AN DEN DRESDNER ANZEIGER

Dieser Text, den Karl May dem „rund sechzig Jahre alten, unverheirateten Fräulein“ M. Silling, die im „Dresdner Anzeiger“ eine Art Rezension zu „Und Friede auf Erden !“ veröffentlichte, verbal um die Ohren geschlagen hat, ist äußerst chauvinistisch sowie hochmütig, und er ist großartig. Man lese ihn am besten gleich komplett, auf den Seiten 181-186 des Bandes 85 der GW, „Von Ehefrauen und Ehrenmännern“, ist er abgedruckt.

Auszug:

„und wenn ich an anderer Stelle das 'thou' dem 'you' einmal gegenübersetze, so geschieht es in einer höchst wichtigen, psychologischen Absicht, für welche Fräulein Silling kein Verständnis besitzen kann. Psychologische Rätsel durch verbotene persönliche Fürwörter zu beleuchten, das sind ja böhmische Dörfer! Wenn ich in meinen Erzählungen, um das Verhältnis zwischen Geist und Seele deutlich zu machen, das Innere des Menschen in mehrere befreundete oder gar verwandte Personen spalte, so habe nur ich allein, nicht aber diese Dame, die Anrede zu bestimmen, welche diesem Vergleiche angemessen ist.

Und hier bin ich bei dem Punkt angelangt, bei welchem gewissen Leuten der Verstand stehen zu bleiben pflegt. Daß dies auch bei Fräulein Silling geschehen ist, kann mich nicht wundern, nachdem ich gelesen habe, mit welcher majestätischen Handbewegung sie die plebejische Broschüre Max Dittrichs von sich abgewiesen hat. In diesem Büchlein steht sehr deutlich zu lesen, daß man in meinen Büchern auf jene Stelle zu achten habe, von welcher an nur noch 'innere Ereignisse Geltung haben'. Da aber diese Dame während ihres ganzen Aufsatzes nur auf Äußerlichkeiten trumpft und von der 'Seele' eines Buches nicht die geringste Ahnung zu haben scheint, so wird es am besten sein, hierüber wohl zu schweigen.“

Und auch der Schluss, der sich dann nicht mehr auf Fräulein Silling bezieht (entsprechende Damen bei den Tageszeitungen sind übrigens heutzutage eher jünger, aber nicht minder oberflächlich), verdient, zitiert zu werden:

„Ich gehe meinen eigenen Weg, einen Weg, den noch niemand vor mir beschritten hat. Er ist einsam, und ich mute keinem Menschen zu, mir zu folgen. So verlange man auch nicht von mir, hinter anderen herzulaufen. Ich störe und beleidige keinen; man lasse auch mich in Ruhe! - - -"

Sehr nachvollziehbar, Einsicht ohne Bitterkeit, Konsequenz, Freiheit.

 

 

AN DIE 4. STRAFKAMMER

Hier geht es, nach "Ein Schundverlag und seine Helfershelfer", noch einmal um Lebius, noch ausführlicher, somit um jede Menge Schmutz und Schlamm. Interessant, was Lebius so alles von sich gegeben hat. In "Die Zeugen Karl May und Klara May" ist es indes abstoßend bzw. fad, was sich die beiden alten Bittermänner da so um die Ohren schlagen.

Diese ganze Litanei mit den hunderten Punkt für Punkt aufgeführten Vorwürfen, man mag es kaum lesen. Unerfreulichst.

Interessant S. 357 (Band 83 GW). Bis ungefähr dahin mochte man die Schrift aus oben genannten Gründen allerdings eher überfliegen als Zeile für Zeile lesen.

Das ändert sich dann ab S. 361, wenn es um Emma Pollmer geht. Es tut zwar nahezu weh, wie er da seine Ehe einmal mehr, wenn auch sicher nicht ohne gute Gründe, in den Dreck zieht, aber da muß man durch. Reizvoll zu lesen ist es dennoch.

