständig.

Als ob der alte May Rückschau hält auf Werk und Leben, gleichsam alles in diesen wenigen Zeilen noch einmal vor sich sehend, alles in wenigen Worten, vieles unausgesprochen lassend, begründend.

Solche Beispiele kurzer, kunstvoller, nicht unbedingt allgemeinverständlicher Prosa gibt es in der Literatur viele, man denke z.B. an Kafka, oder auch Zen-Haikus … Und dass er Karl May für einen Dichter hielt, ging nicht nur dem Berliner Richter im Lebius-Prozeß so.

Man muss das nicht so sehen, aber man kann.

Der Text, der im Anhang des Reprint-Bandes „Ardistan & Dschinnistan I“ des KMV nachzulesen ist (oder beim Verlag auch als lose Blättchen für ein paar Euro erhältlich) eignet sich hervorragend, einer Gesamtausgabe im Originaltext vorangestellt zu werden.  [Nur ist mit dem Erscheinen einer solchen nicht mehr zu rechnen …]

 

ANGE ET DIABLE

Dieser Text setzt sich auf angenehm hemdsärmelige und respektlose Weise sozusagen mit Tod und Teufel auseinander, und Karl May vertritt aufs erfrischendste eine wesentlich differenziertere Weltanschauung als später zu Zeiten manchmal regelrecht korrumpiert aufgesetzt wirkender Frömmelei.

"Wie nun das Kind eines Vaters bedarf, in welchem es den Herrn über alle seinem Gesichtskreis nahe liegenden Erscheinungen und Verhältnisse sieht, wie manche Erzieher ferner eines bösen Wesens bedürfen, mit welchem sie gleichsam als Popanz den Zögling von bösen Wegen und Thaten abzuschrecken vermeinen, so bedurfte auch der Mensch auf der Stufe seiner Kindheit eines allmächtigen etc. Vaters, den er Gott nannte, und so stellten auch die damaligen Erzieher eine Krautscheuche ins Feld, welcher sie den Namen Teufel gaben.

Je mehr sich aber der Mensch entwickelt, desto mehr kommt er zu der Erkenntniß, daß Vieles, was er außer sich gesucht hat, in ihm selber wohnt und lebt, und so wird und muß auch einst die Zeit kommen, in welcher er seinen Gott in sich selbst fühlt und findet und den Teufel in die Rumpelkammer unter das alte Eisen wirft. Kirchen, Pagoden, Synagogen etc. werden verschwinden; Tauf- und Confirmationsscheine wird selbst ein Antiquitäten- oder Raritätensammler kaum aufzuweisen haben, und der aufgeklärte Mensch wird mit demselben Gefühle in die Vergangenheit zurückblicken, mit welchem der geschulte Reiter an den Augenblick denkt, an welchem er sich das Hosenkreuz zerplatzte, als ihn das Pferd zum ersten Male abwarf.
[…]
und wer den Teufel in die Buttermilch wirft, der stößt auch die Dogmen unsrer Bibellehre um."

Aus seinen Werken kann der geneigte Leser solches später nur noch bei genauem Hinschauen herauslesen, hier steht es schwarz auf weiß.

 

ANTWORTSCHREIBEN AN O. ERDMANN ZU HOFGEISMAR BEI KASSEL

Wenn der Hobbel- oder auch Hobble- Frank „eene meiner berühmten metaphystischen Feiertagsantworten“ von sich gibt, pflegt die geneigte Aufmerksamkeit sich zu lohnen.

Der „unbewußte Mitarbeiter und Ehrenritter“ der Knabenzeitschrift möchte „alle Abonnenten desselben mit meiner Gnade und Barmherzigkeet beschtrahlen und zu mir erheben“, das verstehen wir, und auch der Angeredete soll „ooch du off der Ruine von Schönburg oder Schöneberg bei Hofgeismar mal wonnevoll in meiner beglückenden Protektion schwelgen, falls mir nämlich das bekannte polygonisch-obschtinate Setzerlehrlingelchen nich meine geistvolle Orthographie und Konterpunktion verdirbt“, diese Gefahr besteht immer, wie die Erfahrung lehrt.

Anschließend erzählt er dann ganz gewaltig einen vom Pferd, bzw., in diesem Fall eher von der Kuh. Es war schön, mal wieder von ihm gehört zu haben. Seine Ankündigung, zukünftig werde vielleicht nicht mehr Old Shatterhand über ihn schreiben, sondern er selber das erledigen, ist leider dann doch nie so recht Wirklichkeit geworden. Hobble pur und ohne Filter, das wäre nicht übel gewesen.

 

AUF TAUSENDE VON ANFRAGEN

Dieser kurze Text ist unter anderem im Jubiläums-Bildband „Karl May“ von Gerhard Klußmeier und Hainer Plaul, Olms-Verlag, 2. erweiterte Neuauflage, auf S. 127 wiedergegeben. Karl May informierte seine Leser über die neue Buchausgabe.

Hier findet sich schon die Formulierung „Meine gesammelten Werke“, Fehsenfelds Verlagsbuchhandlung wird als „rühmlichst bekannt“ bezeichnet, und

„wollen Sie sich gütigst entweder direkt oder durch die Ihnen nächste Buchhandlung an diese Firma, welche ich Ihnen aus vollster Ueberzeugung empfehle, wenden“

weist gleichsam auf heutige Zeiten voraus, wo es auch wieder sehr schwer geworden ist, die Bücher direkt beim Händler zu erhalten; der Trend geht mehr und mehr dahin, dass man sie bestellen muß. Aber wir sehen, es ist alles schon dagewesen.

*

Schön, daß Karl May vor hundert und mehr Jahren diesen beglückenden Durchbruch erleben durfte.

