DAS WALDRÖSCHEN

Spannend, grell, bunt, witzig, und führt uns rund um die Welt. Für Mays Verhältnisse sehr freizügig, in keinem anderen Werk wird es so oft getrieben wie in diesem (geschieht das in anderen Werken, von der „Juweleninsel“ einmal abgesehen, überhaupt ?). Die Schilderung beschränkt sich allerdings darauf, dass der Erzähler gleichsam vor der Türe steht und diese zumacht, wenn es soweit ist. Der Leser kann sich dann das weitere ausmalen. – Auch von Grausamkeiten wimmelt es in diesem Werk wie in keinem zweiten. Da wird gemordet, gefoltert, gequält, dass sich die Balken biegen, ganz widerwärtige Brutalitäten und Gemeinheiten werden gleichsam genüsslich geschildert. Die Zahl der Tötungen, auch sehr willkürlich und unnötig seitens der „Helden“, geht wohl wirklich in die Tausende. Und dann gibt es wieder Humor, Menschlichkeit, Unfug, Weltanschauung … Karl May wirklich von allen Seiten. - Als es am Ende um das Schicksal des Kaisers Maximilian geht, erreicht der Autor eine Differenziertheit, die man in einem Kolportageroman nicht unbedingt erwartet hätte. - Trotz allen Kitsches gelingen einige Szenen wirklich anrührend, so das Wiederfinden Sternaus und seiner Frau nach vielen Jahren, da verschlägt es dann selbst dem Erzähler die Sprache. - Als ganz am Ende alle Beteiligten in Masken aufeinandertreffen, hebt Karl May für einen Moment den Vorhang zu tiefsinniger, großer Dichtkunst. - Ein (auch quantitativ ...) 'gewaltiges' Werk, indes in der Originalfassung kaum bekannt.

 

HKA Band I - VI

I

Die ersten Bände des Orientzyklus bzw. deren Zeitschriftenfassung hat Karl May schon geschrieben, Winnetou in einer der ersten Geschichten über diesen bereits sterben lassen, und den Gipfel seiner (Lebens- wie schriftstellerischen) Hoch-Zeit hinter sich, als er im Auftrag des guten alten Münchmeyer, eines der wenigen, die zumindest zwischenzeitlich so etwas wie ein Freund ihm waren, moralische Wertungen her oder hin, das „Waldröschen“ schreibt, den ersten sowie wohl besten und interessantesten seiner fünf großen Kolportageromane.

Den einzelnen Kapiteln sind teilweise gar schauerlich kitschig wirkende Gedichte vorangestellt, und überraschenderweise begegnen wir hier (zu Beginn des fünften) gar dem u.a. aus Winnetou II bekannten „Kennst Du die Nacht“ in unwesentlich abgewandelter Form wieder. (Auf dieses Gedicht bezieht sich die Bemerkung von wegen Kitsch ausdrücklich nicht).

Apropos Kitsch, davon haben wir reichlich in diesem Buch. Manchmal ist es eher nur noch grenzwertig und mit sehr viel gutem Willen erträglich.

Zunächst erleben wir Doktor Karl Sternau auf Schloß Rodriganda einen vermeintlich Erblindeten dessen Sehkraft zurückschenken und werden Zeuge zarter Liebesszenen. Die können in diesem Roman auch schon mal eher weniger zart daherkommen, in den Fällen werden sie dann aber nur angedeutet, bzw., der Erzähler blendet sich aus, wenn es soweit ist.

Später erleben wir in dem verblüffenden Kapitel „Die Weihnacht des Gefangenen“ bitterste, scheinbar auswegloseste Not sowie Befreiung, auch im übertragenen Sinne.

Dann wechselt das Geschehen nach Deutschland, Rheinswalden bei Mainz (dass der eine Ort fiktiv ist und der andere nicht, ist dabei sekundär oder auch völlig bedeutungslos), wo wir anhand des Auftritts des kleinen Kurt Maysche Kinderliebe beobachten können.

In Saragossa erleben wir anschließend die Vorgeschichte des Ganzen: sieheda, Karl Sternau ist ein uneheliches Kind des Herzogs von Olsunna und einer Gouvernante, der richtige Sternau senior war nämlich eher klein und schmächtig, die Riesen-Statur hat Karl vom mit allerhand unseriösen Mitteln zu Werke gehenden Schwerenöter, guck’ einer an.

Und dann folgt noch, am Ende des Bandes, die „Königsschatz“-Episode, die Karl May später überarbeitete und in Old Surehand II einbaute.

 

Erste Abteilung

1. Kapitel – Der Kampf um die Liebe

Doktor Karl Sternau kommt nach Rodriganda, um seine Liebe wiederzufinden und dem Grafen Emanuel Leben und Augenlicht zu retten.

Er ist „vielleicht sechsundzwanzig“, „doch ging von ihm jene Ruhe, jener Hauch der Erfahrung und Gewißheit aus, welcher den Menschen älter erscheinen läßt, als er ist“.

„Der Wirth schien, entgegengesetzt der spanischen Weise, ein menschenfreundlicher Mann zu sein, vielleicht war es ihm auch lieb, in der einsamen Nachmittagsstunde eine Unterhaltung zu finden. Er antwortete redselig“; daß es dort ansonsten so angenehm zurückhaltend zugehen soll, erscheint neu …

In einer kleinen Rückblende erfahren wir, wie Sternau seinerzeit Rosa kennengelernt hat, „Er, der erfahrene Mann, der Arzt, fühlte, daß seine Pulse stehen blieben, um ihm dann mit zehnfacher Geschwindigkeit das Blut aus dem Herzen nach den Schläfen und in die Wangen zu treiben. Jene Stunde entschied über ihn und auch - über sie.“

„Seit jener Zeit hatte er wie ein Riese mit dem Leide gerungen, welches sein Herz durchwühlte und sein Leben umkrallte; allein er hatte es zu keinem Siege gebracht.“ Damit kannte unser Autor sich aus.

Sternau kommt gerade noch rechtzeitig, als der Graf „chloroformirt“ werden soll. „Sternau trat an die Thür und erhob den Fuß; ein lautes Krachen erscholl, und der Eingang war frei.“

Graf Alfonzo „glich einem jener Satansbilder, bei denen der Meister den Teufel nicht mit Pferdefuß und Hörner darstellt, sondern das Diabolische dadurch zu erreichen sucht, daß er die an und für sich schönen Züge des bösen Geistes zu einander in Widerspruch erscheinen läßt.“ Noch Jahrzehnte später in Sachen Ahriman Mirza lesen wir Ähnliches.

Sternau macht Eindruck, „Wie ein Fürst, wie ein König stand er vor ihnen, mit hoch erhobenem, stolzem Nacken, und einem solchen machtvollen Blicke in seinen Augen, als sei er nicht ein unbekannter Fremder, sondern der Besitzer des Schlosses.“

„Sie konnten nicht einmal dem bloßen Eindrucke seiner Gestalt und seiner Augen widerstehen; sie wichen vor ihm zurück bis hinaus auf den Korridor“ …

Gegner haben es in körperlichen Auseinandersetzungen nicht eben leicht, „Sternau hatte diese Hand ergriffen und mit einer so fürchterlichen Stärke zusammengepreßt, daß die Knochen prasselten und das Blut hervorspritzte.“

Und er redet Klartext, „Meine Herren, was hat man Ihnen für den Mord an dem Grafen Rodriganda geboten?“

Interessant ist, daß er von der bigotten Clarissa als „Antichrist“ bezeichnet wird, das passt zu dem Gedanken, der sich anschließend bei Rosas Worten „der Kampf, mit welchem wir uns verbinden, wird nicht nur ein Kampf gegen die Falschheit, die Lüge und das Verbrechen, sondern es wird auch ein Kampf um die Liebe sein“ einstellt (und mit dem wir gedanklich wieder beim 'Silberlöwen' wären): damals wie heute waren die Werte gelegentlich auf den Kopf gestellt und die allgemeine Täuschung groß, und es galt und gilt sich zurechtzufinden in einer unheilen, verdorbenen [„Schatten“-]Welt.

 

2. Kapitel – Das Geheimnis des Bettlers

Der todgeweihte Bettler fürchtet die Hölle und erkennt ansatzweise doch daß sie schon hier auf Erden zu finden ist, „Laß mich finden, damit ich nicht zur Hölle fahre! Hu, die Hölle! Fühle ich sie nicht schon jetzt in meinen Adern, in meinem Hirn, in allen meinen Gliedern?“

„Es war hier über das Leben eines Menschen verhandelt worden, wie über einen ganz zufälligen und geringfügigen Gegenstand. Doch es fragt sich, wer von den Beiden der Schlimmere, der Gefährlichere war, der Räuberhauptmann, oder der schleichende Notar, der zu seinen Thaten die Kunst der Verstellung und die Maske des Geheimnisses zur Hilfe nahm.“ Andeutungsweise lässt May seine Moral besonderer Art durchscheinen.

„Aber was sind die Leiden des Körpers gegen die Qualen des Geistes“, warnt der Alte seinen jungen Helfer, „Diese sind fürchterlich, mein Sohn. Hüte Dich, sie jemals kennen zu lernen.“

Mariano erzählt von seinem vermeintlichen Traum, der uns wie ein Gleichnis erscheinen mag. („Ich bin von Gott und will wieder zu Gott“ heißt es in einem anderen Text.)

„Du sagst, daß dieser Pater ein guter Mann ist?“ – „Ja. Er ist kein Brigand; er thut niemals etwas Böses, obgleich er treu zu den Briganden hält und sie nicht verräth. Man kann ihm alles Vertrauen schenken.“ Von Moral besonderer Art wurde schon gesprochen.

„Wir müssen ohne Falsch sein, wie die Tauben, aber auch klug, wie die Schlangen, mein Sohn.“ Ein guter, angemessener Rat.

Der Räuberhauptmann sinnt den Plan aus, Mariano an den Ort seiner Vergangenheit zu schicken …

Szenenwechsel, Rodriganda. Der brave Alimpo „schlich auf den Fußzehen wie eine Katze die Treppen auf und ab; er huschte unhörbar wie ein Schatten über die Korridore, und selbst in seiner eigenen Wohnung, welche von der des Grafen so entfernt lag, daß selbst der größte Lärm nicht zu dem Gebieter hätte dringen können, schwebte er so lautlos hin und her, als verstehe er die Kunst, den Boden nicht zu berühren.“

Elvira und Alimpo, immer wieder schön. „Ihr Vollmondgesicht glänzte von Zufriedenheit; ihr Auge lachte vor Güte; ihr Mund war stets zu einem guten Worte bereit, und da ihr theurer Juan trotz aller körperlichen Verschiedenheit ganz dieselben Eigenschaften besaß, so lebten sie wie Tauber und Täubchen, und es hatte noch kein Mensch ein einziges schroffes Wort gehört, welches zwischen ihnen gefallen wäre.“

Und auch bei nicht ganz logischen Ausführungen sind die beiden sich einig, „Ich wünsche keinem Menschen, daß ihn der Teufel holen möge, diese drei Kerls aber könnte er immer einmal holen.“

Graf Emanuel berichtet von seiner Behandlung, „Ich habe gefühlt, wie er den Stein packte; ich habe das Knirschen desselben gehört, als der Bohrer sich zu drehen begann, und ich fühle selbst jetzt die Reste des Pulvers von mir weichen. […] Schmerzen? Sie sind nicht von Bedeutung! Die Applikation des Bohrers war bereits vorbereitet und hat mir nur das Gefühl einer nicht angenehmen Ausdehnung verursacht; die Anbohrung des Steines war sehr wenig schmerzhaft und die einzigen wirklichen Schmerzen, welche ich erst jetzt empfinde, bestehen nur in jenem einfachen Weh, welches man bei jeder Affektion der Wasserwege empfindet.“

Die anderen Ärzte werden hinwegkomplimentiert.

Überfall, eindringliches Bild: „vor ihnen zertheilten sich die Büsche und zwischen ihnen kam ein in eine schwarze Kapuze gehüllter Kopf zum Vorschein, dessen dunkle Blicke wild aus den runden Augenöffnungen der Verhüllung hervorglühten.“

Sternau „befand sich glücklicherweise nicht zum ersten Male in einer solchen Lage. Während seiner Wanderungen durch fremde Erdtheile hatte er mit den wilden Indianern Nordamerikas, den Beduinen der Wüste, den Malayen des ostindischen Archipels und den Papuas Neuhollands gekämpft. Er hatte sich dabei jene Geistesgegenwart angeeignet, welche kein Erschrecken kennt, keinen Augenblick zaudert und in jeder Lage sofort das Richtige ergreift.“ Der Mann ist um die Sechsundzwanzig und nebenbei auch noch bereits eine Koryphäe von Arzt …

„Der Uebergang vom tiefsten Schrecke zu einer solchen Freude war zu schnell und gewaltig. Sie dachte an keine Rücksicht, an keine Scheu, sie dachte nur daran, daß er getödtet werden sollte, und doch noch lebend war. Sie warf sich an seine Brust, schlang die Arme um ihn, und legte mit lautem Schluchzen des Entzückens ihr Köpfchen an sein Herz.“ Das korrespondiert einigermaßen mit einer Assoziation, die sich beim geneigten Leser kurz zuvor bereits einstellte, bzw. geht andeutungsweise ein klein wenig in die Richtung …

 

3. Kapitel – Die ersten Spuren

Vor einer Elvira / Alimpo – Szene macht May ein wenig Eigenwerbung: „Es dürfte gewiß ein ungewöhnlicher Genuß sein, den beiden braven Eheleuten zuzuhören.“

„Der gute Kastellan war durch seine Phantasie verleitet worden, aus dem Gebiete des Figürlichen auf dasjenige des Wirklichen überzugehen.“ Das soll May selber gelegentlich nicht anders ergangen sein.

Zwei Räuber wollen aus der größeren Bande aussteigen und sich zusammentun, es wird nicht lange währen …

Amy Lindsays Stimme „klang so eigenthümlich voll und rein, als sei sie von einem großen Musikmeister partout dazu gestimmt worden, recht tief in alle Herzen zu dringen.“

„Und dieses Haar! Nein, so ein Haar!“ – „Eins blos? Hm!“ Sehr hübsch.

„Die Engländerin gehörte keineswegs in die Kategorie jener langen, dünnen, starkknochigen und langzähnigen Ladys, welche den Continent unsicher zu machen pflegen. Sie hatte Schleier und Mantel abgelegt und stand nun da, wie ein verkörpertes Märchenbild, wie eine Melusine, die geschaffen ist, ohne es selbst zu wollen und zu wissen, alle Herzen gefangen zu nehmen. Sie war eine Schönheit, an welcher sich der Pinsel des Malers und die Feder des Dichters vergebens versucht hätten.“

Auch in Sachen Grafenkrone sieht Mariano „das verkörperte Bild seiner Träume! Und diese Träume waren also doch nicht Träume, sondern Wirklichkeit gewesen! Es wogte und wallte in ihm wie ein unendliches Entzücken“. […] „Er wußte nicht, auf wen er seinen Blick richten solle, auf das jetzt noch unverschleierte Gesicht der Engländerin, oder auf das Wappen, dessen Züge ihm wie die Schriftzeichen eines Evangeliums entgegen glänzten.“

Wieder ein Überfall. Mariano hilft. „Er stand wie ein junger Gott vor ihnen, das Pistol noch in der Hand.“

Mariano erkennt Alimpo wieder und erinnert sich an einen Gasparino. „Der große, reiche Bau des Schlosses machte einen unerklärlichen Eindruck auf ihn; es war ihm, als sei er hier an den Ort gelangt, in welchem alle seine Jugendträume ihre Wurzeln schlugen, und er sprang vom Bocke mit der Empfindung herab, daß sein Leben hier eine vollständig neue Gestaltung finden müsse.“

 

4. Kapitel – Ein Menschenraub

Dialog Cortejo – Clarissa, „Du weißt, daß Du die Einzige bist, welche mich von der schwächsten Seite des Mannes kennen gelernt hat.“ – „Und ich bin Die, welche mit Deiner Schwachheit Nachsicht hatte. Wollen wir jetzt nicht auch ein wenig schwach sein, mein Lieber? Gott hat uns die Liebe zur Verschönerung dieser sündhaften Erde gegeben, und es ist Ungehorsam gegen seinen väterlichen Willen, wenn man ihm widerstrebt.“ Gesagt, getan … „Die beiden frommen Seelen trösteten sich in einer langen Umarmung über die Sündhaftigkeit der Erde. Hätten sie gewußt, daß Mariano ihren Schlichen so scharf auf der Fährte war, wäre ihnen wohl die Lust vergangen, dem 'väterlichen Willen Gottes' in dieser Weise gehorsam zu sein. ---“

Gespräch über Schöpferisches zwischen Amy und Mariano, „Ich spiele, was mir meine eigene Phantasie eingiebt, und das spiele ich nur für mich und nicht für Andere.“

Dann singt er doch für sie, „Das klang ja so süß, so unbeschreiblich mild, das konnte unmöglich die Stimme eines Mannes sein!“ Wir erinnern uns reflexartig an die Handschriftenanalyse von Dr. Ludwig Klages, der unserem Autor per Handschriftenanalyse einen „stark weiblichen Einschlag“ bescheinigte …

Es kommt zu Aussprache und mehr, „Ein langer, inniger Kuß glühte auf ihren Lippen, welche sich nicht sträubten, und dann verließ er die Bibliothek. Sie hörte seine verhallenden Schritte, und sank dann in den Stuhl, wo sie noch lange saß, vor Glück und Freude weinend, und die glühenden Wangen in die Hände verborgen.“

Der deutsche Arzt weiß mit seinen Gegnern umzugehen, „Sternau blickte ihm mit einem Lächeln, welches die Gewalt eines Lanzenstoßes hatte, in das Gesicht“ …

Augenoperation, man nehme „Augenspiegel, Nadeln, Messer, Schnepper, Augenhalter, Liderhaken, Scheeren, Pincetten, Linsenkapselöffner, Presser, Löffel, Sonden, Bistouris und Scalpells, Spritzen, Troicars, Augenwannen, Koreonkions, Compressorien, Röhren und Perforatorien.“ Der Patient ist gefasst, „Diese Instrumente erschrecken mich nicht.“

Die Operation gelingt, Rosa ist überwältigt, „Da konnte sie sich nicht halten. Trotz der Gegenwart der der Freunde und der Kastellanin legte sie ihre Arme um ihn, und streckte ihm ihre vollen, blühenden Lippen zum leisen, leisen Kusse entgegen.“

„Auch Miß Amy war erstaunt, konnte aber nicht umhin, der Freundin Recht zu geben. Sie zog dieselbe an sich, und küßte sie wortlos auf dieselben Lippen, welche einige Augenblicke zuvor der Mund des Arztes berührt hatte.“ Was uns dazu alles so einfallen kann, müssen wir nicht verraten.

Sternau erhält, widerstrebend, beträchtliches Geld, „Als er auf sein Zimmer kam, war es eine Anweisung auf zweimal je hunderttausend Silberpiaster, ein wahrhaft fürstliches Honorar, welches ihn sofort zum selbstständigen Manne machte.“

Kapitän Landola kommt ins Spiel, der wird Mariano entführen.

Giftrezepte, „Notabene: Kann nur im Landte Asien gemacht werden und ißt erprobt von viellen Menschen, so man Neger, Malaya's oder Wildte nennet.“ So geht es zu.

Sternau sinnt eine Art 'Sohnerkennungstest' aus, den Mariano besteht, im Gegensatz zu Alfonzo. Mariano wird entführt.

 

5. Kapitel – Zum Wahnsinn verurteilt

Das Kapitel (eigentlich heißt es „Zum Wahnsinn verurtheilt“, aber man kann es auch übertreiben …) beginnt mit dem Gedicht „Kennst Du die Nacht …“, das wir u.a. auch aus Winnetou II kennen.

Interessante Betrachtungen über Mexiko … zum einen aktuell, zum anderen wie immer übertragbar … im Positiven („eins der schönsten Länder“ usw.) wie im Negativen („Räuber“ …), denken wir bei Letzterem z.B. an Herrn Seidelmann aus dem 'Verlornen Sohn', der lebt nicht in Mexiko …

„In den entfernten Provinzen ist es allerdings etwas gefährlicher. Wer sich da nicht jeder Gegenwehr enthält, der kann seinen Muth leicht mit dem Tode büßen. Man reist in diesen Gegenden deshalb nur unter militärischer Bedeckung. Doch sind solche Kleinigkeiten keineswegs mit den Gefahren der wilden Savanne zu vergleichen. Dort ist jeder wider Jeden; man schwebt in jedem Augenblicke in Todesgefahr und wer da nicht gut beritten und ebenso gut bewaffnet ist, Körperstärke und Erfahrung besitzt, der soll lieber daheim bleiben.“

Graf Emanuel wird vergiftet, in des zuschauenden Cortejos Blick „lag kein Erbarmen, keine milde Regung und keine Reue, sondern nur die kalte, fühllose Gier des Raubthieres“.

„Es begann mit diesem Ritte eine neue Episode im Kampfe des Bösen gegen das Gute.“ Sonst über zahlreiche entsprechende Interpretationen von Mays Werk vielleicht zurecht mokiert, kann man hier einigermaßen erstaunen daß er selber so einen Unsinn schreibt … Naja, der Verleger, das Publikum …

Der vergiftete Graf bekommt eine Identitätskrise besonderer Art und hält sich fortan für den braven Alimpo.

Clarissa ist zufrieden, „Der Herr segnet die Seinigen mit Reichthum und großen Gütern. Ihm sei Preis in alle Ewigkeit. Amen!“

 

6. Kapitel – Die Weihnacht des Gefangenen

Über Landola heißt es interessanterweise „Dieser Henrico ist ein ganz verzweifelter Mensch. Ein Menschenleben gilt ihm nichts“. Interessant insofern, daß da nicht „bösartig“ oder dergleichen steht sondern „verzweifelt“.

Sternau untersucht den wahnsinnig gemachten Emanuel, „und von diesem Augenblicke an war sein Antlitz kalt, sein Auge nur scharf und forschend; er schien pur Arzt zu sein“. (HKA: „nur“ statt „pur“). Er „donnerte […] den Kranken mit der ganzen Macht seiner Stimme an“, und selbst der geliebten Rosa, die „O Gott, o Gott, mir bricht das Herz!“ einwendet, macht er „eine strenge, gebieterische Bewegung und ließ den Kranken nicht aus dem drohenden Auge“. Was sein muß muß sein, es ist alles Bestandteil der therapeutischen Maßnahmen.

Der Befund: „Don Emanuel kann nur durch den Schaum eines zu Tode gekitzelten Menschen gerettet werden. Dieser Schaum ist eines der stärksten Gifte und giebt, mit Capsicum vermischt, das einzige Gegenmittel zu Pohon Upas. Zu Ihrer Beruhigung bemerke ich, daß es auch genügt, einen Menschen so lange zu kitzeln, bis die ersten Zeichen der Tollwuth eintreten.“

Cortejo im Zigeunerlager. Eine Zarba kennen wir schon aus „Scepter und Hammer“; „das sah man noch heute, schön, sehr schön mußte sie in ihrer Jugend gewesen sein“.

Zigeuner öffnen ein Grab, um eine Leiche für eine andere auszugeben, „Komm heraus, Alter! […] Du sollst mit uns spazieren gehen!“

„Der Gitano spielte seine Rolle ganz vortrefflich. Sein Gesicht war so ehrlich und bieder, als ob niemals ein falscher Zug auf demselben Platz gehabt habe.“

Die Leiche wird gefunden und der Leser nicht geschont, „Sie bildete ein wirre, breiartige Masse, deren Anblick schaudern machte. Der Kopf war so zerschmettert, daß man weder die Gesichtszüge noch die Tour des Haares erkennen konnte. Der Leib war aufgerissen, und die Eingeweide hingen heraus; sie hatten sich um den Körper geschlungen, sahen vor Fäulniß bereits schwarz und verbreiteten einen Gestank, der kaum zu ertragen war.“

Sternau vermag Schlüsse zu ziehen und anschaulich zu erklären, so etwas, nämlich Eigenschaften zu besitzen, die man schlecht erlernen kann, sondern eben hat oder nicht hat, löst indes in akademischen Kreisen gelegentlich gewisse Abwehrmechanismen aus, „Einen Menschen mit einer Ziege zu vergleichen!“ Sternau „wandte sich mit größter Kaltblütigkeit an ihn“ und entgegnet „Ich gebrauchte dieses Beispiel, um mich diesen braven Leuten zu erklären. Bei ihnen hat es hingereicht, wie ich an ihren Mienen sehe, bei Euch aber nicht, der Ihr ein Arzt sein wollt. Das ist traurig genug!“ Howgh.

Sternau beweist daß die Leiche nicht die ist, für die sie gehalten werden soll, klagt den falschen Alfonzo an, erwehrt sich des lästigen Widerparts und benutzt dabei an einen verstorbenen Vollblutpolitiker erinnerndes Vokabular, „Du magst im Schlamme Deiner eigenen Armseligkeit ersticken. Fahre hin, Fliege!“

Aufklärung auch über Mariano. „Sie durchschauten die Machinationen, obgleich sie Nichts genau beweisen konnten.“ So kann’s gehen …

Sternau wird mittels einer Intrige verhaftet und kommt vor „ein kleines zusammengetrocknetes Männchen“, das, ihm „schadenfroh zublinzelnd“, ihn in die Zelle bringen lässt.

„Es war ein eigenthümliches Gefühl, welches ihn überkam, ein Gefühl ganz ähnlich Demjenigen, welches ein Mensch empfindet, welcher in das Wasser steigt und dabei bemerkt, daß die Fluth über ihn zusammenschlägt. Er ist von Luft und Licht abgeschlossen; er ist kein Mensch mehr, kein freies, selbstbestimmendes Wesen; er hat keinen Namen mehr; er wird nach der Nummer derjenigen Zelle gerufen, in welcher er sich befindet. Er mag sterben und verderben, ohne sich wehren zu können.“

„Auf dem Boden lagen zwei kleine Matratzen, die einen ungewöhnlichen Duft ausströmten.“

Der Mithäftling berichtet „Sennor, ich habe geweint und geseufzt; ich habe gewüthet und getobt; ich bin mit dem Kopfe gegen diese nassen Mauern gerannt; aber es hat nichts geholfen. Und als die Kraft fort war und der Hunger mich mürbe gemacht hatte, da bin ich ruhig geworden, und so werde ich täglich ruhiger werden, bis man mich hinausschleppt und in eine Ecke scharrt, fern von der Stelle, an welcher die sogenannten ehrlichen Leute begraben werden.“

„Sternau brauchte ihn gar nicht genauer zu untersuchen, um zu wissen, daß er nur noch wenige Wochen zu leben habe. Sollte dies ein Bild seines eigenen Schicksales sein? Nein, nein, und abermals nein! Das nahm er sich vor.“

Wieder berichtet der Zellengenosse, „Kapitän Grandeprise war ein Amerikaner und ein Teufel, und er verstand es, aus mir auch ein Teufelchen zu machen. Ich habe manchen Nigger vor Verzweiflung und Heimweh über Bord springen sehen; ich habe den Englishmen, die uns immer aufpaßten, manch Gefecht geliefert; ich habe manchem armen Teufel einen schlimmen Hieb geben müssen; aber die Strafe ist gekommen; Sie sehen sie hier liegen.“

Grandeprise und Landola sind ein und derselbe, „Diese Art von Seeleuten verstecken sich und ihre Fahrzeuge hinter eine ganze Reihe verschiedener Namen.“

Ein Weißer ist nach Härrär verkauft worden, „Aber das ist ja fürchterlich!“ – „Nicht fürchterlicher, als wenn man einen Schwarzen verkauft. Mensch ist Mensch.“

„Es war der heilige Christabend. Garbilot lag dem Verlöschen nahe auf seiner Matratze, und Sternau saß bei ihm, um ihn zu trösten und zu beruhigen. Da hörten Beide das Geläute der Kirchenglocken. Es brach die Stunde an, an welcher sich Diejenigen, welche sich lieben, beschenken. Sternau dachte der Seinen; er dachte an Rodriganda und - er weinte, weinte wie ein Kind.“

Der Mönch rezitiert Mays Weihnachtsgedicht, hat aber gleichzeitig auch noch Sinn für ganz Anderes, Weltliches, „Bei dem Worte 'Heiland' warf er einen bedeutungsvollen Blick nach der Thür, so daß Sternau eine Ahnung bekam, daß er nicht nur allein um des Sterbenden willen hier sei“.

