I

Dieser erste Band hat 512 Seiten und enthält die vier Kapitel "Zwei Gegner" - "Ein Veteran" - "Ein Zauberer" - "Eine Kriegskasse".

Es beginnt an bzw. auf der Mosel, wo wir in vertrauter Umgebung bald einen beeindruckenden Schiffsuntergang im Sturm miterleben (ob das so wie geschildert auf der beschaulichen Mosel überhaupt möglich ist, hat sich der ortskundige Berichterstatter allerdings schon des öfteren gefragt).

(Wer in der Bamberger Fassung (Bände 56-59) vergleichslesen will, muß mit dem 15. Kapitel des Bandes "Das Geheimnis des Marabut" beginnen.)

Anschließend geht es nach Ortry zum dortigen Schloß, eine dieser Mayschen Alptraum-Örtlichkeiten mit geheimen Gängen, doppelten Wänden u.dgl., eine Negativ-Vaterfigur, den Capitän, finden wir dort auch.

Meister Müller verkörpert einen Pädagogen von Rang (will sagen, der es wirklich kann, mit Kindern umgehen), so hätte es werden können mit dem Lehramtskandidaten aus Ernstthal.

Turm, Grab, Höhle, geheimer Versammlungsort, die Gegend bietet wieder allerhand.

Dann geht es mit dem 4. Kapitel zeitlich 55 Jahre zurück, und der Vergleichsleser muß an der Stelle entsprechend den ersten Band der chronologisch geordneten Bearbeitung, "Der Weg nach Waterloo" zur Hand nehmen.

 

II

Dieser wieder gut 510-seitige Band enthält zwei Kapitel, "Die letzte Liebe Napoleons" und "Die Tochter des Kabylen".

Die Geschichte um eine emotionale Angelegenheit Napoleons ist wirklich spannend zu lesen, das vermag zu gefallen. Man erlebt die Geschichte um Liebe und Zivilcourage förmlich mit. Doch, gut schreiben konnte Karl May, auch in der Kolportage.

Das andere Kapitel führt in den Orient, und es geht um das "Geheimnis des Marabut". Chronologisch wird des öfteren hin- und hergesprungen im Lauf des mehrbändigen Romans, und der Vergleichsleser muß gelegentlich ein bißchen suchen, um alles einigermaßen wiederzufinden (die Bearbeitung ist chronologisch geordnet).

 

III

Knapp 500 Seiten, 3 Kapitel.

In "Verarmt" erleben wir bei Leuten, denen es sonst vergleichsweise sehr gut geht (denen von Königsau, die in der Bamberger Bearbeitung aberwitzigerweise "Greifenklau" heißen, nach einer Brauhaus-Gaststätte) Dinge wie Armut, Altern, Tod. Eine interessante Farbe innerhalb des Romans.

"Ein Kundschafter" führt uns zunächst nach Paris und dort nicht immer in die besten Gegenden, atmosphärisch ähnliches begegnete uns schon im "Waldröschen".

In "Zum Kriege drängend" tritt dann endlich unser Freund Hieronymus Aurelius Schneffke auf (das Kapitel beginnt mit einer der bei Karl May zahlreichen und oft mit positiver Stimmung einhergehenden Eisenbahn-Szenen), mit dem man es immer wieder gern zu tun hat. Man kann Münchmeyer in ihm sehen, oder besser: Anteile von dem. Eine gewisse wurschtige, hemdsärmelige Lebensfreude, Saft und Kraft, alle Fünfe gerade sein lassen und das Beste daraus machen.

 

IV

Der Band enthält auf knapp 500 Seiten die Fortsetzung des Kapitels "Zum Kriege drängend" sowie als eine Art Unikum das Kapitel "Ulane und Zouave", das zwar mit dem Roman überhaupt nichts zu tun hat, aber seinerzeit dort eingebaut wurde (schon bei Münchmeyer).