 

DIE BEIDEN KULLEDSCHI

Es handelt sich um einen der für Zeitschriften geschriebenen kleinen Texte zu vorgegebenen Bildern. Während aber in vergleichbaren Fällen, so „Sklavenrache“ und vor allem „Maghreb-el-aksa“, eine ganze Menge Karl May in den kleinen Texten zu finden ist, sein untrüglicher Blick für die Dinge, seine differenzierte Anschauungsweise, seine ganz spezielle, eigenartige Mentalität, findet sich hier von alledem nichts oder sagen wir, herzlich wenig. Und die aus Schulzeiten bekannte alberne Frage „Was will uns der Dichter damit sagen ?“kann man sich hier wirklich stellen. Allenfalls die Petitesse, dass der 'Gutmensch' am Ende, als der 'Schlechtmensch' bestraft ist, seitens der Obrigkeit geradezu dazu angehalten wird, den Weg der hundertprozentigen Seriosität nun doch mal ausnahmsweise und vorübergehend ein wenig zu verlassen, mag einem auffallen. Ansonsten: Achselzucken.

 

BETE UND ARBEITE

Die Worte dieses Titel, auch lateinisch als „Ora et labora“ bekannt, mag sich jeder nach seiner Fasson für sich übersetzen oder übertragen, z.B., sei demütig, nicht vor Menschen aber vor der Schöpfung, und erweitere dein Bewusstsein und deine Erkenntnis. Das lohnt sich, in Gegensatz zu so vielem anderen, das sich, wahrlich, nicht lohnt.

„Welches ist die Aufgabe des Menschen ?“, so beginnt der kurze Text. Mit Geschick, Fleiß und Trickserei im Rattenrennen der westlichen Welt lebenslang um Sieg und Platz zu kämpfen und sich abzumühen für Nichts, Schall, Rauch und wieder Nichts, das wohl nicht.

Wenn man sie richtig liest, diese Mayschen Moralpredigten, dann kann man ihnen auch hinter ihren des öfteren blumig-schwülstigen Formulierungen durchaus etwas abgewinnen, man muß sich halt ein bisschen Mühe geben, den sprichwörtlichen guten Willen mitbringen, dann erweisen sich die Texte als gar nicht so hanebüchen, als wie man sie abzutun geneigt sein mag.

„Kein Kniebeugen, kein Händefalten, kein Augenverdrehen bringt uns zur Vollkommenheit“.

„Bete und arbeite, das heißt: bete, indem du arbeitest; Arbeit ist das beste Gebet !“

Und zu einer möglichen Definition von Arbeit siehe oben, womit auch diese kleine Rezension, wie das mantrische Ora et labora, an ihrem Ende wieder an ihrem Anfang wäre.

 

BISCHARI-LAGER

Den Brief an die Pfälzer Zeitung vom Juni 1899 (aus dem Orient) unterschreibt Karl May mit „Kara Ben Nemsi Effendi“ und ist auch ansonsten noch weitgehend ganz der Alte, was sich ja im Laufe der Reise bekanntlich noch ändern sollte.

Eine hübsche Definition zum „Jugendschriftsteller“ lesen wir: „Ich schreibe für Alle, deren Herzen noch nicht alt geworden und vertrocknet sind“, und „So ein Eingetrockneter mag raisonnieren; wenn er Etwas mit mir zu schaffen hat, so ich doch nichts mit ihm.“ [Wir denken ggf. an diesen und jenen.]

„Täglich kommen neue Anschauungen und neue Gedanken; täglich öffnen sich neue Gesichtspunkte“. Das sollte auch noch so weitergehen, allerdings in einer für unseren Autor so zunächst nicht vorausgesehenen Art und Weise. Die Reise wurde ja zu einer Art Geisterschmiede der besonderen Art.

„Lieber Herr, man ahnt gar nicht, was man, wenn man guten Willens ist, von diesen „sogenannten“ Wilden oder Halbwilden lernen kann ! Gibt es vielleicht auch nur „sogenannte“ Civilisierte, und „sogenannte“ Christen ?“

Vielleicht. Aber schon Karl May tat, nach eigener Einschätzung, gut daran, die Beantwortung der Frage tunlichst seinem Leser zu überlassen
.

 

DREI MENSCHHEITSFRAGEN

Wer sind wir ? Woher kommen wir ? Wohin gehen wir ?

Wer das so in Google eingibt, landet übrigens hauptsächlich bei Gauguin, so heißt ein Bild von ihm.

"Kurz vor seinem Selbstmordversuch 1898 malte Gauguin fernab von jeglicher Zivilisation noch das bedeutende Werk Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?, welches den Lebenslauf einer Inselbewohnerin von der Geburt bis zum Tod darstellt."

(aus der Wikipedia)

Nicht grundsätzlich ist Karl May selber auf seine Ideen gekommen ...

Zumindest zu "Wohin gehen wir" eine Art Anmerkung, Novalis antwortete "Immer nach Hause." Und am Ende von "Schnee auf dem Kilimandscharo" von Hemingway sieht der Sterbende visionär den weißen Gipfel, "dort vor ihnen, so weit er sehen konnte, so weit wie die ganze Welt, groß, hoch und unvorstellbar weiß in der Sonne war der flache Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wusste er, dorthin war es, wohin er ging."

 


DROSCHKENGLEICHNIS

Laut Hermann Wohlgschaft („Mays Droschkenparabel und das Enneagramm oder Die Gottesgeburt in der Seele des Menschen“, Jahrbuch der KMG 1999) lautet die „nach dem heutigen Forschungsstand, früheste May-Fassung der Droschkenparabel - im Brief an Möller“:

"Da steht eine Droschke. Der Wagen ist der menschliche Leib; die Anima ist das Pferd. Wenn die Anima sich in Bewegung setzt, so laufen sämmtliche Räder. Aber diese Bewegung gleicht derjenigen des Neugeborenen, der nur erst aus Leib und Anima besteht.

Da steigt der Kutscher auf. Das ist die Seele. Jetzt ist Geschick und Wille da. Man kann loskutschiren; aber eintragen wird es nichts. Hierauf kommt ein Herr, dem man es ansieht, daß er zahlen kann. Der steigt ein und befiehlt 'Lindenstraße und Jäger-Allee nach der Artillerie-Kaserne und dann nach Fahrland durch das Nedlitzer Holz!'

Dieser Herr ist nun endlich der Geist, der Menschengeist, durch den die Droschke provitabel wird, denn er verlangt nichts umsonst.

