BABEL UND BIBEL

Ein altmodisches, seltsam anmutendes Stück, freilich. Aber trifft das nicht auch für andere zu gleicher (1906) oder noch späterer Zeit entstandene Stücke zu ?

Schöne Rollen, Abu Kital, Der Scheik der Todeskarawane, die Phantasie …
Diese spricht auch den Satz : „Nicht Einzelwesen. Drama ist der Mensch“, den einst beim Arte-Themenabend Hans Wollschläger immer wieder herausstellte.

Vieles wirkt sehr fremd, eher Heiterkeit erregend und ist in der Form auch kaum aufführbar, aber im zweiten Akt wird das Drama spannend wie ein Krimi, und es mangelt keineswegs an – auch geschickt kalkulierter – Theaterwirksamkeit.

Sicherlich lag Karl Mays wirklich große Begabung doch eher auf anderen Gebieten als auf dem der Dramatik, aber dass das Stück nie aufgeführt wurde und erst 99 Jahre nach seinem Erscheinen in einer Schüleraufführung in Hachenburg im Westerwald das Licht der Welt erblickte, hätte es auch nicht verdient gehabt.

Lesenswert auch der immer noch unter dem altbackenen Titel "Der Dichter über sein Werk" in Band 49 der "Gesammelten Werke" enthaltene Text Mays (vermutlich für einen Zeitungsredakteur verfaßt), in dem er Erläuterungen zum Stück abgibt und Ansichten aller Art äußert, mal eher peinlich, mal anrührend, mal sehr bedenkenswert.

Karl May hat sich mit "Babel und Bibel" besonders viel Mühe gegeben und sich lange damit beschäftigt. Es gibt einiges an Fragmenten und Notizen, zum zweiten Akt eine (unvollständige) Erstfassung, die von der späteren teilweise erheblich abweicht. Über diese Unterschiede informiert ein Text von Christoph E. Lorenz in Band 81 der "Gesammelten Werke" auf 15 engbeschriebenen Seiten.

Im Anschluß an diese (vollständig abgedruckte) Erstfassung des zweiten Aktes sind dort fragmentarische Notizen zu Szenen und Figuren in Auswahl wiedergegeben, drei Szenen-Entwürfe zum zweiten Akt, sowie ein Entwurf zu einem "Vorspiel", dabei ist interessant, daß in diesem Kara Ben Halef erscheinen sollte, gleich zweimal, als Scheik der Haddedihn unter "Personen des untern Reiches" und als Mensch, unter "Personen des obern Reiches".

(Bücher mit Kara Ben Halef wären noch zu schreiben; der Autor dieser Zeilem hat einmal, gleichsam als Auftakt, eine kleine Geschichte mit ihm verfaßt, so gut er konnte und, um Karl May zu zitieren, "so recht aus dem tiefsten Herzensgrunde", und darin einmal mehr Spaß und tiefen Ernst bunt gemischt; als er feststellen mußte, daß das Ganze offenbar allenfalls als netter, etwas seltsamer Jux aufgefaßt wurde, und darüberhinaus, Verzeihung, wirklich läppische Einwände kamen, hat er seine weiteren Intentionen in dieser Richtung erst einmal weit, weit weg geschoben. [Und sich mittlerweile von ihnen verabschiedet.])

Der in einem weiteren Anhang wiedergegebene Text "Karl May's Erstling" (bezogen auf "Babel und Bibel" !) ist teilweise recht lesenswert.

Am Ende steht "Freilich könnte sich nur eine Bühne allerersten Ranges an die Darstellung wagen". Nun, es kommt im Leben manchmal anders ...

 

SKIZZE ZU BABEL UND BIBEL

Hier erfahren wir, was Karl May sich alles so gedacht hat beim Verfassen von „Babel und Bibel“, und vielleicht teilweise auch hinterher; das ist wesentlich mehr, als bei der Lektüre des Dramas wahrnehmbar.

„Leider sind da die gegenwärtigen Zustände unserer Bühne keineswegs geeignet, mich in den Hoffnungen zu bestärken, die ich auf diese meine erste dramatische Arbeit setzen möchte“ (S. 465). Das ist immer noch nicht anders, lieber Karl May. Warten wir die nächsten hundert Jahre ab, und dann muß es ja vielleicht nicht wieder eine Schüleraufführung sein.

„Diese 1906 geschriebenen Worte muten wie eine Prophezeiung an“, heißt es in einer Fußnote auf S. 470 (alle Zitate: Gesammelte Werke Band 49, „Lichte Höhen“) zu einer klugen Bemerkung Mays über inneren und äußeren Frieden, so ist es, aber diese „Prophezeiung“, man würde besser eher von klarem Blick oder verfeinerter Wahrnehmung sprechen, beziehe man bitte nicht nur horizontverengend auf ersten oder zweiten Weltkrieg. Aggresssion und Krieg ist IN UNS, und solange das so ist, vermutlich bis zum „Jüngsten Tag“, wird es Aggression und Krieg auch im Außen geben, zwischen Schalke und Dortmund wie zwischen Ost und West oder Nord und Süd.

Sehr kluge Bemerkungen lesen wir zu Hakawati, Imam und Kadi sowie zur „richtig verstandenen“ (!) Weltanschauung „Christi, des Erlösers“ (S. 473/74).

Hübsche Sätze, „Wer von seiner Geographie und von seiner Landkarte nicht lassen will …“ (S. 476), „Ich sehe sie bei uns zu Tausenden, die eingefallenen Trümmerhaufen …“ (S. 477). Und die ganze Passage S. 477 Mitte – 478 Mitte. Auch über den Geist der Bibel und was mit ihm geschehen ist lohnt sich auf S. 483 nachzulesen.

Und zu „Man sieht, die Pazifikation, wie ich sie mir denke, fließt nicht so süß und mild wie Sirup aus der Kanne, aber sie ist in den Bereich der Möglichkeit gerückt, erfordert aber freilich Geist, viel Geist und mehr Geist, als der besitzt, der da denkt, man brauche einfach bloß nur abzurüsten, und dann sei alles gut !“ (S. 484) muß man wirklich gesondert darauf hinweisen, dass das bereits 1906 geschrieben ist, ein paar Jahre vor Mutlangen, Pershing II, Friedens- und Ostermärschen und wie das alles hieß und heißt.

 

HIMMELSGEDANKEN

'Soll ein Buch seinen Zweck erreichen, so muß es eine Seele haben, nämlich die Seele des Verfassers. Ist es bei zugeknöpftem Rock geschrieben, so mag ich es nicht lesen.'

(Karl May, Old Surehand III)

Die „Himmelsgedanken“ sind bei sehr aufgeknöpftem Rock geschrieben, und deshalb berühren sie nach wie vor. Auch wenn man das gemeinhin anders sieht.

Freilich, viel Weizen, viel Spreu, und einiges ist wirklich arg. Das Buch hat halt die Seele des Verfassers, und so ist es auch, es ist viel unbeholfenes dabei, misslungenes, kitschiges, oder besser: kitschig wirkendes. Aber während Gedichte von Goethe beispielsweise eher kalt lassen, wegen des zugeknöpften Rockes eben, schaut man [ggf.] in die manchmal auch unfreiwillig komischen holperigen Verse des alten Mannes immer wieder gerne, da hat einer etwas mitzuteilen, und er tut es auf die ihm gemäße Art, offen, naiv, ungeformt. Wie ein Kind, manchmal. Und das ist schön.

Zum 163. Geburtstag Karl Mays am 25. Februar 2005 hat der rührige Ralf Schönbach einen Reprint dieser Gedichte herausgebracht.

www.himmelsgedanken.npage.de

 

ADE!

Dieses Gedicht findet man auf der Werke-CD.

Man kann zwar an der Stelle „Wild heult der Sturm, dumpf braust das Meer“ an einen Witz denken (Ansichtskarte vom Ehemann: „Der Wind heult, das Meer tobt, die Möwen kreischen, und ich muß immer an Dich denken …“), vermag aber andererseits die vermittelte Stimmung durchaus wahr- und ernstzunehmen, unbekannt ist sie dem einen oder anderen sicher auch nicht.

Abwesenheit von Licht – Angst – Verlassenheit – Leid – Sehnsucht - Hoffnung, May–Themen, quer durchs Gesamtwerk. Hier, 1875, zur Zeit von „Old Firehand“, komprimiert zu Papier gebracht.

 

AN DIE STERNE

Erinnert sprachlich ein wenig an Wagners Wesendonck-Lieder oder auch an Goethesche Verse ("Strahlet fort" / "Tönet fort"), wobei bei letzteren die Erde ihn wieder hat, bei diesen er "eben bei euch sein" möchte.

Karl May dürfte es auch mal hier, mal dort besser gefallen haben bzw. sich aufzuhalten wünschenswerter erschienen sein.

 

 

AVE MARIA (Gedicht)

Da geht er dahin, der edle Winnetou, unter ernsten Klängen und ebensolchen Worten …

Den hat er früh sterben lassen, zehn Jahre, bevor er die endgültige Version davon schrieb, wie er ihn kennengelernt haben will. Der Mann ist auch zu edel, das gibt es nicht. Hadschi Halef, den gibt es, und der ist unsterblich, und so hat er seinen Autor auch überlebt. Der wollte ihn ja schon mal sterben lassen, hat es aber nicht über sich gebracht, und ist ihm dann schließlich gleichsam zuvorgekommen …

Wenn Halef einmal stirbt, vielleicht in einer von seinem Sohn erzählten Geschichte, dann gewiß nicht mit Ave Maria, sondern vielleicht an Herzversagen dahingehend, auf dem Höhepunkt genussvollen ganz und gar irdischen Treibens, anlässlich einer kräftigen Portion Schweinebraten und der mörderischen Kugel in Gestalt eines überdimensionalen Kartoffelkloßes, der dem kleinen Kerl, ebenso wie der verbotene Braten, von Herzen gegönnt sei.

Erhalt, Madonna, mir im Alter
der Kindheit frohe Zuversicht !

Ave Maria !

 

AVE MARIA (Komposition)

Die Musik dieser Komposition soll sehr bewegend sein, war schon mehrmals zu hören und zu lesen. Ob das wirklich das Empfinden des jeweils Schreibenden ist, oder ob der Betreffende höflich eine übliche Floskel anbringt ? Jedenfalls, bei aller Sympathie für Karl May und aller Empfänglichkeit für wirklich rührende Dinge, diese Komposition klingt allenfalls ein bißchen nach munterem Volks- oder Wanderlied. Ein Schubert ist es jedenfalls nicht.

Ausführlich und weitgehend beschäftigt sich das Büchlein "Ein Ave Maria im Wilden Westen" von Eric Baumann mit dieser Komposition.

 

DER BLINDE BERGMANN

„Die Rose ist für May in diesen Gedichten nicht nur das Symbol der Liebe und Schönheit, in ihrem Verwelken ist sie gleichfalls ein Sinnbild der von May selbst eindringlich erfahrenen Trauer und Einsamkeit, damit ein Bild des ganzen Lebens zwischen Freude und Schmerz, zwischen Geburt und Tod“

schreibt Hartmut Vollmer in

„Ins Rosenrote
Zur Rosensymbolik bei Karl May“,

bezeichnet die Gedichtzeilen allerdings vorher als „schwer genießbar“. Warum ? Auf das Mitgeteilte kommt es an, nicht primär auf die Form. Und die Form lässt sich vortragend oder auch lesend vernachlässigen, das Ganze so gestalten, dass ihre vermeintliche Unvollkommenheit allenfalls am Rande wahrgenommen wird.

Das Gedicht erinert an „Ade!“ und ist vielleicht auch eine Art Ausarbeitung, Erweiterung desselben. Auch an die „Fürchterlichste Nacht“ (das Gedicht Ohlerts aus „Winnetou II“) können wir denken, Anklänge sind vorhanden. - Von „inn’rem“ Frühling ist an einer Stelle die Rede, das ist hübsch.

Interessant, dass es weder um einen Blinden noch um einen Bergmann gehen muß in den Zeilen. Beides kann man getrost gleichnishaft sehen. Und ggf. überhaupt erst bei dem Wort "Schicht" in der drittletzten Zeile realisieren "Ach so, ja, es geht ja um einen Bergmann ..."

 

DES BUCHES SEELE

In diesem Gedicht von 1902 geht es um die großen Themen Verstand und Gefühl, Wahrheit, Nihilismus, Licht, Seele, Bewusstsein, Gott.