Um mal einen Eindruck von dem zu geben, was dem, der nicht die Originalfassung liest, so entgeht, sei hier die folgende Passage wiedergegeben:

»Wie? Nicht? Du willst mir keine Antwort geben?« »Geben nicht; aber nimm sie Dir.«
Sie hielt ihm die Lippen entgegen, nach denen er sich vorhin vergebens gesehnt hatte.
»Donnerwetter!« rief er. »Das lasse ich mir gefallen! Das ist freilich die aller-, allerbeste Antwort, die es nur geben kann. Komm her!«
Er zog sie an sich und küßte sie wohl volle fünf Minuten lang ohne Aufhören. Dann stieß er einen Jauchzer aus und rief:
»Das sollte er wissen! Sapperment!«
»Wer?«
»Der Haller.«
»Wer ist das?«
»Ein College von mir, ein Maler. Er hat die berühmte Rutschparthie mitgemacht von wegen der Gouver -«
Er hielt erschrocken inne. Er stand ja im Begriff, sein Liebesabenteuer zu verrathen.
»Gouver - - - weiter!« bat sie.
»Gouvernante wollte ich sagen.«
»Eine Rutschparthie wegen einer Gouvernante? Wie war denn das?«
»Hm! Das war eigentlich sehr einfach.«
»Bitte, erzähle es doch.«
»Nun, es war einmal eine Gouvernante - - -«
»Ach so fängt die Geschichte an! Das ist ja recht ungewöhnlich.«
»Sie endet aber desto gewöhnlicher.«
»Das wäre Schade! Also weiter.«
»Es war also einmal eine Gouvernante, und es war auch einmal ein Maler. Diesen Maler traf ich im Tharandter Wald.«
»Wo ist das?«
»Bei Dresden. Man geht dorthin wegen der Pilze und der Brunnenkresse, die man dort massenhaft findet.«
»Die Maler gingen wegen der Brunnenkresse?«
»Ja.«
»Die Gouvernante natürlich auch?«
» Errathen.«
»Ah, jetzt kommt der Roman.«
»Ja, jetzt kommt er. Der Maler nämlich wollte die Gouvernante küssen; sie aber litt es nicht.«
»Der, welcher sie küssen wollte, das warst natürlich Du!«
»Ist mir bei Gott nicht eingefallen!« betheuerte er.
»Also doch der Andere?«
»Ja, Haller wollte sie partout küssen.«
»Sie litt es nicht?«
»Nein. Sie wehrte sich vielmehr aus allen Kräften.« »Und Du sahst ruhig zu?«
Schneffke beantwortete die Frage Marien's nicht sogleich sondern blickte ihr freundlich in's Auge.
»Nun?« drängte sie, schelmisch lächelnd.
Endlich antwortete er mit ernster Miene:
»Gott bewahre. Ich weiß, was sich schickt und gehört. Man ist ja Künstler und Cavalier. Ich versuchte, sie in Güte aus einander zu bringen, vergebens; Haller hielt zu fest. Endlich zog und zerrte ich zu sehr. Das gab einen fürchterlichen Riß. Ich hatte die Gouvernante in den Händen; Haller aber flog und rutschte und kugelte den Berg hinab, zerriß sich die Hosen, stürzte in das Wasser, mußte halb ersaufen und ließ sich nicht wieder sehen.«
»Das ist die Rutschparthie?«
»Ja.«
»Und Du? Du hattest nun die Gouvernante?«
»Ja.«
»War sie hübsch?«
»Sehr!«
»Weiter! Weiter!«
»Sie bedankte sich bei mir. Sie sagte mir sogar, daß sie mir einen Kuß gegeben hätte, aber nur diesem Haller nicht. Sie bot mir sogar einen Kuß an.«
»O weh!«
»Ja, wirklich.«
»Was thatest Du?«
»Ich schüttelte den Kopf.«
»Weiter nichts?«
»Was soll ich sonst noch schütteln, außer dem Kopfe?«
»Ich meine, ob Du sonst weiter nichts gethan hast?«
»Nein. Ich war zunächst ganz perplex, so daß es mir unmöglich war, etwas zu sagen.«
»Dann aber kam Dir doch die Sprache wieder?«
»Ja, aber erst nach ungefähr fünf Minuten.«
»Und was sagtest Du da zu ihr?«