Ist Hans Möller nicht mehr blos Anima, sondern bereits schon Kutscher, so fährt er heut Göthe, morgen Schiller, übermorgen Kant, hierauf Michel Angelo, dann Wagner oder Nietzsche. Die zahlen gut ... Und ist Hans Möller kein dummer Kerl ..., so findet er, daß er nun genug beisammen hat, um nun sich selbst zu fahren, anstatt immer nur Andere. Er schraubt den Bock ab, wirft ihn herunter und setzt sich in den Fond des Wagens, wo immer nur andere Geister saßen, nach denen er sich richtete. Nun ist er selbst Geist geworden und also reif genug, einen eigenen Willen und ein eigenes Ziel zu haben. Er greift in die Zügel, knallt mit der Peitsche, und vorwärts geht es, bis er Einen hinter sich rufen hört:

'Sachte, sachte, mein lieber Hans! Ich heiße Karl May und will auch nach Fahrland hinaus, sogar noch weiter, immer weiter, bis grad in den Himmel hinein. Halten Sie Ihre Anima etwas zurück; das giebt einen vernünftigen Schritt, und wir fahren neben einander!'

So! Das lesen Sie! Und denken Sie darüber nach!"


Wunderschön. Etwas wie „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ dürfte eine der Kernaussagen sein.

Weiteres sowie zu weiteren Fassungen siehe Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1999 (online nachzulesen).

 

EIN WOHLGEMEINTES WORT

Wenn Karl May als Moralist mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, wird es meistens eher unangenehm. Bei den Marienkalendergeschichten oft peinlich und abstoßend, hier eher etwas albern. Beschreibt er doch zum großen Teil sich selbst, die eigene Kolportage und Schwarzweißmalerei, und vermutlich ist ihm das auch völlig bewusst.

In der Vorbemerkung in Band 79 heißt es, der Text sei „keineswegs als Heuchelei zu werten“. Das kann man durchaus anders sehen. Zwar war Karl May wohl bewusst, dass die Lektüre von Ritter- und Räuberromanen auch auf seine frühe Entwicklung einen negativen Einfluß ausgeübt haben wird, er schreibt das ja auch in „Mein Leben und Streben“, aber hier nimmt der Kommentator, der darauf hinweist, ihn wohl zu ernst. Karl May hat mit den Dingen auch kokettiert, und dass er das alles nicht so bitter ernst nimmt, zeigt auch der in diesem Text immer wieder durchdringende sarkastische Humor eigentlich deutlich.

Er war ein Spieler, und er hat sich literarisch - unter anderem - auch sozusagen prostituiert; der Kolportageverleger bekam Mord und Totschlag geliefert, der katholische „Hausschatz“ bzw. die Marienkalender-Fritzen erbauliche religiös verbrämte Geschichten. „Wer am meisten bezahlt, der bekommt uns“ sagte später sein „Erzfeind“ Lebius und hielt ihm damit, wenn man so will, eigentlich nur einen Spiegel vor. In ihm begegnete Karl May gleichsam einer Manifestation von Eigenschaften, die er selber in hohem Maße hatte und auslebte, und die ihn nun auf ebenso unangenehme wie lehrreiche Weise einholen sollten.

Sehen wir in diesem Text einen augenzwinkernden Hallodri am Werk, der sich nicht schämt, mit den Dingen auf eigentlich ziemlich schamlose Weise zu spielen, und sich klammheimlich darüber freut, den Zeitungsredakteur letzten Endes nach Kräften hereingelegt zu haben ? Aber, wie oben angerissen, das kann sich rächen im Leben.

 

GEDENKE DES TODES ("Blumen deutscher Kirchenlieder")

Lesenswerter Text.

Der Tod wird ja in unserer Gesellschaft meist verdrängt, man will sich nicht damit beschäftigen, nichts damit zu tun haben, klammert ihn aus dem Bewußtsein weitgehend aus; und wenn er dann kommt bzw. einem im Umfeld begegnet, ist, sozusagen, das Geschrei groß. Eine ganz fatale Haltung.

Vorher sich damit beschäftigen, auseinandersetzen, die Angelegenheit voll integrieren ins Bewusstsein, richtig hingucken. Und bei Krankheiten oder Untersuchungen: was sollen diese hilflosen unter den Teppich kehrenden Beschwörungsfloskeln wie „Wird schon nichts schlimmes sein“ u. dgl., ja weiß man’s ? Immer ggf. mit allem rechnen, dann kann einen fast nichts mehr erschüttern.

 

GLEICHNIS VON DEN ZEITUN-BEDUINEN

Hier geht es um Herrn Mamroth von der Frankfurter Zeitun(g), "ein pfiffiger Mann aus Ninive", "an den schmutzigen Wassern Babels". [Solche sind recht zahlreich ...]

Die gewisse Gelassenheit, mit der May ankündigt, auf dessen Schreibereien nicht zu reagieren ("Ich habe nicht die mindeste Lust, mit meinen Gegnern journalistische Circusscenen aufzuführen"), hat ihn dann seinerzeit im weiteren Verlauf der Ereignisse leider völlig verlassen, und er ließ, sozusagen, keine Peinlichkeit aus. Schade eigentlich. Er vereinigte halt in sich Weisheit und Beschränktheit, Größe und kindische Kleinlichkeit, und seine Urteile konnten mal tiefsinnig-weise, mal kurzsichtig bizarr-vermessen daherkommen.

Abgedruckt in Band 81, "Abdahn Effendi".

 

DAS HAMAIL

Seltsame kleine Geschichte um die „Macht des Schicksals“ und Ehre und Moral unter Raubmördern.

Eine Karawane in der Wüste soll überfallen werden, einmal mehr begegnet uns dieses bei Karl May öfter wiederkehrende Motiv der von Wölfen im Schafspelz geführten, die nicht wissen, dass ihre vermeintlich wohlmeinenden Führer mit Raubmördern, von denen man noch gar nichts weiß und die später in Erscheinung treten werden, unter einer Decke stecken.