Sternau kann entfliehen, „Aus allen Fenstern der umstehenden Häuser strömte ihm das beseligende Licht der Weihnachtsbäume entgegen; er war frei. Er hatte im Dunkel gewandelt, und nun wurde es hell. Sie, die beiden Gefangenen, hatten heute zur Weihnacht ihre Erlösung gefunden, der Eine durch den Tod und der Andere durch die Freiheit. - - -“

 

7. Kapitel – Errettende Liebe

„Rosa, Du bist schön, sehr schön, und was Dein Mann später genießen darf, das kann der Bruder im Voraus haben“ verlangt der falsche Alfonzo.

Cortejo erschießt den Hauptmann der Briganden.

Rosa wird per Gift in den Wahnsinn getrieben, „Von jetzt an wurde jedermann von Rosa abgeschlossen. Man sah und hörte nichts von ihr; sie war so gut wie gar nicht mehr vorhanden“.

„Es ist, als ob der Teufel in und um Rodriganda wohne.“ […] „Das Glück ist von Rodriganda geschwunden, und ich glaube nicht, daß es wieder einkehren wird. Die Dienerschaft wird es nicht lange auf dem Schlosse aushalten; sie wird sich zerstreuen; dann werden neue Leute engagirt, deren Character zu dem des Grafen und des Sachwalters paßt. Wir sehen böse Tage herbeikommen.“

„Dort herrschte ein reges, aber geräuschloses Leben. Die Leute huschten eilig über die Gänge und Corridore, […] und mit ihren lautlosen Schritten, bleichen Gesichtern und ernsten Mienen glichen sie eher Gespenstern als lebenden Wesen, durch deren Adern rothes, warmes Blut pulsirt.“

Der Pater stellt Cortejo zur Rede und sieht klar, „Ich bin kein Kind der Welt, aber Ihr werdet mich doch nicht täuschen“.

Alimpo will seine gesamten Ersparnisse opfern, um Mitmenschen zu helfen …

Sternau kehrt zurück und wird seitens Elvira und Alimpo 'gebührend' empfangen, „Im nächsten Augenblicke hatten sie Beide seine Hände ergriffen, welche sie mit Küssen bedeckten“. Wie oft werden in dieser Weise Hände geküsst in Mays Gesamtwerk, ein bisschen zu viel.

Sternau droht und schreitet zur Tat, „Ist die Contezza unheilbar, so sterbt Ihr des fürchterlichsten, des entsetzlichsten Todes, den es giebt, von meiner Hand. Um sie zu heilen, bedarf ich des Mittels, welches ich bereits bei Graf Emanuel anwenden wollte, nämlich des Geifers eines zu Tode gekitzelten Menschen. Da Ihr nun mit Eurem Gifte den Wahnsinn hervorgerufen habt, so scheint es mir ganz in der Ordnung, daß auch Ihr selbst das Gegenmittel liefert. Ich werde Euch jetzt so lange kitzeln, bis Ihr den Schaum des wahnsinnigsten Schmerzes von Euch gebt. Tödten will ich Euch aber erst dann, wenn auch dieses Mittel nichts hilft.“

„Es mußte eine fürchterliche Angst sein, welche der Advokat bei diesen Vorbereitungen empfand. Endlich zog ihm der Arzt die dünnen, feinen Nachtstrümpfe aus, nahm vom Schreibzeuge eine Gänsefeder hinweg und begann, mit der Fahne dieser Feder die Fußsohlen des Notars zu bestreichen.“

„Da trat das Mädchen herein, welchem die Gräfin übergeben worden war und sagte, daß man oben ein ganz entsetzliches Getöne vernehme.“

Der Pater verteidigt Sternau und sich gegen die Obrigkeit mit Hilfe einer Räuberbande.

Der Regidor „wurde trotz seines Wehklagens gepackt und hinausgeschafft. Bald hörte man die kräftigen Hiebe und das laute Geschrei des Beamten, der wohl nicht gedacht hatte, daß er sich anstatt eines Gefangenen, fünfzig Stockschläge holen würde; als er den letzten erhalten hatte, hinkte er kläglich von dannen“.

 

8. Kapitel – Der schwarze Kapitän

Virtuelles Frage- und Antwortspiel mit dem Leser,

„Lieber Leser, hast Du vielleicht Jeffrouw Mietje gekannt?

Nein.

Auch Mistreß Wallot nicht, die stets nur Mutter Dry genannt wurde?

Nein.

Das ist jammerschade!“

„Als Mistreß Wallot noch eine Miß war und also unverheirathet, da sehnte sie sich vergebens nach einem Manne, denn sie war ein Weib über Manneslänge emporgeschossen und dabei so dünn, daß man hätte glauben sollen, ihr Vater sei ein Flaggenstock und ihre Mutter eine Angelruthe gewesen. Dazu hatte sie das Gesicht voller Pockennarben, und da ihr auch ein Auge fehlte, so gab es leider Wenige, die sie freiwillig für eine Schönheit halten wollten.“

Verbissene Heiratsabsichten können wie folgt aussehen und sich anhören: „Da sah sie ihn groß an, stieß einen langen, schmerzlichen Seufzer aus, der durch alle Molltonarten pfiff, und sank auf sein junggesellig hartes Sopha. Dort umwand sie ihr Gesicht mit einem neuen Taschentuch und begann eine Reihenfolge von Gurgeltönen auszustoßen, die den Master in Zweifel ließen, ob die Miß schluchze oder am Magendrücken leide.“

Die Folgen: „Sie lebten nun sehr glücklich und zufrieden mit einander, einen einzigen Punkt ausgenommen, über den sie sich nicht zu einigen vermochten. Master Wallot behauptete nämlich, er habe die Schwindsucht, weil ihn seine Frau zu Tode ärgere; Mistreß Wallot aber behauptete, er habe die Schwindsucht vom allzu vielen Whiskytrinken.“

„Jeffrouw Mietje […] saß droben auf dem Quarterdeck unter der Sonnenleinwand und strickte Strümpfe für die holländische Mission, damit die lieben Heidenkinder nicht immer barfuß zu laufen brauchten.“

„Die gute Frau war einige Zentner schwer; ihr gutmüthiges Gesicht glänzte förmlich vor Fleisch und Wohlbehagen, und der treue, herzige Blick ihrer Augen ließ errathen, daß sie sich in ihrem ganzen Leben mit noch keinem Menschen gezankt habe.“

Unser Autor beobachtet Menschen in einer Kneipe, von denen einer den anderen „mit einem Schlangenblicke nur so anleuchtete“.

Helmers belauscht Pläne. – Wir erfahren, daß Sternaus Familie „mitten in einem Walde bei Mainz“ lebt.

Ein Versuch, Mariano zu befreien, scheitert. - Am Ende gibt es ein Seegefecht.

 

9. Kapitel – Die Heilung

In Deutschland. Oberförster und Forstgehilfe. Die Szene erinnert beträchtlich an etliche mit Fürst und Kammerdiener o.ä. bei Karl May, ist eine kleine Variation davon.

Ein „großherzoglich hessischer Polizei-Commissar“ wird in überzeugendender Manier abgefertigt, so hätte der Autor selber so etwas wohl gerne mal angegangen.

Sternau sei wegen „Mordversuchs, Diebstahls, Entführung und Mitgliedschaft mit einer Räuberbande“ gesucht, erfährt der verdutzte Oberförster … eine Erinnerung an die Vergangenheit [des Autors]?

Der fünfjährige Kurt „gehörte sichtlich zu den von Gott hochbegnadeten Naturen, welche bestimmt sind, einen Lebensweg zu wandeln, der sich durch außerordentliche Stationen auszeichnet“.

In einer rührenden Szene („Die andern Beiden wollten über diesen Zornesausbruch lachen, hielten ihre Heiterkeit aber zurück, als sie sahen, daß Ludewig ernst blieb“ usw.) zeigt unser Autor, daß Kinder ernstgenommen werden möchten und daß man das ggf. auch durchaus kann.

Sternau kommt nach Hause, „Mutter!“ Von „diesem einen, jubelnden Worte“ spricht unser Autor, er wird derart Emotionales gekannt haben, vielleicht aber nur die eine Seite der Szene, die er hier schildert. (Nicht immer 'spielt' das Gegenüber 'mit'.)

Karl May mochte Kinder, immer wieder mal wird das deutlich, der Oberförster erliegt Kurts natürlichem Wesen, „Das sagte er mit einer solchen treuherzigen, aufrichtigen Miene, und dabei glänzte aus seinem offenen, ehrlichen Auge selbst ein solcher Strahl von Liebe, daß sich der Oberförster zu ihm niederbeugte und ihn von Neuem in seine Arme nahm“.

Sternau erzählt das, was bisher geschah auf einigen hundert Seiten, „Nun, es ist wahrlich ein Roman, den ich Ihnen zu erzählen habe, ein Roman, wie man ihn nicht sehr oft zu lesen bekommt“.

Es kommt noch einmal die Rede auf das Gewinnen des Gegengiftes durch das Foltern Cortejos, „Es giebt keine größere, keine furchtbarere Pein, keinen wüthenderen Schmerz, als bis zum Schäumen gekitzelt zu werden. Er wird diese Augenblicke niemals vergessen können“.

Der fünfjährige Kurt reitet nach Mainz.

„Wir haben es hier mit einer groß angelegten Menschenseele zu thun, und nur die Erziehung hat es in der Hand, was aus ihr wird, ein großer Verbrecher, oder eine im Guten gewaltig hervorragende Existenz.“ Eine sehr bemerkenswerte Stelle.

Rührende, einfühlsam geschilderte Szene zwischen Mutter und Kind, „Da schlang er die Arme, so hoch er empor langen konnte, um sie“ …

Es drängt den Fünfjährigen, selber um Verzeihung zu bitten, nicht für sich bitten zu lassen, „Da beugte sie sich zu ihm hernieder, nahm ihn in ihre Arme und küßte ihn. Ihr Herz jubelte hoch empor. Sie war eine einfache, ungelehrte Frau, aber sie fühlte, was für ein herrliches Zeichen dieser Entschluß des Knaben war; sie fühlte, daß sie in ihm einen Schatz besaß, für den viele Andere Millionen gegeben hätten. Für diese Kinderseele war der Irrthum nur ein Weg zur inneren Reinigung.“

Anläßlich der Maßnahmen zur Rettung Rosas wird allerseits geweint, was das Zeug hält, „Frau Sternau und Helene eilten weinend auf die Kranke zu und schlossen sie in die Arme; der Oberförster schluchzte nun doppelt laut und zum Erbarmen; Alimpo faßte seine Elvira bei der Hand, indem sie Beide um die Wette weinten, und sogar der Anwalt nahm sein Taschentuch zur Hand“.

Auch Sternau erwischt es schließlich, „Ein einziges, kurzes, aber fürchterliches Schluchzen erschütterte seinen mächtigen Körper wie ein Erdbeben; es war ein Laut, so tief stöhnend, so gewaltig, daß die Andern augenblicklich in ein erneutes Weinen ausbrachen. Der gewaltsam zurückgehaltene und nun mit einem einzigen, desto kräftigeren Stoße hervorbrechende Schmerz dieses starken Mannes erschütterte die Herzen mehr, als alle vorhergehenden Thränen und Klagen“.

Kurt gibt den Dolmetscher zwischen Spaniern und Deutschen, immerhin wird eingeräumt, daß „die Uebersetzung des Knaben eine sehr mangelhafte war“.

Aus Amlaß der Gesundung Rosas wird frohgemut musiziert, „Sie bliesen ein Programm ab, welches zwar sehr gut gemeint war, aber einen Kunstverständigen zur hellen Verzweiflung hätte bringen können“.

Sternau und Helmers planen per Schiff Mariano zu befreien.

Kurt beim Waldhüter Tombi, dessen Ähnlichkeit mit Mariano angesprochen wird.

Wir erfahren, daß Sternau „sich unter dem Schutze der Königin einer weit verbreiteten Zigeunerverbindung befinde“. Dessen Königin Zarba „ist mächtiger als mancher Fürst der Erde“.

Rosa und Sternau machen Eindruck, „Welch ein Paar! So giebt's bei Gott kein zweites! Er wie eine Eiche, so fest und stolz, und sie wie eine Linde, so mild und schön.“

Eindruck macht auch sie alleine, „umleuchtet von geistigem Leben und umweht von jenem Odem, welcher der Hauch der echten, reinen, hinreißenden Weiblichkeit ist“.

 

10. Kapitel – Die Zingarita

Zwanzig Jahre vorher.

„Man feierte in Saragossa den Beginn des Carnevals. In dieser Zeit ist der sonst so ernste und steife Spanier ein vollständig Anderer. Er stürzt sich mit fast wilder Lust in den Strudel der Freuden und Vergnügungen ein; er taucht darin unter sogar bis auf den schmutzigen Schlamm des Grundes und kommt erst dann wieder zur Höhe zurück, wenn das Vergnügen bis auf die Neige ausgekostet ist.“ Rein deutsche Begebenheiten im südwesteuropäischen Gewande.

Der Herzog von Olsunna, der sich im Laufe des Romans mehr von der „guten“ Seite zeigen wird, „zählte erst vierundzwanzig Jahre und war doch bereits Wittwer und Vater eines kleinen, reizenden Mädchens im Alter von drei Jahren. Er hatte aus Familienrücksichten die Tochter eines der angesehensten Häuser geheirathet, ohne sie zu lieben, und fühlte sich keineswegs betrübt, als sie bei der Geburt dieses Kindes starb“.

„Er galt als ein strenger Katholik, eifriger Patriot und stolzer, finsterer Aristokrat. Viele aber wollten behaupten, daß er den Freuden des Lebens keineswegs abgeneigt sei und sich im Verborgenen manchen Genuß bereite, von welchem er seinem Beichtvater nicht das Mindeste mittheile.“

Sternau senior verehrt Fräulein Wilhelmi, „Es lag eine Holdseligkeit über sie ausgegossen, welche unmöglich zu beschreiben ist“.

„Er fuhr sich mit der kleinen, fast frauenhaften Hand über die Stirn“, Old Shatterhand hat sie auch, die kleinen weiblich wirkenden Hände, erfahren wir in „Der schwarze Mustang“.

Sternau senior gibt den Ritter Toggenburg (der des öfteren erwähnt wird in Mays Gesamtwerk), „Das schnitt ihr in das Herz; das that ihr leid und wehe, und zugleich imponirte ihr diese eiserne Willenskraft, welche die heißesten Wünsche des Herzens zu bemeistern und die aufsteigende Thränenfluth zurückzudrängen vermochte“.

Bei Clarissa und Cortejo geht es um andere Dinge, „Sie befand sich im tiefsten Negligee; ihre üppigen Formen waren nicht nur zu fühlen, sondern sogar zu sehen, doch hatte ihr nichts sagendes Gesicht einen Ausdruck, welcher die Wirkung dieser so billigen Reize paralysirte“. Das ist fein beobachtet.

„Der reiche Anzug des Herzogs erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, doch hätte Niemand unter demselben einen so hohen Würdenträger vermuthet, denn er benahm und gab sich ganz so wie der ungebildetste Wasserträger oder Melonenhändler. Er machte selbst die rohesten Scherze mit, sprang in die geöffneten Thüren der Häuser, drang in die Wohnräume, die zu dieser Zeit einer jeden Maske offen stehen, und brachte Aufruhr und Verwirrung überall da hin, wo er erschien.“ Das gibt’s noch heut’, Amt und Würden schützen davor nicht.

Sternau senior muß Schmerzliches mitansehen, „welches Mädchenherz schlägt nicht höher, wenn es das Auge eines bevorzugten Mannes bewundernd auf sich gerichtet sieht! Halb bewußt und halb unbewußt nahm sie die seidene Schleife“ … So ist das.

Der Herzog unterschätzt Sternau, „Die schmächtige und nicht hohe Gestalt desselben imponirte ihm nicht im Geringsten“. Später erfahren wir ja, daß Sternau junior der Sohn des Herzogs und eben nicht Sternau seniors ist … Das ist bedenkenswert. „Knirps“ muß sich Sternau sen. gar sagen lassen …

Aber „Die Gestalt thut es nicht. […] Man hat auch seine Meriten!“

Fräulein Wilhelmi realisiert, daß Sternau die Sache mit der Schleife mitbekommen hat, „Es stiegen ihr die Thränen des Aergers und der Reue in die Augen. Was mußte er von ihr denken, er, der Alles mit angesehen hatte! Wie stolz und selbstbewußt hatte er dem frechen Eindringling gegenüber gestanden. O, es war ihr, als ob sie ihn dennoch lieben, als ob sie stolz auf ihn sein könne“. Beim geneigten Leser aber hat sie schon verloren … (An dieser Stelle kann einem, um die eine oder andere Ecke aber hier dennoch durchaus passend, Schillers 'Handschuh' einfallen …)

Cortejo verführt Zarba, „sie nahm langsam an seiner Seite Platz, aber mit einer solchen Scheu, wie der Kanarienvogel sich auf den entgegen gestreckten Finger seines Herrn setzt“. Dieser Vergleich ist nun wirklich sozusagen allerliebst …

Herzog und Olsunna unterhalten sich über die unterschiedlichen Verführbarkeiten Angehöriger verschiedener Nationen, „Du meinst, daß sie dann vielleicht in eine bedrängte Lage gerathen wird, welche sie gefügig macht?“ – „Nein, darauf rechne ich nicht. Diese Deutschen sind da von einer Ehrenhaftigkeit, welche ganz und gar unglaublich ist; sie haben Fischblut in den Adern.“

„Ich kann sie ja als Gouvernante engagiren. Dann wohnt sie bei mir, und ich möchte sehen, ob sie sich dann nicht bewegen ließ, auch den Vater ein wenig zu erziehen!“

Was Cortejo und Clarissa betrift, „Cortejo war in Beziehung auf dieses Mädchen ein psychologisches Räthsel. Er liebte sie wirklich; er gedachte, sie zu seinem Weibe zu machen; er lebte mit ihr im Concubinate, aber sein Herz hatte doch noch Platz genug für Andere, welche ihn für den Augenblick fesselten. Er war gewissenlos, ein Mädchen zu betrügen, welche ihm Alles geopfert hatte, besaß aber doch Zuneigung genug zu ihr, sie nicht ganz fallen zu lassen.“ Die Welt ist voller "psychologischer Räthsel".

Er sei ein Teufel, sagt sie, und er „Pah, wir sind Alle mehr oder weniger Teufel! Es handelt sich nur darum, unsere Teufeleien so zu begehen, daß sie uns Nutzen bringen“.

Fräulein Wilhelmi nimmt die Stellung beim Herzog an, Sternau weiß, wohin das führen wird, „Mein Gott, sie geht; sie ist verloren! […] Das Geld hat sie verblendet, und ich habe nicht genug Einfluß auf sie, um sie zu retten! Welch' ein Jammer, welch' eine Qual!“

Sie sieht ihn „in gebrochener Haltung oben auf seinem Balkon stehen, auf demselben Balkon, von welchem aus er gesehen hatte, daß sie dem Perser die Busenschleife zuwarf. Dieser Wagen mit dem herzoglichen Wappen entführte ihm sein Lebensglück“.

Der Herzog spricht Cortejo gegenüber von dessen Freundin Clarissa recht uncharmant als von einem „Fleischklumpen“, was den aber nicht weiter zu stören scheint …

Die Abweisung durch Fräulein Wilhelmi reizt ihn nur noch mehr, „Eine Spanierin, und selbst wenn sie eine Fürstin wäre, würde ganz glücklich sein, das Wohlgefallen des Herzogs von Olsunna zu besitzen, und diese kleine Deutsche wehrt sich wie eine Fischotter. Das hat Geist, das hat Charakter und Energie!“

Kutschfahrt des Herzogs mit Tochter und seinem auserkorenem Opfer; „Papa, Du wirst Sennora Wilhelmi nichts thun!“ sagt die Tochter mit gut beobachteter „sehr trotzigen Miene“, worauf er sybellinisch „Nein, wenigstens nichts Böses“ antwortet …

Die Wilhelmi erhält einen Liebestrank, und wir hören schon, als sie noch allein ist, „halblaute Seufzer erklingen“, dann geht der Herzog zu ihr …

Wir lesen daß Zigeuner „Krankheiten besser als ein Arzt zu behandeln verstehen“, es war offenbar damals schon besser, lieber zum Heilpraktiker zu gehen …

Sternau erfährt, daß die Wilhelmi von Olsunna schwanger ist, „Bei diesen Worten war es dem Erzieher, als ob er durch einen elektrischen Schlag zu Boden gestreckt worden sei“.

„Er kämpfte einen Kampf, einen schweren, harten Kampf, und es dauerte lange, ehe er als Sieger aus demselben hervorging.“

„Du kennst die wahre Liebe nicht“, sagt Sternau, der bereit ist, die Wilhelmi samt Kind anzunehmen, zur Zigeunerin. Dann geht er zu seiner zukünftigen Frau, „Er legte seine Stirn in ihre Hände und weinte lange, lange Zeit.“

„Ich weiß Alles. Um Ihnen das zu beweisen, gebe ich Ihnen hier als vor den Augen Gottes die heilige Versicherung, daß ich dieses arme, arme Kind als das meinige betrachten werde.“

„Sie warf sich stürmisch an seine Brust, und wenn ja noch ein stachelnder Gedanke bisher in seinem Herzen fest gesessen hatte, so mußte er weichen vor der Fülle des Glückes, welches ihm hier aus den Augen und dem Angesichte der Geliebten entgegen leuchtete.“ Jenun. Den geneigten Leser lässt der stachelnde Gedanke keineswegs los … der Mann ist damit einverstanden, zweite Wahl zu sein. Ihr kommt er sehr gelegen. Und dann ist auf einmal die Liebe da, was Wunder …

Der Herzog muß, von Zarba gezwungen, eine Unterschrift leisten, daß er der Vater des Kindes ist. Der Sternau, mit dem wir es dann weiterhin im Roman zu tun haben, ist das Kind des Herzogs von Olsunna.

Der Waldhüter Tombi in Rheinfelden ist das Kind Zarbas.

 

11. Kapitel – Die Höhle des Königsschatzes

„Es ist nicht nothwendig, langweilige geographische Bemerkungen über Mexiko zu machen“, wohl wahr, den mit wenigen Worten gut herausgestellten Zusammenhang zwischen Beschaffenheit des Landes und Eigenart der Bewohner verstehen wir auch so.

„An den Küstenstrichen herrschen tödtliche Fieber; so sind auch die politischen Verhältnisse des Landes krankhaft und höchst unzuverlässig; das ganze Leben und Treiben der Nation ist ein reich phantastisches und wechselvolles, und man kann in einer Woche dort mehr Abenteuer erleben, als bei unseren geordneten Verhältnissen in zehn Jahren.“ Was sich möglicherweise nie sehr geändert hat.

„Man sollte eigentlich mit Menschenblut sparsamer umgehen, denn es ist der köstlichste Saft, den es giebt; aber diese Comanchen verdienen es nicht anders.“ Auf diese Haltung werden wir innerhalb des Werkes noch des öfteren treffen.

Anton Helmers und Bärenherz befreien Emma und Karja.

„Es traf ihn ein leuchtender Blick aus ihren dunklen Augen, und er bemerkte, daß ihr Auge mit Wohlgefallen an seiner stattlichen Gestalt herunterlief“, wollte sie vielleicht schauen, welchen Eindruck seine Schuhe in Sachen Beschaffenheit der Füße machten ?

An den zahlreichen 'Action'-Szenen ist allenfalls die Formulierung „bald hatten die Comanchen weit über zwanzig Todte verloren“ bemerkenswert.

Helmers und Emma kommen sich schnell näher, und bald schon lesen wir „Ihr Auge leuchtete ihm glückverheißend zu“.

„Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und als er diese ergriff, war es ihnen Beiden, als ob ein elektrisches Fluidum von dem Einen auf das Andere überströme. Sie hatten sich verstanden.“

Bärenherz hat Gefallen an Karja gefunden und hört, daß ihr Herz einem Weißen gehöre (die Szene erinnert ein wenig an die Erzählung von Winnetou und Ribanna in „Old Firehand“), er warnt sie „Die weiße Farbe ist falsch und wird leicht schmutzig. Meine Schwester mag vorsichtig sein!“

„Bärenherz sollte mich dauern, wenn er sich hinreißen ließe“, sagt Emma, die ihre Beobachtungen gemacht hat, und Helmers entgegnet „Dauern? Pah! Er ist von einem eisenharten Stoffe gemacht. Er wird nie um Liebe winseln und sich auch einer unerwiderten Neigung wegen nicht zu Tode jammern.“ Das gefällt.

Interessantes Gespräch über Gemüt, Stolz und Achtung.

„Ah, ein Deutscher und ein Apache! Das gehört allerdings zusammen“ äußert Alfonzo verächtlich. Wieder ein Hinweis darauf, daß May sich offenbar sehr bewusst just einen Apachen ausgesucht hat für seine Winnetou-Figur: Minderangesehene pflegen des öfteren falsch eingeschätzt zu sein, und haben seine Sympathie …

Mit den spirituell anmutenden Worten „Ich bin Du und Du bist ich; wir sind Eins!“ verbrüdert sich Büffelstirn mit Helmers alias Donnerpfeil (diese Kriegsnamen klingen in dieser Häufung wirklich recht albern bzw. nach Groschenheft; Bärenherz, Büffelstirn, Donnerpfeil, Fürst des Felsens …)

Helmers und Emma, „Er erglühte vor Wonne, und sein Auge traf mit einem glühenden Strahle das ihrige.“ Man mag lachen über solche Wortwahl, andererseits sind es nachvollziehbare Gefühle und Befindlichkeiten, die hier mitgeteilt werden …

Alfonzo wird Karja schmählich hintergehen.

Helmers hat sich herausgeputzt, Emma „erröthete vor Entzücken […] So männlich und so schön hatte sie sich ihn denn doch nicht ganz gedacht.“

Man ist sich, auch mit dem Vater, schon einig, das ging schnell und führt zu einiger Emotion, „Dem guten Deutschen liefen die Thränen in zwei hellen Bächen über die Wangen“.

„Sie lagen sich in den Armen und hielten sich umschlungen lange, lange Zeit in tiefer Rührung und reinster Wonne“.

Alfonzo überfällt Emma, „Eine lange Minute verging unter dem fortgesetzten heißen Ringen zwischen dem halb entblößten Mädchen und dem begierigen Wüstling“.

Auf dem Weg zum Königsschatz prüft Büffelstirn den Puls von Helmers. Das Erlebnis ist dann auch entsprechend, „Als befände sich der Deutsche inmitten einer ungeheuren, Gold und Demant blitzenden Sonne, so strahlten Millionen von Lichtern und Reflexen in sein geblendetes Auge“.

"Das ist die Höhle des Königsschatzes! Sei stark und halte Deine Seele fest!"

