DER WEG ZUM GLÜCK

I

Leni, Sepp, der König und der Bär, der Krikelanton, eine Hellsichtige, Kampf und Flucht, Dramatik und tiefe Gläubigkeit, es ist schon einiges los gleich im ersten Kapitel. Und wer es schafft, sich die unleugbare Kitsch-Schicht wegzudenken, die über all dem liegt, der kann großen Genuß von dem Buch haben. Sehr menschlich und anrührend kommt Karl May daher, und dass hier Kleinbürgersehnsüchte in etwas grotesker Form ihre Verwirklichung finden, ist im Wilden Westen bei Winnetou oder im Orient mit Kara Ben Nemsi ja nicht anders, nur hier in heimatlicheren Gefilden fällt es vielleicht noch etwas deutlicher auf. Aber, im vollen Bewusstsein all dessen: man kann das Buch schon ernst nehmen, auch sehr ernst, es ist nämlich allerhand dran und allerhand drin, da stört auch das Gewand von Kitsch und Kolportage nicht, man muß es nur wahrnehmen.

Mit Gratwanderungen (symbolischer Art) kannte Karl May sich aus. Deshalb kann er sie auch so schön schildern (Auftritt der Nachtwandlerin im ersten Kapitel). Und an Selbstironie hat es ihm, hier Auftragsschreiber, auch nie gefehlt, wie der Romantitel der vollbusigen Dichterin („Der Schauder-, Schucker-, Schreckenskönig oder der Waldteufel in der Gebirgshölle.Gedichtet und erlebt von Gräfin Furchta Angstina von Entsetzensberg“) sehr hübsch zeigt.

Auch in Sachen Humor sind die Geschmäcker ja verschieden, jedenfalls ist der Dialog zwischen Franza von Stauffen und dem Krikelanton sozusagen zum Schreien komisch, wenn auch vielleicht nicht für jeden. Und da braucht wirklich ganz und gar nichts gestrafft oder geglättet zu werden, weder von Adalbert Fischers Leuten (für die Buchausgabe 1903/04) noch von späteren Zuschneidern; es wäre doch schade um jede Zeile.

Bergnot, Königskitsch, Unsinn, Klamottenkomik, und dann Liebesweh und Herzeleid, eine May-Mischung der Art, wie sie auch in manch anderem Buch von ihm steht. Um ihren Liebsten aus der Gefängniszelle zu holen, ist Leni bereit, Sängerin zu werden, aber gerade damit macht sie den armen Mann erst recht unglücklich, und wir werden ein paar tausend Seiten später sehen, dass es tatsächlich nie mehr etwas wird mit den beiden, das Leben ist halt nicht immer so nett oder erfreulich wie in der Bearbeitung, und Mistake-Canyons gibt es auch in Bayern. Die Szene, als die beiden im Unfrieden voneinander Abschied nehmen, geht ans Gemüt, mögen andere darüber lachen.

Szenenwechsel: Signor Rialti, Concertmeister, betritt die Szene, sowie Wasserfex und Eichkatzerlpaula, und Fingerlfranz und Peitschenmüller; der Maysche Kosmos ist bunt und vielfältig.

Und dann tritt tatsächlich Richard Wagner auf, man sollte es nicht für möglich halten. Überhaupt: das ganze Buch ist eine erstaunliche Gratwanderung zwischen blühendem Blödsinn und anrührender Erzählung, bizzarem Kitsch und einfühlsamer Menschenzeichnung, Karl May konnte halt allerhand ‚bedienen‘ und ließ wenig aus, und unter anderem das ist das Schöne an ihm.

Wassersnot mit treibenden Baumstämmen, diese Szene kennen wir ganz ähnlich aus „Durch das Land der Skipetaren“, das ja kurze Zeit nach dem „Weg zum Glück“ entstand, und dann das beeindruckende, einsame Paradies des „Wasserfex“, der sein Glück versteckt vor der Welt und mit sich allein findet, man spürt das Herzblut, das der Autor in diese Figur und in diese Szenerie hineingelegt hat.