Aber Geschichte wiederholt sich, einer der Überfallenen hat einst wiederum den Vater eines der Raubmörder gerettet, was dieser an dem Hamail, das jener bei sich führt, erkennt, und das rettet ihn. Die ganze Gesellschaft hat Glück gehabt, und nun werden sie von der Mordgesellschaft nicht umgebracht, sondern fürderhin beschützt und geführt.

Man könnte länger darüber nachdenken.

Geringfügig stilistisch überarbeitet in Band 48.

 

HINTER DEN MAUERN

„aus dem Leben der Vervehmten“ steht unter anderem über diesem kleinen, ca. anderthalbseitigen Text, aus dem wohl mal etwas Größeres werden sollte. Nun, das Thema hat Karl May dann anderweitig verarbeitet, kleine und große Verbrecher tummeln sich quer durch sein ganzes Werk, kleine wie der vermeintlich aus Jüterbogk stammende Barbier aus Thüringen, große wie Abu Seif, Abrahim Mamur oder der Schut, auf allen Kontinenten läuft es herum, das Zuchthauspersonal aus Sachsen. Wobei er für die Kleinen Mitleid durchschimmern lässt, für die Großen Respekt.

Hier sollte der Ich-Erzähler offenbar seine Rolle als Angestellter in der Strafanstalt spielen, der an seinem Stehpult als schon auf den ersten anderthalb Seiten spürbar liberal gesonnener Beamter aus nächster Nähe all die schweren und leichter zu wiegenden Jungens miterlebt, mit einem kleinkariert-rigiden Beamten als Vorgesetzten. Das wäre interessant gewesen, wenn es verwirklicht worden wäre. Und als das „infernalische Subject“ eingeliefert werden soll, kommt schon Spannung auf, leider ist dann auch schon Schluss …

 

MEINE LIEBEN KAMERADEN!

Mit „fuffzigtausend“ richtigen Lösungen hat er angeblich gerechnet, aber dann kamen nur „33 Ufflösungen“, von denen auch nur „sechse richtig sind!“ Man soll eben sein Publikum weder unter- noch überschätzen.

„Wenn sie sich von jetzt an fleißiger offs Schtudium legen, werden sie schon soweit kommen, ihren Onkel Hobble-Frank besser zu verschtehen“, die Hoffnung stirbt zuletzt.

„Am Schlusse dieses Perpetuum apostolorum nehme ich die Gelegenheit, allen guten Kameraden meinen lieben und teuern Freund Mijnheer Willen van Aardappelenbosch zu empfehlen. Die alte, gute Haut is mir ans Herz gewachsen“,

das ist nur zu verständlich.

Vorgetragen von

„Euern eenzig daschtehenden

Hobble-Frank“

 


OEFFENTLICHE SENDEPISTEL AN MEINE LIEBEN, KLEENEN KAMERADEN

Abschied vom „Guten Kameraden“, das ist ja richtig traurig, das „In tiefster Tristigkeet“ und „scheiden thut wehe“ dürfen wir getrost einigermaßen ernst nehmen, wer meint, wenn Karl May Spaß macht dann macht er nur Spaß, der irrt, meistens. „Wir haben een ander so sehre schöne gehabt; werden wir eenander denn och so schöne wiederkriegen?“

„Damit ich Euch aber ooch inzwischen wiedersehe, werde ich mich hier und da mit eenem meiner Geistesfunken so heemlich in den 'Guten Kameraden' schmuggeln, daß es ooch der obschtinate Setzerlehrling nich merken soll.“ Denn wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute.

 

OFFENE BRIEFE EINES GEFANGENEN

In diesem kurzen Text von nicht einmal zwei Seiten sieht man, was Karl May für ein Schriftsteller hätte werden können, wenn die Ausgangssituation eine andere gewesen wäre, und wenn er nicht gezwungen gewesen wäre, mehr an Masse als an Klasse stets gleich bleibender Qualität zu denken. Auch waren seine Sujets naturgemäß nicht „Hochliteratur“-gemäß ... Jedenfalls erinnert dieser Text mit seinen gewählten Formulierungen, seiner Differenziertheit und Feinfühligkeit, ein wenig an Thomas Mann oder französische Romanciers.

„Meine Bertha !“ schreibt er, „so darf ich sie nennen ?“ Jahrzehnte später begegnete er mit Frau von Suttner tatsächlich einer Bertha, die in der Tat bleibenden Eindruck hinterlassen sollte, und das Verhältnis beider war, bei aller Unterschiedlichkeit, von gegenseitiger achtungsvoller Anerkennung geprägt.

Auszug:

"Ich bin früher ein voller, dicker, rothwangiger Bursch gewesen voll Feuer und Leben, voll Witz und Frohsinn; da habe ich an die Welt geglaubt, da habe ich von d. Zukunft gehofft, da habe ich mit vertrauendem Frohsinn in die Zukunft geblickt und mich um Noth und Sorge gar nicht gekümmert. Aber es sollte anders werden. Unter den Wolken des Unglücks bin ich bleich und hager geworden und wie sich das Äußere veränderte, so ist auch der innere Mensch ruhig und still, ernst und lauter geworden. Der jugendliche Braußekopf hat sich in einen bedachtsamen und überlegten Mann verwandelt und sicher Nichts mit dieser Metamorphose verloren. Ich habe mich gewöhnt, die Menschen und Verhältnisse kalt und objectiv zu nehmen, habe mich gezwungen bei allen Dingen dem Verstand den Vortritt zu lassen, und so giebt es keine Lage, die mich überraschen, kein Gefühl, das mich dominiren und beherrschen könnte.
Aber wenn ich auch äußerlich unnahbar bin, so pulsirt doch durch meine Adern noch das alte heiße Blut und mein inneres Leben ist desto reicher an Gestalten und Erscheinungen. Bin ich auch stets zu selbständig gewesen, um wach Mittheilungen und Freundschaften zu suchen, hat mir mein Selbstbewußtsein auch nie erlaubt, einem Menschenkind mein Inneres zu erschließen, so halte ich doch desto fester und treuer, was ich einmal ergriffen habe und kein Gott, kein Teufel, kein Mensch kann mich irre machen in meinen Entschlüssen und Empfindungen."

