DEUTSCHE HERZEN UND HELDEN

 

I

Der 638-seitige Band beginnt mit zwei schaurigen Szenen am Grab Melek Paschas, von denen es heißt, sie mußten geschildert werden, ‚da sie den Schlüssel zu all' den geheimnisvollen Räthseln bilden, welche die deutschen Herzen und Helden zu lösen haben werden‘. Schade eigentlich, daß man gut dreitausendfünfhundert Seiten später noch immer nicht so recht schlauer ist, denn dann wird das Geheimnis ‚mit ihnen hinübergegangen‘ sein.

Das erste Kapitel "Eine deutsche Sultana" (300 Seiten) spielt in Konstantinopel, wie es hier heißt, und beginnt mit der hereinfahrenden Yacht Lord Eagle-nests, der ja in "Der Derwisch" bekanntlich zu David Lindsay mutiert. Er hat Mozarts "Entführung aus dem Serail" unterm Arm und möchte gern auch mal entsprechend agieren.

Hermann, Normann, der Derwisch, Tschita, Zykyma, dem Pascha und anderen begegnen wir, später kommt auch Oskar Steinbach hinzu, mit dem wir es dann den ganzen Roman über kräftig zu tun haben werden.

Auf dem Kirchhof kommt Spannung auf, auch der Humor kommt nicht zu kurz, und allerhand amoröse Verwicklungen gibt es auch.

Die zweite Hälfte des Bandes bildet der Anfang des Teils "Die Königin der Wüste", aus dem man später nicht ungeschickt "Allah il Allah" herausfiletierte. Wir begegnen Krüger Bei, dessen Deutsch hier noch schauriger daherkommt als etwa später zu "Satan und Ischariot" - Zeiten, wo es dann auch nicht mehr Steinbach ist, der ihm begegnet, sondern Kara Ben Nemsi höchstselbst.

Hiluja, Haluja, Hilal, Eaglenest bei den Mädchen im Zelt, und das Arnautenabenteuer kommt auch schon vor, in "Allah il Allah" ist es am Ende angehängt.

 

II

Das zweite Kapitel "Die Königin der Wüste", das im ersten Band begann, hat gut 800 Seiten ... Fahled, Tarik, die Örtlichkeit, den faulen Feuerwerks-Zauber und die diversen Zweikämpfe kennen wir aus "Allah il Allah", die hübsche Zustandsbeschreibung amoröser Verwirrung finden wir aber so nur hier im Original auf S. 716 ff. - Am Ende dieses Teils gibt es eine dieser bei May des öfteren mal vorkommenden erfolglosen Verfolgungen zu erleben, und dann geht es unverrichteter Dinge erst einmal in einen anderen Erdteil, wo sich die Protagonisten aber wieder nach und nach einstellen werden, auch wenn wir nicht immer wissen, warum.

"Der Fürst der Bleichgesichter" heißt die zweite Abtheilung, und deren erstes Capitel beginnt auf S. 1109 dieses Bandes. Da tritt nicht etwa Sam Hawkens auf, sondern Samuel Barth aus Herlasgrün, auch wenn sich die beiden in der Tat durchaus ähneln. Aber wenn letzterer so aus seiner Heimat und seinem Leben erzählt, stellt er seinen berühmten Kollegen in Sachen Interesse erwecken glatt in den Schatten (S. 1131 ff.) Und wenn es auf S. 1135 heißt "Er hatte die Geschichte seiner unglücklichen Liebe in ironischem Tone, sich selbst geißelnd, erzählt. Jetzt lachte er leise vor sich hin", dann wird man selbst bei der Kolportage recht aufmerksam.

Am Ende sind wir noch in Wilkinsfield, die Geschichte geht dann im dritten Band in epischer Breite weiter.

 

III

Bevor das zweite Capitel der zweiten Abtheilung auf S. 1583 beginnt, haben wir erst einmal noch weitere 368 des ersten vor uns.

Einen Herrn Leflor gibt es da, aber das ist wieder der Derwisch aus Konstantinopel; das ist nicht ganz einfach bei Karl May, manchmal sind zwei oder drei scheinbar verschiedene Figuren nur eine, und das wird auch explizit mitgeteilt, dafür treten ein andermal zwei gar unter verschiedenen Namen und verschiedener Herkunft auf, und es wird nicht erwähnt, daß das nur einer ist, das muß man dann selber merken. Schwierig. - Aber vielleicht wußte May es manchmal selber nicht so recht, ob nun zwei Figuren eigentlich eine waren oder umgekehrt.

Almy tritt in Erscheinung, die weiße Taube, anders als bei Hans Albers heißt sie aber hier (bei den Einheimischen) nicht Paloma, sondern Palomo.