Das Wort hat Gast-Rezensent Ludwig Wittgenstein:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“.

*

Andreas Graf schreibt im Jahrbuch der KMG von 1997 (u.a.):

„Die Strophen VI und VII sowie die ersten vier Verse von VIII werden von 'ihm' – vermutlich 'Gott' – gesprochen (V, 4: Er schaut sich um bei dir), müßten damit eigentlich zur Kennzeichnung der wörtlichen Rede in doppelter Anführung stehen.“

Ach, das wollen wir doch getrost dem lieben Gott überlassen, ob er in Anführungszeichen stehen will.

 

 

CHORAL AUS DER OSTER-CANTATE

Wenn man Kirchenlieder liest oder gar vortragen hört (und sieht), hat man oft den Eindruck, da ist der Inhalt in der Form verschwunden, da ist er ganz weit fort (Zitat Michael Kramer aus Hauptmanns gleichnamigen Drama). Diese adrett gekleideten Menschen mit dem bemüht liebenswürdig sein sollenden Gesichtsausdruck, hach, was sind wir ergriffen. Es sieht fast immer gleich aus. Das Kirchenchor-Einheitsgesicht. Vorher feilschen sie vielleicht um Sonderhonorare und Ruhezeiten, und dann sind sie alle auf Kommando ganz lieb und natürlich voll im Dienst der Sache. Wie schön.

Liest er die Seite 201 im Sonderband „Karl May und die Musik“, weht den geneigten Leser, aber vielleicht auch nur den, etwas anderes an. Das mag unter anderem daran liegen, dass es sich um ein Fragment handelt, und auch daran, dass das Ganze nicht in ein Reim-Korsett gepresst ist. Jedenfalls kommt hier von der Kraft der Worte und der Gedanken ordentlich etwas herüber.

Die Lösung steht auf der folgenden Seite 202: „Nach Meinung von Herrn Pastor Hammer scheint Karl May seinen Text selber verfasst zu haben. Wahrscheinlich hat er die genannten Lieder gekannt und – wie es so seine Art war – als Anregung benutzt“. Ja dann.

 

GERECHTER TADEL

"Natur, du gute Mutter" ... Nunja. "Natur, Du meine Göttin" sagt einer in "König Lear".

"Anstatt zum Wandervogel, Schufst du zum Menschen mich", dem Rezensenten fällt dazu u.a. ein, daß er einmal anläßlich des von mehreren Herren überzeugend vorgetragenen "Ich wollt' ich wär' ein Huhn" über den tieferen weltanschaulichen Hintergrund des Liedes nachdachte ...

Das Gedicht ist typisch Karl May, man muß es mehrmals lesen, um es zu verstehen, und auch dann sind wieder mehrere verschiedene Interpretationen möglich ...

Tadelt er nun wirklich ? ("Verzeih', ich tadle dich") Oder bittet er um Verzeihung, daß er getadelt hat ? Oder sieht er am Ende dieses Tadeln als Irrtum ?

"Die Freiheit hab' von Nöthen"; heißt das von Nöten frei sein oder Freiheit nötig haben ?

Hat er "'nen Paß und - kleines Geld", oder hat er das nicht, braucht es aber ?

Karl, drück Dich doch mal verständlicher aus ...

 

 

HERBSTGEDANKEN

Wie so vieles andere aus „Schacht und Hütte“, geht auch in diesem Text ein lachhafter Stil

(„Wie an dem keuschen, unter dem Weh des Scheidens seufzenden und von hoffenden Wünschen geschwellten Busen der Geliebten, so ruht der Empfängliche in der Umarmung des Herbstes und saugt aus seinem Kusse die Ahnung, daß Glück und Seligkeit wohl fliehen, nicht aber uns für immer fern bleiben können.“)

mit beachtlichem Inhalt

(„Mag das Laub fallen und die Blume welken, es liegt doch im Fallen und Welken kein spurlos Verschwinden und Vergehen, sondern die liebe, alte Mutter Erde ruft ihre Kinder nur zurück, um sie verjüngt und verschönert wieder in's Leben zu führen. So ist auch der Tod nicht ein Aufhören alles Seins, sondern eine Zurückkehr zur ursprünglichen Kraft, um die Errungenschaften dieses Lebens für ein neues Bestehen zu verwerthen.“)

Hand in Hand.

Der Schluss enthält auf der Werke-CD einen sprachlichen Fehler:

"wohl dem Baume, welcher Früchte trägt,
wenn die Hand des Alters an ihr rüttelt!"

das muß IHM (dem Baum) heißen
.

 

KENNST DU DIE NACHT

Kennst du die Nacht, die auf die Erde sinkt
Bei hohlem Wind und scheuem Regenfall,
Die Nacht, in der kein Stern am Himmel blinkt,
Kein Aug durchdringt des Nebels dichten Wall?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen
O lege dich zur Ruhe und sei ohne Sorgen!

Kennst du die Nacht, die auf das Leben sinkt,
Wenn dich der Tod aufs letzte Lager streckt
Und nah der Ruf der Ewigkeit erklingt,
Daß dir der Puls in allen Adern schreckt?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen
O lege dich zur Ruhe und sei ohne Sorgen!

Kennst du die Nacht, die auf den Geist dir sinkt,
Daß er vergebens um Erlösung schreit,
Die schlangengleich sich ums Gedächtniß schlingt
Und tausend Teufel ins Gehirn dir speit?
O sei vor ihr ja stets in wachen Sorgen,
Denn diese Nacht allein hat keinen Morgen!

*

Diesem Gedicht begegnet man (mit leichten Abwandelungen) des öfteren in Karl Mays Gesamtwerk, am bekanntesten dürfte die Stelle in Winnetou II sein, wo er es von seinem alter ego William Ohlert hat dichten lassen. Schon in Kindheit oder früher Jugend kann einem beim Lesen der Zeilen auffallen, dass hinter diesem Karl May wohl mehr steckt als ein Abenteuergeschichtenschreiber.

Inhaltlich muß man dem Autor nicht unbedingt zustimmen. Ein wenig von der Zuversicht der zweiten Strophe hätte er sich in der dritten bewahren können.

 

KYROS

“Der wenige Text von "Kyros" lässt jedoch eher vermuten, dass es May auch in diesem Fall nicht den großen Erfolg beschert hätte“, schrieb Kurt Altherr in einer Rezension. Dem ist durchaus zuzustimmen.

„"Kyros" blieb Fragment, da Karl May durch den Mißerfolg von "Babel&Bibel" seine Zeit für noch nicht gekommen sah.“ Und das (dass es Fragment blieb) ist auch gut so, möchte man hinzufügen.

May scheint ja am Theater, insbesondere in reiferen Jahren, einen Narren gefressen zu haben (vgl. „Chronik“), er hätte aber auch dort hören können, dass es für den Schuster manchmal eher besser sein dürfte, bei seinem Leisten zu bleiben …

Das mit dem "Verbitten" klingt immer so entsetzlich schulmeisterlich überheblich, und so soll es hier nicht wiederholt werden, aber daß es zum Theater-Dichter nicht wirklich mehr gekommen ist in der literarischen Laufbahn des Karl May, darüber müssen wir nicht unbedingt traurig sein ...

 

'DER LÖWE SACHSENS'

Schon spätestens in der "Liebe des Ulanen" war stellenweise aufgefallen, daß Krieg und Kampf auch auf unseren friedlichen Karl gelegentlich offenbar doch eine gewisse Faszination ausüben konnten, von "Eine Seehundsjagd", weil wirklich nur entfernt vergleichbar, ganz zu schweigen ... Vor an in Richtung Ernst Jünger u.a. denken lassenden Anwandlungen ist offenbar also auch ein Karl May nicht gefeit.

Nach deutschen Herzen und deutschen Helden begegnen wir in diesem Gedicht auch deutschem Muth und deutscher Kraft, bei letzterer sollen die Germanen aber im internationalen Vergleich gar nicht so gut wegkommen, war schon zu lesen.

Unfreiwillige Kalauer gibt's auch:

"Nun schwitzt gar manch ein Herz purpurnen Schweiß
Und schlägt nur, um zum letzten Mal zu schlagen",

darauf muß man erst einmal kommen. (Ob der purpurne Schweiß anders riecht als der übliche ?)

"Der Hagel wirft vernichtendes Metall", kaum spricht man von Ernst Jünger, kommt er sozusagen schon um die Ecke.

Und just in dem Moment, als man vielleicht denkt, so etwas würde eine Frau nicht schreiben, irgendwo haben die Herren der Schöpfung offenbar doch einen Schlag weg, trifft das Auge tatsächlich auf die Worte "Nur einer steht" ...

Auch des weiteren findet sich gar manches, was hier nicht unbedingt zitiert werden muß.

Vor keinem Text Karl Mays hat der Schreiber dieser Zeilen mit soviel Verständnislosigkeit und ratlosem Schulterzucken gesessen. Zu fremd erscheint es. Seinerzeit vermutlich aus taktischen Gründen verfaßt ...

 

MEIN ELYSIUM

Oft im Laufe seiner Schriftstellerei hat Karl May auf frühere Sujets zurückgegriffen und sie anders und neu ausgeformt, so auch hier sozusagen im kleinen: aus „Mein Liebchen“ wurde, das frühe Thema der Pfeife neu aufgreifend, „Mein Elysium“, wobei im Titel schon auffällt, dass der Mayster einen gewissen Hang zur Pathetik hatte.

Ganz wissenschaftlich-seriös beschäftigt sich der Reprint-Band „Ein wohlgemeintes Wort“ mit der Angelegenheit, und das ist auch gut so, es gibt immer ganz unterschiedliche Seiten der Medaille, die wahrgenommen werden wollen:

„in heiter-melancholischem Ton die prägenden Erfahrungen von Armut, Einsamkeit und enttäuschter dichterischer Ambition.“

Hieß die Pfeife in „Mein Liebchen“ noch die „liebe“ oder auch die „treue“, ist sie jetzt plötzlich „lang“, auf solche Details hinzuweisen halten wir für unsere Chronistenpflicht; zeigt sich hier vielleicht schon 1878 der Hang, von ursprünglicher angemessen-realistischer Bescheidenheit zu aufschneiderischen Übertreibungen schriftstellerisch sich zu entwickeln ?

Das Thema Karl May ist noch lange nicht ausgeforscht …

(Man denke sich ein Augenzwinkern.)


MEIN LIEBCHEN

Ah, es geht um eine der Rosen oder auch eine andere Blumensorte, die dem einsamen Mann so gut gefallen haben, denkt man vielleicht, wenn man diesen Titel liest und dazu ein vierstrophiges Gedicht abgedruckt sieht (im Reprint-Band „Ein wohlgemeintes Wort“ vom Gauke-Verlag).

Aber nein, nicht wirklich, könnte man formulieren; um die Pfeife geht’s. „Was ist es dann, wonach ich greife ? I nun !“ steht da.

„Im Waldesgrün, wo ich gelegen,
In Feld und Flur, die ich durchstreife,
Begleitet mich die treue Pfeife.“

Unzertrennlich, die beiden, wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef.

„Sie bleibt mir Braut durch’s ganze Leben“, nun wird es aber schon fast ein wenig geschmacklos, und am Schluß erhebt er sie auch noch in den Adelsstand,

„Sie heiße d’rum, ob man auch keife,
Von jetzt an: Edle von der Pfeife !“

Manchmal hat er aber wirklich arg übertrieben und viel Lärm um wenig gemacht, und die Grenzen des Geschmacks und der Seriosität auch schon mal locker überschritten. Es sei ihm verziehen.

 


NOTTOURNE

"Recht innig" heißt es bei den Noten hinter "Adagio", und so ist auch der Text, "Ged. und comp. von Karl May".

"Gesangverein Lyra" war offenbar der Ort des Geschehens, was den öffentlichen Vortrag betraf. 4 Männerstimmen.

Der Text erinnert, einmal mehr, an Hadschi Halef Omar und seine Hanneh, obwohl der kleine Mann sich zwar durchaus mindestens so blumig, aber vielleicht nicht so innig ausgedrückt hätte.