 

PRÄRIEBRAND IN TEXAS

„Ein ungefähr siebzehnjähriger Knabe reitet, […] über die scheinbar grenzenlose Prairie […]. Er hat die zuversichtliche Haltung eines alten, erfahrenen Mannes, und das mit vollem Rechte; wird er doch von allen Stockmen (Schafhirten) respektvoll Señor Federico genannt, und besitzt er doch das Vertrauen seines Vaters, des deutschen Ranchero (Schafzüchters) Urban, so vollständig, daß er von diesem ganz allein nach dem gegen 80 Meilen entfernten Fort Terrel geschickt worden ist, um dort Kaffee, Zucker, Tabak und andre Viktualien einzukaufen.“

Denkt sich da der Carl Friedrich (Federico) wunschbildartig in einen Siebzehnjährigen hinein und bastelt entsprechend einen ebenso wunschbildartigen Vater dazu ? In Ernstthal war es mit der Harmonie und dem Vertrauen ja nicht so weit her …

Er ist ein ganzer Kerl, dieser Federico, und so geht es in diesem Text im Gegensatz zu vergleichbaren anderen nicht nur um den Brand der Prärie, sondern um das Verrichten einer großen Tat in derselben, die Rettung der Viehherde, und das glückt aufs erfreulichste.

„Gegen Abend sieht man einen Reiter heransprengen, es ist der Ranchero Urban, Federicos Vater. Er sucht den Beaver-Pond als den einzigen Ort auf, an dem er seine Leute und Schafe finden kann, falls sie sich gerettet haben. Welche Freude, als er sie erblickt und dazu den Sohn, den er auf der Heimkehr wußte und also auch vom Feuer überrascht glaubte! Er drückt ihn an das Herz und wiederholt im väterlichen Stolze die Umarmung, als ihm der alte Hirt den Hergang erzählt und dann hinzugefügt hat: 'Habriamos sido los perdidos, somos dendor à sennor Federico de nuestra vida - wir würden verloren gewesen sein und haben dem Señor Friedrich unser Leben zu verdanken.'“

 

REISE NACH ÄGYPTEN

Sehr pragmatisch und nüchtern kommt er hier daher, und der Kara Ben Nemsi früherer Tage ist sozusagen kaum wiederzuerkennen. Hier geht es um Fahrpreise, Reisezeiten und praktische Empfehlungen. Und die Empfehlung "und zwar nicht mit einer Cookschen oder Stangenschen Hammelherde" ist auch nachvollziehbar.

(Kurzer, undatierter Manuskripttext von ca. 1 Seite, abgedruckt in Band 81)

 

REPERTORIUM C. MAY

Dieses „Repertorium“ erwähnt Karl May in „Mein Leben und Streben“:

„Ich legte mir eine Art von Buchhaltung über diese Pläne und ihre Ausführung an; ich habe sie mir heilig aufgehoben und besitze sie noch heute“.

Einiges von diesen frühen Notizen zur Planung seines Werkes findet sich später auch tatsächlich genau so wieder, wie z.B. „Der Gitano“, „Wanda“, „Im Seegerkasten“.

Unter „Mensch und Teufel“, woraus ein „Socialer Roman in 6 Bänden“ werden sollte, findet sich einiges, was schon ähnlich in dem Fragment „Ange et diable“ stand.

„das Böse ist der einzge Weg zum Guten“, das kommt später in etwas anderer Form als „Gewalt- und Edelmensch“ etc. wieder.

Hübsch ist „Die Ironie des Lebens“ mit entsprechenden Stichworten, da kann man seine Phantasie spielen lassen, und vielem hier erwähnten ist man ja im Gesamtwerk auch immer wieder begegnet.

Einige der geplanten Sujets scheinen im späteren Werk nicht berücksichtigt worden zu sein, so z.B. „Der Locomotivenführer“ oder auch „Mit der Klystierspritze“ (wer weiß, was für Ferkeleien da noch hätten auf uns zukommen sollen).

Enthalten in dem ganz vorzüglichen Band 79 GW „Old Shatterhand in der Heimat“, der auf verschiedenste Weise Einblick in die ‚Werkstatt‘ des Schriftstellers Karl May gibt
.

 

SCHEITANA, WEIB, WÜSTE

Diese fragmentarischen kleinen Texte findet man unter anderem auch in Band 81 der Gesammelten Werke, "Abdahn Effendi".

Man liest allerhand Seltsames, aber auch Interessantes.

"Die Schetana" auf S. 374 erinnert an Wagners Kundry aus "Parsifal“.
"Cobra di capello", eine Schlangenart (S. 378) spricht auch eine beredte Sprache, die Leut' sind doch immer wieder die gleichen, Jahrhundert für Jahrhundert.

Das auf der gleichen Seite folgende "Was ich bisher in deinem Aug' gelesen" etc. könnte eine verheimlichte Satteltaschen-Notiz Old Shatterhands aus "Satan und Ischariot" sein (überhaupt: diese kleinen Fragmente deuten einiges von dem an, was alles nicht in den Reiseerzählungen steht), nur die vierte Zeile könnten wir streichen, so weit geht die Freundschaft oder was auch immer nun auch wieder nicht.

S. 384 oben und 387 unten werfen, vermutlich, etwas grelle Schlaglichter auf eine Erst-Ehe.

Und auch S. 388 unten ist bemerkenswert: der Autor schien sich einiger Dinge durchaus bewußt zu sein, und darüberhinaus seine Pappenheimer recht gut zu kennen.

 

DER SCHLANGENMENSCH

Hier erzählt der Hobble-Frank, für die Knaben-Zeitschrift „Der gute Kamerad“.

Das Thema ist absolut Karl May – typisch, ziehen sich doch die genüßlichen Beschreibungen in irgendeiner Weise miß- oder anders als üblich Gestalteter durch sein ganzes Werk, die kurzen Beine, dünnen Ärmchen, langen Nasen, kugelrunden Bäuche und skeletthaft schlotternden Gliedmaßen, oder was im Einzelfall auch immer, sind Legion.

