I

Breit, kitschig und dick aufgetragen kommt die Vorgeschichte des sechsbändigen Riesenromans auf den ersten ca. 150 Seiten daher, und man kann manchmal gar den Eindruck haben, als sei hier ein anderer Autor am Werk gewesen, jedenfalls wird es hernach in der Residenzstadt deutlich nüchterner und realistischer (in der Bearbeitung „Der Fremde aus Indien“ hat man denn auch diese ganze Vorgeschichte sehr gestrafft kurz zusammengefasst). – Beeindruckend die Bilder des Elends, und die Kälte und der Zynismus, die in Gestalt des Herrn Seidelmann daherkommen. Die eine oder andere Länge gibt es freilich auch. – Ein Kuriosum ist die auf S. 277 geschilderte Szene, sie erinnert an eine Stelle bei Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz: „Ich könnte den Klempner totküssen, so lieb’ ich den Franz“, heißt es dort, auch Karl May kannte gewisse Seltsamkeiten um Schein und Sein: der Fürst von Befour, von dem Alma von Helfenstein nicht weiß, dass das Gustav Brandt selber ist, soll ihr, die er liebt, angeblich von diesem Gustav Brandt einen Gruß in Form eines Kusses überbringen, und die beiden schreiten denn auch ausgiebigst zur Sache. „Sie hielt die Augen geschlossen, um sich der süßen Täuschung hinzugeben, dass es der Geliebte sei, den sie küsse.“ Das geht eine ganze geraume Weile so. Er weiß ja, wen er da küsst, bzw. wer er selbst ist, weiß aber doch auch, dass die geliebte Frau ihn für einen anderen halten muß, aber das scheint ihn nicht weiter zu irritieren (ein bisschen „Cosi fan tutte“ ist auch dabei). Und anschließend gehen die beiden ganz unvermittelt und mit einer verblüffenden Nüchternheit zur Tagesordnung über und analysieren über fast ein Dutzend Seiten einen Kriminalfall. - Bei zeitgenössischen Autoren wäre sicher noch ein bisschen mehr passiert, zu nächtlicher Stunde im Boudoir der Dame im „reizenden Nachtgewand“.

 

II

Zu Beginn des Bandes tritt Verleger Münchmeyer auf, in Gestalt des rücksichtslos-ausbeuterischen Verlegers Zimmermann. Hübsche Idee, zumal der selber das Werk dann verlegt und die doch recht deutliche Anspielung offensichtlich nicht gemerkt (oder nicht einmal gelesen) hat.

Beeindruckende, zu Herzen gehende Szenen im Gefängnis. Der Schwerverbrecher Bormann wird höchst menschlich geschildert. In der Bearbeitung ist solches nicht zu finden. Schurken haben halt für Otto Normal- und Durchschnittsleser böse zu sein, und mehr nicht. Karl May sah die Welt etwas differenzierter.

Was sich auch in der unverhohlenen Bigotterie- und Kapitalismuskritik zeigt. Die Seidelmänner, sie sind nicht ausgestorben, sie leben noch heut'.

Wir erleben eine Szene von gnadenloser Kindesmisshandlung, bei der es selbst einem Hartgesottenen nahezu körperlich unwohl werden kann. Man kann wohl sagen, dass der „Verlorne Sohn“ Mays krassestes Werk ist.

In der zweiten Hälfte des Bandes gibt es Längen, aber da muß man durch; nur in der Originalfassung des Romans vermittelt sich die reizvolle Krassheit und die manchmal existenzialistisch anmutende Sicht der Dinge.

 

III

Dieser Band enthält neben dem Schluß von „Sklaven der Arbeit“ und dem Beginn des Teils mit den Theater-Episoden auch jenes Kapitel „Ein Magdalenenhändler“, an dem sich einst Hermann Cardauns so besonders störte.

Das Kapitel spielt immerhin über weite Strecken im Bordell, allerdings geschieht außer lüsternen Blicken und einigen Küssen nichts entsprechend zu Erwartendes, und selbst bei einem sehr merkwürdigen und möglicherweise etwas kryptischen Satz, an dem sich Cardauns, wenn er es denn entsprechend verstanden haben sollte, einigermaßen mit Recht gestört haben wird (denn so genau wollten wir es nun wirklich gar nicht wissen oder uns vorstellen …), weiß man nicht so recht, ob es der Autor wirklich so gemeint hat, wie es eigentlich nahe liegt … (Nein, es wird nicht verraten, welcher Satz gemeint ist).