Im "Buch der Liebe", im "Verlornen Sohn" und in "Wanda" hat Karl May den Text seines Liedes verwendet, lesen wir, und bei der Veröffentlichung im Karl-May-Jahrbuch von 1919 wurde 1864 als Jahreszahl in Klammern angegeben. Sehnsüchte und unschuldige Träume des Zweiundzwanzigjährigen ?

(Sachangaben nach "Karl May und die Musik", S. 185/86.)

 

NUN GEHST DU HIN IN FRIEDEN (Komposition)

Erinnert inhaltlich sofort an das Ohlert-Gedicht aus Winnetou II sowie an den Schluß von "Ich fragte zu den Sternen"; in der Tat, die Natur zeigt uns doch jährlich mit ihren Jahreszeiten und täglich mit Morgen, Mittag, Abend, Nacht und wieder Morgen den ewigen Kreislauf, nur der Mensch wertet und besetzt, und das gern negativ.

In "Karl May und die Musik", S. 216 wird der wechselnde Sprachrhytmus angesprochen, und die Umsetzung in die Melodie. - Auch ohne Musik, ohne Melodie kann man solch wechselnden Rhythmus schön umsetzen bei sprachlichem Vortrag, und damit die wechselnde Stimmung herüberbringen, ohne in das starre Korsett gleichbleibenden Versmaßes gebunden zu sein. – (Bei den "Himmelsgedanken" ist eine Vortragsart vorstellbar, die sich an den vorgegebenen Rhythmus gar nicht hält, sondern sich durch die Worte, die Sprache, die Gedanken leiten läßt, mal hier, mal dort eine Pause macht, und sei es mitten im Vers, mal schneller, mal langsamer, mal ruhiger, mal engagierter wird, je nach Sinn und Atmosphäre, nicht nach äußerer Form.
)

 

DIE PANTOFFELMÜHLE

Ein Fragment oder Konvolut bespricht man vielleicht am besten auch fragmentarisch oder konvolutär, also, was fällt uns denn so auf;

zunächst, daß bei "Personale" nicht "Zaunengel", sondern "Zaunteufelengel" steht, mit durchgestrichenem "Teufel" in der Mitte, und dahinter "seine Frau"; wer hat ihm denn da die Feder geführt. "Hanne, Großmagd" und "Rosel, Kleinmagd" ist auch nicht schlecht, eine der Mayschen Rosen, mit angehängtem l etwas reduziert; sie sei "albern und ränkesüchtig", lesen wir auch kurz darauf, da haben wir es schon, ja, vielen Rosen gebührt das Verkleinerungs-l hintendran.

"Emil ist treu, aber listig, macht den Ansteller, da er die Gelegenheiten kennt"; was genau mag ein Ansteller sein, und ist  der Satz nicht vielleicht ein wenig widersprüchlich ?

Ja was ist das denn: "Doch davon fehlt dem Grobian / Der richtige Begriff / Sie schafft sich einen Hausfreund an / Und sorgt für bessern Schliff" ?!

Jetzt wissen wir, woran wir bei Anblick des Buches "Der geschliffene Diamant" zukünftig vielleicht jedes Mal denken werden.

Es folgt das Fragment "Zerrissen", über das sich schon Thomas Schwettmann weitgehend ausgelassen hat,

und die "Ode an das Schwein", die zwar in Sachen Humor nicht unbedingt überzeugt, aber inhaltlich durchaus mehr als etwa spätere Abhandlungen vom Edelschwein, pardon, Edelmenschen.

Beim "Schnitterlied" kann einen die humorige Gestimmtheit zwischenzeitlich verlassen, und wie wir Karl May kennen, hat er es genau so gemeint, Zsch zsch zsch. Es steht ja auch "ernst" darüber. ("Karl May und die Musik", S. 228)

"feierlicher Raptus" (S. 230 oben) im Anschluß an das "Duett", das hat schon was, wenn man sich erinnert, was es mit dem "Raptus" ansonsten auf sich hatte bei Karl May.

Vielleicht wäre das wirklich ein tolles Ding geworden, diese "Pantoffelmühle", tiefster Ernst und blühendster Blödsinn auf engstem Raum beieinander, abwechselnd oder auch gleichzeitig, eben echt Karl May. Aus dem Leben.

 

EINE PILGERREISE IN DAS MORGENLAND

„Ich fragte zu den Sternen“, ist enthalten, Hoffnung auf seelisches Wachstum in der Ferne finden wir in „Abschied von der Heimat“ und „Südwärts“, gewisse Reminiszenzen an Storms „Immensee“ in „Am Vierwaldstädter See“. Bei „Auf Rigi-Kulm“ kann man, insbesondere in den Strophen 2 und 3, an die Herren Abstrahierer und Zerpflücker denken (man muß, zum Beispiel, kein Theologe sein, um Wohlgschafts Buch zu verstehen und schön zu finden), „Am Gotthard“ erwähnt den allgegenwärtigen Versucher (kein Bilderbuchteufel, sondern etwas, das man auch im eigenen Innern oder z.B. in den Augen von Menschen, z.B. gewisser Staatsmänner finden kann), „San Salvatore“ und „Genua“ zeugen von milder Abgeklärtheit, auch das inhaltlich einigermaßen erschreckende „Genua“ kommt ja ganz unaufgeregt und unpathetisch daher.

Sie sind so übel nicht, die Mayschen Gedichte, und auch inhaltlich interessant.



RÜCKBLICKE EINES VETERANEN

Dieser Text steht offenbar nur in dem vergriffenen und auch antiquarisch schwer erhältlichen Band "Fürst und Leiermann", ganz hinten, und das ist auch gut so.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich, daß es sich um einen leicht abgewandelten "Löwen Sachsens" (siehe dort) handelt, da kamen doch einige Formulierungen gleich allzu bekannt vor.

Einige Strophen stimmen wörtlich überein, andere lauten völlig anders oder unterscheiden sich z.B. wie folgt:

Heißt es im "Löwen Sachsens" in der ersten Zeile der zweiten und siebten Strophe "Im Norden" bzw. "im Süden", so steht da in der Frühfassung an entsprechender Stelle konkret "Bei Düppel" bzw. "Durch Böhmens Wälder". Statt "Bei Sanct Privat, bei Sedan und bei Brie" lesen wir "Dort gegen Abend, wo der Franke haust".(!)


 

STÄNDCHEN

"Langsam und ausdrucksvoll", schlicht und schön. "Ged. und comp. v. K. May", Gesangverein Lyra, Sängerkreis zu Ernstthal. Da hätten wir ihn gern mal erlebt.

("Karl May und die Musik", S. 194/195.)

 

TROST

Der Text spiegelt, so im Reprint-Band "Ein wohlgemeintes Wort" vom Gauke-Verlag nachzulesen, "offensichtlich die während der Zuchthaushaft erlittene Isolation des Autors wider: Die Trostlosigkeit des auf sich selbst geworfenen Individuums wird durch keine mitmenschliche Anteilnahme gelindert", und, so dort weiter, irdisches Leid diene "nur der Bewährung".

Dazu ist, im Stile von Franz Kafkas "Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als ihren Gesang, nämlich ihr Schweigen" zweierlei anzumerken: es bedarf gar keiner Zuchthaushaft, um Isolation zu spüren, das geht auch mitten in der Großstadt, ja, mitten in "geselliger Runde". Und die mitmenschliche Anteilnahme, selbst wenn sie da ist, kann an solch Isolierten abprallen wie an einer Gummiwand bzw. über den Graben, den diese gleichsam um sich haben, nicht herüberkommen, wenn sie als eine Art Mechanismus wahrgenommen wird, hinter dem letzten Endes nicht allzu viel ist, wie es z.B. auch bei Glückwünschen, Lob u. dgl. oft der Fall ist.

Davon aber abgesehen, der erläuternde Text im Reprint-Band ist immer noch interessanter als das Gedicht selbst, das ein wenig in ungutem Sinne theatralisch und pathetisch daherkommt.

Und das vielzitierte treue Vaterauge, das wir hier gleich vier mal in etwas kitschiger Manier um die Ohren kriegen, begegnete uns ja auch im "Verlornen Sohn", an einer Stelle, wo es allerdings als bewußt zynisch oder auch sarkastisch eingesetzt herüberkommt. (Oder herüberkommen kann. Die Wahrnehmungen sind, wie sich an diesem Beispiel seinerzeit zeigte, recht unterschiedlich ...)

 

VERGISS MICH NICHT

Hier handelt es sich um ein Gedicht, das 1897 entstand und später in die "Himmelsgedanken" aufgenommen wurde, dort ist es eines der beachtenswerteren. Karl May hat es auch vertont, und es findet sich mit Noten und kommentierenden Angaben im Sonderband "Karl May und die Musik", S. 209-211.

Zu beachten ist, daß in den "Himmelsgedanken" von "Verlass mich nicht" die Rede ist, bei der Vertonung (und ursprünglich im Manuskript) indes von "Vergiß mich nicht" (jeweils neun mal).

"Choralmäßig langsam, mit Innigkeit", für gemischten Chor.

Ohne die Musik gehört zu haben, die Angelegenheit dürfte, z.B. von Christian Brückner oder etwa Rolf Hoppe gesprochen, hörenswerter sein als von gemischtem Chor vorgetragen. Es muß auch nicht choralmäßig langsam sein; ‚mit Innigkeit‘ schon.

Das ständig wiederholte "Vergiß mich nicht" ist eigentlich ein Widerspruch zur tiefen Gläubigkeit, wie sie sich in den "Himmelsgedanken" vermittelt, ist. Wie soll er ihn denn "vergessen". Hier werden Ängste projiziert; wenn man es ganz genau nehmen will, müßte es eher "Laß' mich Dich nicht vergessen" heißen, bzw., es mag sinngemäß "Steh' mir bei" oder "Bleib' bei mir" gemeint sein. "Verlaß mich nicht" ist da so gesehen schon sinniger.

 

WANDERGRÜSSE

Da könnte man nun wieder allerhand hinein- oder besser herausinterpretieren, aus diesen zehn Zeilen, die offenbar erst im Mai 2004 wieder (nicht neu) entdeckt wurden.

Zunächst einmal: Dinge begegnen uns immer wieder, in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Und so sieht der Wanderer in den älteren Leuten, die ihm da begegnen, seine eigenen Eltern.

Und in jedem ros'gen Mägdelein das Liebchen sein, in weiter Ferne. Philip Roth drückt etwas Ähnliches an einer Stelle in einem Roman auch recht hübsch aus. Leider ist das hier kaum zitierfähig.

Zitieren wir also lieber Karl May:

"Und weihe freudig dann durch sie
Dem Liebchen mein in weiter Ferne Aus voller Brust ein Wanderlied."

...

(die "Wandergrüsse" wurden abgedruckt in "Karl May & Co." - Heft vom Mai 2004.)

 

 

WANDERLIED

Zunächst einmal kann man an einer interpretatorischen Frage hängen bleiben: die Trauer der letzten Zeilen "o, wie geht es durch die Gassen / langsam vor das Tor hinaus", kommt die jetzt daher, weil man wegen der gefundenen Liebe ("Hat man wo sein Herz gelassen") nun eigentlich nicht mehr weg will, oder gar daher, daß es mit dem Wandern nun aus ist ? Nun, das dürfte von Fall zu Fall verschieden sein, und, wie alles, eine Frage der Betrachtungsweise, der Drehung des Prismas.

Hartmut Kühne schreibt in "Karl May und die Musik" auf S. 187: "Nachdem der erste Tenor in Takt 13 mühsam das d gelernt hat, muss er jetzt das schwieriger zu treffende es neu lernen." Ja, so ist das im Leben, der Komponist kann nichts dafür, warum soll er es den Leuten einfacher machen.

Und das Maysche Stilmittel wie Quintenparallelen (was immer das sein mag) "in den Lehrbüchern verboten!" sind, glauben wir gern, um so etwas hat sich Karl May gottlob nie geschert.

Und der zitierte Finke (Max, wohlgemerkt) irrt mit seinem "Sein Kontrapunkt ist unausgebildet, formale Fehler unterlaufen" zumindest nach dem Komma, bzw. macht es sich zu einfach; bei May war allerhand unausgebildet, nicht nur der Kontrapunkt, wohl wahr, aber um die formalen Dinge hat er sich ganz bewußt nie gekümmert, und das ist auch gut so
.

 

 

WARNUNG (Komposition)

"O gräme nie ein Menschenherz, der Gram geht bis aufs Blut. Und all den Kummer, all den Schmerz machst du nie wieder gut."