Das bedeutet etwas. Ähnliches findet sich gelegentlich auch bei Samuel Beckett, und mit dem hat Karl May einiges gemeinsam: das Sich-fremd-fühlen-in-der-Welt, das die Dinge in ihrer Absurdität erkennen, in Verzerrungen und Absurditäten das den Dingen innewohnende erkennen bzw. ausdrücken wollen.

Der Text ist in Band 79 der GW abgedruckt. Dort meint man, die buntesten Blüten von Wortverdrehungen des Hobble-Frank in Fußnoten erklären zu müssen oder sollen,

„ich musste einsteigen und ihm La Valette sagen“ –

- Fußnote: "Gemeint ist lat. ´Valet` = Lebewohl. La Valette ist der franz. Name von Valetta, der Hauptstadt Maltas."

Man stelle sich vor, es hätte immer jemand neben Heinz Erhardt gestanden und dessen ähnliche Kalauer erläutert …

 

DIE SCHUNDLITERATUR UND DER FRÜCHTEHUNGER

Schöner kleiner Text. Zunächst klingt es ein bißchen nach Schullesebuch („Wir saßen beisammen“ usw.), aber die Sache mit den „Sonnenfrüchten“ ist dann doch gleich sehr schön („die Erdenfrüchte lieben diese Höhe nicht“).

Autoren gewisser Art kriegen gehörig ihr 'Fett weg' („die trockenen Dozenten, die geist- und seelenlosen Pedanten“), auch die anschließenden Vergleiche in Sachen unterschiedlicher Sorten von Literatur: außergewöhnlich schön. So gefällt Literaturkritik.

Und dann geht es um Karl May. Ja, es sind Sonnenfrüchte, die er uns gegeben hat, und seine Personen wie Hadschi Halef, Hanneh oder Schakara, das sind Gestalten aus Fleisch und Blut, beseelt und lebendig, und sie haben einem oft mehr zu sagen als manche zeitgenössische real existierende leere Langweiler, und an Hadschi Halef oder David Lindsay kann man manchmal wesentlich mehr Anteil nehmen als an manchem Nachbarn oder Kollegen. [Es lohnt sich auch mehr ...]

 

SITARA, DAS LAND DER MENSCHHEITSSEELE

Zwei Dinge fallen in diesem schönen Text besonders auf: zum einen, daß Karl May in dieser Variante seines Märchens darauf hinweist, daß man in der Geisterschmiede im Walde von Kulub auch zugrundegehen kann, also keineswegs jeder heil hindurchkommt, und daß solche Untergänge von den Emiren von Ardistan auch durchaus beabsichtigt sind.

Zum anderen, dass Karl May hier selber ausdrücklich und ausführlich mitteilt, dass mit Sitara unsere Erde gemeint ist, man muß es also gar nicht mühsam aus der Nennung der Zahlen und des „Reiseweges“ von der Erde nach Sitara herausinterpretieren.

Was werden wohl die auch anwesenden und von ihm direkt angesprochenen Zehn- bis Sechzehnjährigen mit dem Vortrag angefangen haben …

 

SKLAVENRACHE

Was der Erzähler hier an nüchtern geschilderten schrecklichen Grausamkeiten auf die wenigen Seiten dieser sehr kurzen Geschichte packt, geht kaum noch auf die berühmte Kuhhaut. Umso wohltuender ist es, wenn es am Ende ein Beispiel echter, selbstloser Menschlichkeit zu erleben gibt. So ist das Leben, Gut und Böse eng beieinander, Himmel und Hölle, gleichzeitig.

Der Text wurde, verglichen mit einigen anderen frühen Skizzen, relativ spät geschrieben, 1888. Für Zeitschriften fertigte der Autor des öfteren kurze Texte zu vorgegebenen Bildern.

Enthalten im ‚Werkstatt‘-Band, Gesammelte Werke Band 71, „Old Firehand“.

 

DAS STRAUSSENREITEN DER SOMAL

Dieses Straußenreiten ist nur der „Höhepunkt“ einer ganzen Reihe von Volksbelustigungen, von denen der Erzähler in diesem Text (zu einer Zeichnung) berichtet. Lustiges, interessantes oder sonstwie reizvolles ist dabei nicht zu finden.

Heutzutage, auch gern anlässlich von irgendwelchen dem Namen nach mit Karl May zusammenhängenden Festivitäten, beschränkt sich der Kreis der Darbietenden eher auf solche indianischer Herkunft, zu früheren Zeiten scheinen sich unter anderem auch Schwarzafrikaner mit allerlei Absonderlichem vor Hinz und Kunz mit Kind und Kegel sehen gelassen zu haben. Wer’s mag.

 

SUR LE RAPPROCHEMENT FRANCO-ALLEMAND

Dieser Text erinnert in seinem etwas blauäugigen Optimismus an Adenauer und De Gaulle 1962 in Bonn.

Der Bearbeiter der Erzählung "Die Kriegskasse", der seinerzeit völlig May-fremde Sätze wie diese

- „Nur die Geschöpfe der Franzosen rissen ihren Mund weit auf, die wackeren deutschen Männer aber sprachen still“

- “nun wallte es auf in den Herzen hochgemuter Deutscher, die Zuversicht eines neuen Frühlings zog durch die Seelen, und besonders am Rhein, am herrlichsten Strom des Vaterlandes, klangen die Becher, und die Lieder der Dichter jubelten, dass nun bald der Franzmann die deutschen Gaue verlassen müsste“

- “die Tücke des französischen Gecken heimzuzahlen“

- “Diese Zuversicht des stolzen und tapferen Herzens war es, die auch die Französlinge erbleichen machte“

in Band 47, „Professor Vitzliputzli“ (dort stehen sie bis heute wörtlich so), hineinschrieb, kannte diesen May-Text von 1907 vermutlich nicht.

"Sûr le Rapprochement Franco-Allemand" ist enthalten in GW Band 81.

 

SYLVESTER 1902-1903

Düsteres, aber eben auch selbst-bewußtes (seiner selbst bewusst) Gedicht aus Karl Mays später Zeit; gehört in das Umfeld des „Silberlöwen“.