Der Peitschenmüller als halluzinierender Alkoholiker, vermutlich Reminiszenz an Ernstthal, und beim illegalen leihweisen Sichaneignen der Noten und der Violine des Konzertmeisters durch den Wasserfex fällt einem natürlich die Geschichte mit der Taschenuhr ein …

Eine Fressorgie, hemdsärmeliger Umgang mit Spiritismus, höherer und niedrigerer Blödsinn, und  leider auch einiger Leerlauf, manchmal hat man wirklich den Eindruck, May habe sich hier gelegentlich wirklich nicht die geringste Mühe gegeben und Publikum wie Verleger einfach mal ein wenig auf den Arm genommen, und doch macht es im Großen und Ganzen Spaß, das alles zu lesen. Bis auf die Majestätsbeweihräucherung geradezu schamloser Art, das geht denn doch zu weit, und zwischendrin fragt kann man sich dann manchmal fragen, ob da vielleicht zwischenzeitlich auch mal ein anderer Autor mit am Werk war. So pathetisch wie hier geht es ja sonst nicht einmal in Sachen Winnetou zu.

Oder die vermeintlich komische Nummer um die Schatzheberei mit all ihren Begleiterscheinungen: viel zu lang, und wirkt auf die Dauer dann doch albern und fad.

Und dann wieder eine verblüffende Stelle wie diese:

„Deine ganze Seel ist dabei gewest; Du hast nicht gesungen, sondern Du hast geweint, keine Thränen, sondern Töne. Und wer das thut, der gehört dem Gesang an und kann nimmer von ihm lassen. Das ist gewiß.“  sagt einer, und der Autor kommentiert


„Er ahnte nicht, daß er, der einfache Naturmensch, jetzt ein tiefes Verständniß verrieth, welches nur Einer besitzen kann, dem Gott ganz dieselben Gaben verliehen hat, welche er an Andern verdammt oder in Fesseln schlagen will.“

Die Qualitätsunterschiede innerhalb weniger Seiten sind des öfteren schon sehr beträchtlich.

Das abstruse Konzert, das den geneigten Leser im zweiten Band auf besondere Art erfreuen wird, wirft mächtig seine Schatten voraus, und mit dramatischen Andeutungen der Aufdeckung eines alten Geheimnisses und Mordplänen des Peitschenmüller gegen den Wasserfex endet der erste Band …

Eins noch: wo Scheibenbad, die Alm und all das liegen, das hat schon Karl May nicht interessiert, irgendwo in Bayern halt, oder auch: in seinem Herzen und seiner Phantasie. Und das reicht völlig.

 

II

Der zweite Band bringt zunächst das aberwitzige Konzert, über das schon Helmut Schmiedt berichtet hat („Die Thränen Richard Wagners oder der Sinn des Unsinns“), und das mit allem Drum und Dran auf nicht weniger als rund siebzig Seiten geschildert wird.

Nebenbei erfahren wir noch, wie Fex, dieser „Autodidakt und Schlauberger“, sich Dinge anzueignen pflegt, und werfen einen Blick in seine schöpferische Werkstatt („Aberst es kommt da nimmer drauf an, ob man ein Professorn ist oder ein Steinklopfer. Wann das richtige Dichten drinnen steckt, so kommts auch richtig heraus“).

In der Liebesszene zwischen dem Fex und der Paula erleben wir Karl May von einer seiner vielen Seiten: hier anrührend einfühlsam, liebevoll und warmherzig.

Nach Leni (Gesang) und Fex (Violine & Dichtung) wird jetzt auch noch der Anton entdeckt, als potentieller Meistersänger, die Quote der verkannten Künstler in der Gegend ist wirklich extrem hoch …

Der neue Handlungsstrang um den Silberbauern bringt zunächst einen interessanten Dialog zwischen Max Walther, Lehrer & Schriftsteller (wer wird da gemeint sein …) und dem Finkenheiner (gleichsam einer Variante des Giftheiners aus der gleichnamigen Dorfgeschichte in älter) über Gott und Religion, und den auffallend häufigen Hinweis auf Regensburg, wo Walther nicht nur in Sachen Beruf, sondern auch mit der Liebe zu tun hatte. In Regensburg gab und gibt es bekanntlich auch den Pustet-Verlag, mit dem Karl May annähernd lebenslänglich geschäftlich verbunden war.

Die alte Frau mit dem Korb kennen wir auch schon, bzw. sie begegnet uns ganz ähnlich später in der „Heimath“ wieder.