S. 364: wie nachvollziehbar. Es kommt alles wieder. Aber schnell sind wir auf S. 368 oben.

"Nun schlugen die Münzen beim Zählen laut klingend aneinander und drüben lag der alte sterbende Mann" (S. 368), der vortreffliche Octave Mirbeau ist in "Balzacs Tod" in seiner schriftstellerischen Phantasie noch einen Schritt weiter gegangen.

Daß Karl May ein gerüttelt Maß selbst mit "schuld" war am Desaster, zu dem sich seine erste Ehe bald entwickeln sollte, ist auch nicht zu übersehen, zum Lesen "zwingen" wollte er sie (S. 371), wie soll denn so etwas gutgehen.

Auch in dieser bitteren Schrift blitzt stellenweise Mayscher Humor auf, S. 379 oben gefällt, dieser Stil ...

Interessant, auf S. 386 zu lesen "Frau Plöhn [...] gehörte aber leider zu denen, die meine Bücher zwar gerne lesen, aber das, was ich in die Tiefe lege, nicht sehen und erkennen". Und auch der Satz "So sind in hunderten [...]" usw. berührt aufs Neue.

Eine interessante, nüchterne Erklärung zum Spiritismus finden wir auf S. 389.

Der Stil in Emma Pollmers zitierten Erklärungen erinnert teilweise doch stark an Karl May selber (z.B. S. 420). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. - Die Pollmerschen Memoiren, die laut S. 438 angedacht waren, hätten wir gerne gelesen, mit allen interessanten Einzelheiten.

Dann wieder Lebius und nochmal Lebius, bis zum bitteren Ende. "Ich denke, es wäre für ihn am besten, er ließe seine Angreifer unbeachtet, anstatt sich über deren Gebelfer fortwährend aufzuregen" wird der "berühmte Psychologe und Folklorist" (S. 451) Dr. Friedrich Krauß auf S. 453 zitiert; hätte May sich doch an diesen weisen Ratschlag gehalten, anstatt in Sachen Gebelfer seinen Kontrahenten in nichts nachzustehen.

"Ich kann nämlich gar nicht telefonieren" (S. 459) ... Solche Formulierungen tragen nicht dazu bei, die Glaubwürdigkeit der Ausführungen zu erhöhen. Man ist froh, als endlich Schluß ist. Aber das "1911, den 3. Dezember" unter dem Text vermag traurig zu stimmen. So nah dran am Tod, und, sozusagen, kein bißchen weise.

 

AN DIE DEUTSCHE PRESSE!

In diesem Text von 1907 geht es, Jahre nach den ersten Angriffen, einmal mehr oder auch immer noch um die leidigen Themen Vorlegen der Originalmanuskripte der Münchmeyer-Romane, vermeintlich von anderen hinzugeschriebene Stellen sowie die von May teils (vielleicht) in Übersensibilität mit paranoiden Zügen, teils in taktischer Raffinesse ersonnene Verschwörungstheorie (Cardauns und Münchmeyer bzw. Fischer in einem Boot).

Noch einmal: die Originalmanuskripte lagen nun einmal nicht mehr vor. Selbst wenn gewisse Stellen durch Dritte hinzugeschrieben worden sein sollten, was nicht ausgeschlossen werden kann, entkräftet das nicht den berechtigten Cardaunsschen Vorwurf, dass sich Karl May in den Münchmeyer-Romanen eben von einer ganz anderen Seite zeigt als man es sonst von ihm kannte. Und die Verschwörungstheorie verkennt die etwas differenzierter zu beurteilende nicht unkomplizierte Sachlage in vereinfachender, simpel parteiischer Weise.

 

AN MEINE LIEBEN GRATULANTEN

„Ein ernster Tag für jeden, der gewöhnt ist, nachzudenken“, fürwahr. Zumal wenn man allein ist, äußerlich und innerlich, wie es Karl May oft ergangen sein wird, nicht an diesem seinen 61. Geburtstag, zu dem der hier besprochene Text entstand, aber so manches mal davor vermutlich schon. Auch die „Fülle lieber Gaben“, „Blumen und Geschenke aller Art“, wird es nicht immer gegeben haben, vielleicht ein paar Floskeln auf Karten, ansonsten – Nichts.

