AQUA BENEDETTA

Diese ursprüngliche Fassung überarbeitete Karl May später erheblich, brachte sie auf mehr als doppelten Umfang, und veröffentlichte sie dann unter dem Titel „Ein Fürst des Schwindels“.

Diese Erstfassung ist inhaltlich nahezu gleich, aber eben weit weniger ausgeschmückt und erzählerisch ausgereift.

Interessant der in beiden Fassungen enthaltene, Montaigne zugeschriebene Spruch, der durchaus bedenkenswert und typisch für Karl May ist:

„Es giebt keinen Menschen, der bei gesetzlicher Prüfung seiner Handlungen und Gedanken sich nicht wenigstens sechs Mal hängenswerth fände; es ist daher schade und sehr ungerecht, zu strafen.“

Die Erstfassung ist in Band 71 der „Gesammelten Werke“ enthalten, die spätere, umfangreichere unter dem Titel „Das Zauberwasser“ leicht bearbeitet in Band 48.

Zu Unterschieden zwischen "Aqua benedetta" und der späteren Fassung "Ein Fürst des Schwindels" siehe Anmerkungen von Herbert Meier im Reprint "Kleinere Hausschatz-Erzählungen".

 

AUF DEN NUSSBÄUMEN

Das Militärische, sonst auch schon mal verherrlichend von Karl May beschrieben („Die Liebe des Ulanen“), wird gleich zu Beginn deutlich karikiert; die (in der Bearbeitung sogar titelgebende) Sympathie-Figur des Pankraz (im Original Franz) zeigt sich gleich von ihrer weniger ernst zu nehmenden Seite. Alles ist ein Spiel.

Als der Freund hinzukommt, vermittelt sich etwas wie echte Menschlichkeit, man spürt echte Freundschaft, und daß eine solche, die diesen Namen wirklich verdient, möglich ist.

Das bösartige Neutrum von Ehefrau liebt Schiller, ohne ihn "auch nur im geringsten zu verstehen“, wie es im Original heißt, in der Bearbeitung fehlt diese zusätzliche Bemerkung, die Art der Streichungen wirft gelegentlich ein gewisses Licht auf die Bearbeiter.

Es erscheinen Schützen und Turner auf der Bildfläche, dazu Musik und Spiel, einerseits positiv geschildert, man spürt den 'Spaß an der Freud’', an unkomplizierter Lebensfreude, andererseits etwas gebrochen, ein bißchen mit kaltem Röntgenblick, mephistohaft ...

Alkohol spielt in dieser Geschichte eine beträchtliche Rolle, gleich mit drei Volltrunkenen bekommen wir es zu tun, der ulenspiegelige May beobachtet, wertet aber nicht.

Die Eheschließung wird hier mal nicht, wie sonst oft in diesen Geschichten, durch Geldfund ermöglicht, sondern durch Erpressung, so lustig das auch auf den ersten Blick daherkommen mag.

Und am Ende erhält Pankraz alias Franz, der alles so schön gerichtet hat, für seine guten Taten ganz beträchtliche Prügel, der Sieger geht leer aus, in der Bearbeitung ist er der Held des Tages.

(verändert als „Pankraz der Ehestifter“ in Band 47 der GW)

 

I

Autor May und sein Protagonist Franz lieben das absurde Theater ...

„Der Esel wurde durch diesen unvermutheten Lärm aus seiner ergebungsvollen Ruhe aufgestört; ein gefährliches Attentat auf seine höchst exponirte Stellung vermuthend, beschloß er, zur schleunigen Vertheidigung zu schreiten, klappte die Ohren zurück, fuhr mit dem Kopfe zwischen die Vorderbeine und schnellte die Hinterhufe hoch in die Luft empor. In Folge dieses unvorhergesehenen Ereignisses verlor zuerst der kupferne Helm die Contonance und retirirte sich nach unten; dem Reiter war in der Ueberraschung über das jugendliche Benehmen des alten Graupelzes der Schwanz seiner Rosinante abhanden gekommen, und da er desselben trotz sofortigen Vigilirens nicht wieder habhaft werden konnte, so verlor auch er das Gleichgewicht, schlug einen Purzelbaum und kam mit so kunstgerechter Genauigkeit auf den untenstehenden Henkeltopf zu sitzen, als habe er sich auf dieses Circusstück vorher erst ganz besonders eingeübt.“

Diese Art Humor ist indes immer ein wenig gebrochen,

„Doch schien diese intime Berührung keineswegs wohlthuende Gefühle in seinem Busen zu erwecken, wie der höchst unglückselige Ausdruck seines Gesichtes bewies, und als es ihm nach mehreren vergeblichen Versuchen endlich gelang, sich zu erheben, bot er mit seiner schmerzhaft zusammengeknickten Gestalt unter Beihülfe des Schnürleibpanzers, der immer noch festgehaltenen Fliegenklatsche und des vollständig verschobenen Schnurrbartes einen so tragikomischen Anblick, daß sämmtliche Zeugen seiner Thronentsagung in ein dröhnendes Gelächter ausbrachen.“

Und auch das arme Tier muß ein wenig leiden,

„Selbst der Esel fiel mit unbeschreiblichen Lauten in diesen öffentlichen Beifall ein, nahm aber für diese eigenmächtige Anerkennung von dem also gefeierten Künstler eine so vielsagende Ohrfeige in Empfang, daß ihm die Wiederholung seines Dacaporufes sofort in der begeisterten Kehle stecken blieb.“

Freund Julius kommt, „Aller Aerger, aller Schmerz war verschwunden und mit jubelndem Rufe sprang er die Straße entlang einem jungen Manne entgegen“.

“Franz, Herzensjunge, Du bist doch immer der Erste, welcher mich begrüßt. Komm' her!“ sagt der, „hob ihn zu sich empor und küßte ihn herzhaft auf den Mund.“

„Ihn bei der Hand erfassend, zog er ihn mit sich fort. Die helle Freude lachte aus seinem Gesichte, und bei dem Bäckerhause angekommen, hatte er für seine Kameraden nicht die geringste Aufmerksamkeit mehr übrig“ ...

Den Namen Pappermann („Die alte, vierzigjährige, spindeldürre Latte“ – [...] „Latte? Der Herr Schuldirector? Höre Mädchen, laß' mich so ein Wort nicht noch einmal hören!) kennen wir aus Winnetou IV. Des öfteren verwendet May im Gesamtwerk Namen auffallenderweise mehrmals.

„Die gute Frau schwärmte nämlich für Schiller, aber ohne den großen Dichter auch nur im Geringsten zu verstehen“, das soll vorkommen, ja.

Vortragen kann sie auch nicht, sie „säußelte mit dem mildesten Tone ihrer harten, klanglosen und unbiegsamen Stimme“, auch das kennen wir.

Auch den Namen Korndörfer kennt der Mayleser, aus Band 10, Die Gum.

Mit seiner Liebhaberei für Obstbäume hat Reichmann sich die „Feindschaft [...] seiner eigenen Frau Gemahlin“ zugezogen, „hier aber blos deshalb, weil sie überhaupt einen principiellen Widerwillen gegen Alles hegte, was ihrem Manne irgend eine Art von Vergnügen oder Unterhaltung bereitete.“ Fein beobachtet. („Lebensverbitterungsanstalt auf Gegenseitigkeit“; Nestroy)

„Sie war eine vermögende Jungfrau in reiferen Jahren gewesen und hatte den armen Reichmann mit ihrer Hand beglückt, weil Andre auf dieses Glück Verzicht leisteten.“ Mit anderen Worten: diejenigen, die sie hätte haben wollen, hat sie nicht bekommen, und läßt das jetzt an dem, der übrigblieb, aus ...

 

II

„So einen Lehrjungen geht es doch immer zum Verzweifeln schlecht; auf ihn hackt Alles hinein, und wenn er einmal aus Jugendlust oder reinem Lebensüberdruß einen kleinen Jux macht, so gerbt man ihm das Fell, daß die Schwarte raucht.“ Man beachte den Jux aus Lebensüberdruß. Trotz des gefälligen, mit Augenzwinkern unterlegten Plaudertons liegt nämlich auch immer ein recht gut kaschierter Ernst darunter in diesen Erzählungen.

„Und daß er hat Lehrjunge werden müssen, wer anders ist denn daran Schuld als nur der Filz, der Pappermann in Grünewalde, der eigentlich sein Onkel ist und für ihn sorgen könnte! Aber der hat sich nach dem Tode seines armen Bruders um die Wittwe und Kinder desselben nicht bekümmert, und als die Erstere einige Jahre darauf aus übergroßer Anstrengung auch gestorben ist, sind die Letzteren in das Gemeindehaus gekommen und werden außer dem Franz, der der Aelteste ist, noch heut von Commun wegen erzogen. Und dabei thut der Pappermann so fromm und barmherzig wie ein mongolischer Heiliger und lehrt in der Schule von der Nächstenliebe und einem halben Schocke anderer guter Tugenden, die er alle zusammen mit dem Löffel gegessen hat.“

„Die hören heut' Alle zusammen nichts. Bei mir knarrt es doch laut genug, aber die haben keine Ohren!“ So ist das. Sie hören nichts. Der Mensch ist allein. Die entsprechende Erfahrung, das entsprechende Gefühl, springt einem ja immer wieder entgegen in Mays Büchern ...

„Der dicke Particulier konnte wegen seines geschwollenen Backens nicht gut reden, und seine dünne Frau Gemahlin konnte vollends gar nicht reden, und zwar sehr einfach aus dem Grunde, weil sie nicht wollte; so herrschte eine lautlose Stille in dem Zimmer, die nicht einmal von dem Tiktak der Uhr hervorgehoben wurde, weil die letztere bei dem Hummelkriege invalid geworden war.“ Das Elend einer erbärmlichen Ehe, ironisch gebrochen ... „Mit gewohntem Gehorsam folgte er dem Befehle“ ...

„In rascher Aufeinanderfolge wurde eins der Insecten nach dem andern aus der Schachtel entlassen; sie nahmen alle die Richtung nach der Thür zu und zeigten eine so auffallende Zuneigung zu Milchen, daß sie unter lautem Schreien die Flucht ergriff.“

„Es wird zwar eine tüchtige Tracht Prügel setzen und morgen wieder nichts zu essen, aber für den Julius und die Marie lasse ich mich todtschlagen und hungere nachher auch noch zehn Wochen dazu“ ... Franz ist Kummer gewohnt, und seine Liebe (denn eine solche dürfte es durchaus sein, wenn wir einige Stellen richtig deuten) zu Julius nimmt großmütig auch die, wenn man so will, Konkurrentin in Kauf bzw. integriert sie ...

Reichmann indes hat seine Liebe auf Obst und Bäume verlagert, „Der Obstbau war sein Steckenpferd, sein einziges Vergnügen; er kannte fast jedes Blatt auf seinen Bäumen, wußte fast von jeder Frucht den Tag, an welchem sie zur vollständigen Reife gelangen würde, und ganz besonders war ihm da drüben der Rettigsbirnenbaum ans Herz gewachsen, dessen große, grüne und saftigen Früchte von einem solchen Wohlgeschmacke waren, daß man hätte wünschen mögen, als Wurm zeitlebens in einer solchen Birne stecken zu dürfen.“ Eine literarische Phantasie von Philip Roth läßt grüßen.

Der Birnendieb wird überrascht, „Der Kerl mußte gefangen, unbedingt gefangen und bestraft werden, denn so eine Unverschämtheit war doch geradezu unerhört. Wenns dort in der Ecke auf dem alten Holzbirnenbaum gewesen wäre, das hätte noch schleichen mögen; aber sich hier gerad in die schönsten Delikatessen zu setzen und loszukauen, als ob man sich auf acht Wochen satt essen wollte, das war zu toll!“ Mit anderen Worten: Vergehen werden toleriert, solange sie nicht eigene Interessen tangieren ...

„Wie ein vom Selbstbewußtsein aufgequollener Laubfrosch, so kroch der Particulier Zoll für Zoll in die Höhe“ ... Das hatten Wilhelm Busch und May gemeinsam: ein gehöriges Maß Menschenverachtung, aber nicht mit Thomas Mannscher Kälte, sondern Herzenswärme und humoristischer Abgeklärtheit gemischt ...

„Er stieg bis auf den untersten Ast herab, nahm rittlings auf demselben Platz, schwang das Bein herum, umfaßte mit Händen und Füßen den Stamm, fuhr an demselben, statt langsam zu klettern, mit rapider Geschwindigkeit hernieder und schlug in Folge dessen mit demjenigen Theile seines Körpers, mit welchem er am Nachmittage in dem Blechtopfe gesessen hatte, dergestalt auf den Kopf des emporkrächzenden Particuliers, daß diesem Hören und Sehen verging und beide mit lautem Krachen selbander zur Erde fuhren.“

„Mit Mühe erhob sich Reichmann. Die Knochen und Muskeln seines wohlgepflegten Leichnams waren ihm vor Erstaunen über die ungewohnte Turnerei, vollständig aus Rand und Band gerathen und nur noch unter der größten Anstrengung und unter den ausgesuchtesten Gesichtsverzerrungen war es ihm möglich, seinem Rücken die ursprüngliche gerade Richtung wiederzugeben.“

„Er kam sich vor wie der arme Lazarus im Evangelium und humpelte, nach allen Tonleitern lamentirend, im Dreizehnachteltakte durch den Garten und Hof in seine Wohnung zurück.“

„Unter mancherlei Gesichtsverzerrungen und Gliederverdrehungen kam er dieser schwierigen Aufforderung nach und trat am Schlusse seines Berichtes aus dem Schatten, welchen der Lampenschirm warf, in das Licht, um die Siegesbeute vorzuzeigen.“

„Bei Dir und Deinem großen Liegel ist Alles möglich!“ Was er (der Autor) bzw. sie (die Frau) sich dabei im einzelnen ironisch boshafterweise gedacht haben mag, bleibt einigermaßen offen.

 

III

„Mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel kamen sie die Straße herauf, und es war ein gar martialischer Anblick, den die ehrsamen Spießbürger in der ihnen ungewohnten kriegerischen Montirung boten.“ Franz mag das.

„Als der Schimmel diese Bewegung bemerkte, beschloß er, seine Kenntnisse auf dem Gebiete des Exerzier-Reglements durch schleunige Betheiligung an den Tag zu legen; verständnißvoll mit dem ehrwürdigen Graukopfe nickend, schritt er gravitätisch nach der Pforte des Vorgärtchens. Hier aber trat in dem zwischen dem Stakete hervorblickenden Grün dem streitbarem Rosse eine Versuchung entgegen, der es unmöglich widerstehen konnte. Die Beine breit auseinander nehmend, bückte es sich nieder, um von den saftigen Blättern zu kosten, und dadurch bekam sein Rücken eine so Demuth predigende Neigung, daß der Herr Stadtrath mit anerkennungswerther Folgsamkeit über den Hals des Thieres zur Erde rutschte. Die Truppen sahen diesem Sonnenuntergange mit präsentirtem Gewehre zu“ ...

„Ich sage Dir aber, Reichmännchen, daß der Birnbaum aus Egypten stammt; ich hab's in alten Büchern gelesen, die noch dazu in Schweinsleder gebunden sind.“ Buchwissen und materieller Wohlstand ... für gewisse Leute ausreichende Kriterien für Urteilsvermögen ...

Eine gesuchte Leiter „lehnte in der Ecke und zwar in der Nähe eines Ortes, an welchem ein jeder Mensch sich zuweilen zu geheimnißvollen Zwecken einzufinden pflegt. Trotz der großen Veranlassung zur Vorsicht, welche dieser Ort einzuflößen vermag, schoß der Herr Direktor im Eifer seines Vorhabens eine Lerche schief über den Hof hinüber und sprang in Folge dessen mit gleichen Beinen und bis unter die Arme in jene dunkle Flüssigkeit, für welche der Landmann eine besondere Vorliebe hat.“

Frau Reichmann kommt auf den Baum, „Sie war gefangen; Franziskus Bonifazius aber kehrte leise kichernd in den Hof zurück, wo er den Betrunkenen bei den Beinen faßte und unter die Pumpe schleifte, um ihm das duftende Eeau de Cologne aus den Kleidern zu spülen.“

„Heda, guter Freund, wer sind wir denn?“ – „Halt's Maul!“ ... „tönte es leise aber barsch zurück; sie hatte ihren Eheliebsten sofort an der Stimme erkannt.“

Julius erpreßt die auf dem Baum gefangenen Eltern, „Er trat vom Fenster zurück und setzte sich zu dem Mädchen, welches vor Angst zitterte und ihn vergeblich bat, die Eltern zu befreien.“

Der Gatte gibt nach, „Seine Frau raisonnirte wie ein Rohesperling, daß er gegen ihren Willen capitulirt habe, und so wurde sie in den Zweigen gelassen, während sich die beiden Männer in das Haus begaben“.

„Rasch, rasch, ich will herunter; sie kommen schon!“ – „Und Marie?“ – „Nehmen sie sie in des Teu – – in Gottes Namen!“

Die Konkurrenten haben im Teig gelegen,

„Die Musik hören und mit beiden Beinen zugleich aus der Beute fahrend, war das Werk nur eines Augenblickes, und da die Läden geschlossen waren, so bemerkten sie ihren Nudelüberzug nicht, sondern rannten spornstreichs hinter einander durch den Flur hinaus in den hellen lichten Morgen.

Kein Mensch vermag das Halloh zu beschreiben, welches ihnen ertönte; Tusch erscholl auf Tusch, Hoch auf Hoch, aber der arme Schmerl kam dabei am schlechtesten weg. Die Gesellen waren erwacht und kamen halb angekleidet herbeigelaufen. Einen Blick auf die Teigabenteurer und in die Beute machte ihnen den Vorgang klar, und sofort warfen sie sich auf den unglücklichen Bonifazius, welcher unter lauten Demonstrationen seine Prügel so lange in Empfang nahm, bis ihn Julius befreite.

Unter den Klängen der schmetternden Musik und der wirbelnden Trommeln verschwand er, sich den Buckel reibend, im Hause.“

In der Bearbeitung ist dieser Schluß abgeändert, damit 'der gemeine Leser' nicht so merkt, daß die Geschichte eigentlich überhaupt nicht zum Lachen ist und das am Ende noch einmal gesondert deutlich wird ...

 

AUSGERÄUCHERT

Nette kleine Geschichte, eine erweiterte Fassung erschien unter dem Titel „Die Laubthaler“.

Der Erzähler am Stammtisch erinnert in Erzählstil und -stimmung an spätere Erzähler im Wilden Westen, z.B. in Old Surehand II. Und die (sich in Grenzen haltende) Komik (alles geht zu Bruch, Personen sind von Kopf bis Fuß in Teig getaucht) findet sich in ähnlicher Form später z.B. in „Durch das Land der Skipetaren“ (die Eingipserei beim Apotheker, das Unterwassersetzen der 'Bösewichter').

