DER AFRICANDER

Das ist eine der Geschichten, die (u.a.) in dem vorzüglichen Sammelband „Old Firehand“ (Band 71 der GW) zu finden sind. Aus diesem mit gerade einmal 14 GW-Seiten recht kurzen Text, in dem alles ganz schnell, geradezu abrupt, erzählt ist, wurde später das weitaus umfangreichere und erzählerisch wesentlich gelungenere „Der Boer van het Roer“, für das Karl May auch wesentliche Umarbeitungen hinsichtlich der Personen und Handlung vornahm.

Nicht zimperlich geht es zu in Kolonialzeiten ...

I – Der Raub

Viel Geschichtliches in der Einleitung.

Klaarfontain ist hier noch etwas anderes, nämlich eine „holländische Ansiedelung“, als in der späteren Fassung „Der Boer van het Roer“, dort ist es ein (nicht bewohnter) Ort mit einer Quelle.

Sir Raffley ist vermutlich nicht der, den wir aus anderen Erzählungen kennen.

„Das ‚Hannje’, wie sie von der Boersfrau genannt worden war, konnte allerdings die Aufmerksamkeit auch eines sonst gegen das andere Geschlecht gleichgültigen Mannes auf sich ziehen.“

„Der Engländer war ihr mit leuchtendem Blicke gefolgt.“

Und dann nehmen sie das Mädchen einfach mit ... „Die zwei Männer verschwanden im Hause. Kaum waren einige Augenblicke vergangen, so ertönte ein Schrei – noch einer – – Hoblyn erschien wieder, trat in den Stall und zog eines der Pferde heraus. Auch Raffley kam. Er trug eine in eine Decke geschnürte Gestalt in den Armen. Sie wurde auf das Thier befestigt; dann trabten die Räuber eiligst von dannen.“

 

II – Die Vergeltung

Piet kehrt nach Hause zurück, und „die Nachricht von der Entführung der Geliebten traf ihn beinahe wie ein vernichtender Donnerschlag“.

Seine Mutter beschränkt sich auf „Piet, nimm meinen Segen mit; er möge Dich schützen und führen!“, denn „Sie klagte und weinte nicht; sie frug auch nicht, wohin er wolle. Ein ächtes Boerenweib weiß, daß eine einzige That mehr werth ist, als tausend leere Worte.“

Kampfhunde im Einsatz, „es waren vier Feinde gepackt und zerrissen“.

„Piets Augen leuchteten; er wußte, daß ein grausamer Tod seiner harrte, wenn es ihm nicht gelang, zu entkommen.“ Todesgefahr weckt Kräfte.

Der Fliehende wird von Baas Uys mit „Wo kommst Du denn da her, myn Jong?“ relativ gemütlich begrüßt ...

„Die berühmte Kaffernschlacht bei Pieter-Moritzburg wurde geschlagen und glänzend gewonnen; die Eingeborenen sahen sich vorn von den Boers und hinten von Panda angegriffen und vollständig aufgerieben.“

Was aber die einige Zeilen später beschriebene niederländische Idylle im Landhaus bei Gröningen nicht weiter beeinträchtigt.

 

AM "KAI-P'A"

Nette kleine Liebesgeschichte, die im Yellowstone-Nationalpark beginnt, was Kindheits-Fernseh-Erinnerungen wecken kann.

Der Erzähler rettet eine ganze illustre Gesellschaft, in der sich auch das Objekt seiner nun aufblühenden Sehnsucht befindet, die Lady, deren „gute, dankbare Augen“ ihn nun nicht mehr loslassen, und entsprechend im Laufe der Erzählung sieben mal erwähnt werden, nicht schlecht bei ca. 10 Seiten.

Aber selbst bei geschlossenen Augen erweist sich die Dame als äußerst reizvoll: „Du kannst mir glauben, sie war auch ohne den warmen Augenstrahl so reizend, daß es meinen bärtigen Mund mit unwiderstehlicher Gewalt auf ihre Lippen zog. Der erste Kuß in meinem Leben, aber - by god, der letzte noch lange nicht! Doch davon nichts weiter!“ (Spät dran scheinen sie zu sein, die Helden im Fernen Westen, bei Karl May).

Am Ende wird natürlich alles gut, und die gute Frau „hat den armen Scout zu einem Mann gemacht, der fast gar nicht weiß, wohin und wo hinaus mit seinem Glück.“

Arbeitsplatzbeschaffung für die Freunde gibt es am Ende auch noch, was will man mehr.

 

Etwas seltsam mutet der gezielte Streifschuß in den Arm an, den der Lebensretter abgibt, um Unvorsichtige zur Vernunft zu bringen ...

Er bekommt denn auch gleich seine Quittung, soll erschossen werden ...

Fürsprache der Lady, „Was soll ich sagen! Ich will nicht viele Worte machen, aber von diesem Augenblick an mußte ich fort und fort an die guten, dankbaren Augen denken, mit denen sie mich verwilderten Kerl angestrahlt hatte.“

Die „Lady mit den schönen, guten Augen“, die „schönen, guten Augen“, sie lassen ihn nicht los. Karl May wußte um die Macht der Augen, sei sie nun martialisch gelagert wie beim Vater Jaguar oder eben auch ganz anders ...

„Sie hielt die Augen geschlossen, doch, alter Jim, Du kannst mir glauben, sie war auch ohne den warmen Augenstrahl so reizend, daß es meinen bärtigen Mund mit unwiderstehlicher Gewalt auf ihre Lippen zog. Der erste Kuß in meinem Leben, aber – by god, der letzte noch lange nicht!“

Die Gesellschaft erkennt, daß sie den Protagonisten verkannt hat, „Ich wurde jetzt aus anderen Augen betrachtet.“

„Tausendmal lieber aber waren mir die Blicke, mit denen die Augen der Miß immer und immer wieder auf mir ruhten.“

„Sie hat alles mögliche gethan, aber ich kalkulire, daß ich doch mehr aus purer Liebe so schnell wieder auf die Beine gekommen bin.“

Sie „hat den armen Scout zu einem Mann gemacht, der fast gar nicht weiß, wohin und wo hinaus mit seinem Glück.“

 

DIE BOTH SHATTERS

Frühe, blutrünstige Geschichte, in der noch einiges anders ist als später gewohnt: Den Henrystutzen hat ein Jake Hawkins gebastelt, das alte Coon heißt Sam Thin, sein Kollege, der nicht Sam Hawkens ist, obwohl fast alles übereinstimmt, Sam Thick, und die Geschichten über Winnetou, die hier erzählt werden, kennen wir auch anders. Macht nichts, alles fließt.

Der Ich-Erzähler tötet so mir nichts dir nichts einige „Wilde“, die ihm gar nichts getan haben, und es geht überhaupt durchgehend recht heftig zur Sache. Das ist noch nicht der brave Charly, wie wir ihn aus späteren Erzählungen kennen. Auch daß Indianer in größerer Anzahl in einer Hütte in die Luft gesprengt werden und der rote Hauptbösewicht seitens eines Weißen bei lebendigem Leib skalpiert, nimmt er sozusagen mit dem Ausdruck des Bedauerns zur Kenntnis. "Die dark and bloody grounds sind kein Boden für die Blume des Erbarmens."

Enthalten u.a. in Band 71 Old Firehand (KMV) und „Die Fastnachtsnarren und andere Erzählungen I“ (Weltbild).

 

I

Des Erzählers Pferd und vermutlich auch er selber absentieren sich gerne mal ein wenig, "während die Andern sich eifrig mit den beiden Kälbern, die wir geschossen und zum Lager geschleift hatten, beschäftigten, hatte ich einen Ausflug hinaus in die Savanne unternommen, da 'Swallow,' mein braver Mustang, nicht in dem Grade der Ruhe bedurfte wie die andern Pferde."

Er trifft auf 'Dick und Dünn', Sam Thick und Sam Thin, Variationen von anderen, später im Werk in Erscheinung tretenden Figuren.

Der Büchsenmacher in St. Louis, der den Henrystutzen gebaut hat, heißt diesmal Jake Hawkins.

Two Sams, Both Shatters. Noch (1877) sind die Strukturen schlicht und überschaubar.

Über gegnerische Indianer heißt es seitens der neuen 'Kumpels' hier einfach "die Hallunken sind wahrhaftig dümmer als ein Dickkopf von Coloured Gentleman (Neger) und werden nun untergehen (sterben) und ihre Felle geben müssen!"

Der Erzähler kämpft wacker mit, "Mein Messer war ihm bis an den Griff in die Brust gedrungen." Einen Fliehenden verfolgt er und erschießt ihn, "Ich stieg ab und nahm ihm Messer, Beil und Munitionsbeutel als Siegeszeichen." Unwillkürlich kann man an Ansgar Pöllmanns Worte von der späteren wundersamen Wandlung unseres Autors denken, die unter anderem eben auch damit zu tun hatte, daß der "erkannte, wo sein Weizen blühte" ...

"Ich wandte um und sprengte im Karriere zur Bucht zurück. Dort fand ich die 'two Sams' beschäftigt, den sechs Todten die Skalpe zu nehmen."

Der seinerzeit wie Sam Hawkens skalpierte Sam Thick erzählt lakonisch "Mußte verteufelt viel ausstehen, ehe ich wieder zu Verstande kam" ...

"Und wollt die rothen Felle nicht?" wundern sich die Westmann-Freunde über den Erzähler, der sagt nur knapp "Bin darüber anderer Meinung als Ihr!", läßt sie trotz abweichender eigener Ansicht gewähren und will sie nicht 'missionieren'. Interessant.

 

II

Über den Senior-Shatter heißt es "der Strahl seiner großen blauen Augen war noch vom Alter nicht ermattet", Mays Sprache ist gelegentlich sehr schön. Wer da einfach denkt die Worte gehören umgestellt ("vom Alter noch nicht ermattet") hat kein Gefühl und kein Feinverständnis dafür.

Wie er zu seinem Pferd gekommen sei, wird der Erzähler gefragt, und er sagt "Ich erhielt ihn von Winnetou, einem Häuptling der Apachen, mit dem ich ein Weniges am Rio Suanca zusammenkam." Man beachte den Rio Suanca und vor allem dieses "einem" ...

Er wird zunächst für einen Mörder gehalten, wird geprüft, "Sein Auge schien mir bis in die Seele dringen zu wollen", und weiß sich Respekt zu verschaffen.

"Scha-tunga", der "Häupling der Yankatou", habe Winnetou die Schwester gemordet, "weil sie nicht sein Weib, sondern das eines weißen Jägers wurde", und das war "Josias Parker, ein Kentuckymann". Das kennen wir alles ganz anders, macht nichts. Nur die Freunde der Eindeutigkeit und der Schubladen haben mit so etwas Schwierigkeiten.

Man betritt die Hütte der 'Shatters', deren "vier Wände eine seltsame und Schauder erregende Tapete besaßen; sie waren rundum von oben bis unten mit Indianerskalps behangen."

"Ich begann die Skalpe zu zählen: zehn – zwanzig – fünfundzwanzig – dreißig – – – ich hörte auf zu zählen und wandte mich ab. Ich sah hier ein schlagendes Beispiel von der wilden Energie, mit welcher gegen eine dem Untergange geweihte und in den letzten Todeszuckungen liegende Menschenrasse der vernichtende Stoß geführt wird. Ich konnte vor Grauen nicht essen, trotz des Hungers, den ich gefühlt hatte."

Aber: "Pah! Wer nach dem Westen geht, muß vor allen Dingen das Gefühl in den Mississippi werfen." ...

Wie man zum skalpesammelnden 'Shatter' wird: "Ich will Euch keine lange Geschichte erzählen, wie sie hier ja Jeder an sich selbst erleben kann, aber Scha-tunga hat mir den Bruder lebendig am Pfahl gebraten, mein Weib und zwei Kinder geraubt, skalpirt und den Coyoten vorgeworfen" ...

Dem Erzähler wird eine technische Einrichtung demonstriert ("Begreift Ihr das, Sir?" - "Ich nickte nur" ...), "Die Vorrichtung war angebracht, um den Feind in die Blockhütte zu locken, darin einzuschließen und, während der Besitzer nach hinten entkam, in die Luft zu sprengen. Die dack and bloody grounds sind kein Boden für die Blume des Erbarmens."

Nahkampf, "Ich sah jetzt zum ersten Male, weshalb er 'Shatter,' der Zertrümmerer, genannt wurde. Er schlug nicht mit der Schneide, sondern mit dem Kopfe seiner fürchterlichen Waffe, und jeder Hieb zerschmetterte den Schädel des Getroffenen unfehlbar in knirschende Stücke."

"Da ertönte eine Detonation, welche die Erde unter uns erzittern machte; eine riesige Feuersäule stieg trichterförmig da auf, wo die Blockhütte gestanden hatte, und riß die Trümmer derselben mit sich in die Höhe. Sämmtliche Indianer hatten sich dort gesammelt, um ihre eingeschlossenen Gefährten zu befreien; die Explosion erfaßte auch die Meisten von ihnen" ... "Drauf auf die Uebrigen! Gebt erst Feuer und greift dann zu Messer und Beil!"

"Er warf den Tomahawk von sich, zog mit der Rechten das Bowiemesser, faßte Scha-tunga mit der Linken bei den Haaren, drei rasche blitzesschnelle Schnitte – ein kräftiger Ruck – er hielt die Kopfhaut des lebendig Skalpirten in der Hand. Dieser sank mit einem unartikulirten Schrei zur Erde."

"Jetzt hatten wir sie erreicht. Vorn krachten noch immer die Schüsse, erst kräftig, aus Büchsen, dann stechend und fein, aus Revolvern; dann arbeitete nur der stille aber rastlose Stahl.

Und Friede auf Erden ?

Immerhin mag der 'Shatter', nachdem sich seine Rache erschöpft hat, am Ende "von keinem Skalp mehr wissen". Überhaupt scheint am Schluß der Erzählung eine Stimmung zu herrschen, als sei nichts gewesen ...

 

CHRIST IST ERSTANDEN

Marienkalender von 1893.

Die Beschreibung des Passifloren-Doms ist schon ungewöhnlich.

Und dann setzt er gleich noch einen drauf. Als er schreibt, dass es ihm unmöglich war, die Augen zu schließen, während die Gefährten „bald in tiefen Schlaf gefallen“ waren, kann man an eine andere Szene denken, und siehe da, drei Zeilen später steht es tatsächlich da: Gethsemane, Kreuzesstätte.

Auf „In den Cordilleren“ wird des öfteren Bezug genommen, und auch die Symbolik taucht wieder auf:

„Die Ebene ist von den feurigen Tinten der Tropensonne überflutet und streckt tausend unsichtbare Arme aus, den Wanderer wieder zu sich hinabzuziehen.“

Dann folgt ein Karfreitagszauber der ganz besonderen Art und schließlich und endlich ein befreiender Ostermorgen.

Im Bamberger Band 48 sind der Geschichte Goethesche Verse vorangestellt, die im Original nicht stehen. Eine Variante ? Oder nachträglich eingebaut ?

 

I - La Pasionaria (Die Passionsblume)

Der Erzähler mit getauften Indianern christlichen Namens in einem Boot, "Obgleich Agustin und Manuel älter waren als ich, waren die Drei doch meine geistlichen Kinder, denn ich hatte sie in den Lehren des Christentums unterrichtet und dann Pate bei ihnen gestanden."

"Sennor Perdido", d.i. "der Verlorene" ... Er "besaß, was mich am meisten abstieß, weniger Glauben als ein Heide; das hatte ich trotz seiner Schweigsamkeit bald weg."

"Chito – schweigen Sie! Es giebt keinen Gott; warum reden Sie davon!"

"Es war ein wunderbarer Urwaldsmorgen, ganz, ganz anders, als ich im Westen der Vereinigten Staaten erlebt hatte. Der Urwald der Tropen ist ja unendlich verschieden von dem des Nordens. Der jungfräuliche Wald der Felsengebirge ist ernst, hehr und still. Er gleicht einem Dome. Wer ihn betritt, fühlt sich ergriffen, so daß er es kaum wagen möchte, das tiefe Schweigen durch ein laut gesprochenes Wort zu unterbrechen, zu entweihen. Im Urwalde des Südens aber ist alles eine einzige große Pracht der Farben und Formen. Da giebt es Leben und Bewegung selbst in der dunkelsten Nacht, und Ruhe tritt eigentlich nur zur Mittagszeit ein" ...

Zu Passifloren hat unser Autor eine Beziehung, wir erinnern uns z.B. an Entsprechendes in Winnetou IV. "Ich war ganz Staunen über diese geradezu unbeschreibliche Herrlichkeit. So eine unendliche Fülle von Blüten wollte mir fast unbegreiflich erscheinen. Das war ja ein förmliches Blumenfeuer, eine Blütenflamme, welche bis zum Himmel zu reichen schien! Ich winziger Erdenwurm stand vor und unter ihr wie Moses, als die Stimme des Herrn aus dem brennenden Busche ertönte" ...

"Es war nicht das Gigantische dieses Passiflorendickichts, nicht die wunderbare Farbenpracht allein, welche diese Wirkung auf mich hervorbrachte, sondern auch der Umstand, daß wir uns jetzt in der Passionszeit befanden. Die Passiflorenblüte schließt ja die Insignien des Leidens unseres Herrn und Heilandes ein." So ist es, Freude und Leid gehören zusammen, sind zwei Pole einer Einheit.

"Der Schlaf war infolge der großen Hitze ein fast unabweisbares Bedürfnis für uns, aber beim Anblicke dieses blühenden Wunderwerkes der Allmacht Gottes war es mir unmöglich, die Augen zu schließen. Die Gefährten warfen sich hin, hüllten Gesicht und Hände gegen die Mosquitos ein und waren bald in tiefen Schlaf gefallen. Ich saß still da, ohne auf die Stechfliegen zu achten, und dachte an das ferne Zion, die Burg des Heiles, an Gethsemane, an die Kreuzesstätte, an das Felsengrab und an den Osterjubelruf".

Perdido lauscht heimlich, vom Erzähler freilich bemerkt, dessen Ausführungen über die Passionsblume, "Der Ausdruck seiner Augen war dabei ein ganz sonderbarer. Es lag zwar die gewöhnliche Verachtung darin, aber auch etwas, was ich beinahe Sehnsucht oder geistlichen Hunger hätte nennen mögen".

Und sein Kommentar ist ungeschönt, "Sennor, wenn das nicht der höhere Blödsinn ist, so giebt es eben keinen Blödsinn mehr!"

Der Erzähler prophezeit "Es giebt nur ein Heil für Sie, und dieses kommt von Dem, den Sie verleugnen. Sie werden keine Ruhe und keinen Frieden finden und nach Erlösung schreien, daß Ihnen die Zunge am Gaumen klebt. Es wird eine Passionszeit, eine Zeit der Qual, des tiefsten Leidens für Sie kommen" ... Nichts gegen Bekehrungen, aber: muß so etwas denn immer mit dieser Droh-Attitüde vom 'strafenden Gott' daherkommen ... außerdem kommen die Bekehrungen eher von selber, nicht durch Missionieren.

Unterwegs eine ein wenig verräterische Formulierung, "Wir waren da in einer Gegend, wo man hoffen konnte, wieder Menschen, und zwar Weiße zu treffen".

"Gott sei Dank, daß ich Sie nun nicht mehr zu sehen brauche!" entschlüpft es dem "Perdido", und der Erzähler konstatiert schmunzelnd, daß die Leut' über das, was sie floskelhaft von sich geben, oft halt gar nicht mehr nachdenken: "Sie glauben nicht an Gott und sagen ihm doch Dank?" Ferner "Fahren Sie in Frieden von hier fort! Ich wünsche Ihnen alles Gute."

Später schlägt er ihn notgedrungen zu Boden, "Ich hatte ihm meine Faust gegen die Schläfe geschlagen, mein alter, bewährter Jagdhieb, auf dessen Wirkung ich mich stets verlassen konnte." 

 

II - Domingo de ramos (Palm-Sonntag)

"Vor einigen Jahren war ich mit einer Schar von Tobakriegern hoch oben auf der Pampa de Salinas gewesen, wo wir sehr Wichtiges erlebt hatten." Siehe Band 13.

Man reitet hinauf, "ohne daß wir einen Führer mitnahmen, denn es liegt für mich ein eigener Reiz darin, mich wie ein Vogel auch da zurecht zu finden, wo ich noch nie gewesen bin."

"Von da unten herauf atmet ein warmes, süßduftendes Leben. Die Ebene ist von den feurigen Tinten der Tropensonne überflutet und streckt tausend unsichtbare Arme aus, den Wanderer wieder zu sich hinabzuziehen." ("Geh nicht, geh nicht zurück zur Welt, Nachdem du glücklich ihr entstiegen!" steht in den "Himmelsgedanken" ...) "Hier oben aber atmet die Brust eine gesunde, von dem Fieberhauche des Tieflandes freie Lebensluft."

"Der Montanero ist ein einfacher Mann, dabei aber sehr höflich und sehr stolz wie jeder Spanier. Er lebt wie ein Freigraf unter Seinesgleichen und hält sich für besser und auch glücklicher als der Bewohner der tief unter ihm liegenden Ebene. Die Händel, bei denen da unten oft mit Menschenblut bezahlt wird, gehen ihn nichts an, doch sieht er es gern, wenn hie und da jemand von dort zu ihm heraufsteigt, von dem er erfahren kann, was im Tieflande geschehen ist und wie man sich da unten schlägt und verträgt."

Die "schöne Verträglichkeit" heraufkommender Händler "pflegt nur dann Einbuße zu erleiden, wenn mehrere Comerciantes an einem Orte, wo sie Geschäfte machen wollen, zusammentreffen. Dann macht der gelbe Neid sich bemerkbar, und die stolzen Caballeros verwandeln sich in gemeine Kampfhähne, welche wütend über einander herfallen."

Es gibt nichts außer Mate und zähem Braten, "Ich war frugal gewöhnt und fügte mich in die Umstände."

Die vorgesehene Unterkunft ist entsprechend, "Wir mußten zur zweiten Hausthüre hinein und fanden ein kleines, vollständig leeres Loch, aus welchem uns ein schrecklicher Geruch entgegenkam. Wer weiß, was alles hier gelegen hatte" ...

Nachts hört er einen Verzweifelten, "Es lief mir eiskalt über den Rücken". Der Leser weiß schon vor dem Erzähler, daß das natürlich der "Perdido" ist ... "Sollte sein Grimm gegen den Glauben nur eine, allerdings entsetzliche Maske sein, unter welcher die Qualen der Reue sein Inneres durchwühlten?"

"Kreuzestod, Kreuzestod!" hören wir, und "Für wen, für wen? Für mich? Wahnsinn – – Wahnsinn – – Wahnsinn! Auferstehung? Christ ist erstanden?! Hahahaha!" - "Dieses Lachen klang so wahnwitzig und zugleich so trostlos, daß mich ein Grauen überlief."

"Der Gottesdienst war einfach, so, wie ich es mir für diese kleine Gemeinde in so abgelegener Gegend gedacht hatte, und doch ist mir die Feier dieses Domingo de ramos, dieses Palmsonntages stets treu im Gedächtnisse geblieben, treuer als manche andere, bei welcher die Festfreude unter der Festunruhe und Festarbeit erstickte." Ja wenn halt sonst nur noch innerlich beteiligungslos leere Formen vollzogen werden ... nicht umsonst spielt auch "Weihnacht!" in der Ferne und auf eisigen Höhen.

Nach einer Provokation verrät der offenbar impulsive Erzähler "Ein Glück für ihn, daß ich ihn während der Nacht belauscht hatte, sonst hätte ich ihn sofort niedergeschlagen".

Daß der Reumütige seinen Vater vergeblich gesucht habe "warf ich ihm hin, indem ich seinen Blick mit dem meinigen festpackte". [...] "Sie sind jener verlorene Sohn" ...

"Es ist heute Domingo de ramos, der Sonntag der Palmenzweige, welche das Zeichen des Friedens, der Versöhnung sind. Söhnen Sie sich mit dem himmlischen Richter aus; dann wird Ihr Gewissen Sie nicht mehr des Nachts vom Lager treiben" ... Die Rede hat eine nicht beabsichtigte Wirkung, "Sein Mund öffnete sich; seine Augen schienen aus ihren Höhlen hervortreten zu wollen, und sein Gesicht bekam infolge des Blutandranges nach dem Kopfe eine blaurote Färbung."

