EIN STÜCKLEIN VOM ALTEN DESSAUER

Bei Karl May wird oft und gern gut gegessen, so auch zu Anfang dieser Geschichte, und es menschelt auch des öfteren schon mal kräftig. So gönnt der Fürst seinem Hauptmann und später auch noch einem weiteren Gast, den er spontan dazulädt, deren guten Appetit, und die Fettflecken von des Fürsten Fingern auf einem Schriftstück werden auch nicht vergessen zu erwähnen.

Dann hebt einmal mehr (wenn man schon andere Varianten dieser Geschichte oder deren ähnliche gelesen hat) die bekannte Verkleidungsgeschichte an, und auch der Pflaumendiebstahl ist wieder dabei. Arretiert wird der Fürst auch wieder. Vorher geht es allerdings erst noch gemütlich ins Gasthaus, und dann sperrt der Verurteilte selber die Leute ein, die das mit ihm tun wollten, und verteilt, in Mayscher Jovialität und Großzügigkeit, Kleingeld unter den Gassenjungen.

Alsdann wird auf freilich sehr martialisch-hemdsärmelige Weise „Gerechtigkeit“ geübt, aber immerhin, einen nicht uninteressanten Satz gibt der alte Haudrauf noch von sich: „Ihr Weibsvölker könnt zehn Wochen lang immer in einer Tour fortschwatzen; aber grad dann, wenn’s am nötigsten ist, da steht die Mühle still.“

Und dass er so ein harmlos-gemütlicher Kerl nun auch nicht ist, daraus machen weder er noch sein Autor einen Hehl:

„Und einen Blick über die Andern werfend, setzte er mit erhobener Stimme hinzu: "Eigentlich wollte ich mir ein Dutzend Rekruten mitnehmen, und es sind auch einige ganz prächtige Himmelstürmer da; aber weil ich 'mal bei Laune bin, soll der Würgengel heut an ihnen vorübergehen. Will Euch die Freude nicht verderben; sollt heut Alle lustig sein."“

Da erweist sich denn die lustig-idyllische Volkstümlich- und Gemütlichkeit doch als allzu trügerisch und, ein bisschen tiefer hingesehen, wertlos.

(Die Geschichte ist in GW Band 84 abgedruckt und eine frühe Kurzfassung des späteren, umgestalteten und erweiterten „Pflaumendiebes“.)

 

UNTER DEN WERBERN / INCOGNITO

Der Mutter Röse werden wir später in Jefferson City, wo sie Thick heißt, wiederbegegnen, dem Pferdebezwinger auch des öfteren. Die Verkleiderei und Verwirrerei wird sich als roter Faden durch das Gesamtwerk ziehen, Sicherheit ist nirgends. Der Alte (Dessauer) ist ebenso unerträglich wie originell und witzig, so was hat man schon mal häufiger. Die interessanteste Figur in dieser Geschichte ist Mamsell Rosine, Minna Ey und Josefa Cortejo lassen grüßen, und die Schilderung ist ebenso einfühlsam-anteilnehmend wie menschenverachtend und zynisch. Das geht nicht zusammen ? Doch, bei Karl May schon.

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Klaus Eggers hat in seinem Beitrag für das Karl May –Handbuch zu dieser Geschichte Hervorragendes geschrieben, das hier zitiert sei:

„Verdopplung und Parallelität sind neben szenischem Aufbau, Wechsel von spannender Handlung und komischen Einlagen, Rollenspiel und Rollen in der Rolle, […] Verstellung und Apotheose des wahren Ichs Elemente der Erzählung, auf die May in späteren Werken immer wieder zurückgreifen wird.“

Auch weist Eggers sehr beachtenswert darauf hin, dass Fürst Leopold als eine „sozial aufgewertete“ Spiegelung von Mays Vater gesehen werden kann, so würde sich auch das Verharmlosen des Düstereren, Bedrohlichen und Abzulehnenden erklären, was ja in den Dessauer-Geschichten sensiblere Gemüter wirklich einigermaßen irritiert.