(Das mag sein. Andererseits, in Sachen Härte:)

Aber Karl, bitt'schön. Nun guck' doch mal wie der Hadschi Halef manchmal mit den Leuten umgesprungen ist. Watt mutt datt mutt.

Man denke sich einen Fußballtrainer, der lieb und nett von der Seite "Fritz, würdest Du bitte so lieb sein, mehr Flanken zu spielen ?" höflich einwendet; man würde ihn vermutlich nicht mal akustisch verstehen. Und eine Sache des Temperamentes ist es natürlich auch. Daß Rudi Völler ein herzensguter Kerl ist, steht ihm doch geradezu ins Gesicht geschrieben, sein wunderbarer Talk mit dem Weißbierfreund, von dem (seitens Völler) Lautstärke und inflationäre Kraftwort-Verwendung in Erinnerung blieben, ändert an seiner Liebenswürdigkeit nun rein gar nichts, im Gegenteil.

Und daß man die Leut' mit Härte gleich ins Grab schickt, ist nun wieder ächte Maysche Übertreibung, gelegentlich sind sie vielleicht etwas bleich (aber gefaßt), und schon Hanns Dieter Hüsch sang "aber das ist manchmal ganz gesund".

In "Karl May und die Musik" lesen wir auf S. 192, das Gedicht sei von Freiligraths "Der Liebe Dauer" beeinflusst, das klingt nach dem sozusagen optimistischen Herrn Coelho, die erste Strophe "O lieb, so lang du lieben kannst!" ebenfalls, zusätzlich erinnert es auch an Tucholsky, der ganz Ähnliches, etwas anders gemeint, deutlich nüchterner betrachtet und rückblickend auf längere Zeiträume bezogen, einmal ebenso (wortweglassenderweise) dezent wie schlicht ausdrückte.

Mitten im Gedicht ändere sich plötzlich der Rhythmus, lesen wir weiter. Auch das ist im Leben wie im Gedicht schon mal des öfteren so, die Schlußfolgerung "Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass das Gedicht von May nicht in einem Zug verfaßt wurde" läßt nun wiederum an den vielzitierten altfränkischen, den von Nürnberg nach Fürth zum Beispiel, denken, und kalauern, es könne natürlich auch in einer Postkutsche passiert sein. Aber, nun ganz im Ernst: daß das auch ein bewußtes und schönes Stilmittel sein kann, daß sich plötzlich der Sprachrhytmus ändert, darauf scheint der Kommentator nicht zu kommen. Und Deutschlehrer hätten vermutlich gar von Formfehler o.ä. gesprochen.

 

 

WEIHNACHTSABEND

Inhaltlich ist durchaus ‚einiges los‘ mit diesem Gedicht, egal in welcher Fassung.

„Tod und Verklärung“ heißt ein Musikstück von Richard Strauss, genau das haben wir auch hier. Ins Rosenrote.

 

 

WEIHNACHTS-CANTATE (Komposition)

Hier handelt es sich trotz ähnlichen Beginns nicht um die sattsam bekannten Verse des Weihnachtsgedichtes, das durch Karl Mays Gesamtwerk geistert und das mit seiner Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Lyrik mittlerweile sozusagen etwas abgedroschen wirkt, wobei die Geschmäcker natürlich verschieden sind. Nein, diese sich gar nicht reimenden Zeilen zu lesen ("Karl May und die Musik", S. 197) ist dagegen regelrecht wohltuend.

"Man muss den Notentext entweder bearbeiten oder fortgesetzt Dissonanzen in Kauf nehmen" steht da auf S. 197 im Kommentar, auch nicht übel. Also ein richtiger Karl-May-Freund nimmt selbstverständlich lieber fortwährend Dissonanzen in Kauf, schließlich ist es ja im Leben auch nicht anders, und wir erinnern uns an Hölderlin, "Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit, und alles Getrennte findet sich wieder". Aber das verstehen Bearbeiter vermutlich nicht.

 

WENN UM DIE BERGE VON BEFOUR ...

"Das Gedicht zieht sich - ähnlich wie das Weihnachtsgedicht - durch das Werk" heißt es in der Bücherdatenbank im Bemerkungsfeld zu diesem Text. Wohl wahr. Und eine weitere Parallele besteht darin, daß, wenn beide im Gesamtwerk fehlten, der eine oder andere nicht allzuviel vermissen würde. Da gibt's andere, auch von Karl May, "Ich fragte zu den Sternen", "Ich kehre heim", die sind anderen Formats. Von Gedichten Rilkes, an den Karl May, was Gedichte betrifft, nun wirklich auch nicht annäherungsweise herankommt, ganz zu schweigen.

Karl May hat an diesen seinen Versen offensichtlich einen Narren gefressen.

 


GEOPRAPHISCHE PREDIGTEN

Hier erfahren wir allerhand über Gott und die Welt, im wahrsten Sinne der Worte. Es handelt sich um kleine Aufsätze aus Karl Mays Redakteurszeit, mal mehr, mal weniger interessant, mal mehr, mal weniger reizvoll zu lesen. Unter der Spreu-Schicht allerhand Weizen ...
 

Himmel und Erde

Dieser Text erinnert des öfteren an "Ich fragte zu den Sternen ...", dort ist einiges in "Himmel und Erde" angesprochene sehr schön essentiell komprimiert und in eine andere Form gebracht.

Es ist keineswegs Kitsch, wenn man es richtig bzw. ernsthaft liest.

 

Land und Wasser

Lange vor Raumfahrt-Zeiten sozusagen die Vision der Erdbetrachtung von außen ...

Schön versetzt er sich hinein in unterschiedlich "Heimweh"-Geplagte:

"Mag die Armuth den Gebirgsbewohner weit hinaus in die Fremde, hinunter in das flache Land treiben, er muß doch zurück und findet Ruhe nur zwischen den aufstrebenden Zacken seiner Berge, und mag der Seemann weit hineinwandern in das grünende und blühende Land und schwelgen in Vogelsang und Blumenduft, es kommt doch die Stunde, in welcher ihn die Sehnsucht nach dem Meere übermannt und ihn zurückzieht auf die Planken seines Fahrzeuges, wo er dem gewohnten Sogge lauschen und dem Sturme kühn die Stirn bieten kann."

Noch einmal: wenn man sich an der gelegentlich gewöhnungsbedürftigen Sprache nicht stört und den Blick aufs Inhaltliche fokussiert, ist es nicht kitschig.

 

Berg und Tal

Landschaften sind auch Gleichnisse ... wie außen so innen.

Der Text zum Samum - Inspiration für Franz Kandolfs selbstverfaßtes Kapitel in "Allah il Allah" ?

Selbst in einem solchen Text vermag Autor May Spannung zu erzeugen, die Schilderung der Karawane auf dem Weg zur Oase ist in der Hinsicht sozusagen vom Feinsten.

"Hat der Wanderer den bevölkerten Osten der Vereinigten Staaten verlassen und den Mississippi, den 'Vater der Ströme' überschritten, so betritt sein Fuß den Schauplatz jenes Verzweiflungskampfes, in welchem der Indianer seine letzten Pfeile gegen die Vertreter einer blutgierigen und rücksichtslosen Civilisation entsendet."

"Jene weiten Flächen, deren animalische, vegetabilische und mineralische Reichthümer immer neue Tausende von 'Pionnieren der Bildung und Gesittung' anlocken, werden die Todeszuckung einer Nation sehen, welcher der Vorurtheilsfreie seine Theilnahme nicht versagen kann, obgleich die Politik der Ausrottung von ihren fanatischen Vertretern mit zahlreichen Entschuldigungsgründen vertheidigt worden ist."

"Was und wie der Indianer nicht sein sollte, das und so ist er durch seinen christlichen Bruder geworden, welcher, das Evangelium der Liebe auf den Lippen und die Mordwaffe in der Faust, das Menschengeschlecht und die Weltgeschichte einer reichen Anzahl unschätzbarer Entwickelungsmomente beraubte."

Deutliche Worte ...

Zwischendrin auch allerhand 'Leerlauf', keine Frage ...

Der Schluß verdient wieder besondere Aufmerksamkeit:

"Es offenbart sich eben dem denkenden Verstande eine innige Beziehung selbst zwischen den äußerlich feindseligsten Gegensätzen, und wie gerade die alles Leben tödtende Gluth der Wüste von einem allweisen Willen gezwungen wird, empor zu steigen und als Leben spendender Wärmestrom den Frühling nach den Polen zu tragen, so hat alles Das, was dem schwachen Auge als zwecklos oder gar schädlich erscheint, eine Bestimmung zu erfüllen, welche den von unserer Erde getragenen Wesen zum Heile gereicht. Keine Schrift ist so deutlich und correct wie diejenige, mit welcher im Buche der Natur der Beweis vom Dasein eines allmächtigen und allliebenden Gottes geführt wird."

 

Wald und Feld

"'Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben,' und dieser Eine wird von Tausenden verspottet und von Millionen vergöttert, weil die Einen ihn gar nicht und die Anderen ihn nur halb verstanden." Auch nicht übel; ebenso, daß er diesen Gedanken dann nicht weiter kommentiert.

"aber die unerbittliche und unbestechliche Wissenschaft entreißt ihm ein Vorurtheil nach dem anderen, entkleidet die Legenden, welche seinem Selbstgefühle schmeichelten, ihres Heiligenscheines und zwingt ihn, die heilsame Arznei der Wahrheit zu trinken, um zu einer gesunden, irrthumsfreien Welt-und Lebensanschauung zu gelangen." Nicht nur die Wissenschaft tut dies, auch intuitive Erkenntnis und Selbsterkenntnis.

"Ist es nicht ebenso bei dem Menschen? Durch Geselligkeit wird er heiterer, in seinem Aeußern gefälliger; die Einsamkeit macht ihn in sich gekehrter, rauher, ja – wilder." Und was ist nun besser ? Sind etwa Heiterkeit und Gefälligkeit naturgemäß so erstrebenswert ?

Gar poetisch geht's zu weiterhin, und das muß einem nicht immer gefallen. 

 

Mensch und Thier

"So hat jedes, auch das kleinste und unscheinbarste, das häßlichste Wesen seine Bestimmung, um deretwillen ihm der denkende Mensch die wohlverdiente Achtung zollt. Eine Frage nach der Bestimmung des Thierlebens im Großen und Ganzen würde eine, ganze Bände umfassende Antwort erfordern, die sich übrigens dem ernsten und liebevollen Beobachter ganz von selbst an die Hand giebt. Der Fleischesser, der Gerber, der Schuhmacher betrachtet die Welt der Thiere von einem sehr materiellen Standpunkte, während der Künstler durch die Macht der Idee den Stoff zu durchgeistigen weiß. Dem Forscher aber sind all' die vielen und verschiedenartigen tierischen Daseinsformen ebenso viele Offenbarungen einer aus dem Staube in das Reich des Geistes emporführenden Wesenskette, deren jedes einzelne Glied zur Bildung des Ganzen erforderlich war, und grad so und nicht anders ist, als es sein Zweck erforderte."

Und das gilt in ähnlicher Weise über die Tierwelt hinaus für alles.

"Gott hat Alles weiser geordnet, als der Sterbliche kennt und begreift. Wo der Mensch Störungen seiner eigenen Absichten oder Fehler in der Naturordnung beklagen zu müssen glaubt, ist ihm ohne sein Wissen und Verstehen eine Wohlthat geschehen, deren segensvolle Folgen sich auf die Zeitdauer von vielen Jahren erstrecken, um den etwaigen augenblicklichen Schaden tausendfach zu ersetzen."

"Wie könnte ferner allein die Bewohnerschaft Londons jährlich 110 Millionen Stück Austern verspeisen, wenn diese Muschel nicht eine so ungeheure Vermehrungsfähigkeit besäße, und ebenso ist es mit den Kaninchen, von welchen allein Ostende allwöchentlich bis gegen 100000 Stück in die Londoner Küchen liefert." Diese Stelle wurde Karl May angekreidet. Dabei dürfte derjenige es sich mit seiner Interpretation zu einfach gemacht haben. Nicht grob wirkender Pragmatismus dürfte hier dahinterstecken, sondern so etwas wie die Erkenntnis, daß alles mit allem zusammenhängt und nichts zufällig ist. Oder auch so etwas wie "höherer Sinn", vielleicht an einem etwas unglücklich gewählten Beispiel demonstriert.