Eine „Moral“ von der Geschicht’ kommt eher etwas zwiespältig daher, der gute Mann kriegt Anerkennung und auch sein Mädchen, weil er verlorenes Geld wiederbeschafft; was wäre, wenn er etwas weniger Glück gehabt hätte ?

Unter dem Titel „Am Ernstthaler Stammtisch“ findet sich die Geschichte, bearbeitet, in Band 47 der „Gesammelten Werke“.

„Ich möchte nur wissen, warum du allemal so eine lange Einleitung machst!“ ruft einer in der Runde, und der Erzähler (hier freilich nicht der übliche „Erzähler“, sondern der „Schmiedemeister Halbermann“) erklärt ihm „Eine Einleitung hat jedes Ding in der Welt, das versteht sich ganz von selber, und wer also ein richtiger Erzähler ist, der fällt nicht gleich mit der Thüre in's Haus; denn inwiefern und inwieso? Nun, weil die Einleitung manchmal schöner ist, als die Geschichte selber.“ Das ist bei Karl May in der Tat des öfteren so. Im Leben auch.

Der Schmiedemeister kam seinerzeit „ziemlich abgerissen hieher: ein paar Hosen, Loch an Loch, aber immer wieder ordentlich zugeflickt, wie sich's gehört, eine alte Weste ohne Knöpfe, einen Rock, dem man's gar nicht mehr ansah, was für eine Farbe er gehabt hatte, einen Hut, der mit seiner Krempe auf gespanntem Fuße lebte, ein paar Stiefel, die früher vielleicht einmal Stiefel gewesen waren, und Wäsche? Na, von der will ich heut Abend 'mal gar nicht reden.“ Auch die manchmal entsprechend abgerissen daherkommenden Westläufer hatten also ihre Vorbilder in heimischen Gefilden.

Aber es „hat auch gar nicht lange gedauert, da hat mir das ordnungsmäßige Leben wieder gefallen, ich bin zu guten Kleidern und Sachen gekommen und habe meine Freude an mir selber gehabt. Es ist noch kein ganzes Jahr vergangen gewesen, so haben sie mich zum Obergesellen gemacht, und wenn ich des Sonntags auf den Saal oder in eine Wirthschaft gekommen bin, so habe ich mich zu den angesehensten Bürgern setzen und mit den vornehmsten Mädchen tanzen dürfen. So etwas thut Einem gar wohl und macht das Leben und die Arbeit leicht.“ Mal so, mal so. May hat in seinem Leben das eine wie das andere kennengelernt.

Der Mann hat sich verguckt, „das Blitzmädel lag mir im Kopfe und auch noch etwas tiefer, ohne daß ich eigentlich sagen konnte, wie sie da hinein gekommen war.“

„Kurz und gut, sie war grad so, wie ich mir ein braves Mädchen gedacht hatte, und deshalb lief ich täglich wohl hundert Mal unter die Thüre und schaute über die Gasse 'nüber, ob ich das Köpfchen mit den langen, dicken, blonden Zöpfen 'mal sehen könnte, und wenn sich's nun traf, daß sie am Fenster stand und mir freundlich zunickte, da bin ich reicher gewesen, als der große Mogul, und der Hammer hat geklungen, daß es nur so eine Art hatte.“ Einmal mehr: Glück, Lebensfreude und Energie sind nicht von materiellem Wohlstand u.dgl. abhängig.

Aufforderung zum Tanz, „Sie hat gar nichts dazu gesagt, sondern blos genickt, aber dieses Nicken ist ein ganz besonderes gewesen, und ich habe nun Alles gewußt, Alles!“

Der Vater der jungen Dame hat aber seine eigenen, eher pekuniär motivierten bzw. aus engem Sicherheitsdenken kommenden Absichten, und als er erfährt, was los ist, „ist ein Skandal da drüben losgebrochen, daß die Fenster gezittert haben, und die 'Habenichtse' und 'Rußfinken' sind bis über die Gasse herüber geklungen.“

Dann viel 'Action' á la Klamottenkomik, mit so etwas mag etwas anfangen, wer will.

Ein Geldfund ergibt schließlich die entscheidende Wendung in Sachen Herzensglück, das ist, recht besehen, eigentlich traurig ...

„Ihr könnt es euch wohl vorstellen, daß ich wie der leibhaftige Teufel ausgesehen habe; erst der weiße Teigüberzug, nachher eine Rußhaut, dann das Schindel- und Ziegelpulver und endlich noch einmal durch den Schornstein, das war eine Kruste, wie sie sich der Gottseibeiuns nicht besser wünschen konnte“ ... aber seine Marie erkennt ihn dann trotzdem, „Ja, man sollte gar nicht meinen, was so eine echte und wahre Liebe thut; da erkennt das Mädchen ihren Schatz sogar an den Stiefelpantoffeln!“

„Die Sache war eigentlich keine lustige, aber als ich ihn nun so dasitzen sehe, da muß ich wirklich g'rade hinauslachen“ ... das kann so gehen. Oder auch nicht. Im vorliegenden Fall kann man sich den Worten „Die Sache war eigentlich keine lustige“ nur anschließen. Wenn Verständigung, Versöhnung und Herzensglück nur durch Geld möglich wird, ist’s fatal ...

 

DIE BEIDEN NACHTWÄCHTER

Um Alkoholismus geht es in dieser Geschichte, um Wahrnehmung, Orientierungsverlust, Ausgeliefertsein, und um „Parallelwelten“, wenn man so will (beide Nachtwächter geraten sturzbetrunken ins Nachbardorf, wähnen sich im eigenen Ort, sind aber in unwirtlicher Fremde, wo sie nichts gelten, und unsanft auf den Boden der - zuvor leicht verschobenen - Realität zurück müssen).

Dieses Motiv, daß gleichsam zweimal die gleiche Handlung und Befindlichkeit erzählt wird, aber mit verschiedenen Personen, findet sich, noch beeindruckender, auch in „Die Universalerben“, und es zeigt (u.a.), daß der Mensch ein manipulierbares, Mechanismen unterworfenes Geschöpf ist, auch im Denken und Fühlen.

Daß Karl Mays frühe Humoresken nur als harmlose Fingerübungen zu betrachten sein sollen, wie schon zu lesen war, kann einem bei fortschreitender Beschäftigung mit ihnen immer unzutreffender vorkommen.

*

Einige Verse, die ähnlich in der Vorgängerversion dieser Geschichte, "Die verhängnißvolle Neujahrsnacht" stehen und in einigen (eigenartigerweise nicht allen) "Nachtwächter"-Fassungen enthalten sind, erinnern an gewisse Sitzungen oder auch Tagungen:

Sie sinnen hin, sie sinnen her,
Es spricht bald Dieser und bald Der,
Und ist das Sinnen und Reden aus,
So gehen sie so klug wie zuvor nach Haus

I

Zwei traditionelle Nachtwächterfamilien, "Ist es daher ein Wunder, daß sie stolz sind auf die Wohlthaten, welche von ihren Familien ausgegangen sind, und daß sie ihren Dienstspieß als eine Reliquie betrachten, welcher mehr Ehre gebührt als selbst dem berühmten Backzahne des heiligen Laurentius?"

"Heut ist der zweite Weihnachtsfeiertag." Also nicht die "verhängnisvolle Neujahrsnacht", die einer ganz ähnlichen Geschichte ihren Titel gab.

Die "graden und dünnen Lippen und die kleinen, unruhig funkelnden Augen" Hillmanns lassen "auf einen Charakter schließen [...], mit dem nicht gut Kirschen essen ist".

Man will ihm ein neues Kleidungsstück schenken, "Da aber waren sie schön angekommen, denn der Beschenkte erblickte in der Liebesgabe eine Realinjurie auf das bisher so heilig gehaltene Erb-Mottenquartier" ...

"Wer hat Euch denn weiß gemacht, daß michs friert, mich, den dreizehnten Hillmann?"

"Uebrigens sind schon zur Zeit des starken August die Hillmänner den Bachmännern nicht grün gewesen; im siebenjährigen Kriege haben zwei neben einander gedient und sich wegen eines Mädchens bald todtgeschlagen; nachher, als die Franzosen gekommen sind, ists wieder so gewesen; da ist in der Schlacht bei Leipzig ein Hillmann – und das war der Großvater, Gott habe ihn selig – mit übergegangen, und ein Bachmann – das war auch dem Jetzigen sein Großvater – bei Napoleon geblieben, und das hat später vielen Streit gemacht. Und jetzt – jetzt, da ists nun reine ganz aus, ich bin nationalliberal, und er hälts mit dem Fortschritt, wie ich mir habe sagen lassen." Gründe finden sich immer ...

Der ungleich entspannter wirkende Bachmann ist von ganz anderem Kaliber, "'S ist doch nirgends schöner in der Welt, als im Bette und hinter dem Ofen! [...] Wenn man bei solchem Heidenwetter die ganze Nacht da draußen herumlaufen muß, da merkt mans erst, was ein Bett und ein Ofen in der Weltgeschichte zu bedeuten hat. Es geht doch nichts über etwas Warmes, besonders im Winter!"

 

II

Ja, bei Bachmanns geht es anders zu als bei Hillmanns: Lebensfreude, Menschlichkeit, Miteinander, Fünfe gerade sein lassen ...

Auch seinem Beruf geht der gute Bachmann auf ein wenig unorthodoxe Weise nach, "Hier auf dem äußersten Punkte der Stadt war er nicht gewillt, seine Perlen vor die Schweine zu werfen; darum machte er es so kurz wie möglich." Erst später, bei angemessenerer Gelegenheit, "schonte er den Athem weniger als bisher". 

"Und lobet Gott den Herrn, Apfelkuchen eß ich gern!"

Bachmann nimmt ordentlich einen zu sich, "Es war ihm jetzt auf einmal so warm, so eigenthümlich wohl und leicht im Magen und unter der Pelzmütze; die Beine hatten eine ganz andere Spannkraft bekommen, drum ging es auch rasch vorwärts; das Duten war ihm eine wahre Plaisir" ...

An dieser Stelle gibt es eine Textabweichung zwischen der Fassung im Weltbild-Band und der im Internet (Zeno), die Verse mit dem "Sinnen und Reden" sowie die imposante Aufzählung der genossenen Getränke sind in letzterer nicht enthalten. (Siehe aufklärende Informationen im HKA-Band.)

"Als er wieder ins Freie kam, schaute er sich höchst bedenklich um, denn er konnte gar nicht genau unterscheiden, ob es von oben nach unten schneie oder ob der Schnee von unten nach oben in die Höhe fahre."

"So kunterbunt ist mirs in meinem ganzen Leben noch nicht im Bauche gewesen. Das muß ich vorbei lassen, wenns nicht etwa gar die Cholera ist. Na, das wäre doch die reine Schlechtigkeit, mitten im Winter die Cholera, und noch dazu zum zweiten Weihnachtsfeiertage!"

Lieber in den Wagen als auf die verschneite Bank, denn "Das geht nicht; da könnte ich mich schön erkälten und zu der Cholera noch einen Schnupfen kriegen, der sich gewaschen hat".

"Die Zeit hatte heut keine sonderliche Lust, auf den Schläfer zu warten; sie rückte von Minute zu Minute immer weiter vor, und kurze Zeit vor Elf öffnete sich das Thor des Gasthofes, um nebst Hausknecht und Kutscher die beiden Klepper hindurch zu lassen, welche auf der Linie Ammerstadt-Wummershausen die Stelle der Dampfkraft zu vertreten hatten."

"Alberne Erfindung, so ein Omnibus! [...] Muß ich da nach Ammerstadt fahren, obgleich kein einziger Mensch drin in der Bude sitzt." Das absurde Theater der Welt durch Volksmund und veranschaulichende Übertreibung gesehen. 

"Während des zweistündigen tiefen Schlafes hatte sich der kleine Rausch verflüchtigt, und es war ihm nun recht hübsch und wohl zu Muthe." Nundenn ... es sind auch schon beträchtlich unerfreulichere Erfahrungen in dieser Richtung gemacht worden.

"Tausendsapperlot, da will mich einer foppen." So ist das im Leben, man glaubt, im Recht zu sein, und irrt gewaltig ... Sicherheit ist nirgends ...

"Der Nachtwächter Bachmann? Heiliger Knieriem! Was will Er denn hier in Ammerstadt?" - "In Ammerstadt? Tausendsapperlot, denkt Er denn, ich weiß nicht, wo ich bin und wie meine Vaterstadt heißt? Wer ist Er, frag ich noch einmal!" - "Ich? Ich bin der Nachtwächter Hillmann." - "Der Nachtwächter Hillmann? Was will er denn hier in Wummershausen?" - "In Wummershausen? Hahahaha! Jetzt weiß ich nun, wer von uns beiden der Verrückte ist." Es liest sich wie z.B. ein Disput im Internetforum über Weltanschauliches ...

"Jetzt ging Hillmann ein Licht auf, aber zugleich wurde ihm auch noch etwas Anderes klar. Erkannte er nämlich die vorliegende Thatsache an, so mußte er Bachmann laufen lassen, und das lag nicht in seinem Sinne. Jetzt endlich hatte er den Todfeind, den 'Vierzehnten' einmal im Sacke, und er wollte ihn so lange wie möglich drin zappeln lassen." Und zu den ungewollten Orientierungsproblemen wird daher auch noch ein zusätzliches absichtlich konstruiert: "So! Also der Bachmann will er sein? Na, das wird sich ja finden, wer Er ist" ...

"Aber so gehts, wenn man sich zu viel einbildet und ein Fortschrittler ist; da kommt man von Wummershausen nach Ammerstadt, man weiß nicht wie."

 

III

Auch Hillmann wird ein Opfer zuviel genossenen Alkohols, "Er gab sich alle Mühe, die Balance zu behalten; vollends nieder wollte er nicht, in die Höhe konnte er nicht, weil ihm der Kopf zu schwer wurde, und so stand er bewegungslos wie ein Turnerbock auf der Erde, bis er endlich doch das Gleichgewicht verlor und sich kräftig auf die Seite legte. Glücklicher Weise kam er dabei mit der Hand auf die verlorne Schnarre zu liegen." Und er schlußfolgert: "Ja, wenn Keiner 'was findet, ich darf nur zugreifen – gleich hab ichs. Geschick, das ist die Hauptsache!" So sind sie, die Menschen, auch wenn sie völlig nüchtern sind übrigens ... diese Stelle kann man mit einigem guten Willen wie ein famoses Gleichnis lesen.

"Jetzt muß ich eine Viertelstunde ausruhen, hahahaha, grad so, wie's der Bachmann gemacht hat, der dumme Kerl. Fährt der Mensch von Wummershausen nach Ammerstadt und fängt hier an zu duten! Daß muß er doch merken, wenns fortgeht" ... Natürlich erlebt Hillmann jetzt ganz das Gleiche.

"Ich kanns dem Bachmann gar nicht übel nehmen, daß er Ammerstadt für Wummershausen angesehen hat. Freilich, mir hätte das allerdings nicht passiren können, dazu haben die Hillmanns viel zu helle Köpfe, und wir Nationalliberalen, bei uns bleibt Ammerstadt Ammerstadt und Wummershausen Wummershausen." Oder eben auch nicht ...

Und auch hier wieder seitens eines der Kontrahenten bewußt eingesetzte zusätzliche Verwirrung, "Aber Er, wie kommt denn Er hierher?" - "Ich? Na, bei Euch rappelts wirklich ganz gewaltig. Ich wohne ja hier!" - "Aber Er war ja vorhin in Ammerstadt, und ich habe Ihn arretirt!" - "Arretirt? Mich? Da ist Er wohl betrunken gewesen und hat solch dummes Zeug geträumt!" - "Nicht? Nun hört mir aber Alles auf, ja, gradezu Alles. Das geht mir im Kopfe herum wie eine Häckselmaschine!"

"Jetzt wurde es dem guten Hillmann doch etwas schwühl unter dem Kamisol."

'Happy End'. "Du, die Bachmänner sind doch brave Kerls gewesen; das hab ich heut an Dir gesehen!" - "Na, an den Hillmännern hat man auch seine Freude haben können. Schade nur, daß sie sich gar nicht haben verstehen wollen!" - "Laß das gut sein! Von heut an wirds ja anders und besser!" - Ob wir das aber auf Erden in großem Stil so je erleben werden ?

 

DAS DUCATENNEST

Eine weitere Geschichte nach bekanntem Muster, junges Paar, dem Glück zunächst im Weg stehende Eltern, mehr oder wenige komische Verwicklungen, Geldfund und glückliches Ende.

Bei aller Zweifelhaftigkeit insbesondere der „Moral“, in diesen kleinen Geschichten ist Menschlichkeit und Humor, sie haben einen gewissen Unterhaltungswert, und auch hier zeigt May, daß er zu schreiben versteht.

Die Geschichte ist, leicht bearbeitetet, als „Wie dem Stadtrat Epperlein aus der Klemme geholfen wurde“ in Band 47 der „Gesammelten Werke“ enthalten.

 

Uneinigkeit in Sachen medizinischer Anschauungen, „er nennt es Betrug und Gotteslästerung, und Euer 'Köhler's Universalpflaster', mit dem Ihr so große Curen macht, von dem will er erst recht nichts wissen.“

Vom Doktor Leiermüller hält man nicht allzuviel, und Scherereien macht er auch, „Die paar Patienten, die er gehabt hat, sind von ihm glücklich hinaus auf den Gottesacker geleiermüllert worden; nun hat Niemand mehr Vertrauen zu ihm, und wenn er nicht vor Hunger pfeifen will, muß er in meine Hypothek beißen.“

Emotionen, „ich könnte ihn zerreißen, erschlagen, vergiften, erschießen, zer – zer – zer –, na, laß Dich nur wieder sehen, Halunke, nachher ist Dir Dein Brod gebacken! Ich schlag' Dir Dein Köhler's Universalpflaster um die Ohren, daß Deine Alte drei Monate lang an den Beulen zu verspinden, zu versprechen und zu versehnen hat!“

„Das fehlte mir noch, [...] mir den Universalkleister in das Haus und gar noch in die eigene Wirthschaft zu bringen! Zuletzt beuniversalschmieren sie mich selber noch in lebender Person!“

Epperlein landet im Wasserständer, „Die dicke Frau hatte erst Miene gemacht, über diese Sündflut die Hände über dem Kopfe zusammenzuschlagen, wurde aber durch den unwiderstehlich komischen Anblick, welchen ihr verunglückter Gatte bot, daran verhindert: sie stemmte vielmehr die Hände in die Seiten und brach in ein Gelächter aus, welches fast krampfartig zu nennen war und sogar den Mops aus seinem Phlegma erweckte. Er erhob sich in der Sophaecke und gab sich die erdenklichste Mühe, seiner Herrin durch die unbeschreiblichsten Töne und Geberden zu secundiren.“

„Halt's Maul, Mops, der Du bist!“ („rief der Versinkende wüthend.“)

„Gericht werde ich morgen halten. Ihr sollt an den Epperlein denken, Ihr Pflastervolk, Ihr Schmierpack, Ihr Universalköhlergesellschaft!“

Daß man beim nächsten Treffen vorsichtig sein muß, gibt der junge Mann mit den Worten „Ich denke aber, der Epperlein ist im Wasserständer mißtrauisch geworden“ zu Protokoll.