Das Nichts, er wird es oft empfunden haben. Es birgt ja auch eine gewaltige Chance, aufzuerstehen aus inneren Ruinen, jenseits aller Illusionen zu erkennen, dass man wahre Geborgenheit letzten Endes nur in sich selber finden kann, unabhängig von Menschen. Und diese Stärke spricht aus seinem Text. Er geht seinen Weg, unbeirrt, unabhängig davon ob noch jemand ihm folgt. Die Beschwörung der Liebe seiner Leser wirkt etwas bemüht, er wird längst erkannt haben, dass das alles nur eingeschränkte Annäherungen sind, und dass der Mensch letzten Endes allein ist, „wie stets und allezeit“, wie er später in der Autobiographie schreiben wird („keine helfende Hand, kein warmer Blick, kein aufmunterndes Wort; ich stand innerlich allein, allein, allein, wie stets und allezeit“). ("Alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit vor der Barriere"; Franz Kafka, Ein Bericht für eine Akademie.)

„Ich fühle Lenz in mir. Ist meiner Jahre Zahl denn wirklich … ?“ Auch das ist schön. „Ich blieb ein Kind für alle Zeit“, schrieb er einmal. Und auch der Lenz der Jugend wird ihm lange erhalten geblieben sei
n.

Unter der Überschrift "An meine lieben Gratulanten" gibt es drei Fassungen eines Textes, den Karl May an eigenen Geburtstagen (1903 / 1906) für seine Leser verfasst hat. Nachzulesen in Band 81 der „Gesammelten Werke“.

Scheint in der ersten Fassung noch der Ton gekränkter Eitelkeit zu überwiegen, geht es in der zweiten, trotz etwas unglücklich geratenen Anfangs (Ernst, Nachdenken und Freude sind halt keine Gegensätze …) schon überzeugender in Richtung Spiritualität.

Das Herz ist der Ort, den Autor May erreichen will, unabhängig davon, ob dessen Erscheinungsformen im Norden, Osten, Süden oder Westen schlagen. Er ist mit einundsechzig jünger als mancher andere im halben kalendarischen Alter, um die Seele geht es, nicht um Zahlen und Ziffern.

Von Basra soll es über das Hohe Haus weitergehen zum Alabasterzelt, vgl. Abdruck des Gedichtes in Band 29 der GW, beachtenswert. „Im Jenseits“ und „Marah Durimeh“ blieben ungeschriebene, gedachte Bücher. Winnetou lebt, in den Herzen.

„Es war ein weiter Weg, den wir durch nun fast dreißig Bände gingen. Ich kürzte ihn Euch ab, indem ich scheinbar mit Euch plauderte. Fast hatte es den Anschein des Spazierens, das nur dem Zweck der Unterhaltung folgt. Die Klugen aber haben längst begriffen, dass dieser Weg zu ernstem Ziele führt.“ Blödelei, Plauderei, Jux, auch Zoten und sonstige Derbheiten, das darf alles sein, und schließt Ernsthaftigkeit und Tiefgang keineswegs aus.

„Wir sind es nämlich selbst, die auf uns warten. Der Weg, auf dem wir uns befinden, er führt zu unsern … Seelen.“ Karl May ist ein vortrefflicher Begleiter auf dem spirituellen Weg zu Wachstum und Erkenntnis.

Am Ende biedert er sich bei seinen „treuen“ Lesern ein wenig an, was indes vergeblich’ Liebesmüh sein dürfte …

Die einige Jahre spätere Fassung von 1906 wirkt noch um eine Spur abgeklärter; offenbar hat er gelernt, Schmerz [aller Art] anzunehmen, zu integrieren („Die Wehmut ist mir treu geblieben und führte mich ins Erdenleben bis hierher; sie wird mir treu bis an das Ende sein. Sie war mir Freundin, war mir Lehrerin, und grad durch sie hab ich den Weg erkannt“).