"El Rastreador", der Pfadfinder, wird der Erzähler von Hinzukommenden genannt, sonst nicht im Gesamtwerk ... wir dürfen davon ausgehen daß auch dieser Titel zusätzlich symbolisch gemeint ist. Sucher und Pfadfinder.

"Sie hatten mir Hochachtung erwiesen; das konnte mich aber nicht hindern, sie für das zu halten, was sie waren; sie sahen ganz wie Strolche aus." Nicht manipulierbare Objektivität ist etwas Feines.

"Als wir dann aufbrechen wollten, stellte es sich leider heraus, daß eines unserer Pferde lahmte. Wir mußten es gegen ein anderes umtauschen. Aber, sonderbarer Weise, obgleich die Bewohner des Dorfes von den Comerciantes alles mögliche, was diese hatten, kauften, verkaufen wollte am heutigen Tage keiner von ihnen; sie meinten, dies würde eine Entweihung des heiligen Domingo de ramos sein. Wir waren also gezwungen, bis morgen in Frutobamba zu bleiben. – – –" Der geneigte Leser weiß schon: Schickung ...

 

III - Viérnes santo (Karfreitag)

Interessant sind bei Karl May am Rande auch manchmal die kleinen Beobachtungen aus dem Alltag, der Wirt macht zusätzlichen Umsatz, "Die gute Laune, in welcher er sich dadurch versetzt fühlte, wurde an ihm zum Verräter. Er tischte Speisen und Getränke auf, welche er vorher nicht zu besitzen behauptet hatte."

Der Erzähler belauscht finstere Pläne. Das Festgehaltensein am Ort zeigt seinen Sinn. Auch wenn er keineswegs gleich motiviert ist, in den Lauf von Dingen einzugreifen ... "Was die Comerciantes vorhatten, das wußte ich nicht, und wenn ich es gewußt hätte, so befand ich mich doch nicht in der Lage, es zu verhindern. War ich denn verpflichtet, aller Welt und selbst der fremdesten Menschen Hüter zu sein." Hübsch auf Punkt gebracht.

"Je höher wir kamen, desto kühler wurde es, [...] Da war ein schweres Vorwärtskommen."

"Es war am Karfreitag gegen Abend [...] da hielt ich, beinahe erschrocken, mein Pferd an, denn über uns erklang der Ton eines Glöckchens", und dann hört er das "Ave Maria" in fremder Sprache, "Man denke, wie ich staunte! Das war die Sprache der Inkas" ... "der Beter mußte ein Christ, aber ein Abkömmling der Sonnenkinder sein".

Der Erzähler stellt sich als "Rastreador" vor und wird gleich identifiziert, "Hala! So sind Sie der Aleman, welcher auf der Pampa de Salinas den Sendador besiegte und ihn von der Felsenwand zur Höhe holte?"

Und der von den Belauschten Bedrohte ist auch gleich dabei, "Welch ein Zusammentreffen!"

Der Alte ist abgeklärt und nicht ängstlich, "Gold und immer Gold! Das ist der Teufel, dem so viele Tausende von Seelen verfallen." [...] "Mein Leben ist in Gottes Hand noch weniger als ein Sonnenstäubchen" ...

Man geht schlafen, "Ich habe mich in vielen, vielen außergewöhnlichen Situationen befunden, aber die heutige kam mir doppelt ungewöhnlich vor. Wir waren als Gäste, und zwar ganz freundlich aufgenommen und doch gleich beim Eintritte zur Ruhe verwiesen worden."

 

IV Manana de pascua - (Ostermorgen)

Überraschender kurzer inhaltlicher Schwenk nach - Monaco, "Ich war einige Male da." - "Um zu spielen?" - "Nein; das thue ich grundsätzlich nicht; sondern ich wollte nur diese Hölle mit ihren gefallenen Engeln und hundertfachen Teufeln studieren." - "Und das haben Sie gethan?" - "Ja."

"Der Selbstmord soll dort ohne Unterbrechung wüten."

"Der Alte war der vormalige Bankier Riberto! Wieder eine jener wunderbaren Fügungen Gottes, welche der Ungläubige für Zufall hält."

"Ich glaube aber kaum, daß Sie ihm dieses schwere Verbrechen vergeben hätten!" - "Nicht vergeben? Herrgott, Herrgott, nicht vergeben! Was wissen Sie von einem Vaterherzen, Sennor!" Jenun ... denken wir an die Erzgebirgischen Dorfgeschichten, dort kommt es 2 x vor, daß ein Vater seinen Sohn umbringen will ...

"Hatten sie ihn ermordet?" fragt sich der Erzähler, als er drei Tunichtgute ohne den vierten kommen sieht, "Dann verlor der Vater den Sohn zum zweiten Male".

"Wills Gott, wird es auch hierin Ostern werden", der Erzähler einigermaßen kryptisch in Sachen Vater und Sohn zu Ersterem.

"Es würde zu weit führen, die Einzelheiten unserer Suche zu beschreiben." Mal so mal so ... fehlt es noch an Umfang, schreibt er schon mal hundertfünfzig Seiten mehr oder weniger lustlos dazu, oder aber es wird abgekürzt, je nachdem ...

Immer diese fatal wirkende und offenbar das Alte Testament falsch verstanden habende Mentalität, die sich von Einschüchterung, Strafe u.dgl. arg beeindrucken läßt und das auch von anderen einfordert  ... "diese Karfreitagnacht in immerwährender Todesangst hatte ihn innerlich mürbe gemacht und klein gemahlen" ...

"Ich nahm ihn vor mir auf das Pferd, mußte aber alle Kraft aufwenden, um ihn festzuhalten. Er glaubte noch immer im Wasser zu stecken und schrie und jammerte, daß es zum Erbarmen war."

"Ich hätte sie freilich am liebsten tüchtig durchpeitschen mögen, und sie hatten jedenfalls eine noch ganz andere Strafe verdient, doch hielt ich das für unter meiner Würde und warf keinen einzigen Blick auf sie. Ich war im stillen dafür, sie laufen zu lassen" ... Selten kam diese spezielle Maysche Ambivalenz auf knappem Raum von zwei Zeilen so deutlich herüber ...

Auf die Details der Wiederbegegnung von Vater und Sohn geht der Erzähler nicht sonderlich ein; schließen wir uns dem an.

"Das Gute hat mit dem Bösen in ihm gekämpft, und bei jedem Kampfe kommt bekanntlich das Schlachtfeld am allerschlechtesten weg."

In Sachen der drei 'Bösewichter', die hier als eine Art Erfüllungsgehilfen fungierten: "Aber wer soll der Richter sein? Etwa mein Sohn, der selbst anstatt der Strafe Verzeihung finden wird? Oder ich? Sennor, ich glaube, ich bin auch nicht ohne Schuld. Wem eine Menschenblume anvertraut ist, der soll sie pflegen, und wenn sie nicht gerät, so ist nicht allein die Blume schuld. Nein, diese Comerciantes mögen ihre Sachen nehmen und sich davonmachen."

"Die aufgehende Sonne schien zur offenen Höhle herein und warf zitternde Lichter auf die Wände derselben. Einige dieser Lichter verirrten sich auf das Gesicht des Schlafenden; sie gaben demselben ein eigentümliches warmes Leben. Es waren nicht mehr die Züge des Perdido vom Madeirastrome, sondern es sprach aus ihnen eine Seele, die er damals nicht besessen hatte." Das hat etwas von einer Szene aus einer alten Verfilmung von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" ...

"Ich erwachte, und mein Vater saß bei mir. Ich bat ihn, mich nicht Perdido sondern Hallado, den Wiedergefundenen, zu nennen. Ist es wahr, daß ich bei meinem Vater bin?" Und das hat etwas Jenseitiges ...

"Und wem verdanke ich das?" - "Dem guten Gott, der die Schicksale der Menschen wie Wasserbäche lenkt."

"Freitag haben wir Sie hierher gebracht, und bis jetzt haben Sie geschlafen. Es ist Ostermorgen. Sehen Sie die Sonne dort! Wissen Sie, was sie verkündigen will?" - "Christ ist erstanden."

"Da kam sein Vater, welcher aufgewacht war und diese Worte gehört hatte, herbei und beugte sich mit Thränen der Freude über ihn. – –"

 

EIN ABENTEUER AUF CEYLON

Die Rettung eines Delinquenten sowie die Befreiung von dessen Braut aus den Händen von Mädchenräubern werden wir auch in Band 11 „Am stillen Ozean“ (im „Girl-Robber“) wieder lesen, nur ist hier in der Frühfassung alles noch ein bisschen kürzer und knapper, und die Elefantenjagd findet auch noch nicht statt.

Mittels einer Speisekarte legitimieren sich Walpole und Ich-Erzähler („Charley“) einem Analphabeten gegenüber als mächtige Zeitgenossen (die wunderbare Formulierung „zwei Maharadscha vom Sonnenuntergang“ ist Karl May dann erst für die spätere Fassung eingefallen), und dann geht es auch schon bald in See, auf wenigen Seiten wird die Eroberung des Piratenschiffes und die Befreiung der Mädchen abgehandelt. Der Erzähler May hat sichtlich noch geübt.

 

I

Hier ist es noch Sir John Emery Walpole (nicht Raffley), der mit dem Erzähler vom Leuchtturm guckt. „Er bemerkte von Alledem, was ich sah, nicht das Geringste.“ So ist das, auch schon mal unter sich gegenseitig einigermaßen wohlgesonnenen.

„Was ist Point de Galle gegen London, was ist der Gouverneur zu Colombo gegen die Königin Victoria, was ist Ceylon gegen Altengland, was ist die ganze Welt gegen Walpole-Castle, wo Sir John Emery geboren worden ist?!“ Jeder hat halt so seins ...

„Er hatte den Spleen in einem solchen Grade, daß seine lange, schmächtige, dabei aber außerordentlich kraftvolle Persönlichkeit nur in höchst seltenen Augenblicken einen kleinen Anflug von Genießbarkeit zeigte, besaß dabei aber ein sehr gutes Herz, welches stets gern bereit war, die kleinen und großen Seltsamkeiten, in denen er sich zu gefallen pflegte, wieder auszugleichen.“

Man realisiert, daß eine Exekution stattfinden soll, „Well. Laßt ihn ruhig ersaufen, Charley!“

Nur daß der Delinquent gefesselt ist, stört das moralische Empfinden ... Walpole möchte die Angelegenheit zum Gegenstand einer Wette machen. „Der sonst so wortkarge Mann war mit einem Male außerordentlich lebendig geworden.“

Man hat den Delinquenten befreit; „Was hast Du verbrochen?“ – „O Nichts, Nichts, Herr, fast gar Nichts. Mein Kris war sehr scharf und spitz und ist Einem in's Herz gefahren“ ...

Auf die Ankündigung, ihn zu verhaften, reagiert Walpole auf seine Art: „Der gute Sir John Emery lachte, daß ihm die Thränen in die Wimper traten“.

„Ich bin ein Maharadscha aus Anglistan und dieser Sihdi hier ist ein noch viel größerer Maharadscha aus Germanistan.“

„Er griff in die Tasche und zog die Speisekarte hervor, welche er im Hotel Madras zu sich gesteckt hatte. 'Hier, lies!' Der gute Mann ergriff das Blatt, führte es respectvoll an die Stirn, betrachtete es dann mit wichtiger Kennermiene und bewegte dabei die Lippen, als ob er lese. Dann schlug er es sorgfältig wieder zusammen, drückte es an die Brust und gab es zurück.“

 

II

Der Besuch beim Mudellier wird hier anders als in der späteren Fassung nur kurz nacherzählt.

Der Befreite ist pessimistisch und gibt sich drastisch, „Die Dschonke ist heut abgesegelt und Kaloma, die Schönste unter den Frauen der Vayisa's wird unter der Umarmung eines chinesischen Rattenfressers sterben.“

Auseinandersetzung auf See, um Leben und Tod, „Es war ein eigenthümliches Gefühl, welches mich in diesem Augenblicke erfaßte.“

„Sie waren nach kurzer Gegenwehr überwältigt und wurden schnell gefesselt.“

Und ein zweiter Kampf, „der uns zwar einige Wunden kostete, aber doch mit unserm Siege endete“.

Man erfährt von den gefangenen Frauen und Mädchen „daß ihr Dorf von den Chinesen überfallen worden sei. Die erschrockenen Männer waren einfach davongelaufen“.

„Die Töchter Eva's erhoben ein wahrhaft betäubendes Jubelgeschrei, als sie hörten, daß sie ihre Freiheit zurückerhalten würden.“

Der Mudellier „benahm sich außerordentlich freundlich gegen uns und bat Walpole, der mächtigen Königin in Anglistan von seiner Weisheit und Gerechtigkeit zu erzählen. Dieser versprach es ihm, warf ihm dabei aber über den mächtigen Klemmer einen Blick zu, in welchem etwas ganz Anderes als die Anerkennung der gerühmten Weisheit und Gerechtigkeit lag.“

Das Ganze endet mit einem Ratschlag Walpoles an den Erzähler, „Ich habe Euch lieb und muß Euch daher von ganzem Herzen bedauern. Gebt Euch Mühe und werdet endlich einmal besser!“

 

EIN DICHTER

Abwechslungs- und handlungsreiche Geschichte, später von Karl May selbst (mit einigen inhaltlichen Änderungen) zu „Der Pfahlmann“ umgearbeitet  für die dreiteilige „Rose von Kairwan“ (siehe Sammelbände).

Teilweise hat Karl May hier von seinem Kollegen Armand fast wörtlich abgeschrieben, was dem Reiz seines Textes aber einmal mehr [fast] keinen Abbruch tut, seine kleinen Ergänzungen und Änderungen sind es, die doch immer einen typischen May daraus machen. Der Maysche Funke, gleichsam.

Die Liebesgeschichte kann einen je nach Alter, Erfahrungen und Tagesform sehr berühren oder ziemlich kitschig anmuten, so kann sich Wahrnehmung ändern bzw. variieren. Mal nimmt man mehr das eine wahr, mal das andere; dieses wie jenes ist vorhanden.

Enthalten u.a. in Band 84 der „Gesammelten Werke“.

 

EIN OELBRAND

Zweigeteilte und sehr unterschiedlich ausfallende frühe Geschichte.

Sehr schön die Naturschilderung zu Beginn.

Der Erzähler lernt den Indianerhäuptling „Tötendes Feuer“ kennen und läßt den Leser, nachdem er vorher schon ausführlich seine sehr kritischen Ansichten zum Untergang der Indianer geäußert hatte, auch im Dialog mit diesem an differenzierter Betrachtungsweise, auch heutzutage nicht unaktuell, teilhaben.

„Das tödliche Feuer ist in den Städten der Bleichgesichter gewesen und hat die Reden ihrer Priester vernommen. Kennt Old Shatterhand diese Reden? Wer Menschenblut vergießt, der soll auch sterben, sagt euer Buch; deshalb sollen auch die Bleichgesichter im Fort sterben! Einer soll den andern lieben, sagt euer Buch. Warum wurden dreimal fünf und noch drei Krieger der Tetongs getötet, die doch nichts Böses gethan hatten? Ihr sollt gehorchen euern Häuptlingen, sagt euer Buch. Wenn ein roter Mann zu euch kommt und einen tötet, so wird auch er getötet, denn eure Häuptlinge sagen, daß sie das Recht dazu haben. Wenn aber ihr zu uns kommt und tötet zehnmal zehnmal zehn Männer von uns, so dürfen wir euch nicht töten, denn unsre Häuptlinge haben kein Recht dazu, sagen die eurigen. Sind denn die roten Männer Hunde und Koyoten?“

Der zweite Teil beginnt gleichsam mit einem Kalauer, „Und wieder saß ich eines Abends beim Lagerfeuer, doch nicht allein, denn mein Pferd weidete ganz in meiner Nähe.“ Gelegentlich nimmt unser Autor sich und sein Schreiben selbst auf den Arm.

Es kommt zu einem - hier besonders abstrus anmutenden, als wäre der amerikanische Westen nicht größer als der Bayerische Wald - Treffen mit Winnetou, und dann geht es der Schlußapotheose entgegen. Am Ende rettet der Indianer mit Namen „Tötendes Feuer“ die Freunde vor dem realen tötenden Feuer, wobei Winnetou und Old Shatterhand sämtliche Haare lassen müssen, samt Brauen und Wimpern.

In einer Interpretation war zu lesen, die Geschichte habe etwas mit Mays Rückkehr zur Kolportage (ab 1882) zu tun. Möglich. Auch um das Thema Individuum und Gesellschaft geht es in dieser Geschichte in hohem Ausmaß.

 

I – Tötendes Feuer

Tabak und Brandy gab's im Fort Caß, das war dem Erzähler freilich zu wenig, und ein bißchen was zu lesen, entsprechenden kryptischen Hinweisen im Text wäre genauer nachzugehen.

Fatale Zeit, "da ich überhaupt kein besonderes gesellschaftliches Talent besitze und übrigens an den Herren Militärs kein großes Wohlgefallen fand".

"Ich wollte mir eine rechte Güte thun und wieder einmal eine ganze Nacht im Urwalde verbringen."

"Das war ein stiller, einsamer Ort, so ganz nach meinem Geschmack. Der Fluß bildete hier eine seeartige Erweiterung mit mehreren tiefen, schmalen Buchten, an deren einer ich landete und das Kanot befestigte. Es wollte bereits dunkel werden; ich brannte mir ein Feuer an und briet mir einige Fische, welche ich während der Fahrt geangelt hatte." Erinnert an Hemingway, Großer doppelherziger Strom.

"Ich hatte so lange Zeit auf meinen alten, treuen Freund, den Urwald, verzichten müssen, und heute, da ich zum erstenmale wieder in seinen Armen lag, durfte ich ihm das Herzeleid nicht anthun, einzuschlafen, ohne seinen ernsten, tiefen, schwermütigen Stimmen zu lauschen."

"Diese Stimmen sind von dem großen Meister der Schöpfung alle in Moll gesetzt, sind ja auch die einfachen Gesänge der Naturvölker stets in Moll komponiert. Ich lauschte der Abendhymne des Waldes, jenem leisen aber sonoren Sausen, welches von tief gestimmten Aeolsharfensaiten zu kommen scheint. Es umgibt und umklingt einen von allen Seiten; es kommt aus allen Richtungen, und doch kann man nicht sagen, wo es beginnt und wo seine Noten geschrieben stehen. Dazu erklang in leichtem Rhythmus das kosende Plätschern und Glucksen der Wellen. Ein Eichkätzchen kam am Stamme einer Rüster herab, betrachtete mich mit seinen kleinen, neugierigen Aeuglein und kehrte dann beruhigt in seinen Kober zurück." Unter den Menschen ist sie selten, die Harmonie, man muß schon z.B. in den Urwald gehen.

Eindeutiges in Sachen "Indianer": "Ich gestehe nämlich freimütig, selbst auf die Gefahr hin, vielerorts anzustoßen, daß ich das bisherige Verhalten der Weißen gegenüber den Roten nicht billige. Auch der Indianer ist Mensch und steht im Besitze seiner Menschenrechte; es ist eine schwere Sünde, ihm das Recht, zu existieren, abzusprechen und die Mittel der Existenz nach und nach zu entziehen. Man halte im Vereinigten Staaten-Kongreß noch so schöne Reden; man sende dem sogenannten 'Wilden' Missionäre, Agenten und alle möglichen anderen Sorten von 'Zivilisatoren', der Unparteiische aber wird die Rede von der That zu unterscheiden wissen."

"Der Indianer liegt im Sterben, tausendfach verwundet und verletzt; sein Scheiden ist kein friedliches; sein Todeskampf ist vielmehr ein fürchterlicher. Das Feuerwasser, die Pocken und andre ähnliche Geschenke der Weißen haben seine Kräfte noch nicht zur Neige gebracht" ...

„Sein hartes Sterbebette ist das Felsengebirge, in dessen Schluchten und Kañons die letzten Kämpfe stattfinden werden. Er weiß, daß die Pueblos, Zuni, Queres und alle, welche sich ergeben haben, den langsamen, ehrlosen Tod des Verschmachtens, der Entartung gestorben sind oder noch sterben werden“ ...

„Das ist meine Ansicht als Mensch und als – Deutscher. Was dieses letztere Wort sagen soll, braucht man nicht erst zu erklären, obgleich es nicht im mindesten eine ethische Ueberschätzung, eine gedankenlose Selbstgerechtigkeit ausdrücken soll.“ Was nun aber genau gemeint ist, bleibt eher offen ...

Soldaten haben einen „Friedensbruch“ begangen. Old Shatterhand überwältigt nach bewährter Manier einen Häuptling und läßt ihn anschließend frei. „Warum gibst du mich frei? Warum tötest du nicht den größten Feind der Bleichgesichter?“ – „Weil du ein tapferer und gerechter Krieger bist. Du bist der Feind der Bleichgesichter nur deshalb geworden, weil sie selbst ihre Freundschaft mit euch gebrochen haben.“

„Bist du denn ein Häuptling der Weißen, und wie lautet dein Name?“ – „Das tötende Feuer braucht sich nicht zu schämen, das Kallummet mit mir zu rauchen, [...] Ich bin Old Shatterhand.“

„Kaum hatte ich den Namen genannt, welcher mir von irgend einem müßigen Trapper gegeben worden war“ ... später (in Winnetou I) hat er das genauer gewußt, Sam Hawkens war’s [dort].

„Von diesem Augenblicke an konnte ich sicher sein, einen neuen Freund gewonnen zu haben, der jederzeit bereit war, sein Leben für mich hinzugeben.“

„Die Freundschaft der 'Bleichgesichter' wird oft auch bei Tabaksqualm und Spiritusduft geschlossen, aber was ist sie wert? Sie hört auf, sobald der Qualm sich verzogen und der Spiritus sich verflogen hat!“

„Dieser Siou sah mich heut zum erstenmale; er wußte, daß ich jetzt zu den Bewohnern des Forts gehörte, und dennoch vertraute er mir das alles an. Ist es zu verwundern, daß ich ihn für meiner Freundschaft würdiger hielt als diejenigen, welche seine Rache so – gelind gesagt – unbesonnen herausgefordert hatten? Aber durfte ich ruhig zusehen, daß das Fort überfallen wurde? Nein! Und grade aus diesem Grunde befand ich mich gegenwärtig in einer gar nicht beneidenswerten Lage.“ Das haben wir bei Karl May und im Leben häufiger, daß man zwischen den Fronten steht und beide Parteien in Teilen verstehen kann. „Ich bin dein Freund, aber auch alle Bleichgesichter sind meine Brüder.“

„Ich gestehe offen, daß es mir nicht leicht wurde, diese Worte auszusprechen, und ich bekam die Folgen denn auch sofort zu hören“.

„Das tödliche Feuer ist in den Städten der Bleichgesichter gewesen und hat die Reden ihrer Priester vernommen. Kennt Old Shatterhand diese Reden?“ Decken wir lieber den Mantel des Schweigens darüber ...

Begegnung mit dem Bösen, „Er war schauderhaft anzusehen mit seiner bebarteten linken und der rohfleischfarbenen rechten Hälfte des Gesichtes.“ Dieses Motiv kommt öfter vor bei Karl May, auch bei „Sympathiefiguren“.

„Zunächst werde ich jeden niederschießen, der es wagt, seine Hand an mich zu legen, und sodann werde ich einen wahrheitstreuen Bericht der Tetongangelegenheit nach Washington senden.“ Naja ... ob letzteres irgend etwas in des Erzählers Sinne bewirkt hätte ...

“Get you gone – packt euch!“ Auftritt mit Pferd, innerhalb des Gebäudes, vor dem Major, auch so etwas kommt noch gelegentlich vor im übrigen Werk.

„Tötendes Feuer, sage diesen Bleichgesichtern, wer ich bin!“ [...] „Die verblüfften Mienen waren ein wahres Gaudium für mich. Der bloße Name thut oft mehr, als der Träger desselben jemals fertig bringen kann.“

„Mancher wird in meinem Verhalten ein großes Wagnis erblicken, aber es war keins. Ich kannte meine Leute. Ein deutscher Major oder Obristwachtmeister hätte mich ganz einfach ad acta heften lassen, die guten Yankees aber hatten vor meinem Trappernamen einen solchen Respekt“ ...

Spektakuläre Flucht.

 

II – Der rote Olbers

Zweiter Teil, neue Geschichte. Erst am Ende wird der 'Bogen' vollendet.