„Der Leiermüller? Das ist kein unrechter Kerl; er läßt die Leute leben. Seit er weiß, daß Dein kleiner Epperlein mein Pflaster nicht leiden kann, giebt er sich die größte Mühe, es unter Dach und Fach zu bringen. Wir haben noch nie so viel davon verkauft wie jetzt“ ... Zunächst hatte man vielleicht noch gedacht der Mann sei halt aufgeschlossen ...

„Sie hatten sich auf das Sopha gesetzt und klagten einander ihre Noth. Darüber verging eine geraume Zeit, und erst als der Kuckuk in der alten Wanduhr die zehnte Stunde rief, wurden sie durch ein lautes Zischen im Ofen an das Zugmittel erinnert, welchem Gustel die Gegenwart des Geliebten zu verdanken hatte.“ Warmherzig und mephistophelisch zugleich, das ist Karl May ... (das „Zugmittel“ sind Klöße, schnödes Essen.)

„Die Schüssel auf den Beinen, den einen Arm um die Taille des Mädchens und in der anderen Hand die Gabel, begann er den Schmaus, hatte aber kaum erst den delicaten Geschmack der Klöße wegbekommen, als es im Schlosse der Hausthür klirrte“ ... Es soll nicht sein ...

„Er befand sich in einer keineswegs beneidenswerthen Lage. Sollte er nicht verrathen werden, so mußte die Uhr fortgehen; er durfte also nicht an den Perpendikel stoßen, welcher hinter ihm an der Wand hin und her ging. Die Gewichte hingen weit hernieder und waren ihm im Wege; er steckte sie also kurz entschlossen in die beiden Hosentaschen, nahm die Ketten in die Hände und zog sie leise an, um die bewegende Last zu ersetzen.“

Das wird nicht gut ausgehen, „Unterdessen war die dicke Frau Stadträthin lautlos eingetreten, hatte den Mops auf die Diele und sich auf das Sopha gesetzt und beobachtete mit finsterem Gesichte ihren Herrn Gemahl“ ...

„Er brachte den Hund am Schwanze hervorgezogen und langte dann noch einmal unter das Möbel hinein.“ So werden die verräterischen Klöße gefunden und das Unheil nimmt seinen Lauf ...

„Die überraschende Niederlage des alle Vier von sich streckenden Helden rief einen unsäglichen Tumult hervor. Epperlein war erschrocken einige Schritte zurückgesprungen und schrie vor Entsetzen laut auf; das Dienstmädchen schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und suchte kreischend das Weite, stolperte aber dabei über den Mops, welcher vor Schreck und Fett nicht bellen konnte, sondern so unbeschreiblich gackernde Töne hervorzwang, als sei er in eine Henne verwandelt worden und stehe im Begriffe, Eier zu legen. Da Heinrich die an den Ketten hängenden Gewichte in der Tasche hatte, so zog er auch das Uhrwerk mit in sein Unglück hinein. Es wurde von der Wand gerissen und der Frau Chirurgus und Stadtrath Epperlein mit solcher Vehemenz in das Gesicht geschleudert, daß sie ein Zetermordio erhob, als sei der Himmel über ihr zusammengebrochen. Der Hausherr war der Erste, dem die geordnete Sprache wiederkehrte.“

Geldfund, „Vollständig sprachlos drückte sie die Beutel an ihre breite, vor Seligkeit tief athmende Brust. Der Schlag, welchen sie von der herabstürzenden Uhr erhalten hatte, war vergessen, und mit entzücktem Ausdrucke wanderte ihr Auge zwischen den glänzenden Gesichtern der beiden Männer und dem segensreichen Loche hin und wieder. Die jubelnden Leute hatten das Dienstmädchen wieder herbeigerufen; sie erschien mit vorsichtig prüfendem Blicke unter der Thür.“

Das 'glückliche' Ende wirkt hier besonders abrupt und fatal. Zum wiederholten Male: was soll denn das für eine Basis sein, wenn es ohne Geld nicht geht und mit Geld geht es plötzlich ...

 

DIE FALSCHEN EXCELLENZEN

Eher etwas unscheinbare Geschichte um eine tingelnde Theatertruppe, deren Prinzipal mit seinem Souffleur als Moltke und Bismarck die Dorfbevölkerung hereinlegt, einen Prozeß entscheidend beeinflusst und (das passiert ja fast in jeder dieser Geschichten) eine Ehe stiftet.

Als klar wird, daß der nachgemachte Striese als Bismarck in Erscheinung treten wird, erwartet der geneigte Leser eigentlich einiges mehr an Faß-aufmachen und Dem-Affen-Zucker-geben, aber es hält sich in Grenzen.

Der traurige Souffleur, nach großer Stunde und Erfolg bescheiden sich schleichend, („Mit tragisch zitternden Schritten schob er sich in seine Kammer“), hat, wenn man so will, so etwas wie einen kafkaesken Moment:

„Souffleur, Souffleur, o du jammervolles Individuum ! Ich habe im Kasten gesteckt, so lange ich lebe, und wenn ich sterbe, wird man mich auch in einem Kasten hinaustragen. Zu keiner Rolle habe ich es bringen können, zu keiner einzigen, weder auf der Bühne, noch im Leben, nicht einmal zu einer drei Secunden langen Schäferscene.“

Aber May ist nicht Kafka, wie der letztere sieht zwar auch er durchaus, wie das so ist auf diesem Planeten, wie’s zugeht, und wie man sich dabei fühlen kann, aber er leidet nicht so sehr darunter wie sein postmortem zum Weltliteraten ausgerufener Kollege. Er ist eher der beobachtende Ulenspiegel, der sich den Anflug eines Lächelns oder auch Grinsens, und sei es innerlich, nie so recht verkneifen kann.

 

"Wer von Euch hat die ambulante Schauspielertruppe Uhlewald gekannt? Keiner? Das ist schade!" In der Tat. (Es gibt auch noch einige andere ambulante Schauspielertruppen, von denen zu erzählen wäre ...)

Der "Herr Direktor selbst, welcher, was leider nicht gar zu häufig vorkommen soll, sich der liebevollsten Anhänglichkeit von Seite der ihm anvertrauten Künstlerseelen erfreute", scheint ein bemerkenswerter Mann gewesen zu sein.

Drei Schwanen, auch hier wieder.

"Es dauerte gar nicht lange, so saßen die munteren Kinder der Bühne bei fröhlicher Unterhaltung im Kreise der ehrsamen Spießbürger".

Ein Beispiel von Wandlung politischen Bewußtseins oder auch Anpassungsfähigkeit auf dem Lande, "Der frühere Wirth, Werner heißt der Kerl, war früher der eingefleischteste Socialdemokrat, den es nur gab. Er hatte Bebeln, Mosten, Mottelern und wie sie alle heißen, unten in der Stube hängen, und keine andern Gäste als Demokraten und rothe Republikaner. Er mußte verkaufen und zog nach Ebersbach, wo er den Gasthof pachtete. Dort ist er in den Armenvorstand gewählt worden, und seit er das Aemtchen hat, thut er dicke und hat sich unter die National-Liberalen gemacht oder wie sie heißen, die auf ihrem Dorfe grad so tanzen, wie in Berlin gepfiffen wird. Jetzt hängen in seiner Gaststube Bismark und Moltke und der Kaiser und wer weiß, was sonst noch für große Geister und Potentaten".

Des Souffleurs große Stunde soll schlagen, Theater spielen soll er, und gleich den Moltke, "Es ist mein vollständiger Ernst, Männchen! Zwar habe ich Sie nie zu irgend einer Rolle gebrauchen können, obgleich Sie Schnick und Schnack genug im Kopfe führen, aber für meine jetzigen Zwecke werden Sie sich eignen."

Uhlewald als Bismarck, "Und wenn ja noch ein Zweifel möglich gewesen wäre, so mußte derselbe augenblicklich schwinden, als der Eingetretene sein Haupt entblößte, um den vorher Angekommenen zu begrüßen; die obere Seite des Kopfes war kahl und zeigte über der Stirn jene weltgeschichtlichen drei Haare, an welchen das Herz eines jeden braven Deutschen mit rührender Pietät zu hängen hat." Die Stelle spricht in Sachen "Respekt" des Erzählers eine beredte Sprache ... (in "Hausschatz"-Erzählungen liest sich das dann anders.)

Der Wirt, der bezüglich aller erdenklichen Angelegenheiten "Bücher darüber" hat, kommt durchaus temporär zu "Triumph", Ehre und Anerkennung, "Er hätte vor Entzücken die Stube zum Fenster hinauswerfen können."

"Und daß der Werner einen anstelligen Kopf habe, das wußte man, daß er aber so ganz ungemein gescheidt sei, davon hatte man erst heut' den Beweis gesehen. Von wegen dem Kanonenangriffe hatte er den großen Moltke ja erst auf den richtigen Gedanken gebracht, und dieser wollte nun gar seinen Plan aufgeben, um mit dem Wirthe einen neuen zu entwerfen! Das war doch erstaunlich!"

"Die braven Bauersleute waren in die politischen Geheimnisse tiefer eingeweiht als das hohe Ministerium sammt dem Reichstage und allen Prinzen und Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses, und hier zu schweigen, das wäre nicht nur Thorheit, sondern geradezu die größte Sünde gegen die eigene Ehre und Ambition gewesen."

Auch ohne Mummenschanz weiß Uhlewald zu imponieren, "Er zog sich wie gestern die Perrücke vom Kopfe, richtete sich stramm empor und warf aus einem vollständig veränderten Gesichte einen Blick auf Werner, der direct vom Reichskanzleramte geborgt sein mußte."

Daß alles Illusion und herstellbar ist, gefällt nun gar nicht, "Ihr seid ja Majestätsbeleidiger, Bismarksverräther, Moltkeschänder, falsche Kriegsgerüchtsverbreiter" ...

"Da, setzt Euch nieder und laßt in Güte mit Euch reden!" ... "Was Jedem eine Unmöglichkeit gewesen war, der alte Menschenkenner brachte es fertig. [...] der ursprünglich gesunde und nur vom Hasse beeinflußte Verstand der beiden Wirthe ließ ihnen doch endlich in einem friedlichen Ausgleiche das für sie Beste erkennen."

"Die drei Personen, welche unten in der Gaststube und Küche mit Zagen den Ausgang der Unterredung erwartet hatten, wurden geholt, und nun gabs so viel Glück und Freude, daß selbst das Herz Werners weich wurde.

'Haltet nun einmal auf mit Eurem Danke!' rief er. 'Ich weiß nicht, was ich zu all dem Lobe sagen soll, denn ich habe kein Buch darüber!'

Und Franke wischte sich die Augen".

Die beeindruckendste Stelle der Geschichte hat der arme Souffleur, "Dieser jedoch war leise davongeschlichen. Draußen aber auf dem Corridor blieb er stehen, fuhr sich mit der Hand in die dünnen schlichten Haare und klagte mit trübseligem Gesichte", nämlich

"Souffleur, Souffleur, o du jammervolles Individuum! Ich habe im Kasten gesteckt, so lange ich lebe, und wenn ich sterbe, wird man mich auch in einem Kasten hinaustragen. Zu keiner Rolle habe ich es bringen können, zu keiner einzigen, weder auf der Bühne, noch im Leben, nicht einmal zu einer drei Secunden langen Schäferscene. Nur einmal habe ich es versucht, und das war bei einer Großmagd; aber hat die mich zur Treppe hinuntergefackt, hurrrrr!" So kann das gehen.

"Mit tragisch zitternden Schritten schob er sich in seine Kammer."

 

DIE FASTNACHTSNARREN

Zwischenzeitlich kann einem doch ein wenig unwohl werden beim Lesen dieser genial-infernalischen Geschichte, man spielt nicht mit solchen Dingen, und daß es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als (na Sie wissen schon), wird ja am Anfang der Erzählung durchaus deutlich seitens des Autors: „und besaß in Beziehung auf Geister, Ahnungen und Anzeigen so eine eigene Meinung, von der er sich nicht abbringen ließ; denn er war ein Sonntagskind und hatte schon gar manches gesehen, wovon andere keine Ahnung zu haben pflegten.“

Jedenfalls ist diese Geschichte spannend, wirklich komisch und grenzwertig grenzgängerisch zugleich, und dass man ihrem Autor seinerzeit, in ganz anderem Zusammenhang freilich, attestierte, er habe einen „infernalischen Charakter“, ist durchaus mehr als die eher lustige oder auch tragikomische Begebenheit, als die sie betrachtet zu werden pflegt. Die solches Urteil ausstellenden Pädagogen seinerzeit werden von ähnlich beschränktem, für ihren Beruf aber ausreichenden Zuschnitt gewesen sein wie heutige Nachfahren, aber das haben sie richtig gerochen, dass sie es da mit jemand zu tun hatten, der üblichem Mass und Urteil sich entzog, und bei dem ihnen mit einigem Recht, sie wussten nicht wie, zumute werden konnte.

„Hundert Mal schon habe ich Dirs gesagt, daß Du mit dem Heinrich nicht liebäugeln sollst“, die häufige Verwendung dieses Namens in dem Zusammenhang in den frühen Geschichten ist auffällig.

„Nichts thun wir, Vater, gar Nichts.“ – „So? J der Tausend, da mag Dein Herzallerliebster auch ein schöner Kerl ein, wenn Ihr gar Nichts thut. Als ich noch in den Jahren war, in denen man eines hübschen Gesichtchens wegen alle Wochen zwei Paar neue Hosen an den Zäunen hängen läßt, da habe ich meinem Mädchen so viel Arbeit gemacht, daß sie gar nicht fertig werden konnte.“

„Der Heinrich weiß auch, was sich für einen Burschen schickt, der sein Mädchen lieb hat.“ – „Ach so! Da thut Ihr wohl zuweilen doch etwas mehr als gar Nichts, he?“ – „Das kommt ganz auf die Witterung an.“

Es geht in dieser Geschichte um die Mitglieder des Zipfelmützenclubs ... ähnlich banal und eitel ist das Treiben vermeintlich ernstzunehmenderer Gesellschaften, die auch durchaus nebenher gemeint sein dürften ...

Wadenbach ist Alkoholiker, das wird zwar in etwas verniedlichender Weise aber doch deutlich genug zum Ausdruck gebracht. „Ferner besaß er in Beziehung auf Geister, Gespenster, Ahnungen und Anzeichen so seine eigene Meinung, von der er sich nicht abbringen ließ; denn er war ein Sonntagskind und hatte schon gar Manches gesehen, wovon Andre keine Ahnung zu haben pflegen.“

Die Tochter spricht ihren Vater auf dessen Alkoholkonsum an, der entgegnet „Ob Du nicht schon wieder den Schnabel vorn hast! Ich würde mich den Kukuk um den rothen Pommeranzen bekümmern, wenn meine Hämorrhoiden nicht wären“ worauf sie lachend „Ja, die sind an Vielem Schuld!“ sagt; darauf der Alte „Der Heinrich hat wohl noch nicht drüber geklagt?“ ... „fragte boshaft der Alte und brachte sie durch diese Frage sofort zum Schweigen.“

Wie in der 'Verhängnisvollen Neujahrsnacht' oder den 'Beiden Nachtwächtern' meint auch hier der nächtlich reisende, jeweils an einem anderen Ort zu sein als er es in Wirklichkeit ist, nur daß hier sein Gefährt seitens Dritter bewußt umgelenkt wird.

Die Gespräche in Zusammenhang mit diesen 'Verirrungen' sind teilweise ein hübsches Bild für das fatal heillose Aneinandervorbeireden, wie wir es aus unserem Alltagsleben zur Genüge kennen ...

„So 'was ist mir doch in meinem ganzen Leben noch nicht passirt! Da fahre ich schnurstracks nach Langenberg und als ich aussteige, bin ich immer noch da hier im lustigen Manne. Wenn das heut' Abend Walpurgis wäre oder Sanct Andreas oder gar Sylvester, so dächte ich, der Gottseibeiuns hätte mich irre geführt.“

„Walpurgis?“, irritiert Hahnemann sein gegenüber, „was ist denn Walpurgis weiter für eine Nacht! Die paar Hexen, die da auf dem Bloxberge herumkrappeln, sind gar nicht der Rede werth; aber Sanct Lazarus, der vierundzwanzigste Februar und der fünfundzwanzigste nachher, das sind zwei schlimme Tage, an denen – na, ich sage weiter nichts; denn es glaubt heut zu Tage doch Niemand mehr an solche Sachen.“ Der 25.2. ist bekanntlich Mays Geburtstag.

„Es war ihm nicht ganz geheuer zu Muthe. Die Erzählungen von Sodom und Gomorrha und dem herabgeworfenen Teufel stimmten in der Weise mit seinen eigenen Anschauungen zusammen, daß nur der mögliche Verlust der Vorsteherwürde ihn vermocht hatte, sich in einer so gefährlichen Nacht zum zweiten Male heraus zu wagen“ ... May scheint sich über all das nur lustig zu machen, andererseits dürfte er nicht so unbedarft unsensibel gewesen sein ...

„August Wadenbach!“ ... „rief es ihn mit hohler Stimme an. –

Er konnte unmöglich antworten; die Zunge lag ihm so schwer und fest im Munde, als wäre sie angeschnallt.“

„Er fühlte seine Nerven zittern, als ob er in ein ganzes hundert galvanischer Drähte gewickelt sei und gab sich die größte Mühe, ein Wort hervorzubringen; aber es ging nicht.“

„Es war ihm, als bohrten sich eine Legion Eiszapfen durch seine Haut.“

Dann muß der Mann auch noch niesen ... „Die vorhin noch so feuchte Luft war einer trockenen, schneidenden Kälte gewichen, und der Schnee wurde in scharfen, spitzen Körnchen ihm in's Gesicht getrieben. Eines dieser Körnchen war ihm bei dem angelegentlichen Luftschnappen in die Nase gerathen und gab seine Gegenwart durch ein unwiderstehliches Kribbeln kund, dem ein lautes, kraftvolles, langgezogenes ‚A – zziih!’ ein Ende machte.“ Autor May gibt sich wirklich beträchtlich Mühe, die zumindest für den Betroffenen ganz und gar nicht witzige Angelegenheit ausschließlich ins Lächerliche zu ziehen ...

„Azzih, azzih, azzih!“ antwortet „rasch die fürchterliche Erscheinung.“ Und „August Wadenbach ich danke Dir; Du hast mich erlöst.“ In der Tat, das ist nicht unkomisch ...