"Sie haben nicht nöthig, einander zu suchen oder ihre Triebe zu erkennen zu geben und leben, mit ihren Begierden in sich selbst verschlossen, allein und in tiefster Einsamkeit." Das soll auch unter Menschen in ähnlicher Form gelegentlich vorkommen.

Lange Zeit ist der Text eine ziemliche Geduldsprobe, und dann kommt wieder so etwas:

"Unter den gesellschaftlichen Trieben stehen der Fortpflanzungs- und der Wandertrieb oben an. Der erstere führt die einzelnen Individuen einander zu und binden sie entweder für eine nur kurze, oft aber auch für eine längere Dauer, zuweilen sogar für die ganze Lebenszeit. Während die Geschlechter gewisser Thierarten sich nur zu ganz bestimmten Zeiten suchen und einander dann fliehen oder wohl gar feindlich gegenüber stehen, beobachten wir bei anderen wieder eine ausdauernde und rührende Anhänglichkeit, wel che nur durch den Tod oder andere gewaltsame Ereignisse aufgelöst werden kann. Man denke z.B. an die Tauben, bei denen Männchen und Weibchen mit einer Treue zusammenhalten, welche ihren Paarungen den Namen 'Ehen' gegeben hat, oder an gewisse Stelzfüßler (Storch etc.), bei denen die eheliche Untreue nach einer vorher erfolgten förmlichen Gerichtsverhandlung sogar mit dem Tode bestraft wird, wie man wiederholt beobachtet hat."

Und es menschelt weiter:

"Während die meisten Thiere in Monogamie leben, ziehen andere die von unseren Gesetzgebern angefochtene Vielweiberei vor und liefern uns Beispiele einer Haremswirthschaft, wie sie bei den Völkern des Orientes nicht ausgebildeter gefunden werden kann. Da lebt der 'Herr des Hofes,' der 'hellkrähende,' mit seinen Favoritinnen in einer ewigen Flitterwochenzeit und gebietet als unumschränkter Sultan oder Schah – hin – Schah über das Wohl und Wehe seiner scharrenden, kratzenden, gluchsenden und gackernden Zuleiken und Fatimen. Besonders hegt die Ordnung der Hühner, Schwimm- und Wasservögel mit allen ihr Zugehörigen eine sehr ausgeprägte Sympathie für diese türkischen Zustände, denen der eieressende Mensch die Reichlichkeit eines seiner liebsten und nahrhaftesten Genußmittel verdankt." Vielleicht hat Karl May beim letzten Satz gedacht, davon hat's der Mensch ... (nicht nur die Reichlichkeit des Genußmittels).

Da haben wir's doch schon:

"Wir finden das menschliche Leben und Treiben in der Welt der Thiere zuweilen so überraschend vorgebildet, daß es gar nicht zu verwundern wäre, wenn die Bienen, Wespen, Ameisen, Termiten, Prairiehunde und Biber auch ihre Bebel's und Liebknecht's, ihre Lasker's und Windhorst's, ihre Beust's und Bismarck's hätten. Wer ein solches Völkchen, z.B. einen Ameisenstaat genau beobachtet, wird Gelegenheit haben, immer neue Merkwürdigkeiten zu entdecken, welche ihn unwillkürlich zu Vergleichen nöthigen."

"Deshalb ist er geneigt, Alles nur von seinem selbstischen Standpunkte aus zu beurtheilen und kommt so zu oft falschen Ansichten. Das Thier, welches ihm seine Freiheit nicht opfert, nennt er wild, dasjenige, welches sich zuweilen unter seinem Joche noch zu sträuben wagt, falsch und heimtückisch, das sich knechtisch unterwerfende treu, das Raubthier, trotzdem es nur dem ihm innewohnenden Naturgesetze folgt, blutdürftig und grausam, das Rind, das Schaf, die Seidenraupe, die Biene nützlich, die Viper, den Scorpion, die Raupe schädlich, und das Alles nur, weil er sich nicht zu der vorurtheilsfreien Anschauung erhebt, nach welchem jedes Wesen ebenso wie er selbst ein berechtigtes und wohlbegründetes Dasein zu führen hat, um einem weisen Schöpfungsplane zu dienen." Und auch das gilt wiederum über die Tierwelt hinaus; der Mensch wertet nach seinem eigenen beschränkten Horizont, und dabei kann ja nicht allzuviel vernünftiges herauskommen.

"Der Tiger, welcher sich im Blute seines Opfers berauscht, die Boa, deren Schlund sich selbst für einen Ochsen zu weiten vermag, das Krokodil in seiner abschreckenden Gestalt und häßlichen Gefräßigkeit, sie alle müssen dem Menschen weichen, weil er die bisher von ihnen zu lösende Aufgabe in seine Hände nimmt, um in der Polizeiverwaltung der Natur das Präsidium zu führen und die lebenden Wesen unter eine Regierung zu vereinen, welche den Naturgesetzen Rechnung trägt, indem sie das unversöhnlich Schroffe mildert und in eine weniger rauhe Gewandung kleidet." Aus optimierungstechnischem Pragmatismus ...

"Diese Civilisation legt an die Berechtigung der Existens den Maßstab des Nutzens, welchen ein Geschöpf dem andern, vorzüglich aber dem Menschen bringt. Je größer die Vortheile sind, welche ein Thier dem Letzteren bietet, desto lieber und sorgsamer nimmt er es in seine Pflege, unter seinen Schutz und sorgt für die Erfüllung aller nothwendigen Lebensbedingungen. Mit ihm dem Menschen, entwickelt sich auch das Thier, indem es sich den verschiedenartigsten Veränderungen unterwirft, und es ist gar nicht zu leugnen, daß in Beziehung auf das Thierleben ebenso von einem Fortschritte gesprochen werden kann, wie in Beziehung auf die Zustände der menschlichen Gesellschaft." Dies allerdings kann man durchaus bezweifeln.

"Das Eingreifen des Menschen in das Leben der Thiere ist meist ein gewaltthätiges. In den zahlreichsten Fällen steht er ihnen als Mörder gegenüber, um mit ihren Körpertheilen des Leibes Nahrung und Nothdurft zu decken und einer Menge von Industriezweigen die nöthigen Producte an die Hand zu geben. Selbst da, wo er, wie z.B. der Landmann, seine thierischen Untergebenen mit dem Namen 'Nutzvieh' bezeichnet, ist sein Verfahren von der Selbstsucht geboten, laufen seine sogenannten humanen Bestrebungen auf die Rücksichten des Eigennutzes hinaus und führt seine Pflege doch nur zu einer Schädigung an der Freiheit und dem Leben der in seinem Besitze befindlichen Geschöpfe." Ob er auch an Herrschende und Beherrschte gedacht hat ?

Mit launigen, wagnersch wirkenden Versen Mays (oder wer war das ? Ein Autor wird nicht genannt) wollen wir die Betrachtungen zum Kapitel beenden:

"Heil Dir, geborstetes,

Ewig geworstetes,

Dutzend geborenes,

Niemals geschorenes,

Köstliches Schwein.

Heil, Heil und dreifach Heil

Dem Schwein und seinem Hintertheil!"

 

Strom und Straße

Einiges ist so indifferent oder auf ganz verschiedene Weise deutbar, daß eine Kommentierung schwerfällt, lassen wir daher im Folgenden einiges einfach mal so stehen.

"Auch ein jeder einzelne Mensch hat seine Wege und Straßen, welche er geht, und fühlt den Einfluß gewisser Strömungen, dessen Wirkung er nicht zu annulliren vermag."

"Wie oft gleicht das Leben eines Menschen einer breiten, geebneten Chaussee, welche durch lachende Gefilde führt und das Vorwärtskommen beschleunigt, indem sie alle Hemmnisse schon im Vorher glücklich überwunden hat! Solche Menschen, meist hoch oder reich geboren, fliegen von Baum zu Baum, von Blume zu Blume, von Genuß zu Genuß und sehen in dem irdischen Sein nur eine ununterbrochene Reihe von Vergnügungen, in denen sie Glück und Befriedigung zu finden glauben. Und doch ist ihnen das wahre Glück, die wirkliche Herzensbefriedigung versagt, denn das Glück ist kein wirklicher, greifbarer Gegenstand, sondern einzig und allein nur zu finden in dem Ringen nach ihm. Nicht das Ziel ist es, was begeistert, sondern das Streben nach demselben bringt mit jedem neuen Schritte, jedem neuen Erfolge auch immer größere Genugthuung und Beseligung, und ist es erreicht, so schweift der Blick sofort wieder in die Ferne, um sich neue Ziele zu suchen."

"Wie oft gleicht das Leben eines Menschen einer angestrengten und mühevollen Wanderung auf steilem, schwindelndem Pfade, der an Abgründen und Schluchten vorüber in das Land des Jenseits führt! Solche Menschen scheinen von der Vorsehung bestimmt, den Fluch: 'Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen' in ganz besonderer Weise zu tragen; aber grad' die Leiden sind die besten Gaben des Himmels, und in den schmerzensreichen Geschicken ruht eine tiefe göttliche Weisheit und Liebe. Freilich wer das Leben von dem Standpunkte des Vergnügens aus betrachtet, will sich zu dieser Anschauung nicht bequemen; 'laßt uns heut essen und trinken, denn morgen sind wir todt,' ist der Wahlspruch, welcher in der Vertheilung der irdischen Gaben eine Ungerechtigkeit des Himmels erkennt und die wohlthätige, erziehende Macht der Noth und der Sorge leugnet."

"Es kann gar nicht geleugnet werden, daß in dem frischen, fröhlichen Wanderleben ein Reiz liegt, welcher den Fuß nach kurzer Ruhe immer wieder hinauszieht in die schöne, reiche Gotteswelt; auch waren die Anschauungen und Erfahrungen, welche der 'Handwerksbursch' von seiner Wanderschaft mit in die Heimath brachte, von nicht geringem Werthe für ihn und Diejenigen, mit denen er in Berührung kam; aber die Gegenwart duldet nicht mehr den Bummelschritt der Vergangenheit; sie hält es für eine Sünde gegen die Pflichten des menschlichen Berufes, die kostbare Zeit und Arbeitskraft auf die Landstraße zu werfen, und bietet einem jeden arbeitslustigen und nach Erfahrung strebenden Menschen der Mittel und Wege genug, ohne Verschwendung des Augenblickes und der ihm innewohnenden Gaben zum Ziele zu gelangen."

"Mag man immerhin die verloren gegangene Poesie des 'Lebens auf der Walze' beklagen, eine große Anzahl der diesem Leben und Treiben Ergebenen waren Verehrer des süßen Nichtsthuns, lebten aus der Tasche Anderer und mußten moralisch als die Verbreiter von Gesinnungen genannt werden, welche mit der Zucht und Sitte nicht im Einklange stehen." Da weiß einer wovon er spricht.

"In der sittlichen Verkommung kann niemals eine Poesie liegen, und wer will es wohl wagen, das gigantische Ringen der jetzigen Zeit, den selbst die gewaltigsten Hindernisse überwältigenden, stolzen Flug des alle Versäumniß hassenden Menschengeistes poesielos zu nennen? Unsere Ströme werden schiffbar und tiefer, unsere Straßen breiter und kürzer, unser Jahrhundert schlendert nicht, nein, es rauscht auf den Fittichen des Dampfes seinen Zielen zu, und einem Jeden gilt der Mahnruf: 'Rasch einsteigen, die Glocke hat zum dritten Male geläutet!'"

Nur wer weiß, vielleicht läutet sie, vor lauter "Fortschritt", eines Tages zum letzten Mal ...

 

Stadt und Land

"Wohl dem Manne, welchem es gelang, im Kreise seiner Mitbürger festen Fuß zu fassen; er hat sich aus der Brandung des Lebens gerettet auf den sichern Felsen eines heimathlichen Herdes!" (Benjamin Franklin)

steht dem Kapitel voran, indes läßt sich so etwas wie heimatlicher Herd z.B. auch im eigenen Innern bzw. auf weltanschauliche Weise finden, jenseits der Kreise von Mitbürgern.