„Und wieder saß ich eines Abends beim Lagerfeuer, doch nicht allein, denn mein Pferd weidete ganz in meiner Nähe.“ Das kann man als eine Art Kalauer empfinden, oder aber auch als die Botschaft: die Gesellschaft eines Pferdes ist der eines Menschen vorzuziehen. Oder auch als Mischung aus beidem.

„Ich hatte nicht die Macht, den Beschluß der Indianer zu ändern, und da ich nicht Lust hatte, ihrem Angriffe auf die Weißen beizuwohnen, so blieb ich nur einen Tag bei ihnen und brach dann auf“ ...

John Helming, diese Geschichte kennen wir nicht. Sequelautoren vor. Muß interessant gewesen weil ungewöhnlich unverlaufen sein: „kurz und gut, wir zogen den kürzeren“.

„Nun galt es, Winnetou zu finden. Das scheint schwerer zu sein, als es eigentlich war. Wir hatten uns schon öfters getrennt und doch selbst in der felsigsten Einöde, im tiefsten Urwalde wiedergefunden.“ Er schreibt ihn sich halt herbei wie er ihn braucht.

„Die Spitze des belaubten Zweiges sagte mir, wohin er geritten sei, und die beiden andern Zweige zeigten genau gegen den Punkt des Himmels, wo die Sonne zu der Zeit gestanden hatte, an welcher er das Zeichen errichtete. An der Frische der Blätter konnte ich den Tag, ob heute, gestern oder noch eher, erkennen.

Auf diese Weise erfuhr ich, daß der Apachenhäuptling heute vormittag um neun Uhr hier gewesen sei.“

„Es ist mit dem wilden Westen wie mit dem Wasser: man darf nicht zagen, man muß sich, um schwimmen zu lernen, mutig hineinstürzen; es trägt den Menschen von selber, und die Lehrlingszeit vergeht um so schneller, je größeren Eifer man der Uebung widmet.“ So ist das nicht nur mit dem wilden Westen.

„Für den Laien ist es fast unbegreiflich, daß zwei Jäger einander an dem Knalle ihres Gewehres erkennen sollen; aber wer jahrelang die Stimme einer Büchse gehört hat, der weiß dieselbe von dem Tone eines jeden andern Gewehres zu unterscheiden.“

„Das war Winnetou, der berühmteste Häuptling der roten Männer, der aber dennoch niemals einen Stamm befehligte, sondern einsam oder nur mit einem Freunde die Savannen und Gebirge durchritt, um zu zeigen, daß auch ein Indianer ein Held und Mensch sein kann.“ Was können wir da herauslesen: es geht eben nur mit Einzelnen ...

„Er nahm an meiner Seite Platz, und ich bot ihm eine der Zigarren an, welche ich mir im Fort gekauft hatte. Kein Pariser Elegant hätte dieselbe mit größerer Zierlichkeit zum Munde führen und anrauchen können.“

„Man sah uns vom Hause aus kommen, und unter der Thür trat uns ein Mann entgegen, in dessen Gesicht mehr Gutmütigkeit und Offenheit lag, als es sonst bei den Yankees der Fall zu sein pflegt.“

„Ich ersuche Euch, den Oberbefehl über meine Leute zu übernehmen. Sie werden Euch gern gehorchen.“ ... „Das war ja für mich sehr ehrenvoll! Ich, der Unbekannte, sogleich General en chef!“

„Ich fand in Mrs. Wittler und Mrs. Helming zwei Damen, welche mehr Energie zu besitzen schienen als der Oelprinz“ ...

Winnetou hat sich schnell für eine Vorgehensweise entschieden, „Alle müssen sterben! Man besetzt den Ausgang, sobald die diebischen Bleichgesichter hereingekommen sind. Sie können in der Nacht nicht an den Felsen empor und werden von unsern Kugeln gefressen werden. Howgh!“ ... „Ich stimmte ganz seiner Ansicht bei“ ...

Aber es läuft halt nicht immer alles so, wie man sich das vorgestellt hat, „Ich mußte den Mann förmlich fortschieben, so voller Angst war er. [...] Ich hatte keine Zeit zu antworten und meinem Aerger Luft zu machen. Dieser feige Mann“ ...

„Ob wir wiederkommen, weiß ich nicht, zeitig, spät, heut, morgen oder auch gar nicht. Fare well, Sir!“ Nach wirklicher Anteilnahme klingt das nicht, und das ist nachvollziehbar ...

„Es wurde dunkel, und die Sterne gingen auf. Wir lag es auf der Seele wie ein bevorstehendes großes Unglück.“

Abenteuerlich geht’s zu, „Daß wir da lebendig hinabgekommen sind, kann ich heut noch nicht begreifen.“

„Jetzt kamen wir an dem Erdbohrer vorüber. Ich hörte die Maschine gehen und dachte, trotzdem die Gegenwart uns in Anspruch nahm, an ein anderes Erlebnis in Couteau du Missouri, wo während meiner Anwesenheit der Bohrer das unterirdische Oel in dem Augenblicke erreicht hatte, in welchem in der Nähe eine Lampe gebrannt hatte; an ihr hatten sich die Gase entzündet, und der ganze Bluff war ausgebrannt.“

Und dann, wenige Zeilen später: „Da war's ja, ganz dasselbe wie dort im Couteau du Missouri!“

„Die nächstfolgende Viertelstunde kann ich nicht beschreiben.“

„Die Sinne wollten mir vergehen; ich begann zu phantasieren: ich war eine Dampfmaschine und mußte mein Fahrzeug an das Ufer bringen. Das Boot flog vorwärts und das Ufer auf uns zu. Noch einige kräftige Schläge, dann erhob ich mich. Das Boot rannte an, und ich stürzte in das Wasser; das brachte mich wieder zu mir.“

Und dann wird der Bogen vollendet, „Ja, das tötende Feuer kam hinter uns, um uns zu verderben, aber das 'tötende Feuer', der Häuptling der Tetongs, kam von oben herab, um uns zu retten.“

„Die beiden Frauen wimmerten, und die Kinder weinten; ich drückte die Kleinen an mich, aber ich wendete den Blick nicht von den Wilden.“

„Wie ich hinaufgekommen bin, das weiß ich heut nicht mehr; ich weiß nur, daß mich Flammen umzuckten, daß ich Feuer trank und daß mein Kopf größer war als der allergrößte Luftballon.“

„Ich versuchte aufzustehen, und es ging, aber die giftigen Gase schienen alle meine Eingeweide zerfressen zu haben. Die Kleider hingen mir wie Zunder auf dem Leibe; Bart, Kopfhaar, Brauen und Wimpern, alles war verschwunden, und so war es auch bei Winnetou.“

„Der Krater sah aus wie eine Hölle, und die Indianer erschienen wie Teufel, die um die riesige Flammenfontäne tanzten.“ Wieder werden gleichsam Wertungen verdreht, vorher in Sachen Tötendes Feuer Verkehrung der ursprünglich negativen Besetztheit des Namens, jetzt negative Assoziationen zum Bild der Retter ...

Daß es sich um eine existentielle Erfahrung handelt, die hier nach Verarbeitung sucht, ist klar. In KMG-Publikationen findet man teilweise interessante Interpretationsansätze zu der Geschichte.

In den Sioux findet der Erzähler „ernste, wahre Freunde, bei denen ich mich in Gesellschaft Winnetous erholte von den Folgen des Oelbrandes, welche doch schlimmer waren, als ich zuerst geglaubt hatte. – – –“

 

EIN PHI-PHOB

Banale kleine Geschichte, 1887 anonym im „Guten Kameraden“ erschienen.

Exotik, Diebstahl, Versteckspiel und Prügelstrafe, um ekelige Demütigung des Delinquenten, der einen Gecko aufessen muß, angereichert. An derlei Gemeinheiten scheint Karl May gelegentlich seine Freude gehabt zu haben.

Geringfügig bearbeitet in Band 48.

 

EIN PRÄRIEBRAND

Immerhin zitiert der sonst nicht immer uneitle Karl May (oder war es, wie neueste Forschungen offenbar herausgefunden haben, doch ein anderer Autor ?) hier achtungsvoll seinen Kollegen Sealsfield:

"Ich habe mir, so mag ich wohl sagen, einen lebendigen Gott gewonnen, einen Gott, den ich früher nicht kannte; denn jener, den ich in der Prairie kennen gelernt, ist mein eigener Gott, mein Schöpfer, der sich mir in der Herrlichkeit seiner Werke geoffenbart, der mir von dieser Stunde an vor Augen stand und stehen wird, solange Odem in mir ist."

Dann zitiert er, ausführlich, einen Karl Müller und sein „Buch der Pflanzenwelt“, und schließlich läßt er bezüglich des Titel-Themas „einen Augenzeugen“ zu Wort kommen, von dem nicht klar ist, ob er das vielleicht selber ist.

In das Ende der Geschichte könnte man allerhand hineininterpretieren, wobei fraglich ist, ob das im Sinne ihres Erfinders war. Immerhin, nachdem das Inferno beendet ist, kommen sich Wesen verschiedener Art, hier sind es Präriewölfe und Menschen, zunächst näher:

„Er sah mich, seinen Nebenwanderer, jedoch ohne zu fliehen. Die ringsum herrschende Verheerung schien ihn dem Menschen um ein Glied in der Kette der Wesen näher gebracht zu haben, denn er hatte seine Furcht vor ihm verloren.“

Aber, wie das so ist, es geht nicht gut:

„Mir lag indes, trotz der Einsamkeit, nichts an der Gesellschaft von Wölfen; ich legte daher meine Büchse an und schickte eine Kugel unter sie. Ein lautes Heulen antwortete auf den Schuß und der hinkende Gang des einen, als die Rotte in die Wälder floh, überzeugte mich, daß meine Kugel ihr Ziel reicht hatte.“

Ob dem Erzähler bewußt war, wie abstoßend geschmacklos dieser Schluß wirkt ?

 

EIN SELF-MAN

Kleine Geschichte um den Poltiker Abraham Lincoln, den Kanada-Bill und einen Ich-Erzähler namens Tim Summerland. Die Erzählung erfuhr mehrere Umarbeitungen und ist dann in den zweiten 'Surehand'-Band eingegangen.

Die erste Begegnung mit dem auf einem Baumstumpf im Wald eine Rede haltenden Lincoln erinnert assoziativ an das Märchen vom Rumpelstilzchen, wenn auch der übrige Zusammenhang gar nicht paßt. Der spätere Präsident der Vereinigten Staaten wird durch und durch als interessanter, integrer Gutmensch geschildert, was ja für einen erfolgreichen Politiker schon außerordentlich ungewöhnlich wäre.

Der etwas schemenhaft wirkende Kanada-Bill taucht überall ganz unvermittelt auf, im zweiten Surehand-Band bekommt er dann später noch eine weitere Geschichte an den Hals gehängt, mit der er ursprünglich gar nichts zu tun hatte.

„Authentischen Schilderungen nacherzählt von Emma Pollmer“.

 

I

„Das war damals ein munteres Leben da hinten im Westen, besser, viel besser als jetzt, das sage ich Euch, und darum könnt Ihr's glauben! Die Rothhäute kamen um ein Beträchtliches weiter in das Land herein als heut zu Tage, und man mußte die Augen offen halten, wenn man sich nicht eines schönen Abends hinlegen und dann des Morgens im Himmel ohne Scalp erwachen wollte. Doch, das war nicht sehr schlimm, denn so ein vier bis mehr Indsmen kann man sich schon gut vom Leibe halten, aber es trieb sich neben ihnen auch allerlei weißes Gesindel da hinten herum, so was man hier im Osten Runners oder Loafers nennt, und diese Kerls waren bösartig und durchtrieben genug, um Einem mehr zu schaffen zu machen, als alle Indianer zwischen dem Missisippi und dem großen Meere zusammen genommen.“

Der Canada Bill „hatte ein Spiel gelernt, welches man drüben in Germany 'Kümmelblättchen' nennt – bei uns heißt es 'three carde monte'.“

„Auch ich bin Einiges mit ihm zusammengekommen und habe dabei die Bekanntschaft eines berühmten Mannes gemacht, der – – na, Ihr werdet ja wohl hören, wen ich meine, und die Einleitung zu einer guten Geschichte darf nicht zu lang gezogen sein, sonst rufen die Zuhörer 'Stopp!' und reiten davon, ehe man nur richtig angefangen hat.“

„Also, ich war noch etwas grün im Fache, aber eine gute Faust hatte ich doch, mein Auge war hell und offen, mein Wille gut und munter, die Büchse verstand ich ganz leidlich drauf zu halten, und mein Bowiekneif war schon Einigen zwischen die Rippen gefahren, die sich so einen Aderlaß nicht vermuthet hätten.“

Lincoln hält im Wald seine Rede den Bäumen, „eine Rede, die er nicht besser und schöner bei einem Meeting hätte anbringen können. Ich bin ein ziemlich eigener Kopf und gebe nicht viel auf das, was mir vorgesprochen wird, aber der Mann hatte eine Stimme und eine Art des Ausdrucks“ ... Außerdem „spiegelblanke Augen ohne Lug und Trug, einen breiten, scharfen Mund, ein eckiges Kinn und konnte trotz der Gutmüthigkeit, die ihm anzusehen war, doch vielleicht ein Weniges verschmitzt und listig sein, wenn er es für gut hielt.“

„Der Mann war nicht unrecht. Er hatte gar Vieles erlebt und über Alles gehörig nachgedacht. Darum brachte er Ansichten zum Vorschein, die mir einen ganz gehörigen Respect von ihm einflößten, und als wir uns 'good night' sagten, wußte ich, daß ich in eine ganz respectable Gesellschaft gerathen sei“.

Betrunkene Komantschen im überfallenen Fort; der Kanada Bill taucht überraschend und aus nicht geklärten Gründen auf und wird scheinbar erschossen, „Es war keine Spur von Leben mehr in ihm vorhanden“.

„Abraham Lincoln stand vorn am Flosse, um nach Snaks, Alligatoren und Indianern auszuschauen, in jenen Gegenden die drei größten Feinde des Schiffers. Ich ahnte damals nicht, daß er bald die erste Stelle auf dem Flosse der 'Vereinigten Staaten' einnehmen werde, um dasselbe sicher durch die ärgste der Stromschnellen zu führen, durch welche es jemals geschwommen ist.“

 

II

„Wenn zwischen zwei Geschichten so einige Jahre in das Land gehen, so kann man auch beim Erzählen eine Pause machen. Es geht ja auch im Leben nicht Alles so glatt und hurtig ab, und zumal Unsereiner wird von den Winden hin und hergeworfen, die bald von hier und bald von da herüberwehen und zumal dem Westmanne gar arg mitzuspielen pflegen.“

Kinderhandel, Sklavenproblematik.

Wiederbegegnung mit Lincoln, „Das schnappte und klappte nur so Alles an ihm.“

Holterdipolter verläuft das Weitere und geht die Geschichte zu Ende. Der Verfasser ist sichtlich noch nicht auf der Höhe seiner Form.

 

EIN WÜSTENRAUB / DIE ROSE VON SOKNA

Relativ frühe, kleine Erzählung, später überarbeitet und in anderer Form in den Band „Orangen und Datteln“ (Die Gum) eingeflossen sowie in die "Rose von Kairwan" (siehe unter Sammelbände).

Der Ich-Erzähler handelt und wirkt hier noch nicht so spektakulär wie später. Als der Frauenräuber und Erzbösewicht höchstpersönlich in Erscheinung tritt, unternimmt er rein gar nichts und bekennt freimütig, auf den wilden Mann offenbar keinen allzu großen Eindruck gemacht zu haben.

Im weiteren Verlauf der Erzählung geht es um ein Geisterschloß, solche spektakulär anmutenden Sujets finden sich bei Karl May später eher seltener, dafür haben dann seine Nachahmer auf so etwas zugegriffen, schade, dass er selber es nicht öfter getan hat. Die Gefangene singt auch im schaurigen Schloß das Lied, das der Erzähler schon von ihr kennt, überhaupt erfahren wir nicht allzu viel von ihr, ein wenig holzschnittartig einfallslos mutet das an.

Der Held sperrt die Räuber ein, sein Diener überwältigt und bindet den Hauptschurken, und fertig ist der Lack. Der große Held übt gleichsam noch und soll sich erst später in vollem Glanze als ein solcher entpuppen.

 

I

Der Erzähler findet seinen Gastfreund "nicht wie gewöhnlich mit unterschlagenen Beinen sitzend, eine Stellung, welcher der Türke Rahat oturmak, Ruhen der Glieder nennt, sondern mit wirrem Haar und tief vergrabenem Gesichte lang auf den Kissen liegend".

Desen Tochter ist entführt worden, "Ach, wenn sie doch lieber gestorben wäre!"

"Die Thränen rannen ihm während dieser ächt orientalischen Herzensergießung in schweren Tropfen in den grauen Bart."

Aber die Aussicht auf ein Geschäft vermag abzulenken, über Abgründe und Wesen menschlicher Charaktere hat sich unser Autor nie große Illusionen gemacht, das wird auch hier sehr hübsch deutlich: "Der Klang des edlen Metalles hatte bei meinem Freunde wohl dieselbe Macht wie sein Schmerz".

Auftritt eines Fremden, "Der Kofla-Aga!"

"Manasse sank bei diesem entsetzten Ausrufe wieder zusammen, und auch ich war in hohem Grade bestürzt."

Der Kofla-Aga hat die Tochter entführt, "Allah kerihm, Gott ist gnädig! was soll sie bei Dir?" Die Frage bleibt zunächst unbeantwortet ... (Es wird "Willst Du sie wieder haben?" gegengefragt.)

"Du willst sie wiederbringen - Handullillah, Preis sei Gott; Du bist ein ehrlicher Mann!" - "Hilf ihm, o Gott; er ist delih, verrückt geworden!" ... ("spottete der Räuber".)

"Zehn Beutel in Gold! Ich bring sie nicht zusammen!" - "So wird das Mädchen mein Weib und meiner Männer Weib, Allah weiß es, und dann stirbt sie!" Womit die vorher gestellte Frage beantwortet wäre ... In späteren 'Hausschatz'- und anderen Veröffentlichungen geht es den Bösen dann schwerpunktmäßig doch eher um Materielles.

Der wilde Mann ist vom Erzähler sichtlich unbeeindruckt, "Ohne mich auch nur mit einem einzigen Worte beachtet zu haben, schritt er hinaus."

 

II

Wüste; der Erzähler und sein Diener lagern abseits, "um den Eindruck der überwältigenden Wüstenöde einmal vollständig zu empfinden".

El Kasr, das Geisterschloss ... wäre ein dankbares Sujet auch innerhalb eines umfangreicheren Werkes gewesen.

Die Wüste "liegt vor Gott in ihrer Leere" ... "Dieser Eindruck ist, je weiter entfernt man sich von menschlichen Wesen weiß, ein desto überwältigender; man fühlt sich hineingeworfen in eine tödtliche Verlassen- und Vergessenheit" ...

"Wer hat es Dir gesagt, Effendi?" - "Ich weiß es." Hübsch. (Niemand hat es ihm gesagt ... das ist manchmal nicht notwendig.)

"Vor uns lag eine weite, von steil anstrebenden Bergwänden eingefaßte Thalrundung; unserm Standorte grad gegenüber, ungefähr drei Viertel Wegesstunden weit, erhob sich auf der Kuppe des Ras (Berg) ein eigenthümliches Mauerwerk, zu welchem eine lange Reihe von Reitern emporstrebten." Hübsches Bild.

"Es war ein böser, schlimmer Weg, den wir nun verfolgten. Wir mußten uns beeilen, noch vor dem bald zu erwartenden Einbruche der Dunkelheit an Ort und Stelle zu gelangen und hetzten, bald durch enge Seitenthäler und wilde, nackte Schluchten, bald über schroffe Höhengrate dahin, als würden wir von tausend Djinns nach dem verhängnißvollen Geisterschlosse getrieben."

Angst ist kein Thema, "ich konnte es, wie bereits gesagt, wirklich zu keiner Furcht vor dem Kofla-Aga bringen, freute mich sogar, offen gestanden, auf das zu erwartende Abenteuer und verließ mich dabei ganz auf unsere guten Waffen und auf mein gutes Glück, welches mich bis dahin selbst in den kritischsten Situationen nicht verlassen hatte".

"Eine ganze Schaar von Geiern hatte sich über uns erhoben, und nach wenigen Schritten fanden wir die Schlucht von abgenagten und gebleichten Knochen dicht übersäet. Es waren menschliche Gebeine - mit Schaudern mußte ich es denken - jedenfalls die Ueberreste der unglücklichen Kameeltreiber, welche in der Wüste gefangen, nach el Kasr geführt und vom Felsen in die Tiefe gestürzt worden waren."

Dann geht alles ziemlich rasch, und bald ist der Bösewicht "überwältigt und gebunden". Der Lohn wird großzügig dem Diener überlassen.

 

EINE SEEHUNDSJAGD

Zeitschriften mischten damals wie heute aus Fakten und Fiktion eine „Wahrheit“ zusammen, die der Leser ganz und gar für bare Münze nehmen kann oder auch nicht. Für den „Guten Kameraden“ gab es Zeichnungen, und mit einigen Kenntnissen über die entsprechenden Sachverhalte versehen, fabulierte ein Schreiber munter drauf los. Heute nimmt man Fotos.

Die Robbenjagd ist ein Erlebnis spezieller Natur, aber wie sagt schon der wohlwollende Oheim und Erzieher besonderer Art in dieser Geschichte: „durch das Auge lernt man schneller als durchs Ohr, und nur was man selber sieht, kann man gesehen haben“.

Der Erzähler lernt Leute kennen, die ebenso ungewöhnlicher wie differenzierter Betrachtungsweise durchaus fähig sind,

„Er liebte die Robben, obgleich er viele Tausende von ihnen erschlagen hatte. Ganz besonders sprach er von ihren großen, schönen Augen, deren Ausdruck demjenigen des menschlichen Blickes gleicht. Er behauptete, daß jeder Hieb, den er nach einem Seehunde führte, zugleich ihn selbst im Innern getroffen habe“,

das erinnert an Hemingway und seinen den Stierkampf weltanschaulich betrachtenden „Tod am Nachmittag“.

„Gegen anderthalbhundert Menschen sprangen, mit Knütteln bewehrt, auf das Eis, zogen ihre Fahrzeuge schnell nach und fielen dann schreiend über die armen Tiere her. Da wir uns in der Mitte des Tages befanden, waren nur junge, kaum zwei Wochen alte Robben vorhanden, welche zu schwach und unerfahren waren, als daß sie die Flucht in das Wasser hätten ergreifen können. Sie wurden alle erbarmungslos erschlagen.
Ich wendete mich ab, da ich das nicht mit ansehen machte; Harper fluchte und wetterte wie ein Landsknecht über diese schonungslose Schlächterei, und der Kapitän erteilte die Weisung, vollen Dampf zu geben.“

„Es überlief mich ein mit Grauen gemischtes Mitleid, als ich sah, daß ein jeder sich auf den nächsten Seehund warf, um ihn mit einem Hieb auf die Nase zu töten. Die Tiere hatten so große, schöne Augen und ein gar so hilfloses Aussehen. […]
Das Morden nahm also seinen stillen, heimtückischen Fortgang. Harper verstand das, was ich fühlte, nur zu wohl; darum sprach er keine Aufforderung aus. Er wußte aus eigener Erfahrung, daß das Jagdfieber mich sehr bald ergreifen werde. Und -- es packte mich allerdings schon nach kurzer Zeit. Als ich das Wild in solchen Scharen fallen sah, geriet ich in einen Zustand, als ob ich eine mehr als tüchtige Portion Grog getrunken hätte. Es trieb mich förmlich zu einer feisten Robbe hin, welche eben das Wasser gewinnen wollte. Ich holte aus - ein Hieb auf die Nase, sie war tot; der Geist der Eisgründe hielt mich fest, und ich gehorchte ihm, bis der Ertrag dieser ersten Jagd ein solcher war, daß Einhalt geboten werden mußte. Da wich die Aufregung von mir, und ich bekam Ohr für die vielen, vielen armen Jungen, welche sich angstvoll und mühsam auf dem Eise umherschleppten oder bei ihren erschlagenen Müttern lagen und dabei genau wie kleine Kinder wimmerten. Ich schlich mich in mein Boot und setzte mich da einsam nieder, um nicht sehen zu lassen, daß es Salzwasser außer in der See auch im menschlichen Auge gibt. Mein Trost war, daß wir nicht nur sämtliche Jungen verschont, sondern auch sehr viele Alte absichtlich entkommen lassen hatten.“

Es ist eben beides da, Mordlust wie Mitleid, und diese uneingeschränkte Offenheit gefällt an dieser Geschichte.