„ich bin Bürger einer andern Welt“; das alte Jahr hat nicht viel Gutes gebracht und vom neuen erwartet er auch nichts in der Hinsicht, aber er glaubt an den „längeren Atem“, Grab und Sarg sollen (und werden) nicht ihn ereilen, sondern Zeit und Zeitgeist, und die Unerfreulichkeiten werden als das gesehen was sie sind: vergängliche Erscheinungen.

 

THEATER

Von geistigen und seelischen Potenzen spricht Karl May in diesem Text, der 1907 in einer Zeitung erschien. Solche sucht man in nach ihm benannten Freilichtaufführungen (und darüberhinaus auch sonst oft am deutschen Theater dieser Tage) meistens vergeblich.

„geben Sie uns wahre Herzenswärme, wohltuendes Licht und heilenden Sonnenschein“, heißt es weiter, von Ballerei, Pyrotechnik und albernem Spektakel ist nicht die Rede (und, wieder über den Freilichtbühnen-Tellerrand hinausgeblickt aufs bundesdeutsche Subventions-Theater: von flippigem, ‚gag’-lastigen, unpassend temporeichen, lautem & leerem 'Fun'-Theater auch nicht).

“Zeigen Sie uns nicht die lärmende, kreischende, sinnlose, sondern die wahre, die hohe, die wirkliche Kunst, die mit den einfachsten Mitteln die höchsten Wirkungen erreicht, und Sie werden sehen, daß sich Ihre Plätze füllen, weil Jeder, der da kommt, einen inneren Segen mit nach Hause trägt, für den er Ihnen Dank und Wiederkehr schuldet.“

Solche Festspiele gibt es noch nicht (und entsprechende Theaterkunst, wie sie etwa Otto Schenk beherrschte, stirbt derzeit gerade [vorübergehend] aus). Allenfalls in Worms oder vielleicht Bad Hersfeld, aber die spielen nicht Karl May. Wer aber die lärmende, kreischende, sinnlose Wunst (das kommt laut Karl Valentin von Wollen; käme es von Können, hieße es Kunst) sehen will, der wird allerorten in diesem unserem Lande bestens bedient. So haben es die Leute gern, weil sie oft selber so sind: laut & leer.

 

DIE TODESKARAWANE

Es gibt zwei Texte dieses Namens von Karl May (wobei die Schreibweisen abweichen). Der bekanntere ist einige hundert Seiten stark und bildet heute einen großen Teil des Bandes „Von Bagdad nach Stambul“, und zwar vom Beginn des Bandes bis zum Ende des Pest-Abenteuers.

Der hier vorliegende Text ist nur ein paar Seiten lang und wurde zu einer entsprechenden Illustration in einer Zeitschrift verfasst.

Hier ist es (im Gegensatz zum handlungsreichen Hintergrund in Band 3) eine Momentaufnahme, wobei es dem Autor auch darum geht, den vermeintlich nur reizvollen Orient auch von seinen Schattenseiten, und hier gleich einer seiner düstersten, zu zeigen, wie in der Einleitung betont wird.

 

WASSERRAST AUF DEM MARSCHE

Es läßt einem schon das Herz aufgehen, was Karl May aus einer kleinen Auftragsarbeit zu einem banalen Bildchen zu machen imstande war.

Als am Anfang die Boten-Ursel die Kriegsspielerei für echt hält, entsprechend Wirbel macht und Erschrockenheit auslöst, gleich darauf der Ortsdiener-Sepp den Irrtum aufklärt und die Jungens veranlasst, sich, wieder ganz beruhigt und entspannt, das Spektakel aus sicherer Entfernung anzugucken, bedauert man fast, dass es offenbar nur ein kurzer Text werden sollte. Was hätte Karl May sonst noch daraus gemacht, eine Spannung aufgebaut, den Leser im Unklaren gelassen, den Ortsdiener-Sepp erst nach ca. 50 Seiten sich steigernder Spannung auftreten lassen…

Aber auch so hat die kleine Geschichte einen ganz eigenartigen Reiz. Erinnern wir uns an an eine der Erzgebirgischen Dorfgeschichten („Sonnenscheinchen“), da war es ähnlich, „Alles ist ein Spiel“ war auch da seine Botschaft, als Kinder sich kriegerisch kostümierten und ein bisschen Soldatentheater spielten.

Bei dem Satz „Der Sepp hat oft den Erzählungen seines Vaters gelauscht; er hält sich also für einen Wissenden und setzt nun seinen Stolz darein, den andern die Absichten der deutschen und französischen Armee zu erklären“ kann man an den einen oder anderen, auch an Herrn Turnerstick denken, allerdings ohne irgend jemand von diesen damit irgendwie herabsetzen zu wollen. Es ist doch ganz natürlich, jeder weiß etwas, und keiner weiß alles.

 

WELTALL - MENSCHHEIT - KRIEG

Eine kürzere Fassung dieses in den Mitteilungen der KMG Heft 18 abgedruckten Textes findet sich im Büchlein "Geographische Predigten", sowie in Band 72, "Schacht und Hütte", jeweils unter dem Titel "Weltall - Erde - Mensch" bei den Gesammelten Aufsätzen; dazu heißt es: "Die vorliegende Skizze ist das Fragment eines Entwurfes, den Karl May etwa 1868 niederschrieb" ("um 1870" in Band 72, (c) 1968).

Lesenswerte Gedankengänge Karl Mays. Nur am Ende darf man durchaus zweifeln; sind nicht neben Liebe und Frieden auch Konflikt, Gewalt und Krieg sozusagen schöpfungs-immanent, als Polarität, wie Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Sommer und Winter ?

 

WORTRÄTHSEL

Selbst dieses kleine "Worträthsel" (aus der Zeitschrift "Für alle Welt !") ist, wenn man so will, ein „ächter May“.

Schauen wir es uns etwas genauer an.

Nach der Göttin der Liebe wird gleich gefragt, und das ist, laut Auflösung, Freya (mit y).

Der Ort, wo Hans Dampf zu finden ist (das ist die Anschlussfrage), war indes mit „Überall“ zu beantworten.

Die älteste Freundin der Borsdorfer erweist sich als Eva, was man auch nur versteht, wenn man, und sei's mit Googles Hilfe, weiß daß es sich bei Borsdorfern um Äpfel handelt.