Diverse Deutsche treffen sich auch wieder im Wilden Westen, nach gutem Brauch und alter Sitt' bei Karl May.

Die wiederkehrende alte Liebesgeschichte zwischen Auguste und Sam ist wirklich rührend.

Der Apatschenhäuptling heißt hier noch Starke Hand, und Steinbach, der immer dann auftaucht, wenn man ihn braucht, noch nicht Old Firehand.

Einen Silbersee gibt es, und Silver-City (S. 1497). Manches spannende Abenteuer ist zu erleben.

Dann das zweite Capitel, "Im Thale des Todes", es beginnt großartig mit einer dieser ganz schrägen Mayschen Szenen, in denen es ihm erkennbar offenbar ein wenig zu gut ging, in der "Venta zur gelehrten Emeria", wo unter anderem der Gast befragt wird, in welchem Verhältnis Kants Philosophie zu den Eisenbahnfahrplänen der neueren Zeit steht (S. 1588).

Die lange Verwechslungsszene zwischen Miranda und Sam, der das Herz auf dem rechten Fleck zu haben scheint ("Ich habe meine Auguste und brauche Euch nicht", S. 1715) ist auch nicht übel.

Ins Thal des Todes geht es dann erst im vierten Band, gut Ding will bei Karl May diesmal wirklich beträchtlich Weile haben.

 

IV

Gelindes Entsetzen ereilt den Betrachter des Inhaltsverzeichnisses, wenn er sieht, daß schon dieser vierte Band (von sechs !) ab S. 2143 nach Sibirien führen wird, hat er doch vielleicht die dort spielende Handlung von früherer Erst- oder Zweitlektüre noch als länglich und eher zäh in Erinnerung.

Aber zunächst geht es ins T[h]al des Todes, das auf S. 1931 tatsächlich erreicht wird. Vorher gab es noch eine interessante Großmuts- und Vergebungsszene zwischen Steinbach und Frau Miranda (S. 1905 ff.), irgendwie scheint das heutzutage doch etwas anders zu sein zwischen Mann und Frau, so ändern sich die Zeiten.

Lord Eaglenest schippert mit seiner Yacht den Rio Gila herauf, leider ist er nicht David Lindsay, der dann reizvollerweise später auf Winnetou trifft, das machte aber die Bearbeitung (Band 62 GW) später möglich.

Im Todestal einige beeindruckende wahrlich höllische Szenen, und später endet der Amerika-Teil wie vorher der im Orient: mit einer mißlungenen Verfolgung. Auf nach Sibirien, man ziehe sich warm an.

 

V

Die Sibirien-Handlung (bearbeitet und gekürzt als relativ eigenständiger Band 63 GW "Zobeljäger und Kosak" erschienen) hatte schon im vierten Band auf S. 2143 begonnen, und hier geht sie durchs ganze Buch durchgehend weiter, um erst im sechsten Band auf S. 3113 zum Abschluß zu kommen (Orient-Teil: ca. 1100 Seiten, Amerika-Teil gut 1000, Sibirien-Teil knapp 1000, "Zum guten Schluß" noch einmal gut 400).

Es ist also wie bei Tolstoi oder Dostojewski, zumindest in zweierlei Hinsicht: es spielt in Rußland, und lang, lang ist's hin ...

Zu Inhaltlichem detaillierter ein andermal.

 

VI

Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei ...

Von den drei Hauptteilen der "Deutschen Helden" ist der Sibirien-Teil zwar erstaunlicherweise der kürzeste, aber der gefühlt längste. Aber auch er geht zuende, auf S. 3112.

Dann folgt die vierte Abt[h]eilung "Zum guten Schlusse", auch sie ist noch einmal gut vierhundert Seiten lang und gilt eher als mißglückt, was der Berichterstatter indes gar nicht so findet. Spannend geht es zu in der Brunnenstube, und das Herz kommt in Sachen Auguste und Sam auch noch einmal voll auf seine Kosten.

Auf S. 3504 erfährt der verblüffte Leser, daß das "Hauptgeheimniß", dessen Aufklärung ihm knapp 3500 Seiten vorher versprochen wurde, mit dem Derwisch und dem Pascha "hinüber" geht.

Es folgen noch ein paar Dutzend Seiten editorischer Bericht und Anmerkungen.

Die Herausgeber weisen auf die immer wieder mal spürbare Lustlosigkeit des Verfassers in diesem Roman sowie dessen Sympathie für den zwielichtig-schillernden Münchmeyer hin; daß die beiden sich verstanden haben, ist klar. Noch besser (bzw., einen Schritt weiter gehend) haben sich offenbar Emma und Frau Münchmeyer verstanden.

Der Roman entstand unter in vielerlei Hinsicht erschwerten Bedingungen, und das merkt man ihm an.