„Am nächsten Tage erlegten wir eine noch größere Menge Mützen- oder Haubenrobben, deren Pelz sehr gut bezahlt wird; […] Ich muß so ehrlich sein, zu gestehen, daß ich auch da und späterhin immer mitschlug; es war eben schwer oder gar unmöglich, der Aufregung zu widerstehen.“

Am Ende wird eine Robbe vor einem Schwertfisch gerettet und von den Schlächtern mit heim genommen.


„Sie war ein einjähriges Männchen und wurde während der Rückfahrt der Liebling aller Schiffsmaaten, besonders aber der meinige. Ich nannte das zutrauliche Tier Robby, auf welchen Namen es heute noch hört, und wenn einer der 'guten Kameraden' Lust hat, meinen Robby und die Kunststücke, welche ich ihn gelehrt habe, zu sehen, so sei er herzlich zu mir eingeladen“.
-
Die Leute stehen lächelnd dabei, wenn ihre Kinder mit (für den, der richtig hinguckt) schwer erträglichen Augenausdrücken auf Tauben losgehen, sie finden es lustig, vom Hühnerschlachten oder Katzenersäufen zu erzählen, und wenn auf der Freilichtbühne mit lautem Bummbumm fröhlich gemordet und gestorben wird, dann freut sich Groß & Klein , aber wenn z.B. mal eine schlichtweg überforderte Mutter mit ihrer ungewollten Leibesfrucht das macht, was man bei den Katzen gemeinhin als lustig zu schildernde Notwendigkeit ansieht, dann empört sich die ganze Fernsehnation im bequemen Polstersessel und weiß vor Entrüstung und Abscheu gar nicht mehr aus noch ein. -

Mehrfach war zu lesen, daß Leute diese Sache mit der kleinen Robbe am Schluß für versöhnlich stimmend halten. Was denn doch einigermaßen verblüfft. Merken diese Leute die Verlogenheit, Bigotterie und Perfidität dieser Angelegenheit nicht ? Verschließen sie ihre Augen davor, weil sie es nicht ertragen würden, genau hinzugucken ? Auch intelligente Menschen können offenbar sehr unbewußt sein.

 

DER GITANO

„Der Gitano“ ist eine frühe, in Spanien spielende Erzählung von 1875. Sie beginnt [im Original] mit dem Satz: „Es war am 29. Juli 1875“. Also, wenn wir das mit der zeitlichen Zuordnung von Winnetou I u.a. ernst nehmen wollen, 15 Jahre nach dem Kennenlernen von Winnetou.

Nun kommt aber der Ich-Erzähler im „Gitano“ recht wenig erfolgreich, passiv, ungeschickt daher ...

Freilich war das Erzähler-Ich 1875 noch ein anderes als später.

Trotzdem können wir festhalten, dass Karl May es mit den exakten Zuordnungen von Raum, Zeit u.v.a. nie so genau 'hatte', dass nachträgliche Versuche anderer, Chronologien zu basteln, einfach Unfug sind, und dass das „Ich“ mal dieser, mal jener ist. Was ja auch der Realität durchaus angemessen ist, wir haben ja so viele in uns …

*

In Band GW 48 "Das Zauberwasser" hat man der Geschichte ein paar Zeilen vorangestellt, die einen unbekannten "Superkargo" als Ich-Erzähler nennen, offenbar damit der Leser gleich weiß, aha, das ist nicht der, der sonst immer in Ich-Form erzählt ...

 

"Es war am 29. Juli 1875." Es ist selten, daß sich Karl May zeitlich so genau festlegt.

Der Erzähler ist hier, wie einleitend schon geschrieben, noch nicht der spätere Tausendsassa und Hans Dampf, sondern kommt merklich bescheidener und kleinlauter daher, "Ich selbst war [...] so glücklich gewesen, den jetzt so vielgenannten, um nicht zu sagen, berühmten Mann zu sehen, hatte auch um eine kurze Audienz gebeten, war aber abgewiesen [...] worden".

"Leider kehrte ich unverrichteter Sache zurück und mußte dabei noch Gott danken, mit heiler Haut davongekommen zu sein" ...

Man erkennt ihn im Vergleich zu Späterem wirklich nicht wieder, "Der Mulero wurde unter den gräßlichsten Mißhandlungen gebunden, und auch uns hätte ein ähnliches Schicksal getroffen, wenn die Leute nicht für ihren Colonel zu sorgen gehabt hätten." Solche Passivität war nie.

"Statt aller Antwort gab ich ihm die Passierkarte, welche mir von meinem Chef ausgewirkt worden war." ... "Ich bin ein Deutscher und stehe unter dem Schutze meiner Regierung." - "Laßt Euch nicht auslachen! Wenn Eure Regierung Euch schützen soll, so müßt Ihr fein hübsch zu Hause bleiben" ...

"Der Befehl des Obersten, Jeden von uns, der sich bewegen werde, niederzuschießen, hatte auf mich keinen großen Eindruck gemacht. Ich war vollständig unbetheiligt bei der Sache und konnte also ruhig liegen bleiben."

Der Colonel hat mit dem hübschen Mädchen eindeutige Absichten, "Spare Deine Worte, meine Schätzchen; sie werden ihm und Dir Nichts helfen. Uebrigens ist es jammerschade, daß ein so niedliches Kind wie Du seine Schönheit nicht besser zu verwerthen weiß. Ich werde Dir Gelegenheit dazu geben, und wenn Du verständig und gehorsam bist" ...

Wieder einmal die Macht der Augen: "Der Zigeuner trat einen Schritt zurück und warf einen so überwältigenden Blick auf die beiden Männer, welche herzutraten, um dem Befehle zu gehorchen, daß sie unwillkürlich stehen blieben und ihren Gebieter unentschlossen ansahen."

Der Colonel erhält "einen so gewaltigen Fußtritt auf den Unterleib, daß er mit einem Schmerzenslaute niederstürzte", auch in "Am stillen Ocean" wird an einer Stelle zu dieser brachialen Methode gegriffen, dort seitens des Erzählers.

"So wenig ich sonst kriegerische Geschicklichkeit besitze, das Beispiel des Gitano elektrisirte mich und riß mich aus dem Gleichmuthe, welchen ich bisher bewahrt hatte."

"Trotz der vier Gefallenen kämpften wir doch gegen eine fünffache Uebermacht, und schon faßte ich den Entschluß, mich auf eines der angekoppelten Pferde zu werfen und auf demselben das Weite zu suchen" ...

Durch Verstärkung von außen "bekam das Gefecht allerdings eine andere Wendung", "und bald lagen sämmtliche Gegner außer Einem todt oder schwer verwundet am Boden."

Der Erzähler erhält ein Pferd geschenkt, Bruder Ramiro die schöne Frau, und das war's.

 

DIE GUM

Der „Gum“ begegnen wir später in Band 10, „Orangen und Datteln“, wieder, allerdings haben wir es dann in Sachen Kapitelüberschriften mit vier Würgern zu tun und nicht mit zweien wie in dieser Erstfassung. Auch ansonsten ist in der späteren Fassung allerhand anders und wesentlich umfangreicher.

In dieser kleinen Geschichte überwältigt der Ich-Erzähler zunächst einen Löwen, allerdings deutlich unspektakulärer als in späteren Schilderungen, und später den Raubmörder Hedjahn-Bei.

Aber wer nun glaubt, dieser werde seiner „gerechten Strafe“ zugeführt, der irrt: „Ich trachte nicht nach dem Tode eines menschlichen Bruders“ sagt der Ich-Erzähler, spannt den schrecklichen Mann gleichsam für seine Zwecke ein (dieses Motiv des kriminellen Führers kommt noch des öfteren vor bei Karl May) und überlässt es am Ende, wenn überhaupt, höherer Stelle, für Dinge wie Strafe und Gerechtigkeit zu sorgen.

Irritierend ist, dass man im zweiten Teil der Geschichte zunächst gar nicht unbedingt merkt, dass eine ganz neue Handlung eingesetzt hat und der Erzähler jetzt zu anderer Zeit an anderem Ort ist als am Ende des ersten. Erst am Schluß wird das richtig klar.

Enthalten u.a. in GW Band 71.

 

1. Assad Bei, der Heerdenwürger

Des Erzählers Diener hat "eine wahrhaft riesige Goliathgestalt", ist aber "ein Hasenfuß". Später bei Hadschi Halef Omar ist es umgekehrt.

Sein Burnus "war früher ein Mal weiß gewesen, sah jetzt aber aus, als habe er ein halbes Jahrhundert in der Feueresse gehangen und sei darauf mit einer fetten Speckschwarte ganz tüchtig eingerieben worden".

Bei der Aussicht, auf Löwenjagd gehen zu können, "war alle Müdigkeit in mir verschwunden. Im 'wilden Westen' von Amerika hatte ich so mancher wilden Bestie gegenüber gestanden und dabei dem Tode in das Auge geschaut; jetzt war ich nach Nordafrika gekommen, um den Löwen zu sehen; aber dieser Wunsch war mir trotz aller Mühe bisher unerfüllt geblieben. Heut nun war ganz ohne alle Erwartung seine Erfüllung möglich; sollte ich furchtsam zaudern?"

"Ich zog meine Doppelbüchse hervor. Es war ein 'Bärentödter', gekauft in Front-Street, St. Louis".

"Mich packte die Jagdlust," ... Es gibt Mayfreunde, die möchten so etwas gern übersehen: es geht in der Hinsicht bei ihm manchmal wirklich um 'Spaß an der Freud', klipp und klar ...

Unter dem erlegten Löwen hat ein Mann gelegen, "Von langer, hagerer aber sehniger Figur, besaß er ein Gesicht, welches von der Sonne fast schwarz gebrannt war. Seine großen, scharfen, dunklen Augen hatten ein eigenthümliches Licht. Ein zorniger Blick aus ihnen konnte auch einen beherzten Mann aus dem inneren Gleichgewichte bringen; das war ihnen leicht anzumerken."

Der Dank fällt etwas merkwürdig aus, "Du hast ihn getödtet; Allah gab Dir Heil und Gnade. Sei mein Gast. Ich bin der Bei el Urdi, der Herr des Lagers, welches da unten am Wasser steht; Du hast mir das Leben gerettet und sollst Gnade und Vergeltung finden."

Der Erzähler erhält ein wertvolles Hedjihn und registriert erneut "Der Mann hatte ein böses Auge" ...

 

2. Hedjahn-Bei, der Karavanenwürger

Daß er ein "Giaur, ein Ungläubiger, den Gott zur Hölle fahren läßt" sei, läßt sich der Erzähler nicht sagen, "Im nächsten Augenblicke fuhr meine Kameelpeitsche durch die Luft und ihm so kräftig über das Gesicht, daß ihm sofort eine dicke Schwiele in dasselbe schwoll."

(Der Beginn des zweiten Kapitels ist übrigens dahingehend recht irritierend, daß man zunächst denken kann, es schließe sich zeitlich an das erste an, und erst später dahinterkommt, daß da ein Sprung vorliegt, das zweite Kapitel also deutlich später und woanders spielt.)

"Der Angehörige einer civilisirten Nation hat die Ehre derselben unter allen Umständen zu vertreten und ich brauchte mich vor den halb verschmachteten Leuten wenig oder gar nicht zu fürchten."

Er vermag mit Kompass und Henrystutzen einigen Eindruck zu schinden ... und mit einer kräftigen Beleidigung nebst martialischen Drohgebärden ist er auch schnell mal bei der Hand ... "Nimm Deine Flinte weg, sonst schieße ich Dich von dem Rücken Deines Djemmels herunter, welches klüger ist und weiser, als sein Herr!"

"Wir werden Dir noch folgen; aber wenn wir die Uah bis morgen beim Niedergang der Sonne noch nicht sehen, so geht die Sonne Deines Lebens unter, ich schwöre es Dir bei dem Barte Eures Propheten und bei Jesus, dem Gekreuzigten, den Ihr Isa Ben Marryam nennt!" Man beachte, er schwört bei Gott, daß er ggf. einen Mord begehen wird ...

"Es war eine schreckliche Befürchtung in ihnen wach geworden. Schon öfters hatten Karavanen, welche von Augila nach Siwah gingen, ihr Ziel nicht erreicht; sie waren von dem berüchtigten Hedjahn-Bei mit seiner 'Gum', wie die Räuberkaravane heißt, überfallen und vernichtet worden. Aber niemals hatte man die Gebeine der Ermordeten auf dem Wege, sondern weit abseits in der Wüste gefunden. Die Unglücklichen waren entweder von dem Räuber aus der Richtung gelockt oder von einem bestochenen Führer in das Verderben geleitet worden. Wie nun, wenn wir einem gleichen Schicksale entgegengingen? Es war ein gräßlicher Gedanke" ...

Der Hedjahn-Bei wird überwältigt, er erkennt den Erzähler von der im ersten Kapitel geschilderten früheren Begegnung wieder, "Der Hedjahn-Bei braucht sich nicht zu schämen, wenn er einen Mann begleitet und beschützt, der das heilige Gastrecht bei ihm genossen und den 'Herrn mit dem dicken Kopfe' getödtet hat. Er wird sein Wort jetzt gern und willig halten!"

Erzähler und Diener vertrauen sich nun dem Gewaltverbrecher und Mehrfachmörder an, "Er liegt mit seiner Karavane ganz hier in der Nähe und wird uns nach Siwah bringen!"

"Ich rief die Männer herbei und theilte ihnen mit, so viel ich für gut befand."

"Sie erfuhren von dem Vorgefallenen Nichts, ich mußte es dem Bei el Urdi versprechen, und hielten den Schech für entsprungen, weil er uns falsch geleitet hatte. Allerdings hätte es ein ungeheures Aufsehen erregt, wenn man in Siwah erfahren hätte, daß der Hedjahn-Bei gezwungen gewesen sei, den Beschützer Derer zu machen, auf deren Untergang er es vorher abgesehen hatte, aber ich konnte mich gern zur Schweigsamkeit verstehen, weil ich froh sein mußte, der uns überlegenen Gum so leichten Kaufs entgangen zu sein."

Am Ende verabschiedet man sich in aller Form, "Schieß auf den 'Herrn mit dem dicken Kopfe' so viel Mal Du noch willst, aber hüte Dich in Zukunft vor der Gum, denn Allah giebt nur selten zu, daß einer seiner Gläubigen dem Fremdling unterliegt. Sallam aaleïkum, Friede und Heil sei mit Dir!"

[Ich frage: Ist das nicht interessant ?]

 

IBN EL 'AMM

„Vetter väterlicherseits“ heißt der Titel dieser kleinen Geschichte oder Skizze ins Deutsche übersetzt, und das ist eine der respektvoll umschreibenden Bezeichnungen für den Löwen, von dem hier gleich eine ganze Famile über eine Karawane, von einem „Sendboten des Mahdi“ angeführt, herfällt.

Interessant ist, dass die ganze Mannschaft, vom guten und überzeugenden Beispiel des Vorbeters angesteckt, noch zuende betet, obwohl die Löwen schon Chaos verbreiten, „Freilich geschah das nicht in andächtiger Ruhe, sondern sie waren auch aufgesprungen und rannten vor Angst wirr durcheinander.“

Schließlich verrät uns der Autor hier auch, wo er den Kampf des besonnenen Einzelnen gegen den Löwen her hat, den er später in seinen Erzählungen nicht müde werden wird, mit sich als Hauptfigur zu erzählen:

„Daß nach Art und Weise der berühmten Löwenjäger Jules Gérard und Gordon Cumming ein einzelner Mann sich mutig und selbstvertrauend mit sicherer Büchse dem König der Tiere entgegenstellt, das ist ihm etwas Unerhörtes und Unbegreifliches.“

 

INN-NU-WOH, DER INDIANERHÄUPTLING

„Die Jahreszeit, in welcher der gelbe Jack und das schwarze Fieber den Aufenthalt in New-Orleans für den Weißen gefährlich machen, war eingetreten, und wer nicht von der eisernen Nothwendigkeit festgehalten wurde, der beeilte sich, die dünsteschwangere Atmosphäre des unteren Mississippi zu verlassen und die Niederungen des Stromes mit höher gelegenen Orten zu vertauschen.“

So beginnt „Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling“, gleichsam Karl Mays erste Winnetou-Geschichte, die er später in ähnlicher Form auch unter dem Titel „Winnetou“ herausbrachte und schließlich in den Beginn des „Schatz im Silbersee“ einarbeitete.

Die Geschichte ist in Band 71 der „Gesammelten Werke“ abgedruckt. Mays Stil gefällt immer wieder, insbesondere oft seine Einleitungssätze (s.o.).

Eine spannende, schön geschilderte kleine Geschichte. Die Zusammenballung so einigen aggressiven Viehzeugs auf engem Raum erinnert an Schillers „Handschuh“, der Sprung des tapferen Indianers ins Wasser an eine Stelle in „Moby Dick“, wo es der gleichfalls scheel angesehene Kannibale ist, der als einziger den Mut hat, einen Kollegen aus dem Wasser zu retten, und sich ebenso um den Dank nicht schert.

Der Ich-Erzähler ist in dieser Geschichte vom späteren noch weit entfernt: als es gefährlich wird, sieht er zu, dass er auf sein sicheres Plätzchen kommt, „vor Grausen unbeweglich“.

 

Mit einem "finstern Kerl", der den Ruf hat, ein außergewöhnlicher Schwimmer zu sein, haben wir es zu tun bei dem Winnetou-Vorläufer.

Der läßt sich, unbeirrt, einiges gefallen, "Obgleich das Wort Nigger die größte Beleidigung für einen Indianer enthält, schien der Voranschreitende dieselbe doch nicht zu beachten, sondern ging langsam weiter."

Erst Gewalt führt zu (heftiger) Reaktion und Gegengewalt, "Da knallte die Peitsche, und der Riemen derselben strich dem rothen Manne grad über das Gesicht, so daß die Spuren des Hiebes sofort zu bemerken waren. In demselben Augenblicke aber stand der Getroffene auch schon auf dem Bocke, riß dem ungezogenen Burschen mit einem von unten nach oben geführten Hiebe Lippe und Nase auf, hob ihn dann vom Sitze und schmetterte ihn mit solcher Wucht herunter auf die Steinplatten, daß er alle Viere von sich streckte und lautlos liegen blieb."

Es wäre noch schlimmer gekommen, wenn nicht "einige schnell hinzugetretene Policemans" (in GW Band 71 "Konstabler") hinzugekommen wären.

Der Erzähler erklimmt "einen Haufen Waarenballen, [...] Da oben hatte ich nun eine freiere Aussicht als unten; auch strich mir die Luft bemerklicher um die Stirn, und rechnete ich dazu die Ungenirtheit, mit welcher ich mich hier ausstrecken konnte, so war mein Platz ein ganz prächtiger. -" Das gefällt immer wieder, diese Anspruchslosigkeit mit Sinn für's Praktische; 'Etepetete' war May gottlob nie. (Er ist nicht der Erzähler, wird man einwenden. Aber er 'schmeckt' halt 'durch'.)

"Forster, der berühmte Thierbändiger, welcher damals mit seiner Menagerie die bedeutenderen Städte der vereinigten Staaten besuchte und überall, wohin er kam, durch die Macht, welche er über die wildesten Bestien übte, das bedeutendste Aufsehen erregte" ist an Bord, samt seiner Viecher.

Man spricht schlecht über Inn-nu-woh, aber dessen Gesichtszüge "blieben unbeweglich, und kein Glied seines Körpers rührte sich zu einer wenn auch noch so leisen Bewegung".

Eine Wette führt zum seitens des Lesers längst geahnten Unglück, "Forster lag mit halb aus der Schulter gerissenem Arme blutend am Boden, und das freigewordene Thier schnellte in mächtigen Sätzen über das Deck hin".

"Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erfüllte die Luft, und Jeder suchte sich zu retten."

Der Erzähler ist noch nicht der spätere Held, er zieht sich schnell wieder auf seinen Platz zurück, "vor Grausen unbeweglich".

Inn-nu-woh greift sich das Mädchen und springt, um es vor dem Tiger zu retten, mit ihm ins Wasser. Dort ist die Gefahr indes keineswegs vorüber, "und so währte die fürchterliche Jagd wohl fünf Minuten, welche bei diesen Verhältnissen zu fünf Ewigkeiten wurden".

Als ob das alles noch nicht genug ist, kommen nun auch noch Krokodile hinzu ... die erwischen nicht die Menschen, aber den Tiger, "dann erfolgte ein Brüllen so schrecklich und entsetzlich, daß sich den Hörern die Haare sträubten" ...

"Mit einem allgemeinen 'Ah' der Erleichterung machten sich die Herzen los von der Beklemmung, welche bisher auf ihnen gelegen hatte" ...

Mit zitternder Stimme will sich der Vater (der ihn erst geschlagen hatte) beim Indianer bedanken,

„Der Indianer drehte sich um, maß den Sprecher langsam vom Kopfe bis herab zu den Füßen. Seine Gestalt reckte sich in die Höhe; seine Augen blitzen leuchtend über die Umstehenden, und seine Stimme klang scharf und hell als er die ersten Worte sprach, welche man von ihm hörte:

'Der weiße Mann irrt. Nicht seine Tochter habe ich retten wollen, sondern der rothe Mann ist nur deßhalb in die Fluthen des heiligen Vaters gesprungen, weil er sich fürchtete vor dem Stachelschweine, welches ihr losgelassen habt!'

Mit stolzem Neigen des Hauptes drehte er sich um, stieg das niedergelassene Fallreep hinab und fuhr mit seinen beiden Leuten davon. Noch lange sah man sein reiches, mähnenartiges Haar wehen. Noch lange lag der Klang seiner Stimme den Hörern im Ohre, und noch heute denke ich an Inn-nu-woh, wenn von einem Menschenkinde die Rede ist, welches den Namen eines Helden verdient."

 

JAGD AUF WILDE TRUTHÜHNER IN TEXAS

Das ist einer jener kleinen Texte, die Karl May für Zeitschriften zu vorhandenen Zeichnungen anfertigte. Viel ist darüber nicht zu sagen, allenfalls, dass eine gewisse Wurschtigkeit oder mangelnde Feinfühligkeit auffällt, das Tier als Verwertungsgegenstand. Auch die Formulierung „In der guten alten Koloniezeit“ lässt ein wenig tiefer blicken in hemdsärmeligere Zeiten.

Darüberhinaus kann, wer will, das Ganze auch gleichnishaft auffassen, und sich fragen, inwieweit gewisse Parallelen erkennbar sind zwischen dem Umgang der Jäger mit den Truthähnen und der entsprechenden Betrachtungsweise des Autors einerseits und dem Umgang der Herrscher der Welt mit deren Bevölkerung andererseits, aber ob Autor Karl May so weit gedacht hat, wird wohl offen bleiben müssen.

 

LEILET

„Ach wie zart, wie romantisch !“ möchte man aus einer Oper zitieren, liest man „Leilet“, die Urfassung des Nil-Abenteuers aus „Durch die Wüste“, in der es den Ich-Erzähler ganz heftig herzensmäßig erwischt, im Gegensatz zu den später bei Fehsenfeld erschienenen Texten, in denen man meist eher den Eindruck hat, er habe mit so etwas nicht allzuviel 'am Hut'. Wer nur die Fassung aus „Durch die Wüste“ kennt und den Urtext z.B. in Band 71 der „Gesammelten Werke“ nachliest, wird sich verwundert die Augen reiben.

Aber oh weh, die gute Frau ist vergeben, und das auch noch an den eigenen Bruder, das ist ja nun wirklich fatal. Und so kommt es denn am Ende zu einer seltsamen Menage a trois, es wird allerdings nur geweint, und der von alledem nicht betroffene Diener muß, störenderweise, die Versammlung zu guter Letzt auflösen
.

Hier haben wir es noch mit „Omar-Arha“ statt Hadschi Halef zu tun.

Der ist seinem Herrn gegenüber bescheiden ... „Was war ich, o Herr, als Du mich fandest und Dich mein erbarmtest? Eine todte Ratte, ein Hund, den man von sich stößt!“ (Wir erinnern uns natürlich an eine andere Ratte, die Halef zu Beginn des Orientzyklus im Munde führt ...)

Und „da er, wie die meisten Araber, bei jedem Selbstgespräche sich eine Person vorstellte, mit welcher er sprach, so hielt er oft unter seinen eigenen zwei Augen die köstlichsten Reden“ ... klingt wie ein Prinzip Karl Mayscher Geschichten ...