Hübsch ist, dass August Seidelmann, ebenso gewissen- wie charakterloser bigotter Frömmler, auf S. 1365 von „Weitschweifigkeiten“ spricht, er habe keine Zeit zu solchen, und man möge sein Anliegen in möglichster Kürze vorbringen … Als habe Karl May jenen, die seine Texte von eben solchen "Weitschweifigkeiten" zu befreien müssen meinten, in prophetischer Voraussicht hier schon mal ein kleines Kuckucksei ins Nest gelegt …

Heilmann leidet wie sein Autor unter der Polizeiaufsicht, unter der er steht … Sein Autor bat noch in einem späten autobiographischen Text darum, eine solche möge ihn doch bitte nicht hinüber in die andere Welt begleiten …

Auch als Heilmann auf S. 1383 ein bißchen so etwas wie Liebe oder Geborgenheit sucht und einfach weggeschickt wird, wenn auch nicht wie im Fall von May von der Mutter, erinnert die Szene ganz genau daran: „Thu mir den Gefallen und geh!“ „Ja, ich werde gehen, Anna ! Du sollst meinetwegen keinen Zank haben. Mir ist’s, als ob ich soeben gestorben sei !“

Und weil er eine Uhr mitnimmt (die man ihm gibt), landet er unschuldig wieder im Gefängnis, und dann hören wir nicht mehr von ihm … Es wird immer gesagt, Karl May habe ihn „vergessen“, das muß aber keineswegs so sein. Nicht jeder kommt aus der Haft so erfolgreich wieder heraus wie Heilmanns Autor.

Petermann gibt sich auf S. 1438 für einen Schriftsteller aus, der ein Buch über das Thema „Die Liebe in ihren socialen Beziehungen“ (und auch über die käufliche) schreibt …

Wir finden sehr viel Karl May in diesem Band, in mehrerlei Hinsicht. In GW Band 65 oder 74 suchen wir ihn eher vergeblich, zu arg ist er da zurechtgestutzt.

 

IV

„Das Leben ist ein Gaukelspiel“, heißt es auf S. 2132, „Der gewandteste Seiltänzer bleibt oben, die Anderen aber fallen Alle vom Seile“. Der Satz wurde zwar einem „Schurken“ in den Mund gelegt, aber es handelt sich sozusagen um einen Kernsatz von und zu Karl May.

Autobiographisch gefärbt möge der neue Roman sein, der zu schreiben sei, wurde Karl May seinerzeit aufgetragen, und der ließ sich wahrlich nicht lumpen, Von einem der auszog desillusioniert zu werden oder auch Karls irdische Höllenfahrt, das ist es, was wir in diesen sechs Bänden immer wieder erleben, insbesondere auch in diesem vierten. Er ist nicht allzu erfreulich, dieser Blick auf Welt und Menschen, an dem wir hier teilhaben können …

„Scharfenberg schritt der Thüre zu. Bei derselben angekommen, war es ihm, als ob eine unsichtbare Gewalt ihn beim Kragen fasse und festhalte“, S. 2131, dort auch „Es begann dem Lieutenant vor den Augen zu flimmern. Er fuhr sich mit der Hand nach der Stirn. Es war ihm ganz so, als ob ihn eine unsichtbare Faust bei der Brust packe und wieder zu dem Versucher zurückziehe. Er schritt langsam wieder näher“, es ist so eine Sache mit dem freien Willen.

Als ein Taumeln zwischen Abgründen kann man diesen Band erleben, May lässt nichts aus, Theaterleben der übelsten Sorte, Menschenhandel, Irrenanstalt, Korruption, Spielteufel, Geldschacherei dass es einem schlecht werden kann, dazwischen Einzelschicksale von Menschen, die aufgerieben oder förmlich zertreten werden.

Damit einem das alles nicht vielleicht zuviel wird, findet man dann vereinzelt auch mal so etwas wie einen unfreiwilligen Kalauer: „Ihre Zähne knirschten so laut aufeinander, daß den Lauschern das Gehör wehe that“ (S. 2078), das dürfte denn doch wohl ein wenig übertrieben sein …

Und noch eine außerordentlich hübsche May-Stelle, in Zusammenhang mit allem oben gesagtem (S. 2129):

„Na, ich denke, dass man mit solchen Dingen nicht spielen soll !“

„Spielen nicht, nein, sondern man muß Ernst machen.“

 

V

Das Hin und Her in Sachen Fürst und Baron erinnert zunächst über lange Strecken ein wenig an Räuber und Gendarm, Spion gegen Spion u. dgl., etwas eintönig. Ferner fällt auf, dass es wirklich manchmal ein wildes Durcheinander ist mit den Handlungssträngen (bzw.: so anmutet).

Mord mit der Papierschere, nicht schön, aber „notwendig“, in dem Fall … (so kommt es wirklich herüber, auch in späteren „Nachbetrachtungen“.)