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Interessant ist, zu beobachten, wie ganz unterschiedlich Leute an gewisse Dinge herangehen. Da haben wir einmal die tiefblickenden Anmerkungen von Klaus Eggers, Hermann Wohlgschaft und anderen zu Karl Mays Dessauer-Geschichten; z.B. kann man nach dem Hinweis, dass Fürst Leopold auch als eine Spiegelung von Karl Mays Vater gesehen werden kann, mit den Geschichten deutlich mehr anfangen als zuvor. Auf der anderen Seite meint Christoph E. Lorenz im Reprint „Unter den Werbern“ auf S. 122 wörtlich, „Überhaupt muß vor allzu hintergründigen Interpretationen der doch recht harmlosen Geschichte […] gewarnt werden“. Nun, jeder nach seiner Facon. Indes erinnert diese putzige „Warnung“ ein wenig an den Witz mit den beiden Cowboys, wo einer den anderen, nachdem der ihm gesagt hat, zwei mal zwei sei vier, erschießt und das anschließend mit den Worten „Er wusste zuviel“ kommentiert ... Lieber noch eine Prise Eggers (aus der alten Auflage des Handbuchs): „Mit aller gebotenen Behutsamkeit ist auf die zweifellos vorhandenen biographischen Einflüsse hinzuweisen, so zum Beispiel auf die zahlreichen Verwandlungs- und Verkleidungsszenen, in denen sich der Exsträfling May tagtraumartig aus seiner Existenz flüchtet und vom Unbekannten zum bewunderten Helden avanciert“.

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Man könnte davon ausgehen, es bei "Incognito" mit dem gleichen Text wie im Fall von "Unter den Werbern" zu tun zu haben, also lediglich einer Titelvariante. Davon kann aber keine Rede sein. Eine Vergleichslesung des Anfangs von "Incognito" (im Band "Fürst und Leiermann" der Illustrierten Ausgabe) mit "Unter den Werbern" aus dem KMG-Reprint ergibt handfeste Änderungen.

"der" statt "der guten", "recht lebhaft" statt "lebhaft", "Es war ja heute Wochenmarkt" statt "Es war heut ja Wochenmarkt", "zu welchem" statt "an welchem", "aus allen Richtungen herbeiströmten" statt "herbeiströmten", "um" statt "entweder um", "Gewerbefleißes" statt "Gewerbfleißes", "für ihre wirthschaftlichen und häuslichen Bedürfnisse" statt "zur Befriedigung ihrer wirthschaftlichen, häuslichen und persönlichen Bedürfnisse".

Wohlgemerkt, das obige waren die Textänderungen des ERSTEN ABSATZES, der sechs bzw. acht Zeilen umfasst.

Der zweite, elf Zeilen umfassende Absatz von "Unter den Werbern" fällt in "Incognito" unter den Tisch, dafür fehlt der Satz "Daß die Mutter Röse etwas urwüchsig derb war, erhöhte ihre Popularität nur noch mehr", der in "Incognito" steht, in "Unter den Werbern".

Man kann, gelinde gesagt, verblüfft sein. Zu Mays Lebzeiten erschienene unterschiedliche Fassungen DER GLEICHEN GESCHICHTE unterscheiden sich ja offenbar genauso stark wie Bamberger Bearbeitungen von Fassungen letzter Hand.

Mal schauen was bei weiterem Vergleichslesen noch zutage treten wird (das Weitere liest man eventuell später).

 

DIE DREI FELDMARSCHALLS

Diese Geschichte führt uns nach Gartow, immerhin ein Ort, an dem Karl May eines der zahlreichen Schock-Erlebnisse seines Lebens widerfuhr, und nicht, wie offenbar seichtere Gemüter das zu sehen und zu beschreiben pflegen, eine „lustige Episode“.

Daß der Alte (Dessauer) unleserlich schreibt, sein eigenes Gekrakel nicht lesen kann, und sich bös darüber beschwert, weil er in dem Moment nicht weiß, dass das seine eigene Schrift ist, ist ja noch halbwegs lustig, dass er auch, nachdem man ihn darauf aufmerksam gemacht hat, bei Wut und Ungerechtigkeit bleibt, ist eher etwas einfallslos seitens des Autors bzw. dumm und platt seitens seiner Figur und beschreibt nur Willkür und Machtmissbrauch, ganz ohne sympathische Züge dabei. Hier übt Karl May sozusagen noch; von Charme, Witz und Reiz späterer Texte ist nur sporadisch etwas zu bemerken.

Immerhin gibt es eine für Karl Mays Verhältnisse recht emanzipierte Anna in dieser Geschichte, ein überraschender kleiner Lichtblick.

Schein und Sein, Verkleidungen, Austauschbarkeit, einmal mehr Karl Mays Themen. Makaber: der inkognito reisende Fürst soll festgehalten werden in Gartow, seinem Autor geschieht später am selben Ort gleiches.