„Es kam eine Art von Rausch über ihn, und in demselben sah er ein, daß solche Reichthümer eine Macht ausüben, ein wahnsinniges Verlangen erwecken können, welches selbst vor dem fürchterlichsten Verbrechen nicht zurückschrecken würde.“

Büffelstirn beklagt das Schicksal seines Volkes, „Der Weiße kam; er log und trog, er mordete und wüthete unter meinem Volke um dieser Schätze willen. Das Land ist sein, aber es liegt verödet“ … Das hat [einmal mehr] zeitlos aktuelle wie überregionale Anklänge.

Helmers erhält von Alfonzo einen fatalen Schlag mit der Keule, der Täter wird von Büffelstirn gestellt; „Es war ihm, als sei der jüngste Tag hereingebrochen und er stehe vor dem ewigen Richter.“

„Die Schale des Gehirns ist zerbrochen. Man mache eine Bahre auf zwei Pferden, damit er nach der Hacienda geschafft werden kann. Ich aber werde gehen, um das Kraut Oregano zu suchen, welches jede Wunde heilt und kein Fieber in dieselbe kommen läßt.“

Karja erkennt ihren Fehler, „Du liebst ihn noch?“ – „Nein. Ich hasse ihn.“ Und dann lesen wir „Alfonzo lag neben ihr. Sie trat ihn mit dem Fuße in das Gesicht.“ So kann es zugehen …

„Er belog mich und liebte eine Andere“ sagt sie, und Büffelstirn äußert im Laufe des Dialogs lakonisch „Er war ein Hund, der alle Knochen liebte“ …

„Mein Bruder Büffelstirn mag diese Schätze verbrennen. Im Golde wohnt der böse Geist. Wenn die Erde von Gold wäre, würde Bärenherz lieber sterben als leben!“ sagt Bärenherz, als er hört, daß Büffelstirn Hüter der Schätze ist …

Dann bilden die Häuptlinge „einen fürchterlichen und unerbittlichen Gerichtshof“, Alfonzo erfährt härteste Strafe, „Der Anblick der Alligatoren war jetzt entsetzlich. Die Lache war zu klein für sie, sie fanden keine Nahrung mehr in derselben. Sie hatten jahrelang gehungert, und nun sahen sie, daß sie Speise bekommen sollten. Sie hatten aus Mangel an Nahrung bereits sich selbst angefressen; dem Einen fehlte ein Fuß und dem Anderen irgend ein Stück seines Leibes. Jetzt drängten sie sich gerade unter dem Baume zu einem scheußlichen Klumpen zusammen. Ihre furchtbaren Schwänze peitschten das Wasser zu Schaum; ihre kleinen, tückischen Augen schossen giftige, begehrende Blitze, und ihre geöffneten Rachen schlugen mit einem Geräusche zusammen, welches gerade so klang, als ob man zwei starke Bretter zusammen schlage. Diese zehn Ungeheuer bildeten einen Knäuel, den man für einen einzigen gräßlichen Drachen mit zehn Rachen und eben so vielen Schwänzen halten konnte.“ Eine gelungene Horrorvision.

Der Zugang zu den Schätzen wird verschüttet.

 

II

Wer zu diesem zweiten von sechs Bänden der Bargfelder Ausgabe die bearbeitete Bamberger Fassung parallel lesen will, ist abwechselnd gleich auf drei Bände angewiesen: Band 51 „Schloß Rodriganda“, 52 „Die Pyramide des Sonnengottes“ und 77 „Die Kinder des Herzogs“. Bei Karl May geht es kunterbunt durcheinander, Rückblenden, Verschachtelungen, in der bearbeiteten Fassung hat man sich um Chronologie bemüht und darüber hinaus diverse inhaltliche Änderungen vorgenommen, was die Angelegenheit für den, der sich mit beiden Fassungen beschäftigt, noch komplizierter macht als sie ohnehin schon ist …

Zunächst wird die in Mexiko spielende Episode um Emma Arbellez, Graf Ferdinando, Bärenherz und Büffelstirn mit der Entführung und Verschiffung des scheintoten Grafen zu einem vorläufigen Abschluß gebracht (das steht in Band 51), dann sind wir in Saragossa bei einer lebenslustigen Tänzerin, die vor ihrer Hochzeit schnell noch mal nach Madrid fährt, um dort sozusagen ihren Junggesellinnenabschied gebührend zu begehen … (das durfte seinerzeit so nicht in den GW stehen, und steht jetzt, nach mehr als einem halben Jahrhundert nachgeliefert, in Band 77.) In dieser interessanten Episode finden wir mit Elvira und Alimpo (der an einer Stelle äußert: „Das Verliebtsein liegt in den Sinnen, die Liebe aber im Herzen“) schon in deren Beziehungs-Frühzeit übrigens auch die Variante der Liebe in aller Unschuld und Treuherzigkeit; während der alte Zausel von Graf auf die Tänzerin hereinfällt und auch emotional ganz und gar aus dem Häuschen gerät, sitzen die beiden einmal im Nebenzimmer, da haben wir zwei ganz unterschiedliche Spielarten der Liebe direkt nebeneinander, das ist schön.

Auch die anschließenden Episoden in Paris und Rheinswalden finden wir in Band 77, wobei die Szene, in der Sternau – freiwillig ! im Gegensatz zum Wilhelm Tell–Vorbild, wo ähnliches ja nur unter äußerstem Druck und mit größtem inneren Widerwillen geschieht – mehrmals auf ein Lineal schießt, das der Knabe Kurt sich über den Kopf hält, und mit der Faust ein Pferd niederschlägt, nur um seine Künste zu demonstrieren, zum geschmacklosesten gehört, was Karl May je geschrieben hat. - Ein Teil des Rheinswalden-Abschnittes steht auch in Band 52 (Hochzeit und Abschied).

Am Ende des Bandes heißt ein Kapitel so wie ein späterer Roman (Der Verlorene Sohn), und zu diesem Kapitel muß (wer will) in zwei Bänden gleichzeitig (!) parallel lesen: in Band 51 steht eine Kurzfassung des Themenschwerpunktes Befreiung aus dem Leuchtturm, in Band 77 die Geschichte um den Maler und die Tochter des Herzogs.

 

12. Kapitel – Lebendig begraben

Die Kapitel werden länger, dieses hat rund 150 Seiten.

„Das Kraut Oregano ist klüger als der Arzt“, so ist das, auch heute noch.

Die Hacienda soll überfallen werden, „Wir schießen mit Glas, Nägeln und altem Eisen; das wirkt furchtbar“.

Der Überfall ist vorbei. „Seht diese Haufen, Sennor, […] das ist das Werk meiner Kanone. Dieses zerhackte Eisen und Blei und diese Glassplitter wirken schrecklich. Die Körper sind förmlich zerrissen.“ Es wird sehr darauf 'herumgeritten' … Grausamkeiten nach des Kolportagelesers [angenommenem] Geschmack.

In dem Stil geht es dann auch weiter, „Die beiden Häuptlinge nahmen die Waffen der Besiegten und ihre Skalpe zu sich und warfen die Leichen dann den Alligatoren zu. Hei, wie diese mit offenem Rachen sich auf die Beute stürzten! In weniger als einer Minute waren die Erstochenen zerrissen und verschlungen. Nichts blieb von ihnen übrig, als das Stück einer Hand mit zwei Fingern. Die von den Thieren gepeitschten Wellen hatten diesen Rest an das Ufer geworfen, wo er liegen blieb.“

„Er ergriff sein Messer, faßte mit der Linken den Haarschopf des Gefangenen, that mit der Rechten die drei kunstgerechten Skalpschnitte und zog dann den Schopf mit einem kräftigen Rucke vom Kopfe.“ Bei der erkennbar gleichsam lustvollen Anhäufung solcher Stellen kann man an den – in seinem abschätzigen Ton durchaus angemessenen – Satz von Ansgar Pöllmann denken, „bald aber erkannte der Verfasser dieser Kümmelblättchengeschichte, wo sein Weizen blühte“ … (Ansgar Pöllmann griff Karl May scharf an und hatte in vielem nicht Unrecht …)

Helmers erwacht nach der schweren Verletzung seines Kopfes mit gestörtem Geist.

Bevor eine neue Episode (bzw. Rückblende) an anderem Ort beginnt, erfahren wir noch „Die Alligatoren aber hatten nach so langem Hungern eine Zeit des gräßlichen Ueberflusses, denn die in den Teich geworfenen Leichen brachten diesen fast zum Ueberlaufen. Es bedurfte langer Zeit, ehe die Bestien diesen Fraß zu bewältigen vermochten, und es konnten wohl Wochen vergehen, ehe eine menschliche Lunge die Atmosphäre der Tempelruinen wieder einathmen konnte.“

Graf Ferdinando in Mexico hat einen falschen Neffen bzw. Sohn, diese beiden Bezeichnungen wechseln bunt durcheinander, es kommt auch nicht so darauf an.

Obwohl er weiß, daß es sich nicht um seinen richtigen Sohn bzw. Neffen handelt, will er sich für ihn duellieren …

Auftritt Josefa Cortejo. Es dürfte Minna Ey sein, der May hier ein „Denkmal“ gesetzt hat.

„Sie war lang und hager wie ihr Vater, starkknochig, mit scharfen Gesichtszügen und eckigen Bewegungen. Ihr Teint war wachsgelb; die Zähne fehlten ihr bereits zur Hälfte, und ihre Augen glichen den Augen der Eule, wenn sie im Sonnenlichte sitzt und gezwungen ist, sie zu öffnen.“

„Man sah, dieses Mädchen hatte Alfonzo wirklich lieb; aber in ihrer Seele steckte ein Vulkan von Leidenschaften verborgen. Wehe ihm, wenn er diese Liebe von sich wies!“

Um den Grafen lebend zu beseitigen wendet man sich an einen gewissen Benito, "Giftdoktor, welcher eigentlich Malito hätte genannt werden sollen. Er hatte die Kenntniß aller inländischen Gifte, ihrer Zubereitung, Anwendung und Wirkung von seinen Vätern ererbt, war gewissenlos genug, einen ausgedehnten Handel damit zu treiben, und hatte vielleicht mehr Menschen gemordet, als unter den Waffen Büffelstirn's und Bärenherz's im ehrlichen Kampfe gefallen waren."

Landola habe sie küssen wollen, berichtet Josefa, „Der Sekretär machte nicht etwa ein zorniges, sondern ein ganz erstauntes, sogar ein geradezu verdutztes Gesicht; denn er hatte noch nie einen Menschen gekannt, der den sonderbaren Appetit gehabt hatte, seine Tochter zu küssen.“ Dann lesen wir auch noch „Mein Mann soll mich einst vollständig ungeküßt bekommen!“ und „Da bist Du eine ganz außerordentliche Seltenheit,“ („lachte ihr Vater ironisch“).

Beim Gifthändler; „Wißt Ihr die Stellen, an welcher sich bei einem Verstorbenen die Faulflecke zeigen?“ […] – „Ja.“ – „So tränkt ein Läppchen mit dieser Flüssigkeit und reibt die Stellen damit ein. Je mehr Ihr nehmt, desto dunkler werden die Stellen.“ – „Ihr meint, so muß ich in der Mitte mehr nehmen als am Rande?“ – „Das versteht sich!“ Solche Details, wie auch z.B. „Als der Sekretär ging, stand die Alte bereits an der Thür, um sie zu öffnen. An dieser Höflichkeit waren nicht nur die beiden Pesos schuld, sondern sicher auch der Umstand, daß er sie jetzt bei seinem zweiten Besuche nicht Du, sondern Ihr genannt hatte“ klingen nach Authentizität …

„Wo habt Ihr Eure Zeit hingebracht, Sennor Landola?“ – „Ah, es giebt verschiedene Löcher, in denen man sich wohlbefinden kann; man spricht aber nicht davon“ … Und bei der Verabschiedung äußert sich Landola dann gleich noch einmal einigermaßen unklar.

„Das Glück, oder vielmehr der Teufel, war Cortejo günstig gesinnt.“

Widmen wir uns Josefa und Alfonzo, „Und da er keine Anstalt machte, ihr in die Arme zu fallen, so flog sie auf ihn zu, drückte ihn an ihre busenlose Brust und küßte ihn heiß und stürmisch auf den Mund. Er wollte sie von sich abwehren, da ihm dies aber nicht gelang, so wurde er zornig.“

„O, ich bin so unendlich glücklich, Dich wieder zu haben!“ […] – „Das ist aber noch kein Grund, mir mit Deinem einzigen Zahne die Lippen abzubeißen!“

„Ich lasse mich nicht ungestraft beleidigen, wo mein Herz vor überschwenglicher Liebe überfließt!“ – „Laß es meinetwegen überlaufen, mich aber verschone mit dieser überflüssigen Brühe.“

Bei Karl May[s Figuren] haben wir es mit allerhand Abgründen zu tun … „Bedenke doch, daß Du Sohn und Neffe des Verstorbenen bist! Was sollen die Diener sagen, wenn Du Dich um den Todten nicht bekümmerst!“ – „Du meinst, ich solle mir die Leiche ansehen?“ – „Ja.“ – „Ein wenig weinen?“ – „Natürlich!“ – „Wohl gar am Sarge beten?“ – „Das versteht sich!“ – „Und große Trauer anlegen?“ – „Wie es sich schickt!“ – „Gut, ich werde diese saure Arbeit auf mich nehmen!“

Alfonzo will Josefa nicht, sie ist nicht nur hässlich, er führt auch an „denn sie ist bürgerlich!“, worauf Cortejo „Du auch!“ sagt, und zwar „scharf“ („erklang es scharf.“). Das erinnert an „Hast Du vergessen, wo Du herkommst ?“ (Diese Worte legt Erich Loest in „Swallow, mein wackerer Mustang“ überzeugenderweise Heinrich Münchmeyer in den Mund, dem ehemaligen Zuchthäusler May gegenüber, in vergleichbarer Schärfe.)

„Du wirst nie in Deinem Leben Dich von uns lossagen können; das merke Dir!“

„Was Du bist, das bist Du durch uns. Du stehst und fällst mit uns.“

„Er spielte am Sarge des Grafen den über alle Maßen Betrübten, und seine Thränen flossen so, daß die Diener wirklich Mitleid mit ihm fühlten.“

Als er später hört, daß der vermeintlich Tote bei Besinnung war, „flog ein höhnisches Lächeln über das Gesicht Alfonzo's“ und er äußert: „So möchte ich wissen, was er gedacht hat, als er mich weinen und jammern hörte!“

„Nun wohlan, ich liebe sogar mit dem Herzen und zwar Dich selbst“ spricht Josefa, und der Erzähler gibt zu Protokoll „Es war nicht etwa ein inniger, warmer Blick, den sie ihm bei diesen Worten zuwarf, sondern ein funkelnder Katzenblick, etwa wie beim Panther, der im Käfige steckt und sich doch auf Jemand werfen möchte.“

„Ein jedes seiner Worte war ein spitzer, barbarischer Dolchstoß für sie; sie bezwang sich aber.“ Wir können an Marie Hannes denken … (das war freilich später, aber das tut nichts zur Sache.)

„Er spielte mit ihr wie die Katze mit der Maus, aber es war nur der Leichtsinn, welcher ihn dazu verführte. Er hätte denken können, welche Folgen eine solche Grausamkeit haben mußte.“

„Sei verständig, Josefa! Die Liebe läßt sich nicht geben und nicht nehmen; ich kann ja nicht dafür, daß ich für Dich nicht das empfinde, was Du für mich fühlst.“ – „Du sollst es aber empfinden; ich will es so!“ So wird es natürlich nichts …“Dabei stampfte sie den Boden mit ihrem Fuße.“

„Hätte er jetzt die Hand nach ihr ausgestreckt, sie wäre unendlich glücklich geworden, sie wäre ein gutes, braves Weib geworden, alles Böse in ihr wäre gewichen vor der einen, unwiderstehlichen Macht der Liebe. Er that es nicht.“ Das klingt ein wenig wie bei Thomas Mann, „Dergleichen geschah nicht auf Erden“ …

„Sie ging, und er sank lachend in seinen Divan zurück. Er hatte eine Art Lustspiel jetzt durchgelebt, und er dachte gar nicht daran, wie bald dasselbe zum Trauerspiele werden könne.“

Der Scheintote ist in seinem Korb-Sarg ergraut … (vgl. 'Die Juweleninsel')

In diesem Werk beschränkt sich die Blutrünstigkeit nicht auf Menschen, „Er zog das Messer und stieß es einem der Pferde nach dem andern in das Herz. Es war dies eine Grausamkeit, die aber einen triftigen Grund in seiner indianischen Vorsichtigkeit hatte.“

 

13. Kapitel – Eine Tänzerin

Wieder eine Rückblende; es wird zeitlich hin- und hergesprungen, es ist nicht immer leicht für den Leser, den Überblick zu behalten und die diversen Rodrigandas, Cortejos usw. richtig zuzuordnen.

Die „Prima-Ballerina, die erste Tänzerin des dortigen Theaters“ tritt in Erscheinung, „Wie ein Komet, wie ein leuchtendes Meteor war sie plötzlich und unerwartet am Himmel von Saragossa erschienen, und so schnell, wie sie gekommen war, so schnell hatte sie alle Welt erobert und sich zu ihren Füßen gelegt.“ Ganz ähnliches lesen wir u.a. auch im „Verlornen Sohn“. Theaterangelegenheiten haben Karl May des öfteren beschäftigt.

Alimpo darf mit seinem Arbeitgeber ins Theater, „er küßte seinem gütigen Herrn vor lauter Dankbarkeit die Hand.“

Elvira, aus Knabentagen als „kleine, böse, abscheuliche Hummel“ in Erinnerung, ist „ein so hübsches, dralles Mädchen geworden“ und erhält prompt einen Heiratsantrag, „In so wichtigen Dingen darf man keine Zeit versäumen“. Eine hübsche kleine Szene.

„Eine Dame bringt nach Mitternacht noch Herrenbesuch mit?“ fragt er „gedehnt“, und erhält zur Antwort „Ja. Das thun Sängerinnen und Tänzerinnen nicht anders“. Ein Klischee … „Oft kommt der Eine, wenn der Andere soeben gegangen ist.“

„Die Tänzerin zeigte sich hier als eine mittelhohe, volle Gestalt von geradezu unbeschreiblicher Schönheit der Gesichtszüge; aber über dieses Gesicht zuckte zuweilen der Athemzug eines unbekannten Dämons, der in ihrem Herzen verborgen wohnen mußte.“

„Ja, sagen Sie Ihrem Herrn, daß ich gewohnt bin, gütig und dankbar zu sein!“ lässt die Tänzerin nach Erhalten ihres kostbaren Geschenkes „zweideutig“ ausrichten …

„Schön ist schön, aber gut ist gut, und Beides ist Zweierlei. Ich lobe mir meine Elvira!“ erkennt Alimpo, dem die Schönheit der zweifelhaften Dame ebenfalls nicht entgeht, sehr hübsch.

Nach allen Regeln der Kunst wickelt das Objekt der Begierde den älteren Herrn ein, „Dabei fuhr sie sich mit der feinen Hand nach der Stirn und verwirrte sich unterwegs in das Negligee, welches sich verschob, daß dem Graf die Schönheit eines Busens geöffnet wurde, um die eine Venus hätte neidisch werden können.“

„Vor seinen Augen flammte es. Die Sonne Indiens hatte sein Blut gekocht.“ Gelegentlich ist es nicht unkomisch.

„Und da saß der Graf vor ihr, während der ganzen langen, einsamen Nacht. Die Ampel warf ihren purpurnen, wollüstigen Schein über das Lager, wo bald dann und wann eine Schlafbewegung der Ballerina dem Greise Schönheiten ahnen ließ, die sein Blut in Wallung brachten und seine Sinne vollends gefangen nahm. Er war der Sirene verfallen.“ Und im Nebenzimmer erleben wir die 'unschuldigere' Variante, Elvira und Alimpo, „Da saßen sie nun neben einander auf dem Sopha, im tiefen Schlafe eng in einander verschlungen. Ihre beiden ehrlichen, treuen Gesichter machten einen guten, Vertrauen erweckenden Eindruck“.

Und innerhalb des gleichen Satzes erkennen wir beim kommentierenden Grafen ebenso Wahrheit wie Täuschung, „Sie lieben einander; sie sollen glücklich sein, so wie ich glücklich bin!“

„Er fühlte die weichen, electrischen Formen“, eigenartige Wortkombination …

Die gute Frau fährt vor ihrer bevorstehenden Vermählung noch einmal nach Spanien, um gleichsam Junggesellinnenabschied zu feiern, „noch eine kurze Zeit mit ihren früheren Freundinnen in Lust und Schwelgerei zu verbringen“.

Mit Rodriganda jun. erleben wir sie offenbar echter Gefühle fähig.

„Der Mantel, der leise, neidische Mantel“, atmosphärisch überzeugend … (Er sei ein „Kenner der Erotik“, wurde May mal attestiert.)

„Suche nie, niemals nach mir.“ Wir spüren die Portion Tragik, die die Frau für einen Tag empfindet.

Und auch das ist schön gesehen, „Er lag an ihrem Herzen wie ein Kind; er schlief an ihrer Brust wie ein Kind; er träumte an ihrem Busen wie ein Kind, welches nichts weiß und nichts kennt, und als er am Morgen in ihren Armen erwachte, da wußte er nicht, ob die Wirklichkeit Traum, oder der Traum Wirklichkeit gewesen sei“.

„Papa, paßt eine Balleteuse in das bisher unentweihte Schloß unserer Väter?“ Solche Sachen erscheinen einem heutzutage etwas erschreckend … wie auch das seltsame „Der Verlobte einer Tänzerin ist nicht satisfactionsfähig!“

Zum Abschluß beträchtlicher Skandal und blutiges Spektakel. Die Vorgeschichte der Rodrigandas und Cortejos ist damit erzählt.

 

Zweite Abteilung - Die erste Rachejagd

1. Kapitel - Der Auszug der Rächer

Mit Sternau in Paris. Der rettet ein von der Brücke gesprungenes Mädchen. „Der Mensch soll erst dann sterben, wenn Gott ihn ruft“.

Prostitution; „Sie hatte eine Biographie gegeben, wie sie in Paris auf Tausende junger Mädchen paßt, denen die Ehrlosigkeit und Pflichtvergessenheit der Eltern zum Fluche wird.“

Im Dirnen- und Kriminellenmilieu kannte der Autor sich aus, dieser Eindruck entsteht des öfteren, auch anhand einiger anschaulich wiedergegebener kleiner Details.

Gerard und Mignon. Er ist ihr Zuhälter und Geliebter, beide planen eine [klein]bürgerliche Zukunft. „Das Mädchen dachte nicht daran, daß dieses Glück eine sehr verbrecherische Grundlage habe.“ […] „Du wirst für die Leute nähen und sticken, und ich werde als Schmied in die Fabrik gehen.“

Gerard soll Cortejo nach Deutschland begleiten, um Sternau unschädlich zu machen.

Interessante Vater-Sohn-Beziehung bei Gerard Mason und seinem trinkenden Vater.

„Seine Mienen bewegten sich in der Reihenfolge der Gedanken und Gefühle, welche über sein Gesicht gingen.“ Putzig.

„Es ist mir zu auffällig, den Kopf eines Gemordeten zu transportiren.“ – „Gut, so bringe die rechte Hand.“ So wird es gemacht … Da der zu Ermordende fiktiv ist, wird die Hand im Leichenschauhaus besorgt und anschließend „einige Stunden lang in der Stadt herum“ getragen.

„Aber ich sehe nicht die mindeste Blutspur!“ – „Das fehlte auch noch! Sollte ich mich verrathen?“ – „Du hast die Hand wohl abgewaschen?“ – „Ja, im Waschtische.“ – „Gescheidt!“

In Deutschland. Ludewig und der Bahnwärter unterhalten sich über die „Spanische Fliege“ und deren Wirkung. „Ich hatte mir eine spanische Fliege ganz anders vorgestellt.“ – „So geht es, wenn man kein Jäger ist!“ – „Ja, Ihr seht mehr als andere Leute und habt viel Bücher. Bei uns giebt es blos das Gesangbuch und die Instruktion.“

Zugunglück. „Diejenigen, welche in den zertrümmerten Wagen gesessen hatten, waren zermalmt worden; der Maschinist, der Heizer, die Bremser, sie waren todt. Alle, welche sich in den umgestürzten Waggons befunden hatten, waren mehr oder weniger, meist aber schauderhaft verletzt.“

Wetterkapriolen, „folgte plötzlich eine ganz ungewöhnliche Kälte, […] die Sperlinge fielen von den Dächern“ …

„Gewiß eine Arbeit des Herrn Hauptmann, noch von der Akademie aus, dahier?“ […] – „Dummheit, Akademie“ … Ein Thema, das Karl May mit Recht umtrieb … Ein Fünfjähriger war’s hier, der zu überzeugen vermochte …

Der selbe erlegt Wolff und Luchs; dick aufgetragen.

Lang und breit hat man es mit hohen Herrschaften zu tun, und bei aller Humorigkeit quillt Untertanen-Mentalität aus den zahlreichen Seiten dieser Passagen. Immerhin zeigt sich Sternau einigermaßen unbeeindruckt, „Hoch und breit von Gestalt, ein echter Enakssohn, trat er in der Haltung eines Königs ein“. Und auch Rosa vermag Aufsehen zu erregen, „Es war, als ob die Schönheit Fleisch geworden sei und nun hier eintrete, um die Herren in Entzücken und die Damen in bitteren Neid zu versetzen“.

Hochwohlgeboren geben sich leutselig und offen, „Auch eine Fürstin braucht Liebe; man soll sie ehren, aber man soll sie nicht fürchten“.

Nach anfänglichem Missbehagen („Ueber seine Stirn legte sich eine leise Falte; es widerstrebte ihm, als Kunstreiter oder Kunstschütze aufzutreten“) legt Sternau vor den hohen Herrschaften dann eben just einen solchen Auftritt über Dutzende von Seiten hin.

„Ein schöner, ein sehr schöner Mann!“ äußert die Großherzogin über Sternau, Rosa gegenüber, diese „erglühte“ und bemerkt „Und ein edler Mann, Hoheit; ein Mann, der Kind und Held zu gleicher Zeit ist“. Und auf die Frage, ob sie glücklich sein, „haucht“ sie „Unendlich“.

Tellschuß, genauer, zehn Tellschüsse, wobei dem Autor möglicherweise für den Moment entgangen ist, daß Tell gegen seinen Willen notgedrungen so handelt, wie es ihm der Zwang gebietet, Sternau hingegen sozusagen aus Jux und Dollerei, was die Sache einigermaßen fatal macht.

Zwischendrin hat ein wie David Lindsay sprechender Graf einen kurzen prägnanten Auftritt, „Habe viele Romane gelesen, Reisebeschreibungen. Cooper, Marryat, Möllhausen, Gerstäcker. Habe gedacht, Alles Schwindel. Aber doch anders. Hörte in Berlin beim Gesandten, daß Alles wahr“. Diese Stelle wird übrigens oft in verzerrender Intention zitiert, indem die Feststellung, daß „Alles wahr“ sei, einfach weggelassen wird.

Sternau ‚outet‘ sich als ominöser „Fürst des Felsens“ und zeigt zum Beweis die Narbe vom Stich im Hals, ganz wie Old Shatterhand. Auch der Bärentöter wird herumgereicht, „und nun begann ein großes Wundern“.

Die Sache mit den Tellschüssen war noch nicht die letzte Geschmacklosigkeit, zur Demonstration seiner körperlichen Kräfte schlägt Sternau ein Pferd nieder, „Er holte aus und traf mit einem fürchterlichen Hiebe seiner Faust die Stirn des Pferdes, grad über dem einen Auge“. Und auch Herzensdame Rosa zeigt hier ein Rindsgemüt, ihr „Gesicht glänzte vor Genugthuung“.