„Als wir aus Sodom fortzogen, hatte es uns der Engel verboten, uns umzusehen. Lot, mein Mann, hatte einen fürchterlichen Schnupfen und mußte, grad als wir draußen vor der Stadt über die Kettenbrücke gingen, laut nießen. Uneingedenk des strengen Verbotes drehte ich mich um, rief: ‚Prosit!’ und wurde sofort zur Strafe für diese Todsünde in eine Salzsäule verwandelt. Seit jener Zeit treibt mich's in der Welt umher und ich habe nicht eher Ruhe, bis ich Einen finde, der mich annießt. Du hast's gethan, und ich danke Dir.“

„Die Gestalt warf die Arme in die Luft, und das Pferd durch diese Bewegung an seine Pflicht erinnert, zog an und suchte die verlorene Zeit in raschem Trabe einzuholen.“ Die Welt als Kaspertheater wahrgenommen.

Wadenbach, zunächst zutiefst in Angst und Schrecken, wird über- und hochmütig („ich werde ein berühmter Mann werden“), sobald er sich außer Gefahr wähnt ... auch das ist treffend beobachtet. „Mir gehen ganz andere Dinge im Kopfe 'rum, als Euer Chemnitzer Schloßbier. Wenn Ihr hübsch artig sein wollt, so sollt Ihr hören, was ich Schreckliches erlebt habe.“

Man bereitet aber „dem Gespensterseher auf diese Weise neue Sorgen“.

„Ich leide es nicht, daß sich mein Mädel an einen – einen – einen –“ – „Nun, an einen –?“ – „Ich meine: an einen – einen – einen Heinrich hängt. Ich kann diesen dummen, albernen Namen für den Tod nicht ausstehen; umgetauft kannst Du nicht werden, also – abgemacht, basta!“

Noch einmal reiner Horror (für ein lachendes Publikum ...), „August Wadenbach, Du hast geplaudert. Deine letzte Stunde ist gekommen!“ ... „Wadenbach wollte sprechen; aber wie draußen auf der Straße brachte er kein Wort hervor, und nur als die Gestalt sich ihm näherte, löste ihm die Todesangst die Zunge.“

Und den wurschtigen Schluß mag lustig finden, wer will, „Juchhei, es lebe der Teufel und die Salzsäule!“ Und das Fräulein Tochter fügt „fröhlich lachend“ „Und der rothe Pommeranzen!“ hinzu ...

 

EIN FÜRST DES SCHWINDELS

Zwar treten sowohl die Madame Pompadour als auch Casanova höchstselbst leibhaftig auf, aber es geht äußerst seriös zu. Ausgesprochen höfisch. Überhaupt bewegt sich die Geschichte auf einem Parkett, auf das May eigentlich so recht nicht gehört und auf dem er sich vielleicht auch nicht so ganz wohlfühlt, jedenfalls scheint er in dörflichen Humoresken oder unter rauhen Abenteurern in exotischer Fremde gelöster drauflos zu fabulieren, und auch der Leser hat an dieser Geschichte eher nur ein eingeschränkteres Vergnügen.

Allenfalls im Schlusskapitel, als der 'Bösewicht' theatralisch-eindrucksvoll einen esoterischen Hokuspokus veranstaltet, läuft der Erzähler zu größerer Form auf.

Der wahre Fachmann in der Geschichte, der abgeklärte Chemiker, äußert einen hübschen Satz: „Die wahre Kunst genügt sich selbst und macht kein Geschrei“, das sollten sich auch gewisse Freilichtbühnen, wie auch große subventionierte Theater, an den Spiegel stecken.

Am Ende wird immerhin ein Mord vertuscht, zwar einer an einem Verbrecher, aber etwas erstaunlich ist es schon. (Kommt indes bei May nicht nur hier vor.)

Als „Das Zauberwasser“ ist die Geschichte, titelgebend und kaum bearbeitet, in Band 48 der „Gesammelten Werke“ enthalten.

 

I – Aqua benedetta

„Friedrich der Zweite hatte sich auf den Thron Preußen's gesetzt.“ Ein Bearbeiter stutzt, denkt, „man“ schreibt bzw. „es“ heißt „hat den Thron bestiegen“, und so steht es dann in den Gesammelten Werken ... Eine flappsige Formulierung kann indes Absicht sein, etwas herüberbringen wollen, was die übliche Floskel halt nicht mehr herüberbringt.

„Sie haben das Unglück gehabt, die Hand der Marquise beim Audienzkusse mit drei statt nur mit zwei Fingern zu berühren, und für solche Dinge hat sie ein Gedächtniß, welches nur höchst selten zum Vergeben geneigt ist.“ So geht es zu in der „Großen“ Welt, mit der sich unser Autor gottlob nur relativ selten beschäftigt in seinen Werken.

Wir begegnen der Pompadour. Es geht um den nicht alternden Grafen von St. Germain, der noch heute seine Anhänger hat ... Für May ist er, wie im weiteren Verlauf der Geschichte noch deutlicher werden wird und wie er eine seiner Figuren hier sagen läßt, ein „geschickter Charlatan“.

Interessantes Montaigne-Zitat. „Der erstaunte Monarch griff nach dem Zettel und überzeugte sich, daß Montaigne ihn im Jahre 1580 mit eigener Hand geschrieben hatte.“ Naja wenn’s so einfach wär’ mit dem sich überzeugen ...

„Wir Deutschen sind ein ungelecktes Volk, welches gewohnt ist, auf starken Sohlen seinen geraden Weg zu wandeln und auch dem überlegenen Feinde sich Auge in Auge zu stellen.“ Aha.

 

II – Der Krondiamant.

Im ersten Teil des Kapitels keine „Auffälligkeiten“ ... Generell: diese Erzählung ist eindeutig eine von Mays reizloseren ...

Daß Casanova auftritt, hilft in der Hinsicht nicht wirklich.

Es geht, wie so oft in der Politik, um Geld, viel Geld ...

„Die wahre Kunst genügt sich selbst und macht kein Geschrei“, das steht ganz ähnlich auch in Mays kurzem Text „Theater“ und gilt nach wie vor.

„Es gibt Hunderte, die ihn fast wie einen Gott verehren, ich aber halte ihn für einen klugen Quacksalber, welcher es versteht, aus den Dukaten anderer Leute sechzehnkarätiges Gold für sich zu machen“ äußert einer über St. Germain.

 

III – Aqua maledetta

„Prinz Paranow“, wir denken an „Old Firehand“.

Beim Landgraf Karl von Hessen-Kassel. „Als eifriger Freimaurer [...] und als ein Freund der 'geheimen Künste und Wissenschaften' verwandte er große Summen auf Dinge, welche man heute als vollständig werthlos erkannt hat. Er war ein Spielball von Magiern, Zauberern, Adepten und Wunderkünstlern, denen er das größte Vertrauen schenkte, und die dasselbe zu ihren Zwecken ausbeuteten. Die Abergläubigsten sind ja stets die in religiösen Dingen Glaubenslosen.“ Karl May gibt sich horizontbeschränkt.

Der Erwähnte läßt sich „einwickeln“.

„Ich habe Alles und Alle gekannt, Excellenz. Könnten Sie Petrus, den Apostel, fragen, so würde er Ihnen gestehen, daß ich ihm sehr oft den guten Rath gegeben habe, seine Heftigkeit zu mäßigen. Und wie ich bereits vornach dreitausend Jahren wiedersehen“ ... Das ist ja im Grunde nicht falsch ... im übertragenen Sinne halt ... alles kommt immer wieder.

Klare Fronten, großes Spektakel. Die Skeptiker bleiben unbeeindruckt. „Camera obscura! [...] Der Blitz vorhin war Colophonium mit Bärlappsamen. O sancta simplicitas!

Ein Mord wird vorbereitet, „Er war sich dessen vollständig bewußt, was er gethan hatte, aber es war dem wilden Kroaten in seinem kampfes- und thatenreichen Leben jene zarte Bedenklichkeit verloren gegangen, welche jeden Anderen abgehalten hätte, das Gleiche zu thun“.

„Dieser König der Betrüger und Schwindler hat mehr verdient, als einen so plötzlichen, schmerzlosen Tod. Tausende fluchen ihm, der hundertmal der gerechten Strafe entging, weil man hohe Herren nicht compromittiren wollte, während ein armer Schlucker um eines Vergehens willen, zu welchem ihn der Hunger treibt, gehängt wird oder im Kerker verschmachten muß! Wir sind gerächt, meine Herren, und tiefes Dunkel mag diese Scene decken!“ Immer wieder bei May: eine ganz eigene Moral ...

„Ein Blutstrom quoll ihm aus Nase und Mund. Er bäumte sich empor und sank dann zurück; der Tod hatte die kalten Arme um ihn gelegt, um ihm zu beweisen, daß mit ihm nicht zu spotten sei. – – –“

„Seine Anhänger und Bewunderer warteten lange auf ein Lebenszeichen von ihm; es gibt Leute, welche noch heut an sein Aqua benedetta glauben – er ist bis jetzt nicht von seiner Reise zurückgekehrt. – – –“

 

HUSARENSTREICHE

I

Der Stadtkassierer Pappermann „ist nun schon seit langer Zeit zum großen, ewigen Apell gegangen; aber wer ihn kannte, damals, als er noch lebte, der konnte gewiß nicht ohne Respect an ihn denken, und wer nun gar mit ihm persönlich zu thun hatte, oder sonst irgend wie in seine Nähe kam, der empfand ganz sicher jenes Gefühl, welches, wenn es seinen stärksten Grad erreicht, die Eigenthümlichkeit besitzt, eiskalt den Rücken hinab zu laufen.“

Der Mann ist eine tragikomische Figur und quält sich selber und seine Mitmenschen ...

„Das Reiten war ihm während seiner langjährigen Dienstzeit so unvermeidlich geworden, daß er sich in der dabei nothwendigen Stellung am wohlsten befand. Nie nahm er auf einem Kanapee Platz, und setzte er sich auf einen Stuhl, so geschah es in der Weise, daß er die Lehne vorn in den Händen hatte und mit seinen beiden an den Seiten herabgehenden Beinen den gehörigen Schenkeldruck auf die vier Extremitäten des Möbels auszuüben vermochte. Befand er sich dabei in ruhiger Stimmung, so blieb er auch wie andere Leute am Platze halten, brachte ihn aber irgend Etwas in innere Bewegung, oder gar zur Begeisterung und Exstase, so war es ihm unmöglich, still zu sitzen und er ritt auf dem Stuhle in der Stube hin und her, als habe er seinen alten, lieben Kommisschimmel noch unter dem Sattel.“

„Himmel-Mohren-Element, ist das eine Zucht mit diesem Civil! Schon seit zwanzig Minuten hat es acht geschlagen und noch ist Keiner da. Es ist doch nicht zum Aushalten mit Leuten, die der Herrgott nicht unters Militär gesteckt hat.“ Unpünktlichkeit zu hassen ist indes durchaus nachvollziehbar (und Militarismus o.ä. aus sozusagen weltanschaulichen Gründen ggf. ebenfalls, aber das nur am Rande, die geschilderte Figur dürfte sich über solche Dinge keine allzu großen Gedanken gemacht haben).

„Ein kleines, dürftiges, vornübergebeugtes Männchen trat ein und grüßte mit einer Freundlichkeit, der ein klügerer Beobachter, als Pappermann war, ganz sicher die Absichtlichkeit angesehen hätte.“

Pappermann erzählt völlig abstruse Geschichten („Einmal beim Distancereiten stand mir ein Thurm im Wege, das wäre für einen Civilisten doch sicher eine Abhaltung gewesen, wie es gar keine größere geben kann. Ich aber bin mit meinem Schimmel im Galopp zur Thür hinein, die Wendeltreppe hinauf und mit einem Riesensprung von oben wieder herab, und das Alles so schnell, daß ich nicht einen halben Zoll zurückgeblieben bin.“ – „Als ich damals bei den Belling-Husaren stand, da lag mir das Podagra einmal so gewaltig im Leibe, daß mir's die Kniee bis herauf an die Achselschnüre gezogen hat. Der Feldscheer gab mich schon auf, und der Schimmel hat vor Kummer vier Wochen lang nicht eine Spur von Futter zu sich genommen. Ich aber habe mich unter eine Wäschmangel gelegt und mir die Beine wieder grad' rollen lassen.“).

„Ich wüßte nicht, was mir wichtiger und nöthiger wäre als das, was ich mir vorgenommen habe! Ich wollte heut spielen, und so wird also heut auch gespielt.“ Tyrannei und Unflexibilität in Reinkultur.

Immerhin seine Charakterisierung des Besuchers verdient Sympathiepunkte, „Was Er hat, das hat Er von anderen Leuten zusammengeschunden und sitzt nun über seinem Geldkasten wie ein alter, feuerspeiender Drache, den kaum zehn Herkulesse todtschlagen können“.

Aber wir ziehen die Sympathiepunkte gleich wieder ab, „Damals als ich bei den Belling-Husaren stand, wollte meine Löhnung weder hinten noch vorn so recht zureichen. Nur aus diesem Grunde sah ich mich endlich nach einer Frau um, die mit allerhand Weiberkram ein Weniges mit verdienen konnte. Es ist der einzige dumme Streich, den ich bei den Belling-Husaren begangen habe, trotzdem ich sagen muß, daß meine Alte die reine Seele war, fast so gut und lammfromm wie mein Schimmel.“

„Na, jetzt ist sie todt, Gott hab' sie selig, und die Anna, das Mädel, die muß Ordre pariren daß die Gelenke knacken. Die habe ich mir dressirt und eingeübt“ ... Oh je ...

„Als ich noch bei den Belling-Husaren stand, wurde im Regimente der Stabstrompeter abgedankt, weil meine Stimme sogar im Kanonendonner eine halbe Meile weit gehört wurde. Einmal – es war an einem ruhigen, windstillen Morgen – exercirten wir in der Gegend von Zessen. In Potsdam rückten um dieselbe Stunde die Dragoner aus. Der Oberst ruft mir das Kommando zu; ich rufe: ‚Reeee – gi – meeeent, rrrreeeechts schwenkt ab!’ und was meint Er, was geschieht? Vor Potsdam schwenkten die Dragoner von der Straße ab und rechts in das Feld hinein.“

„Als ich noch bei den Belling-Husaren stand, habe ich einmal bei einem Vater um ein Mädchen angehalten, die ich noch gar nicht gesehen hatte. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß man hinter dem Rücken der Eltern Nichts vornimmt.“

Aber auch dieser Ignorant findet seinen Meister, „Ich bin Unteroffizier bei den Belling-Husaren und habe es mit dem nächsten Schritte ebenso wie Ihr zum Wachtmeister gebracht. Ein tüchtiger activer Unteroffizier aber wiegt wenigstens grad so schwer wie ein verabschiedeter Wachtmeister, und so könnt Ihr Euch denken, daß ich mich nicht so mir nichts Dir nichts ohne allen stichhaltigen Grund von der Thür weisen lasse.“

Noch mehr Unfug, „Einmal hatten wir ein Treffen in der Pfalz; eine feindliche Kanone schoß immer grad mitten in unsre Glieder hinein; wir befanden uns in einer sehr exponirten Stellung und hätten aus der Haut fahren mögen vor Aerger, uns so ruhig wegputzen lassen zu müssen. Da zog ich meine Pistolen, gab dem Nebenmanne das Ladezeug, und während er nur immer lud, zielte ich grad auf die Mündung der Kanone und schoß auf diese Weise jede Kugel entzwei, die sie uns entgegen schickten. Ich erhielt für diese Geschicklichkeit eine Medaille, habe sie aber später einmal wieder verloren.“

Anna redet Klartext, „So hast Du mich für ein Pferd, für ein Thier verkauft?“ und die Wut des unbewußten Dummkopfes verrät ihn, wie Richter Adam hält er unwillentlich Gericht über sich selber: „Meine eigene Tochter erklärt mich, den Stadtkassirer und von den Belling-Husaren ehrenvoll verabschiedeten Wachtmeister Pappermann für einen Menschenhändler, für einen Menschenabschlächter, für einen Rabenvater, für einen – ich, ich finde gar keine Worte“ ... Ja, die Wahrheit kann unangenehm sein.

 

II

Jungfer Adelheid erinnert beträchtlich an Mamsell Rosine aus "Unter den Werbern", nur ist die Figur dort krasser, radikaler gesehen, hier insgesamt harmloser, abgeschwächter, gefälliger.

"Ach, was haben doch die Männer für harte, verständnißlose und unbedürftige Herzen" ... Weil sie ihre Erwartungshaltungen nicht erfüllen ... "Er ist so einsam und allein, und ich hätte ihn gewiß sehr glücklich gemacht." Was weiß denn sie ...

"Unter den schmetternden Klängen der Trompeten hielten die schmucken Cavalleristen ihren Einzug in die Stadt. Gar manches schöne Auge folgte ihnen und gar mancher bewundernde Blick ruhte besonders auf dem Lieutenant, dessen schlanke, kräftige Figur, von der knappen Husarenuniform noch mehr hervorgehoben, so leicht und sorglos im Sattel saß und dessen hell und kühn über die wohlgebogene Adlernase blitzendes Auge wohl hier und da empor nach einem Fenster flog, niemals aber mit einem Blicke, der zur leisen Hoffnung hätte ermuthigen können." Der alte Blücher ist hier noch jung.

Offenbar handelt es sich aber bei aller spürbaren Wertschätzung des Erzählers auch bei Blücher um einen Proleten, "Er ergriff einen der ziemlich umfangreichen Humpen, in welchen der dunkelglühende Burgunder blinkte und trank ihn mit einem kräftigen Zuge aus".

"Spiel und Wette liebte er fast leidenschaftlich". In späteren Erzählungen überläßt der Ich-Erzähler diese vermutlich ureigene Passion gerne Dritten und tut plakativ eigene Ablehnung kund. Dieses Prinzip, eigenes nach außen zu projizieren, kennen wir ja von ihm. [Wobei er sich, im Gegensatz zu kompakter Majorität, sich über solche Dinge sehr bewußt gewesen sein wird ...]

"Ja, 'Vorwärts,' das habe ich mir zur Losung gemacht, aber vor Frauenmucken fühle ich doch einen ganz gewaltigen Respect." Das eine liegt einem, das andere nicht ... Eignungen und Neigungen sind unter den Menschen recht ungleich verteilt.

"Die anwesenden Offiziere hatten dem Gespräche zugehört", immerhin ging es um eine Liebesangelegenheit, sehr willkürlich und unsensibel von Blücher, das so zuzulassen.

Auch der arme Hiller bekommt die Hybris des alten (jungen ...) Haudegens, wenn auch in anderer Form, um die Ohren, "Er begab sich vielmehr sofort in die Wohnstube und warf sich dort, ohne den Staatsrock abzulegen, schachmatt in allen Gliedern, auf das prasselnde Kanapee und stierte gedanken- und bewegungslos empor zur Decke".