In der Silbermartha begegnet uns offensichtlich Emma Pollmer, und wir erleben in einem langen Dialog die ungehaltene Rede eines ungehaltenen Mannes, dessen offene Worte in der Formulierung: „kurz, ich bin überzeugt, daß Sie ein gefühlloses, rohes, raffinirtes, eingebildetes, stolzes und - liebeslüsternes Frauenzimmer sind. Ich bin geheilt. Holen Sie sich einen anderen Dichter! Ich werde Schulmeister von Hohenwald sein, aber als Frau möchte ich Sie nicht, selbst dann nicht, wenn Sie mir mit aller Gewalt auf den Buckel sprängen“ überzeugend kulminieren.

Zur unmittelbar anschließenden Wandlung der Dame kann man „Wenn es auch nicht wahr ist, so ist es doch schön erfunden“ anmerken.

Ob er bei Wurzelseppens „Nein, ich bin ein Anderer“ (S. 883) an Rimbaud gedacht hat, wissen wir nicht, ebenso wenig, woran bei den merkwürdigen Versen

„Jetzt bin ich hundertneunzig Jahr,
Hab nur noch einen Zahn;
Obgleich ich nicht mehr beißen kann,
Krieg ich doch keinen Mann!“

auf der gleichen Seite.

Lehrer Walther tritt der gesamten Dorfbevölkerung nebst „Obrigkeit“ gegenüber auf wie Kara Ben Nemsi im Orient und steckt sie alle sozusagen mit der linken Hand in die Tasche, immerhin schmeckt man hier die Herzensangelegenheit des verhinderten Vollblutpädagogen durch, die allerdings, mit ihrem schwärmerisch wirkenden Lobpreis der häuslichen Prügelstrafe, auch etwas gemischte Gefühle hinterlässt.

Er habe „viel Liebe und Güte genossen“, spricht Max Walther über seine Zeit im Waisenhaus (S. 925), ganz ähnlich wie später (in „Mein Leben und Streben“) sein Autor über das Zuchthaus als den Ort, wo er sich, eigentlich und letzten Endes, am wohlsten gefühlt habe … - Ein Mann wie Karl May hat eigene Wertmaßstäbe.

Und das ist dann auch wieder typisch Karl May, nach dem langen Dialog zwischen Finkenheiner und Anna: einerseits ist es beträchtlich kitschig, andererseits wirklich bewegend, und es hat ein bisschen etwas von Solveig und Peer Gynt (mit umgekehrter Rollenverteilung …), wie sie da hocken, die nicht mehr ganz jungen Leute, und dann macht er in einer Szene, wo man wirklich von „Verklärung“ sprechen könnte, einen Witz daraus, indem er den Heiner „Liebesverklärung“ (statt Erklärung) sagen lässt, und auch noch gleich ein „Heiner ! Ich kanns nicht fassen !“ – „Hasts doch schon fasst, nämlich mich, bei den Beinen“ im Dialog dran (oder drauf …) setzt. Witz, auch augenzwinkernder, und tiefstes Empfinden oder Tragik gehen bei Karl May Hand in Hand, er „bedient“ manchmal beides nahezu gleichzeitig, bei ihm ist es wie im Leben.

Und bevor dann die Handlung um den Silberbauern ihrem seitens des Lesers schon ganz in der Nähe gefühlten Ende zugeführt wird, macht der Autor erst noch einen ganz neuen Handlungsstrang auf und führt uns auch örtlich erst einmal ganz woanders hin, auch das ist wie im Leben, nicht immer alles hübsch ordentlich beieinander, sondern kreuz und quer und über Stock und Stein; auf krummen Linien gerade, sozusagen.

 

III

Wieder über 600 Seiten …

Gelegentlich stellt der Autor die Geduld und Toleranz des Lesers denn doch mal auf etwas härtere Proben, wenn etwa der Landesmonarch mal wieder allzu gütig und in einer Weise daherkömmt, dass der Kitsch zwischen den Zeilen geradezu herauszufließen droht …

Immerhin, die Sache mit Ludwigs Augen ist interessant, das ist fein beobachtet.

Auch die Gefühlsduseleien in Sachen Max Walther und Mutter über ein halbes Dutzend Seiten wirken aufgesetzt und unglaubwürdig, und es schleicht sich der Verdacht ein, da habe sich Autor May etwas herbeigeschwülstelt, was er selber so nie erlebt hat …

Zwischenzeitlich kommt es auch immer wieder mal vor, dass man sich fragen kann, ob wirklich alles von May ist, das eine oder andere erscheint irgendwie doch etwas fremd.