Insgesamt stört an den Dessauer-Geschichten, dass Karl May sich hier scheinbar von einer plumpen Ruckzuck-Mentalität und unsensiblen Grobheit zeigt (durch den Blickwinkel seiner Hauptfigur freilich), die gar nicht zu ihm passt. Die ebenfalls frühen Dorfgeschichten wirken viel feinfühliger.

 

DER PFLAUMENDIEB

An diesem vermaledeiten Fürsten hat Karl May ja ganz offensichtlich einen Narren gefressen. Ein oder zwei Geschichtchen dieser Art hätten eigentlich völlig gereicht (statt derer neun), es ist ja nun auch wirklich immer wieder dasselbe in Grün, und ein Stück wollte er auch noch schreiben über diesen vermeintlich ach so lustigen Menschen. Der geht einemhauptsächlich auf den Wecker, und wenn auch die erste Anekdote in dieser Geschichte offenbar überliefert ist (das ist auch nicht unkomisch: der alte Kommisskopf unterbricht in der Kirche die Predigt, weil er sich angesprochen fühlt …), das weitere wirkt doch einmal mehr wie banales Kasperltheater.

Eine Art Übersprungshandlung fällt auch auf: Unmittelbar nachdem der alte Haudegen mit den Worten „Hm, wegen der ließe ich mir am Ende auch mal Urlaub geben von der Anneliese“ auch im Alter noch vorhandenen Appetit verraten hat, geht es ans der Geschichte den Titel gebende Früchte naschen. „Vorwärts, hinüber; ich muß Pflaumen haben !“ Diese kleine Pikanterie hat der Bearbeiter in GW Band 42 offenbar nicht bemerkt, die Stelle steht unverändert so da, während z.B. aus harmlosen Jesuiten in der Erzählung „nachspionierende Verwandtschaft“ wurde.

 

DER SCHEERENSCHLEIFER

Mays Dessauer-Geschichten „arbeiten durchweg mit einem festen, relativ eng begrenzten Handlungs-Repertoire, das in wesentlichen Grundzügen aus den von May benutzten Vorlagen stammt“, heißt es im Handbuch richtig, und deshalb ist es auch relativ mühsam und, sehr ungewöhnlich bei May, gelegentlich regelrecht unerquicklich, sie in immer neuen Variationen zu lesen, auch wenn „größere Anschaulichkeit der Figurenzeichnung und die zunehmende Farbigkeit der Situationskomik“ in dieser, langen, Geschichte zu beobachten sein mag. Die allzu beschränkte Ruckzuck- und Haudrauf-Mentalität des alten Knasters (der Dessauer, nicht May) ist denn auf die Dauer doch recht lästig.

 

FÜRST UND LEIERMANN

Unter den eh recht belanglosen Dessauer-Geschichten eine der belangloseren.

Als am Anfang der Fürst ein knieend betendes Mädchen im Wald entdeckt, ihr spontan Hilfe zusichert und dabei auch mal weichere Züge seinerseits sichtbar werden, denkt man noch, das könnte mal interessanter werden, aber allzu bald landet die Geschichte im üblichen Dessauer-Fahrwasser von Altherrenhumor, Werberverharmlosung sowie Verkleidungsgekasper nach immer gleichem Muster.

Gerhard Klußmeier weist im vorzüglichen Reprint "Unter den Werbern" der KMG darauf hin, daß die Geschichte, von der der Fürst innerhalb der Erzählung genüßlich berichtet (Verrat von versteckten Soldaten an suchende Werber durch Benutzung des Leierkastens), aus der Varnhagen-Biographie stammt.

Daß der Leierkasten gleichsam „von selbst“ den Dessauermarsch spielt, obwohl der Alte das erst gar nicht will, ist eine hübsche Idee, ansonsten ist in dieser Geschichte nicht allzu viel zu entdecken.

 

EIN FÜRST-MARSCHALL ALS BÄCKER

Wer diesen Text im Original lesen will, stößt im Reprint "Unter den Werbern" der Karl-May-Gesellschaft, wo er abgedruckt ist, auf ein Kuriosum: da von den Ausgaben der Zeitschrift, in der der Text seinerzeit erschien, zwei nicht mehr auffindbar sind, fehlt der Originaltext an zwei größeren Stellen, und wird dort durch die Wiedergabe des Textes aus dem bearbeiteten Band "Der alte Dessauer" vom Karl-May-Verlag ergänzt. Dabei wird darauf hingewiesen, daß in der bearbeiteten Fassung Namen geändert und Dialoge gestrafft wurden.