"Das klingt ja wahrhaftig als hätte Ihn der leibhaftige Gottseibeiuns überfallen und Ihm den Kopf auf den Rücken drehen wollen!" - "Das ist's ja auch, grad das ist's und nichts Anderes!" - "Mache Er keine Flausen! Vor dem braucht man sich nicht zu fürchten, wenigstens ein alter Kavallerist nicht. Bei Euch vom Civil freilich ist es anders". Das Militär-Umfeld hat offenbar durchaus seine Meriten ... "Das Duell ist der Gesundheit nur zuträglich."

Als der unglückliche Hiller sich seinerzeit in Anna verliebte, "war sein enges, hartes Herz groß und weich geworden".

Aber der Mann ist ein Verlierer und wird ein solcher bleiben, "Aber ich kann ja gar nicht fechten und wenn ich einen Schuß höre, so falle ich um! Meine Nerven sind so gefühlsam, daß ich in meinem Laden kein Pulver führe, viel weniger aber gar noch schießen darf."

"Er hätte wenigstens die Genugthuung, daß ich alle Tage hinaus auf den Gottesacker geritten käme und den Schimmel über Seiner letzten Ruhestätte dreimal wiehern ließe." [...] -."Aber das Wiehern auf meinem Grabe könnt Ihr bleiben lassen. Wenn mir hier oben auch auf eine so schauderhafte Weise mitgespielt wird, so will ich wenigstens dann da unten meine Ruhe haben!"

 

III

Jungfer Adelheid investiert dreihundert Taler in Herzensangelegenheiten ...

Der Mensch, den sie sich da ausgesucht hat, hat Sorgen ... "Aber wenn ich erschossen werde, so wird ja der schöne Waffenrock ganz mit Blut und Schmutz bespritzt!"

Reiten kann er auch nicht, "Es war das erste Mal, daß er ein Pferd bestieg; er zog die Beine so weit wie möglich in die Höhe, klammerte sich mit den beiden Armen ängstlich an den Stadtkassirer und gab sich im Verlaufe des ungewöhnlichen Rittes alle erdenkliche Mühe, die kostbare Balance nicht zu verlieren."

Eine "Umarmung zu Pferde und zwar von hinten. Es passiren merkwürdige Neuigkeiten in der Welt!"

Das Spektakel geht weiter und ist nicht unkomisch, "indem er die Arme um seinen Vordermann schlug, als wolle er ihn erwürgen".

"Als ich – noch bei – den Belling-Husaren stand – da hatte – ich einmal – – –" Auch in 'wilder Jagd' kann der Mann nicht umhin, immer das gleiche zu erzählen ... Aber "Die Rede blieb ihm im Munde stecken. [...] Er konnte weder sehen noch hören; das Sprechen verging da ganz von selbst."

Hiller macht Grenzerfahrungen, "Es war ihm nicht wie Schießen, es war ihm überhaupt wie gar Nichts, er wußte kaum, daß er noch lebte. [...] Es war ihm vollständig schwarz vor den Augen und in den Ohren tobte und toste es ihm, als brande die ganze Ostsee in ihnen."

Das Thema Scheintod hier [halbwegs] humoristisch aufbereitet, "Er ist todt! [...] Das sagte er selbst, und das sagen auch Sie, Herr Wachtmeister; folglich wird er sofort begraben, damit keine Spur von unserm immerhin gefährlichen Handel zu finden sei!" - "Ja, todt ist er, der arme Teufel, und den Apfelschimmel, Gott sei Dank, den habe ich!"

"Er selbst hat in seinem letzten Augenblicke erklärt, daß er todt sei; und ein Sterbender sagt niemals eine Lüge. Legt ihn in den Kasten und werft ihn in das Loch. Es giebt noch genug Spezereikrämer in der Welt!"

Auch Pappermann wird weiter kräftig 'geprüft', "Das über ihm zusammenschlagende Wasser verschloß ihm den Mund." [...] "Das Wasser drang ihm durch Ohren, Mund und Nase; er stieß es gurgelnd von sich und wehrte sich halb bewußtlos und in krampfhaften Bewegungen gegen den fürchterlichen, unnatürlichen Tod, dessen nasse und eiskalte Schwingen ihn erbarmungslos umrauschten."

"Er ist doch kein Kind, und ein ehrenvoll verabschiedeter Wachtmeister von den Belling-Husaren wird sich doch vor ein paar Tropfen Wasser nicht fürchten!" - "Ein paar Tropfen – [...] ein paar Tropfen sollen das sein! Es wibbelt und kribbelt von Eidechsen, Fröschen und Kröten um meine Beine, das Wasser geht mir bis an den Hals" ...

Schließlich Verständigung und Einigkeit unter Wasser, "Schlage Er ein!" - "Auch noch! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht unter dem Wasser eingeschlagen, weder als ich bei den Belling-Husaren stand, noch vor- oder nachher. Hier ist meine Hand!"

"Die Zähne klapperten ihm hörbar im Munde, und von den Spitzen des trübselig herabhängenden Schnurrbartes floß das Wasser in großen, schweren Tropfen hernieder."

Spätes Glück (? Das wird sich zeigen müssen, darüber berichtet aber die Geschichte nicht mehr ...) für Jungfer Adelheid, "Es war ihr wie heller, lichter und warmer Sonnenschein in dem Herzen, dessen Himmel bisher stets ein bewölkter und trüber gewesen war."

Blücher ("Laßt nur mich machen, ich erwecke ihn schon von den Todten!") holt Hiller zurück ins aktive Leben, "Er zog ein Pistol hervor und feuerte es ab".

"Ein Schrei erschallte von der Kellertreppe herab, und zu gleicher Zeit sprang Hiller, wie von Spannfedern getrieben, vom Boden auf. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er um sich."

"Wo bin ich? Ist das schon die Hölle?" - "Nein, sondern erst das jüngste Gericht."

"Ja, ich weiß, daß es besser wäre, wenn ich ihm eine Kugel durch den Kopf jagte," Das ist nun ein wenig zweideutig und könnte auf die bevorstehende Vereinigung Hillers mit seiner 'zweiten Wahl' Adelheid bezogen sein ...

'Happy End'.

 

IM SEEGERKASTEN

Der Fagottmeier, alt und possierlich, hat drei Leidenschaften, erfahren wir gleich zu Beginn: Alkohol (in Form von Doppelwacholdern), noch lieber „seine lange Pfeife“, und am Allerliebsten „das Erzählen“ (was hätte der zu heutiger Zeit die Internetforen vollgemüllt ...).

Militärische Schilderung des „Cantoreischmaus“.

Pfeiferauchend trägt unser Held seine Geschichte vor, „um, wie er sich auszudrücken pflegte, so recht 'cumammino' blasen und plaudern zu können“. Was nun 'cummamino' bedeuten soll, wissen wir nicht, vermutlich etwas Angenehmes.

Er habe sein Mädel wegen mangelnden Begütertseins nicht bekommen sollen, sei aber doch ein passabler Kerl gewesen, „ich war doch sonst een Kerl mit bei der Spritze, bließ mein Fagott aus dem ff, tanzte eenen Schleifer wie sonst Keener und hatte außer dem Wacholder noch nich 'ne eenzige Spezialeegenschaft an mer“.

Interessanterweise war die Christel, mit der er nun verbandelt ist, seine „zwölfte Liebe“, „und ihr wisst ja alle recht gut, wenn erst mal das Dutzend volle is, dann sitzt mehr fest und es lässt eenen nich so leichte wieder locker“. So wird es wohl sein. „Also immer droff!“ – Wie das nun gemeint ist, wissen wir wieder nicht recht, jedenfalls folgt der Satz unmittelbar.

Auch gutes und reichliches Essen mag der Mann, „die Zunge läppert mer noch heut, wenn ich nur daran denke“, „een Mischlimaschli von allen erdenklichen Deliziositäten“, und da sitzt er „in den weechen Spannfedern“, „das Mädel im linken Arm, den Topp zwischen den Beenen und den Löffel in der Rechten“.

Aber schon klopft das Unheil an die Tür, und es bleibt nur die Flucht in eine dieser schicksalhaften Uhren, denn die unwohlgesonnenen Mitmenschen „konnten jeden Oogenblick in unser fürchterliches Dasein hineinplatzen“.

Die Situation wird durchaus unerfreulich, „Die Christel im Bette und ich im Seegerkasten; da bin ich neugierig, wo eegentlich das Amüsement herkommen soll!“

„Die Madame hatte ihren Mops, der mit in der Kaffeegesellschaft gewesen war, offs Kanapee gesetzt, und nun weeß ich nich, hat er gerochen, daß so een plebejischer Leinewebergeselle seinen Stammplatz verschimpfiret hat oder es in seinem unglückseligen Gehirne eene Ahnung von dem zweekannigen Soupirtoppe offgegangen, kurz und gut, er batalgt sich trotz seines dicken Leibes und seiner kurzen Beene vom Kissen runter unter das Sopha hinein und fängt da unten eenen Karambol an, als hätte er een halbes Schock Rattennester offgestöbert.“

„Was nun die beeden Toppgucker für Gesichter geschnitten haben, das kann ich nich beschreiben, weil ich es nicht sehen konnte; aber wie es mir dabei zu Muthe geworden is, das könnte ich wohl sagen, aber – Tacet, Tacet!“

„Der Kasten war nämlich gleich ursprünglich nich off Sommerlogis eingerichtet. Zwar hatte ich die Mütze eingesteckt, aber ich mußte trotzdem die Kniee krumm machen und mich niederducken, um nich oben 'raus zu gucken. An den Perpedenkel durfte ich ooch nich kommen, sonst wäre die Weltgeschichte stille gestanden; die Uhrgewichte waren mer im Wege und ich hatte eens hüben, eens drüben in die Hosentaschen gesteckt und mußte also an den beeden Ketten ziehen, damit das verwünschte Ticktack tacktick nicht schließlich gar den Athem verliere, und so hockte ich denn in geradezu unbeschreiblicher Haltung und Seelenangst wie een Gänserich im Mittagsschlafe mit eenem Beene off meinem kritischen Standpunkte, drückte, um eene moralische Niederlage zu vermeiden, die beeden Ellbogen fest an die Kastenseiten und hätte vor lauter Angst Runkelrübensyrup schwitzen mögen.“

„Aber so 'ne passive sociale Stellung is mit der Zeit nich länger auszuhalten. Nach und nach stellte sich ein Gefahr drohendes Zittern in den Extremitäten und een würgendes Gefühl von Seekrankheit im Magen ein“ ...

„Die Anderen zanken und räsonniren derweilen fort, und da stampft die Gnädige in ihrem Zorne off eenmal so mit dem Fuße, daß das wackelige Brett, off dem ich stehe, zu schaukeln anfängt und ich alle Arten von innerem und äußerem Gleichgewicht verliere.“

„Een Erdbeben off Kuba oder, so da herum konnte keenen größeren Krawall anrichten als der war, den ich Pechvogel verursacht hatte. Der Stadtrichter sperrte vor Schreck und Ueberraschung das Maul sperrangelweit off; die Christel heulte und retirirte sich in die Ecke; der Mops bellte und belferte mit solchem Eifer, als wolle er anfangen, Eier zu legen; die Gnädige rieb und frottirte sich den maltraitirten Oberleib, und ich kratzte in schrecklicher Verlegenheet mich mit eener so heldenmäßigen Ausdauer hinter den Ohren, als wollte ich die vom vorigen Herbste her dort noch liegen gebliebenen Kartoffeln herausackern.“

Aber wieder einmal gibt es dank Geldfund ein 'Happy End', „Der Stadtrichter machte es off, sah 'nein und stieß dabei eenen Jauchzer aus wie vorhin der Mops, als die Schwarzwälder flügge wurde. Die Gnädige fuhr mit allen zehn Fingern in die Friedrichsdorsch, die bis an den Deckel 'ran lagen und schlug dann vor Freede Arme und Beene über dem Kopfe zusammen“ sowie ein gnädig-joviales Anerbieten des Stadtrichters Lautenschläger: „nehme Er den Topf mit und das Mädel dazu; da mag Er meinetwegen hinbeißen und lecken, wohin es Ihm beliebt!“

(Zu Parallelitäten und der Art des 'Happy End' siehe auch „Das Ducatennest“.)

 

IM WASSERSTÄNDER

Hier geht’s, unter anderem, um Alkoholismus und Ehetyrannei, zunächst locker-flockig-lustig serviert, am Ende läßt der Herr Gemahl immerhin das Trinken sein, ob er seine arme Frau weiter wie geschildert schikanieren wird, bleibt einigermaßen offen.

Daß die Humoresken Karl Mays lediglich als harmlose Fingerübungen zu betrachten seien, wie gelegentlich zu lesen ist, darf durchaus bezweifelt werden, in dieser Geschichte kann davon nicht die Rede sein. Man betrachte sich einmal, was die Vögel im absurden Dialog mit dem Mann so alles von sich geben, da kommt eine von mephistophelischem Blick, von Zynismus durchbrochene Weltanschauung herüber, da wird nahezu alles persifliert, wie so oft auch in späteren Werken (dort eher unauffälliger und zwischen den Zeilen). Das merkt nicht jeder, man kann es oberflächlich humorig nehmen. Oder ein bißchen tiefer 'hineinhören' in die Geschichte. Jeder nach seiner Facon.

(Leicht bearbeitet als „Der Fischerjakob und das Wasserfaß“ in Band 47 der GW).

 

Frau Wilhelmine: „Gewöhnlich war se een altes, gutes Schaf und trübte mit Vorsatz gewißlich keen Wässerchen; aber wenn se eemal in de Raasche gekommen war, so mußte mer ihr vorsichtig aus dem Wege gehen; denn dann ging ihre Plapper wie 'ne Dreckschleuder.“

„Sie lebte mit ihrem Jacob ganz gut und glücklich“; nicht wirklich, „aber so een kleenes Achtelchen hatte se doch ooch in der Hauskreuzlotterie gewonnen.“ Hauskreuzlotterie, großartig ... Die Vögel und der Alkohol ...

Vogelerziehung im nächtlichen Ehebett, „Da lag denn nu de Mine derneben und hätte sich über diese Pfeiferei und Schwatzerei de Schwindsucht an den Hals ärgern mögen. Nischt ging ihr über een Kaffeeschälchen voll guten dicken Schlafes; aber bei der verflixten Gimpelei war an keene Ruhe gar nich zu gedenken, und räsonniren durfte se leider ooch nich; denn sobald se nur muxte, rannte er im Hemde spornstreichs 'nunter in de Stube, holte de ganze Vogelei 'noff und ließ nu grade ihr zum Schure eenen solchen Lärmen los, daß se gleich vor Wuth hätte dervon loofen mögen.“ Eine Ehe-Hölle. Es ist nicht komisch, daß Menschen sich rücksichtslos quälen und demütigen.

„In der Woche war der Fischerjacob der fleißigste und ordentlichste Mensch, den mer sich nur denken konnte; aber Sonntags und Montags, da ging er schnapsen [...] Er trank nischt Anderes als weißen Pommeranzen, weil der so sehr gut für de Hämorriden sein soll, und so viel Vögel er derheeme hatte, so viel Vogel ließ er sich ooch durch de Gurgel flattern; denn er hatte die höfliche Angewohnheet, jedem von seinen Staaren und Gimpeln der Reihe nach, so wie se an den Fenstern hingen, eene Gesundheet zu trinken.“

„Freilich war das eene Zumuthung, die mer eener Andern nich gleich hätte machen dürfen; de Mine aber kannte seine Mucken und wußte, daß mit dem Pommeranzen nich zu spaßen sei.“

Was es denn mit den „Eenzelnen von den eenmalhundertundzwanzigtausend Leviten“ auf sich hatte, wollen wir lieber gar nicht wissen ...

Ein Betrunkener, der sich setzen will, macht „Anstalt zur Kniebeuge, aber so behutsam, ungefähr wie Eener, der mit eener Heerde Hühneroogen eene Buß,- Bet- und Passionsfahrt in de engen Stiefelschäfte machen will; zuletzt hält mer den Athem an und zieht de Stirne in de Höhe, um zu berechnen, in welche Himmelsrichtung das Meteor hinaus- oder hinuntercentrifugiren wird“. Fein beobachtet und sehr hübsch.

Im Wasserständer, „Wie een Frosch am Teichrande, so hielt er das off- und zuklappende Mundwerk über dem Wasser, um nach Luft zu schnappen; de Kälte fuhr ihm von dem Wirbel an immer über den Buckel hinunter bis in de Hämorriden hinein, und seine unbeschreibliche Stellung erloobte ihm nich de geringste Anstrengung, sich aus der omineusen Mausefalle zu befreien.“

Statt Hilfe bekommt der gute Mann die oben angesprochenen Kommentare der Vögel um die Ohren, „Mine kocht Sauerkraut, Sau, Sau, Saurathen, ich will saurathen!“

„Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands“

„Goldene Abendsonne, wie bist du so schön
Nie kann ohne Wonne deinen Glanz ich sehn“

„Nee über so een Weibsen! Die schläft, als hätte se 's gepachtet. Die hört nich, die sieht nich, die fühlt nischt, und ich muß jämmerlich ersaufen, wenn se nich bald macht, daß se 'runter kommt.“ Da kommt anläßlich dramatischen Geschehens einiges zum Ausbruch, was der Mann halt schon lange Jahre mit sich herumtragen wird, „Die hört nich, die sieht nich, die fühlt nischt“ ... Der Mensch ist allein, so Büchner ...

„Stille Nacht, heilige Nacht; Alles schläft, einsam wacht“

„Der Rausch war schon längst verflogen; es schüttelte ihn am ganzen Körper, und es war ihm zu Muthe, als ob er wie een Häufchen Salz im Wasser aus eenanderloofen müsse.“

„Ach hätt ich doch nich geheirathet; eene Andre hätte mich schon lange 'rausgezogen!“ Das ist, sozusagen, blutiger Ernst ... „Madle ruck, ruck, ruck, Madle ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite“ wird ihm geantwortet, „pfiff Gimpel Nummer Fünf“.

„Wenn ich mich nach der Heimath seh'n, wenn mir im Aug' die Thränen stehn,“ pfeift Gimpel Nummer Sieben, und der Absaufende konstatiert „Was willste nur mit deiner Heimath? Bis doch froh, daß de wenigstens im Trocknen bist!“ ...

Die Ehefrau bekommt das Ganze durchaus mit, wartet aber mit ihrem Eingreifen, bis der Unglückliche in Todesangst ein Versprechen gibt ... das erinnert übrigens, wenn auch freilich anders 'gelagert', an „El Raml el Hehlahk“.