Der Erzähler ist Arzt. Für den Orientzyklus hat er das beträchtlich relativiert.

Der Prä-Halef hat eine ganz eigene Art, Leute abzuwimmeln, „Gehe fort und komme in drei Tagen wieder. Morgen reisen wir ab!“

Über das Verhältnis seines Herrn zu Frauen sagt er „Die schönste Perle des Harems ist ihm wie der Scorpion im Sande, und seine Hand hat noch nie das Gewand eines Weibes berührt, denn er weiß, daß ich es für ihn thue.“

„Alt und häßlich war sie nicht, das wußte ich jetzt; ihr Name war Leïlet, d. h. Nacht, und da der Orientale den Namen gern den Eigenschaften anpaßt, so sah ich vor meiner lebhaften Einbildungskraft sofort eine jener mächtig-prächtig-nächtigen Erscheinungen stehen, wie sie sich vorzugsweise gern im Morgenlande entwickeln.“ Das ist einigermaßen deutlich.

In der Behausung Abrahim-Arhas, „wohin das Auge nur blickte, fand es nichts als leere, kahle Oede“ ... Das ist bis heute in den goldenen Käfigen angeheirateter Schönheiten und ihrer begüterten Gemahle oft nicht anders, wenn man genauer hinzugucken und hinter schönen Schein zu blicken vermag ...

An Selbstbewußtsein mangelt es unserem Autor nicht, „Da ich nicht die gewöhnliche Fußbekleidung trug, so konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt unbekümmert um meine Lederstiefel über die kostbaren Teppiche und ließ mich an seiner Seite nieder.“

„Forschend, scharf, stechend, nein, förmlich bohrend senkt sich der Blick des kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie beruhigt wieder zurück.“ Nachvollziehbar.

„Glühende und entnervende Leidenschaften haben dem Gesichte ihre immer tiefer eindringenden Spuren aufgravirt; die Liebe, der Haß, die Rache, der Ehrgeiz sind einander behülflich gewesen, eine großangelegte Natur in den Schmutz des Lasters zu reißen und dem Aeußeren jenes undefinirbare Etwas aufzudrücken, welches der Reinheit ein sichers Wahrnungszeichen ist.“ So ist das (... nicht immer ...), man schaut einmal hin und weiß in etwa Bescheid ...

„Er mußte die Kranke mit der letzten, trüben Gluth seines fast gänzlich ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wollen und zu wissen, sein ganzes Verhältniß zu ihr offenbart.“

Karl May neige manchmal zu einer gewissen Herrenmenschenmentalität, wurde schon geäußert, da ist etwas dran ... „Mit meinem tapfern Omar-Arha hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nöthigenfalls hätten wir Beiden die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen“ ...

Der finstere Mann will sich notgedrungen entschuldigen, der Erzähler legt keinen Wert darauf, „Laß Deine Rede schweigen! Der Christ vergiebt auch ohne laute Sühne; es ist so gut, als hättest Du gesprochen.“

Eine Maueröffnung, „das ist sie, das ist Leïlet, die Nacht, die Nacht des Südens, wie sie dem Thore des Abendrothes entschweben müßte, wenn ihr der Schöpfer die Erlaubniß gäbe, in menschlicher Gestalt wieder auf die traumbedürftige Erde zu steigen!“

„Leïlet mit Augen so offen und groß, so tief und klar, in deren Blicke sich die ganze unberührte Unschuld eines Kindes mit dem Herzensglühen des beglückenden Weibes vermählt, Leïlet mit der weichen, herrlichen Gestalt, wie sie kaum der Meißel des Künstlers dem Marmor zu entlocken vermag“ ...

„Ich habe noch nie die Liebe gekannt, habe gescherzt, gespottet und gelacht über die Schwächlinge, die ihre goldene Freiheit für einige Tage des Tändelns verkaufen, um in Ketten und beengenden Banden zu erwachen; nie sollte mein Herz anders klopfen, als unter dem Knalle meiner Büchse oder der Arbeit eines begeisternden Schaffens, und jetzt - ? Ein einziger Augenblick, ein einziger kurzer Moment hat tief hinunter in das starre Herz gegriffen, um ein Leben, Knospen, Treiben, Blühen, ein Sehnen, Verlangen und Begehren zu erwecken, von dessen Dasein ich bisher keine Ahnung hatte, dessen Größe ich jetzt noch gar nicht ermessen kann, und dessen Reichthum sich mir erst in der Zukunft zu zeigen vermag.“

Anders als später im Orientzyklus weiß er hier, daß er sie entführen wird, ohne eigentlich eine „moralische Berechtigung“ zu haben, „Nur das Eine fühle ich - nein, das weiß ich mit der heiligsten und unumstößlichsten Sicherheit: daß die Stunden ihres Aufenthaltes in diesem Hause gezählt sind.“

Einerseits heißt es „Der Arm war in der Weise ebenso verhüllt, daß am Handgelenke grad' genug freier Raum blieb, meinen kleinen Finger zu placiren. Und bei so eingeschnürtem Arme und so zusammengepreßter Hand sollte ich aus dem Pulse meine richtigen Schlüsse ziehen!“ und andererseits „obgleich mein Gesicht die strengste Unempfindlichkeit bewahrte, war es mir bei der Berührung der kleinen, weichen, weißen Stelle doch, als fließe ein unbeschreibliches Etwas auf mich über und gäbe mir Verständniß für die geheimste Regung des hinter den dichten Gewändern klopfenden Herzens. Es war, als sei ich jetzt nicht mehr ich, sondern Eins mit ihr, als fühlte ich jeden Tropfen ihres Blutes rollen und jeden Gedanken erwachen und jetzt - ja, jetzt wollte sie mir etwas sagen - ich sah Nichts, kein Zeichen, nein, aber ich wußte es“ ... Intuition ...

Er gibt ein Opiat, in der späteren Fassung homöopathisch Ignatia.

Wie es der „Zufall“ so will, trifft der Erzähler auf einen alten Bekannten, „Wir hatten zahlreiche Fahrten und Kameelwanderungen mit einander unternommen und uns in der Folge der gemeinschaftlich bestandenen Gefahren so innig zusammengelebt, als seien wir Vater und Sohn.“

„Allah hat Dich beschützt mitten im Gifte des Sudan“, welches Gift mag gemeint sein, das der Dresdener Halbwelt ?

Abrahim-Arha ist der Hedjahn-Bei, eine interessante Variante verschiedener Kombinationsmöglichkeiten im Gesamtwerk ...

Der Erzähler liest einen Brief seines Bruders, „Du weißt, daß ich ein nüchternes Menschenkind und kein Phantast und Schwärmer bin, aber seit ich in diese Auge geblickt, seit ich diese Lippen geküßt, seit diese Locken mir duften und diese Stimme mir klingt, habe ich einen guten Theil des trägen, irdischen Stoffes abgestreift und lebe in einer ununterbrochenen Entzückung, welche mich fast an die Himmel Muhamed's glauben läßt.“

„Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen ruht, als gäbe es auf der ganzen weiten Erdenrunde keine einzige drohende oder störende Macht.“ Je nachdem wie man’s „nimmt“ (alles integriert) ist das ja auch so ...

„Auch in den Tiefen meines Innern herrschte Ruhe, stille, friedliche Ruhe; es war, als zöge ein heiliger Gotteshauch über die Gefilde meines Herzens, und ich dachte unwillkürlich an die Worte des orientalischen Königs, welcher unter den Palmen Zions dem Herrn Jehova die Klänge seiner Psalmen opferte: ‚Meine Seele ist stille in Gott!’“

Bald darauf wieder profanere Gedanken, die „Wasser blinkten mir nicht sehr einladend entgegen; jedenfalls war es nicht angenehm, einem schönen weiblichen Wesen in triefender, vielleicht schlammiger Kleidung entgegen zu treten.“

Das Gitter im Wasser, er kann weder vor noch zurück, „Bei dieser Entdeckung wollte sich doch eine gewisse Aengstlichkeit meiner bemächtigen.“

Hier gibt es nur 1 Hindernis, in der späteren Fassung ist das gedoppelt.

Die Dienerin schläft tief, „Leïlet hatte meine Worte: ‚mein Trank muß Schlaf und tiefe Ruhe bringen,’ wohl verstanden und der alten Dienerin einen Theil des Opiums gegeben.“ Das hat ja vorher vielleicht nicht einmal der geneigte Leser so verstanden ...

„Sie hatte mich verstanden, mir geglaubt, mir vertraut! Eine Wonne durchzitterte meine Seele, wie sie von keiner Sprache, von keiner Rede beschrieben werden kann.“

„Bist Du sein Weib?“ – „Nein.“ Und dann heißt es „Dieses 'Nein' klang so fest und energisch, daß ich seine Bedeutung in seinem ganzen Umfange fühlen mußte.“ Sehr schön. Es geht eben auch dezent.

Entführung, Flucht, auf dem Schiff. Dort tritt er auf wie der sprichwörtliche 'dicke Wilhelm', „Wenn ich mit Dir zufrieden bin, wird meine Gnade über Euch leuchten; thut Ihr aber gegen meinen Willen, so werden Eure Füße den Zorn der Peitsche fühlen.“ ... „Ich kannte diese Leute und wußte mit ihnen umzugehen.“

„Mit Leïlet hatte ich nur die nothwendigesten Worte gewechselt. Ich wollte ihr Zeit zur Sammlung und Einkehr geben und durfte die Vortheile meiner Stellung zu ihr nicht geltend machen. Es kam mir nicht in den Sinn, ihr gegenüber mit orientalischen Forderungen aufzutreten; die Zeit mußte die gewünschten Blüthen entwickeln“ ... Die Formulierung dürfen wir uns merken, „orientalische Forderungen“, klingt fast so hübsch wie „altfränkischer Zug“.

„Nach den Gesetzen des Landes hatte ich ein todeswürdiges Verbrechen begangen, und der an seinem besten Eigenthume, in seinen heiligsten Rechten Beschädigte konnte mich einfach niederschießen, wo und wie er mich nur immer fand, ohne den geringsten Schaden von diesem Acte der Selbstjustiz davonzutragen. Meine Lage war also keine ganz beruhigende“ ...

Mit dem Reis des Schiffes springt er um in einer Weise, wie man sie selbst Untergebenen gegenüber nicht an den Tag zu legen pflegt, „Denn wenn Deine Seele nur eine Sylbe denkt, was mir nicht gefällt, so wird die erste Kugel nicht Deinen Freund, sondern Dich selbst treffen. Jetzt weißt Du meine Worte. Allah lenke Deine Gedanken!“

„Unter Umständen hätte ein Geldgeschenk große Wirkung gehabt, aber ich kannte diese Art Leute gut genug und wußte, daß die Peitsche Omars und meine Büchse mir größeren Respect verschaffen würden, als sonst ein anderes Mittel.“ Das ist wirklich „einer zuviel“ und wurde später geändert.

Abrahim-Arha sieht er „drüben herumrennen“, auch sprachlich ging er später dezenter zu Werke.

„Die Worte und Werke der Religion sind dem Muhamedaner keine Formeln, sondern sie sind ihm tief empfundene Wahrheit.“ Wenn es denn so ist, ist er uns um einiges voraus ...

Er rettet seinen Widersacher aus dem Wasser, „Glücklich auf dem Decke angekommen, schüttelte er das Wasser aus dem Gewand und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu.“

Khawassen, Polizisten kommen und es geht vor Gericht, der Erzähler konstatiert gallig augenzwinkernd „daß ich sehr zufrieden sein mußte, mit dem Köpfen oder Säcken davonzukommen“.

„Da die Gerechtigkeit in jenen Ländern von der wichtigen Institution der Actenstöße noch keine Ahnung hat und deshalb sehr schnell und summarisch verfährt, so wurden wir sammt und sonders in Beschlag genommen und sofort 'anhero transportirt'.“

Der Erzähler ist hier noch (dem Leser gegenüber) incognito, „Der Inhaber dieses Buiruldu ist der Kapitän-Effendi N. N. aus N., der auf Befehl seines Königs in Egypten, Nubien und Habesch reist“. Auf Befehl seines Königs, man beachte.

Man möge respektvoller mit seinem Ferman umgehen, fordert unser Erzähler ein, „Du hast ihn in die Hand genommen und wieder fortgegeben, wie eine Düte, aus welcher die Datteln gefallen sind!“

„Das Gesicht des Beamten bekam einen geradezu unbeschreiblichen Ausdruck totaler Verblüffung, und vollständig rathlos wanderte sein kleines, nichtssagendes Auge zwischen mir und Abrahim-Arha hin und her.“

„Es gehörte die ganze in diesem Lande so nothwendige Unverfrohrenheit dazu, in dieser Weise die Situation geradezu auf die Spitze zu stellen“ ...

Damit ist die Episode später im Orientzyklus dann vorbei; hier kommen wir noch nach Kairo, eine Stadt, die bei Karl May immer wieder eine Rolle spielt, wie auch später in seinem realen Leben.

Mit Leilet ist er sozusagen noch nicht weitergekommen, „es lag über dem ganzen Wesen des schönen Mädchens ein Etwas ausgegossen, welches sie einem rücksichtsvollen Character unnahbar machen mußte, ein Noli me tangere, ein Rühr' mich nicht an, welches ich unmöglich verletzen und entheiligen konnte.“

Er hofft, aber ihm schwant schon (gewohntes ...) Übles, „Und doch überraschte ich dieses Auge oft bei einem Blicke, der mit dem Ausdrucke der herzlichsten Liebe und des rückhaltslosesten Vertrauens auf mir ruhte, und nur zuweilen schien es mir, als spreche sich daneben eine unwillkürliche Theilnahme aus, welche mich mehr beunruhigte, als es eine offen dargelegte Abneigung gethan hätte.“ Der Ritter Toggenburg wird des öfteren erwähnt im Gesamtwerk ... (hier nicht direkt).

„Ich blieb zurück unter einem Sturme von Empfindungen, der mich die ganze Nacht nicht ruhen ließ und auch am Morgen sich noch nicht beschwichtigt hatte.“

Der Bruder wird geschildert als der „lebensfrohe und neckische Cumpan, der selbst die ernstesten Regungen seines Herzens in ein heiteres Gewand zu kleiden wußte und deshalb von Fremden oft für oberflächlich gehalten wurde, wo er doch nur zu stolz war, sein Inneres unberufenen Blicken preiszugeben.“

Leilet heißt Warde, und Warde heißt Rose ...

Noch kaspert man herum und ahnt nicht das alsbald folgende Drama, „Junge, entweder fängst Du an, Romane zu schreiben, oder Du hast sonst irgend einen Klapps, was bei der hiesigen Hitze sehr zu verzeihen wäre.“

Aber da ist er schon, der „Keulenschlag“, diesmal ganz ohne Gewehr, „mitten hinein in's tiefste Herz“, „wie erstarrt blieb ich stehen und mußte in diesem Augenblicke einen Besorgniß erregenden Anblick geboten haben“. So ist das.

„Eine einzige Sekunde war es still da drinnen, eine Sekunde, die für mich wie eine Ewigkeit wog, und dann jubelte es laut und jauchzend: ‚Warde!’ – ‚Bernardo!’

Sie hatten sich erkannt; sie hatten sich wieder. Ich aber stand inmitten meines Zimmers und fühlte, wie mir das Blut das Herz zu zersprengen, zu zerreißen drohte; es wurde dunkel vor meinen Augen - die Wände wirbelten mit sausender Schnelle um mich herum - die Füße fühlten den Halt unter sich weichen - und wie von einer riesigen Faust niedergestreckt, brach ich zusammen und schlug besinnungslos auf den Boden nieder.“ Das tut weh wenn man es liest und es (in vielleicht etwas 'milderer' Form ...) kennt ... andere mögen lachen.

Abrechnung mit dem Hedjahn-Bei ... „Wo hast Du mein Eigenthum, Mann?“ So wird ein Bezug zu einer früheren Erzählung hergestellt.

Tränenreicher Schluss, der Bruder will die Frau an den Erzähler 'abtreten', „Er weinte laut auf vor tiefinnerer Bewegung, und auch mir stürzten die Thränen über die sonneverbrannten Wangen.“

Aber unser Erzähler muß entsagen, „Wache über ihr Glück, so wie ich es gethan hätte zu jeder Stunde, zu jeder Minute meines Lebens, wenn ihr Herz mir nicht fremd geblieben wäre!“, worauf Leilet korrigiert „Es würde nur Dir allein gehören, hätte ich nicht ihn vor Dir gekannt, aber es liebt auch Dich - Dich - nur ihn und Dich!“ (Was einem dazu nun so in den Sinn kommen kann an denkbarer szenischer Gestaltung, darüber wollen wir schweigen.)

Bei Karl May wird nur geweint, „Ich nahm sie, legte sie in seine Arme und zog sie Beide an mich. So standen wir lange, lange, weinend und schluchzend, als wären wir Kinder“.

 

MAGHREB-EL-AKSA

Launiger Text zu einer kleinen Bilderserie.

Liest man den ersten Absatz, in den die aktuelle Tagespolitik von 1888 einfließt, stellt man fest, dass sich von damals bis heute irgendwie nicht allzu viel verändert hat.

Der ins Deutsche übersetzte marokkanische Willkommensgruß ist durchaus Geschmackssache,

„viel Familie, leichtes Leben und Unbeengtheit wünsche ich dir!“

wobei der Rezensent gegen leichtes Leben und Unbeengtheit im weiteren und engeren Sinne durchaus nichts einzuwenden hätte, derjenige, der ihm „viel Famile“ wünschte, liefe allerdings Gefahr, den Hals umgedreht zu bekommen. So ist das, was dem einen erstrebenswertes Ziel und Inbegriff vermeintlicher Harmonie und Geborgenheit, ist dem anderen ein abschreckendes Reizwort, ähnlich angenehm besetzt wie etwa „Atomkrieg“ oder „Schleimbeutelentzündung“.

Die Worte des Propheten: "A' mel cher wa irmih fil baher - thue Gutes und wirf es ins Meer!" vermögen sich nicht so recht zu erschließen.

Was im einzelnen bei der Falkenjagd so abgeht, erfahren wir hier.

Aber es gibt gottlob auch weniger grausames: „Während der Falkenjagd nur von dem wohlhabenden Bewohner der Ebene gehuldigt wird, liebt der arme aber verwegene Bewohner der Atlasberge einen anderen Sport, welcher freilich mit unserem siebenten Gebote nicht gut in Einklang zu bringen ist. Das Wort Haremi, Räuber, gilt ihm als eine sehr ehrenvolle Bezeichnung. Dabei ist er ungemein höflich und wird niemand die Taschen leeren, ohne bei jedem Gegenstande, den er nimmt, ein freundliches 'Bidesturak' oder ''an isnak - mit Ihrer Genehmigung' zu sagen.“ Diesen Sport hat auch unser Autor stets [oder zumindest lange ...] als solchen angesehen, vielleicht hat er erkannt, dass es im Großen auch nichts anderes ist, wobei man bekanntlich die Großen laufen lässt.

Wirklich ein interessanter Text. Nachzulesen im vorzüglichen Band 71 der GW.

 

MUTTERLIEBE

Das ist von den Texten, in denen Winnetou vorkommt, der zuletzt geschriebene. Und, wie so oft, ist es auch hier: er spricht kaum, wird nicht allzuoft erwähnt, hält sich edel im Hintergrund. Um ihn geht es auch eigentlich nicht in dieser Geschichte.

Das titelgebende Thema ist passend für den Marienkalender, der Geschichte merkt man ab und zu ein wenig an, daß ein schon allmählich unlustiger werdender, alternder May sie geschrieben hat.

Old Shatterhand und Winnetou erweisen sich als Schlangenexperten. Die Szenen mit den zu erwürgenden und dabei zubeißenden Viechern könnten aus einem Horrorfilm sein.

Interessant die Figur des ehemaligen Indianer-Agenten Folder, dessen Tötung am Schluß der Erzählung der Ich-Erzähler ausdrücklich und uneingeschränkt befürwortet, im Gegensatz zur aktuellen Bamberger Ausgabe von Band 48, wo die Geschichte unter dem mehr nach Abenteuer klingenden Titel „Die Söhne des Upsaroka“ nach wie vor stilistisch stark bearbeitet abgedruckt ist und an dieser Stelle eine inhaltlich klar abweichende Textänderung bringt.

Daß Indianer oft die „besseren Menschen“ seien, kommt immer wieder leitmotivartig vor bei Karl May, so auch hier wieder. Und daß Schurke Folder eigentlich von Hause aus „Christ“ ist, bleibt auch nicht unerwähnt. Für eine Marienkalendergeschichte eigentlich erstaunlich.

Enthalten im Weltbild-Band „Old Firehand“.

Siehe auch:

http://karlmay.leo.org/kmg/seklit/JbKMG/1985/218.htm

 

I - Gefangen

Man befindet sich "zwischen zwei Völkerschaften, mit denen wir jede Begegnung möglichst zu vermeiden hatten, und die Bedenklichkeit dieser unserer Lage wurde durch den Umstand erhöht, daß beide zwar, als zu dem großen Volke der Dakota gehörend, verwandt mit einander waren, sich aber dennoch unaufhörlich in der blutigsten Weise befehdeten", entsprechend in Gefahr, "sehr leicht zwischen die scharfen Schneiden einer Scheere kommen".

"Hm, hm! Ja, eure Augen und meine Augen, das ist doch ein Unterschied – – –" sieht Hammerdull ein, als der Erzähler ihm das Ergebnis seiner Wahrnehmungen  und Schlußfolgerungen mitgeteilt hat. Lobenswerte Einsicht (das kann man vor allem so empfinden wenn man gerade einen dieser unsäglichen Artikel wie "Der Alleskönner" (in "Karl May & Co" Nr. 120) gelesen hat ...).

Auch die Frau, die man trifft, kann offenbar richtig hingucken, was ja vielen Menschen doch ungeheuer schwer zu fallen scheint, "in euern Augen lebt die Ehrlichkeit. Ihr gleicht nicht anderen Bleichgesichtern, welche die Güte auf der Zunge, aber den Haß und den Betrug im Herzen tragen; ich traue euch." Was sie wohl zu diesem oder jenen gesagt hätte (denken wir an die "Dukatenaugen" aus einer der Erzgebirgischen Dorfgeschichten ...) ?

Der Name der Frau bedeutet "viel Frauen", "ein Name, welcher nach indianischer Ausdrucksweise schließen ließ, daß sie bei ihrem Manne in ungewöhnlicher Achtung stand." Wer die Richtige hat, braucht nur eine, so in etwa könnte man das, etwas hemdsärmelig, interpretieren ...

"Uff! [ ...] Eine Mutter sollte nichts zur Rettung ihrer Kinder thun können? Hat Old Shatterhand noch keine Mutter gesehen, welche ihre Kinder liebt?" Interessanterweise gibt er darauf keine direkte Antwort sondern beschränkt sich diesbezüglich auf ein durchaus mehrdeutiges "Well! " ...

Die Frau ist beeindruckt, daß "ein Christ, wenn er wirklich und von Herzen an den Sohn des guten Manitou glaubt, sogar sein Leben wagt, um dasjenige eines Feindes zu retten. Nicht wahr, das ist die Liebe, welche dort oben wohnt, wo die Sterne stehen?" Der Erzähler antwortet "Es ist die Liebe, welche vom Himmel kommt und im Herzen jedes guten Menschen wohnt, auch in dem Deinigen, denn Du bist ja auch bereit, für Deine Kinder in den Tod zu gehen", wobei er vermutlich u.a. herüberbringen will: ob Christ oder nicht, das bleibt sich gleich ...

Man trifft auf einen Mitmenschen der besonders unangenehmen Art, "Du bist Folder, der frühere Agent der roten Männer; Du hast sie betrogen" ... Der erweist sich als nicht eben höflich, "Aber was habt ihr Ratten denn hier in dieser Gegend zu suchen?"

"Ich fing ein halbes Dutzend dieser Schlangen und nahm sie mit, um die 'Schwarze Schlange' mit Weib und Kindern durch Schlangengift in die ewigen Jagd gründe zu befördern. Ein großartiger Gedanke, wie ihn noch kein Westmann jemals gehabt hat! Darum freut es mich, daß Ihr so zuvorkommend seid, Euch schon heute bei mir einzustellen. Ich werde die jungen Upsaroka-Schlangen mit diesen Klapperschlangen zusammenbinden und meine Augen an den Bissen weiden, gegen die ihr euch nicht wehren könnt."