„Nicht rückwärts, sondern vorwärts soll er schauen, damit der Tod ihm alles wiederbringe, was ihm durch die Geburt verloren ging“. Das mag arg negativ klingen, ist indes keineswegs so gemeint (vgl. eine Passage gegen Ende von „Und Friede auf Erden“). Ein wohl ungewöhnlicher, hübscher 'Geburtstags-Satz' …

 

APHORISMEN ÜBER KARL MAY

Teilweise sehr schöne Texte. Bekannte Positionen werden erneut dargelegt, aber diesmal in einer erfreulich nüchterneren, klareren Sprache, mit weniger Pathetik und Verstiegenheit als bei Karl May sonst leider manchmal üblich, überzeugend, nachvollziehbar.

Interessant ist, dass auch in diesen späten Texten immer wieder mit Nachdruck auf die zahlreichen Reisen hingewiesen wird, die Karl May unternommen haben will, ein Beweis für die These, dass bei ihm tiefste Wahrheiten und blanke Lüge bis zuletzt Hand in Hand zu gehen pflegten.

„Die 'Reiseerzählungen' sind nur für die Seele geschrieben, nicht aber für den so genannten Geist, für den die Erziehung und Schule fast ihre ganze Kraft verwendet, während die Seele, die herrliche, das Aschenbrödel ist, um welches man sich nur vorübergehend kümmert.“

Seite 313 (Band 85 GW). Bis jetzt (und das ist immer noch so) hat der „Geist“ die Menschheit beherrscht. „Wie weit hat er uns gebracht ? Das muß anders werden !“ Nicht zur Harmonie, sondern zum Zerrbild hat die Entwicklung geführt. Ob noch etwas daraus wird, dass „sich unser Innenleben zu einem von Licht und Klarheit durchfluteten Kaisertum entwickeln“ kann ? Nur beim Einzelnen. Und das sollte auch Karl May eigentlich klar gewesen sein.

*

Hans Wollschläger meinte, so war zu lesen, dass der "Ton dieser Selbstbeschreibung" die "Grenze zur Peinlichkeit" immer wieder "rüstig und ohne Mühe" überschreite. Diese Ansicht des Hochverehrten, Gründungsmitglied der Karl May Gesellschaft und innerhalb dieser einer der Wenigen, mit dem zu beschäftigen sich lohnt, muß man nicht teilen.

 

AUCH ''ÜBER DEN WASSERN''

Einer der kleinen Texte, in denen die Weisheit Karl Mays erkennbar wird (2. Kapitel !). Er hätte wirklich (über das Gewaltige, was er geleistet hat, hinaus) ein ganz großer Schriftsteller werden können, will sagen, auch allgemein anerkannt und in seiner Bedeutung gewürdigt. (Aber ist das nötig ? ...)

Spreu und Weizen … den ersten Abschnitt (die unter dem obigen Titel in GW Band 85 wiedergegebenen Texte sind in sechs Abschnitte eingeteilt) kann man unter diesem Gesichtspunkt gleich vernachlässigen.

Der zweite Abschnitt ist das Filetstück dieser Textsammlung. Dort stehen die schönsten und beachtenswertesten Dinge. „Ich brauche weder in Amerika noch im Orient noch in irgendeinem anderen fremden Land gewesen zu sein“ usw., S. 351. „Kurz, meine Reisebeschreibungen haben als Gleichnissammlungen gelesen und auf ihren tieferen Sinn geprüft und verstanden zu werden“, S. 352. Passende Anmerkungen zu literarischer Fliegerei, S. 353. „Wir befinden uns über allem, was uns kränkt. Unser Blick ist frei geworden“ usw., S. 354. (Leider trifft das durchaus nicht immer zu …) Die „Augen eines Draisinisten“, S. 355, sehr schön; solche Augen blicken einem in zahlreichen Publikationen, auch und gerade in welchen, wo KMG draufsteht, bis heute unentwegt entgegen.

Auseinandersetzung mit dem Thema Plagiate in Abschnitt 3. Geschickt vorgetragen, wenn auch nicht immer ganz bei der Wahrheit …

„Wie kann ein solches Geisterlein“ usw., in Abschnitt 4 auf S. 365, siehe Bemerkung in Sachen Augen oben … Zutreffend ist allerdings auch „Ich bin mit meinem heutigen Artikel nicht auf der Höhe geblieben“ usw., S. 369. Das trifft in Sachen Verteidigungsschriften Mays leider allzu oft zu.