„Jetzt endlich trat se in de Stube; aber als se merkte, daß ihr das Wasser in de Filzschuhe kam, sprang se mit eenem Schreckensrufe wieder zurück. Daran hatte se mit keener Sylbe nich gedacht, daß das Wasser überloofen müsse“ ... Das Wasser in der Stube beindruckt die Frau mehr als die Todesangst ihres Mannes, so liebevoll sind die beiden jahrelang gegenseitig miteinander umgegangen ... „Um Gottes willen, was is denn das für 'ne Schweinerei da hinne? Da schwimmt ja de ganze Stube im Wasser!“ ... „Star Nummer Fünf“ antwortet „Mine, der heilige Christ hat bescheert, der heilige Christ, Christ, Christ hat bescheert!“

„Häng aber erst de Kleeder off de Leine, daß se gehörig abtropfen und wisch dich erst richtig mit der Handquäle ab, daß de mer's Betttuch nich nasse machst. Da hast se, und nu packe dich!“ Wie sprach doch andernorts die Schwester Wilhelm Voigts gar unfroh, da müsse sie ja Bettwäsche herauslegen ... So ist das.

„Ein freies Leben führen wir,
ein Leben voller Wonne“

Das haben wir gesehen ...

 

IM WOLLTEUFEL

Die Geschichte „Im Wollteufel“ (Bearb.: „Der Wollteufel“, in GW Band 47) enthält einen Satz, der ausnahmsweise mal in der Bearbeitung noch besser gefällt als im Original. Heißt es dort „und deshalb in ihrem achtzehnten Jahre ein Mädchen war, das man gar nicht ansehen durfte, wenn man nicht aus lauter Liebe perflex werden wollte“, so schreibt der Bearbeiter sehr hübsch „wollte man nicht aus lauter Liebe einen Raptus kriegen, wie die Gelehrten sagen“. Schade, dass dies ein einsamer lichter Moment blieb und die Herren zu dieser Form sonst nicht aufzulaufen pflegten.

Das Ehepaar Franke fällt ein wenig unterschiedlich aus, „Er war mager und lang wie eine Zaunlatte; sie war fett und klein, mit einer Tallje von drei Ellen Umfänglichkeit“.

„Beide hatten eine Tochter, die bei der heiligen Taufe den Namen Röschen erhalten hatte und deshalb in ihrem achtzehnten Jahre ein Mädchen war, das man gar nicht ansehen durfte, wenn man nicht“ ... (siehe oben.) Waldröschen, Dorfröschen.

Die Beschreibung der Heidelbeer-Katastrophe auf dem Marktplatz gerät recht komisch, und auch eine Zustandsbeschreibung der Gesellschaft („und ein halbes Dutzend von dem andern Gezüchte“) sowie dieses unseres Erdenlebens wird dezent eingeflochten („Na, so ein Jammerthal!“).

Ein Mißverständnis, „sie klammert sich an mich, um nicht zu fallen, ich halte mich an ihr fest, um nicht nach den physikalischen Gesetzen wieder zurück zu fliegen, wir drehen uns im Dreizehnachteltakte einige Male rund herum und kugeln dann, immer Eins über das Andre, ein Stück den Marktplatz hinunter. Der ehrsame Zeug-, Lein- und Wollenweber August Ehregott Franke denkt, ich will mich an seiner Hausehre vergreifen“ ...

Ob eine Formulierung wie „und der Frau Johanna ist es auch nicht leicht geworden, den Riesensprung zu vergessen, den ich auf sie gemacht habe“ eine Stilblüte ist oder Absicht, muß wohl offen bleiben.

Zwischendrin flicht der Erzähler ein, „daß ich noch heut' in allen Wissenschaften Bescheid weiß und eine Zelebertät bin in Sachen, von denen andre Leute nicht 'mal eine Ahnung haben.“

Auch mit dem Tod wird in dieser Geschichte nicht eben bierernst umgegangen: „eines schönen Tages legte sich der Magister hin und bekam einen solchen Apoperflex, was auf Deutsch Schlagfluß heißt, daß ich vor Schreck auch ganz perflex dabei stand, freilich ohne Apo, was der gefährlichste Theil von der Krankheit ist - er war mausetodt.“

„Dem guten Mädchen hat es herzlich leid gethan, daß es mir damals so schlecht gegangen ist, und es ist ihr der Gedanke in den kleinen Lockenkopf gefahren, mich durch ihre Freundschaft für die Prügel zu entschädigen.“

Auch über die Schriftstellerei äußert sich der Autor: „So eine biographinische Geschichte will ihre gehörige Ordnung haben, wenn sie belletristig werden soll, wie die Gelehrten sagen. Eine ordentliche Geschichte zu erzählen, das ist nicht so leicht, als wie man's denkt; aber davon habt Ihr keine Ahnung.“

Erklärung der Höllenmaschine und deren Namens, „dabei pfiff und heulte und summte und brummte das alte Ding, grad' als wenn im Puppentheater der Beelzebub den Doctor Faust holt, und deshalb hatte es den Namen Wollteufel.“

Ob der Autor bei der Schilderung trauter Zweisamkeit im engen Kasten „Erst ließen wir gewöhnlich die Klappe auf und lachten einander an, nachher aber machten wir zu und erzählten einander Gespenstergeschichten, und die paßten ganz gewiß dahinein in den finstern, gruseligen Wollteufel“ auch nichts vergessen hat ? - Der  Kasten „stand natürlich nicht unter freiem Himmel, sondern in einem besonderen Lattenhäuschen“ (in welchem der Erzähler und seine Geliebte denn auch später „alle Abende beisammen stak“, in der Bearbeitung „steckte“.)

Dann hat es einer darauf abgesehen, „den Wollteufelfrieden zu brechen, wie die Juristen sagen“.

„Alles hat seine Zeit, sogar der Gänserich“, mit dem dessen Besitzer spazierenzugehen pflegt ...

Der Vater der Braut „ist gar bald dahinter gekommen, daß wir uns zuweilen beim Kopf genommen haben.“

Aber die jungen Leute lassen sich nicht wirklich beirren; drei Gedankenstriche vor „Am andern Morgen“ mögen eine beredte Sprache sprechen: „Komm herein; wir wollen die Bibel wieder an ihren Platz legen, und dann will ich Dir sagen was wir machen.“ - - -

Vor Gericht; der Auftritt erinnert ein wenig an den späteren Kara Ben Nemsi.

Auch der Gänserich hat noch einmal einen ganz großen Auftritt, „immer fort geht die wilde Jagd über den Platz hinweg“; ... „in welchem Alter er verstorben ist, das ist in keiner Chronik zu finden; vielleicht lebt er, wie Ahaspharus, als 'ewiger Gänserich' fort.“

Nach mancherlei Verwicklungen wird aus der Höllenmaschine „Wollteufel“ am Ende ein Wiegepferd für die Kinder gemacht, und die Geschichte endet mit den philosophischen Worten

„je älter der Teufel wird, desto besser ist er zu etwas Lustigem zu gebrauchen!“

 

IN DEN EIERN

Dieser Text wurde in dem Band "Karl-May-Welten II" veröffentlicht. Es handelt sich um ein Fragment.

Bereits der erste Absatz zeigt den Verfasser als den erfahrenen "Psycholog", für den er sich mit Recht hielt, wobei das Gesagte zwar möglicherweise in der Tat auf "Weiber" noch ein wenig mehr zutrifft, aber auch geschlechtsübergreifend durchaus als allgemeingültig betrachtet werden kann. Ob man sich solcher Trickserei indes auch bedienen mag, wenn man denn um diese Dinge weiß, steht auf einem anderen Blatt. Der Ehrliche mag der Dumme sein, aber lieber ein ehrlicher Dummer als ein verlogener Schlaukopf.

Auch die Sache mit dem Kanzelvers und den Oogen ist bis heute so, im Alltag wie in Internetforen, in einem Ausmaß, das man eigentlich nicht für möglich halten sollte.

Es mag schon eine eigenartige Bewandtnis haben mit dieser Katzenliebe, wie wir sie hier geschildert finden, der Autor geht aber nicht zu sehr in die Tiefe, und so hält sich auch der Rezensent sozusagen vornehm zurück.

Leider erfahren wir nichts Weiteres vom Thierarzt Goldschmidt, einem offenbar interessanten Kopf; als die Geschichte gerade in Gang kommen will, bricht sie ab. Schade.

 

DIE KRIEGSKASSE

Eine Geschichte um Pascher, eine Kriegskasse, Napoleons Krieg und Blücher (insofern ein Vorgeschmack auf die „Liebe des Ulanen“), der Held verkleidet sich als Franzose, um seinen französischen Rivalen am Ende umso besser demütigen zu können. Die Pascher-Episode mit den Booten am Rhein liest sich hübsch. 

„Eine kleine Episode aus einer großen Zeit“.

 

I

„Der Obermüller konnte den Niedermüller nicht leiden und der Niedermüller war dem Obermüller nicht gut“ ... das wird allüberall so bleiben solange die Welt sich dreht.

Früher war wie immer alles besser, „da war der jetzige Niedermüller gekommen, hatte seine neumodische Klapper an den Bach gesetzt“ ... so geht es zu. „War das etwa schön von ihm?“

„Der Obermüller war nämlich ein ächtes, braves Rheinlandskind und konnte es nicht verwinden, daß unser schönes Vaterland unter dem Drucke der französischen Herrschaft seufzte“.

Dann gibt es da eine Tochter, „der wegen ihrer Schönheit, Sittsamkeit und Herzensgüte, vielleicht auch wegen des zu erwartenden Erbes die Jungburschen alle im Wege herumliefen“. Mays hat seinen ganz speziellen Tonfall. Er durchschaut, vielleicht im Gegensatz zu den Jungburschen, denen es selber teilweise gar nicht bewußt sein wird, daß es eben einmal mehr letzten Endes um Geld & Gut geht, und bleibt dennoch im Ton ironisch - augenzwinkernd entspannt; so ist das zu lesen.

Pascherei gilt auch hier wieder als Kavaliersdelikt und Volkssport, „Ich sehe nicht ein, warum die Einen den Zucker und Kaffee theurer bezahlen sollen als die Andern, und zwar blos deshalb, weil Herr Napoleon einen Grenzstrich zwischen sie gezogen hat.“

 

II

Schmugglergeplänkel am Rhein.

‚Deutsche Herzen’ ... von solchen Anwandlungen war Karl May halt nicht frei, „wie der Löwe die Hunde, so schüttelte er die kleinen, schmächtigen Franzosen von sich ab“ ... „Bonapartenpudel“ ...

Martialisch geht’s zu, „Der blasse Schimmer einer blanken Messerklinge leuchtete auf den Offizier nieder; er stieß einen kurzen, schrillen Wehelaut aus, fuhr zuckend mit dem Armen in die Luft und brach dann zusammen.“

 

III

„Deutschland lag unter der drückenden, erwartungsvollen Stille, wie sie dem Sturme vorherzugehen pflegt; am Rheine war die politische Schwüle am drückendsten, und der heilige Christ, welcher sonst so fröhliche Gesichter findet, begegnete gar manchem ernstblickenden Auge, welches von Dingen redete, die der Mund nicht auszusprechen wagte.“ Es klingt recht aktuell, die Dinge sind zeitlos, es kommt alles wieder.

„So war der zweite Feiertag gekommen“, die Umstände an Weihnachten sind bei Karl May nicht immer erfreulich, die Braut bangt, „die Familie saß noch spät in der von dem brennenden Tannenbaume hell erleuchteten Stube und horchte auf die ruhmredigen Berichte, welche Jambrieu zum hundertsten Male von seinem Kaiser vortrug.“

Der Erzähler spricht von der „großen französischen Armee, welche aus Rußland retirirt war, in Deutschland geschlagen wurde und ihre versprengten Theile als Bettlerkolonnen heim in das gelobte Frankreich sandte“.

Anna erkennt ihren Partner, „Franz!“ – „Nur das eine Wort sprach sie aus, aber der Ton sagte mehr, als alle Worte es vermocht hätten“.

 

IV

1814. Schilderung politischer Stimmungen.

Die Tochter tut ihrem Vater gegenüber so, als füge sie sich hinsichtlich Wahl des Bräutigams ins Unvermeidliche, „Er glaubte, sie sei endlich einmal klug geworden; ein Douanenoffizier ist ein schwerwiegendes Menschenkind, und wenn eine Müllerstochter ihn zum Manne bekommt, so hat sie von einem Glücke zu sagen“. Jeder übersetzt sich halt die Dinge jeweils dem eigenen Bewußtsein gemäß ...

Großer Auftritt Franz, der sich dann 'outet', „Er trug eine schwarze, roth vorgestoßene Litewke, von welcher die goldgelben, halbmondförmigen Achselstücke sich glänzend hervorhoben; das dunkle Lederzeug stak voller Waffen, und seine ganze Haltung war eine solche, daß keiner der Franzosen sich auf ihn zu werfen wagte, zumal Alle die fürchterliche Uniform kannten, welche er trug: er war ein Lützower.“ Ab und zu blitzt ein gewisses Faible fürs Militärische auf in Mays Gesamtwerk.

„Franz zog das Mädchen an sich und drückte einen schallenden Kuß auf ihre Lippen.“ Bei Karl May küssen sie sich des öfteren wie die Kinder, von keinerlei Erotik 'angekränkelt' ...

Und Blüchers „nur drauf, immer drauf“ paßt dann auch gleich entsprechend unsensibel.

„Er kniff Anna freundlich in die Wange“, diese Art Übergriffe, seinerzeit offenbar üblich, scheinen May ganz gut zu gefallen ... (man würde Vergleichbares heute zurecht als Frechheit ansehen ...)

„Toast auf Toast erklang, und als der Niedermüller, welcher vor dem jungen Manne einen ganz gehörigen Respekt bekommen hatte, den Seinigen ausbrachte, klang derselbe ganz anders als der vorige und hatte nicht den großen Napoleon zum Gegenstand, sondern diente zur Verherrlichung des wackeren, alten Marschall ‚Vortwärts.’ – – –“ So ist das, heute rufen sie Hüh und morgen Hott, je nachdem wie der Wind gerad’ weht. Gab’s schon des öfteren in der Weltgeschichte.

 

DIE LAUBTHALER

Das ist noch einmal die Geschichte, die wir schon aus "Ausgeräuchert" kennen, nur daß sie anders anfängt, mit einer kleinen Lobhudelei auf die Zeitschrift, in der sie erschien, versehen ist, und ihr ein weiteres kleines Backstubenabenteuer vorgeschaltet ist. Und die Marie heißt jetzt Emma, wie weiland die erste Frau May, und "war ein herzig liebes Kind, wie ich das später zur Genüge erfahren habe". Nun ja.

(Einleitung)

Der Erzähler der Geschichte (nicht der übliche, sondern ein anderer Ich-Erzähler) „liest außerordentlich gern, und unter allen Schriften und Büchern, die er hält oder kauft, steht ihm das Blatt, in dem der freundliche Leser dies liest, obenan“. Ein wenig Honig um den Verlegermund ...

Der Bäcker-Franz stellt fest „im Leben passiren oft noch viel schönere und wunderbarere Geschichten, als in den Büchern. Wenn ich gut auf der Feder wäre, so könnte ich aus meinen eigenen Erlebnissen gar manche schöne Geschichte schreiben, bei der ich mir nicht das Geringste auszusinnen brauchte.“ Und nichts anderes hat ja Karl May getan, wenn er auch seinen Geschichten diverse exotische Mäntelchen umgehängt und zwecks Veranschaulichung hier und da ein wenig 'übertrieben' (überhöht) hat.

„Er beginnt. Hinten in der Ecke aber sitzt Einer, dessen Name hier oben unter der Ueberschrift zu lesen ist und der gar aufmerksam zuhört, um die Geschichte für Bäckerfanzens Lieblingsblatt wegzuangeln. Was er wohl sagen wird, wenn er sie dort findet?! –“

 

I

Die „Emma, [...] ein herzig liebes Kind, wie ich das später zur Genüge erfahren habe“ ... Jenun. (Immerhin können wir konstatieren, daß ihre Fürsprache „leise“ und offenbar ohne größeres Engagement geschieht.)

Viele inhaltliche Parallelen zu „Ausgeräuchert“, siehe dort.

„Gerade gegenüber wohnte der alte Bäckermeister Kießling; er wurde nur der Bäckerjakob genannt und hatte nicht übermäßig viel zu thun, da er kein großer Hexenmeister war und sich nicht übermäßig viel anstrengte.“ Wenn er damit zufrieden ist, ist es ja in Ordnung ...

Und „nach einigen Tagen klopfte mir der Meister freundlich auf die Schulter“ und sagt „Höre Er, Potschappler Franz, Er ist kein unebener Kerl. Fahre er so fort!“, worauf der Erzähler, der offenbar ebenfalls seine eigenen Wertmaßstäbe hat, feststellt „Das war mir lieber, als wenn er mir zehn Thaler geschenkt hätte“.

„Ich sah, daß sein Vertrauen immer mehr wuchs, und wurde wie ein Kind gehalten.“ Es müssen nicht die leiblichen Verwandten sein, zu denen man entsprechende Gefühle hegen kann.

Auch pädagogisch scheint der Lehrherr in bemerkenswerter Weise seinen Mann zu stehen, „So will ich Ihm einmal etwas sagen. Es ist ganz gut, wenn so ein Jungbursche, wie Er, ordentlich ist und gern daheim bleibt. Man bringt dabei etwas für sich. Aber allzuviel ist auch nicht gut, und ein Kerl, wie Er, gehört auch zuweilen unter die Leute. Man hört und sieht und lernt da Manches, was Einem Nutzen macht, und wird für keinen Duckmäuser angesehen. Jetzt zieht Er seinen Rock an und geht hinauf in den 'goldenen Stern', da ist Tanz. Und morgen sagt Er mir, wie's Ihm gefallen hat.“

Tanz; „Darf ich wiederkommen?“ – „Ja.“ Es braucht nicht viel große Worte ... „Ich hätte für dieses 'Ja' ihr sonst etwas zu Liebe thun können“.