Immer wieder einmal äußern Mays Protagonisten [nachvollziehbar] Weltanschauliches, „Ich glaube an Gott, und habe tausendmal erkannt, wie seine Hand selbst das Entfernteste verbindet“.

Und dann brechen Sternau und Helmers auf, um Kapitän Landola zu jagen. Sie werden lange nicht wiederkehren.

 

2. Kapitel – Der verlorene Sohn

Sternau kauft eine Yacht, die Lord Lindsay gehörte.

In Avranches sehen wir den todkranken Herzog von Olsunna wieder, einst „der Löwe der schönen Frauen“.

„Er wurde ernst; er lernte, an das Ende und an das Jenseits denken; er hielt Heerschau über die vergangenen Tage seines Lebens, und er sah, daß die Sünde seine einzige Thätigkeit gewesen sei. Da erfaßte ihn bittere Reue.“

Flora liebt, „Sie, die Tochter eines Herzogs, diesen unbekannten Maler! Welch ein Gedanke!“

Der Maler, der der Sohn Kurt von Rodensteins ist, macht (auf Flora wie den Leser) mit seinem Wort von den „Genezarethseelen“ gleich Eindruck. Er gibt eine überzeugende Liebeserklärung ab, die in der Tat „nicht eine Liebeserklärung im gewöhnlichen Sinne“ ist. Flora sagt nur leise „Mir ging es ebenso“.

„Da machte er eine Bewegung, als wolle er sich ihr zu Füßen stürzen, aber er beherrschte sich, wendete sich ab und sandte seinen umflorten Blick weit hinaus auf die See.“

„Das war nicht eine leere Tirade, sondern das waren schrille Schmerzensschreie, die aus der Tiefe einer gequälten Brust erschollen. Sie fühlte das; sie ahnte, daß sein Weh ein ungewöhnliches, ein wahres sei“ …

„Seine Augen füllten sich mit Thränen; es waren Mannesthränen, welche doppelt tief brennen. Kein fühlendes Weib bleibt dabei ungerührt.“ Er hätte indes, auch das wird schon vorgekommen sein, auch an ein nicht fühlendes geraten können.

Flora „schlang, ihrer nicht mehr mächtig, die Arme um seinen Nacken und erkennt „ich bin Dein, ich kann nicht anders!“ Unmittelbar darauf, als sie nicht weiß mit welchem Namen sie ihn anreden kann, er ihren angefangenen Satz mit „Otto“ ergänzt und sie dann „Mein Otto“ sagt, stellt sich der Verdacht ein, der Autor habe eine Portion brechende Ironie darunter gemischt.

Kaum sprechen sie von Karl Sternau, so erscheint er schon … „Das unerforschliche Schicksal bereitete hier eine jener Begegnungen vor, welche ganz unerwartet eintreten und doch für das Schicksal der Betreffenden von außerordentlichen Folgen sind.“

„Die Liebe kommt von Gott, darum führt sie auch zu Gott. Sie ist die Tochter des Himmels, ohne welche unsere Erde ein Jammerthal sein würde.“ Das mag ja kitschig klingen, enthält aber eine durchaus ernstzunehmende Aussage.

Der Herzog von Olsunna beichtet seiner Tochter seine Verfehlungen. „Er drückte sie an sich und weinte, der früher so stolze und starke Mann.“

Sternau erweist sich in der Tat als guter Arzt, „Unsere Kunst und unsere Wissenschaft ist allerdings schwach, dem Willen Gottes und den Kräften der Natur gegenüber, […] jedoch giebt Gott uns oft einen Fingerzeig, dem wir zu gehorchen haben. Der Arzt hat die Pflicht, sein Wissen zu bereichern, sich in seiner Kunst zu üben und seine Erfahrungen zu vermehren; aber sein ganzes Wirken soll nur darauf gerichtet sein, das Vertrauen auf Gott zu lenken und die Selbstheilkraft der Natur anzuregen und zu unterstützen.“ So ist das. „Das waren allerdings Anschauungen, wie man sie bei den meisten Aerzten nicht findet.“ Auch darin hat sich nichts geändert.

Äußerung des Herzogs von Olsunna: „verkehrte in meiner Jugend zuweilen mit Schönheiten, deren Gesundheit nicht ganz zweifellos war“, und so hat er sich die „Psora“ zugezogen.

Flora küsst Sternaus Hand. Einer von zahlreichen vergleichbaren Handküssen bei Karl May.

Der Herzog weiß noch nicht, daß Sternau sein Sohn ist, aber „Es war mir, als ob ich mich selbst vor mir stehen sehe, als er sich bei uns befand.“ Das hat auch symbolische Bedeutung. Die beiden sind, sozusagen, Varianten voneinander …

Otto von Rodenstein spürt den verwirrten Grafen Rodriganda im Leuchtturm auf.

Enthüllungs-Szenen mit beträchtlichen Reaktionen der Beteiligten bzw. Betroffenen; Olsunna ist der Vater von Sternau, Flora adelig. Letzteres ist erst einmal zuviel für Otto von Rodenstein, „Es war ihm, als sei ihm mit einer Keule ein fürchterlicher Hieb versetzt worden; er wankte“. […] „Er kam unter den Küssen der Geliebten wieder zu sich.“

Die Szene eskaliert in Richtung Kitsch und Schwulst. Auch im Weiteren treffen wir immer wieder auf eine Wortwahl, die zwischenzeitlich den Verdacht entstehen lässt (wie auch in anderen der Kolportageromane) als sei nicht immer Karl May am Werk gewesen.

„Parbleu! Das ist ja ein Kriminalroman, wie er im Buche steht!“ äußert der Maire, als Otto erzählt, was bisher geschah …

„Er machte die tiefste Reverenz, welche er fertig brachte und begleitete den Verlobten einer Prinzessin bis auf die Straße, wo er die Brille von der Nase nahm, und mit derselben einige Höflichkeitsphrasen in die Luft zeichnete.“ Das ist wieder echt Karl May, auf so ein Bild muß man erst einmal kommen, Höflichkeitsphrasen mit der Brille in die Luft zeichnen …

Graf Emanuel wird befreit. Handlungsgeplänkel um Zarba. Seegefecht.

Wieder in Deutschland. „Zu Genheim bei Bingen saß Graf Alfonzo am Fenster“ … klingt nach Wagners Hagen.

Gerard Mason warnt Rosa und ist beeindruckt (nicht sinnlich, sondern ethisch, wie es später wörtlich heißt). Er trifft den Waldhüter Tombi und man stellt gemeinsam fest, wie klein die [Kolportage-] Welt ist … Mason schenkt Cortejo reinen Wein ein und die geplante Übeltäterei wird abgeblasen.

Spektakuläre Zusammenkünfte, „Vater und Tochter innig verschlungen“, die Wortwahl scheint manchmal denn doch eine gewisse ironische Brechung zu verraten; „während sie sich da in tausend Liebkosungen erschöpfte“ …

Frau Wilhelmi-Sternau sieht ihren einstigen Nötiger wieder, „Es war ein tiefer, ernster inhaltsreicher Blick, den sie auf ihn warf. Es sprach sich darin alles Elend, alle Sorge von damals aus, aber es glänzte aus demselben auch die unveräußerliche Güte und Großmuth des weiblichen Herzens“.

„Karl Sternau soll Don Karlos de Olsunna werden, damit Alles vergessen werde, was früher geschehen ist.“

Immerhin wird in Sachen gesellschaftlicher Status, Adelsprädikate u.dgl. konstatiert „Auch mir giebt der trügerische Glanz, der lügenhafte Schimmer nichts“.

Hübscher Vortrag des alten Rodenstein über ewig weibliches: „Die Schönheiten sind nähmlich ganz und gar verschieden. Man theilt sie in verschiedene Kompagnien, Bataillone, Regimenter und Divisionen ein. Es giebt schwarze, braune und blonde Schönheiten; es giebt auch große und kleine, dicke und dünne Schönheiten; es giebt endlich feurige und schmachtende, zärtliche und zurückhaltende, stolze und bescheidene Schönheiten; es giebt Rosen und Veilchen, Himmelschlüsseln und Disteln, Klatschrosen und Vergißmeinnicht unter den Schönheiten; es giebt endlich ächte und künstliche, süße und saure Schönheiten.“ Wir denken an Willy Millowitsch und seinen Liedvortrag in Sachen Rosen und Primeln …

„Sein Selbstgefühl dehnte sich in das Unendliche und gab ihm die Fassung zurück.“ Oberförsters Befindlichkeit.

„Das ist entweder ganz toll, oder die reine Wahrheit!“ Das ist öfter mal so …

„Mein Junge heiratet eine Herzogin! Er ist ein Kerl, vor dem sogar ein König Respect haben muß! Victoria! Halleluja! Hosianna, Davids Sohn! Hussa! Hurrah!“ Billig. Schade.

 

III

Nachdem der zweite Band in Rheinswalden im deutschen Forst ein wenig fatal geendet hatte, ist der geneigte Leser froh, dass nun wieder ein anderer Wind weht, ganz im Wortsinne, es geht zunächst einmal hinaus auf die Weltmeere, und gleich wird das Bewusstsein wieder freier und weiter als inmitten miefig-deutscher Großbürgerlichkeit und Adelsbeweihräucherung; den momentanen Befindlichkeiten Karl Mays scheinen gelegentlich die Schauplätze seiner Erzählerei durchaus zu entsprechen.

Bei Josefa Cortejo, die in diesem Band eine größere Rolle spielt, denken wir an Minna Ey, wir wissen zwar nicht sicher, ob diese seinerzeit seitens Karl May verschmähte Dame tatsächlich Vorbild für die Figur war, können es uns aber lebhaft vorstellen.

Wir begegnen der geschichtlichen Gestalt Benito Juarez.

Da der Autor nicht Houellebecq, Miller oder Roth heißt und gut hundert Jahre früher schrieb, ersetzt er, bei allem Frivolwollen, sehr offene Worte gelegentlich durch Gedankenstriche bzw. anschließende etwas holperig wirkende Umformulierungen (S. 1446).

Gelegentlich (S.1568 ff. / 1622 f.) war May, wenn er denn selber der Autor entsprechender Stellen gewesen sein sollte, offenbar nach widerwärtigen sadistischen Schweinereien zumute, schon vorher hatten wir es einmal mit einem handfesten Massaker zu tun. - Auf S. 1588 gibt Sternau sich mit seinem Sprung (mit ein wenig Anlauf) über den Palisadenzaun Mühe, (frei nach Hermann Cardauns) Superman und Batman in einer Person darzustellen. Auf S. 1614 heißt es denn auch „Ich kenne Gott, der allmächtig ist, und ich kenne Sternau, den man fast auch allmächtig nennen mag.“ Na dann.

Als in Rheinswalden das Kind geboren wird, wird es so richtig menschlich, das aufgehende Herz des Autors vermag sich auf den geneigten Leser zu übertragen. Und daß im deutschen Wald dann ein, so wörtlich, Klein-Rodriganda gebaut wird, ist wieder eine dieser hübschen May-Ideen, hinter denen man mit einigem guten Willen allerhand Tiefsinn vermuten kann.

Die Helden müssen derweil, auf einsamer Insel ausgesetzt, 16 Jahre Pause machen, und auch der Leser erhält so willkommene Gelegenheit, bei allem grundsätzlichen Wohlwollen zwischendrin vielleicht auch mal wieder etwas anderes zu lesen.

 

(Zweite Abteilung)

3. Kapitel – Ein Wiedersehen

„Pa ist die Abkürzung für Papa, ebenso wie man Mama in Ma abkürzt. Diese Zärtlichkeitsform wird besonders in Amerika häufig, aber auch in England angewendet.“ Der eine oder andere kennt es schon seit Jahrzehnten, aus der Kindheit, [vermutlich] seit „Bonanza“.

Die Antipathie gegen Josefa löst bei Amy eigentlich (oder: scheinbar ? …) gar nicht zu ihr passenden dünkelhaften Stolz aus, psychologisch interessant. Und nicht eben sympathisch.

Auf See. Gefecht. Sternau ist nicht Old Shatterhand (bzw.: schreibt nicht für den „Hausschatz“ …); „Die Leute hatten keine Zeit gehabt, Etwas mitzunehmen; sie retteten nichts als das nackte Leben. Aber auch dies sollte ihnen nicht gegönnt werden. Sternau war im Nu mit seiner windesschnellen Yacht hinter ihnen her. Er sah, daß sie keinen Gefangenen bei sich hatten, und segelte zwei von den Booten einfach in den Grund, während er das dritte und vierte zusammenschoß.“

„Quimpo war bei ihm“, der wurde vorher nie erwähnt, es war nur von einem (namenlosen) „Neger“ die Rede.

Mariano wird aufgefunden und gerettet. „Sie sah nicht seine abgezehrte Gestalt, seine bleichen, eingesunkenen Wangen; sie sah nur das Leuchten seiner Augen“ … Schön.

Exkurs Mexikanische Diligence. „Dies ist die hohe Schule“ … So ist es mit einigem.

„Ein jeder Mexikaner ist mehr oder weniger ein Freibeuter“, putzig. „Die Hütte bewohnte der ‚Postmeister’, ein hagerer Mexikaner, welcher einem Raubmörder ähnlicher sah, als einem ehrlichen Manne.“

„Ich bin ein Brigant, ein Räuber“, gesteht Mariano gegenüber Amy. „Das hatte sie nicht erwartet; das stürmte mit voller Wucht auf sie ein.“ Auch bei Amys Vater ist Aufklärungsarbeit zu leisten, „Und Du liebst wirklich diesen - - diesen Zögling eines Räuberhauptmannes?“

„Ich mache Effekt mit Ihnen“, sagt Lindsay zu Sternau, „Sehen Sie das Fächerspiel der Damen, Herr Sternau?“ – „Ich habe meine Dame, Mylord“ […] – „O, man nimmt es hier nicht so genau!“ – „Desto genauer nehme ich es!“ – „So beabsichtigen Sie nicht, einen dieser Mexikaner eifersüchtig zu machen?“ – „Ich verzichte darauf!“ – „Nun, wollen sehen, ob Sie wirklich so hieb- und stichfest sind.“

Josefa Cortejo ist eifersüchtig, „Sie bildete in ihrem Grimme einen Anblick, der nichts weniger als schön genannt werden konnte.“

Cortejo weiß „Beurtheile die Deutschen nicht falsch. Sie haben harte Köpfe. Sie sind lange Zeit still und geduldig; aber wenn sie einmal einen Entschluß gefaßt haben, so führen sie ihn auch aus.“

Man findet den Sarg Graf Ferdinandos leer.

Cortejo und Josefa werden Sternau vorgestellt, der erkennt spontan „So halte ich die Tochter für schlimmer als den Vater selbst“, worauf sein Gegenüber „Sie sind ein großer Physiognom?“ konstatiert … „Habicht und Eule, nur daß hier die Eule mehr Courage und Energie besitzt als der Habicht.“

„Aber Mylord, verderben wir uns diesen Abend nicht mit dem Gespräche über solche Menschen. Es ist genug, daß man sie sieht.“ Schön gesagt.

„Sternau gab sich während des ganzen Abends Mühe, nicht mehr in die Nähe der Beiden zu kommen, und noch während der Nacht träumte es ihm von Eulen und Ungeziefer mit denen er zu ringen hatte.“

Josefa hat unterdes ein neues Objekt der Begierde gefunden, „Wie oft hatte sie vor dem Bilde des Grafen Emanuel gestanden. Sie hatte es als einen Inbegriff männlicher Schönheit zu betrachten gelernt; ihre Phantasie hatte sich mit demselben beschäftigt; sie hatte von diesen Zügen geträumt, und es sich als das größte Glück vorgestellt, von einem solchen Manne geliebt zu sein. Und nun saß das Ebenbild dieses Gemäldes ihr gegenüber. Das waren ganz genau dieselben Züge. Sie hätte aufjauchzen können vor Wonne, ihr Traumbild verkörpert zu sehen. Sie fühlte in diesem Augenblicke, daß Graf Alfonzo ihr vollständig gleichgiltig sei; sie erkannte, daß es eine Liebe giebt, die in einem einzigen Augenblicke kommt und siegt. Sie verschlang die Züge Mariano's förmlich, und konnte sich nur gezwungen von diesem Anblicke trennen, als das Frühstück beendet war.“ […] „Was war das? War das etwa die Liebe?“

„Sie küßte wieder und immer wieder das Bild, bis eine Stimme sie aus ihrer Verzückung weckte. Ihr Vater war unbemerkt eingetreten“ …

„Josefa, Mädchen, was machst Du! Was fällt Dir ein! Ich glaube gar, Du küssest das alte Bild! Willst Du es gleich wieder an den Nagel hängen!“

 

4. Kapitel – Eine Heilung

Josefa Cortejo hat bei unserem Autor wirklich einen schweren Stand, „Er fand sie vor dem Spiegel stehen. Sie hatte sich ganz dekolletirt angekleidet und musterte sich, ob sie schön sei. Aber ihre hageren Arme, ihr dürrer Hals, ihr scharfer Nacken, ihr spärlicher Busen traten nur um so häßlicher hervor.“

Über eine Vorliebe ihrerseits erfahren wir ansatzweise auch etwas, „Sie ließ sich den scharfen Druck seiner Hand gefallen, ohne ein Wort des Schmerzes auszustoßen, denn dieser Schmerz war ihr eine Wonne“ …

Sternau entgeht einem Anschlag. Wiedersehen der Helmers-Brüder. Anton alias Donnerpfeil wird geheilt.

Sternau wird aufgrund seiner Kleidung von Büffelstirn zunächst unterschätzt, es bedarf aber interessanterweise nur des Umziehens, um gleich einen anderen Eindruck hervorzurufen. „Sternau trug ein Paar elennlederne Leggins, ein festes Jagdhemde, einen breitkrämpigen Hut und hoch heraufgehende Stiefel. Ueber seiner Schulter hingen ein Henrystutzen, mit dem man fünfundzwanzigmal schießen kann, ohne zu laden, und eine doppelläufige Bärenbüchse. In seinem Gürtel steckten zwei Revolver, ein Bowiemesser und ein glänzender Tomahawk. Diese Waffen, außer dem Tomahawk, hatte der Indianer bereits gesehen. Das Aeußere Sternau's war jetzt so durchaus kriegerisch und gebieterisch, daß es recht wohl Bedenken einzuflößen vermochte.“

Und er zeigt sich gleich von einer, sagen wir, unchristlichen Seite, „Er war nicht der Mann, unnöthigerweise Menschenblut zu vergießen“, tut es aber nichtsdestotrotz sogleich, denn „hier aber handelte es sich um die Ausrottung einer Räuber- und Mörderbande“. […] „Die Schüsse fielen so schnell hintereinander, als ob zehn Schützen aus Doppelgewehren feuerten. Auch der Indianer hatte mit seiner Büchse Zwei niedergestreckt, und als Sternau endlich den Stutzen wegwarf und nach der Büchse griff, waren nur noch Zwei übrig.“ Knapp dreißig Menschen wurden hier mal eben ohne Not exekutiert.

Benito Juarez betritt die Bildfläche des Romans, zunächst erfahren wir, daß er „verwegen, listig und grausam sei; aber er besaß einen unerschütterlichen Charakter und einen Willen, der fast genug war, in den politischen Wirrwarr des Landes Klarheit und Festigkeit zu bringen.“

„Ich habe den Parteien stets fern gestanden“ äußert ein offenbar einsichtsvoller, von Juarez vernommener Haziendero. „So seid Ihr weder warm noch kalt, und das ist noch schlimmer“, erhält er zur Antwort. Der bescheidenen Meinung des Vortragenden nach irrt Juarez hier. Zu dieser Thematik siehe auch Stefan Zweig, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam.

Cortejo setzt Verdejo auf Sternau an. Wir erleben Juarezsche Willkür.

 

5. Kapitel – Tief unter der Erde

Lieutenant Pardero sieht im Garten Karjas Gesicht mit „einem Lippenpaare, welches zum sofortigen Genusse einladete. Er sah nach seiner Meinung eine jener üppigen, feurigen Indianerinnen vor sich, welche es für ein Glück zu rechnen haben, wenn ein Weißer die Knospe bricht, welche ihm entgegenschwillt.“ Wie auch Verdejo handelt aber auch er sich eine Zurechtweisung in Form von körperlicher Gewalt ein.

„Die Liebe der Weißen ist das Verderben, ist Untreue und Falschheit“ erkennt Karja.

„Dieses Haus scheint sehr klösterlich gesinnte Bewohner zu haben“, räsonnieren die beiden gezüchtigten Männer.

Wieder sehen wir, daß Sternau nicht der christliche 'Hausschatz'-Old Shatterhand ist (und denken an Ansgar Pöllmanns 'Weizen'-Spruch ...), „Diese beiden Kerls haben ihren Lohn und mögen nun da verwesen, wo ihre Kameraden verfaulen.“ Und „Er stieß die beiden Leichen über den Rand der Schlucht, so daß sie den steilen Abhang hinabstürzten und unten halb zerschmettert liegen blieben“.

Und wieder einmal eine interessante Deutschen-Charakterisierung, „Diese Deutschen sind wie die Maulesel; sie tragen geduldig und ohne Muth und ohne Ehrgefühl die größten Lasten, rappelt es aber einmal in ihrem Kopfe, so werden sie störrisch und ungezogen; man kann sie dann nur durch Prügel zähmen.“

„Haben Sie bereits einmal von berühmten Schützen, Jägern oder Savannenmännern gehört, Sennor?“ – „O, sehr oft!“ – „Können Sie mir die Namen Einiger sagen?“ – „Nun, ich habe gehört von Sansear, von Shatterhand, von Firehand, von Winnetou“ ...

Duell. Sternau erweist sich einmal mehr als Kunstschütze. „Wer sich schlagen oder schießen will, muß etwas gelernt haben“.

Längen.

„Wer bei solchem Blutverluste so tief erröthen konnte, der mußte sich getroffen fühlen.“ Bei solchen Sätzen weiß man manchmal nicht so recht, ist das nun Unbeholfenheit oder feine Selbstironie ...

Verdejo bekommt Ärger mit einem mutigen Untergebenen.

„Er war arm, wollte es aber nicht bleiben, denn der Besitz ist ja das einzige Mittel zur Befriedigung aller Bedürfnisse“ schreibt der Autor über Pardero. Wobei nicht ganz klar ist, ob das nun Parderos Sicht oder die des Autors [zur Zeit der Entstehung des Romans] ist.

„Wollen Sie von hier fortgehen, ohne sich diese Schuld in liebenswürdiger Weise abtragen zu lassen?“ fragt Verdoja Pardero und meint die ’Gunst’ der Frauen. „Aus den Augen Pardero's leuchtete eine gefährliche, sinnliche Gluth“, und er bekennt „Ich gestehe aufrichtig, daß ich vor Lust brenne, sie willfährig zu sehen. Sie ist das schönste Mädchen, das ich kenne, und ich gebe viel darum, sie einmal - nun, als - als Frau zu besitzen!“, worauf der Autor „Dies war ein sehr offenes Geständniß“ anmerkt.

Kriegs- bzw. Ehrengerichtshof auf der Hazienda.

„Aber wir zwei sind doch nicht genug, drei starke Männer und zwei Mädchen zu entführen.“ – „Das macht mir keine Sorge. In unserem gesegneten Mexiko giebt es Männer genug, welche für eine Hand voll Silberdollars bereit sein werden, sich unter unser Kommando zu stellen.“

Sternau hat Post aus Rheinswalden bekommen, „bei deren Lesen er einen lauten Jubelruf ausstieß und das Papier zehnmal und zehnmal küßte.“ Rosa ist schwanger. Das wird freilich in Brief und Roman nicht so profan ausgedrückt, „Sollte Deine Reise länger dauern, als ich hoffe und erwarte, so findest Du Deine Rosa nicht mehr allein, sondern sie eilt Dir entgegen, auf dem Arme einen kleinen Carlico oder eine allerliebste Rosilla, denn anders als Carlos oder Rosa werden wir das geliebte Wesen, welches mich für die Zukunft begeistert, doch nicht nennen“. - Der Autor fügt noch die launige Bemerkung „Und wie selten eine Dame schreiben kann, ohne ein Postscriptum anzufügen, so folgte auch hier ein solches“ an.

„Er fing sich das wildeste Pferd ein, sprang auf und jagte in die weite Savanne hinein. Die Hazienda war zu klein für sein Glück. Und dennoch, als er zurückkehrte, war das Erste, was er that, er zog sich wieder in sein Zimmer zurück, um den Brief aber- und abermals zu lesen und zu küssen. Es giebt einen Himmel bereits hier auf Erden, und dieser Himmel ist nur zu finden in einem Herzen, welches liebt und weiß, daß diese Liebe beglückt, weil sie erwidert wird.“

Pardero erlebt unterdes ’die Liebe’ in anderer Form, „Karja hatte ohne alle Bekleidung im Schlafe gelegen“, und „Nun lag sie gefesselt am Boden, eine Schönheit preisgebend, so voll und üppig, so sinnberückend, wie Pardero bei all den Orgien, welche er mit gefeiert hatte, noch keine gesehen hatte. Er warf sich auf sie. Er umarmte und küßte sie auf die Wangen, den Hals und den Busen; er wollte die herrlichen Reize betasten und prüfen“ ...

Sternau befreit sich aus Gefangenschaft, als er Verdejo das verletzte Auge behandeln soll.

Unterdessen erreichen die anderen die Pyramide. „Hier ist die Kammer der Liebe, in welcher bereits der Widerstand mancher Schönheit gebrochen wurde.“

Emma wird eingesperrt. „Da stak sie, die an Freiheit, Liebe und den feinsten Genuß Gewöhnte, in der engen, dunklen Felsenkammer.“

Um „thätlichen Angriffen“ zuvorzukommen, hat sie ein Messer und ist „entschlossen, es sich nicht wieder entringen zu lassen; viel eher wollte sie es sich in das eigene Herz stoßen.“

„Sie befand sich tief unter der Erde als Opfer der Lüste eines gefühllosen Bösewichtes“ ...

„Diese Pyramide, ein Ueberrest alter, mexikanischer Baukunst, war aus Backsteinen auf einem Felsengrunde errichtet. In diesem Grunde hatte man vor Beginn des Baues zahlreiche enge Kammern ausgebrochen und sie durch Gänge verbunden. Auch die Pyramide war durch solche Gänge durchbrochen, in denen die Fürsten und Priester des untergegangenen Reiches ihre Geheimnisse bewahrt und ihre Orgien gefeiert hatten.“ (In der Bearbeitung ist an dieser Stelle nicht von Orgien die Rede, sondern vom Sonnengott, und Band 52 erhielt entsprechend den Titel „Die Pyramide des Sonnengottes“ ... (von dem bei Karl May auch sonst nicht die Rede ist in diesem Werk.))

„Seit dieser Zeit war im Inneren der Pyramide Manches und Vieles geschehen, was sich dem Tageslichte und dem Auge des Gesetzes entziehen mußte“.

Karja tötet Pardero. Verdejo stürzt in die Tiefe, denkt aber weniger an Rettung als an Rache, „Ihr müßt verhungern - verdursten - verschmachten!“ ruft er, „jedes dieser drei Worte in einem höheren Tone, bis die letzte Silbe über die höchste Fistel schnappte“.

Mariano foltert Verdejo. „Das Geschrei, welches Verdoja bei den entsetzlichsten Schmerzen ausstieß, glich dem Gebrülle von zehn Tigern“. Verdejo spuckt nach Mariano und verflucht die Gegner. Die hören oben das „herzzerreißende Wimmern“, greifen aber nicht ein ... „Er will nicht gerettet sein, weil auch wir sonst frei würden, und so mag er krepiren und verschmachten, wie er es uns bestimmt hat“.