Hübsch das Rhein-Gleichnis auf S. 372 f. im fünften Abschnitt. Ebenso die Sätze vom „Abgeschlossenen“ und „Werdenden“ (S. 380 / 81).

Und aus dem sechsten Abschnitt notieren wir „er ist zu klein“ … (S. 385) Noch einmal: siehe oben …

*

Dies noch: Pollmann hat in vielem Recht ... Das sollte an anderer Stelle einmal ausführlicher untersucht werden. Mays Argumente greifen da, wo er Recht hat, sie greifen da nicht, wo Pöllmann Recht hat ... So ist es halt auf beiden Seiten oft Schwarzweißmalerei ...

 

AUS DEM LAGER DER MAY-GEMEINDE

Eine der – ziemlich belanglos wirkenden – kleinen Verteidigungsschriften. Gegen Cardauns führt May einmal mehr ins Feld, er solle doch die Münchmeyerschen Original-Manuskripte vorlegen, was natürlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, und der Vorwurf, Cardauns habe sich mit dem Hause Münchmeyer verbündet, wirkt nicht gerade eleganter.

Schade, dass Karl May die Größe fehlte, zuzugeben, dass er sich in den Kolportageromanen tatsächlich von einer ganz anderen Seite gezeigt hatte als eine breite Leserschaft es sonst von ihm gewohnt war. Was wäre denn dabeigewesen. Schlimmer als es ihm mit seiner äußerst fragwürdigen und windig wirkenden Verteidigungstaktik erging, hätte es ja nicht kommen können.

 

EIN SCHUNDVERLAG

Über die Zeit bei Münchmeyer liest es sich angenehm aus Karl Mays Feder, den mochte er, trotz allem, und das verstehen wir. Nichts menschliches war den beiden fremd, und dass Karl May später bemüht versuchte, alles allzu ardistanisch-münchmeyerische in sich abzustreifen oder auch zu verleugnen, wirkt oft aufgesetzt und unglaubwürdig.

Bei der einen oder anderen Formulierung weiß man nicht so recht, ob der Autor sich ihrer Doppelbödigkeit bewusst war, und vielleicht etwas ganz anderes und in das münchmeyerische Umfeld durchaus passende mitteilen wollte, als es zunächst den Anschein haben mag, „Er war ein außerordentlich braver Mann, der sich seiner Stieftöchter weit mehr annahm, als er eigentlich verpflichtet war“, heißt es auf S. 56 / 57 (alle Zitate nach Band 83 der GW) über den alten Reuter.

Die „Münchmeyerei“ mit ihrer etwas wurmstichigen Atmosphäre, ihren Unaufrichtigkeiten und Schummeleien hat Karl May zeitweise tief geprägt, „Ich sah fast gar nichts mehr, was geeignet war, mir Freude zu bereiten“ heißt es auf S. 59 und auf S. 64 sehr offen „Die giftige Säure hatte auch mich schon ergriffen!“ und „Ich war um keinen Deut besser als sie !“

Interessant die Ausführungen zum „Buch der Liebe“ auf S. 86 f. Wenn Karl May heute läse, wie der eine oder andere seiner treuesten und gutgläubigsten Anhänger dieses Buch aufwertet, er wäre vermutlich verblüfft ...

Lustig die Angelegenheit mit dem Klavierkäufer und der „Amazonenschlacht“ auf S. 91. Für so etwas legen also Leute noch Geld drauf. Nun, die Geschmäcker sind verschieden, man könnte, wie Karl May, auf derartiges durchaus verzichten.

Das eigentlich gute Verhältnis zwischen May und Münchmeyer wird u.a. auf S. 92 sehr deutlich.

Sehr schön die Ausführungen über Wahrheit und Objektivität auf S. 101 / 102.