Bei den zahlreichen Längen kann man auch wieder einmal über den Sinn oder die Berechtigung von Bearbeitungen nachgedenken, das ist wirklich ein sehr zweischneidiges und heikles Thema. Jedenfalls ist es gar nicht schlecht, dass es dieses Roman-Ungetüm alternativ auch in deutlich abgespeckter Form als „Peitschenmüller“, „Silberbauer“ und „Wurzelsepp“ (u.a.) gibt.

Aber im weiteren Verlauf steigert sich die Qualität des Buches in beeindruckender Weise und es wird phasenweise noch sehr schön bzw. lesenswert:

„Ich war gelähmt, nicht am Körper, sondern am Geiste, an der Seele, am Herzen. Mein damaliger Zustand läßt sich nicht beschreiben. Er ist nur zu vergleichen mit einem fürchterlichen Traume, in welchem man moralisch niemals zur Verantwortung gezogen werden kann“ lässt Mutter Bürgermeisterin an einer Stelle verlauten, das erinnert an Mays Sprache, Argumentation und Ausdruck in der Autobiographie.

Sehr beeindruckend ein Bild auf S. 1275. „Böser“ Vater und „guter“ Sohn begegnen sich, ohne ihre Identität zu kennen. „Walther erwiderte seinerseits die Verbeugung, und da der Eine hüben und der Andre drüben am Tische stand, so kamen dadurch ihre Köpfe einander nahe. Milda stieß einen leisen Schrei aus. Ihr Auge war auf die beiden Physiognomien gefallen.“ Auch die weitere Überführung des Übeltäters gerät sehr spannend.

Und wie der Mensch und Autor May nicht mit zugeknöpftem Rock, sondern ungefiltert von der Seele schreibt, das berührt immer wieder: „Sie blickte ihm dabei mit warmer Dankbarkeit in die Augen. Es war, als ob eine innere, drängende Stimme ihm zurufe: »Umarme sie! Sie duldet es.« Aber er that es doch nicht.“ Auch vorher die Szene im Gewitter, wie sie da in der Höhle hocken und mit ihren Armen nicht wissen wohin, wer so schreibt, der muß ein Herz haben, und kein schlechtes.

Oder später, S. 1483:
„Und Milda ? Wenn sie das gesehen hätte ?
Nun, sie hatte es gesehen.“
Unmittelbarer und näher am Leser geht es ja kaum noch, das ist als ob er neben einem sitzt und mit einem spricht. Sehr schön.


»O, die Redlichkeiten!« (lässt der delirierende Silberbauer verlauten,)
»Wer ist redlich, wer?«
Er horchte auf und fragte dann mit lauter, weithin schallender Stimme:
»Wer hat da sprochen? Wer hat da fragt? Antwortet Keiner? Ah, es ist Niemand da, und ich hab doch glaubt, daß Jemand mich fragt hat. Nein, es hat kein Mensch sprochen. Ich bin allein, ganz allein. «

Im Gegensatz zu seinem Autor hat der Silberbauer keinen seelsorgerischen Kochta mehr zur Seite, er wird aus diesem unerfreulichen Zustand nicht mehr herauskommen.

Und der Spruch auf S. 1612

„Was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das merket in Einfalt ein kindlich Gemüt.“

verdient ebenfalls, erwähnt zu werden.

Die Handlungsstränge um Peitschenmüller und Silberbauer kommen in diesem Band zum vorläufigen Ende, aber ehe noch auch die Steinegg-Handlung weitergeführt wird, fängt May etwas völlig neues an, über die Landesgrenze geht’s, zum Kery-Bauern … Später (in den Folgebänden) kommen als weitere Stränge auch noch Samiel, Wien und Triest hinzu, wirklich übersichtlich ist es auf den ersten Blick nicht, aber das Leben ja auch nicht.

 

IV

Der vierte Band enthält auf gut 600 Seiten die Fortsetzung (!) des achten Kapitels (und sonst nichts). Die lange Episode um den Kery-Bauern und die Osecs sei hier zunächst übergangen.

Irgendwann in der Kerybauern-Handlung taucht der Wurzelsepp wieder auf, und dann geht es zurück zu den Handlungssträngen Eichenwald und Steinegg.