"Die gewaltigen Wogen der Zeit umrauschen den winzigen Planeten, welcher auf seiner zerbrechlichen Kruste das Volk der Menschen trägt; sie thürmen sich hoch empor an den Grenzen des irdischen Lebens, lecken und nagen an der trügerischen Festigkeit alles Bestehenden und lassen ihre Donner über den ganzen Kreis der Erde erschallen. Jahre, Monden, Wochen, Tage und Stunden fluthen in endlosem Drange über die Scene und wälzen aus ihren unergründlichen Tiefen jene zusammenhängende Reihe von Ereignissen an die Sonne, welche den Inhalt und Gegenstand der Geschichte bilden. Das gährt und treibt, das wallt und gebährt, das kocht und sprudelt, das spritzt und zischt, und kein einziger dieser Tropfen ist ohne Inhalt, jede dieser Wogen birgt ihre Thatsachen, und unerforschliche Gesetze geben dem scheinbar Getrennten und Beziehungslosen innigen Zusammenhang." So ist das.

"Turniere zwischen Stoff und Idee" ist auch eine hübsche Formulierung.

"Für den Krieg der Geschöpfe gegen einander ist fast jedes derselben mit einer Waffe ausgestattet worden, welche sich entweder für den Angriff, die Vertheidigung oder auch zu beiden zugleich eignet." Friede auf Erden ? ...

"ist von Anbeginn der Geschichte an das Streben des Einzelnen, mit Seinesgleichen in Vereinigung zu treten", nicht immer gelingt das indes; der das schrieb, saß selber die meiste Zeit seines Lebens allein am Schreibtisch, und das war auch gut so für ihn.

"Die dunklen, furchterweckenden Schatten des Mittelalters sind verschwunden, und hellere, freundlichere Bilder ziehen über den Vorhang, hinter welchem die nie ruhende Geschichte ihre Gestalten bildet." Ein schönes Bild ...

"Zwar wird, so lang die Erde lebende Geschöpfe trägt, auch Kampf und Feindschaft auf ihr herrschen, aber der Einzelne hat nicht mehr den Einzelnen zu fürchten, und wo ein Streit entbrennt, wo das Schwert aus der Scheide fährt und der Schlachtentod seine blutigen Erndten hält, da giebt es Gesetze, Rechte oder doch ein gegenseitiges Uebereinkommen, und die früher rohe Gewalt wird in Rücksichten gekettet, denen sie sich nicht entwinden kann." Eine Art Optimierung ... erinnert an den Schluß der 'Sklavenkarawane', wo es (im Original) heißt, jemand habe sich vorgenommen, zwar bei der Sklavenhändlerei als einträglichem Geschäft zu bleiben, sie aber zukünftig 'etwas menschlicher' zu betreiben.

"Und ist das Raubritterthum nicht ausgestorben, so hat es sich modernisirt und sucht durch geistige Mittel zu erreichen, was es durch Anwendung von Gewalt nicht zu erlangen vermochte." Das stimmt, aber "Es hat in dem Gesetze einen furchtbaren und übermächtigen Feind bekommen", jenun, der Eindruck vermag sich nun nicht so durchgehend zu vermitteln.

"Die Arbeit ist das festeste Band, welches sich um die Glieder der menschlichen Gesellschaft schlingt; sie duldet kein Absondern, keine Einsiedelungen, kein abgeschiedenes Dahinträumen", das spricht sozusagen der Oberträumer.

"die Natur ist nicht ein weiches, zartes, sentimentales Weib", es ist zwar richtig, daß die Natur weder weich noch zart noch sentimental ist, aber ob ein "Weib" das ist, dürfen wir getrost auch mal dahingestellt sein lassen.

Der Landbevölkerung abgeguckter zielgerichteter Pragmatismus á la

"Na, Stine, wie wär't denn? hihihihi!"

Das Mädchen reibt sich, nach dem ausgegangenen Athem schnappend, die blauanlaufende Stelle und antwortet:

"I na, Jochem, dat kun ja woll sin! hihihihi!"

ist auch in der Stadt zu beobachten, auch ohne hihihihi und meistens doch in kaschierterer Form.

"Was der Großvater für recht und gut erkannte, das hält noch der Enkel für heilig, gleichviel, ob es bis dahin veraltet ist." Auch das ist keineswegs aufs Land beschränkt.

"Was Andere thun und treiben, das geht ihm wenig oder gar nichts an, wenn sie nur ihn in Ruhe lassen und nicht etwa gar verlangen, daß er seinen Grütze mit ihnen theile." Und auch das können wir täglich erleben, auch in der Stadt.

Das Schlußwort:

"Die Riesenstädte der Vergangenheit liegen unter Schutt und Trümmer, und die Babels und Ninive's der Gegenwart breiten ihre Häuserreihen über Orte, an denen damals der Bär mit dem Auerochsen kämpfte. So folgt in dem großen, allgemeinen Entstehen und Vergehen Eins dem Anderen, und wie kein Mensch sein Schicksal vorauszusehen vermag, so liegt auch die Geographie der Zukunft hinter dichtem, undurchdringlichem Schleier verborgen."

 

Haus und Hof

In seinen "Geographischen Predigten" sei schon gleichsam alles enthalten, schrieb Karl May später, und bei aufmerksamer und wohlgesonnener Lektüre kann man den Eindruck haben, da ist etwas dran ...

Die Betrachtungen zum Thema Polarität lesen sich ganz ähnlich wie in aktuell auf dem Markt befindlichen weltanschaulichen oder auch 'esoterisch' genannten Büchern, May und Jiddu Krishnamurti z.B. sind sich hier wahrlich nicht fern. An der ungewohnten, oft schwülstig oder pathetisch klingenden Sprache Mays in diesen Aufsätzen muß man halt nicht so kleben bleiben mit seiner Aufmerksamkeit und Wahrnehmung.

Daß mit Friede auf Erden auch längerfristig nicht zu rechnen ist, darüber macht sich Karl May keine Illusionen, "Und hegen selbst die Muhamedaner den schönen Glauben, daß Isa Ben Marryam, Jesus, der Sohn Mariens, vom Himmel herabsteigen und sich auf die Moschee der Ommijaden zu Damaskus niederlassen werde, um das große und ewige Reich des Friedens zu gründen, so muß selbst der Nichtmuselmann die Erfolglosigkeit dieser islamitischen Hoffnung bedauern."

"Das mag wohl sanguinisch gesprochen sein, aber das, was uns die Wirklichkeit nicht bieten will, dürfen wir wenigstens träumen, und ein Traum, welcher uns, wenn auch nur für eine kurze Stunde, liebe Gaben spendet, ist er denn so gar Nichts gegenüber einem Wachen unter unerfüllten Wünschen?"

Winnetou oder der Native als Edelmann war noch fern, "noch heut' hängt der Indianer des nordöstlichen Südamerika's gleich dem Affen zwischen den Zweigen der Bäume" lesen wir einigermaßen überrascht. Diese Respektlosigkeit bezieht sich zwar auf den Süden des Doppelkontinents, ist aber dennoch bemerkenswert ...

"Sophokles oder sonst einer der griechischen Classiker", allzu genau muß man es in der Tat nicht immer nehmen, zumal das dann nachfolgende Zitat offenbar weder von Sophokles noch einem anderen der Herrschaften ist.

"Die gegenwärtigen Geschäftsverhältnisse erfordern ein tüchtiges Zusammen- und Durcheinanderschütteln der lieben Menschenkinder, und ebenso zahlreiche wie großartige Einrichtungen dienen einzig und allein nur dem Zwecke, dieses Zusammenschütteln zu erleichtern und ihm den größtmöglichen Umfang zu geben." Das sollte dann noch beträchtlich zunehmen ...

Wanderzeit-Reminiszenzen, Gruß an eine unbekannte erzgebirgische Rahel ...

"Wahr ist's, daß man in der Natur den Herrn ebenso verehren wie in der Kirche; aber dazu gehört ein Verständniß und ein Gemüth, wie es die Wenigsten besitzen."

"so läuten die Saiten des Herzens zum Gebete, wenn der irdische Boden zu wanken beginnt und die Brandung der Ewigkeit sich fern vernehmen läßt", man könnte es auch mit weniger pathetisch klingenden Worten audrücken, aber inhaltlich ist es schon richtig.

"Es tanzt ein Pu – Pa – Putzemann ..." Vorausschauende Würdigung eines freundlichen Gesellen ? (Mein Freund Winnie oder auch Pu der Bär ist gemeint.) Vermeiden einer ggf. mehrdeutig wirkenden Lautmalerei ? Saxonismus ? Wir wissen es nicht ...

"Dunkle Ahnungen stiegen in dem kleinen sechsjährigen Herzchen empor, und die beengenden Gefühle desselben machten sich erst in einem leise versuchenden Schluchzen und sodann in lautem Weinen Luft, welches allerdings beim Anblicke der gebräuchlichen und verheißungsvollen Zuckerdüte einem seligen Lächeln weichen mußte." Diese Abrufbarkeit von Emotionen nach Belieben ist noch heute zu beobachten, wie alles wesentliche zeitlos. [Und mag auf die kompakte Majorität "niedlich" o.ä. wirken, auf andere hingegen abstoßend ...]

"Dieses thränende Lächeln ist für eine ganze Reihe von Jahren des Lernens, ja, wohl für die ganze Lebenszeit von prophetischer Vorbedeutung gewesen. Ueber unser kurzes Dasein ziehen der Wolken gar viele, und die Lichtblicke des Glückes sind seltener, als der Sterbliche sie wünscht." Auch das ist wohl wahr, wir mögen wollen oder nicht.

Und dann bastelt der ehemalige Häftling "Du sollst Dich nicht erwischen lassen" als "elftes Gebot" ein in den Text ...

"Man begegnet irgend Jemandem, den man noch nie gesehen und der Einem auch nie Etwas zu Leide gethan hat, und doch fühlt man sofort, daß man ihm nie Liebe und Vertrauen schenken könnte, ja, es zuckt Einem vielleicht gar in der Hand, als wünsche sie unwillkürlich, mit seinem Gesichte in Berührung zu kommen. Saphir nennt solche Gesichter sehr bezeichnend 'Ohrfeigengesichter'. Und ebenso kommt man mit einem vollständig Unbekannten zusammen, mit dem man noch nie ein Wort gewechselt, noch nie etwa Gutes von ihm gehört oder an sich selbst erfahren hat, und doch fühlt man sich zu ihm hingezogen und möchte ihm gleich vom ersten Augenblicke an nur Freundlichkeit und Liebe erweisen." Intuition ...

"Ebenso betritt man eine Wohnung, in der man noch nie gewesen ist; man kennt weder ihre Einrichtung noch den täglichen Verlauf der wirthschaftlichen Vorkommnisse, und doch weiß man sofort: hier ist nicht gut sein; adieu Madame, ich und das Zimmer und vielleicht auch ich und Sie, wir passen nicht zusammen. Oder man sieht sich eine Stube an und erkennt auf den ersten Blick, daß es sich hier ganz ausgezeichnet wohnen müsse; es kommt Einem Alles so anheimelnd, so traulich vor, es ist, als hätte man das Alles schon längst gehabt und mit gemüthlicher Bequemlichkeit genossen, und ehe man sich's selbst versieht, hat man den apostolischen Entschluß gefaßt: Herr, hier wollen wir Hütten bauen." Sehr hübsch.

"Wer nie zu lang im Wirthshaus saß,

Wer nie durchklapperte des Winters Nächte,

Weil er den Passepartout vergaß,

Der kennt euch nicht, ihr Schicksalsmächte!"

Als lyrischen Dichter wollen wir uns Herrn May keinesfalls verbitten.

Am Schluß sind wir wieder am Anfang,

"Hier sind in 'Haus und Hof' unsere Betrachtungen an dem Punkte angekommen, von welchem sie ausgingen, an dem Punkte, wo 'Himmel und Erde' sich vereinen, einen unsterblichen Geist für kurze Zeit in irdische Gewandung zu hüllen, um ihn zum Erklimmen einer höheren Daseinsstufe zu befähigen. Im Gottes-'Hause' vernahm er die Kunde seiner himmlischen Abstammung, und dem Kirch-'Hofe' übergab er das vom Staube geliehene Kleid, um den freien Flug über die Berge hinweg zu lenken, deren Spitzen im Morgenrothe einer anderen Welt erglühen."

Das Karussell geht immer immer rundherum ...

 


DEUTSCHE SPRÜCHWÖRTER

"Eine der ersten Grundbedingungen unseres Zusammenlebens ist die gegenseitige Ehrlichkeit. [...] Und doch: wie sehr und viel wird in dieser Beziehung gefehlt !"