„Wir huschten nun in die Brodkammer oder in den Hausflur, und endlich machte sie es gar möglich, daß ich mit in die Wohnstube durfte, wenn Alles schlafen gegangen war. Hört einmal, Ihr Leute, das sind glückliche Zeiten, obgleich man dabei Gefahr läuft, den Rücken durchgebläut zu bekommen und zur Thür hinausgeworfen zu werden. Ich will sie Euch nicht beschreiben; denkt lieber daran, wie's bei Euch auch gewesen ist!“

Klamottenkomikhafte Verwicklungen, ein Korb landet in der Sch....., was der Besitzerin indes  nicht verraten wird, „mein Korb ist naß und hat eine Farbe und einen Geruch – nein, ich kann bei diesen Leuten nicht mehr backen!“

 

II

Gute Zurede, „Na, die Emma ist's werth, daß Er sich Mühe um sie giebt. Es wird freilich am Ende vergeblich sein, denn ich glaube im ganzen Leben nicht, daß Er sie bekommt. Aber darum braucht Er den Muth nicht zu verlieren; es geht bei solchen Dingen oft gar wunderlich zu.“

Wieder pralle Klamottenkomik, „Ich gebe also dem Hilbert einen Klaps, daß er eine Strecke weit fortkugelt, und springe vom Backofen herunter, aber – Prosit die Mahlzeit! – nicht etwa auf die Diele, sondern in den einen Backtrog, der da auf den Stühlen steht. Das alte Möbel kommt natürlich ins Wackeln; ich fahre mit den Händen in der Luft herum, als wolle ich Mücken fangen, kann aber das politische Gleichgewicht nicht wiederfinden, falle also vornüber und schlage wie ein Dampfhammer in den zweiten Backtrog. Der hat sich das Ding auch nicht vermuthet und fährt vor Entsetzen so ganz außer Rand und Band, daß wir im nächsten Augenblicke alle Sieben miteinander und durcheinander unten auf dem Boden liegen, nämlich vier Stühle, die zwei Backtröge und ich.“

„Beim Scheine der Lampen und Laternen findet man sofort meine Spur, weil ich bei jedem Schritte Stücke von dem mir anklebenden Kuchenteige verloren habe, und nun steht die Rotte Korah, Dathan und Abiram unten in der Küche und reißt alle möglichen schlechten Witze über mich. So hänge ich also droben und lasse den ungebackenen Rosinenkuchen mir langsam an den Beinen herunterlaufen“ ...

Geldfund, „die Anderen machen Augen wie die Wagenräder“, 'Happy End' ... „Da hängt der Himmel voll Baßgeigen; zum Aufräumen ist keine Zeit; wir haben mehr zu thun; es wird gegessen und getrunken, geschwatzt und gelacht, gejubelt und – Geld gezählt“ ... Es bleibt wieder ein fader Nachgeschmack; was ist das für eine Basis, wenn Lebensglück nur aufgrund äußerer (materieller) Umstände zustande kommen kann ...

 

OTTO-VICTOR-FRAGMENT

Fragment von 1874. Vier Jahre später sollte daraus „Ziege oder Bock“ werden, mit ganz ähnlichem, aber doch überarbeiteten und inhaltlich abgeänderten Beginn. Auch "Auf der See gefangen" beginnt sehr ähnlich. Karl May hat eigene Entwürfe immer wieder überarbeitet und unterschiedlich verwertet.

Der „alte Knaster“ und sein Diener scheinen ja der Leserschaft bereits bestens bekannt zu sein, wenn der Autor dem Leser ein „Halt ! das ist ja unser alter, guter Knaster mit seinem Confusionsheinrich !“ in den zwischenrufenden Mund legt.

Auch hier bekommen wir wieder, wie in „Ziege oder Bock“ und "Auf der See gefangen", die Geschichte von der hübschen Witwe erzählt, aber auch hier eben wieder nicht zuende. Und so, wie die besagte Geschichte immer mitten im Satz endet, so auch das hier vorliegende Fragment.

 

RACHE oder DAS ERWACHTE GEWISSEN

Ob die Geschichte „Das Gewissen“ (oder auch "Rache oder Das erwachte Gewissen") von Karl May ist, darüber ist man sich nicht einig. Es fällt schwer, sich ein klares Urteil bilden.

Am Beginn der Erzählung kann man den Eindruck haben, es mit einem anderen Autor zu tun zu haben, Karl May fängt seine Geschichten nicht so abrupt an, ist nie so gleich mittendrin in Handlung und Dialog. Später erinnert der Stil denn doch an unsern guten Karl, auch Motive und Figuren.

Am Ende dann wieder der Eindruck wie vom Anfang, die Sache geht irgendwie doch recht holterdipolter zu Ende, wieder nicht so recht Mays Handschrift, wie auch die Einteilung in die vielen Kurz-Kapitel bzw. Textabschnitte.

Es kann natürlich gut sein, dass er ganz am Anfang seiner Laufbahn, und die Geschichte ist ja sehr früh datiert, noch teilweise anders schrieb als später.
Lassen wir’s offen.

Enthalten ist die Geschichte in Band 72, „Schacht und Hütte“.


 

DIE UNIVERSALERBEN

Bei aller Absurdität eine sehr bemerkenswerte, ungewöhnliche Geschichte mit mancherlei Deutungsebene. Ebenso teilweise zynisch und infam wie menschlich und liebevoll daherkommend. Daß das friedlich beieinander existieren kann, war May zeitlebens wohl bewußt (es steht auch etwas ähnliches im Text, „Herr Hildebrandt hat wie jeder andre Mensch ein Herz, in welchem Liebe und Haß hart neben einander wohnen“), und daß die Welt ein Narrenhaus ist, ebenso. Beides wird in dieser Geschichte deutlich, wie unter dem Vergrößerungsglas.

Erstaunliche Sätze fallen auf: „Es ist ihr, als sei sie in der Heimath angelangt.“ (als die Frau am Haus des scheinbar Verstorbenen ankommt)

und

"Ihr Haß war kein lebenslänglicher wie bei den zwei ausgestopften, deren Manen - wir wiederholen es - das Firmament gnädig sein möge. - - -"

dürfte als Schlußsatz für eine "Humoreske" auch als ungewöhnlich zu bezeichnen sein.

In der Bearbeitung („Die Erben wider Willen“, in Band 47) ist der Schluß geändert, und die jungen Leute gehen nicht nach Amerika, sondern ziehen zu den Alten (!), außerdem ist die eine oder andere Gemeinheit abgemildert (so wird im Original ein Pudel an die Wand geworfen, „daß die Knochen krachen“).

I

Der männliche Protagonist dieser Erzählung „weiß nicht mehr ganz genau, wie alt er ist“ und besitzt achtzehn Hunde; sein weibliches Pendant „kann nicht mehr sicher sagen, seit wann sie die Zwanzig überschritten hat“ und besitzt Katzen, „ein ganzes Bataillon“.

„Herr Hildebrandt hat wie jeder andre Mensch ein Herz, in welchem Liebe und Haß hart neben einander wohnen; die Liebe gilt ausschließlich seinen Hunden, die sie ihm auch erwiedern und der Haß der ganzen übrigen Welt, von der er nicht das Mindeste sehen oder hören mag.“

Die beiden „sind die einzigen Ueberreste einer sonst vollständig ausgestorbenen Verwandtschaft, und der überlebende Theil müßte also eigentlich den andern beerben. Um das nun zu hintertreiben, haben Beide adoptirt, er nämlich einen früheren Zögling des Wiesenthaler Waisenhauses, welcher auf den Vornamen Paul hört, und sie ein Mädchen aus derselben Anstalt, welche Pauline heißt, notabene nicht die Anstalt, sondern das Mädchen.“

„Woher aber so viel Haß bei so viel Aehnlichkeiten?“ Das mag man sich gar manches Mal fragen im Leben ... Man sieht halt Spiegelbilder, und die sieht man nicht immer gern.

„Sie wohnten Beide in Wiesenthal und hatten einander unendlich lieb. Er war der stattlichste junge Mann und sie das hübscheste Mädchen in der Runde. Wenn er mit seinem Wachtelhündchen sie besuchte, so empfing sie ihn mit tausend Küssen und zog ihn neben sich auf das Sopha. Das Hündchen saß dann, von ihrer weißen Hand gestreichelt, auf ihrem Schooße, und ihre dreifarbige Cyperkatze sprang auf seine Schulter, machte einen Chimborassobuckel und zog ihm den langen Schwanz liebkosend über das Gesicht. Das war eine selige Zeit.“

„Es gab nicht etwa große Sünden gegen Liebe und Treue, sondern jene kleinen, häßlichen Alltägeleien, welche das Gemüth verbittern, wie ein schleichendes Gift die Zufriedenheit zerfressen und langsam aber desto sicherer zum unvermeidlichen Bruche führen.“ So ist das.

„Um das Herz des Verbitterten legte sich eine Rinde, welche von Jahr zu Jahr stärker und härter wurde, bis er es selbst glauben mußte, daß seine Liebe sich in den grimmigsten Haß umgewandelt habe.“

Ärger und Aufregung um eine in der Tür eingeklemmte Katze, „Die Hausthür ist kein Schwanzfutteral, das muß die Doris wissen, und wenn sie ihn dennoch hineinsteckt, so kann ich nichts dafür. [...] Also meine Zunge hat weniger Recht wie ein Katzenschwanz! Der darf sogar zwischen die Thür gesteckt werden, ich aber soll mich nicht vertheidigen? Dieses Leben habe ich satt!“

„Der Mensch ist oft ein recht wunderbares Geschöpf, das schließlich der selbsterfundenen Unwahrheit Glauben schenkt.“

Diener Christian „schleudert den Pudel an die Wand, daß alle Knochen krachen“, das ist erstens nicht sehr schön und zweitens einem Hunde liebenden Herrn gegenüber einigermaßen unrealistisch.

Heiratsantrag unter den Dienstboten; „Eine kräftige Umarmung besiegelt den süßen Bund“, dabei haben sich die beiden am gleichen Tag erst kennengelernt ....

„Sie glauben, nicht erkannt worden zu sein, haben sich aber geirrt, wie aus den Blicken des Pärchens, dessen Augen ihren hastigen Bewegungen verwundert folgen, zu ersehen ist. Der Mond ist ein zwar langjähriger Vertrauter der Liebenden, hat aber auch seine schwachen Augenblicke, in denen sein Licht das Plaudern nicht lassen kann.“

 

II

„Sie mußte wissen, daß ich mir unsre Entzweiung so tief in das Gemüth nehmen würde“ sinniert Hildebrandt ...

„Er stößt den Hund, welcher ihn liebkosend umstreicht, unwirsch von sich, ein Fall, der außerordentlich zu nennen ist, und greift nach der Photographie.“

Beide erhalten die Todesnachricht des anderen ...

Erinnerungen; „da tritt es ihm feucht und warm in die Augen und er muß sich niederlassen, um auszuruhen, nicht von dem heut zurückgelegten Wege, sondern von der inneren Qual so langer, langer Jahre.“

„Kaum weiß er, was er jetzt beginnen soll. [...] Er, der Menschenscheue, geht in die Stadt, sich einen Fuhrmann zu holen, der die Katzen nach der Station bringen soll.“

Auch die Gegenseite sinniert ... „Wie lieb ich ihn gehabt habe, den Treulosen! Ich sehe es jetzt täglich an der Größe meines Hasses.“

„Er ist todt und ich habe ihn nicht zuvor gesehen; er ist schon begraben und ich bin nicht dabei gewesen? Welch eine Beruhigung wäre es für mich gewesen, mit eigenen Augen zu sehen, daß mein Todfeind keine Macht mehr über mich hat!“

„Es ist ihr, als sei sie in der Heimath angelangt“ heißt es als sie dann am Haus des vermeintlich Verstorbenen steht ...

„Ihr habt den Herrn verloren,“ spricht sie tröstend zu den Hunden, „als könnten sie ihre Worte verstehen“ ... Die Menschen pflegen kräftig zu projizieren, und merken es nicht ...

„Sie schlägt die Hände vor die Augen und weint, weint bitterlich über ihre Verblendung, so daß die Hunde sie ganz verwundert anblicken und ihr herzzerreißendes Schluchzen mit keinem Laute unterbrechen.“

„Sie [...] steigt, als der Zug kommt, mit einem Gefühle ein, als sei sie durch den Schmerz um den Verstorbenen und die Reue über ihre Fehler von einem Drucke befreit, dem sie im Laufe der Zeit ganz sicher noch erlegen wäre.“

 

III

„Aber wenn mir diese fortgelaufenen Kreaturen wiederkommen, so nehme ich sie nach der Reihe her und schlage sie todt, einen nach dem andern.“ Wir beobachten: zu Beginn der Erzählung war die Liebe Hildebrandts zu hundert Prozent bei den Hunden und zu null Prozent bei den Menschen. Im Zuge seiner Herzöffnungsaktivitäten verlagern sich diese Verhältnisse ...

„Ja, die Einsamkeit stimmt das Herz feindlich und verdüstert die ganze Seele, so daß die Augen wie durch schwarze Gläser blicken!“

„Nach Wiesenthal ist er? Da ist mir die Anzeige hier im Orte zu umständlich, zumal wir eine schlafsüchtige Polizei haben. Ich werde ihm schleunigst folgen und mich dort an einen tüchtigen Beamten wenden!“ Das ist dieser allgemein zu beobachtende Irrtum, daß die Leute meinen, bei ihnen wären die Dinge minder gut als anderswo ... bzw., woanders wären sie besser ...

Schließlich kommen Hunde und Katzen zusammen, „und was nun folgt, ist mit der Feder nicht zu beschreiben.“

Und auch unsere beiden Menschen haben ihre überwindbaren Schwierigkeiten, „Sie nähern und sie weichen sich wieder aus; unendliche Furcht, unendliche Hoffnung blickt und strahlt aus ihren Mienen, bis sie endlich das Vertrauen fassen und sich einander in den Armen liegen.“

Christian und Christine profitieren von der 'neuen Menschlichkeit', „Die so ganz wider alle Erwartung für ihre That Belohnten sind unendlich beschämt und vermögen kaum, ihren Dank zu stammeln“.

„Im Frühjahre ist, ungefähr wie man es in manchen Romanen findet, Doppelhochzeit gewesen.“

„Die beiden Häuschen unweit Wiesenberg und Wiesenburg wurden verkauft mit sammt der ganzen Einrichtung, von der nur Weniges behalten wurde, nämlich der ausgestopfte Wachtelhund und die präparirte Cyper, welche nun von einer Pfeilerkonsole gar ernst herniederblicken auf die beiden glücklichen Menschen, welche sich einst so sehr zu hassen vermeinten und doch im tiefen Herzen sich ungeminderte Liebe bewahren. Ihr Haß war kein lebenslänglicher wie bei den zwei ausgestopften, deren Manen – wir wiederholen es – das Firmament gnädig sein möge. – – –“

 

DIE VERHÄNGNISVOLLE NEUJAHRSNACHT

Dies ist die Vorgängerversion der "Beiden Nachtwächter", mit anderen Namen und in einigen Punkten anders gestaltet als die ausführlich ausgearbeitetere spätere Version.

Reize und Auswirkungen eines beträchtlichen Sich-vollaufen-lassens schildert Karl May kenntnisreich und trefflich.

"In Birkenstein war gestern Sylvester, und darum schreibt man in Breitenfeld heut den ersten Januar."

Ein Pferdeomnibus verkehrt zwischen den beiden Orten, jede Nacht ein mal, "Allerdings liegt eben keine bewundernswerthe Weisheit darin, den Omnibus grad zu einer Zeit loszulassen, in welcher es keinem vernünftigen Menschen einfallen wird, ihn zu benutzen". Das ist absurd, aber so geht es halt zu in der Welt ... Übertreiben veranschaulicht. (Christoph F. Lorenz kreidet May in der Nachbesprechung zu der Geschichte in GW Band 84 die Absurdität der Angelegenheit an, das muß er bitt'schön der Welt ankreiden ...)

Und wie es ebenfalls so ist in der Welt, es herrscht Zwietracht zwischen den beiden Orten ... "Diese nachbarliche Freundschaft feiert ihre schönsten Triumphe im 'wilden Manne,' welcher grad auf halbem Wege zwischen Birkenstein und Breitenfeld liegt und wo die beiderseitige Jugend sich an jedem Sonn- und Festtage bei Musik und Tanz versammelt, um sich am Schlusse des Vergnügens noch ein Wenig bei den Ohren zu nehmen." Schlägereien gibt's, heißt das, weniger verharmlosend ausgedrückt.

"Und die Flasche?" - "Sie ist voll: ein Nösel Nordhäuser und für sechs Pfennige Rum hinein." - "Gut! Es ließe sich sonst gar nicht aushalten bis früh um Viere!" Bergmann rüstet sich, assistiert von seiner Frau, zum Dienst ...

Die Beschreibung des fatalen Mannes könnte von Wilhelm Busch sein, bzw., der zeichnet, wie May beschreibt, "zwei lange dürre Beine schieben sich hinter dem Kachelgebäude hervor; ihnen folgt eine undefinirbare Panzerform, aus welcher ein Paar hagere Arme um sich greifen" ... aber eine Formulierung wie "einer Nase, an welcher der Nordhäuser ein wahrhaft überwältigendes Exempel statuirt hat" läßt sich besser schreiben als zeichnen.

Er greift zur Mokkakanne, "um sich der lieben Cigorie mit einem solchen Eifer hinzugeben, daß er dem erquickenden Inhalte der Kanne gar bald auf den Grund gekommen ist."

"Darauf erhebt er sich, um seine Wächtergarderobe anzulegen und dabei aus dem steifen Panzer zu fahren, der seine Vorderseite kugeldicht in Verwahrung nimmt. Diese räthselhafte Schildkrötenschale ist nämlich früher einmal eine blaue Leinwandschürze gewesen; da aber die Hausfrau mit dem Ausbessern der Löcher zu viel Zeit versäumt, so ist der praktische Tischlermeister auf den glücklichen Gedanken gekommen, sich selbst zu helfen und die Flickflecken gleich aufzuleimen. Aus diesem Grunde durfte die Schürze niemals einer Wäsche unterworfen werden, was der Nachtwächterin allerdings nicht unangenehm war, und so kam Flecken immer wieder auf Flecken, bis ein Harnisch fertig wurde, den die Franzosen anno Siebzig getrost einer ihrer Panzerlocomotiven hätten umhängen können." Lorenz weist auf das Korrespondieren dieses "Panzers" zur Charakterpanzerung Bergmanns hin.

Daß "Kirche" sich auf "Nachbars Jürge" reimen soll, versteht man auch nur in Sachsen ...

"Alle Wetter, Alte; du bist wirklich nicht ganz so dumm, wie ich immer gedacht habe!" sagt Bergmann zu seiner Frau, immerhin kann man ihm nicht Unaufrichtigkeit ankreiden.

Bei Grundmanns geht's anders zu, "In dem kleinen, traulichen Stübchen ist Alles so sauber und blitzeblank, als sei die Wirthschaft eben erst im Laden gekauft worden, und wer nun gar in die vollen, runden Gesichter der beiden Leute blickt, welche hier ihr Wesen treiben, dem kann es nicht entgehen, daß in dem kleinen, einstöckigen Häuschen Glück und Zufriedenheit ihre Wohnstätte aufgeschlagen haben." Fein. Man kennt indes Fälle, da sieht "die Wirthschaft" zwar auch aus, als sei sie "eben erst im Laden gekauft worden", was indes ganz im Widerspruch zur desaströsen inneren Befindlichkeit der dort wohnenden sowie der Qualität ihres Zusammenleben steht bzw. als eine Art Ersatz dienen muß, Fundament, Stabilität und geordnete Verhältnisse gleichsam vortäuschend.