Die sonst so schwärmerisch-blauäugige Monarchenbeweihräucherung wird auf S. 2147 auch einmal (seitens Volkes Stimme) aufgebrochen: „Er hat Alles, was sein Herz begehrt. Aber hat er eine Tabakspfeifen, wann er Appetit verspürt? Darf er ein Bier trinken und einen Schafkopfen spielen? Hat er so ein Dirndl wie ich, was er lieb haben will und lieb haben kann? Nein, ich thät doch nicht mit ihm tauschen. Er ist der Sclaven von seinem Amt.“

Interessant der Auftritt des Keilberg, ein abgeklärt-hartgesottener:

»Wissen Sie, Keilberg, daß Sie ein ganz schändlicher Mensch sind?«
Sein Gesicht glühte vor Zorn. Der Andere aber antwortete ganz ruhig:
»Ja, das weiß ich.«
»Und Sie schämen sich nicht?«
»Nein. Was soll die Scham! Sie ist zu nichts nütze.«

und als er später (S. 2236) äußert

„Bitte, mein Fräulein, es gibt auch brave Leute im Zuchthause … Und Spitzbuben unter den freien Leuten ! Mancher gehört hinein, der auf die Gefangenen schimpft und sie verachtet !“

meint man seinen Autor sprechen zu hören. Die bedauerliche Figur erinnert im weiteren Verlauf an Ibsens Krogstad.

Auf S. 2240 geht es einmal mehr bei May (nach z.B. „Am Jenseits“ und „Winnetou I“) um das Thema Vivisektion.


Entsetzlich kitschig der endlose Brief auf den Seiten 2251-55, manchmal mag man es wirklich nicht mit anlesen.

Auf S. 2291 sprechen zwei Ludwigs miteinander, König und Untertan, und der eine sagt entsprechend „Ludwig“ und der andere „Herr Ludwig“ …

Und dann kommt ein wirklicher Höhepunkt  … Die Szene zwischen dem Hausmeister und der dicken Köchin. Leider erfahren wir nicht, was sich da sonst noch so alles abgespielt hat, auch der Wurzelsepp hat es nicht mehr mitbekommen, „Sie tauschten Liebkosungen aus, welche der Art waren, dass er vorzog, sich zu entfernen (S. 2336).“

„Du bist fünfundzwanzig Jahre älter als ich. Wie lange werde ich Dich denn haben, so bin ich Witwe“ (S. 2339), es geht doch nichts über offene Worte und realistische Betrachtungsweisen … „Das Küssen ist die reine Kinderei. Man schiebt die beiden Mäuler zusammen, so dass man sich die Nasen fast wund reibt. Schmecken thuts nach gar nichts. Warum thut man es also“ (S. 2342), die nüchterne Dame raubt ihrem Liebhaber reiferen Jahrgangs wirklich eine Illusion nach der anderen.

Oder die Seiten 2348 – 2350 mit der Verlobungsanzeige … Das tut gut nach all dem Kitsch, oder „In einer solchen Stellung darf man sich doch nicht von dera Polizeien sehen lassen !“ (S. 2357). - Am Rande sei erwähnt, dass einer der über Dutzende von Seiten unfreiwilligen Erzkomiker immerhin ein Mörder ist, was der Leser auch nur eher beiläufig erfährt …

Später wird der Sepp als Geheimpolizist ‚geoutet‘, vermutlich wusste May zu Beginn des Romans selber noch nichts davon … Später in Wien erinnert er dann stark an den Trapper Geierschnabel auf Deutschlandbesuch.

Und am Ende gibt es noch Familienbesprechungen der anderen Art, es geht halt nicht überall so rührend zu wie vorher bei den Walthers: „Du bist das Ebenbild Deiner Mutter, und ich hasse Dich ebenso, wie ich diese gehasst habe. […] Du nennst mich nicht mehr Deinen Vater. Nun wohl; ich habe gar nichts dagegen. Ich sage Dir aufrichtig, dass ich Dich nie geliebt habe“ (S. 2380). Da sind wir denn doch wieder mit beiden Beinen in unerfreulicheren Gefilden der Realität angekommen.