Ulrich Schmid weist in der Besprechung der Geschichte im Karl May -Handbuch sehr schön auf die hinter der "Gemütlichkeit" lauernde Gewalttätigkeit hin.

Karl May hat in den Dessauer-Geschichten versucht, und es ist ihm nicht immer sonderlich überzeugend gelungen, sich den Fürsten, in dem man, worauf Klaus Eggers und auch Hermann Wohlgschaft hinwiesen, ein verfremdetes Spiegelbild von Mays Vater sehen kann, gleichsam schönzuschreiben. Oder aber es war ihm durchaus bewußt, daß das eigentlich nicht so recht geht, und daß es sich bei solchem Trachten um Beschönigen und Unter-den-Teppich-kehren handelt. Auch das ist denkbar. Zuzutrauen ist ihm durchaus, eine Art Experiment veranstaltet zu haben, bei dem er sich gefragt haben wird, wieviel Prozent seiner Leser wohl den etwas beunruhigenden Hintergrund hinter der oberflächlich vermeintlich lustigen Fassade wahrnehmen würden.

 

PANDUR UND GRENADIER

Dies ist, neben „Ein Fürst-Marschall als Bäcker“, eine weitere Dessauer-Geschichte, deren Originalfassung heute nicht mehr komplett vorliegt. Die KMG behilft sich bei ihrem Abdruck im Reprint „Unter den Werbern“ damit, dass sie an den fehlenden Stellen den Text der bearbeiteten Fassung aus dem Jahrbuch von 1919 einfügt.

Gerhard Klußmeier weist im Reprint auf Parallelen zum „Weg zum Glück“ hin, dessen Beginn wie auch die Figur des Peitschenmüller finden wir in dieser Geschichte vorausgeformt. Außerdem gibt es, wie in den „Deutschen Helden“, eine Figur namens Steinbach, und die schlägt einem Gegner in Old Shatterhandiger Weise die Faust an die Schläfe, wie schon Fürst Leopold in „Der Amsenhändler“.

Beim Hinweis auf die bearbeitete Version der Geschichte im Jahrbuch von 1919 findet sich auch die Anmerkung, dass, unter anderem, „gewollte Wortspiele Mays einfach weggelassen“ wurden, wie auch später in der Ausgabe der „Gesammelten Werke“.

Wolfgang Sämmer weist im Handbuch noch darauf hin, dass (neben dem Fürsten auch) der Erlenmüller Züge von Mays Vater trägt.

 

DER AMSENHÄNDLER

Die Ignoranz des Fürsten, der in seiner Borniertheit auch vor Prügeln nicht haltmacht, wenn andere einen weiteren Horizont haben als er selber, mag man kaum mitansehen bzw. -lesen, und komisch ist es auch kaum, selbst wenn der Disput um die nach Ansicht des Fürsten mit Musik zu füllenden Pausen in der Musik stellenweise nicht unoriginell ist, „Weshalb stehen sie denn da, als um geblasen zu werden !“, die Pausen nämlich.

Und wieder geht es um die Soldatenwerberei; dass es da auch um Leben und Tod geht, wird zwar ganz klar gesagt, aber das Ganze trotzdem wie immer verharmlost und verjuxt.

Unter all dem dummen Zeug, das die Hauptperson dieser Geschichten redet, findet sich denn doch einmal eine kleine Perle: „Ich bin ein guter Kerl, ein seelenguter Halunke, aber wenn ich einmal den Rappel kriege, so hält es kein Mensch mit mir aus, nicht einmal ich selber !“ Das verdient denn doch, protokolliert zu werden.

Dann gibt es, in diesen Geschichten erstaunlich, eine rührende Szene, ein junger Mann verbittet sich zu weit gehende Beleidigungen, und erwischt den Fürsten bei seiner Ehre. Von Tränen ist gar die Rede bei dem jüngeren.

Hernach gerät die Angelegenheit zwischenzeitlich zum bloßen Klamauk, der Fürst landet nacheinander im Sirup- und Mehlfaß, und dann folgt unversehens eine interessante Stelle: „Leopold machte keine Umstände mit ihm, versetzte ihm einen Schlag an die Schläfen, dass er besinnungslos niederstürzte“ – aha, ein früher Old Shatterhand.

Und dann das übliche, irgenwie immer etwas beunruhigende „Happy End“, das mit seinen schalen Nebengeschmäcken eigentlich so recht nie ein solches ist. Da wird übertüncht und unter den Teppich gekehrt, dass es sozusagen nur so brummt. Aber das soll gesellschaftlich so üblich sein, auch heute noch.