»Ich danke, Fräulein! Ich mag keinen Kuß, denn ich habe sehr gute Grundsätze!«
»Solltest Du dies wirklich gesagt haben?«
»Bitte, erkundige Dich bei ihr!«
»Das muß sie aber doch außerordentlich geärgert haben!«
»O nein. Sie verneigte sich und sagte: Mein Herr, das thut mir leid. Ich bin Gouvernante und Schriftstellerin. Ich schreibe gerade jetzt ein Buch über das Küssen - -«
»Ist das möglich?«
»Natürlich! Man kann über Alles ein Buch schreiben, also auch über das Küssen. Natürlich aber muß man Das, worüber man schreibt, aus dem Fundamente verstehen, also gut gelernt und geübt haben. Gerade eben darum sagte sie weiter: Ich habe mich natürlich im Küssen üben müssen. Ich habe geküßt Arme und Reiche, Große und Kleine, Dicke und Dünne, Hohe und Niedere, Künstler und Essenkehrer, Minister und Weichensteller; aber so ein küßlicher Mund, wie der Ihrige ist, ist mir doch noch nicht vorgekommen. Daher bat ich Sie um einen Kuß. Aber, was nicht ist, das ist nicht. Behüt Dich Gott, es wär' so schön gewesen; behüt Dich Gott, es hat nicht sollen sein!«
»Ein sonderbares Frauenzimmer!«
»O, Schriftstellerinnen und Gouvernanten sind alle höchst sonderbar; ist nun einmal eine Dame zufälligerweise alles Beides, so ist sie zehnfach sonderbar.«
»Was that sie dann?«
»Sie bat mich, sie aus dem Walde zu bringen.«
»Und?«
»Nun und? Ich mußte es thun. Draußen wurde sie von ihrer Herrschaft erwartet, einer Generalin. Es war eine ganze Gesellschaft dabei. Sie waren zu Pferde. Ich bekam auch ein Pferd, einen Schimmel aus Arabien, ein verteufelt wildes Thier.«
»Gott, wenn Du gestürzt wärst!«
»Ich? Stürzen? Keine Möglichkeit! Eher stürzt das Pferd als ich! Wir sind dann im Galopp heimgeritten. Als ich nach Dresden kam, sah ich mich nach der Gesellschaft um - - kein Mensch war bei mir. Ich war Allen vorangekommen und brachte das Pferd erst dann zum Stehen, als ich bereits wieder über Dresden hinaus war.«
»Welch ein verwegener Mensch! Das wirst Du später mir zu Liebe unterbleiben lassen. Nicht?«
»Dir zu Liebe? Ha! Ich bin ein leidenschaftlicher Reiter. Nichts geht mir über dieses Vergnügen. Aber Dir zu Liebe werde ich allerdings - - - ah, wer ist da?«

Diese Passage ist, wie vieles andere, in der Bamberger Bearbeitung komplett gestrichen. Dabei machen gerade solche Stellen zu einem beträchtlichen Teil den Witz und Charme des Romans aus, den man halt für die „Gesammelten Werke“ offenbar in Richtung Abenteuergeschichte für Jugendliche umfrisieren wollte.

 

V

Auf noch einmal über fünfhundert Seiten findet der Roman hier mit der Fortsetzung von "Zum Kriege drängend" sein Ende, wobei erwähnenswert ist, daß es ab dem neunten Kapitel keine weitere Kapiteleinteilung mehr gab, dieses letzte hat Kapitel hat damit über 1000 Seiten. (Zu Inhaltlichem ggf. später einmal mehr.)

Anschließend gibt es noch den editorischen Bericht, in dem zurecht darauf hingewiesen wird, daß May sich mit der Kolportageschreiberei letzten Endes selbst geschadet hat, andererseits "freiwillig und wohlerwogen" diesen Weg gegangen ist.

Auch die bei allen Problemen durchaus freundschaftliche Beziehung Mays zu Verleger Münchmeyer wird mit Recht angesprochen, ebenfalls wohltuend abseits üblicher Schwarzweißmalerei.