Auch die Mutter, die eingreifen will, wird überwältigt; "Ich will mich an der Freude ergötzen, welche Du über deine roten Bengels haben wirst, wenn sie sich mit den Ratlesnakes um die Wette winden".

Hernach stößt Winnetou nach einer Weile des Schweigens einen Seufzer aus und äußert "Uff! das ist wieder einmal ein Bleichgesicht, ein – – – – Christ! Ein Indianer ist ein Engel gegen diese Weißen. Mein Bruder mag nichts zu mir sagen; ich mag kein Wort darüber hören!" Für eine Marienkalendergeschichte beachtlich.

Hammerdull kommentiert die Angelegenheit auf seine Art, "Da hat man es wieder einmal: Weiber verderben doch stets den Brei! Drum habe ich nicht geheiratet und werde diesen Fehler auch nie begehen."

 

II - Gerettet

"Ein solcher Ueberfall von hinten auf das Pferd ist gar nicht leicht; man bringt es nur nach langer Uebung fertig." Man kann ein wenig den Eindruck haben: der Autor ist älter geworden, erzählt immer noch die alten Geschichten, geht aber schon etwas zögerlicher mit solchen Einzelheiten um ...

Folder gegenüber ist der Erzähler alles andere als zimperlich, "Still, Hallunke, sonst schieße ich Dich augenblicklich nieder! Wir wollen die Upsaroka-Squaw und ihre Kinder haben, und Du wirst uns die alte Cache zeigen, in welcher sie stecken. Wenn ihnen die Schlangen nur den geringsten Schaden zugefügt haben, so ist der heutige Tag der letzte Euers Lebens; das schwöre ich, Old Shatterhand, Dir zu!" Im Klartext: Selbstjustiz.

"Mutter stirbt" sagt der weinende Indianerjunge ...

"Wir lauschten und hörten die Stimme der Frau wie aus einer Höhle heraus", sie betet das Vater unser.

"In der Nähe sahen wir zwei Pferde angebunden; zwei Gewehre lehnten dabei, und an zwei Aststumpfen sahen wir – – – zwei frische, blutige Kopfhäute hängen." Die beiden Knaben haben ihre Bewacher überwältigt. Nota bene: kein Wort der Kritik oder des Bedauerns seitens Old Shatterhand, auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht ...

Die spektakulärste Szene der Erzählung wird in der Rückblende erzählt, "Inzwischen hatte sich hier in der Grube ein Beispiel selbstlosester, aufopfernster Mutterliebe ereignet, wie es bewundernswerter gar keines geben kann. Die Knaben hatten sich in einer Ecke eng zusammengedrückt und sich aus Furcht vor den Schlangen vollständig bewegungslos verhalten. Die Mutter aber hatte, um ihre Kinder von dem schrecklichen Tode zu erretten, den ihre Hände zusammenhaltenden Riemen mit den Zähnen zernagt und, als sie dadurch die Arme frei bekam, im Finstern nach den Schlagen gesucht, um sie unschädlich zu machen, was nur dadurch geschehen konnte, daß sie eine nach der andern erwürgte."

Recht entspannt geht man mittlerweile mit 'Gegnern im Außen' um, "Das ist Uandutschka sapa mit seinen Upsaroka's. Sie halten sich für unsere Feinde; wir aber wollen uns den Scherz machen, uns von ihnen umzingeln zu lassen." [...] "seine Leute hielten alle ihre Gewehre so, daß wir in die Läufe sehen konnten. Wir waren ohne Sorgen, denn wir kannten den Erfolg."

"Wenn man den sogenannten Wilden nimmt, wie man ihn nehmen soll, ist er ein ganz vortrefflicher Mensch."

Hammerdull sondert zwischendrin "bekanntlich sind stets diejenigen die besten Redner, welche gar nichts sagen" ab,

dann geht es noch einmal ans Thema Indianeragent(en). "Christ? Nehmt dieses Wort nicht in den Mund! Habt Ihr etwa an Euer Christentum gedacht, als ihr Tausenden von hungernden und frierenden Indsmen die Nahrung und Kleidung unterschlugt? Als sie sich über diesen haarsträubenden Betrug auflehnten, habt Ihr sie einfach niederschießen lassen" ...

Der Fall liegt klar, "Einen so raffinierten Hallunken, wie Ihr seid, von der mehr als verdienten Strafe zu erretten, würde ein Verbrechen sein. Ihr seid kein Christ, sondern ein blutgieriger, gefühl- und gewissenloser Schurke, der unbedingt unschädlich gemacht werden muß!"

"Dieser Mensch war keine Spur von Gnade wert."

Folder endet am Marterpfahl, "Ich bin im Leben nie mitleidslos gewesen, aber wenn ich diesem Menschen das Leben durch ein einziges Wort oder eine Handlung in die Rechte des Squaw hätte erhalten können, ich hätte es doch nicht ausgesprochen."

"Noch heute, nach so langer Zeit, denke ich, wenn von Mutterliebe gesprochen wird, an diese Indianerin und möchte ihr Beispiel jedem Menschen vorhalten, welcher das Vorurteil hegt, daß nur die weiße Rasse tieferen Gefühlen zugänglich sei. – – –"

 

NACH SIBIRIEN

Unter dem Pseudonym „Emma Pollmer“ erschien diese Geschichte 1878. Das eine oder andere Motiv ging später auch in den Band „Am stillen Ozean“ („Brodnik“-Teil) ein, wo auch ein Kapitel den Titel "Nach Sibirien" trägt.

Es geht um zwei Gauner und eine Femme fatale, die sich lieb und fromm stellt, worauf die Leute gerne hereinfallen, da sie zu oberflächlich wahrnehmen und nicht bereit sind, hinter den „schönen Schein“ zu gucken. - So pflegt das zu sein, die, die etwas vortäuschen, kommen besser an als die, die redlich und ehrlich sind, sich aber nicht so geschickt verkaufen.

So bedarf es mancherlei Verwicklungen, um das schöne Kind ihrer „gerechten Strafe“ zuzuführen, während der Hauptschurke am Ende quietschfidel in der Spielbank in Wiesbaden auftaucht, was zum moralisierenden Schlusssatz nicht so recht passen will.

(bearbeitet als „An den Ufern der Dwina“ in GW Band 48).

 

I – Der Diamantenraub

„Es war ein schöner Mann, aber er machte nicht den Eindruck eines angenehmen Mannes, nicht etwa, als wenn er ein schöner Mann gewesen wäre, von dem man hätte sagen müssen, er sei eben nichts als ein schöner Mann, im Gegentheile, es lag vielleicht nur zu viel Geist und Kraft in diesem Gesichte. Aber allerdings konnte man sich nicht klar werden, ob ein gewisser, allzustark hervortretender Zug des Bewußtseins geistiger Ueberlegenheit, oder ein nicht zu verkennender Ausdruck von Spott, oder ein zugleich lauernder und durchbohrender Blick der schwarzen Auges, ober was sonst dem Gesichte den Eindruck des Unbehaglichen, um nicht geradezu zu sagen, des Unheimlichen verlieh.“ So holzschnittartig schwarzweiß wie oft angekreidet sind Mays Figuren eben halt offenbar doch nicht ...

„Wäre seine fromme Tante, die Gräfin Smirnoff, ohne Erbin gewesen, so hätte ihm deren Hinterlassenschaft einst zufallen müssen; da dieser Weg der Rettung ihm aber nicht zu Gebote stand, so befand er sich gegenwärtig auf Urlaub bei ihr, um seinem Glücke auf eine andere Weise unter die Arme zu greifen: er befand sich im besten Zuge, Paulowna zu erklären, daß er ohne sie und ihre Gegenliebe nicht zu leben vermöge.“

Und dann gibt es da noch Wanka; „es erforderte einen so ausgezeichneten Menschenkenner, wie der Graf es war, um hinter den gläubig frommen, kindlich einfältigen Zügen des schönen Wesens Etwas zu vermuthen, was mehr auf den Genuß des irdischen Lebens als auf den Gewinn der einstigen Seligkeit gerichtet war“.

Die solcherart geschilderte verfügt über einen „unwiderstehlich innig reinen Aufschlag[e] ihres seelenvollen Auges“. Wenige Zeilen darauf aber lesen wir „Ihr Auge blitzte jetzt ganz anders, als es vorher geblickt hatte“, und wir erleben sie als Beteiligte eines Raubüberfalls.

 

II – Ein Deutscher

Im zweiten Absatz der Einleitung oben gesagtes drückt Karl May etwas komplizierter aus, „Verwandte Herzen stehen einander wenigstens ebenso nahe als das Diesseits und Jenseits, und wer alle seine Bestrebungen hinauf zum Himmel schickt, versäumt sehr leicht seine größten irdischen Pflichten, stößt Diejenigen von sich, mit denen er in freundlicher und fruchtbarer Wechselbeziehung zu stehen hat und läuft Gefahr, entweder mißverstanden oder ein Spielball stärkerer Charaktere zu werden, welche sich bemühen, die reelle Frömmigkeit für egoistische Zwecke auszubeuten.“

(Leider fehlen solche eingestreuten Weisheiten oft in den Bearbeitungen, so auch hier).

Er sei „auf den Flügeln der Morgenröthe herbeigeeilt“, sagt der Baron von Felsen, und Paulowna bemerkt aufgrund fortgeschrittener Uhrzeit, es „scheinen die Flügel Ihrer Morgenröthe etwas lang zu sein“.

Man ist Wanka auf der Spur. Die Gräfin bekommt zu hören „ich achte und liebe die Frömmigkeit, wenn sie wahr ist und aus dem Herzen kommt; ist sie aber erheuchelt, so wird sie gefährlicher als die größte Gottlosigkeit“. Die Betrügerin wird gestellt.

 

III – Ueberlistet

Die Übeltäter sind wieder auf freiem Fuß. Ein neuer Betrügerei großen Stils wird geplant.

„Wanka ist schön; sie dient ihm als Zeitvertreib, bis – bis sie ihm lästig wird“ erkennt von Felsen.

Und die Betrüger laufen in ihre eigene Falle ... „Wer nach Sibirien geht, ist todt.“

Wieder einmal das Spiel mit den Identitäten, eines der großen Themen Karl Mays.

Am Ende treffen wir den männlichen 'Bösen' der Geschichte einigermaßen munter in der Spielbank in Wiesbaden wieder, aber „Wanka, die schöne, fromme Gesellschafterin, war schon während des Transportes dem sibirischen Winter erlegen. Der kalte Norden bedeckte das Grab der Juwelenfreundin mit seinen flimmernden Krystallen.“

„Es giebt eine ewige Gerechtigkeit, welche verordnet hat, daß eine jede Sünde den Kaim der sicheren Strafe in sich trägt. – – –“

 

DER OELPRINZ

(nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Jugenderzählung)

Vor Gericht und auf hoher See, doch auch anderswo, so in den 'dark and bloody grounds', zumal wenn wir dort so gefährliche Dinge wie Ölbohranlagen betreiben, sind wir in Gottes Hand, und vor dem sind alle Menschen gleich, das muß auch der Ölprinz dieser kleinen Erzählung am Ende einsehen, und der Hochmut des Emporkömmlings verwandelt sich notgedrungen in neue Bescheidenheit und Backen angemessen kleinerer Brötchen.

Das Pferd unseres Westmannes heißt diesmal Arrow, Sam Hawkens kommt uns durchaus vertraut vor. Der immer wieder recht ähnliche Ölbrand gehört wie Eisenbahnüberfälle oder Löwenjagd zu den Dauerbrennern in Karl Mays Gesamtwerk.

Sam Hawkens mag keine Frauen, und der Ich-Erzähler verliert über die auf seinem Pferd von ihm gerettete auch kein überflüssiges Wort zuviel. Schade eigentlich.

Enthalten in Band 84 der GW („Der Bowie-Pater“) sowie im Weltbild-Band „Old Firehand“.

 

Sam Hawkens und der Ich-Erzähler, der sich selber als "Green-baak“ bezeichnet. Nun könnte man meinen, das ist nicht Old Shatterhand, nicht May, nicht der Erzähler, mit dem wir es sonst zu tun haben; doch, das ist er, in einer anderen Variante, anders gesehen.

„Mach' die Nase ein Wenig besser auf; sie ist ja groß und derb genug“, man geht nicht eben zimperlich miteinander um. Das Pferd heißt hier Arrow. Und bei Hawkens kommt eine Hadschi-Halef-Assoziation auf („Er richtete seine Gestalt auf dem Rücken der kameelbeinigen Stute, welche er ritt, so hoch wie möglich empor“).

„Wie er, seine Mary am Zügel führend, langsam und vorsichtig vor mir so den schmalen Schluchtpfad hinabstieg, glich er mehr einer Carricatur als dem, was er wirklich war“, diese Los teilt er mit einigen anderen im Leben.

Man ist kaum unter Menschen und schon gibt es Ärger, so ist das, und Sams Tier scheint das zu kennen und gar eine Art Lustgewinn daraus zu ziehen, „Mary, welche vor Freude über den zu erwartenden Streit mit den langen Ohren wedelte und den haarlosen Schwanzstummel in die Höhe hob“.

Der Ölprinz Alberts will verhindern, daß unsere Freunde Dinge einkaufen können, „Gebt Euch keine Mühe; Ihr bekommt ohne meine Erlaubniß Nichts von Alledem was Ihr wollt! Am Young-Kanawha bin allein nur ich der Herr.“ Das war schon damals so, daß die eigentlichen, inoffiziellen Herren im Hintergrund ihre Fäden ziehen.

Die Helden legen einen „Block um das Haus“, auch sie wissen aufzutreten.

Frauen mag Sam Hawkens offenbar gar nicht, „Das Weiberzeug taucht doch zu weiter Nichts!“, „Pah, Sir, die Weiber wollen uns alle übel“ ...

Dann knallt’s, „Ich kannte dieses furchtbare Phänomen, denn ich hatte es im Gebiete Venango in seiner ganzen Schrecklichkeit gesehen“.

„Das Thal brennt!“, in den Ölbrand-Szenen bei Karl May ist dieser Satz Standard.

„Die Luft war zum Ersticken heiß; ich hatte das Gefühl, als koche ich in einem Topfe siedenden Wasser und doch wuchsen Hitze und Trockenheit mit solcher Rapidität, daß ich endlich innerlich zu brennen meinte.“

Der Erzähler hat, wie in „Old Firehand“, ein weibliches Wesen gerettet, „Es war ein Mädchen; sie lag vor mir so bleich, so kalt und starr. War sie in der fürchterlichen Hitze erstickt oder später in den Fluthen des Wassers ertrunken? Das leichte Gewand war durchnäßt und auf dem bewegungslosen Angesichte spielten die düstern Reflexe der über den Rand der Ebene emporsprühenden Feuerstrahlen. Ich befand mich in großer Verlegenheit, da ich nicht wußte, in welcher Weise ich ihr Hülfe bringen könnte.“

Hawkens fürchtet um sein Liebstes, „Das Thal brennt, und meine Mary – 'sdeath, wo ist die Mary hingekommen? Ich habe sie im Wasser verloren und bin immer nur Eurem Arrow nachgerannt und nachgestiegen. Mary! – Mary!! – Mary!!!“

Aber „Ein kurzes Wiehern antwortete in der Ferne.“

„Mary, altes Viehzeug, komm, komm zu Deinem Sam!“ [...] „und schlang, als die kameelbeinige Stute langsam herbeigehinkt kam, die beiden Arme fast weinend um ihren hageren Hals.“

„Als wir an den Rand der Schlucht traten, um nach der Verwüstung zu sehen, welche der fürchterliche Brand da unten angerichtet hatte, ergriff uns ein Gefühl des Entsetzens und zu gleich des Dankes für unsere glückliche und wunderbare Rettung.“ Biblische Assoziationen mögen sich einstellen ... „Alles war zerstört und vernichtet, Alles. Die Gebäude lagen in Trümmern, der Boden sah schwarz und verbrannt, keine Spur von Leben war mehr zu erkennen, kein menschliches Wesen ließ sich erblicken. Die gestern noch gelebt und frisch geathmet hatten, sie hatten Alle ihren Untergang gefunden“ ...

Bis auf einen, den Ölprinz ...

Erzähler und Sam haben, wie Winnetou und Shatterhand im „Oelbrand“, Haare gelassen, „Grad so wie mir war ihm in der gestrigen Hitze Kopf- und Barthaar vollständig weggesenkt worden“.

Auch der Ölprinz ist ein anderer geworden, „Die Veränderung, welche mit dem stolzen Manne vorgegangen war, wirkte so ergreifend, wie die Scene, welche nun erfolgte. Das Mädchen war seine Tochter“.

Das ist in „Old Firehand“ und Winnetou II anders ... da bleiben die Leute uneinsichtig, und in Winnetou II schüttelt, unvergessen, der Erzähler den „Staub von den Füßen“.

„Hawkens sah mich fragend an. Ich wußte, daß er trotz seiner eigenthümlichen Art und Weise ein gutes Herz besaß und sicher keinen Hülfsbedürftigen im Stiche ließ.“

Ende; „Der Geist der Savanne duldet nicht die Macht des gleißenden Metalles“ ... Hm ... mittlerweile aber doch schon recht lange.

 

OLD FIREHAND

(wird noch ergänzt bzw. siehe unter Menüpunkt "Winnetou")

 

DIE RACHE DES EHRI

Hier liegt der merkwürdige Fall vor, daß ein Text Karl Mays, von ihm selbst bearbeitet, dermaßen gegen den Strich gebürstet wurde, wie es so drastisch selbst spätere Bearbeiter in anderen Fällen kaum taten.

Die hier vorliegende „Rache des Ehri“ ist später, um ein ganzes Kapitel (der Anfang mit den Schiffbrüchigen auf der Insel) erweitert, als „Der Ehri“ in den „Hausschatz“ und noch später in den Band „Am stillen Ocean“ eingegangen, allerdings mit radikalen Änderungen. Denn hier in der frühen Fassung ist der Brauträuber ein unter dem Einfluß eines verlogen und bigott gezeichneten christlichen Missionars konvertierter, und er endet am Schluß im Rachen der Haifische. Über das Christentum heißt es aus dem Munde des Protagonisten der Erzählung: "Die fremde Lehre wirft Hass, Zwietracht und Falschheit in die Herzen". Später hat May den Sachverhalt für den „Hausschatz“ bzw. „Stillen Ocean“ einfach umgedreht.

Vor das "Die Gesittung hat ihren Barbarismus" usw. hat May in der späteren Fassung ein "Man sagt" eingefügt und im Anschluß an die Äußerungen über hemmungslosen Imperialismus und die Seelsorge, die in der Heimat angebrachter wäre als unaufgefordert in der Ferne, ein "Das ist ein gewaltiger Vorwurf, und es wäre allerdings mehr als beklagenswert, wenn er auf Wahrheit beruhte".

Auch einige Formulierungen dieser Fassung liest man später nicht mehr:

„… der treue Seelenhirt, welcher 'mit Aufopferung seiner selbst nach dem verlorenen Schäflein jagt', welches doch niemals zu seiner Heerde gehörte, kehrt den zahlreichen und bösen Krankheiten den Rücken, die im heimischen Stalle ihre Opfer suchen.“

"Der Adel war werthlos geworden; er hatte mit dem Bruder ein Handelsgeschäft mit den nahe liegenden Inselarchipeln gegründet und an Reichthum gewonnen, was er an Einfluß als Ehri, als Fürst verloren hatte."

Hier heißt der konvertierte Brautvater Potomba (in der späteren Fassung der Ehri selber), und das Gespräch mit der Braut vor deren Befreiung führt der Bräutigam selbst, nicht der Ich-Erzähler der späteren Fassung.

Eine weitere, sehr interessante, nach der "Hausschatz"-Fassung, aber vor der Buchausgabe entstandene Variante der Erzählung ist "Tui Fanua" (siehe dort).

 

DIE RACHE DES MORMONEN

Eine beeindruckende, kleine Geschichte von 1890, abgedruckt im Reprint „Der Krumir“ der Karl May -Gesellschaft und im Weltbild-Band „Die Fastnachtsnarren und andere Erzählungen I“, oder auf den Internetseiten der KMG. Leicht bearbeitet ist die Geschichte auch in Band 48 der „Gesammelten Werke“, „Das Zauberwasser“, unter dem Titel „Schwarzauge“ zu finden.

Ja, da sind sie wieder einmal, die frömmelnden Brüder, „ausgesandt, die roten Heiden zu bekehren“, in ihrer ganzen Häßlichkeit, Mormonen hier, es könnten durchaus auch andere sein. (Es wird in der Sekundärliteratur der KMG auf Mormonen und wieder Mormonen herumgeritten, offenbar kommt niemand auf die Idee, daß er auch ganz andere gemeint haben könnte, wie er doch auch „rein deutsche Begebenheiten in persischem Gewande“ zu schildern pflegte.)

Mit Gewalt will der eine ein Indianer-Mädchen haben, sympathisch und anheimelnd werden ihr Geliebter und sie, wird die ganze Idylle beschrieben, das geht nicht gut, er kommt in gewaltsamer Auseinandersetzung zu Tode, der andere will ihn rächen, oder auch seine Wut und seinen Haß loswerden, und löscht den ganzen Stamm aus. Nur das Objekt der Begierde überlebt, fürs Leben gezeichnet, und verschwindet am Ende still und stumm, um nie wiedergesehen zu werden.

Deutlich entstehen die Bilder vorm Auge des Lesers, die große Begabung des Erzählers in Richtung des unmittelbaren Miterlebens wird auch hier wieder deutlich.

 

Die Mormonen dieser Geschichte haben merkwürdige Ansichten, „Wir sind ausgesandt, diese roten Heiden zu bekehren, da sie das gleiche Recht wie wir haben, Heilige der letzten Tage zu sein.“

„Intah-tikila (Schwarzauge) ist eine große Schönheit und brauchte sich vor den achtundfünfzig Frauen unserer zwölf Apostel nicht zu verstecken.“

„Küsse sie! Eine Indianerin muß die Frau dessen werden, der sie öffentlich küßt. Nur dadurch kann ihre verletzte Ehre wieder hergestellt werden.“ Unter dem Wort „Küssen“ dürfen wir uns auch hier allerhand mehr vorstellen. (Es muß dann nicht öffentlich sein ...)

Zimperlich sind die Herren nicht, „Bevor ich Heiliger wurde, trug ich Gewehr und Bowiemesser und habe manchen Roten und auch Weißen in das Gras gestreckt.“

Wieder einmal, wie so oft bei May, die Augen, hier „unergründliche“, „ihr Gesicht hatte einen fast ägyptischen Schnitt; das Schönste aber an ihr waren die Augen, diese großen, langbewimperten, schwarzen, sammetartigen Augen mit dem schwermütig ernsten, träumerischen Indianerblicke.“

„Die Apachentöchter haben ein Herz wie andere Mädchen. Sie lieben auch und treffen sich mit ihren Auserwählten an Orten, wo kein Lauscher zu fürchten ist.“ Es klingt ein wenig wie Kindern erklärt ... aber wir können getrost ein inneres Augenzwinkern des Autors imaginieren ...

Man nimmt sich, was man will, mit Gewalt, „schlang er die Arme um sie und drückte seine schmalen, farblosen Lippen auf ihren schwellenden Mund.“

Der Mann kommt indes schnell zu Tode. „Der Häuptling trat zur Leiche, netzte seine Hand mit dem hervorquellenden Blut und strich sich dasselbe ins Gesicht. Damit war seine verletzte Ehre wieder hergestellt.“

„Rache, ja Rache! Das Blut dieses Heiligen komme über euch! Ihr habt ihm den Leib genommen, ich werde seiner Seele alle die eurigen nachsenden, daß sie ihr dienen und vor ihr kriechen sollen in alle Ewigkeit!“ Religiiös verbrämte Argumente für simple Emotionen ...

Es vermittelt sich etwas wie Todesahnung, „ein Feuer verlöschte nach dem andern und das Geräusch des Lebens verstummte mehr und mehr. Endlich erstarb auch der letzte Flammenschein und tiefes Dunkel lag nun rund umher.“

Die Liebenden lassen die Brücke für kurze Zeit unbewacht, das bringt das Verderben ... „Und die Apachen schliefen alle, alle, indem sie sich auf den Wächter an der Brücke verließen!“

Drei Tote gibt es bereits, alle anderen folgen ihnen nach ...