 

V

Der Band enthält zunächst auf genau 444 Seiten das neunte Kapitel „Der Samiel“, das eine größere, um nicht zu sagen weitschweifige Umarbeitung und Ausformung der gleichnamigen Erzgebirgischen Dorfgeschichte darstellt (zum Vergleich: der Reprint des Ur-Samiel kommt in Band 43 der GW mit 27 Seiten aus. - Dort bescheinigt Herausgeber Roland Schmid dem Autor May „unbekümmertes Draufloserzählen, warmherziges Gefühl, schriftstellerische Unverdorbenheit, manchmal rührende Naivität gegenüber dem Leben und der Umwelt, unbestechlich klaren Beobachterblick, unverbrauchte Leidenschaft“ sowie die Fähigkeit, „ohne Umschweife das Wesentliche“ zu sagen; das ist fein beobachtet.) – Zum Samiel-Kapitel später einmal mehr.

Das zehnte Kapitel, das in Wien spielt und später im sechsten Band fortgeführt werden wird, heißt „Herzenskrämpfe“, wobei nicht klar ist, ob es mit dem r im Wort wirklich seine [beabsichtigte] Richtigkeit hat.


Auf S. 2857 wird wörtlicher Bezug zum Romantitel hergestellt:

„Das 'Glück' hatte seine besseren Eigenschaften erstickt und die schlechteren zur vollen Entwickelung gebracht. Dabei aber ist unter Glück nur der äußere Erfolg gemeint, denn das wahre Glück ist etwas ganz Anderes, tief Innerliches.“ Letzterem ist nun vorbehaltlos zuzustimmen.

Auf S. 2868 äußert der Krikelanton alias Guiseppe Criquolini eine Art jagdphilosophische Elementaransicht, die sich als zusätzlicher Farbtupfer vielleicht auch in „An der Quelle des Löwen“ gut gemacht hätte …

Auf S. 2870 wird bei der Schilderung eines begüterten Herrn aus den besseren Kreisen, Kunstmäzen und „sehr verdient um die Industrie des Landes“, der Hobble-Frank und auch noch der eine oder andere mit gegrüßt:

„Nun, er hat weder Bildung noch Kenntnisse, hält sich aber für ungeheuer klug und belesen. Bei einem Gespräche über Kunst und Wissenschaft fühlt er sich in seinem Elemente und schießt dabei solche Böcke, daß man platzen möchte, da man ihm natürlich nicht in das Gesicht hinein lachen darf, sondern nicht nur ernsthaft bleiben, sondern ihm sogar Recht geben muß. Das vergrößert natürlich sein Selbstbewußtsein, und so kommt es, daß er sich für einen Mann hält, dessen Urtheil gewichtig in die Wagschale fällt.“

Der gleiche Commerzeinrath verbreitet sich auf S. 2873 oben auch über Musik und eher passiven Genuß derselben, heutzutage würde er sich vielleicht im stillen Kämmerlein Musikvideos anschauen.

Bei einigen Sätzen oder Formulierungen fragt man sich wirklich, ob May bewusst war, was er da von sich gab und wie sich das anhört, „Ich war eine Sennerin, ein dummes, stilles Ding. Da kam der gute König von Bayern, hörte mich jodeln und nahm mich von der Alpe weg. Ich musste Sängerin werden; er hat Alles bezahlt und bezahlt auch jetzt noch Alles.“ (S. 2884), oder, etwas anders gelagert, „Die Kunst wurde ihm ebenso verhängnißvoll wie früher der Jagdstutzen“ auf der nächsten Seite.

Eine Aussage wie „Ach, Herrgottle, damals war ich ein gar glückliches Dingerl. Wann ich mein Käs und Brod hatt, so wars gut. Weiter hab ich nix braucht, und alle Tagen waren Sonnenschein. Ich denk oft, daß es viel besser wär, wann ich auf meiner Alm hätt bleiben konnt“ (S. 2894) vermag dann allerdings wieder durchaus zu überzeugen, ganz im Ernst jetzt.

Reumütig erscheint die ehemalige Silbermartha beim (seitens May) bewundernswürdigen kunstbeflissenen Tugend-Vorbild Leni und schämt sich gar sehr, eine etwas peinlich geratene Wunschvorstellung des Ehemanns & Autors.

Anton Criquolini schreckt auf seinen Jagdausflügen der besonderen Art auch vor Gewalt nicht zurück, das wirkt allerdings ein wenig ebenso aufgesetzt wie die wundersame Wandlung des Wurzelsepp, die natürlich mit der Schilderung im ersten Band überhaupt nicht mehr korrespondiert; manchmal sind May die Rösser seiner Phantasie wirklich gewaltig durchgegangen.