„Er liebte schöne Frauen, sogar wohl mehr, als nötig war“ heißt es über Münchmeyer auf S. 106. Was alles in so einem kleinen Satz stecken kann. Ironie und augenzwinkerndes, durchscheinendes Wohlwollen, vordergründig verpackt in eine scheinbar nüchtern-reservierte Formulierung. Und formulieren konnte er, „Als ich mit dem „Heinrich“ hinüber in die Wohnung kam, war es „Pauline“ zwar nicht möglich, jenes stereotyp verlegene, breite Lächeln zu verbergen, welches auch einem geistreichen Gesicht nur übel stehen würde; aber im Verhältnis zu ihrer sonstigen Intelligenz fand sie sich doch ganz leidlich in die für sie gewiß nicht angenehme Situation“ in anderem Zusammenhang (S. 113) zergeht einem auf der Zunge. Oder die ganze folgende Passage, S. 114/115.

Und dann wieder diese höchst verfeinerte Wahrnehmung, dieser klare Blick: „In dem Augenblick, in dem sie in die Stube trat, begann die Scheidung zwischen ihr und mir, obgleich dieselbe erst zwanzig Jahre später gerichtlich ausgesprochen wurde“ (S. 116), reflexartig und einmal mehr eine Art Gänsehaut verursachend kann einem „Große Freiheit Nr. 7“ und „Stickelhörn Drei“ (mit rollendem r) einfallen; in dem Moment, wo Hans Söhnker das sagt, hat Hans Albers verloren, ab da hat er keine Chance mehr, auch wenn bis zum bitteren Ende noch allerhand Spielfilm dazwischen liegt. „Es kann Jahrzehnte dauern, ehe ein innerer Grund zur äußeren Folge wird“, ja, manchmal geht es aber auch ein bißchen schneller.

Über Ich-Derivate usw., worüber anderswo schon zu lesen war, gibt es eine sehr schöne Stelle auf S. 157 („Ich schreibe ein Werk, in dem ich mein inneres Wesen sprechen lasse“ usw.) Und bei den Ausführungen über veränderten Text auf S. 159 muß man zwangsläufig auch an andere Bücher als die Münchmeyerschen denken.

Adalbert Fischer scheint ein unterhaltsamer Gesprächspartner gewesen zu sein, wie wir S. 164/164 entnehmen. Und Karl May möge halt nicht so tun, als hätte er die „Juweleninsel“ nie geschrieben ... Es sind doch alles Spiegel, die einem im Außen begegnen.

Und als der Text mit dem 7. Kapitel so richtig interessant zu werden beginnt, bricht er mittendrin ab. Schade.

(Enthalten in Band 83 der "Gesammelten Werke)

 

EIN SCHUNDVERLAG UND SEINE HELFERSHELFER

Hatte „Ein Schundverlag“ noch einen gewissen und teilweise durchaus hohen Unterhaltungswert, so sieht es hier schon anders aus; immer wenn Karl May der Humor verlässt und er innerlich ganz klein und eng wird, ist in mehrerlei Hinsicht Schluß mit Lustig, und man kommt aus dem [inneren] Kopfschütteln kaum noch heraus.

Es beginnt mit Lobpreisungen des Mayschen Werkes, vermutlich von ihm selbst, und so sehr man sein Werk schätzen und lieben mag, was da nun steht ist doch zum großen Teil völlig übertrieben, unrealistisch, abstrus, dummes Zeug. Interessant und wahr allerdings der Hinweis (GW Band 83 "Am Marterpfahl", S. 206): „was er schildert und was er erzählt, ist hier im Vaterland zu sehen und ist hier im Vaterland geschehen.“

May lügt, auch in dieser Schrift wieder, wir kommen nicht darum herum. Nicht durchgängig aber immer wieder. Und seine Argumente sind manchmal einfach zu billig. Die Kolportageromane seien ursprünglich Reiseerzählungen gewesen, nun, im „Verlornen Sohn“ wird vielleicht mal von Dresden ins Erzgebirge und zurück gereist, aber damit hat es sich auch.

Die Sache mit den Schulmädchen wiederholt er auffallenderweise ein bisschen zu oft ...