„Die Flammen bildeten jetzt eine einzige wogende Masse. Dunkle Punkte rannten in derselben hin und her; es waren die Tiere und die Menschen.“

„Rettung konnte es nur dann geben, wenn man die Brücke erreichte; aber schon nach wenigen Schritten fielen sie geblendet, versengt und gebrannt zu Boden. Nur einige erreichten die Stelle, an welcher sich die Brücke befunden hatte; das Feuer trieb sie hinab in die Tiefe des Cannons.“ Horror, wie etwa seinerzeit am 9.11. zu erleben ...

„Auch diese Gluth erlosch, nur hier und da sprühte es noch auf, dann wurde es Nacht, eine schreckliche Nacht des Todes, in dicken, erstickenden Rauch gehüllt.“

Die einzige Überlebende ist nicht mehr die, die sie war, „Als am Morgen die Sonne die Stätte des Verderbens beschien, saß Schwarzauge noch immer an derselben Stelle. Sie hatte keine Thräne, keinen Seufzer, kein Schluchzen, kein Wort für ihren Schmerz.“

„Dort saß sie den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht bei den entstellten Ueberresten des Geliebten.“

„Man bot ihr Essen und Trinken an; sie schüttelte den Kopf. Sie wollte weder Speise noch Trank, sie wies auch jeden Trost von sich. Sie ging und niemand hat sie seitdem gesehen.“

 

ROBERT SURCOUF

(siehe [später] unter SAMMELBÄNDE)

 

DIE ROSE VON SOKNA

(siehe oben unter "Ein Wüstenraub")

 

SCHEBA ET THAR

Der „Löwe der Blutrache“ alias „Scheba et Thar“ erschien zunächst als Einzelerzählung im Marienkalender, um kurz darauf, von Karl May überarbeitet, in den ersten der vier „Silberlöwen“-Bände einzugehen.

Auf den Seiten der Karl-May-Gesellschaft findet man die beiden Textvarianten benachbart und kann vergleichslesen. Dabei entdeckt man die eine oder andere nette Feinheit.

Im „Silberlöwen“-Roman 'outete' sich Karl May ja seinerzeit erstmals als Ehemann, was nicht nur Hadschi Halef, sondern auch seinen Lesern erst einmal die Sprache verschlagen haben wird. Und in beiden Varianten der Geschichte vom Löwen der Blutrache finden wir Variationen zum Bildnis des Schriftstellers als Gatte, auf Hadschi Halef projiziert.

Der ist sesshaft und ein wenig behäbig geworden:

„Dem Ruhme, welchen wir davontrugen, habe ich es zu verdanken, daß ich Scheik der Haddedihn geworden bin. Leider habe ich diesem Ruhme nichts hinzuzufügen vermocht, weil die letzten Jahre fast vollständig thatenlos vergangen sind. Sollen meine Glieder einrosten und mein Mut einer alten Klinge gleichen, die man nicht mehr aus der Scheide bringt? Du kennst doch Deinen treuen Halef und weißt, daß die Gefahr mir so notwendig ist wie dem Fische die Flut des Wassers. Meine Seele erstickt in dieser Unthätigkeit, und mein Geist gleicht einem Adler, den Allah in eine Schnecke verwandelt hat.“

(das steht nur in „Scheba et Thar“);

„Er wollte Abenteuer erleben, von denen er dann später in seiner tief in den 'Topf des Lobpreises' greifenden Weise erzählen konnte, und so war er sehr ernstlich mit sich zu Rate gegangen, ob er nicht lieber allein reiten solle. Da aber war ihm Hanneh, wie er sich gegen mich ausdrückte, 'mit seiner Waghalsigkeit an den Kopf gesprungen' und hatte ihm im Tone 'strenger Liebe und zorniger Hingebung' gesagt, daß sie das nicht gestatten werde.“

steht wiederum nur in „Der Löwe der Blutrache“. Vielleicht sollte eine gewisse Übertragbarkeit in der Marienkalender-Variante nicht so deutlich werden.

 

THREE CARDE MONTE / ABRAHAM LINCOLN / AUS NORDAMERIKA

Hier wurde offenbar die Idee zum Boarding House von Mutter Thick in Jefferson City geboren, die später in Old Surehand II so eine gewichtige Rolle spielen sollte.

"Three Carde Monte" ist eine Überarbeitung und erweiterte Fassung der früheren Geschichte "Ein Self-Man" (siehe dort) durch Karl May selber. Es geht um Abraham Lincoln und den Kanada-Bill. Kenntnisse und Erfahrungen mit heimatlichen Kümmelblatt-Gaunern (die ja sonst bei Karl May auch in Geschichten vorkommen, die in der Heimat spielen), werden geschickt eingearbeitet und in den fernen Westen transferiert.

Für Old Surehand II hat Karl May später die Geschichte erneut überarbeitet und einen neuen Schluß um den Tod des Kanada-Bill angehängt, wobei es sich bei diesem Schluß wiederum um eine frühere, überarbeitete Geschichte von ihm handelt, in der der zu Tode kommende ursprünglich nicht der Kanada-Bill war.

Es ist faszinierend zu beobachten und zu verfolgen, wie Karl May eigene Geschichten immer wieder umgeändert, überarbeitet, neu verwertet hat. Auch eine Art "Wachstumsprozeß", der dabei stattgefunden hat, ist unübersehbar.

*

„Abraham Lincoln“ und „Aus Nordamerika“ sind Nachdrucke von „Three carde monte“, mit ganz geringfügigen Änderungen gelegentlich bei der Wortwahl (nicht immer im Sinne des Erfinders: so wird in "Aus Nordamerika" an einer Stelle aus einer Büffellende ein Büffelende …).

Über diese Dinge berichtet auch der lesenswerte Artikel im Reprint „Kleinere Hauschatz-Erzählungen“ der KMG, wenngleich man nicht immer, z.B. in Sachen Ansgar Pöllmann, der Meinung dessen Verfassers sein muß (auf den Internetseiten der KMG ist mir nicht erkennbar, von wem jeweils die einleitenden kommentierenden Texte zu den Erzählungen sind).

In dem Artikel wird auch auf Mays Anleihen bei Gerstäcker eingegangen und es heißt sehr schön:

„May hat, mit einer ungleich stärkeren Phantasie ausgestattet, wesentlich spannender und fesselnder fabuliert. Während der Leser Gerstäckers Erzählungen als durchaus interessante, informative Begebenheiten an sich vorüberziehen lässt, versteht es May, den Leser mitten in die Geschehnisse hineinzuversetzen, ihn sich mit dem Helden identifizieren und leibhaftig am Geschehen teilhaben zu lassen“.

Sehr kritisch setzte sich Ansgar Pöllmann, durchaus kluger und lesenswerter Kopf, mit Mays literarischer Wandlung im Laufe der Zeit auseinander:

„Im Jahre 1879 brachte der „Deutsche Hausschatz“ eine kleine Erzählung „Three carde monte“, die zwar äußerlich sauber erschien, aber derselben rohen Einbildungskraft eines ungebundenen, zu Gewalttaten neigenden Geistes entsprungen war. Bald erkannte jedoch der Verfasser dieser Kümmelblättchen-Geschichte, wo sein Weizen blühte, und er begann so hübsch langsam, aber stetig die berühmte Entwicklung des „Gewaltmenschen“ zum „Edelmenschen“ …“

Das wollen nun freilich zahlreiche hartgesottene May-Freunde so nicht wahrhaben, und es gibt entsprechende „Gegendarstellungen“, wobei man sich dann gerne bei Erbsenzählereien aufhält, bei Definitionen, was ist katholisch und was nicht usw. Die Tatsache, dass Karl May sich, Lebius durchaus nicht unähnlich, auch gerne immer mal wieder verbogen und angepasst hat, mal hierhin und mal dorthin, kriegt man so freilich nicht wegdiskutiert.

Der Text von "Three carde monte" ist eigenartigerweise außer im Reprint nirgends abgedruckt, und auch sonst nicht verfügbar, nicht bei Zeno im Netz, nicht auf der Werke-CD.

Sehr lesenswert zum Thema ist der Aufsatz von Christoph F. Lorenz im "Studien"-Band zu "Old Surehand". Außerdem: der Aufsatz von Eckehard Koch über den 'Kanada Bill' im Jahrbuch der KMG von 1976.

(siehe auch "Vom Tode erstanden" unten auf dieser Seite)

 

Bei Mutter Thick. Der Ich-Erzähler ist hier nicht May / Old Shatterhand, sondern Tim Kroner. Der Kanada-Bill ist tot, und es wird in Rückblende erzählt.

„Die Staaten sind ein eigentümliches Land“ ... im Erzgebirge, z.B., und überall auf der Welt gilt es auch: „wo das Größte hart neben dem Kleinsten, das Gute gleich beim Schlimmen steht“, und eben ganz entsprechend: „und ich sage Euch, alle drei Male, die ich mit diesem berüchtigtsten Manne des Landes zusammengekommen bin, ist auch stets der berühmteste dabei gewesen“, nämlich Abraham Lincoln. Die Extreme berühren sich.

[...] (noch unvollständig; wird zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt)

 

TUI FANUA

Es gibt ein paar Varianten zu dieser Erzählung: „Die Rache des Ehri“, „Der Ehri“ sowie dessen geringfügige Überarbeitung für die gleichnamige Erzählung in Band F 11.

Hatte May die religiöse Konstellation aus „Die Rache des Ehri“ für „Der Ehri“ (sowie die spätere Buchausgabe) völlig verändert, nicht den christlichen Missionar, sondern den Heiden als „den Bösen“ in Erscheinung treten und sterben lassen, so ist es in dieser Variante (später als die „Ehri“-Fassung, aber vor der Buchausgabe 'Am stillen Ocean' erschienen) wieder anders: der Christ ist der 'Böse'. Für den „Hausschatz“ ging das wohl nicht. Ein Satz wie „Ich sah die Ueberreste von Völkern, welche von christlichen Kugeln, christlichem Branntwein und christlichen Krankheiten hingemordet wurden, ich sah die Korruption wüthen unter Nationen, welche noch vor kurzer Zeit stark und kräftig waren; ich sah Menschen tödten, Menschen unterdrücken, Menschen knechten, Menschen um ihre heiligsten Rechte betrügen“ auch nicht.

Der Ich-Erzähler heißt hier eigenartigerweise mal Latréaumont, ist aber nichtsdestotrotz "ein guter Deutscher". Daß er von Menschenfressern gebraten werden soll („Das Fleisch der Weißen ist nicht gut, aber er soll gebraten werden wie diese hier“), ist auch mal etwas Neues.

Um den Kannibalismus geht es überhaupt in beträchtlichem Maße in dieser Erzählung; "ich sah Menschen tödten, Menschen unterdrücken, Menschen knechten, Menschen um ihre heiligsten Rechte betrügen; aber Menschen geradezu — fressen zu sehen, das war mir denn doch noch nicht vorgekommen".

Hier ist, im Gegensatz zur frühen Fassung "Die Rache des Ehri", das Kapitel mit den Schiffbrüchigen auf der Insel zwar enthalten, aber die Szene mit den ankommenden Booten gestaltet sich anders. Und der Bräutigam, der hier kein Ehri ist, wird hier vor Kannibalen gerettet.

Mit den bekehrten Einheimischen ist es so eine Sache, "Katua aber und sein Sohn nahmen zum Scheine die neue Lehre an, denn sie hofften Macht und Hilfe von den weißen Männern, während sie doch im Geheimen noch immer Menschenfleisch aßen".

In dieser Geschichte haben wir es weniger mit Booten und Wasser zu tun als in den anderen Fassungen, dafür sind wir hier im Wald; "Leicht zu durchwandern ist hier der Forst, denn unter dem dichten Schatten der hohen Baumkronen wächst das Schlingwerk und niedrige Gesträuch, welches sonst die Urwälder so unwegsam macht, nur spärlich."

Eingedenk zahlreicher getöteter Frauen und Kinder heißt es "Das sind Christen, Herr! Masuié verschlinge sie!", der Erzähler legt dem Sprecher "die Hand begütigend auf den Arm" und fragt "Bin ich so bös wie sie?" - "Nein, Herr. In Dir leuchtet die Sonne der Liebe, Du bist tapfer, weise und gut." - "Ich bin ein Christ. Sind sie also welche?" - "Nein."

Und es kommt noch schöner: "Ich gehe nicht, sondern ich bleibe und helfe Dir!", sagt der Erzähler, sein Gegenüber sieht ihn "erstaunt an" und entgegnet "Herr, ich bin ein Heide, und Du willst mir gegen diese Christen helfen?" - "Ja."

Er teilt dem Kapitän seinen Entschluß mit,

"Seit Ihr verrückt, Sir?" frug er. "Ihr Zwei ganz allein unter fünfhundert Wilde!"

"Christen!" verbesserte ich lächelnd.

"Ja Christen, welche Menschen fressen"

Es kommt zu einigen Tötungen; Tui-Fanua und Erzähler klettern auf den Altar, und von dort geht es munter weiter, "Ich bückte mich nieder hinter die Steine, legte den Stutzen auf den Rand des Altares, ein, zwei, drei, fünf, sechs, acht Schüsse, von denen jeder seinen Mann traf".

Es stellt sich heraus, daß Erzähler und Missionar sich von früher kennen, "Nun wundert es mich nicht, daß die Christen hier gern Menschenfleisch fressen!"

Der "alte Bekannte" kommt bei den Kampfhandlungen zu Tode, "Der erste Missionar der Samoainseln hatte seine Rolle ausgespielt."

Der Schlußsatz "Jetzt zählt Manua wenigstens zweitausend Einwohner, welche alle Christen sind" wirkt ein wenig doppelbödig nach alledem, was vorher über solche gesagt wurde. Aber der Erzähler hat ja vorher pfiffig immer wieder zwischen "wahren" Christen und Pseudochristen unterschieden, sodaß das nicht jeder merken oder irritiert sein muß.

Die Geschichte ist, nebst einem hochinformativen mehrseitigen Kommentar, in GW Band 84 enthalten.

 

DIE 'UMM ED DSCHAMAHL'

Interessante, reizvolle Geschichte, die in Band 48 nahezu unbearbeitet vorliegt.

Es beginnt relativ banal. Daß auch die schönste Frau irgendwann Falten kriegt und, wie seinerzeit schon Franz Beckenbauer über sich selber feststellte, „der biologische Verfall weder aufzuhalten noch zu übersehen ist“, müssen selbst Hadschi Halef Omar und Kara Ben Nemsi einsehen. Und so ziehen sie (natürlich nur Halefs wegen ...) aus, die Salbe der Schönheit zu suchen (und tatsächlich zu finden !).

Mit der Umm ed Dschamahl treffen die beiden auf eine hochinteressante Frau, die auch einiges bedenkenswertes über Christen und Scheinchristen äußert.

Karl der Deutsche erweist sich als begabter Menschenkenner und Amateur-Psychologe.

Die Befreiungsaktion erfolgt im Stile einer diesmal besonders dick aufgetragenen Münchhausiade, und auch die herrliche (Selbst-)Ironie des Meisters fehlt nicht.

Eine hübsche Geschichte, und für eine Marienkalendergeschichte ungewöhnlich unterhaltsam.

 

I

Die Erzählung erschien im Regensburger Marien-Kalender und floß später teilweise in den 'Silberlöwen' ein (Motiv der Schönheitssalbe in „Ein Rätsel“).

Ein Händler im Café in Bagdad bietet "irgend ein Schönheitsmittel feil, und da ich auf solche Dinge nichts gebe, konnte der Mann mir sehr gleichgültig sein."

Halef aber ist sehr interessiert und fragt indiskret, "Hat Emmeh, das Weib Deiner Seele, etwa schon Falten oder gar Runzeln im Gesicht?", worauf er sympathischerweise zu hören bekommt "wenn sie mich so lange glücklich gemacht hat wie Hanneh Dich, dann wird sie welche haben, und ich werde sie gerade um dieser Falten willen noch mehr lieben als vorher."

"Auch ich liebe meine Hanneh, die schönste unter allen Frauen des Erdreiches, mit doppelter Stärke, seit ihre glatten Wangen angefangen haben, sich allmählich zu zerknittern."

"Sie gab mir sehr gern die Erlaubnis, Dich zu begleiten, doch unter der Bedingung, ihr so viel von der echten Salbe der Schönheit mitzubringen, wie notwendig ist, die unheilvolle Zerknitterung ihres Angesichtes wieder auszuglätten."

"Komm, laß uns heimkehren zu unserm Bimbaschi", das ist der alte Bekannte aus Band 3 und 26 und wird leider in dieser Geschichte nur kurz erwähnt.

"Wir waren in der letzten Nacht in Mijahni Tahk, einem kleinen Dörfchen, geblieben und dann am frühen Morgen durch eine enge Bergschlucht gekommen, welche in das ziemlich breite, sich fast bis nach Kerind hinziehende Gebirgsthal mündete. Auf den letztgenannten Ort war ich aus dem Grunde sehr gespannt, weil man ihn als den Hauptort der Ali-Ilahi's bezeichnet, welche ich gern kennen lernen wollte. Man sagt, daß sie dem Kalifen Ali göttliche Ehren erweisen und den Teufel nicht nur anbeten, sondern ihn sogar für den Schöpfer des Weltalls halten."

Ein Hinterhalt, der zunächst trotz einer augenzwinkernd vorgetragenen Beobachtung nicht durchschaut wird, "Es befanden sich nämlich schon zwei Personen hier, ein Mann und ein Knabe, welche, ihrer ärmlichen Kleidung nach zu schließen, Bettler waren. Dieses Handwerk schien hier ein sehr nahrhaftes zu sein; denn der Mann war von fast riesigen Körperformen, und man sah seinen starken Gliedern keine Spur von Hunger an."

"Der Regen hörte plötzlich und vollständig auf, als ob er als ein Verbündeter der Räuber nur die Aufgabe gehabt habe, uns in dieses alte Gemäuer zu treiben." Solche Stellen werden des öfteren vorkommen in dieser Geschichte, der Autor winkt vermutlich mit dem Zaunpfahl der Fügung, Schickung, Vorsehung, nüchterner betrachtet könnte man es auch aus schriftstellerisch ganz pragmatischen Gründen sehen, es regnet halt dann und solange, wie der Autor es braucht ...

 

II

Daß alles letzten Endes ein Spiel ist, vermittelt sich immer wieder bei Karl May, es ist eines seiner Hauptthemen. Hier spricht er es auch dezidiert aus: Die Gefangennahme kommt unserem Erzähler "ungefähr wie ein unterhaltendes Bühnenspiel" vor, "bei dem mir und Halef die leidenden Rollen zugeteilt worden waren – – – wenn der Vorhang niedergegangen ist, applaudiert das Publikum, und es löst sich alles in Wohlgefallen auf." Eine Haltung, aus der man eine Weltanschauung aufbauen kann ...

In drastischer Weise geht es wieder um Schönheitspflege, von "Würmern des Gesichtes", schnöden "Mitessern", ist unappetitlicherweise die Rede.

Halef konstatiert "Der Mann, für den die Schönheit seines Weibes keinen Wert hat, verdient gar nicht, ein Weib zu besitzen. Merke Dir das, Sihdi!" ... "Das war auch eine Ohrfeige, welche er mir gab, wenn auch nicht mit der Hand!"

Die Titelfigur der Erzählung tritt auf, "Ihr Haupt war unbedeckt; aber die langen, starken Zöpfe des sehr vollen, schneeweißen Haares bildeten, hoch emporgewunden, eine Kopfbedeckung, um welche sie gewiß manche junge Europäerin beneidet hätte. Der Farbe dieses Haares nach mußte sie alt sein; aber in ihrem vollen, jetzt noch schönen Angesichte war keine einzige Falte zu bemerken und in ihren kühn, aber doch weiblich mild geschnittenen Zügen lag eine Energie, welche der Mensch nur im jugendlichen Alter zu besitzen pflegt. Auch der Hals war unbedeckt, und kein Bildhauer hätte einen Tadel an ihm finden können. Ein dunkelblaues, langes, mantelähnliches Gewand, in dem die eine Hand verborgen war, bedeckte ihre hohe Gestalt; die andere Hand, welche es in Falten hielt, war voll und weiß, so weiß, daß ich darüber staunte. Ihre dunklen Augen hatten einen eigentümlichen, wie aus der Tiefe kommenden Glanz, und ihre Stimme besaß einen wohlklingenden Alt" ...

"Ich bemühe mich, über meinen Stamm ein Regiment der Liebe zu führen und auch gegen Fremde mild zu handeln; aber ich kann auch streng, sehr streng sein!" Das ist generell sehr angemessen.

"Das ist der in der ganzen Welt berühmte Hadschi und Emir Kara Ben Nemsi Effendi." - "Auch seinen Namen habe ich noch nie gehört; er kann also nicht so sehr berühmt sein, wie Du sagst."

"Dieser Emir Kara Ben Nemsi ist ein unvergleichlicher Fürst des Geistes und des Körpers nicht nur in seinem Vaterlande, sondern in allen Ländern des Erdbodens. Er kennt die Völker aller Weltgegenden und spricht ihre Sprachen; er hat den Löwen getötet und den Elephanten vernichtet; seine Faust streckt alle Feinde siegreich nieder, und alle Kaiser, Könige und sonstigen Herrscher sind froh, wenn sie mit ihm reden dürfen." So sieht es Halef; seitens des Autors schwingt unverkennbar Selbstironie mit.

"Wer und was aber bist denn Du? Ein Weib, eine Anführerin von Spitzbuben, eine räuberische Gesindelmutter". Man beachte die Reihenfolge ...

Anklagerede der Umm, "Wer sendet seine sogenannten 'Boten der Liebe' aus, um ihnen dann das Schwert, die Kanonen, hundert Krankheiten, den Eigennutz, den Betrug, die Wortbrüchigkeit, den Länderraub nachzuschicken? Der Christ! Was sind die Konsuln, die Gesandten, welche an allen, auch an unsern Herrscherhöfen Heimtücke, Zwietracht und Mißtrauen zu säen haben, um die Früchte dieser Hinterlist dann später heimzusenden? Christen sind sie!"

"Die Liebe lebt nur durch das Glück und in dem Glücke anderer; was aber hat Eure sogenannte Liebe den Andersgläubigen bisher gebracht? Blut, Blut und immer wieder Blut! Wohin Ihr tretet, verschwinden die Nationen; denn Eure Füße sind die Füße des Verderbens, und in Euren Fußstapfen schleicht der Tod sich hinterher! Ich sagte vorhin, daß ich die Christen hasse; aber ich hasse sie nicht nur, sondern ich verachte sie, denn wessen Thaten das Gegenteil von seinen Worten sind, der verdient es nicht anders, der muß verachtet werden!"

"Was konnte, was sollte ich dagegen sagen? Wie oft schon waren mir dieselben, aber ganz dieselben Vorwürfe gemacht worden! Es ist gar nicht leicht, auf solche Anklagen Auskunft zu erteilen; denn es liegt für den, welcher nur ein Namenschrist ist, so viel Wahrheit in ihnen, daß er, mag er sich winden, wie er will, sich dem häßlichen Gefühle, überwiesen worden zu sein, nicht zu entziehen vermag."

Darüberhinaus aber erkennt Kara Ben Nemsi: "Du bist unglücklich."

"Du ahnst gar nicht, welch einen tiefen Blick in Deine Seele Du mir gestattet hast. Du bist in einem großen Irrtume befangen, in einem Irrtume, welcher sich auf das Leben außer Dir und auf das Leben in Dir selbst bezieht." Und mit ihr Tausende, Millionen ...

"Ich sehe und spreche Dich heute zum erstenmal; ich kenne Dich also nicht; aber ich habe einen Blick in die Tiefen Deiner Seele gethan, in welcher eine große, eine schmerzliche Sehnsucht nach Liebe und Erlösung lebt. Du suchst schon seit langen, langen Jahren nach Gott, nach seinem Himmel und nach seiner Seligkeit, hast aber noch keinen Menschen, noch keinen einzigen, gefunden, welcher Dir den Weg nach oben zeigen konnte – – –." Wie sagte Dick Hammerdull sehr richtig zu May / Shatterhand in "Mutterliebe", eure Augen und meine Augen, das ist doch ein Unterschied ...

Zwischendrin ein rhetorisches Geplänkel über Christentum und Islam, Marienkalender-Verleger und -publikum konzidiert. Wenn man diese Konfessionen symbolisch etwa für verschiedene Arten von Religiosität nimmt, aufrichtig empfundene, wahre, oder eng konfessionell gesehene, wie Hermann Wohlgschaft an einer Stelle vorschlug, mag es angehen.