 

VI

„Und sie war keine Sängerin, sondern Jungfrau - so rein, keusch und züchtig. Dem Zahn der Sünde war es nicht gelungen, dieses Mädchen zu verwunden. Das sah man ihr an.“ (S. 2942)

Auch mit solchen Stellen muß man immer mal wieder rechnen bei Karl May und insbesondere in diesem Roman.

Dinge wie das Lied des Anton über „Aeppelpäppel“ resp. „vinum bonum“ (S. 2945 f.) versöhnen dann wieder mit solchem, zum einen versteht der Mann offenbar tatsächlich eine Menge von Gesang, zum anderen hat er auch vor über hundert Jahren in Gesellschaft und Kultur offenbar das wahrgenommen, was wohl zeitlos zu sein scheint: Aeppelpäppel. (Denn das steht für etwas …)

Überhaupt ist der Kitsch oft nur vermeintlich, bzw. man entdeckt unter dessen übergegossener Schicht mehr, oft viel mehr. Wie sie da zueinander finden, der Graf und die Leni, das hat neben allem fatalen („Er, der Graf, ein Nachfolger eines Wildschützen bei einer früheren Sennerin !“ – S. 2973) und kitschigen auch sehr viel anrührendes; möge man lachen.

Gelegentlich lässt er aber auch den Macho durchblicken,  eher ein harmloser niedlicher kleiner Sachsen-Macho, „Sie glich dem Strauße, welcher vergebens seinen Kopf versteckt, um sich zu retten. Er wird ja doch vom Jäger gesehen und – erlegt.“ (S. 2971), mit der Jagd auch anderer Art ‚hat er es‘ überhaupt gelegentlich in diesem Roman.

Auf S. 2988 wird, auf gut Deutsch gesagt, auf die Straße gekotzt, und der Leser durchaus detailliert informiert: „Die übermäßig genossenen Getränke erzwangen sich einen unnatürlichen Ausweg, und das schallte so durch die nächtliche stille Strasse, dass Leni einen unendlichen Ekel empfand.“

Auf S. 3142 wird eine Art vorläufiger Abschlußbericht über alle Handlungsstränge erstattet (bevor dann wieder ein neuer dazukommt), als müsse der Autor mal eben checken, ob er auch alles durch hat.

Über Miramare ein andermal; danach geht es nicht ohne Wehmut in die Heimat zurück zum großen Finale, „Da hab ich das Glück doch da gefunden, wo ich glaubte, es verloren zu haben, hier an der Hütte, wo damals der Anton von mir ging“ (S. 3411), das hat schon was.

Im „Waldröschen“ ist es ein Maskenball, hier hocken sie alle im Theater, Theatrum mundi, überzeugend. Daß May Haupt- und Generalprobe in einen Topf wirft, wollen wir großzügig übersehen, dafür scheint es auch seinerzeit in Dresden schon gewisse Undinge in Sachen Probenverhalten von „Gaststars“ gegeben zu haben, nur dass einer bei der Probe aus dem zweiten Rang singt und erst zur Aufführung die Bühne erstmals betritt, das kannten wir noch nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Und Heimdall tritt auf, aber nicht Fricks alter ego, sondern „der Herrliche“, „der Lichte“.

Anton und seine Mutter, da kann es einen dann noch einmal richtig emotional erwischen, May ist immer wieder für eine Überraschung gut, und wenn man gar nicht damit rechnet, wird es plötzlich sehr sehr ernst. Oder S. 3470, wie dem reuigen Mann da die Tränen kommen, das kann man verstehen.

Den Schlusssatz des „eigentlichen" Schlusses (S. 3474), bevor ein angehängter Teil sehr beeindruckend den gleichzeitigen Tod des Königs wie des Wurzelsepp schildert (auch darüber später einmal mehr) könnte man seinem Autor aber sozusagen um die Ohren schlagen, »Frömmigkeit, Fleiß, Liebe und Treue, Treue vor allen Dingen dem Heerde, der Familie, dem Vaterlande und dem Herrscher, das ist der einzige und wahre Weg zum Glück!«, wie kann man denn so etwas schreiben, und sei es auf Verlegerwunsch.