In der Tat. Heute ist Unehrlichkeit in allen Schattierungen geradezu zum gesellschaftlichen Prinzip geworden, auf dem alles aufbaut. Das fängt in der Fernsehwerbung an, da tricksen Kinder ihre Eltern aus, vermeintlich niedlich, da beschummeln sich Partnersuchende mit falschen Haarfarben und machen sich auch zahlenmäßig jünger als sie sind, da wird im Einstellungsgespräch herumgetrickst; von Anfang an werden so falsche Denkweisen vermittelt, und letzten Endes baut alles auf Lug und Trug auf, wie Karl May es übrigens in Winnetou I geschildert hat, die Blutsbrüderschaft beruht letzten Endes auf Trickserei, man hat die Apachen erst einmal kräftig hintergangen, um hinterher mit ihnen zurechtzukommen, und auch Tote hat es dabei gegeben, was man bei der raffiniert eingefädelten Geschichte halt in Kauf genommen hat. Wer Augen hat zu lesen …

"aber dem Oberflächlichen und Gedankenlosen entgehen die fatalen Äußerungen seiner kränklichen Moralität", dem ist nichts hinzuzufügen.

"Es gehört eben zur Ehrlichkeit mehr als das bloße Sich-Hüten vor dem groben Eigentumsvergehen, und wer gegen andere ehrlich sein will, muß es zuerst gegen sich selber sein." Was allerdings nicht allzu gern gesehen wird, weder das eine noch das andere. Dabei ist es eine Art Königsweg, sich selbst nichts vorzumachen, radikal und konsequent, und wenn das gelegentlich noch so unangenehm sein kann, genau hinzugucken und nichts auszuklammern, und anderen gegenüber ganz ähnlich: dann hat man eine gute, wahrhaft ehrliche Basis, und auf der läßt sich aufbauen, wenn auch gelegentlich sozusagen auferstanden aus Ruinen.

*

"Und Verwandtschaft - ist zufällig." lesen wir dann in "Über Freundschaft". Ein starker Satz.

"Warum wundern wir uns also, daß wir dem Freunde mehr trauen und auf ihn mehr Verlaß haben können als auf das Weib oder den Bruder ?"

Wir wundern uns ja nicht …

 

DIE HELDEN DES DAMPFES

Dies ist der wenigen Texte Karl Mays, mit dem, vom Schluß abgesehen, kaum etwas anzufangen ist ... Zu uninspiriert geht es erst einmal zu über doch etliche Seiten, nur Zahlen, Fakten und wissenschaftliche Erklärungen, Karl, was war da los mit Dir, so kennen wir Dich nicht, und das ist auch gut so.

Man könnte denken, der Text sei gar nicht von ihm, in Sachen James Watt flackert kurz mal etwas Maysches auf, bevor der Text dann gleich wieder zu Jahreszahlen und trockenen Informationen zurückkehrt.

Am Ende geht es dann um Robert Fulton und Napoleon, das kennen wir schon aus dem "Kaper" bzw. der "Rose von Kairwan", ein May-Thema, um das es da geht, daß einer für verrückt gehalten wird, weil er ein bißchen mehr sieht als andere, in dem Fall gar seine Majestät höchstselbst. Aber immerhin haben wir es hier mit Napoleon zu tun, und der ist einsichtsfähig, wenn auch spät, erst auf St. Helena bzw. auf dem Weg dorthin. - Dem einen oder anderen Zeitgenossen sei durchaus ein bißchen mehr napoleonitanische Einsichtsfähigkeit und vielleicht auch eine Portion St. Helena (innerlich) anempfohlen.

 

EIN KÖNIGLICHER PROLETARIER

König Alkohol kennen wir von Jack London, mit König Eisen kommt uns Karl May. So pathetisch, dass es einem Schuhe und Strümpfe auszieht.

Und dann lesen wir auch noch vom Volk der Germanen als Träger der Bildung und Gesittung …

Die westfälische Erde mit den hier wohnenden kriegerischen Sigambrern, das klingt indes interessant, Nachfahren leben bekanntlich noch heute.

Der Dreißigjährige Krieg „machte der Herrlichkeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ein Ende".

Zwischendrin moderatere Töne, „Während dieser riesigen Umwälzung in England schlief man in Deutschland“, aber dann legt er doch gleich wieder in vertrautem Stil los, „Die technische Überlegenheit der Deutschen liegt so offenkundig vor, dass die englischen Fachmänner, wenn auch widerwillig, bekennen müssen, dass sie unserem ausgezeichneten, sehnigen Eisen und den Kruppschen Gussstahlblöcken nichts Ähnliches an die Seite zu setzen haben“.

Am Ende erfahren wir, dass es sich bei Stahl um Schmiedeeisen handelt, was dann noch differenzierter erläutert wird, es klingt nicht uninteressant, was da so steht.

Und die letzte Seite des Textes wirkt weltanschaulich so abstrus, dass sie hier [kopfschüttelnd] übergangen sei.

 

EIN LICHTSPENDER

Bevor er zu mehrseitigen Erklärungen über Öl und Ölproduktion anhebt, gibt uns der Autor freundlicherweise noch ein bißchen Hobble Frank mit auf die lange Reise, gewissermaßen als Wegzehrung: es gäbe zur Erklärung des Sonnenlichtes neben der Emissionstheorie und der Undulationstheorie auch die Petroleumstheorie, heißt es, zwar ist nicht ausdrücklich vom Hobble Frank die Rede, sondern von dem hoffnungsvollsten (Nun ja ..) unter den Schülern in einer bekannten Lehranstalt, aber wir erkennen ihn trotzdem.

Und dann, wie gesagt, Öl, rauf und runter, und um die ganze Welt. Erst am Schluß wird dieses Fahrwasser verlassen, als es heißt, "daß die gute Mutter Erde nie Mangel leiden läßt, sondern immer im voraus für die Herstellung dessen sorgt, was ihre Kinder zum Bestehen bedürfen".

 

EIN JETZT VIELGENANNTER

Der "jetzt" (1875) vielgenannte ist der "Eisenbahnkönig" und Multimillionär B.H. Strousberg, frühkapitalistisches Wunderkind und Tausendsassa, dessen Lebensgeschichte teilweise anekdotisch und gelegentlich ein wenig launig vorgetragen wird.

Die Fußnote in Band 72 weist darauf hin, daß mit Strousbergs Zusammenbruch die sogenannte "Gründerzeit" in Deutschland endete.

Einer der entbehrlicheren Texte von zahlreichen solchen in Band 72.

 

HAUS- UND FAMILIENREDEN

Man kann spüren, wann Karl May an das, was er da jeweils schrieb, geglaubt hat, und wann nicht. Wann er sich für sein Sujet wirklich interessierte und mit dem Herzen dabei war beim Schreiben, und wann er mehr oder weniger nur eine lästige Pflicht erfüllte.

Bei diesem mühsam zähflüssigen Text wohl eher letzteres. Bürgerliche Moralpredigten in diesem Stil und in dieser wertenden Begrenztheit, das passt irgendwie nicht so recht zu ihm. Sicher, auch er hatte spießige, biedere Anteile in sich und sicher manchmal auch seltsam beschränkt oder eng wirkende Ansichten, war aber letzten Endes doch ein Freigeist.

Und selbst wenn er manchmal Recht hat mit dem, was er hier schreibt, irgendwie ist das alles nicht so recht seine „Baustelle“, und daher wirkt das Ganze etwas aufgesetzt, bemüht, gemacht.

So ähnlich kann es einem ja auch stellenweise mit seinem „Buch der Liebe“gehen. Andere sehen das ganz anders. Ob da vielleicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist, und Karl May bürgerlicher, „ordentlicher“ oder auch gefälliger wahrgenommen wird als er vielleicht war ?

 

DER KANAL VON SUEZ

In diesem Text geht es, sehr Karl-May-fremd, eigentlich nur um Zahlen und Fakten, und insofern ist er eigentlich keiner weiteren Betrachtung wert.

Aber Karl May wäre nicht Karl May, wenn man nicht jeden seiner Texte auch sozusagen symbolisch lesen könnte, selbst wenn er es in diesem Fall vermutlich denn doch nicht so gemeint hat.

Also, nichts leichter als das:

Kontinente liegen zwischen den Meeren, die da verbunden werden. Scheinbar unüberwindlich. Und doch, es geht, ist ja auch nur ein relativ kleines Verbindungsstück, das da freigeschaufelt werden muß, dann macht es sozusagen klack, und dann geht’s.

Genauso ist es zwischen Menschen mit teilweise ganz unterschiedlichen Mentalitäten, Denkmustern usw. Irgendwann macht es klack, und dann geht’s.

Manchmal natürlich auch wieder nicht. Gelegentlich ist der Suez-Kanal wieder gesperrt …

 


MIT DAMPF UM DEN ERDBALL

Eine Reise um die Welt wird hier besprochen, 40000 Kilometer oder 21600 Seemeilen. Brauchte man bei der Erstausführung laut Karl May noch zwei Jahre, elf Monate und siebzehn Tage, konnte man in den Achtzehnhundertsiebzigern, meistenteils "auf Flügeln des Dampfes", die Angelegenheit "in wenig mehr als 80 Tagen" hinter sich bringen, für 1700 Taler in der ersten und deren 1500 in der zweiten Klasse. Man beachte aber, so der Autor, bei aller Kostspieligkeit den Zeitgewinn.

 

MIT DEM DAMPFROSSE

Das ist nun wieder ein echter Karl May …

Am Ende gibt er sich zwar den Anschein seriöser Ernsthaftigkeit, nachdem er vorher nur munter drauflos fabuliert und all das mitgeteilt hat, was ihm gerade einfiel, aber das tut dem Genuß keinen Abbruch, da auch das, was da steht, bedenkenswert ist.

Am Anfang kann geneigter Leser gleich zweimal sich freuen, selbst da, wo er es vielleicht gar nicht will und nicht merkt, kann Karl May herrlich zweideutig sein.

Klassenlos ist seine Menschlichkeit, die sich da aufs schönste vermittelt, und klammert nichts aus.

Nach dem Fortschritt von der Postkutsche zur Eisenbahn stellen wir uns vor, wie er da oben im Himmel sitzt, schmunzelt und seinen Text weiter fortführt, Flugzeuge, Internet, es geht immer weiter, nur der Mensch bleibt der gleiche, mehr oder weniger ...

(bezieht sich auf die gekürzte Fassung im Büchlein "Geographische Predigten", nicht auf den in Band 72 abgedruckten längeren Text)

 

SCHÄTZE UND SCHATZGRÄBER

Das ist erkennbar einer jener "Pflicht"-Texte ("Schreiben Sie mal was Nettes über die Bergleute" wird er so oder ähnlich aufgefordert worden sein) im Gegensatz zu solchen der Kür, in denen der Autor seinem großen Herzen freieren Lauf lassen konnte.

Die ausländischen Kollegen artverwandter Berufe kriegen erst einmal, wenn auch sehr dezent, ihr ‚Fett weg‘, ehe es an das Lob des deutschen Bergmanns geht. Wobei der gute Karl May, wenn er sich so recht bemüht, pathetisch zu werden, schon recht komisch klingen kann.

Auch wenn man seine Sympathie für die ‚kleinen Leute‘ durchaus nachvollziehen kann, der Heiligenschein, den May ihnen hier gleichsam verpaßt, das ist denn doch eher einer zuviel …

 

VERT[H]EIDIGUNG EINES VIELVERKANNTEN

Der Vielverkannte, der hier verteidigt werden soll, ist der Luxus, in Karl Mays Definition, im Gegensatz zur Verschwendung.

Ein sehr essentieller Gedanke: „dass du das meiste von dem, was du an anderen tadelst, mehr oder weniger selbst übst“.

 


DAS BUCH DER LIEBE

Er vermache demjenigen die Krone von Polen, der Stifters "Nachsommer" komplett lese, hat Friedrich Hebbel geäußert. - Ob er auch das "Buch der Liebe" gekannt hat ? Welche vielleicht noch attraktivere Krone wäre da wohl drin gewesen ...