Um Indianer in die Bürgerkriegshandlungen zu verwickeln, „waren Botschafter an die Häuptlinge der nördlichen Indianer gegangen, und die Comanchen hatten sich bereit finden lassen, die Gegend zu besetzen. Sie kamen in hellen Haufen herangezogen, aber ihr eigentlicher Zweck war nicht, die Verfassung von Mexiko zu schützen, sondern im Trüben zu fischen und möglichst reich an Beute nach ihren Wigwams zurückzukehren. - -“

Anton Helmers, „oder, wie er nun ja wieder genannt werden kann, Donnerpfeil“, erweist sich als Großmeister im Spurenlesen.

Die Apachen schlagen sich auf Juarez’ Seite.

Sternau und Bärenherz treffen aufeinander, „Die beiden großen Jäger und Krieger standen einander gegenüber, Hand in Hand, der eine ein hochgebildeter Weißer und der Andere ein ungebildeter Indianer, aber nach dem Maßstabe der Menschlichkeit Beide von gleich hohem Werthe. Sie dachten in diesem Augenblicke wohl nicht, welchem gemeinschaftlichen Geschicke auf viele Jahre hinaus sie entgegengingen.“

Büffelstirn geht unmenschlich mit einem Mexikaner um, „Er setzte ihm das Messer auf den Unterleib und riß ihm denselben mit einem raschen Schnitte auf, so daß die Eingeweide sofort aus der Wunde hervorquollen.“ Das Gleiche mit einem Weiteren, „er senkte sein Messer in den Leib des Mexikaners und sofort quollen auch dessen Gedärme durch die fürchterliche Wunde“.

„Ihr sollt hier liegen und sehen, wie die Geyer Eure Kameraden zerreißen, und dann sollt Ihr mit den Vögeln ringen, bis Ihr matt werdet und sie Euch überwältigen. Wir aber brechen auf, denn es ist keine Zeit zu verlieren.“

„Als die fünf Männer davon ritten, sahen sie noch, wie die beiden Lebenden sich bemühten, ihre Gedärme in die geöffneten Leiber zurück zu stecken, und noch lange wurden sie von dem Geschrei der dem langsamen Tode Geweihten verfolgt, welche an diesem einsamen Orte so unerwartet ihre Bestrafung gefunden hatten.“ Abstoßend. Des Autors sadistische Neigung ist gelegentlich unübersehbar.

 

6. Kapitel – Kurzes Glück

„Der Fürst des Felsens ist der Freund der Apachen und Comanchen“, heißt es über Sternau, der die Apachen anführt, „er ist der Freund aller rothen und aller weißen Männer [...] Er ist gerecht und gut; er tödtet nur den, der ihn beleidigt hat.“ Diese Haltung des teilweisen, eingeschränkten, anteiligen Parteiergreifens ist interessant und erscheint durchaus angemessen.

„Er schritt eine kurze Strecke zurück und nahm einen Anlauf; im nächsten Augenblicke flog er über die Planken hinüber“ ... das ist Sternaus Art, über einen Palisadenzaun zu steigen ...

„Uebrigens weiß ich, daß die Indianer im Grunde genommen bessere Menschen sind, als man zu meinen gewohnt ist“ äußert Sternau.

Als er sich selber den Dragonern gegenüber als „Anführer der Apachen“ bezeichnet, kommentiert der Autor die Reaktion der Herren trocken mit „Die Bestürzung der Herren verdoppelte sich; sie waren das, was man perplex nennt“.

„Die Apachen sind Feinde unserer Verbündeten, also auch die unserigen, ich werde sie niedersäbeln, wo ich sie finde!“ sagt der Rittmeister, und Sternau antwortet interessanterweise  „Ich habe keine Veranlassung, Sie zu bekehren“, wieder die oben schon angesprochene differenzierte Haltung, „aber betrachten Sie mich wenigstens als einen Abgesandten, der Sie um einen dreitägigen Waffenstillstand bitten will!“

Mit einem erneuten Sprung über die Palisaden gelingt die Flucht, „Jetzt griff Alles zu den Gewehren; man kletterte an den Planken empor und schoß nach ihm. Er hatte dies vorausgesehen und war im eiligsten Laufe um die nächste Ecke gebogen; daher flogen die Kugeln in eine vollständig falsche Richtung.“

Zwischen Dragonern und Apachen „entstand ein schauderhaftes Gemetzel“.

Sternau nimmt einen Offizier gefangen und muß sich darob einen „Verräther!“ schimpfen lassen; „Sie als Weißer überantworten mich den Rothhäuten!“

Sternau droht die Hazienda anzubrennen, „Die Alte bat und flehte; ihr Geschrei rief die anderen Frauenzimmer herbei, und als sie hörten, um was es sich handele, so fielen sie ihm zu Füßen und baten mit Thränen, daß er barmherzig sein möge. Er willigte endlich ein“.

In der Pyramide: „Das Wasser war fast alle, der Proviant reichte nur noch kurze Zeit, die Leichen Pardero's und des Wärters verbreiteten bereits einen fast unerträglichen Gestank, und aus dem Brunnen klang in regelmäßigen Zwischenräumen ein wahnsinniges Schmerzgebrüll oder ein markerschütternder Jammerschrei Verdoja's. Es war, als ob ein wildes Thier am Spieße lebendig gebraten werde.“

Man hofft noch, „Ich kenne Gott, der allmächtig ist, und ich kenne Sternau, den man fast auch allmächtig nennen mag“. Na dann.

„Der Tod ist ein eigenthümlicher Kauz; er wagt sich nicht an jedes Menschenkind heran“ räsonniert Helmers anläßlich der Rettung.

„Sie flog an seine Brust, und er legte seine Arme um sie, so fest und innig, daß sie sein stilles Gelübde fühlen konnte, sie nie, nie wieder zu verlassen.“

„Nenne man nicht den Indianer einen Wilden. Er ist dasselbe Ebenbild Gottes, wie der Weiße, der sich doch unendlich höher dünkt“, notiert unser Autor.

Die „Gottlosigkeit“ Verdejos „ertödtete den letzten Funken von Mitgefühl in Sternau's Brust“, und wir lesen „Nun gut, so sollst Du auch keine Gnade haben, [...] wenigstens bei mir nicht. Gott hat Dich gestraft, und diese Strafe sollst Du auskosten bis zum letzten Tropfen. Du gehörst in die Hölle und sollst eine Hölle haben, eine Hölle voll unbeschreiblicher Qualen und Schmerzen bereits hier auf Erden. Ich werde Dich untersuchen und dann Alles thun, Dich mitsammt Deinen Schmerzen am Leben zu erhalten.“ Dem Autor gelingt es hier und im Folgenden, sowohl Sternau als auch sich selber reichlich unsympathisch herüberkommen zu lassen, in ungewöhnlich weitgehender Weise.

„Er bückte sich nieder und begann seine Untersuchung. Er gab sich keine Mühe, zart und behutsam zu sein, und so entfuhr dem Munde des Verruchten ein Schmerzgeheul, welches geradezu unmenschlich war.“ [...] „Du wirst leben, aber den Schmerz, der Dich jetzt zerfrißt, nie los werden. Eine solche Strafe kann nur Gott, oder der Teufel ersinnen, und Du, Du sollst sie leiden, dafür will ich sorgen.“ Abstoßend.

Die anschließenden Liebesbekundungen der Geretteten Sternau gegenüber lassen nach dem Vorangegangenen völlig kalt. Und der Leser fragt sich zwischenzeitlich vielleicht, warum lese ich eigentlich [zum wiederholten Mal] Tausende von Seiten lang diesen Blödsinn ... (es wird indes auch wieder anders.)

Indianerschlacht. „Die Wahlstatt gehörte den Apachen, welche eine furchtbare Ernte an Scalpen hielten.“

Dann sieht man sich einer beträchtlichen Übermacht gegenüber. Die „Lage war eine kritische. Es handelte sich hier um die Freiheit, vielleicht gar um das Leben“.

Man entdeckt einen rettenden geheimen Gang, und der Autor merkt nebenbei an „Wer weiß, was dieser Weg früher alles gesehen hatte! Gewiß hatte er dazu gedient, das gläubige Volk zu mystificiren; die Priester waren ihn hin- und hergewandelt, wenn droben auf der Pyramide das Blut der Menschenopfer in Strömen vergossen wurde“.

Wirklich schöne Liebesszene zwischen Karja und Bärenherz. „Da unten lauerte der Tod auf sie, und hier oben ruhten die Herzen warm aneinander. Da unten sprach man bereits das Todesurtheil über sie, und da oben schlossen sie einen Bund für das Leben. Die Liebe kennt keinen Tod, denn sie selbst ist ja das Leben.“ Auch das Verhalten des dazukommenden Büffelstirn berührt.

Die Pyramide wird unbehelligt verlassen.

„Ich bin der ehrenwerthe Schauspieldirektor Guzman, und Du bist mein - na - - - wie heißt es doch - Regisseur!“ Interessante Maskerade unter Seeleuten bzw. Piraten ...

„Schauspieler? Hm, gemüthliche Leute, spaßhafte Leute!“ Darüber können die Ansichten auseinandergehen.

Die vermeintlichen Theaterleute bringen die ganze Schiffsbesatzung um.

„Guaymas ist ein hübsches, freundliches Hafenstädtchen“, das haben wir in „Satan und Ischariot“ schon anders gelesen ...

Man sieht sich wieder, „Um die Tische saßen Sternau, Büffelstirn, Bärenherz, Donnerpfeil, der Steuermann Helmers, Emma und Karja.“

Sternau will Graf Ferdinando in Härrar suchen.

Die Protagonisten werden überwältigt und entführt, „Ein einziger Augenblick hatte sie vom Gipfel des Glückes wieder in eine grauenvolle Tiefe hinabgeworfen“.

Landola erläutert „Ich habe nämlich, wenn ich Sie unschädlich mache, auf einen großen Lohn zu hoffen. Es ist aber sehr leicht möglich, daß man mir diesen Lohn verweigert, sobald man bemerkt, daß ich meinen Auftrag wirklich ausgeführt habe. In diesem Falle hätte ich keine Zeugen. Lasse ich Sie aber leben, obgleich ich Sie verschwinden lasse, so steht es mir später zu jeder Stunde frei, Sie wieder erscheinen zu lassen. Dadurch wird mein Auftraggeber gezwungen, mir meinen Lohn auszuzahlen. Erhalte ich ihn, so bleiben Sie verschollen für alle Ewigkeit, verweigert man ihn mir aber, so hole ich Sie ab und gebe Sie unter der Bedingung frei, daß ich meine Bezahlung dann von Ihnen erhalte und natürlich meine Begnadigung dazu“, und Autor May notiert „Er sprach in einem so geschäftsmäßigen Tone, als ob es sich um einen ganz geringfügigen Handel und nicht um das ganze Lebensglück so vieler Menschen handele“.

„Sie alle waren Männer, welche dem Tod und allen Gefahren kühn in das Angesicht geschaut hatten; sie waren nicht gewohnt, zu heulen und zu lamentiren, denn sie wußten, daß es nur bei klarem Geiste und ruhiger Sammlung möglich sei, sich aus Fährlichkeiten zu retten. Dennoch aber kochte es wohl in einem Jeden von ihnen, obgleich sie zu stolz waren, dies äußerlich bemerken zu lassen.“

„Warum die Stunden, die Tage und Wochen beschreiben, welche da unten im dunklen Raume vergingen? Warum die Gefühle schildern, welche während fast dreier Monate die Herzen der Gefangenen bewegten? Obgleich die beiden Damen Luft und Licht genießen durften, litten sie doch am Meisten. Es entging ihnen jenes zähe Selbstbewußtsein, welches die Männer besaßen, welche selbst in Ketten sich ihres Werthes vollständig bewußt waren und keinen einzigen Augenblick die Ueberzeugung verloren, daß der Tag der Rache einst ganz sicher kommen werde.“

Sie werden alle auf der Insel ausgesetzt und diese erst nach gut eineinhalb Jahrzehnten wieder verlassen.

Landola tötet seinen Steuermann und informiert die Mannschaft. „Die gefühllosen Kerls machten sich nicht viel daraus, denn nun avancirten sie ja um einen Grad empor“.

„Die Piraten wurden in der Betrunkenheit überwältigt, aber Einer nach dem Anderen erhielt von Landola Gift, so daß in acht Tagen Keiner mehr lebte.“

 

7. Kapitel - Die Blume des Waldes

Mit „Waldröschen, im grünen Hag“ werden wir es zu tun kriegen in diesem Kapitel, kündigen die einleitenden Verse an ...

Exkurs: Benito Juarez.

Arbellez bei Juarez. Ersterer wird Zeuge, wie Letzterer Justiz ausübt ...

Josefa Cortejo in der Hängematte, „Das Jahr, welches vergangen war, hatte nicht dazu beigetragen, ihre Häßlichkeit zu verschönern. Sie war womöglich noch hagerer geworden, ihre Finger schienen aus langen, dünnen Todtenknochen zu bestehen, und da sie noch nicht Besuchstoilette gemacht hatte, so fehlten ihr die falschen Zähne. Ihr schwarzer, brandiger Mund glich einem ausgestorbenen Krater, und während die falschen Locken noch auf der Toilette lagen, hing ihr natürliches Haar in kurzen, dünnen, spärlichen Strähnen über den scharfen, wirbeligen Hals herab, so daß man die Kopfhaut hindurchscheinen sah.“ Ihr Vorbild scheint unserem Autor wirklich nicht gefallen zu haben ...

Cortejo will Präsident werden, Josefa ist begeistert ...

Überfall auf Lindsay und Amy, beträchtliches Geld wird geraubt.

In Rheinswalden wird Röschen, Rosita, das 'Waldröschen' geboren.

Von den Verschollenen kommt keinerlei Lebenszeichen, „Alles ist krank, Alles läßt die Flügel hängen und will nicht mehr ein leises Flattern versuchen. So wird der Mensch ganz und gar alle, so geht er zu Grabe!“

Ein „kleines Rodriganda“ wird gebaut. Sehr schön. „Mitten im Parke sollte das Schloß von Rodriganda in Miniatur hinkommen.“

Zarba sieht Röschen, „Das ist sie! Diese Züge tragen fürstliches und gräfliches Gepräge. Wache über sie, mein Sohn! Ich aber will dem Unglücke gebieten, von ihrem reinen Haupte fern zu bleiben!“

 

(Dritte Abteilung - Der Sieg der Rächer)

1. Kapitel - Ein Gardelieutenant

„Das Leben gleicht dem Meere, dessen ruhelose Wogen sich ewig neu gebären. Millionen und Abermillionen wechselvolle Gestalten tauchen aus den Fluthen auf, um für die Dauer eines kurzen Lebensaugenblickes auf der Oberfläche zu erscheinen und dann wieder zu verschwinden“ ...

16 Jahre später. Berlin. Eine – geschmacklose - Wette.

Röschen wird mit frecher Aufdringlichkeit konfrontiert, „ihre Züge waren so rein, so kindlich, so ahnungslos, und doch lag in ihren tiefen, dunklen Augen ein Licht, welches jedem annähernden Schritte versengend entgegendrohte“.

Ravenow handelt sich eine Abfuhr ein und wird durch Ludewig auf eine falsche Fährte geführt.

Curt Helmers ist erwachsen geworden, „Wer in seine offenen, intelligenten Augen blickte, kam sicherlich zu der Ueberzeugung, daß er keinen gewöhnlichen Durchschnittsmenschen, sondern einen Jüngling vor sich habe, welcher alle Erfordernisse besaß, als Mann Ungewöhnliches zu leisten.“

Röschen ist ein führwahr schönes Kind, „Und wirklich war die nordisch blonde Erscheinung Sternau's und die südlich dunkle Persönlichkeit Rosa's in Röschen zu einer Gestaltung zusammengeflossen, deren fast wunderbarer Zauber jedes Herz gefangen nehmen mußte. Sie war das verkörperte Bild einer Juno, einer Hebe und einer Kleopatra zu gleicher Zeit.“

„Curt blieb entzückt am Eingänge stehen. Zwar hatte er gedacht, daß sie sich sehr zu ihrem Vortheile entwickeln werde, aber jetzt war es ihm doch, als sei dieses herrliche Wesen von einer Strahlenkrone umleuchtet, von deren Glanz sein Auge geblendet werde.“

„Er versuchte, den gewaltigen Eindruck, unter welchem sein Herz jetzt erbebte, zu bemeistern, verbeugte sich tief vor ihr, nahm eines ihrer kleinen Händchen und führte es leise an seine Lippen. Zu sprechen vermochte er in diesem Moment noch kein Wort. Das Zittern seiner Stimme hätte ihn verrathen.“

Das Beeindrucktsein ist gegenseitig, („beruht auf Gegenseitigkeit“ ist die übliche Floskel, klingt aber so, als ob die Gegenseitigkeit der Grund, die Voraussetzung sei für das Beeindrucktsein, das ist aber nicht das, was gesagt werden soll, es soll einfach nur gesagt werden, daß beide beeindruckt sind ...) „Erst jetzt betrachtete sie ihn genauer. Das schelmische Lächeln, welches bisher zwei allerliebste Grübchen in ihre Wangen gegraben hatte, verschwand und machte einer feinen, mädchenhaften Röthe Platz“.

In den adeligen Kreisen des Militärs hält man Curt bewußt auf Distanz, der Oberst läßt ihn „fast eine Stunde lang antichambriren“ ... Nur Leutnant von Platen ist angetan, „Wenn er mit dem Säbel ebenso schlagfertig ist, wie mit der Zunge, so wird er bald von sich reden machen“.

Auch Landola stellt sich in Berlin ein, „Der Zerstörer unseres Glückes sinnt auf neue Schandthaten“.

Curt verstellt sich, „Der Kapitän nickte erfreut. Er gewann die Ansicht, es hier mit einem Menschen zu thun zu haben, der in irgend einer Beziehung mit der bestehenden Ordnung zerfallen sei und sich also zu einem fügsamen Werkzeuge ausbilden lassen werde.“

„Sie wissen, daß wir im Jahre 1866 stehen und daß Oesterreich von Preußen besiegt worden ist?“ fragt Landola rhetorisch Curt und der Autor seine Leser, damit sie Bescheid wissen.

Unerwartete Begegnungen in aller Welt sind eine Spezialität Karl Mays, „Sapperlot! [...] Ist's wahr? Sind Sie nicht Uhlmann's Bertha aus Bodenheim?“ Doch, sie ist es. Der Autor braucht mal eben eine ansonsten keine weitere Rolle mehr spielende alte Bekannte, damit Curt problemlos im Hotel herumspionieren kann.

„Was aber will General Douai hier in Berlin? Sollten sich wirklich diplomatische Heimlichkeiten vorbereiten, von denen die preußische Regierung vielleicht nichts wissen darf?“ Curt belauscht Landola und den Genannten.

Zwischendrin dieses: „Sie nickte unbemerkt, that, als ob sie die Tische abzuwischen habe, und kam dabei an den seinigen.“ Kann passieren. Vorsichtshalber: daß sie an seinen Tisch kam ist gemeint …

„Dieser Herr von Bismark aber ist schlau und gewaltthätig“ sagt General Douai.

Curt entwendet ein Dokument „und fuhr nach der Wohnung Bismark's“. Alsdann geht’s gar unangemeldet zum König.

„König Wilhelm hatte damals vor erst einigen Wochen Oesterreich und Süddeutschland besiegt, er hatte, allen Erwartungen gegenüber, gezeigt, daß er ein würdiger Erbe des großen Friedrich sei, und daß er sich im Stillen Männer herangebildet habe, welche recht wohl die Kraft hatten, die Traditionen seiner großen Ahnen mit Wort und Schwert kräftig zur Geltung zu bringen.“ Das waren noch Zeiten ...

Nach dem Besuch bei den hohen Herren ist Curt „beinahe trunken vor Glück“.

Landola und Douai fliehen.

Skandal im Offizierscasino, „Am hinteren Tische herrschte die Ruhe nach einem Donnerschlage; an den anderen Plätzen hatte man alle möglichen Zeitungen und sonstige Hilfsmittel ergriffen, um die Peinlichkeit der Situation zu neutralisiren“.

„Platen wollte [...] den stolzen Offizieren gegenüber in Erwähnung bringen, daß in den hochadeligen Kreisen denn doch nicht Alles so rein sei, wie man denkt.“

Der Hochmut der Privilegierten ist beträchtlich, „Wer ist überhaupt unwiderstehlich? Nicht ich allein, sondern jeder Gardehusarenoffizier“ ...

Curt „faßte im nächsten Augenblicke Ravenow hüben und drüben bei der Taille, hob ihn hoch über sich empor und warf ihn mit gewaltigem Schwunge über das Billard hinüber, so daß er mit einem lauten Krache drüben besinnungslos zur Erde stürzte. Dies hatte er von Doctor Sternau, seinem starken Lehrmeister, gelernt“.

Curt schließt Freundschaft mit von Platen.

Der so selbstbewußt auftretende Curt hat eine verblüffend obrigkeitshörige Seite, „Curt hatte während dieser langen Rede innig gerührt dagestanden. Sein Landesfürst veranstaltete seinetwegen, eines armen Schiffersohnes wegen, eine glänzende Soiree, und der König von Preußen stellte zu diesem Zwecke ein Schloß zur Verfügung! Die Thränen standen ihm im Auge“. Unsereiner würde dankend ablehnen, aber die Geschmäcker sind verschieden ...

Berührende Begegnung Röschen – Curt, „Das Herz wollte ihm vor Seligkeit zerspringen und er mußte sich sehr zusammennehmen“. Das Berühren schließt nicht aus daß man im nächsten Moment schmunzeln muß, „Ihr würziger Odem wehte ihm entgegen, wie ein Hauch aus Mohammed's Paradiese“; Angelegenheiten bzw. Texte darüber können abwechselnd oder auch gleichzeitig rührend und komisch sein. Er „fühlte die Lebenswärme, welche ihr schönes Angesicht ausstrahlte, ihre Lippen schwollen ihm entgegen, er mußte sich alle Gewalt anthun, um sich zu beherrschen. Indem ihm dieses gelang, war er ein größerer Held als vorhin im Casino, wo er den Obersten gedemüthigt und Ravenow niedergeschmettert hatte“.

Die Sache mit der Schleife ist hübsch ... es vermittelt sich diese „Unschuld“ der beiden erwachsenen Menschen sehr überzeugend ...

„Er preßte die Schleife an seine Lippen; er kniete nieder und küßte die Stelle, auf welcher sie gesessen hatte und von welcher noch der feine Resedaduft ausströmte, den sie so sehr liebte. So lieblich, so keusch wie dieses Parfüm war ihr ganzes Wesen. Er sank auf das Sopha um ihn einzuathmen; er dachte an sie lange, lange Zeit.“

Großer Auftritt Curts auf Schloß Montbijou, „Er trug auf der Brust den österreichischen Orden der eisernen Krone und den militärischen Maria-Theresienorden, ferner den hessischen Ludwigsorden, den Löwenorden und den Orden vom eisernen Helm neben dem Kreuze für Militärverdienste“.

Der Oberst wird beträchtlich düpiert, „Er ging zu seiner Frau, um sich bei ihr Trost zu holen“.

Der Kriegsminister sagt einen schönen Satz, „Gar mancher hochgeborne Kopf ist hohl und steht nur aus Rücksicht auf seine Geburt in Reih und Glied“.

„Dieser Lieutenant ist in unser schönes Stillleben wie ein Teufel gefahren; er ist wie eine Bombe unter uns hinein geplatzt, und nun fliegen Einem die Stücke an den Kopf“ sagt der Adjudant über Curt, der eine weitere hohe Auszeichnung erhält.

Man ist sich einig, daß Curt beim Duell getötet werden soll. Den läßt die Angelegenheit kalt, „Die Sache erscheint mir gar nicht wichtig und bedeutend genug, als daß ich mit ihr viel Wesens machen mag“, worauf er „In unseren Kreisen betrachtet man ein Duell nicht als eine Spielerei; wir sind keineswegs Realschüler oder pauksüchtige Commis-voyageurs!“ zu hören kriegt, was seine Gelassenheit indes nicht beeinträchtigt ... 

Röschen legt Wert darauf, daß das Duell stattfindet, und will selber anwesend sein ... man sage nicht Mays Figuren seien holzschnittartig ... „War denn dies wirklich das stille, sanfte Wesen, dessen Kinderspielen er so oft beigewohnt hatte?“

„Man zielt genau auf die Mündung seines Pistoles und schießt genau in demselben Augenblicke wie er. Dann prallen die Kugeln an einander und fliegen zur Seite oder nach oben und unten“ erklärt Curt Röschen ...

Ravenow wird die Hand abgehauen. Dieses Motiv einer abgetrennten Hand taucht auffallenderweise des öfteren auf im „Waldröschen“. „Die Waffe bot einen schaurigen Anblick, denn die Hand des Verwundeten hielt noch immer den Griff umspannt. Die Finger mußten einzeln geöffnet werden, um das abgehauene Glied zu lösen.“

In Sachen Pistolen finden wir hier die Stelle „Sehr gut, ächte Kuchenreuter“, die ein Setzer bekanntlich mal etwas sinnentfremdete („ächzte“) und damit Irritationen auslöste ...

„Es galt jetzt dem Gegner zuvorzukommen; natürlich durfte dies nicht ein so bemerkbares Intervall betragen, daß man es unehrlich hätte nennen können; es handelte sich vielmehr darum, nur einen kleinen, kleinen Augenblick eher abzudrücken.“ So hundertprozentig korrekt klingt das nicht ...

„Also dienstunfähig?“ fragt Curt den anwesenden Arzt, „dem es vor Curt fast zu grauen begann“. Auf Röschen macht die ganze Angelegenheit aber einen ganz anderen Eindruck, sie „erwartete ihn leuchtenden Auges. Es lag eine ganze Welt voll Stolz in ihren Blicken“.

Curts Erklärungen zeugen von beträchtlicher Raffinesse, „Ich bin meines Schusses sicher, aber das Gelingen desselben hängt von Vielem ab. Ich ziele ganz genau auf die Mündung meines Gegners, aber dieser darf während des Abdrückens ein wenig wanken, so treffen sich die Kugeln nicht, sondern uns. Darum muß man dieses Wanken des Feindes verhüten, und zwar dadurch, daß man ihn sicher macht, so daß er ruhig zielt. Zu diesem Zwecke habe ich zuvor einen scheinbaren Fehlschuß gethan.“

„In kurzer Zeit rollten die Wagen von dannen und die Waldblöße lag im Morgenlichte wieder so still und einsam da wie vorher. Man nennt den Zweikampf ein Gottesgericht, er ist es nicht immer, hier aber war er es gewesen.“ Je nun ... (da kann einem doch Klaras fatale Anmerkung nach dem Tod Adalbert Fischers einfallen ...)

Röschen und Curt ... „Er sah sie mit Augen an, wie sie sie bei ihm noch gar nicht bemerkt hatte.“

„Sah sie nicht mehr oder hatte sie die Augen zugemacht? Sie wußte es selbst nicht. Sie fühlte nur, daß sich ein Arm ihr um die Schulter legte, dann schlang sich ein anderer um ihre Taille. Sie stand gar nicht mehr im Zimmer, sondern sie flog durch den Aether, ja wirklich, sie hatte Flügel, und rund um sie glänzten tausend Sonnen, Millionen Engel sangen wundersüße Psalmen und der liebe Gott blickte so gnädig in all den Jubel drein.“

„Sie konnte nicht antworten, denn ihr Herz war zum Zerspringen voll, aber es war kein einziges Wort darin.“ Hübsch gesagt.