Kühler Pragmatismus zwischen Vater und Sohn auf S. 2220: „Höre, Junge ! Wenn ich mir Schaden thue und nicht fliehen kann, schießest Du mir eine Kugel durch den Kopf !“ „Und Du mir ebenso, wenn ich vielleicht nicht fort kann. Jetzt. Hinunter !“

Auf S. 2261/62 finden wir eine eindeutige Aufforderung zum Suizid (seitens des Fürsten an Franz von Helfenstein) und dann einen dramatischen „Aktschluß“ vor der nächsten „Abtheilung“.

So etwas wie eine gewisse Sympathie mit den Schmieden kommt auf den Seiten 2282 ff. durch, auf S. 2287 oben wird es ganz deutlich.

„Sie sehen, dass in der Welt manches anders ist, als es scheint.“ (S. 2359), wieder so ein klassischer Karl-May-Satz …

Und dann so merkwürdige oder überraschende Stellen wie „Es war, als ob der Sturm durch die fürchterliche That Bormanns zum Schweigen gebracht sei. Seine Wuth war vorüber“ (S. 2421) oder „Weißt Du, Gott ist die Liebe“ (S. 2575), so etwas taucht ganz unvermittelt auf, inmitten manchmal plattest anmutender Kolportage.

Die Reitszene auf den Seiten 2486 ff. erinnert stark an eine ganz ähnliche in „In den Schluchten des Balkan“.

Den armen Scharfenberg ereilt es dann (S. 2506 f.), nachdem wir über mehrere hundert Seiten nichts mehr von ihm gehört hatten. Aber dass er „fällig“ ist, war zu erahnen. Wieder so eine Stelle, in der es sozusagen ganz kalt wird in dem Roman. Wie zuvor schon einmal in der Leichenhalle.

 

VI

„Frau Hendschel bezahlte den halben Gulden ohne Ahnung, daß es auf Erden Trinkgelder gebe“ (S. 2665), da ist sie wieder, diese verständnisvolle und augenzwinkernde Menschlichkeit, sich gleichermaßen in beide Parteien, Geber wie Nehmer, hineinversetzend, ohne Wertung, entspannt, heiter lächelnd, das ist Karl May.

Die „Heirathsgeschichte“, die die beiden Alten erzählen (S. 2701), hätten wir auch gerne gehört. Nun, man kann nicht alles haben. Die lange anschließende Klamotte um Hartkäse und Altäpfel entschädigt einigermaßen. Ssteht nicht ganz ähnliches auch im „Weg zum Glück“ ?)

In der Episode um die Scheintode spielen nicht nur Seidelmann und Kumpan ein wenig grenzwertig mit sehr ernsten Dingen, sondern auch ihr Autor.

„Es ist ja nichts unmöglich, und eine jede Möglichkeit hängt nur von Umständen ab“ (S. 2778), der das so aufrichtig und überzeugend schreibt, hat viel erlebt.

Lange, teilweise rührende Liebesszenen. Und viel Kitsch. Beides.

„Sie war schön, aber von jener rein fleischigen Schönheit, welche nur die Sinne in Beschlag nimmt und später in Formen übergeht, welche man Dickheit nennt“ (S. 2990 oben). Trocken formulieren konnte er.

Und seine Pappenheimerinnen gut beobachten und durchschauen ebenfalls: „Dieser Gedanke trieb ihr das Blut in die Wangen. Herrin auf Schloß Reitzenhain, Frau von Hagenau! Sie senkte das Köpfchen wieder und griff mit der Hand nach dem klopfenden Herzen.
Ja, der Lieutenant war nicht schön, aber so lieb und gut. Welch ein Glück, dem Manne zeigen und beweisen zu können, daß man ihn nicht wegen so werthloser, vergänglicher Eigenschaften liebt!“ (S. 3181/82)

Daß „Reich, reich, reich !“ (S. 3189; im Kopfe eines Erbenden am Sterbebett des Erblassers) in der entsprechenden Bearbeitung (Band 76) gestrichen ist, sei auch hier gern noch einmal erwähnt.

Und dann wieder so ein Schluß; im „Waldröschen“ gab es einen Maskenball, im „Weg zum Glück“ ein allgemeines Stelldichein im Theater, hier kriegen sie sich alle, der König ist auch da, und Orte tauchen wieder auf, die mit schlechten Erinnerungen verbunden waren, nun sind diese alle, sozusagen, „transponiert“ … Vision ? Bild ? Kitsch ? Märchen ? Lassen wir’s offen.

*

Zwei besonders bemerkenswerte Stellen aus dem sehr lesenswerten Anhang:

"Daß die Sozialgeschichte Kriminalgeschichte sei, ein Kolportageroman selber, war seine Erfahrungs-Summe ohnehin" (3205)

"es kann nur festgehalten werden, daß die Existenz eines noch manuskriptnäheren, von der Reprint-Vorlage abweichenden Drucks nicht auszuschließen ist" (3215)