Grundmann hat im Gegensatz zu seinem Widerpart offenbar ein Bewußtsein der Lächerlichkeit des Konflikts ("ich habe leider einmal so einen ärgerlichen Charakter und falle deshalb jetzt auch ganz und gar vom Fleische!" ... "lachte er, indem er sich liebevoll mit beiden Händen über das runde Bäuchlein streicht") und ist in der Lage entspannt damit umzugehen.

Der Fritz "hat sogar so etwas Vornehmes mit von der Wanderschaft gebracht; wer ihn nicht kennt, der glaubt gar nicht, daß er ein einfacher Tischlergeselle ist", sagt die Frau; ihr Mann hört offenbar eine Portion kritischen Subtext heraus und entgegnet "Nicht wahr, so Etwas fällt Euch Weibern gleich in die Augen?! Nenne Du es meinetwegen immerhin vornehm; es ist ganz gut von ihm, daß er sich für sich hält und von den Ausgelassenheiten der Andern Nichts wissen mag".

Grundmann wird positiv geschildert, sein Alkoholkonsum nicht 'negativ besetzt'. Nach beträchtlicher Zecherei "wird es ihm so altconservativ zu Muthe, daß er sich am liebsten gleich auf die Thürschwelle setzen und Denkübungen halten möchte".

Auch bei den Honoratioren ("Sie sinnen hin, sie sinnen her, Es spricht bald Dieser und bald Der, Und ist das Sinnen und Reden aus, So gehen sie so klug wie zuvor nach Haus"; es hat sich nichts geändert ...) wird weiter ordentlich eingeschenkt, "und als er endlich zu seinem größten Erstaunen bemerkt, daß die Anwesenden alle um ihn herum zu tanzen beginnen, hält er sich zu solid für so eine ungewöhnliche Ausgelassenheit und macht sich kopfschüttelnd von dannen".

"So kurios ist es ihm noch niemals weder im Magen noch im Kopfe oder sonst irgendwo gewesen, und er sieht sich den unbeschreiblichen Gefühlen seines Herzens vollständig rathlos gegenüber" ...

Erwachen im 'Omnibus', "Er beginnt, sich zu regen, da jedoch die Bank nicht an allzu großer Breite leidet, so gleitet er von derselben herab und fällt auf den harten Boden".

"Und wer bin ich denn eigentlich?" Ein Kernsatz zu Karl May ... Die Welt kann einen schon verwirren ...

Er ist nicht da, wo er meint zu sein, und empört sich über den, der sich ganz korrekt verhält ... "Halt, Bursche, ich will Dich lehren, hier den Nachtwächter zu spielen und mich mit Deiner Schachtelmannsschnarre zu foppen!"

Das aufrichtige Bekenntnis "Mir fällt es gar nicht ein, den Bergmann blos zu spielen, denn ich bin er doch leibhaftig" nützt dem betreffenden zunächst gar nichts ...

"Höre, Schatz, laß die Komödie nun endlich einmal aufhören! Ich bin eine alte, seelensgute Haut und lasse mir wohl auch 'mal einen Spaß gefallen, aber er darf nicht in die Länge gezogen werden" verlangt treuherzig der sich irrende ...

Grundmann wird eingesperrt und kann entweichen, er wirft sich gegen die Tür bis diese aufbricht, "und der ehrsame Schneidermeister und Nachtwächter Eduard Ludwig Grundmann aus Breitenfeld liegt zum zweiten Male im Schnee, jetzt freilich sehr zufrieden mit dieser Demuth predigenden Stellung."

Nun ist es an Bergmann, die gleiche Geschichte zu erleben, "Es wird ihm ganz seltsam und possirlich unter der Mütze; die treue Schnarre in der Hand, schießt er im Zickzack von der einen Straßenseite immer auf die andere hinüber, und endlich fühlt er das unwiderstehliche Bedürfniß, sich niederzusetzen, um die aufrührerischen Gedanken wieder in die gehörige Ordnung zu bringen".

Auch er nimmt im 'Omnibus' Zuflucht, "Es raschelt und rumort noch einige Secunden in dem Wagen, und dann ist Alles still". May schreibt von Menschen, als schreibe er von Ratten. Aber immerhin mit einem wahrnehmbaren gewissen abgeklärten Augenzwinkern.

Bergmann erlebt mit Grundmann im Nachbardorf was dieser mit ihm im andern Dorf erlebt hat, "Bergmann weiß, daß er in Birkenstein vorhin ganz genau dieselben Worte zu Grundmann gesagt hat; die Sicherheit des Letzteren macht ihn stutzig" ...

Die schlagende Uhr, die anderes verkündet als das wessen man sich sicher wähnt, hat etwas Kafkaeskes an sich ... "Der Schreck fährt ihm in alle Glieder und färbt sogar die Nase weiß, wie man sehen könnte, wenn es nicht gar so finster wäre."

"Und das Alles hat er vorher im Wagen ganz genau geträumt, nur daß die Rollen umgewechselt waren; denn das sieht er ein, daß er den Grundmann in Wirklichkeit gar nicht arretirt haben kann." Und auch diese 'Erkenntnis' ist wieder falsch ... "Wie so ein Traum doch in Erfüllung gehen kann, und unglücklicher Weise mit ganz verkehrtem Gesichte!"

Daß der Schluß mit seinem simplen 'Happy End' in "Die beiden Nachtwächter", einer anderen Version der Geschichte, von May wesentlich geschickter vorbereitet wurde, sieht Christoph F. Lorenz in GW 84 richtig.

 

DIE VERHEXTE ZIEGE

Scheinbar harmloses Geschichtchen um den „kleinen Unterschied“, bei Ziege und Bock in dieser Geschichte ganz wesentlich auch darin zum Tragen kommend, daß letzterer eher keine Milch gibt.

Es fällt doch auf, daß May bei aller scheinbaren „Ach wie lustig“-Stimmung dieser Geschichten ihnen auch durchgehend, vielleicht mal mehr, mal weniger bewußt, einen ziemlich unangenehmen Beigeschmack gibt; sind es mehrmals rein zufällige Geldfunde, die ein Zusammenfinden und eine Heirat junger Leute ermöglichen, einmal eine Erpressung, so ist es hier gar eine Wette. Das Mädel (sie soll einen anderen heiraten, aber das will sie verständlicherweise nicht - „das kleine, fünfzigjährige Backäpfelmännchen“) darf ihren Liebsten bekommen, da ihr Vater (er, wie sein Widerpart, eine Art verkrachte Existenz - "Alle Welt wußte, daß er das Seminar verlassen hatte, weil seine Begabung nicht hinreichend gewesen war. Holfert hatte die Universität besuchen sollen, aber leider davon absehen müssen, weil mit dem Tode des Vaters ihm die nöthigen Mittel entzogen waren.") eine Wette verloren hat. Da muß wohl der Autor traurige Erfahrungen in seinem Leben gesammelt und sich eine recht skeptische Betrachtungsweise der Dinge angewöhnt haben.

Die Hauptfigur Hampel ist wieder eine jener Mayschen Wilhelm-Busch-Figuren, wie sie in den Humoresken des öfteren auftauchen, "Eine weiße Zipfelmütze kam zum Vorschein, darunter eine fürchterliche, scharf gebaute Nase, dann eine dünne, schiefe Linie, im gewöhnlichen Leben Mund genannt, ein aufwärts gebogenes, spitzes Kinn, ein weit hervortretender Kehlkopf, eine hochrothe Gesundheitsflanelljacke, zwei unendlich lange Beine in einer weiten, schlingernden Negligéhose" ...

Der Tod der Ziege (der ihr Strick zum Verhängnis geworden ist) wird der Dienstmagd angekreidet, "sie hat darauf zu sehen, daß so ein unerhörter Selbstmord nicht vorkommen kann".

Die Lokalität 'Drei Schwanen' kennen wir aus des Erzählers Geburtsstadt.

Um Latein und Homöopathie geht es, "gelehrige" Themen, über die man sich, wie die Erfahrung lehrt, durchaus in den Haaren liegen kann, wie es ja auch in dieser Geschichte der Fall ist ...

Tochter Anna will den Lateiner und nicht "Koggelmann, das kleine, fünfzigjährige Backäpfelmännchen" ...

Hampel, als der "eifrigste Zeitungsleser des Ortes", pflegt bei der "politischen Sitzung um den Stammtisch" ... "gewöhnlich das endgiltige Wort auszusprechen". Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Hampel hatte "das Seminar verlassen [...], weil seine Begabung nicht hinreichend gewesen war. Holfert hatte die Universität besuchen sollen, aber leider davon absehen müssen, weil mit dem Tode des Vaters ihm die nöthigen Mittel entzogen waren. Nun lag sich die Gelehrsamkeit der beiden Männer in den Haaren, und es hatte hier am Stammtische schon manche heiße Schlacht gegeben". Zwei Möchtegerne ganz unterschiedlicher Art halt ...

"Er Sprachverderber", wer's sagt ist es selber, pflegt es halt gemeinhin nur nicht zu merken ...

Muntere Verwechslungs-Spielchen um den kleinen Unterschied, "Kaum war er hinein, so kam Einer um die Gartenhecke herum, knüpfte die Ziege los und befestigte ein anderes gehörntes Individuum an ihre Stelle."

"Ihr habt alle Beide den Verstand verloren! Hinunter in den Stall, rasch, sofort; ich werde Euch lehren, eine Ziege für einen Bock zu halten!" So ist das in der Welt ... der Irrende sieht Fehlverhalten nicht gern bei sich sondern im Außen ...

Und wenn er dann doch mit der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert wird haut es ihn aus den Pantinen, "Als Anna nach einiger Zeit in seine Stube blickte, sah sie die Spitze der Nachtmütze unter der weit emporgezogenen Bettdecke hervorragen. Der Schreck hatte ihn vollständig überwältigt und in die Federn getrieben."

Mehrmaliger Austausch, "das mannhafte Thier schien sich an die ungewohnten Excursionen zu gewöhnen." Allein wegen dieser nahezu unnachahmlichen Formulierungen würde es sich lohnen, Karl May zu lesen (wenn man denn eine "Ader" für so etwas hat).

Bemühtes, etwas aufgesetzt wirkendes 'Happy End'.

 

DIE VERWÜNSCHTE ZIEGE

Die Anmerkungenn zu der Geschichte dieses Namens findet der geneigte Leser weiter oben unter dem anderen Titel, „Die verhexte Ziege“. Zu „Die verhexte Ziege“ wiederum lässt sich eigentlich gar nichts schreiben, da der Text der Fassung dieses Namens nicht mehr zugänglich ist.

Nun mag der eine oder andere einwenden, er habe doch „Die verhexte Ziege“ im Weltbild-Band „Die Fastnachtsnarren und andere Erzählungen II“ gefunden. Ja, so weit, so gut, aber so einfach ist die Realität nicht, und bei Karl May (und Weltbild ...) schon gar nicht.

Es handelt sich um zwei Fassungen, von denen die eine, „Die verwünschte Ziege“, im Weltbild-Band fälschlicherweise unter dem Titel „Die verhexte Ziege“ angegeben ist.

Sie fühlen sich auf den Arm genommen ? Aber nicht doch. So vertrackt kann die Wirklichkeit sein. Lesen sie mal die Verwünschte Ziege. Oder die Verhexte, wenn Sie sie finden. Auch dort sehen sie, wie schon Hanns Dieter Hüsch sagte: die Realität ist viel kabarettistischer, als wir sie überhaupt betreiben und beschreiben können. Aber wir können es ja zumindest versuchen.

Weltbild-Verlag und diese Internetpräsenz setzen so den "Schwank aus dem wirklichen Leben" in gewisser Weise fort.

;-)

 

WANDA

Dieser Geschichte, einer seiner frühesten, merkt man an, daß Karl May hier sozusagen noch übt, es sind zwar interessante Motive und spannende Momente enthalten, aber es fehlt der rechte 'Fluss', und von seinem späteren, herrlichen Stil ist er noch weit entfernt. Da fehlte noch das Selbstbewußtsein dessen, der weiß, daß er es kann.

Zunächst wird die Titelfigur beschrieben bzw. erweist sich auch als: selbstbewusst, mutig, klug, einsichtsfähig, großer Gefühle fähig, gefasst, beherrscht, verspielt, sehr klar im Kopf, 'cool', burschikos, hemdsärmelig, in allen Sätteln gerecht, eigenwillig, eine starke Natur, aber offen für Erschütterungen und neue Entwicklungen, künstlerisch veranlagt, gegenüber Extremen verschiedenerlei Art mit keinerlei Berührungsängsten ausgestattet, kaltblütig, differenzierungsfähig.

Im Laufe der Geschichte hat man ein wenig das Gefühl, ihr Autor verliere sie als Person ein wenig aus den Augen, das anfänglich recht beeindruckende Bild wird farbloser.

Am Ende erleben wir eine wundersame Wandlung:

"Ich werde nie, nie wieder so sein, wie ich gewesen bin, sondern fein gehorsam und demüthig. Heut, als ich da oben auf dem Rande der Gondel saß und sah, mit welcher Sicherheit und welchem Muthe Du handeltest, um mich zu retten, und als Du dann auf so lange Zeit meinen Augen entschwunden warst und ich mich so allein fühlte in der öden, gefährlichen Höhe, da fühlte ich, welch ein schwaches Wesen ich bin und gelobte, Dir unterthan zu sein allezeit"

und

"Ich bin Dein für's ganze Leben, mein Emil. Gehe mit mir, wohin Du willst; ich folge Dir."

Das ist nun freilich ein starkes Stück. Und wert, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet zu werden.

Zum einen als kompromisslose Entscheidung für eine Person mit allen Konsequenzen in Ordnung und letzten Endes so ungewöhnlich nicht, nur von einer Frau, wie sie vorher beschrieben wurde, nicht gerade zu erwarten.

Zum anderen ist diese extreme und zu vorher gezeigtem Wesen nicht recht passende Reaktion möglicherweise ein redaktioneller Eingriff nach damaligem Zeitgeschmack.

Oder May selber hat hier seine Figur in vorauseilendem Gehorsam Verleger- und / oder Publikumswünsche bedienend, sozusagen verraten, hat sie nicht konsequent bis zum Schluß durchgehalten, sich bzw. sie verbiegen lassen.

Oder aber: er wollte die Extreme bewusst zeigen. Daß möglich ist, dass jemand, der so stark und eigenständig erscheint, sich dieser Selbstbestimmtheit freiwillig begiebt.

All dies ist möglich. Oder eine beliebige Mischung aus alledem.

Die Fassung in Band 72 der GW „Schacht und Hütte“ ist bearbeitet, worauf im Vorwort ausdrücklich hingewiesen wird, man betrachtete die Erzählung in ihrer ursprünglichen Form als sozusagen nicht genießbar. (Wer sich an der Widerspenstigen wirklich krassen Zähmung am Ende des Originals allzusehr stört, wird hier vielleicht einigermaßen entschädigt, die ganze Angelegenheit erscheint etwas wohl gefälliger sein sollend abgemildert, wie so oft.)

Frauenfiguren namens „Wanda“ [oder Wanka] in abgewandelter Form werden einem in späteren Werken Karl Mays noch öfter begegnen (vgl. Figurenlexikon auf den Seiten der Karl May -Gesellschaft). Daß die gleichnamigen Wesen, auch wenn sie ganz unterschiedlich angelegt sind, einen beträchtlichen "gemeinsamen Nenner" haben, sollte eigentlich klar sein, indes hat dafür selbst unter intelligenten Menschen offenbar nicht jeder ein Gespür.

 

ZIEGE ODER BOCK

Wenn man in der Vorrede in Band 79 gerade gelesen hat, daß der „Studentenkarl“ dieser Geschichte wohl ein (hübsch retuschiertes) Selbstbildnis des Autors Karl May ist, und dann zu Beginn der Geschichte liest, daß auch ein „Konfusionsheinrich“ und ein „Krakehllinchen“ dort vorkommen werden, dann denkt man unwillkürlich an Heinrich Gotthold Münchmeyer und Emma Pollmer, aber um die handelt es sich bei ihren Namensvettern bzw. assoziiert Verwandten dann doch nicht.

Wir haben es hier wieder mit der hinlänglich bekannten Geschichte um die vertauschte oder auch verwünschte Ziege zu tun, nur diesmal mit dem „alten Knaster“ und seinem Diener, ausführlicher ausgebreitet, und bezüglich der stammtischklamottenhaften Handlung um Geschlechtliches gelegentlich noch etwas drastischer und deutlicher werdend.

Bedauerlich, dass die als sehr penetranter 'running gag' wohl an ein Dutzend Mal begonnene Geschichte von der schönen Witwe nie zuende erzählt wird, man hätte wirklich gern gewusst, wie es weitergegangen ist.

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EIN FANG

Diese kleine Geschichte von gut einem Dutzend Seiten Umfang beschloß seinerzeit die älteren Ausgaben von Band 72, "Schacht und Hütte". In neueren Ausgaben ist sie nicht mehr enthalten, da die Autorschaft Karl Mays umstritten ist. Schade eigentlich; wenn man seinen vergilbenden Band eines Tages aus simplen ästhetisch-optischen Gründen durch eine neuere Auflage ersetzt, warum soll man dann auf die Angelegenheit verzichten.

Roland Schmid erläutert in einer Vorbemerkung zunächst autobiographische Bezüge, es geht um die May-Themen Arretierung und Polizeiaufsicht, und auch Alkohol spielt eine nicht unwesentliche Rolle.

Recht hämisch und menschenverachtend kommt der Erzähler in dieser Geschichte daher. Er versetzt sich gekonnt hinein in seine Figuren, aber das in einer Weise, die alles andere als warmherzig wirkt. Diese Haltung begegnet einem öfter bei Karl May, aber sonst nicht so unverhohlen wie es hier wirkt.

Da ist eine mitleidlose Kälte wahrnehmbar, der dumme Polizist wie der arme Tropf von Büroassistent (diese Berufsbezeichnung wird in den Schlußversen wörtlich 'besungen'), der Erzähler schaut sie sich an, mit einem mephistopheleschen Röntgenblick, und bleibt ganz neutral; daß der eine in dramatischer Situation gezwungenermaßen seine Frau im Stich lassen muß und schier verzweifelt dabei, wird allenfalls als halbwegs lustige Begleiterscheinung der Handlung sozusagen achselzuckend registriert.

Selbst die Geburt des Kindes und die anschließende traute Idylle, man hat nicht den Eindruck, daß es den Erzähler berührt, "Ein rührender Anblick ! Hättest du es sehen können, armer Appellationsgerichtssecretariatsassistent ! Und hättest du es gesehen, o Schnapski !" Nun ja.

Und wie der vor Rührung Tränen vergießende Gefängniswärter Sander beim Kindtaufschmaus geschildert wird, "das treue Antlitz geneigt, die Unterlippe herabhängend", das könnte in seiner distanzierten Kälte eher von Thomas Mann sein als von Karl May. Den man sich trotzdem als Autor der Erzählung gut vorstellen kann, May 'unplugged', wenn man so will.