„Das war doch sonderbar, so daß man die Augen wirklich öffnen mußte, wenn auch nur ein ganz, ganz klein wenig. Aber sie schlossen sich sofort wieder, denn sie wurden förmlich geblendet von einem Blicke, welcher von oben herab in sie hineinleuchtete, wie ein heller, wonniger Sonnenstrahl in das krystallene Blau eines tiefen, jungfräulichen Bergsee's. Und dann erschrak sie so sehr, daß sie am ganzen Körper zusammenzuckte, denn die beiden warmen Lippen berührten nun sogar ihren Mund, erst leise, wie sich die Augenwimpern auf die Lider legen, dann fester und fester - war denn das ein Kuß? Nein, das war ein großer, ein gewaltiger Raub, ihre Seele wurde ihr genommen, sie fühlte, wie dieselbe durch die Lippen entwich, hinüber zu Dem, in dessen Armen sie lag, in den Armen, die sich jetzt empor um sie schlangen“ ...

„Und nun küßte er sie wieder, sie konnte gar nicht zählen, wie viele Male, bis draußen auf dem Corridore der schlürfende Schritt des Hausmeisters erklang“ ...

„Er stand vor ihr so, wie sie ihn noch gar niemals gesehen hatte. Das waren seine Augen nicht mehr und auch sein Gesicht nicht, und dennoch war er es. Kam es vielleicht daher, daß ihre Seele zu ihm hinüber gegangen war?“

„Sie hatten das Duell vergessen, er hatte ferner vergessen, daß sein Vater ein Schiffer sei, und sie, daß sie die Enkelin eines Herzogs war. Und daran war nur der lange, süße Kuß schuld gewesen.“ Wir stellen übrigens rückblätternd fest, daß unser Autor sich ca. fünf Seiten lang mit dieser Angelegenheit beschäftigt hat ...

Curt erhält seine Ernennung zum Oberlieutenant der Gardehusaren und wird zum Generalstab versetzt.

Die 'Königsschatz'-Sendung ging beim Onkel Platens verloren. Der wird überführt und bringt sich um. Eine aufgepropft wirkende, überflüssige Episode.

Curt fährt wieder nach Berlin. „Ludwig begleitete ihn in einem Waggon zweiter Classe.“ Auf solche Hinweise in Sachen Standesunterschiede scheint May eigenartigerweise gelegentlich Wert zu legen. Das schroffe „Verstanden, Bedientenseele!“ kurz darauf einem Diener gegenüber geht ebenfalls in diese Richtung ...


IV

Es geht zunächst einmal nach Härrar, für Karl May offenbar Ingeriff der Exotik, und dort tauchen zu Beginn Hadschi Halef und Arafat auf, nämlich Hadschi Halef Ibn Mehemmed Ben Hulam und Emir Arafat, Anführer der Handelskarawanen.

Die Beschreibung einer Frau auf S. 1942 f. ist nichts für allzu empfindsam-feministische Gemüter oder (an einer Stelle) nationale Empfindlichkeiten.

Die Passage um Gebet und Rettung Sternaus und der Seinen schwankt gratwandernd zwischen Kunst und Kitsch, die kolonialistische Einlage im Anschluß und die Tatsache, daß Sternau erst einmal nach Mexiko fährt, anstatt nach 16 Jahren vielleicht mal an seine Ehe in Deutschland zu denken, wirken etwas merkwürdig.

Mit dem Schwarzen Gerard und seiner Mignon lief es doch nicht so hübsch manierlich ab, wie der Autor es sich zunächst offenbar vorgestellt hatte, Desillusionierung allenthalben. Die ganze Mexiko-Handlung um den guten alten Pirnero und sein Töchterlein ist teilweise hübsch, gerät aber auch sehr, sehr lang.

Interessante Tipps für Schwerenöter von einem erfahrenen Amateurpsychologen auf S. 2107/8. Ob der Autor aus Erfahrung sprach ? Oder war auch hier der Wunsch der Vater der Äußerung  ?

Interessante Betrachtungen zum Themenbereich Indianer, Völkermord und Lug-und-Trug-überall auf S. 2258.

Es treten auf Kaiser Maximilian sowie Trapper Geierschnabel.

Ekelhaft, grauenhaft eine Szene auf S. 2426 f. Fehlt in der Bearbeitung mit Recht.

Auf S. 2481 ff. dann wieder May wie man ihn lieben kann, er schafft es, gleichzeitig komisch und tief anrührend zu erzählen, Aspekte ganz unterschiedlicher Art zu gleicher Zeit wahrzunehmen und herüberzubringen, Komik und Herzeleid, Absurdität und Menschlichkeit, es ist ja auch jeweils beides da, nebeneinander und ineinandergreifend, solang' die Welt sich dreht.

 

2. Kapitel (der 3. Abteilung) – Ein Sclave

Härrar, Inbegriff Mayscher Exotik ... „Es hat allerdings Fremde, ja sogar Europäer gegeben, welche dieses Härrär betraten, aber sie konnten keine Kunde von den dortigen Verhältnissen mitbringen, kehrten niemals zurück, sie waren Sclaven.“

„Diese Einleitung mag vielleicht langweilig erscheinen, besonders der fremden, unbekannten Worte wegen, aber sie ist nothwendig, um das Kommende zu verstehen.“

„Halef, siehst Du die Schlucht da vorn?“ Mit einem May-Zitat möchte man „Hurrjes, watt is mich denn datt“ [innerlich] ausrufen. Es handelt sich aber um Hadschi Halef Ibn Mehemmed Ben Hulam.

„Nun sind die Beduinen zwar mehr oder weniger alle Räuber, aber sie besitzen doch eine so große Religiosität“, das schließt sich ja auch keineswegs aus. Wer einfältig denkt und sich darüber mokiert und es nicht nachvollziehen kann daß es das geben soll kann es hier schwarz auf weiß nachlesen ...

Das Staatsgefängnis: „Wehe dem Gefangenen, welcher dort seinen Aufenthalt nehmen muß! Er erhält niemals vom Sultan Essen und Trinken, und selbst wenn ihm ein Freund oder Verwandter täglich Wasser und den dort gebräuchlichen kalten Brei von Hirsemehl bringt, wird er doch mit der Zeit in seinem eigenen Schmutze verfaulen.“

Der Sultan sitzt auf einer einfachen Holzbank, „entweder in tiefes Nichtdenken versunken oder Audienz ertheilend, bei welcher jeder Nahende zittert, weil die geringste böse Laune des Sultans hinreicht, das Blut des ersten Besten fließen zu lassen.“

Der gefangene Graf Rodriganda will sich seine Religion nicht nehmen lassen ... er wird zu den Ratten gesperrt, die ihn wortwörtlich auffressen sollen.

„Da erfaßte seine Hand einen runden, hohlen Gegenstand. Er stieß einen Schrei des Schreckens aus, denn er hatte einen Todtenschädel ergriffen. Es war jedenfalls die Hirnschaale des letzten vor ihm dagewesenen Gefangenen, den die Ratten förmlich aufgefressen hatten.“

Er hört seinen Zellennachbarn „Landola? Ja, er sei verflucht, verflucht, verflucht in alle Ewigkeit!“ rufen, „Der Ton dieser Stimme klang so grimmig, so knirschend, daß es dem Sclaven zu seinem Schrecke noch grausig überlief“.

Der aus Manresa stammende Zellennachbar zitiert seitenlang wörtlich eine Unterredung Dritter, die vor vielen Jahren stattgefunden hat ...

„Aber bald bemerkte ich, daß dieser Landola ein Sclavenhändler und Seeräuber sei. Denkt Euch, ich sollte da mitthun! Ich sollte die armen Schwarzen mit fangen und verkaufen helfen! Ich sollte andere Schiffe mit überfallen und ausrauben und mich an der Ermordung der Mannschaft betheiligen! Ich weigerte mich, da wurde ich wieder eingesperrt; ich mußte hungern und erhielt Schläge, die mir die Glieder zerfleischten. O, dieser Teufel, dieser Landola! Könnte ich ihn mit glühenden Zangen peinigen, ich würde es sicher thun!“

„Ich mußte arbeiten für zehn Mann, die niedersten, oft die scheußlichsten Dienste; ich wurde gemißhandelt, wie ein Vieh, und erhielt nicht halb satt zu essen, aber trotz alledem und trotz der mörderischen Gegend, in welcher ich mich befand, hielt ich das Alles aus, ja, ich wurde kräftiger und stärker, als ich je vorher gewesen war.“

Die Verzweifelten planen ihre Flucht.

„Mir ist, als ob die Sterne das Gelingen unseres Planes zublinkten.“

Finstere Gepflogenheiten, „Der Herrscher von Härrär pflegt nämlich Denen, welche seinen Grimm erregen, mit seinem schweren und scharfen Haumesser einen Hieb in den Nacken zu versetzen. Geht dieser Schlag durch den Halswirbel, so ist der Mann natürlich todt, und Niemand darf es wagen, ihn zu beklagen. Geht der Hieb aber nicht durch, so kommt der Getroffene allerdings meist mit dem Leben davon, aber es entsteht eine außerordentlich schmerzhafte Wunde, nach deren höchst langsamer Heilung gewöhnlich eine Steife des Halses zurückbleibt. Man sieht in Härrär und Umgegend sehr viele Männer, welche einen steifen Hals haben, ein Andenken an den Zorn des liebenswürdigen Herrschers, dem das Leben eines Unterthanen nicht mehr gilt als dasjenige einer Fliege“.

„Ich brauche sie nicht“, sagt eben jener Herrscher, der verwöhnte Mann, in Sachen angebotener Sklavin „im wegwerfendsten Tone“, „Das Leben und das Eigenthum aller meiner Unterthanen gehört mir; alle Weiber und Töchter sind mein; ich kann unter ihnen wählen, wie es mir beliebt.“

In Sachen Fleischbeschau und unvorteilhafte Vergleiche zu Lasten anderer lassen wir das „Schwein“, die „dürre Pfoste“, die „magere Giraffe“ mal weg und notieren vorteilhafterweise nur „Ihr Busen ist voll wie ein Doppelbrunnen, der nie von der Sonne leidet“. (Wer es genauer wissen will: S. 1942/43.)

„Nun befühlte der Herrscher die Arme und Schenkel, die Schultern und den Busen; er betrachtete die feinen Hände und die nackten Füßchen. Sie konnte sich nicht wehren; sie mußte dies Alles mit sich geschehen lassen, und es bedurfte ihrer ganzen Anstrengung, sich aufrecht zu erhalten und nicht vor Scham zusammenzubrechen.“

Graf Ferdinando gibt den Dolmetscher. Die Sklavin stellt sich als Emma Arbellez heraus. Wir erleben im Gespräch „eine ganze Sturmfluth von Empfindungen, welche die Herzen der beiden Gefangenen durchwogte, die sich hier so wunderbar gefunden hatten“. Emma, so erfahren wir, war auf einem Floss von der Insel ins Meer gerissen und später aufgegriffen worden.

„Sechzehn Jahre bilden eine geraume Zeit, aber die schöne Tochter des Haziendero hatte sich während derselben kaum verändert.“

Während „eine tiefe Röthe ihr Gesicht übergoß“, erzählt sie, daß sie mit Anton Helmers auf der Insel als Mann und Frau gelebt hat. „O, gnädiger Herr, bedenkt unsere Lage! So einsam und ganz nur auf uns allein angewiesen, für viele, lange Jahre ohne Hoffnung auf Errettung! Wir hatten uns so lieb, ich und mein guter Antonio. Wir beschlossen, Mann und Weib zu werden, und die Anderen gaben Alle uns recht. Wir dachten immer, daß uns die Hand des Priesters ja doch noch segnen werde, wenn es uns glücken sollte, die Freiheit zu erlangen.“

Zur bzw. in Zusammenhang mit der Frage Zufall oder Schickung, 'Glück im Unglück', äußert Ferdinando den schönen Satz „Gott hat wohl gewußt, daß Ihr zu Grunde gehen würdet“.

„Landola muß an einer förmlichen Manie, seine Anbefohlenen auszusetzen, leiden.“ Hübsche Selbstrechtfertigung eines Autors ...

Emma wird zur Flucht frisiert und mit einem Shawl versehen, „so daß sie nun für einen jungen, schönen Türken gehalten werden mußte“.

Kapitän Wagner „besaß eine echte deutsche Seemannsfaust, das heißt eine Hand, hart wie Stahl“, und setzt sie bei Auseinandersetzungen entsprechend ein. „Wir wollen ihnen einmal lehren, was es heißt, einen Deutschen einen Hund zu nennen!“

„Ich bin noch nie in diesen Breiten gewesen, aber ich habe sehr viel von der Arroganz dieser Menschen gehört. Diese Sclaven und Diener, diese Speichellecker kleiner, obscurer Potentaten und Beamten denken Wunder, wer sie sind.“ Wer’s sagt ist es selber, könnte man meinen ... Das Spiegel-Thema, wir finden es immer wieder ...

Und arg tümelnd nationalistisch geht’s zu, „Ich verstehe ihre Sprache nicht und kenne auch ihre Gebräuche nicht; meine Gebräuche sollen sie kennen lernen. Wir sind es unserer deutschen Flagge schuldig, uns bei ihnen in Respect zu setzen“.

Es kommt noch fataler, „Aber siehst Du dort rechts das Gebäude? Es ist sicher eine Moschee. Wenn wir uns an das Heiligthum dieser Muselmänner machen, werden sie doppelt erschrecken und schneller einlenken. Siehe, ob Du sie treffen kannst!“ – „Soll schon geschehen; sie steht ja groß und breit genug da!“ Also für die Stadtteilbibliothek in Marxloh oder Ehrenfeld ist das nichts ... „Hatten andere Nationalitäten aus Handelsrücksichten es vorgezogen, sich von diesen Muhamedanern Alles gefallen zu lassen, so wollte er dem deutschen Namen Ehre machen und den Letzteren zeigen, daß sie nicht die Kerls seien, vor denen man sich zu fürchten habe.“

„Sie sind Katholiken, wir aber Protestanten“ sagt Wagner arg vereinfachend über Spanier und Deutsche, und dann „fiel dem Kapitän ein trefflicher Vergleich ein“, nämlich „Das ist wie bei Euch die Sunniten und Schiiten“. Darauf findet sich innerhalb der Antwort des verständnisvollen Gouverneurs die hübsche Formulierung „Ihr haßt Euch auch“ ...

„Wagner, Wagner, wenn das Deine Alte daheim wußte, daß Du Dich in einen so gefährlichen Roman verstrickst, um so eine wunderschöne Sclavin zu befreien!“

Wagner beim Sultan. „Einem Tyrannen kann man nur durch die größte Herzhaftigkeit imponiren, denn ein Tyrann ist im Grunde seines Herzens ein Feigling.“

„Gar nichts“ will er haben für den geplanten tollen Streich, „Der Eine geht gern auf die Jagd und der Andere spielt gern. Meine Leidenschaft aber ist, Flüchtlinge zu fangen. Ich bin belohnt genug durch die Freude, den Fang gemacht zu haben“.

Der Gefangene ist, wie Wagner „zu seinem Entsetzen“ sehen muß, eingegraben wie die drei armen Teufel in „Durch die Wüste“ auf der Flußinsel.

Waren-Ausverkauf auf dem Schiff. Ähnliches geschah, wenn die Erinnerung nicht trügt, in „Kong-Kheou, das Ehrenwort“.

Ob er einmal einen Roman gelesen habe, wird der Steuermann gefragt, was er verneinen muß ... „Die schöne Karoline oder die verzauberte Canaille“ kennt er auch nicht, May macht sich wieder einmal über sich selbst bzw. das eigene Umfeld lustig, im „Weg zum Glück“ kam er mit einem noch 'abgefahreneren' Titel daher.

„Als ich nämlich den Roman las, da dachte ich, daß es doch ungeheuer schön sein müsse, wenn ich auch einmal so eine Karoline retten könnte.“ – „Und heirathen!“ – „Na, dazu wäre es nun freilich zu spät, denn meine Canaille habe ich schon.“ Wobei hier nun [absichtlich seitens des Autors] nicht ganz klar ist, ob die Ehefrau oder die ebenfalls erwähnte Schwiegermutter gemeint ist ...

„Wir sind am Ziele. Die Herren Sultan und Gouverneur werden sich wundern.“

„Es war eine Scene, welche auch das Auge des Seemannes befeuchtete.“

„Es folgte nun eine Scene, welche gar nicht zu beschreiben ist. Niemals hat im brillantesten Salon der Welt ein solches Entzücken geherrscht, wie hier im Eingeweide dieses Berges.“

„Er öffnete die Handtasche und zog einige Weinflaschen nebst Gläsern und sodann die Ingredienzien eines europäischen Frühstückes hervor. Beim Anblicke dieser Gegenstände traten dem Grafen abermals die Thränen in die Augen, denn er erkannte, daß ihm Tausenderlei versagt gewesen war, ohne daß er nur daran gedacht hatte, Dinge, so gleichgiltig dem Glücklichen, dem Unglücklichen aber unendlich werthvoll, obgleich sie eigentlich gar keinen realen, sondern nur einen eingebildeten Werth besitzen.“

„Gottes Wege sind wunderbar“, räsonniert der Graf anläßlich der Erzählungen über diverse Schicksale und Zusammenhänge, „Er zieht seine geheimnißvollen Fäden so, daß man erstaunt, wenn man sie bemerkt“.

„Ich mußte hungern und kummern“, sagt Wagner ... diese Formulierung kennen wir.

„So kam ich nach Amsterdam und von da nach Hause. Inzwischen waren zwei Jahre vergangen. Der alte Walter Sömbaum hatte mich für einen Ausreißer gehalten und seine Tochter beredet, einen Anderen zu nehmen. Als ich ihr erzählte, wie es mir ergangen war, weinte sie sich fast die Augen aus. Das Schlimmste aber ist, daß ich mir dann, freilich erst nach längeren Jahren, eine Niete gezogen habe, eine ganz gewaltige Niete. Und wer ist daran schuld? Der Grandeprise! Alles wollte ich ihm vergeben; aber daß ich die Anne Sömbaum nicht bekommen und an ihrer Stelle einen Schnabeldrachen geheirathet habe, das vergesse ich ihm nie.“ Sehr hübsch.

„Seine Worte klangen komisch, aber sein Zorn war nichts desto weniger ein ganz ernsthafter.“

Graf Ferdinando erzählt von seinem Scheintod, „Er schüttelte sich. Es war, als ob das damalige Todesgrauen sich selbst auch in der Erinnerung seiner bemächtigen wolle. Doch über ihm glänzten die Sterne des Südens und unter ihm plätscherten die hell schaumigen Wogen der klaren, durchsichtigen See. Die Kühle des Abends umkoste seine Wangen und theilnahmsvolle Augen blickten auf ihn“.

„Fragen Sie Dante, den Dichter der Hölle; er wird Ihnen nicht sagen können, was ich fühlte.“

Ein Lichtzeichen weist den Weg zur Insel ... („Es ist kein Stern“; wie im Tal der Jesidi.)

„Die Minuten wurden ihm zu Stunden und die Stunden zu Wochen“ ...

Die Retter entdecken Sternau ... „Hier an dieser Stelle hatte er, als Erster, der des Morgens seine Hütte verließ, täglich im Gebete gelegen, lange, lange Jahre hindurch. Hier knieete er auch jetzt wieder. [...] „Befiehl Du Deine Wege ...“

„Er fuhr herum und sah den weinenden Capitän vor sich stehen, hinter ihm den Grafen. Er taumelte zurück und fiel wieder auf die Kniee. Seine Augen waren weit geöffnet; seine Lippen bewegten sich; sie wollten sprechen, brachten aber kein Wort hervor.“

Sternau „sank vielmehr langsam und wie vernichtet zusammen. Seine Arme fielen herab; sein Kopf neigte sich und sein doch so starker, riesenkräftiger Körper legte sich matt in das Gras nieder. Die beiden Männer sahen, daß seine ganze Gestalt bebte; sie hörten sein herzbrechendes Schluchzen und sie störten ihn nicht.“

„Die nun folgende Scene läßt sich ahnen, aber nicht beschreiben. Keine Hand ist geschickt und keine Feder mächtig dazu. Laute Jubelrufe erschollen und dazwischen hunderte von Fragen. Einer flog aus den Armen des Andern in die des Dritten. Sie eilten um die Anhöhe hinum, um das Schiff zu sehen, und als sie es erblickten, schlugen sie die Arme in die Luft und machten Bewegungen, als ob sie unsinnig seien.“

„Das Frühstück verlief unter Lachen und Thränen.“

Auf dem höchsten Punkt der Insel „stand der Bootsmann mit der deutschen Flagge, neben ihm ein Korb edlen Rheinweines. Die Flaschen wurden entkorkt und die Gläser gefüllt.“

„Deutschland, das Vaterland von vier Personen aus unserer Versammlung, hat nie ein Volk aus seinem Lande verdrängt und um seinen Besitz gebracht. Es hat der Fürsten viele, aber keinen einigen Herrn; es besitzt nur sich allein, aber keine Colonie. Doch wird die Zeit kommen, wo es Beides besitzt, und nur zur Bekräftigung dieser meiner Ueberzeugung nehme ich diese kleine, an sich werthlose Insel im Namen des zu erwartenden deutschen Kaisers für mein Vaterland in Besitz und gebe ihr den Namen Rodriganda. Erheben Sie Ihre Gläser. Hoch Deutschland! Hoch sein Herrscher! Hoch unser Rodriganda!“

„Was nun noch besprochen und beschlossen wurde, das wird der liebe Leser später erfahren.“

 

3. Kapitel – Kaiser Max von Mexico

Strukturen waren Mays Sache wohl nicht ... dieses Kapitel hat in der HKA einen Umfang von weit mehr als 900 (!) Seiten.

Llano estacado. „Diese Wüste geht mit ihrem Westrande fast bis zum Rio Puercos, der ein Nebenfluß des Rio grande del Norte ist. An diesem Rio Puercos liegt das Fort Guadeloupe, welches unseren Lesern bereits aus dem I. Theile, Capitel 11, Seite 379 bekannt ist.“ Die Seitenzahl ist in der HKA entsprechend abgeändert.

Resedilla „war noch immer hübsch; es war gar nicht, als ob sie zu den Mexikanerinnen gehöre, die ja bekanntlich in diesen Jahren bereits vollständig abgeblüht sind“.

Sie und ihr Vater Pirnero aus Pirna führen ein sinniges Gespräch u.a. über Männer.

„Aber ein ordentlicher muß es sein, Schwiegersohn nämlich!“

Gérards Ton „hatte eine eigenthümliche Weichheit fast als ob er irgend einen Fehler begangen hätte, den er sich verzeihen lassen müsse. Und doch klang diese Stimme fest, so fest wie diejenige eines Mannes, welcher nicht Lust hat, etwas mehr zu leiden, als er freiwillig leiden will“.

„Ich bin nämlich aus Pirna, von wo her sie in Dresden die Elbe beziehen“ verrät Pirnero.

Gérard agiert im Llano wie später Bloody Fox.

Gérard hat seitens Mignon Untreue und Verrath erlebt, dabei fing die Geschichte seinerzeit doch so verheißungsvoll an ... So kann’s zugehen. Wird hier nur erwähnt bzw. kurz nacherzählt, hätte Stoff für einen weiteren Band gegeben. „Das muß ein böses, hartes, herzloses Mädchen gewesen sein, Sennor!“ [...] – „Sie war mehr als das, sie war schlecht.“

„So oft Ihr jetzt zu uns gekommen seid, habt Ihr so still und traurig dagesessen, daß es mich gedauert hat. In Eurem Auge ist es stets, als ob eine Thräne hervorbrechen wolle.“ – „Ja, es mag zuweilen Menschen geben, welche eine ganze Fluth von Thränen in sich tragen und doch zu stolz sind, dies merken zu lassen.“

„Da saß der Mann, der einzige, dem sie ihre Liebe hätte schenken mögen, und erzählte ihr, daß er ein Verbrecher sei. Warum diese fürchterliche Aufrichtigkeit?“ Darum: „Ihr dürft Euer Herz nicht an einen Unwürdigen verschenken; darum habe ich Euch erzählt, was ich gewesen bin, damit Ihr mich verabscheuen lernen sollt. Das wird der beste Schutz für Euch sein.“ Denkbarer Subtext: Wenn Liebe, dann nur auf der Basis absoluter Aufrichtigkeit. Man muß das aushalten. Sonst ist es nichts.

„Es war ihm, als ob er jetzt seine Arme um sie schlingen dürfe, ohne sie zu beleidigen, als ob sie bereit sei, ihr Köpfchen an sein Herz zu legen, ohne sich vor ihm zu grauen; aber er beherrschte sich; er durfte ihr Schicksal nicht an das Seinige ketten und ging.“ (Eine ähnliche Stelle, wenn auch ohne den „Schuld“-Aspekt, steht übrigens in „Der Weg zum Glück“: „Es war, als ob eine innere, drängende Stimme ihm zurufe: 'Umarme sie! Sie duldet es.' Aber er that es doch nicht.“)

„Er achtete die Nässe nicht, welche seine Kleider durchdrang und auch des Sturmes nicht, der ihm entgegenheulte. Mitten in der Prairie endlich stand das Pferd.“ Schön und nachvollziehbar beschrieben.

„Aus dem einstigen Sünder war ein Bußfertiger geworden, aber nicht ein Büßender im Sacke und in der Asche, der elend seine Tage verjammert, sondern ein Büßer mit der Büchse in der Faust“ ...

Der belauschte Capitän erzählt von Frauen, „Ich habe da kürzlich ihre Augen studirt. In diesen dunklen, sprühenden Sternen liegen tausend Himmel und zehntausend Höllen zugleich; sie ist ein Engel und ein Teufel zugleich“, und unser Autor notiert „Bei dem Lobe dieses wunderbar schönen Wesens glitt ein eigenthümlicher Zug über das Gesicht Gérards. Fast schien es, als ob er für die Sprecher Mitleiden fühle“.

Und Resedilla sei, so hören wir, „das personifizirte kalte Pflichtgefühl, aber in verdammt vollendet plastischen Formen“.

„Sie wird um Hilfe rufen!“ – „Ein Mädchen, welches vollständig in den Armen der Liebe erwacht! Pah! Das mußt Du Einem sagen, der noch keine Frau oder kein Mädchen auf diese Weise bezwungen hat. Ich bin überzeugt, daß ich nicht das Mindeste zu befürchten habe.“ – „So stehen Dir also Erfahrungen zu Gebote?“ – „So viele als Du willst. Ich habe auf diese Manier Gräfinnen und Waschweiber, Mädchen und Professorsfrauen, Nonnen und Schauspielerinnen, barmherzige Schwestern und Fischerinnen besiegt. Keine schreit, und Keine ruft, denn sie fühlt die beginnende, unwiderstehliche Liebe, abgesehen auch davon, daß sie sich ungeheuer blamiren würde, wenn sie öffentlich gestehen wollte, daß ein fremder Mann in ihrem Bette gelegen hat. Der Augenblick des Erwachens ist der kritische; aber ein Kuß verschließt ja auch den beredtesten Mund und einer innigen Umarmung ist meiner Ansicht nach nie zu widerstehen.“

Wieder bei Pirnero. „Der Alte hatte noch immer schlechte Laune, und da der Wind auch noch immer den Staub aufwirbelte, so war es kein Wunder, daß Wind, Laune und Staub in seinem Innern zu einem trüben Ganzen zusammenschmolzen.“ Sehr hübsch.

„Pirna? Wer ist das?“ – „Das ist meine Vaterstadt. Sie ist weit größer als Niederpoyritz oder Schönefeld und hat das beste Klima für die blonden Köpfe.“

Resedilla und Gérard wollen und werden sich wiedersehen, „Sein Auge leuchtete auf wie unter dem ersten Strahle eines unendlichen Glückes“.