Und einer, der alle fängt, damit war zum guten Schluß der Tod gemeint.

Vier von elf Fragen beschäftigen sich also mit Dingen wie Liebe, Erkenntnis und Tod, eine gute Quote. Insbesondere für die Rätselseite.

;-)

 

DER ZAUBERTEPPICH

Dieses schöne Märchen beschäftigt sich gleichnishaft mit der Entstehungsgeschichte von Mays „Et in terra pax“ bzw. „Und Friede auf Erden“ und verrät am Ende obendrein, dass sich der Leser der Werke Mays in all dessen Gestalten auch immer wieder selbst begegnet, so wie Karl May selber es ergangen ist.

Der Text ist u.a. enthalten in Band 81, dort nebst einer ausführlichen, im Großen und Ganzen recht gut erklärenden Nachbetrachtung. Wer die geschrieben hat, wäre interessant zu wissen, jedenfalls klingt die (abgeschriebene ?) Formulierung „in einem großen vaterländischen Sammelwerk des berühmten Herausgebers Geh. Hofrat Professor Joseph Kürschner“ nach einer Zeitreise ins vorvorletzte Jahrhundert.

 

ZERRISSEN

Zu diesem kurzen Text gibt es in der Bücherdatenbank eine Rezension des früh verstorbenen Thomas Schwettmann.

Ganz offenkundig (er äußerte sich seinerzeit nachträglich auch entsprechend) hat Schwettmann hier sowohl Karl May, als auch, mehr noch, einem seiner Anhänger kräftig eins auswischen wollen, und das ist ihm durchaus und sehr originell gelungen.

ABER: an [fast] allem, was er da schreibt, ist etwas dran, er mag wollen oder nicht. Und das ist der Witz, in diesem Text, wie im Leben. Spaß und Ernst schließen sich nicht aus, existieren nebeneinander, beieinander, gleichzeitig. Und so kann man über etwas lachen und es gleichzeitig ganz ernst nehmen. Wenn man denn dazu in der Lage ist.

 

ZUM ERSTEN MAL AN BORD

Diese kleine Erzählung erinnerte den Rezensenten doch einigermaßen eindringlich an eine Helgoland-Fahrt in seiner Jugend, bei der Geschirrschränke umfielen, und er zwar kreidebleich gewesen war und regelrecht Todesängste ausgestanden hatte, aber in etwa als einziger nicht zum Füllen der bereitgestellten und allgemein fleißig benutzten Tüten beitrug.

Auch diese Geschichte hier geht glimpflich aus, und der unheimliche Kapuzen-Mann entpuppt sich als freundlicher Vorgesetzter bzw. Geschäftspartner, und wenn es den Herren nicht so schlecht gegangen wäre, hätten sie gerne einige Flaschen Rheinwein geleert.

Schiff ahoi !

 

"LÖFFEL BEGRABEN"
 

Und nach „Wasserrast auf dem Marsche“ gleich noch ein kleiner Text zum spielerisch-humorvollen Umgang mit dem eher weniger unterhaltsamen Thema Soldaten & Krieg.

Hier geben die Reservisten den Löffel ab, allerdings nur ihren Esslöffel, nachdem sie den Dienst fürs Vaterland vorerst hinter sich haben, was sich aber auch wieder ändern kann,

'Lieb Vaterland, magst ruhig sein;
Geht's los, stell' ich mich wieder ein!'

heißt es am Ende.

Als es vor Aufklärung des Sachverhalts heißt:

„er denkt mit frohem Lächeln der Begräbnisfeier, an welcher er heute noch teilzunehmen hat. Mit Lächeln an eine so ernste Handlung denken? Ist das möglich? Warum nicht?“

kann man zunächst tatsächlich denken, es ginge um mehr als die Beerdigung von Löffeln, auch das würde Karl May, und durchaus mit Recht, fertig bringen, die zum Lächeln komischen Seiten einer Beerdigung vorzuführen. Der Rezensent hat das selber schon erlebt, daß es auf einer entsprechenden, ansonsten alles andere als erheiternden Zusammenkunft plötzlich aufgrund einer sehr doppelsinnigen Formulierung der Rednerin sozusagen zum Schreien komisch wurde.

Ja, es liegt schon alles nah beieinander, auch Elend und Komik, wie schon Thomas Mann treffend bemerkte.

Schön, die nichts ausklammernde Menschlichkeit dieses Karl May, und seine Texte, selbst wenn es scheinbar belanglose kleine Auftragsarbeiten zu vorgegebenen Bildern in Zeitungen sind, werden ihren Reiz nie verlieren.

 

"VILLA BÄRENFETT"

Die beschriebene Villa ist noch nicht die heutige gleichen Namens, sondern eine fiktive, obgleich auch sie an der Elbe liegt.

Der Autor, Hobble Frank alias Karl May, vermag Ernstes in Albernheit zu verpacken (und umgekehrt):

„Die einst dort weilende Hundehütte habe ich wegen der jetzigen Kälte in meine Schlafschtube schaffen lassen, een geistiger Ausfluß meiner Mitgliedschaft gegen die Tierquälerei und Antivivisektion.“

und formuliert gern sehr individuell:

„Das Pianino is nich für mich, sondern für Donnerschtags,“

Und in andere „Sphären“ vermag er sich auch in germanischen Gefilden weiterhin gut zu versetzen:

„Wenn's dann so in den Dachrinnen gurgelt und die wilden Tiere heulen, so versetze ich mich in meine berühmte Vergangenheet und sinke pêle-mêle und hochentzückt dem Träume spendenden Nautilus in die Arme.“

Und das hier könnte auch fast in den „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“ stehen:

„Hier unten im Parterre lebe ich als unscheinbarer Privatmann und bescheidener, angeblicher Laie für meine Gesundheit und für meine Freunde. Aber oben in der Bel-Etage wohnt die Wissenschaft und die Gelehrsamkeet.“

Wo bleibt der Bamberger Sonderband zum Hobble-Frank, in dem auch sämtliche in den Jugenderzählungen gestrichenen Passagen auf einen Blick zu bewundern sein werden ?