"Ich lebe nur kurze Zeit des Jahres über hier in den wilden Bergen und befinde mich sonst fast stets auf der Reise und in den Harimat der Großen unseres Reiches. Ich habe da offene Augen und offene Ohren und sammle mir innere Schätze, welche mir kein Mensch mit Gold aufwiegen könnte."

"Das ist ja seit über einem Menschenleben her!" konstatiert der Erzähler bei der Nennung einiger früherer Freundinnen und Freunde seiner Gesprächspartnerin, Marah Durimeh und der Graf von St.Germain lassen grüßen.

Und wieder geht es sehr weltlich um die Salbe, "Ihr Gesicht wird einer trocknen Hagebutte und ihr Gang dem Wanken eines jungen Kamelkalbes gleichen", sagt die Umm über Hanneh, Größe schützt vor Grobheit nicht.

"Das war für meinen kleinen, jähzornigen Hadschi wie ein Funke in das Pulverfaß", aber auch beim weiblichen Gegenüber ist von Größe zwischenzeitlich nicht mehr viel zu spüren, und das kommt daher: "Ein berühmter Psycholog hat den Satz aufgestellt, eine Frau könne alles, selbst die schwerste Beleidigung und Kränkung verzeihen, nur nicht die Behauptung, daß sie häßlich sei."

Übrigens fein beobachtet daß man uralt sein und die Weisheit der Welt mit sich herumtragen kann, aber dennoch gelegentlich in läppische, kindliche Muster zurückfallen ...

 

III

Seine Gegner nimmt unser Autor nicht sonderlich ernst, "für einen erfahrenen Prairieläufer waren diese Ihlauts doch nur minderwertige Gesellen."

"Unsere Pferde mußten wir auf alle Fälle wieder haben, und wenn das nicht auf andere Weise zu erreichen war, so schreckte weder Halef noch ich bei all unserer sonstigen Humanität vor dem Gedanken zurück, nötigenfalls Menschenblut fließen zu lassen."

Die Umm hat "noch einmal über alles nachgedacht", ... "Deine Worte haben mein Herz berührt wie ein Schlüssel, welcher die Thüre zu einer lichten, schönen Wohnung der Seligen öffnet."

Und wieder dieser schon am Endes des vorigen Kapitels beobachtete, eigentlich unpassende, noch ganz weltliche, kleinliche Zug: "Ich will Dir sagen, daß der Gebieter von Kirmanschah ein Feind unseres Stammes ist, weil er mich haßt. Sein Harem hat mich einst schwer beleidigt und bekommt daher den 'Weg zur Schönheit' nicht mehr von mir."

Das sogenannte, seitens unverständiger Menschen erfundene "Theodizee-Problem" wird gestreift, "Aber Gott gibt es doch zu, daß meine Söhne unschuldig hingemartert werden! Ist das Liebe und Barmherzigkeit von ihm? Ist das Gerechtigkeit?" - "Hadere nicht mit dem Allmächtigen und Allweisen! Er weiß, weshalb er Dir diese Last zu tragen gibt" ...

"Auf den Stufen des Gebetes steige himmelan", das klingt schön, man könnte auch sagen auf den Stufen des Bewußtseins und der Erkenntnis.

"Schilt nicht auf seine Ungerechtigkeit, solange Du selbst ungerecht gegen andere Menschen bist!"

"Jetzt sollst Du Dich als Christ zeigen und Deinen Glauben verteidigen. Sag' also: Warum gibt es Dein Gott der Liebe zu, daß wir diese Ungerechtigkeit gegen Euch begehen?" - "Vielleicht um Deinetwillen. Du sollst ihn durch uns kennen lernen" ... Interessanter Gedanke ...

Wieder das schon im ersten Kapitel (wo der Regen an ganz passender Stelle aufhörte ...) beobachtete: "Kein Mensch befand sich in der Nähe; es war wirklich ganz so, als ob jemand die Flucht für uns vorbereitet und sorgfältig jedes Hindernis vorher entfernt habe." Je nach Neigung und persönlichem Geschmack mag man es wieder für schriftstellerischen Pragmatismus oder sinnige Vorsehung halten, oder auch eine Art Mischung aus beidem ...

"Das war ein lustiger Streich, Sihdi! Wir sind frei und haben alles, alles wieder! Deine Faust hat immer noch dieselbe kräftige Sprache wie vor Jahren." Wir schreiben das Jahr 1898.

"Man braucht, um sich in einer Gegend zurecht zu finden, sie nicht vorher gesehen zu haben. Du weißt, daß ich einen Ortssinn besitze, der sich nur selten irrt, und hier gibt es glücklicherweise keine Urwälder, in denen man die Richtung verfehlt, weil man vor lauter Bäumen weder den Himmel noch etwas anderes sehen kann." Vermutlich im übertragenen Sinne gemeint. Über des Erzählers Orientierungsvermögen lasen wir ja schon in Sachen erste Begegnung mit der Umm.

"Ich wußte und weiß auch jetzt gar nichts, doch bin ich zuweilen ein ganz eigentümlicher Mensch, lieber Halef. Es ist, als ob mir Worte, die ich eigentlich gar nicht sagen will, in den Mund gelegt würden, als ob ein zweites Wesen in mir wohne, welches zukünftige Dinge voraussieht und mich anleitet, mich danach zu verhalten."

"Du bist ein Liebling Allahs. Vielleicht hat er Dir einen guten Dschimi el Himajet ("Geist des Schutzes") zugesellt, der Dir das alles sagt und Deine Worte und Deine Thaten lenkt. Ich wollte, ich hätte auch einen oder zwei!" - "Dieser Dein Wunsch ist bereits erfüllt; denn jeder gute Mensch, der sich nicht mit Gewalt von Gott entfernen will, steht in der Hand des Herrn der Heerscharen, der seine Boten sendet, ihre Flügel über ihn auszubreiten."

"Wachen wir abwechselnd?" - "Nein. Ich fühle über mir den Schutz des Himmels. Das ist auch so ein unerklärbares Sehen, Hören und Wissen des Herzens, welches vielleicht noch untrüglicher ist als das Sehen und Hören mit den Sinnen des Körpers. Gute Nacht, lieber Halef!" - "Gute Nacht, mein lieber Sihdi! Weißt Du, Du hast Zeiten, wo jedes Wort von Dir eine Predigt ist. Wenn doch alle Menschen Deinen festen, unerschütterlichen Glauben hätten, dann wären sie auch so glücklich wie ich durch ihn geworden bin!" Das mag man nun für schwülstig-frömmelndes Gerede halten (das es in den Marienkalendergeschichten durchaus auch gibt), oder aber eben auch nicht ...

Man erreicht Kirmanschah, "welches wir nach wenig über einer Stunde auf seinen Hügeln vor uns liegen sahen. Diese Stadt ist eine höchst interessante; ich enthalte mich hier trotzdem aller topographischen Bemerkungen, weil ich sie gelegentlich eines anderen Besuches ausführlicher beschreibe, als es hier möglich ist." Interessanterweise gab es hier eine Fußnote, "Siehe Deutscher Hausschatz: 'Im Reiche des silbernen Löwen', v. Karl May", aber "Hausschatz"-Leser werden vergeblich danach geblättert haben ... In GW Band 48 ist der Satz mit der Beschreibung anläßlich eines "anderen Besuches" gestrichen.

"Da lernte ich gleich einmal persisch-militärische Zustände kennen; hoffentlich sind sie jetzt besser." Deutsche bzw. geographisch nicht begrenzte Zustände sind gemeint, und sie sind bis heute nicht besser ...

"Du hast doch meine türkischen Legitimationen gesehen; bessere, als ich hatte und noch habe, gibt es nicht, und doch war ich dem Sultan unbekannt. Aber ich habe einen sehr guten und sehr einflußreichen Freund in Stambul; das ist Mustapha Moharram Agha, der Kapudschi der hohen Pforte; der hat mir die Papiere besorgt; kein Fürst kann wirkungsvollere bekommen." Diese Stelle könnte übrigens die Anregung für einen Einschub seitens Dritter in GW Band 1 sein, wo ebenfalls davon die Rede ist, daß ein wertvoller Pass durch einen einflussreichen Beamten erhalten wurde. "Solche einflußreiche Personen gibt es auch anderswo; man muß die Schliche nur kennen. Persische Firmans sind nicht nur in Persien zu bekommen."

"Auf einem niederen Divan saß rauchend ein Offizier höheren Alters, in dessen Zügen ich vergeblich nach den Spuren geistiger Thätigkeit suchte."

"Man sollte nicht glauben, daß ein solcher Leichtsinn möglich sei; aber" ... "Wer reich ist und Geld zahlen kann, avanciert so hoch, wie die Summe reicht, die er dafür gibt, er mag so dumm sein, wie es ihm beliebt!"

"Wir, die wir nicht so schön aussahen wie er und nicht einmal Sättel hatten, schienen gar keinen Eindruck auf ihn zu machen; denn er schnauzte uns mit einer noch halb kindlichen Stimme, die zwischen dem hohen Sopran und dem zweiten Baß bald hinauf- und bald hinunterhüpfte, grimmig an [...] Da zog ich den Firman aus der Tasche und entfaltete ihn dem herrlichen Recken vor das Näschen. Als er das große Siegel mit den zwei bekannten Versen sah, wäre er vor ehrfurchtsvollem Schreck beinahe vom Pferde gefallen" ...

"Da stach mich der Hafer!" (Er wußte, wovon er sprach / schrieb ...)

"Ich reichte ihm herablassend meine Hand, belobte seinen Eifer um das Wohl des persischen Staatswesens und brachte ihm dann in freundlicher Weise die Überzeugung bei, daß ihm im muhammedanischen Buche des Lebens der gute Rat gegeben sei, nun seines Weges wieder fürbaß zu ziehen. Er nahm sich und seinen Transport eng zusammen, widmete mir noch einige Verbeugungen und ritt dann seinem ferneren Kismet getrost entgegen."

"Du warst mein Lehrer im Gebet; Du bist mein Lehrer auch in der Liebe. Sei der Gast Deiner Schülerin, solange es Dir gefällt; denn Dir gehört alles, alles, was ich habe!" Hm .. welches autobiographische Erlebnis mag da im Hinterkopf eine Rolle gespielt haben ...

"Du hast mir Gott gegeben und mich ihm!" Auch wenn man geneigt ist, eine Stelle wie die obige recht individuell zu deuten, das eine schließt das andere durchaus nicht aus, dies ist wieder mit ganz anderen Augen zu sehen ... (die einen wollen immer nur den edelmütigen Idealisten sehen in May und die anderen vielleicht den recht weltlich orientierten Jünger der Lebensfreude, er war indes durchaus auf beiden Hochzeiten zu Haus und es wechselt auch schon mal schnell hin und her, bei ihm wie im Leben.)

"Wir wurden von einer Gruppe der andern zugeschoben; denn diese braven Menschen, welche der Buchgeograph als Halbwilde bezeichnet, besaßen das, was man beim gebildeten Abendländer so oft vergeblich sucht, ein Herz voll echter Dankbarkeit und wahrer, überquellender Liebe."

Kara Ben Nemsi bittet schließlich um das Rezept für die Schönheitssalbe, "Das war ein sehr unvorsichtiges Wort von mir; denn von diesem Tage an bestürmte mich Halef ohne Ermüden mit der Bitte, ihm nun meinerseits das Geheimnis zu verraten, weil er beabsichtige, es seiner Hanneh zu lehren, damit sie für die Haddedihn und den ganzen Stamm der Schammar die 'Salbe der Schönheit' kochen könne." Und Leserpost kam auch ...

"Die Zelte wurden abgebrochen, und dann begann die Wanderung, von der ich einstweilen sagen darf: sie nahm einen so außerordentlichen, unvorhergesehenen Verlauf, daß ich ihn meinen lieben Lesern nicht vorenthalten kann und das nächste Mal von ihm erzählen werde. – –" Dieser außerordentliche, unvorhergesehene Verlauf führte dann weg von den Reiseerzählungen bisheriger Art, und stand nicht mehr im Marienkalender.


UNTER DER WINDHOSE

Hübsche, reizvolle Geschichte von 1886, von Karl May später ohne größere Änderungen in den zweiten Surehand-Band übernommen.

Alkoholismus und geistige Verwirrung ist ein Thema in dieser Erzählung, Schuld und Sühne ein weiteres.

Eine Frau lebt mit einem Mann zusammen, von dem sie nicht weiß, daß er ihren ersten Mann getötet hat.

Das Schicksal oder die Vorsehung greift in Gestalt einer überwältigenden Windhose ("ein entsetzliches, überirdisch erscheinendes Ungetüm") ein, wobei die Hand in Hand gehende Schilderung der Aufklärung der Verbrechen und der Natur-"Katastrophe" außerordentlich gelungen ist.

 

Der 'Bösewicht' der Geschichte, Rollins heißt er, hat eine "Yankeephysiognomie"; später heißt es an einer Stelle "O Mesch'schurs, wir gut ihr seid! [...] Man möchte euch gar nicht für Yankees halten" ...

Der Mann geht nicht gut mit seinen Angehörigen um, "Sein Vater stieß ihm den Gewehrkolben in die Seite, daß der arme Junge wimmernd gegen die Fenz taumelte". ... "Willst du schweigen, Kröte!" ...

"Ich hatte meine eigene Hinterwaldsmanier, solche Leute zu behandeln." Hübsch. In der Tat, auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Er erkennt aber darüberhinaus auch gleich, "daß Euer Mann geistig gestört sei".

Es spielt alles im Großen und Ganzen an einem gleichbleibenden Ort, ohne Schauplatzwechsel, man könnte ein Theaterstückchen daraus machen. Die Personen stellen sich alle nacheinander an Ort und Stelle ein.

"Selki-lata" wird der Ich-Erzähler von seinem Freund Winnetou, der hier nicht vorkommt, aber erwähnt wird, genannt.

Begehung, "Das Dach war höchst defekt, die Verstopfung der Zwischenräume in den Blockwänden verschwunden. Durch diese Löcher und Ritzen kroch das Elend aus und ein." Und nicht nur in materieller Form ... Der gewalttätige Trinker läßt seine Familie hungern, weil er "den Wahnsinn hat, nur immer nach dem Schatze zu graben".

"Ich brauchte einen Beschützer und mein Sohn einen Vater." Keine allzu gute Basis für eine Ehe ... "Rollins ist beides geworden."

Selki-lata alias Old Shatterhand alias Karl May läßt sich nichts vormachen, "Mein junger Freund hat von mir gehört. Er weiß, daß ich die Fährte lese, daß mich kein Halm des Grases, kein Korn des Sandes zu täuschen vermag."

"Mein weißer Bruder ist allwissend wie Manitou, der große Geist!" Das ist denn aber doch 'einer zuviel': "Nein".

Zwischendurch ein kleines Gespräch über das Schreiben, des Erzählers Freund äußert "Schon wenn es sich um unsere gewöhnliche Schrift handelt, will ich mich lieber mit zwanzig Indsmen als mit drei Buchstaben herumschlagen. Ich bin niemals ein Held im Lesen gewesen; ich schreibe meine Briefe dem Adressaten gleich hier mit der Doppelbüchse in den Leib; das ist das Kürzeste. Die Feder zerbricht mir zwischen den Fingern, und die Tinte schmeckt zu schlecht." Jeder tue das was er kann.

Schilderung des Naturphänomens. (Wir bemerken am Rande eine Stilblüte besonderer Art.)

"Die Trombe hatte fast den Fluß erreicht. Von Luft und der Wolke war nichts mehr zu sehen. Sie bildete ein finsteres Ungetüm, genau von der Gestalt einer Sand- oder Eieruhr, aber von riesenhafter Größe, in welcher ausgerissene Sträucher, Steine und mächtige Rasenstücke mit ganzen Wagenladungen von Sand rundum gewirbelt wurden - ein entsetzliches, überirdisch erscheinendes Ungetüm."

Sicherheit ist nirgends ... "Nach dem Blockhause? Nein; das war nicht mehr vorhanden. Es war auseinander gerissen, auseinander gedreht, wie man ein dünnes, haltloses Strohgeflecht zerfetzt."

Aufklärung, "Der Mörder wohnte in der Hütte des Ermordeten; er hatte das Weib desselben zu seiner Squaw gemacht; dadurch wurde die Hütte sein Eigentum und er konnte nach dem Schatze suchen."

"Als die Frau diese Eröffnung vernahm, stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus und fiel in Ohnmacht. Ihr zweiter Mann war der Mörder des ersten."

"Wir aber hatten noch eine schlimme Viertelstunde zu überstehen, die Sterbeminuten des Mörders."

"Und doch verfuhr der Barmherzige noch gnädig mit ihm: Die zermalmten Glieder verursachten ihm keine Schmerzen; er schlief ein, ohne einen Seufzer auszustoßen. - "

"Der große Geist hat den Menschen erschaffen, nicht daß er reich, sondern daß er gut werde." Wohl wahr. "bewußt" statt "gut" gefiele noch besser.

Und dann "nahmen wir Abschied von ihnen, denen die Windhose so schlimme Aufklärung [...] gebracht hatte". Ein sprichwörtliches 'Ende mit Schrecken' ... (nicht der Geschichte, sondern der elenden Ehe). Der Turm im Tarot, Erschütterung, Neuorientierung, manchmal erforderlich, nötig, richtig.

"Der Apache ist jetzt ein berühmter Krieger, und aus dem blauäugigen Joseph ist, so jung er noch ist, ein tüchtiger Regierungsbeamter geworden" ... Dieses 'Schmankerl' für's groß- oder auch kleinbürgerliche Publikum hätte er sich sparen können.

 

VOM TODE ERSTANDEN

Nette, spannende kleine Geschichte von 1878, enthalten in Band 84 der „Gesammelten Werke“. Fast zwanzig Jahre später verwendete sie Karl May für seinen zweiten Old Surehand-Band. Was für ein Juwel dieser Band wirklich ist, und was man, als man ihn seinerzeit von der Rahmenerzählung „befreite“, verschenkt und verpatzt hat, das erschließt sich besonders, wenn man die Urfassung „Vom Tode erstanden“ mit Karl Mays eigener Überarbeitung in Old Surehand II vergleicht.

4 Seiten Exposition für eine Erzählung von 22 Seiten, das ist beträchtlich. Das dürfte auch Karl May 1895 bei der Überarbeitung aufgefallen sein, und so setzt er dort, wo er die Geschichte von einem Anderen in der Gaststube bei Mutter Thick erzählen lässt, zwischen Exposition und eigentlicher Erzählung die Worte:

„Der Erzähler machte jetzt eine Kunstpause und zeigte dabei eine so verheißungsvolle Miene, daß ich im stillen annahm, er werde nun als 'Schriftsteller' sein Erzählertalent leuchten lassen. Ich hatte mich auch nicht geirrt, denn er gab dem Folgenden die Form einer Novelle, welche ganz gut hatte gedruckt werden können.“

Ist das nicht köstlich ?

Sehr lesenswert zum Thema: der Beitrag von Eckehard Koch im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft von 1976.

 

„Ein Abenteuer aus Californien von Emma Pollmer“.

Es war im Hafen von Sakramento“, d.h., wir kennen die Passage schon, sei es von Gerstäcker, aus „Auf der See gefangen“, aus „Old Surehand“ ...

„Die Menge, welche sich geschäftig über den Quai ergoß oder lungernd umhertrieb, schien nicht aus den Bewohnern eines besonderen Districtes oder gar einer einzelnen Stadt zu bestehen, sondern glich eher einem Carneval“, das hat man häufiger, das mit dem Karneval.

Aus der Menge der Aufgezählten wollen wir erwähnen „gemüthliche Deutsche“ und „bewegliche, kleine Franzosen, zankend, erzählend, rufend und auf das Lebhafteste gestikulirend“.

„Und in den kleinen Gruppen standen dabei die Eingeborenen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des Bodens und doch vielleicht die einzigen vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.“ (So kann es kommen ...)

„Die Jesuiten waren treffliche Oeconomen und errichteten an vielen geeigneten Orten Klöster und Missionen zur Ausübung ihrer Propaganda.“

In der Mission 'Santa Barbara' wohnt Karl Werner, Sennor Carlos genannt, „das Factotum des Pfarrers“.

Die Mission „erlitt ein solches Schicksal, welches mit ihrer ursprünglichen Bestimmung wenig Aehnlichkeit hat“, Brauerei, Restauration, Tanzsalon, Branntweinkneipe ..

... und schließlich Krankenhaus; „Das war nun das Hospital, welches seiner unglücklichen Patienten harrte.“

Schlimme Verhältnisse, „Eines aber büßte jeder Kranke sicher ein: das mitgebrachte Gold."

"In damaliger Zeit wurde die Arznei geradezu mit Gold aufgewogen und ein tüchtiger Arzt hatte seine einträglichste Mine in den Krankheiten seiner Patienten. Und wie viele Quacksalber gab es, die dies zu benutzen verstanden und bei denen vielleicht gar mancher Kranke nur deshalb starb, weil er Gold besaß, welches er im Falle der Genesung wieder mitgenommen hätte!“

"Die Anhöhe zur Mission herauf schritt ein kräftig gebauter Jüngling“, auch wenn es sich hier um „Sennor Edouardo“ handelt, die Szene erinnert an die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“.

Die Bezeichnung „Master Chinarindo“ für einen Arzt dürfte mit Mays Affinität zur Homöopathie zu tun haben.

Werner hat seine Probleme mit der Neigung seiner Tochter, „O, recht würde es mir schon sein, denn ich habe den Jungen selber lieb; aber was thut Ihr mit der bloßen Liebe in einem Lande, wo Weg und Steg mit blanken Dollars bepflastert sind?“

Ein weiterer junger Mensch taucht auf, dem Anitta gefällt, „Hätte ich die Bertha nicht daheim in Monsdorf, so – hm“ ...

Bei Karl May haben auch Verbrecher Sprachgefühl, „der Name wurde umgeändert, weil Haffley gelehrter klingt als Walker“.

„Gromann wurde angestellt und nach und nach in die verschiedenen Geheimnisse der Hospitalverwaltung eingeweiht. Der Doctor war gezwungen gewesen, ihn zu angagiren, beruhigte sich aber bei der Beobachtung, daß sein Assistent selbst solche Vorkommnisse ganz an ihrem Platze fand, die der Oeffentlichkeit vorsichtig entzogen werden mußten.“

„Die Kranken konnten mit der Anstellung Gromann's sehr zufrieden sein, der den Hülfslosen als ein rettender Engel erschienen war. Dem Doctor gegenüber sich vollständig gehorsam und willenslos zeigend, handelte er hinter dem Rücken desselben ganz nach eigenem Ermessen und hatte die Ueberzeugung, daß ihm mancher Patient, der von Haffley dem Tode geweiht war, das Leben und – Eigenthum zu verdanken haben werde.“

Der Übeltäter wird überführt, der scheinbar Tote erscheint ... „Die Wirkung war eine doppelte. Der Arzt stieß einen Schrei aus und sank wie leblos in den Sessel zurück; Anitta aber fuhr mit einem hellen Freudenrufe aus ihrer Ecke hervor“ ...

„Der ehrenwerthe Doctor Haffley aber hing schon wenige Tage nach seiner Arretur an einem guten californischen Stricke. In jenen Landen ist das Verfahren ein sehr praktisches und kurzes.“

 

WINNETOU

"Eine Bearbeitung der möglicherweise bereits 1874 oder früher entstandenen Erzählung 'Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling' unter dem Titel 'Winnetou. Eine Reiseerinnerung' veröffentlichte May 1878 in der Zeitschrift 'Omnibus'. In dieser Fassung wurde der Titelheld Inn-nu-woh, ein Siouxhäuptling, in den Apachenhäuptling Winnetou verwandelt; außerdem weist sie vielfältige stilistische und kompositorische Veränderungen auf. Die Hauptmotive von 'Inn-nu-woh' bzw. 'Winnetou' arbeitete May auch in das Anfangskapitel von 'Der Schatz im Silbersee' ein.

Der Fassung 'Winnetou' kommt geradezu ein programmatischer Charakter zu. Der Erzähler deutet an ihrem Ende weitere Begegnungen mit Winnetou an. Sie wird als Keimzelle der Amerikaerzählungen betrachtet."

(zitiert aus dem Karl-May-Handbuch).

Auf den Internet-Seiten der Karl-May-Gesellschaft kann man die beiden Fassungen auf dem Bildschirm nebeneinander lesen.