„Da nehmt meine Hand, ich zürne Euch nicht. Ihr seid ja mein Retter und ich habe Vertrauen zu Euch.“ – „Vertrauen? Vertrauen? Ist das wahr, Sennorita?“ – „Ja.“ – „Vertrauen, Vertrauen, o mein Gott!“ Gérard ist beeindruckt, sie hat da einen kritischen Punkt bei ihm getroffen ... „Ihr wißt Alles, Alles und schenkt mir Vertrauen! Das giebt mir neues Leben!“ Es rührt ihn zu Tränen. „Nichts ergreift das Herz eines Weibes tiefer, als die Thräne eines starken, characterfesten Mannes.“

„Ich habe noch niemals einen Mann geküßt. Denkt, Gott habe Euch diese Küsse gesandt zum Zeichen, daß er versöhnt sei und Euch vergeben habe! Laßt Euer Leben nicht mehr so trübe und so dunkel sein und faßt Glauben und eine feste, freudige Zuversicht zum Himmel, der mein Gebet erhören und Euch begnadigen wird!“

„Er hatte ihr zugehört, wie man einem Engel zuhört. So verklärt wie sein Gesicht mußten die Züge der Hirten gewesen sein, als sie die Verkündigung vernahmen: 'Euch ist heute der Heiland geboren!'“ Es gibt kitschige Stellen im 'Waldröschen'. Diese hier braucht man nicht so empfinden.

Der gefangene Capitän hat seitens Gérard keine Gnade zu erwarten, „Das Auge, welches die Reize von Sennorita Resedilla gesehen hat, darf nichts mehr sehen, und der Mund, der ihre Lippen geküßt hat, muß sich schließen“. Der Übeltäter wird gerichtet, „er sank als Leiche nieder, der gestern noch so lebensbegierig gewesen war“. Gérard betete „ein stilles Vaterunser, gab das Pferd des Todten frei, sprang auf das seinige und braußte davon. Sein Herz machte ihm nicht den geringsten Vorwurf“.

Dann erleben wir eine interessante, zwischen Anziehung und Abstoßung pendelnde Szene, die ausführlicherer Schilderung bzw. Wiedergabe wert ist, die Begegnung mit einer gewissen Emilia.

Er „in seiner alten, schmutzigen und blutgetränkten Blouse, und sie im durchsichtigen Seidenkleide, durch dessen Stoff von der tief ausgeschnittenen Büste an bis herunter zu den üppigen Hüften die lebendige Haut des entzückenden Weibes hindurchschimmerte“.

„Sie schlang die Arme um ihn und drückte ihn so fest an sich, daß ihr von dem ausgeschnittenen Kleide nicht bedeckter Busen sich durch seine vorn offene Blouse stahl und seine nackte Brust berührte. Bei einer solchen Innigkeit dieses prächtig schönen Weibes wäre kein Anderer gleichgiltig geblieben; er aber nahm ihre Umarmung und die darauf folgenden Küsse kalt hin“ ...

„Er unterbrach ihre Worte, die sie mit einem sorgenden, altmütterlichen Blicke begleitet hatte, der ihr sehr gut stand und fiel ihr in die Rede“ ...

„Still, Du Bär! Du weißt doch, daß Du mir tausendmal lieber bist, als alle die Anderen. Die kommen hereingeschniegelt zum ekelwerden; sie duften und äugeln, sie säußeln und flattern - pah! Wenn Du aber kommst, so sehe ich einen Mann. [...] Ich sage Dir, Gérard, ich würde sofort diesen ganzen Plunder vom Leibe reißen und den ärmlichsten Rock anziehen, um Dir hinaus in den Hinterwald zu folgen und Kartoffeln, Schooten und Meis zu bauen.“

Zwischenzeitlich allein, räsonniert er „Pa! Sie ist trotz dieser wahrhaft hundetreuen, unterthänigen Liebe dennoch nicht unglücklich. Sie liebt den Glanz und den Genuß; es ist ihr Beides geboten, und so ist sie mit ihrer gegenwärtigen Lage ganz zufrieden. Aber, bei Gott, ich habe gar nicht gedacht, daß ein Kerl wie ich einem so schönen Weibe solch eine Zuneigung einflößen könne. Die Liebe ist wahrhaftig ein launenhaftes Ding!“

Die gemeinsame Geschichte der beiden in der Vergangenheit wird dann innerhalb des Dialogs kurz nacherzählt. „Wir passen nicht zu einander. Wir Beide sind leidenschaftlich; wir Beide haben zu viel gelebt; wir können uns nicht ergänzen.“

Das Folgende erinnert unvermeidlich an Emma Pollmer: „Denkst Du, ich wisse nicht, welchen Eindruck ich mache und welche Macht ich ausübe? O, ich analysire mich täglich selbst. Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte mich. Ich lasse alle Kleider fallen und studire meine Formen, um zu erfahren, wie ich sie am vortheilhaftesten zu behandeln habe. Keine Falte meines Gewandes liegt ohne Berechnung; jedes einzelne Haar meines Kopfes muß sich der Aufgabe fügen, den möglichst großen sinnlichen Eindruck zu machen.“

„Du hast Dir den Vorsatz gemacht, den Weg zur Tugend zu wandeln; ich kann Dich nicht verführen und stehe nur vor der Möglichkeit, in einer Reihenfolge kurzer Rausche unterzugehen, indem ich mich Jedem ergebe, der mich bezahlt, oder mich an einen reichen Popanz zu hängen, in dessen Umarmung mir das Herz gefriert.“

„Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten; ihr Busen wogte; die üppigen Hüften spannten sich unter der dünnen Hülle, und über die vollen, runden Schultern ging ein zitterndes Beben, als ob sie von hundert unsichtbaren Lippen geküßt würden. Gérard wendete sich ab; er fühlte, daß er nahe am Erliegen war. Es trieb ihn mit aller Gewalt, die Arme nach ihr auszustrecken und sie zu sich nieder auf das weiche Polster zu ziehen.

Sie sah ihm dies an der Gluth seiner Augen an; sie fühlte sich dem langersehnten Siege nahe; ihr Herz bebte vor Entzücken. Ihr ganzer, wundervoller Körper strebte gegen die Hülle; man sah durch die Maschen der dünnen, seidenen Fäden die ganze Empörung des rosigweißen Fleisches - aber da wendete er sich ab.“

„Das Wunderbarste ist, daß ich Dich fort liebe, daß keine Spur von Haß, kein einziger Gedanke an Rache in meinem Herzen Platz nimmt. Ich könnte mich für Dich aufopfern; ich könnte zu Deinen Füßen für Dich sterben wie ein Hund, den sein Herr tödtet und der ihm dafür noch im letzten Augenblicke die Hand leckt.“

„O, diese Männer!“ – „O, diese Weiber! Kannst Du von Jemand Treue verlangen“ ...

„Du hast recht! Ich selbst bin ja Keinem treu. Ich locke sie an und werfe sie dann von mir. Das soll meine Rache an den Männern sein, weil der Einzige, dem ich ausschließlich gehören möchte, meine Liebe von sich stößt.“

„Ich werde Migräne vorschützen.“ – „Hast Du auch bereits diese schöne Erfindung gemacht?“ – „Geh! [...] Eine jede schöne Frau hat das Recht, Migräne zu haben, so oft es ihr beliebt. Ich fühle sie schon jetzt.“

„Er umarmte sie und ließ es zu, daß sie ihn zärtlich an sich zog und küßte. Ihre vollen Arme lagen bloß um seinen Nacken und ihr wallender Busen liebkoste seine Brust. Er konnte nicht anders, es war der Eindruck ihrer Reize, vermischt mit einer Art freundschaftlichen Mitleides; er legte nun auch die Arme um sie, drückte sie an sich und erwiederte ihre Küsse.“

„Es war ein schwerer Augenblick. Alle ihre Schönheiten, ihre Bitte, ihre Gluth drang siegreich auf ihn ein; fast wollte er nachgeben, aber er ermannte sich“ ...

Der Major wird unverrichteter Dinge weggeschickt, es reicht nur zu neckischem Geplauder, „Ah, Sie sind heiß?“ ...

„O Gérard, warum haben wir uns nicht in Paris geliebt!“ [...] – „Es wäre unser Unglück gewesen“ ...

„Selbst der ärgste Bösewicht kann ein ehrlicher Mann werden, denn er hat Character. Ein Mädchen aber, welches einmal die Freuden der Liebe gekostet hat, wird nie ein treues Weib. Der Bösewicht sündigt mit der Gesinnung, also psychisch, das Mädchen aber mit dem Körper. Dieser Körper bleibt zur Lust geneigt; der Geist ist willig, aber das Fleisch bleibt schwach.“

„Hättest Du mich geliebt, so wäre ich Dir eine brave, treue Frau geworden. Bringe mir einen Mann, den ich lieben kann, so werde ich Dir beweisen, daß ich die Wahrheit rede!“ – „Wollte Gott, ich fände einen! Nichts würde mich so freuen, wie Dich glücklich zu sehen. Aber meine Zeit ist da. Lebe wohl, Emilia!“

Den Abschied bricht sie unter Tränen ab, „Ein verlängertes Scheiden hätte sie niedergeworfen“.

Alsdann sieht Gérard, wie’s der Zufall so will (wie es einem bei May wie im Leben so zufällt), Mignon wieder, als Marketenderin bei den Franzosen. Marketenderin hier mit zusätzlicher Bedeutung, „jetzt nun war sie mit nach Mexiko gegangen, als Soldatenliebe, die ein Jeder besitzen kann!“

Sie verrät ihn erneut, worauf sie seinerseits eine „Metze“ zu hören bekommt.

Gérard wird gefangengenommen und macht Eindruck.

Er steht gegen seine eigenen Landsleute. „Ich zähle nur Hochwild, Franzosen niemals.“

Nach kurzem Auftritt kann er entfliehen, „Die Soldaten wälzten sich an der Erde; die Offiziere und alle andern Anwesenden standen noch eine Weile wie erstarrt; dann aber brach ein Getümmel los, welches jeder Beschreibung spottet“.

Gérard vergleicht, „Emilia ist die Schönheit im offenen Kleide des Lasters und Resedilla die Schönheit im züchtigen Gewande der Tugend; ihr gebührt der Vorzug“.

Pirnero erzählt Tragikomisches, „Am Morgen sehen wir, daß der Vater fehlt. Wir suchen ihn lange vergebens und finden ihn endlich in der Küchenesse. Er hing mitten unter den Würsten. Ist das nicht ehrlich in der Ausübung des Berufes gestorben?“ Und unser Autor (wie war das doch mit dem "infernalischen Charakter" ...) schreibt auch noch „Die Tochter antwortete nicht. Das, was sie gehört hatte, widerstrebte ihrem Gemüthe“ hin ...

Ein weiterer familiärer Todesfall trug sich im Wasserfaß zu, „Ich konnte gar nicht begreifen, warum die Eltern so jammerten; als sie ihn aber herausbrachten, habe ich selber mit geweint, denn er war mitten in seinem Berufe gestorben“.

Gérard geht schlafen, „Dieses reine, süße Bild stand vor seinem geschlossenen Auge; es nahm mit unwiderstehlicher Gewalt Platz in seinem Herzen; es dehnte sich aus, es gewann immer mehr an Dimension und es war ihm, als ob sein Leib und seine Seele ganz und gar erfüllt seien von diesem Wesen, so daß kein Plätzchen, nicht der kleinste Punkt übrig bleibe für einen anderen Gedanken oder für ein anderes Fühlen. Und als der Schlummer leise über ihn kam, ging dieses Denken und Fühlen mit in seinen Traum hinüber. Er träumte, daß eine tiefe, traurige Nacht ihn umfangen habe; aber im Osten wurde es licht; die Nebel wichen mit der Finsterniß und strahlend wie die Sonne, von welcher Licht, Wärme und Leben ausgeht, erhob sich das Bild der Geliebten über dem bisher dunklen Horizonte. Ein unendliches Entzücken erfaßte ihn, er breitete seine Arme aus; er sank anbetend nieder und die himmlische Erscheinung schwebte mit mildem Lächeln auf ihn zu und sank an seine Brust. Diese Berührung durchzuckte ihn mit himmlischer Wonne und Seligkeit; es war ihm, als sei er nun gereinigt von allen Sünden und Fehlern seines früheren Lebens, als sei er gefeit und geschützt gegen alle zukünftige Gefahr. Er fühlte sich im Himmel, mitten unter den Seligen; sein ganzes Wesen war ein Dank, ein Lob, ein einziges, großes Preisen und Jubiliren“.

Und Resedilla ? „Ihr Athem ging tief und langsam; ihr Busen schwoll unter einem Gefühle, von welchem sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochte; sie wußte nur, daß es ein unendlich süßes und verlangendes sei.“

Der so sehnsüchtig eines Schwiegersohns harrende Pirnero verrät „Wozu ist ein Schwiegersohn da, als um Dachsparren fest zu machen und Einem bei schlechter Laune als Blitzableiter zu dienen?“

Ein neuer Gast erkennt „Dem Einen kann Etwas ganz gut gefallen, was dem Andern höchst lästig ist, aber dennoch brauchen diese Beiden sich über diese Meinungsverschiedenheit nicht im Geringsten zu ärgern“. Der Gast, der sich später als der „kleine André“ herausstellt, ist freilich wieder einmal ein Deutscher, „Aus Rheinbayern“.

„Könnt Ihr Bier und Schnaps behandeln?“ – „Als Brauer? Na und ob!“ – „Gar Bier brauen?“ – „Freilich!“ – „Dachsparren annageln?“ – „Warum nicht?“ – „Hols der Teufel! Wenn Ihr das Alles könnt, warum lauft Ihr denn da so triste in der Welt herum?“ – „Triste? Gerade das gefällt mir!“ – „Aber Ihr habt ja Gold genug, um Euch ansässig zu machen!“ – „Fällt mir gar nicht ein!“ Die Geschmäcker und Vorlieben sind verschieden ...

„Resedilla hielt sich von den Beiden fern; sie zog es vor, ungestört an den Schläfer denken zu können, der ihr näher stand, als alle Schornsteinfeger und Meerrettighändler der Welt und darum hatte sie ihr Zimmer längst aufgesucht, als die beiden Männer noch lange bei einander saßen, um sich gegenseitig zu unterhalten.“

Es regnet weiter ...

Franzosen auf Kriegszug, „Turkos und Zuaven, Jäger und Linieninfanteristen, die niemals ein Pferd bestiegen hatten, saßen hier auf ihren Thieren wie der Affe auf dem Kameele. Auch die Bewaffnung war keine einheitliche. Es war eine jener verlorenen Compagnieen, welche, aus den widerstrebendsten Menschen bestehend, man an die äußerste Grenze geschickt hatte, entweder um sie los zu werden oder weil gerade solche obstinate Charactere am geeignetsten sind, mit Todesverachtung die schwierigsten Aufgaben zu lösen.“ Dabei sind einige junge Damen, die „nur mitgeritten waren, um durch ihre erkauften Umarmungen die Herren Offiziers für ihre Strapatzen zu entschädigen“.

Der Oberleutnant „sowohl als auch der Hauptmann sprachen in jenem näselnden, weltmüden Tone, welcher in Offizierkreisen so gern affectirt wird, und welcher das sicherste Kennzeichen ist, daß hinter der äußern Maske nur Schutt und Moder zu suchen sei“.

Die begleitenden Österreicher, auch als Deutsche bezeichnet, sind nicht gern gesehen, „Wir legen uns ein kleines Harem bei; sie thun dies nicht, aber sie benützen unsere Damen. Sie sind Schmarotzer, deren wir uns entledigen müssen“. Sie sollen sterben, „Diese beiden leichtsinnigen Franzosen beschlossen den Tod zweier deutschen Ehrenmänner mit ganz derselben Gleichgiltigkeit, mit welcher sie sich auf eine Hasenjagd versprochen hätten“.

„Der Hornist erhielt den Befehl und blies zum Lagern. Einige Augenblicke später herrschte das tollste Gewirr und ein lautes Schreien, Rufen und Zanken, ganz der französischen Sorglosigkeit und Lebhaftigkeit angemessen. Kein Mensch dachte daran, daß man sich auf dem Kriegsfuße bewegte, und daß man sich genau zwischen den Jagdgebieten der einzelnen Apachenstämme befand. Es war der Leichtsinn, welcher weiß, daß er mit dem Tode spielt, sich aber Mühe giebt, nicht daran zu denken.“

„Die Mexikanerin ist Südländerin und als solche feurig. Das Blut pulsirt glühend durch ihre Adern und läßt dem Verstand nicht Zeit zu einer kühlen Abschätzung dessen, was der Sitte entsprechend ist oder nicht. Dazu kommt noch, daß die Gewohnheiten des Landes in Beziehung auf die geschlechtliche Liebe und auf den Umgang zwischen den beiden Geschlechtern keine so strengen sind wie bei uns.“

Pepi und Zilli sind nicht das, was sie scheinen. Allerdings ist ihr Vieraugengespräch über forciertes Handauflegen dennoch sehr oberflächlich bis abstoßend ...

„Sie war allerdings reizend in ihrer mexikanischen Tracht, welche nur aus einem kurzen, mit Tressen besetzten Röckchen und einem ebenso goldgeschmückten Jäckchen bestand, unter dessen vorderem Saume das volle, blausammetne Mieder hervorblickte. Konnte Doctor Berthold einem solchen Wesen fortgesetzt widerstehen, so mußte er ein Mann von sehr festem Willen sein.“

„Glauben Sie wirklich, daß eine Mexikanerin sich einem Manne anvertraut, ohne einen Dolch zu besitzen?“ – „Das klingt sehr romantisch! Wie viele Leihbibliotheken haben Sie durchgelesen?“

„Das ganze Rondel war von Apachen besetzt. Sie hatten die Franzosen kommen sehen und Alles beobachtet. Der schwarze Gérard aber fühlte bei dem Gedanken, daß so viele Menschen getödtet und scalpirt werden sollten, ein inniges Mitleid.“

Auch Doctor Berthold hat „recht herzliches Mitleid“, und zwar mit Pepi, wenn auch aus zweifelhaft anmutendem Grund, „So wie das Lichtchen über sie dahinflackerte, war sie in dem dünnen Röckchen, welches alle ihre Formen wiedergab, und der offenen Jacke, unter welcher der volle Busen das Sammetmieder fast zersprengte, sinnberückend schön“.

Pepi und Zilli wollen die Deutsch-Österreicher retten, „Sie flogen mit wehenden Gewändern um den Flügelmann herum und auf die Offiziere zu“.

„Es war ein eigenthümlicher Augenblick. Zwei Mädchen hielten eine ganze Compagnie Soldaten in Schach.“

Indianerüberfall, „Der fürchterliche Tomahawk und das heimtückische Bowiemesser wüthete. Es war eine entsetzliche nächtliche Scene, bei welcher die Haare zu Berge steigen konnten“.

„Aber warum lassen Sie dieses Morden zu?“ wird Gérard von Berthold gefragt, und antwortet „Es ist Krieg, Monsieur, und meine Freunde wollen Scalpe haben“.

„Entsetzlich! Getrauen Sie sich, dies zu verantworten?“ – „Ja.“ Und „Er sagte dies so ruhig und in einem so bestimmten Tone, daß der Andere schwieg.“

„Die beiden Geretteten und die Mädchen sahen dem Morden zu, ohne ihm Einhalt thun zu können. Das Grauen lief ihnen eiskalt am Körper herab und die Todesschreie der Sterbenden erfüllten die Luft.“ [...] „Sie fielen massenhaft, wie die Sperlinge vom Schrote.“

Doctor Berthold „war nicht etwa ein furchtsamer Character, aber das Blutbad hatte ihm die Haare vom Kopfe emporgezogen“.

„Sie stehen mit diesen Wilden auf dem Fuße der Freundschaft?“ – „Pah, nennen Sie diese Leute nicht wild. Sie vertheidigen ihr rechtmäßiges Vaterland, ihr Eigenthum mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln. Da nennt man sie wild und Barbaren. Ich bin kein Gelehrter und auch kein Politikus, aber ich habe vielleicht mehr gesehen und erfahren als alle die Herren, welche aus den rothen Männern Barbaren machen. [...] Und der Fluch unserer Zeit ist, daß wir unser Unrecht in ein heuchlerisches Gewebe von Recht zu kleiden suchen.“ Das ist indes durchaus zeitlos ...

„Erst sendet Ihr einen Missionär, um zu sehen, was wir machen; dann schickt Ihr einen Consul, um zu sehen, was der Missionär macht, und endlich sendet Ihr eine Armee, um zu sehen, was der Consul macht.“

Die Indianer „sind die besten Kerls, welche ich kenne, aber selbst der beste Kerl schlägt zu, wenn man ihm eine Ohrfeige giebt, oder ihm die Uhr aus der Tasche zieht“. Man beachte nebenbei die Uhr und die Rollenverteilung in Sachen dieser.

„O, Ihr Mexikanerinnen, wer kann Euch begreifen!“ räsonniert Berthold, und wir wissen nach langer May-Erfahrung, Mexiko ist überall ...

Das Wetter und Pirneros Laune schlagen um, „Der Mund klappte zu; die Brauen fielen herab; die Ohren kehrten an ihren eigentlichen Platz zurück und die Hände krochen langsam in die Hosentaschen“. Denn „nach dem anhaltenden Regen sah die Natur sich an, als ob sie neu geschaffen worden sei“. So ist es, immer wieder, mit allem ...

In Pirna regne es nicht, behauptet er zwischenzeitlich, „Wir haben ja die Elbe da, wenn wir Wasser brauchen!“ Den Gast Gérard schätzt er immer noch nicht, „Jetzt wird er hereinkommen und drei Stunden an einem Gläschen Julep herumlutschen. In Pirna sagen wir nämlich lutschen“.

Pirnero erkennt, es mit dem Schwarzen Gérard zu tun zu haben, und reagiert prompt ... „Er faßte seine Tochter am Arme und wollte sie herbeiziehen“ ... „Hier ist sie, Sennor! [...] Ihr sollt mein Schwiegersohn sein.“

Pirnero scheint von der eigenen Bedeutung überzeugt, „Kennen Sie den Kaiser Max?“ – „Ja.“ – „Den Marschall Bazaine?“ – „Ja.“ – „Den Präsidenten Juarez?“ – „Ja.“ – „Nun sehen Sie, mit diesen Leuten beschäftige ich mich. Wäre ich aber in Pirna, so würden sie mich gar nichts angehen; ich wäre ein Spießbürger geblieben, schnupfte aus einer Birkendose und äß Pflaumenmuß mit Kartoffeln.“ Mit Berthold ist er nicht einverstanden, „Sogar Nudelmüller und Breetenborn politisiren im Dorfbarbier, und Sie als Wiener wollen die Weltgeschichte mit Verachtung strafen?“

„Es trägt ein jedes Mädchen ein Ideal in ihrem Herzen. So war es auch mit Resedilla gewesen. Sie hatte an demselben treu festgehalten und alle Bewerber abgewiesen. Und nun endlich derjenige kam, in dem ihr Ideal sich verkörpert zu haben schien, da riß er sie aus ihrem Entzücken durch das offene aber unvorsichtige Bekenntniß, daß er ein Verbrecher gewesen sei.

Sollte sie da nicht weinen? Hatte ihr Ideal nicht den Glanz, den Nimbus, die Reinheit verloren? O, sie hatte diesen Gérard lieb, unendlich lieb, und dennoch mußte sie weinen, weinen, weinen! - -“

Kriegerische Auseinandersetzungen, „Ein Jeder nimmt seinen Mann. Es genügt eine einzige Minute, um fünfhundert Comanchen das Leben zu nehmen“. Danach ein Auftritt Bärenauges, „Den blutigen Tomahawk im Gürtel, das Messer in der Rechten und mehrere frische Scalpe in der Linken, sah er im Scheine der flackernden Flamme aus, wie die Verkörperung des Geistes der Prairie, welcher der Indianersage nach mit bluttriefenden Waffen und rauchenden Kopfhäuten über die wilde Savanne jagt“.

„Jetzt kamen die Apachen herbei, mit Scalpen und Beute behangen. Es ist besser, diese Scene nicht auszumalen. Der Christ, der wahre Christ muß unbedingt die Politik verdammen, welche eine ganze Nation dadurch zum Untergang zu bringen trachtet, daß er ihre einzelnen Stämme gegen einander aufhetzt und in Waffen bringt. Es genügt, zu sagen, daß der Sieg ein vollständiger war.“

Schauplatzwechsel. Idyll des Kaiser Max von Mexiko. „Es war ein Paradies in Miniatur, ein Eden, für welches sich selbst Hafis, der persische Dichter, der Sänger der Liebe und der Rosen, hätte begeistern müssen.“

General Mejia sieht schwarz: „Christus zog in Jerusalem ein und alles Volk schrie Hosiannah; drei oder mehrere Tage später hing man ihn an das Kreuz!“

„Der Mexikaner ist ein Feind der Ordnung; er spielt mit dem Widerstande und der Empörung; er gleicht dem halbwilden Thier, welches man nicht mit einem Zuckerbrode lockt, sondern mit dem Lasso niederreißt“. [...] „Ueber Mexiko kann nur das Schwerdt herrschen. Wer die Parteien einigen und ihnen befehlen will, der muß eine starke, rücksichtslose Faust haben und sich vor aller Weichheit hüten. Erst seine späteren Nachfolger dürfen daran denken, das Schwerdt mit der Palme zu vertauschen.“

Max sieht das Foto von Josefa Cortejo und sagt nur „Armes Mädchen!“ ...

Und dann sind wir wieder bei ihr, Josefa Cortejo, und bei des Autors deutlichem Widerwillen ... „Josefa hatte ihr Haar aufgelöst. Es war so dünn, daß die Kopfhaut unangenehm weiß hindurch schimmerte. Sie beliebäugelte mit ihren runden Eulenaugen ihr Spiegelbild“ ...

Josefa und ihr Vater, „Er nahm sie in die Arme und gab ihr einen Kuß, den sie erwiderte. Diese Zärtlichkeit war bei ihnen eine seltene und gewährte allerdings auch einen nicht gar so sehr entzückenden Anblick“.

Cortejo hat Pläne in Sachen Königsschatz, „Ich werde von diesem Indianerstamm so Viele zusammenfangen, als mir möglich ist; ich werde sie martern und peinigen, bis sie mir das Geheimniß verrathen haben. Dann bin ich reich, unendlich reich, reicher als hundert Könige, und dann wird es mir leicht sein, König von Mexiko zu werden“.

„Es ist zuweilen höchst eigenthümlich, zu beobachten, wie ein Ereigniß sich von ganz verschiedenen Punkten aus vorbereitet, und, concentrisch zulaufend, seinen Abschluß im Mittelpunkte sucht und findet.“ So ist es.

„So auch hier. Wir müssen abermals einen Sprung thun, um das Spätere ganz und vollständig verstehen zu können.“

Sternau (wieder dabei ...) und André treffen aufeinander. „Mit wem halten Sie es, mit den Franzosen oder mit den Mexikanern?“ – „Mit Jenen ebenso wenig wie mit Diesen. Wenn Sie von mir gehört haben, so wird es Ihnen bekannt sein, daß ich nie Parthei ergriffen habe“ betont Sternau, wie schon seinerzeit.

Auftritt Trapper Geierschnabel, er bringt eine neue, erfreuliche Farbe in den unendlich langen Roman. „Das hagere Gesicht war von Wind, Sonne und Wetter hart wie Sohlenleder gegerbt; das kleine graue Auge hatte einen Blick, so scharf und stechend wie Gift; die lange, übergroße Nase glich genau einem Geierschnabel, und doch hatte diese ungewöhnliche Physiognomie Etwas an sich, was sofort Vertrauen einflößte.“ Eine gute Mischung.