Jedenfalls, das Ding komplett zu lesen, ist wirklich viel verlangt. Bzw., es bedarf einiger Geduld, Wohlwollens und ggf. mehrerer Anläufe. Stellenweise ist es einfach ein Schmarr'n, dazu über weite Strecken in einem schwer erträglich pathetisch-schwülstigen Stil. Zwischendrin blitzt aber immer wieder mal, zwischen allerhand Versen und Sonntagsredenähnlichem, Mays Genie auf, seine Intelligenz, sein Tiefblick, und z.B. einiges über Kindererziehung auf S. 161 (ff.) mutet durchaus hochaktuell an. Viel Licht, viel Schatten.

Einen gewissen Unterhaltungswert mit stellenweise hohem Komik-Faktor hat das Buch zwischenzeitlich auch, insbesondere im Mittelteil. Und in der dritten Abteilung erfahren wir interessante Dinge über die alten Griechen, Sparta usw., die der Schulunterricht uns seinerzeit vorenthielt.

Irritierend ist, daß man gar nicht genau weiß, was nun von Karl May ist und was nicht. Lange Passagen hat er abgeschrieben oder nur geringfügig verändert, und gesicherte Erkenntnisse über Co-Autoren, Texteingriffe u.ä. gibt es offenbar auch nicht.

 

Erste Abteilung

Unter allerhand 'goldenen Worten', Sonntagsredenähnlichem, verzichtbar blauäugig wirkender Theorie und einigem recht schwülstig klingendem findet man in diesem Text auch des öfteren durchaus lesens- und bedenkenswertes. Die ausgewählten Zitate sprechen für sich und bedürfen keiner umfangreicheren Kommentierung. Die Seitenzahlangaben beziehen sich auf Band 87 der 'Gesammelten Werke'.

"Und doch lernt man kämpfen nur durch Kampf, und wie die Finsterniß nicht Finsterniß ist, sondern nur ein geringer Grad des Lichtes, wie die Kälte nicht Kälte, sondern nur ein niederer Theil der Wärme ist, so ist der Fehler des menschlichen Thuns nicht ein absolut Böses, sondern die Folge eines tieferen Grades geistiger Entwickelung." Wir leben halt in der Polarität; wer das wirklich begreift und verinnerlicht, ist sozusagen einen Schritt weiter.

Noch einmal in anderen Worten:

"Der Teufel ist nichts anderes, als der Geist der Erde, welcher von dem Herrn der Heerschaaren die Aufgabe empfing, die Menschen durch Nacht zum Lichte, durch Irrthum zur Wahrheit, durch den Zweifel zur Erkenntniß zu führen." (S. 65)

"Diese Liebe ist von der einen Seite mit klug berechnendem Scharfsinn zur Erreichung von Kastenzwecken benutzt und von der anderen Seite unter Verneinung eines höheren Wesens mit geringschätzendem Spotte verurtheilt und verlacht worden" (S. 67) Von Liebe reden und das Wort mißbrauchen, ist das eine, sie wirklich verstehen, nachvollziehen und zu leben, umzusetzen versuchen, das andere.

"Jedes Volk geht seine eigenen Wege zur Erkenntniß, und die Stufen der geistigen Anschauungen sind sehr verschieden. Leicht dünkt sich da der Eine höher, aufgeklärter und besser als der Andere, und maßt sich die Aufgabe an, ihn – und wäre es unter Anwendung von Gewaltmaßregeln – zu sich empor zu ziehen. Aber Niemand darf sagen: "Mein Glaube ist der allein richtige," denn die verschiedenen Anbetungsformen sind nichts, als verschiedene Töne eines und desselben Accordes, der Harmonie mit Gott." (S. 67) Immer wieder: es geht nicht um Konfessionen, Theorien, Begriffe usw.

"Ueber Galiläa, der kleinen Provinz des Landes Kanaan, ging der Stern der Verheißung auf, stieg höher und immer höher und leuchtet nun über alle Welt. Ob auch die Wolke seinem Strahle sich entgegenstellt und ihn der Erde zu entziehen sucht, er dringt doch immer siegreich durch ihre Hülle. Ob Ignoranz das kleine Senfkorn der Christuslehre belächelt, ob Pedanterie den befeuchtenden Strom des göttlichen Wortes in Form und Dogma zwingen will, ob der Parteihaß den Andersgläubigen mit Bann und Fluch belegt, so gilt doch von Ewigkeit zu Ewigkeit die Verheißung: "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen!" (S. 70) Institutionalisierung läßt den Inhalt verdampfen, schrieb Sandor Marai.

"aber schon die Jünger haben sie mißverstanden, und die hellen Sätze, welche dem Munde Jesu entflossen, wurden mit dunklem Kitte zu einem Bauwerke verbunden, in welchem man wohl von Liebe lehrt, sich aber wenig an Liebe kehrt." (S. 70) Siehe oben.

"Unter dem Deckmantel der Religion verbargen sich alle möglichen Gelüste und der Name Christi, des Verkünders der Liebe, ward als Beschönigung der beklagenswerthesten Verheerungen, der Ausrottung ganzer Völkerschaften gebraucht." (S. 72)

"Und eine Hölle, in welcher die Verdammten in ewigem Feuer braten, ist eine Lästerung Dessen, der seine Kinder "je und je geliebet" hat." (S. 74)

Schön der Bezug zu Schillers "Ritter Toggenburg" (S.87), der einem im Gesamtwerk auch an anderen Stellen hier und da begegnet.

"Die Lieblichkeit der äußeren Erscheinung ist nur da zu finden, wo die von der Natur gespendeten Eigenschaften ohne künstliche Nachhülfe in ihrer anziehenden Wirkung zur Geltung kommen. Die Mode mag auf dem Felde des Handels, der Gewerbe und Industrie noch so Vieles und Gutes erzielen, nie wird es ihr gelingen, einem gleichgültig lassenden Körper jene Reize zu verleihen, die mit magnetischem Zauber ihre Fesseln um Denjenigen schlagen, welcher sich ihnen hingiebt. Die Anwendung kosmetischer Mittel führt zur Lüge, zum Betruge, indem sie scheinbar Gaben verleiht, welche in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Keiner Kunst, und sei sie noch so raffinirt, wird es gelingen, den Mangel natürlicher Körpervorzüge zu ersetzen, und jede durch geborgte Schönheiten erfolgte Eroberung wird, wohl oder übel, zur Enttäuschung und zum Verluste führen." (S. 89) Das haben bis heute viele nicht begriffen, bei den einen nützt es eh nichts, sich anzumalen und zu verkleiden, die Dummheit, Primitivität, Belanglosigkeit, Häßlichkeit oder was auch immer dringen nichtsdestotrotz durch, andere wiederum hätten es gar nicht nötig, sich künstlich "aufzuputzen" ...

"stecken in einer Fußbekleidung, deren stelzenhohe Absätze den Gang lebensgefährlich, das Gebäude wankend machen und kein rechtes Gefühl der Sicherheit aufkommen lassen. Doch vielleicht soll es so sein; es steht heutzutage so Vieles auf unsicheren Füßen!" (S. 90) Ja, es ist einiges immer recht gleichnishaft im Leben ...

"In seelischer Beziehung überwiegt bei dem Weibe die Seite des Gefühles. Der Mann handelt nach Grundsätzen, welche seine Ueberlegung aus Vernunftschlüssen zieht und deren Behauptung er selbst mit Opfern erkauft; das Weib aber folgt am liebsten dem Gefühle und einem instinktmäßigen Empfinden des Schicklichen und Schönen. Der sich sehr oft dazu gesellende Scharfsinn und schnellere Ueberblick der Verhältnisse macht dieses Gefühl zuweilen dem schärfsten Verstande überlegen, und es liegt eine Wahrheit in dem Worte, daß eine Frau zuweilen auf den ersten Blick mehr ahnt und bemerkt, als was zehn Professoren nach jahrelangem Forschen herauszugrübeln vermögen." (S. 101) Wobei derlei Erscheinungen keineswegs auf das weibliche Geschlecht beschränkt sein müssen.

"Durch die Adern der Italienerin rollt das heiße Blut des Südens, ihre vollen, lockenden Formen schwellen unter dem Drange des raschen, glühenden Pulses und aus ihrem dunklen Auge blitzt der Strahl des Verlangens und Gewährens." (S. 114) Gilt sicher nicht für alle Italienerinnen, ist andererseits auch nicht auf allein solche beschränkt ...

(Auf den Seiten 102 bis 127 werden dann die Frauen anderer Nationen abgehandelt ...)

"Viele, sehr viele junge Leute verwechseln die Liebe mit dem Sinnenrausche, in welchen sie durch den Anblick und Umgang eines anziehenden Wesens des andern Geschlechtes versetzt werden. Wie jeder Rausch, so verfliegt auch diese sinnliche Aufregung nach dem vollendeten Genusse; es folgt eine Ernüchterung, welche vielleicht in eine vollständige Enttäuschung übergeht, und statt des gehofften Glückes Ueberdruß und gegenseitige Abneigung zur Folge hat." (S. 139/140) Hat da einer den Verlauf seiner (ersten) Ehe vorausgesehen ?

Einiges über Kindererziehung (S. 161 ff.) mutet hochaktuell an ...

Informationen zum Thema Blutsbrüderschaft auf S. 175, noch nicht in der gefällig-abgemilderten Form wie später mit Winnetou und Mohammed Emin ...

Tiere, Mineralien …

Kunst, Heimat ...

Familie, Gemeinde, Nation, Kunst, Heimat … (zwischendrin viel Wortgeklingel)

"Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" (S. 216), die Fußnote erläutert interessanterweise daß es eigentlich "Bei den Menschen seines Wohlgefallens" heißen müßte, was der Angelegenheit eine völlig andere Bedeutung gibt ... Nicht nur Karl May hat man seinerzeit bearbeitet.

"Ebenso muß zugegeben werden, daß durch die kriegerischen Beschäftigungen die Nationen gekräftigt und vor Verweichlichung bewahrt werden, wie auch unter dem Donner der Geschütze die Blume des Nationalbewußtseins, des Patriotismus und der Vaterlandsliebe am leichtesten erblüht; aber von diesen Vortheilen werden all' die damit verbundenen Nachtheile nicht im Geringsten aufgewogen." (S. 217/18) Solch etwas indifferente Position finden wir bei Karl May des öfteren.

Und ein sehr interessanter Gedanke (aus der Bibel) zum Schluß, bzw. kurz davor: "Es muß ja Aergerniß sein, aber wehe dem, durch welchen Aergerniß kommt" (S. 218)

 


BRIEFE ÜBER KUNST

Diese Briefe stehen in Band 81, „Abdahn Effendi“, und um sie geht es in der ausführlichen Korrespondenz zwischen Karl May und Leopold Gheri im Sonderband „Im Reiche des roten Adlers“.

Zum einen fällt auf, dass Mays Kunstverständnis sozusagen allzu weihevoll oder auch antiquiert daherkommt und nur vom Schönen und Großartigen etwas wissen will, Hässlichkeit und Niederungen, die nun einmal dazugehören und von großer Kunst sehr wohl integriert werden können, allzu sehr ausklammert. Hier mag man ihm gar nicht folgen.

Zum anderen beeindruckt aber die Gedankentiefe, der Erkenntnisreichtum und, teilweise, die Weisheit seiner Betrachtungen, die seinerzeit so manchen Abonnenten überfordert haben dürften.

Also: seine Ansichten über Kunst, wie sie seinem Dafürhalten nach zu sein und wie nicht zu sein hat, muß man nicht teilen, die Texte sind aber nichtsdestotrotz hochinteressant. Es sind halt die richtigen Gedanken, Einsichten und Erkenntnisse mit den falschen Dogmen verknüpft, und so ist Karl May auch hier, wie so oft, sehr differenziert und nicht schwarzweißmalerisch (Ja oder Nein, dafür oder dagegen) zu betrachten.

 


DER WALDLÄUFER

Karl May bearbeitete den Roman von Gabriel Ferry und holte sich nach allgemeingültiger und ständig wiederholter Ansicht offenbar die eine oder andere Anregung für seinen Winnetou. - Sagen wir mal so: Äußerlichkeiten, wie Haartracht, Kleidung und dergleichen mögen ihre Vorbilder gehabt haben, das innere Bild nicht. Das kam aus ihm.

Der Anfang ist hübsch, im weiteren Verlauf gerät der Roman allzu sehr in das eher uninteressantere Fahrwasser reiner Abenteuergeschichte, und da es kein reiner Karl May ist, hält sich die Lesefreude in Grenzen.