„Während wir sagen 'ich meine', 'ich denke,' 'ich vermuthe,' 'mir scheint,' sagt der Nordamerikaner stets 'ich calculire,' 'ich rechne.' Dies ist ein Zeichen, daß er in seinen Ansichten und Meinungen sorgfältiger zu sein pflegt, als wir.“ Klingt ein wenig wie vom Stammtisch ...

Der zu neugierige Pirnero sieht sich einem „Tabaksbrühenbombardement“ ausgesetzt ...

„Ich soll Menschen todt machen?“ – „So viele wie möglich!“ – „O nein; das thue ich nicht! Das sind wir in Pirna nicht gewöhnt! Wer dort einen Franzosen erschießt, der wird umgebracht oder zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt. Es kommt sogar vor, daß ein solcher Mensch zum Tode verurtheilt wird nebst zehn Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust und Polizeiaufsicht!“

Geierschnabel ist „einer der bekanntesten Fallensteller und Pfadfinder der Union“, „einer der besten, aber auch originellsten Jäger des Westens“.

Sternau ist in sechzehn Inseljahren „der lange, dichte Bart bis weit über die Brust herabgewachsen, und so lang trug er ihn noch jetzt“.

Großer gemeinsamer Wiedersehensauftritt in Guadeloupe.

„Ich kann Ihnen Vieles, Vieles erzählen.“ – „Wovon?“ – „Von Rodriganda, vom Grafen Alfonzo, von Rosa, Ihrer Frau Gemahlin und noch Weiteres!“ – „Gut; Sie werden mir das später erzählen.“ Das wirkt denn bei aller sonstigen emotionalen Unruhe der Szene doch etwas seltsam, nach sechzehn Jahren ...

„Laut aufschluchzend warfen sie sich einander in die Arme. Es herrschte Kirchenstille im Zimmer. Niemand hätte ein Wort gefunden, um die Heiligkeit dieses Augenblickes zu entweihen.“ [...] „Kein einziges Auge blieb trocken. Alle schluchzten; selbst Sternau weinte leise vor sich hin. Geiernase schluchzte wie ein Kind, obgleich die Personen ihm so fern standen. Niemand hätte diesem Yankee ein solches Gefühl zugetraut.“ [...] „Die Thränen begannen von Neuem ihr aus dem Auge zu brechen.“

Resedilla zeigt Emma die Zimmer, „Auf diese Weise lenkte sie die Gedanken der Freundin auf weniger ergreifende Gegenstände, welche nicht beweint zu werden brauchten.“

Zarbas „geheime Gesellschaft, deren Zweck ich nicht verrathen darf“ wird wieder erwähnt. („ich“ ist Gérard.)

„Gérard, Gott zürnt nicht ewig!“ – „Aber die Menschen!“ – „Was haben Sie mit den Menschen zu schaffen?“ Sehr schön. Wohltuend schön.

„Wenn Sie hören, daß ich todt bin, so sagen Sie ihr, daß sie mein letzter Gedanke gewesen ist, und daß ich am Tage des Gerichtes Vergebung zu finden hoffe, weil die Liebe zu ihr, der Reinen, mich auch rein gemacht hat!“ sagt Gérard, und wir lesen „Es wurde Sternau bei dieser Bitte ganz eigenthümlich zu Muthe“.

Sternau erkennt, daß Gérard „gegenwärtig ein Wenig eingeschüchtert“ ist ...

„Und noch Eins. Sollte ich heute fallen, so kommen Sie vielleicht nach Chihuahua. Dort giebt es eine Dame, welche allgemein Sennorita Emilia genannt wird. Sie werden bald von ihr hören. Sagen Sie, daß ich gestorben bin. Ich bitte sie vom Jenseits herüber, das Leben ernst zu nehmen.“

„Der Zwiespalt zwischen seiner Vergangenheit und Gegenwart hatte ihm in letzter Zeit tief in die Seele geschnitten. Er fühlte sich verwundet und hatte keine Hoffnung mehr, von den inneren Kämpfen und Vorwürfen erlöst zu werden. Das sollte heute einen Abschluß finden.“

Willmann und Berthold kennen Sternau ... alle kennen sie sich, haben irgendwie miteinander zu tun ... bei Karl May ist die Welt in dieser Hinsicht relativ klein.

Im Kampf ist Gérard sich und anderen gegenüber von kalter, schonungsloser Härte, „Stirb an Deinem eigenen Verrathe und sieh, an die Erde genagelt, zu, wie Ihr vollständig vernichtet werdet“ ... „Mit diesen Worten warf er ihn zu Boden und stieß ihm den Degen durch den Leib, bis an den Griff, so daß die Klinge tief in den Boden drang.“

„Dieser Mann sucht den Tod“, erkennt Sternau, und „Er darf nicht fallen“.

„That einer der Franzosen einen Schritt, so hatte er eine Leiche vor sich, und kaum war er über dieselbe hinweggestiegen, so sank er selbst als Leiche nieder.“ [...] „Eben schlug er einem der vor ihm fliehenden Feinde die Schärfe des Schlachtbeiles so in den Nacken, daß der Wirbel getrennt wurde und der Kopf nach vorn herunter hing, da“ ...

„Ich bin Bärenherz, dem Du alle sieben Tage einen Weißen geopfert hast.“

„Die Franzosen wurden wie Halme niedergemäht.“

„Ein Sprung, ein Stich und ein Schrei - und der Posten war eine Leiche.“ Dieser Satz hat möglicherweise einen gewissen Herrn Willemsen zum Titel seines verzichtbaren Reim-Progrämmchens inspiriert.

Franzosen kommen ins Fort. „Pirnero saß unten an seinem gewohnten Fenster und blickte hinaus, hielt sich aber mit beiden Händen die Ohren zu. Jeder Schuß drang ihm in die Seele. Er forderte es von jedem Andern, tapfer zu sein; sich selbst hielt er natürlich für den Tapfersten, doch hütete er sich sehr, diesen großen Vorzug in Anwendung zu bringen.“

„Ja, diese Nasenführerei und Nasendreherei ist Politik und Diplomatie.“ So kann man es ausdrücken.

Einer der Franzosen bekommt beim Versuch, einer der Frauen Gewalt anzutun, den vergifteten Dolch in den Arm, „Es war, als ob er plötzlich durch alle seine Nervenstränge einen Schlag erhalten hätte. Sein Auge war stier nach der Wand gerichtet; seine Finger ballten sich zusammen; ein scharfes Gurgeln ließ sich hören, und ein graubrauner Schaum trat auf seine Lippen; dann fiel er um, oder vielmehr, er schlug um, steif und hölzern wie ein lebloser Klotz. Er war todt.“ Noch ein weiterer kommt auf die Weise um.

Der verwundete Gérard „sah sein Blut fließen, ohne dem Laufe desselben Einhalt zu thun. Er fühlte mit dem rothen Wallen des Lebens seine Kräfte schwinden; er schloß die Augen; er glaubte, der Tod sei nahe, um ihn von allen Zweifeln und Selbstvorwürfen zu erlösen.“ Aber dann hört er, daß Resedilla in Gefahr ist ... „Resedilla, o Resedilla!“ ... „Diese Worte wirkten wie ein Wunder. Er nahm die schwere Büchse fester in seine Hand und ging, nein, trabte weiter, der Venta zu.“

Graf Rodriganda soll geschlagen werden, „Sergeant, ich habe eine hübschere Idee.“ – „Welche?“ – „Wie wäre es, wenn wir die Weiber hauten?“ – „Warum diese?“ – „Hm! Erstens ist das interessanter und zweitens wird der Graf dann aus Galanterie eher gezwungen sein, Antwort zu geben.“ Gérard, „welcher selbst halb todt war und kaum stehen konnte“, greift helfend ein.

Auch auf Effekte mag May gelegentlich nicht verzichten, „Leb wohl, Resedilla!“ läßt er Gérard sagen („hauchte er kaum hörbar“), schreibt „Die Mündung des Gewehres gähnte gerade vor seiner Stirn. Er schloß die Augen“, setzt dann zwei Gedankenstriche und fährt mit etwas anderem fort ...

Büffelstirn massakriert einen Wehrlosen, eine elende Szene. Widerwärtig.

„Nun lagen alle drei Damen besinnungslos da. [...] Der ganze Boden schwamm von Blut. In Mitten dieser grauenhaften Scene stand der alte Pirnero und heftete mit Entsetzen seine Augen auf Büffelstirn. Er konnte den Blick nicht von ihm wenden, so viele Mühe er sich auch gab, von ihm los zu kommen.“

Sternau erfährt, was da gerade passiert ist, und „wendete sich ab“.

Brüderliche Zuneigung zwischen Bärenherz und Bärenauge, „Sie umarmten sich, drückten einander an das Herz und küßten sich. Sie schoben einander von sich ab, um sich wieder anzusehen, zu umarmen und zu küssen.“ Nach der unerträglichen, abstoßenden Szene kurz zuvor mag man sich auf derlei Gefühlsäußerungen gar nicht einlassen.

„Man sage nicht, daß die Indianer Wilde sind. Man hat sie zu dem gemacht, was sie scheinen. Sie sind ebenso gute, treue, liebe und ehrliche Menschen, wie alle anderen Leute. Wer sie kennen gelernt hat, der weiß das.“

Bärenherz erfährt daß seine Mutter noch lebt, „O Gott, Du guter Manitou, Du gnädiger großer Geist, ich danke Dir, daß Du mir die erhalten hast, die mir mein Herz und mein Leben gab.“ ... „Das war das Gebet eines Indianers. Wie manches sogenannte christliche Kind könnte sich ein Beispiel an diesen rothhäutigen Barbaren nehmen.“

Sternau soll der blinden Frau helfen, er „ist ein Häuptling aller Krankheiten. Er hat ein kleines Messer, mit welchem er in ein blindes Auge ein Loch schneidet, daß das Licht der Sonne wieder eindringen kann“.

Am Ende ihrer Zusammenkunft legen die beiden Indianer ihre Kriegsbemalung wieder an, die sie zuvor dafür entfernt hatten ... eine interessante Idee.

„Sie schütteln ja ein Wunder nach dem anderen aus Ihren Aermeln!“ sagt Juarez zu Sternau, als der ihm einiges aus der bisherigen Romanhandlung erzählt ... „Was werden Sie noch bringen!“ ...

„Sein Lämpchen flackert nicht nur kaum, sondern es weht nur ganz langsam hin und her“ sagt Sternau über den an der Grenze des Todes befindlichen Gérard. „Aber bei absoluter Ruhe und Stille kann er doch wieder hergestellt werden, wie ich überzeugt bin.“

„In Pirna darf sich ein achtbarer Familienvater ohne Schwiegersohn gar nicht auf der Gasse sehen lassen!“ – „Wo ist das?“ – „In Pirna? Das liegt in Sachsen, wo die fünf Kreisdirectionen sind.“

„Juarez, der sonst so wortkarge, ernsthafte Mann, liebte doch zuweilen einen kleinen Scherz. Diese Unterredung gab ihm Spaß.“ Pirnero zeigt sich beflissen, „Solltet Ihr einmal einen guten, zuverlässigen Diplomaten brauchen, so schickt zu mir. Ich werde Euch die schwierigsten Sachen auseinander fitzen.“

Die ‚Stimmung’ kippt mehrmals hin und her, so ist das Leben, so ist Karl May ...

„Weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über, oft auch an einem nicht dazu geeigneten Orte. Juarez hatte ehrlich die Last des Unglücks getragen, des unverschuldeten Unglücks. Er muß, will man unparteiisch sein, der bedeutendste Mann genannt werden, welchen bisher die rothe Race hervorgebracht hat. Er hatte es treu und gut mit seinem Volke gemeint. War es ein Wunder, daß während seines unverschuldeten Exils sich Gedanken in ihm angesammelt hatten, welche nun das Bestreben zeigten, nach Außen hin zu explodiren?“

„Ja, ich bin aus Pirna. Man wird mir dort nach meinem Tode ein Denkmal setzen, ein Denkmal unten von Erz und obendrauf einen riesigen Adler von Sandstein. Und darunter wird stehen: ‚Dieser Vogel ist Elias Pirnero,’ weiter nichts. Denn bei großen Männern ist kein großer Sermon nothwendig.“

„Ich denke, er soll Dachsparren annageln?“ – „O, in einem Staate wird zuweilen auch ein Sparren locker, oft auch mehrere.“

Das launige Gespräch findet ein für Pirnero unerwartetes Ende, „Da erklang ein eigenthümlicher, tiefer Ton durch das Zimmer, ein Ton, als wenn Jemand etwas aus dem Herzen gewaltsam Emporsteigendes mit aller Anstrengung hinunter drücken wolle. Dieser Laut kam aus Resedillas Brust und dann brach sie plötzlich in ein heftiges, lautes Schluchzen aus, welches sie nun nicht mehr zu beherrschen vermochte. Sie hielt die Hände an die Augen und verließ unter lautem Weinen das Zimmer.“

Pirneros anschließender kleiner Monolog hat erfreulich menschliche Züge, „Das arme Kind! Soll ich sie denn wirklich an Einen hängen, dem sie nicht gut ist? Nein! Lieber mag die ganze Gouverneurgeschichte zum Teufel gehen! Kind bleibt Kind. Mein Mädchen steht mir näher als der Staat, und wegen eines Ordens aus Rom oder Constantinopel opfere ich mein Kind nicht auf.“

Geierschnabel und Juarez, „Der Jäger betrachtete sich den Präsidenten ebenso genau, wie er von diesem betrachtet worden war und spitzte den Mund, um einen Strahl Tabaksbrühe von sich zu spritzen; da aber fiel ihm ein, daß es doch vielleicht nicht so ganz fein sei, in Gegenwart eines Präsidenten von Mexiko, sich des Ueberflusses auf diese ungenirte Weise zu entledigen.“

Und wieder ‚Wechselbäder’, „Hörst Du jetzt das Geheul?“ – „Ja, jetzt höre ich es.“ – „So Etwas kommt bei uns in Pirna ganz und gar nicht vor.“ – „Dort giebt es ja keine Indianer!“ – „Nein. Dort wird kein Mensch scalpirt. Höchstens hauen sie sich da einmal mit den Stuhlbeinen über den Kopf, daß der Schädel brummt, besonders bei Hochzeiten, Kindtaufen und Leichenschmäußen.“

„Weißt Du, welches von diesen drei Festen das schönste ist?“ – „Ich kann es mir denken.“ – „Nun, welches denn?“ – „Das Begräbniß.“ Was Pirnero überrascht ... „Fast wäre er vor Schreck vom Stuhle in die Höhe gefahren.“ Halb ist es wieder komisch, aber ... „Weil es dem Menschen am wohlsten ist, wenn er todt ist.“ ... „Sie war sehr ernst gestimmt; darum sprach sie in dieser Weise.“

„Warst Du denn einmal todt, daß Du so genau weißt, wie wohl es Einem da ist? Mädchen, ich sage Dir, wenn man im Sarge liegt oder im Grabe und alle Viere von sich streckt, so ist es Einem ganz verteufelt unwohl zu Muthe. Ich mag um alle Schätze der Welt nicht in der Haut einer solchen Leiche stecken. [...] So ein armer Kerl liegt da und weiß, daß er fort muß, fort ohne Paß, Impf- und Heimathsschein. Da hilft kein Jammern und Klagen, kein Strampeln mit Händen und Füßen; er muß fort, hinaus aus dem Leben, er mag sein wer er will, Minister oder Weichensteller. Er verdreht die Augen, er knirrscht mit den Zähnen; das Herz schläft ein, der Athem wird alle und der letzte Verstand hört auf. Nun liegt er da, wird in den Sarg gesteckt und in die Erde gescharrt. Hunderttausend Würmer zwicken und zwacken an ihm herum, ohne daß er sich wehren kann; da unten gibts keine Luft, kein Licht, keinen Julep. Und wenn so ein armer Teufel zehn oder zwanzig Jahre ausgehalten hat und er wird ausgegraben, so ist er zum reinen Gerippe abgemagert und wird in die Knochenmühle geschafft. Und da sagst Du, daß es ihm wohl gewesen wäre?“

Da lobt er sich das Hochzeitsfest, „Das ist ein Essen und Trinken, ein Springen und Tanzen, ein Herzen und Küssen, besonders zwischen Braut und Bräutigam. Als ich Deine Mutter heirathete, war ich vor Glück ganz dumm im Kopfe; später aber bin ich wieder gescheidter geworden.“

Immer wieder kippt’s hin und her. „Sie trug eine große, große Liebe im Herzen, aber dieser Liebe gegenüber stand ein böses, schlimmes Wort, welches ihr immer in den Ohren klang: das Wort Garotteur.“

„Und doch war sie nicht zu ihm gegangen. Warum?

Die Seele des Weibes ist ein ewiges Räthsel; hier aber lag die Lösung des Räthsels nicht im Verborgenen. Resedilla fühlte die Liebe über sich zusammenschlagen wie eine ewige, unendliche und unwiderstehliche Fluth. Sie fühlte und glaubte, daß sie sich über den Geliebten werfen müsse, um mit lauten Klagetönen sein schwaches Leben festzuhalten und gerade das konnte ihn, der vielleicht noch zu retten war, unwiederbringlich in den Tod treiben. Sie fürchtete die Macht ihrer Liebe und darum lag er oben, als ob es kein Herz gebe, welches von einem einzigen großen Gebete um sein Leben erfüllt sei.“

„Gott ist gnädig“, sagt Sternau, „Hier aber ist außer von ihm nur von einem einzigen Arzte Rettung zu erwarten.“ – „Wer ist dieser?“ – „Die Liebe.“

„Mein Jammer würde ihm den Rest des Lebens rauben.“ – „Mein Kind, Sie kennen sich nicht. Das Weib ist stark im Leide. Kommen Sie getrost! Sie werden ihn nicht tödten, sondern ihm das Leben geben.“ Ihre Hand wirkt wie ein „sympathetisches Fluidum“.

Andre Töne werden dann wieder bei Josefa Cortejo angeschlagen, „Diese Brut muß vernichtet werden. [...] „Können wir uns nicht an ihren Qualen weiden?“

„Wir brauchen nicht gerad zum blosen Vergnügen zu morden“, sagt einer in Sachen Überfall auf die Hazienda, „Die Hauptsache ist, daß wir Beute machen“.

Josefa, „welche sich in der Rolle eines Räuberhauptmannes ganz behaglich fühlte“, führt ein strenges Regiment, „Das Blut floß über die Diele hin“. [...] „Es war kein Zweifel, die Execution verursachte ihr ein ungeheures Vergnügen.“

Einer der Ausführenden berichtet „Als wir ihn aber herumdrehten und ich ihm in das Gesicht sah, da war es mir grad so, als ob mich Einer mit einer Keule in das Genick schlüge. [...] Der Schlag ging durch und durch. [...] Der Schlag ging nicht durch den Körper sondern durch die Seele. So ist es mir in meinem ganzen Leben noch nicht gegangen.“

„Der Mann sah verstaubt und angegriffen aus und auch sein Pferd that ermüdet, als ob es einen sehr weiten Weg und eine große Anstrengung hinter sich habe. Und dies war auch wirklich der Fall“ ... Manchmal weiß man nicht so recht, nimmt sich der Autor selbst auf den Arm, oder doch eher den Leser ...

„Nun, damals war er ein Mann, den man anerkannte“, heißt es über Juarez, „Später aber wurde er vertrieben; er mußte fliehen, und das ändert den Menschen. Was früher weicher Knorpel war, das wird dadurch zum festen Knochen. Juarez ist jetzt ein Anderer als früher“.

Josefa gibt gleichsam einen weiblichen Richard III., „Ich werde ferner Juarez und Allen, die bei ihm sind, auflauern lassen. Sie müssen sterben, alle - alle - alle!“

Josefa erhält einen Tritt gegen den Unterleib, „daß sie über das ganze Zimmer hinüber und gegen die Wand flog“. Sie klagt über Schmerzen und zeigt „auf die Stelle, an welcher wohlgebildete Damen den Busen zu haben pflegen“. Selbst hier mag der Autor von seiner unverkennbaren Gehässigkeit dieser Figur gegenüber nicht zu lassen.

„Das ganze Darmzeug kann zerplatzt sein!“ räsonniert ein Zeuge ...

„So bald man auf dieser Seite acht bis zehnmal auf und nieder springt, kommt die Brust in eine solche Bewegung, daß die herausgebrochenen Rippen wieder einschnappen.“ Wenn mit Entsetzen Scherz getrieben wird, kann man das ggf. nicht komisch finden ...

„Während dieses grotesk-komischen Gespräches“ ... Nein.

Arballez ist übel zugerichtet, „An Händen und Füßen gefesselt und am ganzen Leibe zerfleischt, bildeten die Fetzen seiner Haut, seines Fleisches und seiner Kleider sammt den Fesseln eine einzige, formlose, durch das geronnene Blut verbundene Masse“.

Als Maria Hermoyes erfährt, daß Graf Ferdinando noch lebt, „stieß die alte, treue Seele trotz ihrer gegenwärtigen, unglücklichen Lage einen Schrei aus, der fast dem Jauchzer eines Sennhirten glich“.

Arballez sagt „Sorgt Euch nicht. Ich sehe Euch frei. Die Guten siegen, sie haben dann noch eine schwere Prüfung, aber der Vater im Himmel führt sie zum Ziele.“ Es klingt „wie der Ton eines unsichtbaren Geistes“.

Als gefragt wird „Giebt es nicht zufälliger Weise Einen unter ihnen, der Arzt gewesen ist?“ schreibt unser Autor „Diese Frage war nicht so außerordentlich als es einem Deutschen scheinen möchte. Da drüben in jenen Ländern spielt das Schicksal sonderbar mit dem Menschen.“ Mexiko ist überall ...

Die schwer verletzte Josefa muß sich allerlei Unfug anhören ... „Der Fußtritt hat eine sehr große Verwüstung bei Euch angerichtet. Es sind nicht nur neun Rippen gebrochen, nämlich auf der linken Seite, sondern die gebrochenen und ungebrochenen sind vollständig unter einander hineingeraten - verheirathete, unverheirathete und Concubinats-Rippen, Alles befindet sich bunt durcheinander. Darum stehen Sie so große Schmerzen aus. Das Alles aus einander zu fitzen, das ist wahrhaftig nicht Jedermanns Sache.“

„Weiber glauben Alles, wenn sie ein paar Rippen gebrochen haben, sonst aber glauben sie verteufelt wenig, das kann ich Dir sagen.“

„Die Operation hatte begonnen. Während der eine Mexikaner sie mit seinen kräftigen Fäusten hielt, arbeitete der Andere an ihren sechszig Rippen in einer Weise herum, daß ihr der blutige Schaum vor dem Munde stand.“

„Die Tochter Cortejo's litt unsägliche Schmerzen. In diesen Augenblicken hätte sie den Tod willkommen geheißen.“

 

 

 

V

Wir sind, über weite Strecken, in Mexiko. Am Schicksal des Maximilian scheint Autor May spürbar Anteil zu nehmen.

Der kleine André berichtet von früheren Selbstmordabsichten und entsprechenden Versuchen. Dabei mischen sich, wie so oft bei May, Ernst und Jux. Bei der Sache mit den Küssen, die er sich als Belohnung verdient, verhält es sich später ähnlich (S. 2647/48).

Interessant der Vortrag des Juarez (auch er hat bei May offenbar einen Stein im Brett) auf den Seiten 2682/83.

Juarez ist nicht zimperlich mit Gegnern (S. 2690).

Sternau sieht erstmals das Bild seines Kindes (S. 2790/91), eine sehr bemerkenswerte Stelle. Es mag Leute geben, die das einfach unter „Kitsch“ abhaken, nun gut, jeder wie er mag (und kann).

Cortejo wird auf dem Fluß ausgesetzt (S. 2811 ff.), diese Situation absoluter Hilflosigkeit erinnert an den Münedschi in „Am Jenseits“, entsprechende Erfahrungen von Gnadenlos-im-Stich-gelassen-werden scheint Autor May gut zu kennen, geradezu genüsslich wird es hier beschrieben, und lässt nicht unberührt, ganz gleich daß es Cortejo ist, dem das widerfährt.

„Man muß sagen, Frankreich marschiert sehr an der Spitze der Civilisation. Die Nation ist die größte Beschützerin der internationalen Humanität“, äußert Juarez äußerst gallig (S. 2829), auch heute noch aktuell, wobei man statt Frankreich auch gern etwas anderes einsetzen kann.

Recht oft wird geweint in diesem Band, das fällt auf, auch den starken Mann Sternau erwischt es ein ums andere Mal.

Von Notdurft verrichten ist ja sonst so gut wie nie die Rede bei Karl May, dafür hier einmal umso drastischer (S. 2992), zwar nicht wirklich ausgesprochen aber [unangenehm] deutlich genug.

Als es gerade wieder drunter und drüber geht mit den Helden im anderen Kontinent, sind wir plötzlich wieder in Deutschland, mit dem herrlichen Geierschnabel, und das ist auch gut so, allzu sehr „zog es sich“ zwischenzeitlich manchmal da drüben in Mexiko …

 

VI


Für Leser, die nach über dreitausend Seiten nachvollziehbarerweise vielleicht nicht mehr so recht durchblicken, gibt der Autor auf den Seiten Seiten 3250-3270 eine bündige Nacherzählung in Gesprächsform (‚Was bisher geschah‘ …)

Der im Sarg liegende Geierschnabel (S.3329 / 3352) spuckt den entsetzt davor stehenden ins Gesicht … Mit Entsetzen und mit Komik kannte Karl May sich aus. Und die Ansichten und Betrachtungen dieses interessanten Menschen Geierschnabel sind immer wieder lesenswert (z.B. Dialog S. 3481 ff.).

„Der Anfang des Endes“ ist das vorletzte Kapitel überschrieben, „Das Ende“ das letzte, das dann immerhin noch gut 400 Seiten enthält.

Interessante Betrachtungen über „Geist“ und Politik ab S. 3401, vorher (S. 3394) wurde schon ein interessantes (fiktives ?) Buch erwähnt.

Man kann deutlich merken, wann Karl May Lust zum Schreiben hatte, inspiriert war, und wann nicht; so etwa ab der knappen Hälfte des Buches läuft er wieder zu größerer Form auf, die konnte man in vorangegangenen Bänden schon mal über längere Strecken vermissen konnte.

Psychologisch interessant die Vater/Sohn-Szene auf S. 3572. Auf S. 3578 ist erkennbar, wie er Dinge wie militärischen Rang doch auch bewundert, bei aller immer wieder auch vorkommenden kritischen Betrachtung …

Das Buch wird noch richtig interessant; politische Betrachtungen des Juarez (S. 3608); die ganze Situation: das Spannungsfeld Juarez – Max – Curt, die Hintergründe … Und daß nicht alles edle Tun nur selbstlos motiviert ist, lesen wir auch: „Er sah sich bereits als Retter des Kaisers drüben in der Heimath und allerwärts gefeiert“ (S. 3613).

„Mit Rathen gebe ich mich nicht gern ab“ (S. 3646; Nein, der Satz bezieht sich nicht auf eine Freilichtbühne.)

Die Verzweiflung des Curt Helmers nach letztlich gescheiterter Mission ist packend geschrieben (überhaupt interessant: Karl May führt mit diesem Curt ein Modell eines wenn man so will vorbildlichen Lebens vor, aber auch, daß es gar nicht soviel nützt, das mit der Vorbildlichkeit …), die Schlussszene mit den Masken genial. Der ganze Roman, die Welt, das Leben: ein Maskenball.

Einer der gehaltvolleren unter den sechs Waldröschen-Bänden.

Im interessanten Anhang ist u.a. ausführlich zu lesen, wie es dazu kam, daß Karl May diesen und andere Kolportageromane schrieb, und was das bedeutete und für Folgen hatte.