Interessant die Erwähnung, dass er einen ganzen Haufen böser Zeitungsartikel nach Padang geschickt bekam, wo ihn bekanntlich die Krise recht heftig ereilte, eine solche kann man allerdings schon bekommen, wenn man allerhand solches, wie aus einem Füllhorn, über sich lesen muß (S. 220).

Es geht ausführlich um die Herren Adalbert Fischer und Lebius; dass er letzteren sehr ausführlich in der Ich-Form zitiert, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie; und wenn idealistisch gesonnenere Fans es nicht werden hören mögen: so weit weg waren die beiden gar nicht voneinander, und die auf S. 266 / 267 mit schlecht gespielter Empörung wiedergegebenen Witze könnten auch von May selbst sein.

Die abschließende „Rudolf-Lebius-Liste“ ist mit das absurdeste und makaberste, was je zu lesen war.

 

EMPOR INS REICH DER EDELMENSCHEN

Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf die in Band 34, „ICH“ (350. Tausend, © 1992) durch Klara May anhand des erhalten gebliebenen Stichwort-Manuskripts wiedergegebene Fassung. In Bezug auf Authentizität sind natürlich gewisse Abstriche zu machen, in Sachen Glaubwürdigkeit rangieren Klara wie Karl auf benachbarten Plätzen, und das soll kein Kompliment sein. Sie war „die Gefährtin, nach der ihn verlangte“, wie Hans Wollschläger irgendwo in beredter Kürze sehr schön schrieb, aber viel mehr eben leider auch nicht.

„Manche Gedankengänge konnten nur angedeutet werden“, schreibt Frau May eingangs, aber ob das wirklich daran lag, dass „das geschriebene Wort bei seiner eigenartigen, ungemein fortreißenden Sprechweise überhaupt nur einen schwachen Schimmer der lebendigen zweistündigen Rede selber zu geben vermag“, oder aber sie diesbezüglich schlicht und einfach überfordert war, darf einigermaßen offen bleiben.

„Ich bin aber trotz meiner 70 Jahre noch kein Gewordener“, heißt es seitens Karl May sehr schön; es gibt Menschen, die sehen so etwas als Manko an, wenn einer immer weiter sich entwickelt und wächst, das Mitgefühl mit ihnen (also mit denen, die das so sehen) mag sich in Grenzen halten.

Sehr schön S. 284. Und „Es gibt nämlich zwei grundverschiedene Karl May, eine echten und einen gefälschten, einen wirklichen und einen erfundenen“ gilt noch heute, wobei gar nicht primär die bearbeiteten Texte gemeint sind, sondern das Zerrbild, als den „man“ May kennt, von Freilichtbühnen, seltsamen Verfilmungen und dergleichen mehr.

Bei „Der Dichter ist darum zugleich auch Seher“ und „Wer nicht Seher ist, kann auch nicht Dichter sein !“ (S. 287) kann einem freilich reflexartig der köstliche Satz „Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher“ von Gottfried Benn einfallen ... [Auch wenn man selber May durchaus für einen Seher hält. Und das Bennsche Bonmot keineswegs für grundsätzlich zutreffend.]

Auf S. 289 spricht Karl May ausführlich vom Fliegen besonderer Art, welcher Satz einem dazu einfallen kann, sei dezent verschwiegen. [Und noch einmal: ein wenig augenzwinkernd herumzujuxen und gleichzeitig die Dinge um die es geht völlig ernst nehmen, schließt sich keineswegs aus ... auch das kann man z.B. bei Karl May lernen ...]

Die schönen Gedanken auf S. 289/290 kennen wir schon aus „Auch 'Über den Wassern'“ (in GW Band 85).

Das Märchen von Sitara wird erklärt, auch Ardistan & Dschinnistan. Sehr schön der Satz „Ich baute mir den Aeroplan ‚Erzgebirgische Dorfgeschichten’““ (S. 294). Dann reißt Klara in wenigen Worten offenbar interessanteste Passagen kurz an, auf S. 298 spricht sie entsprechend auch sehr ehrlich von „Worten und Gedanken, die ich leider nicht wiederzugeben vermag“.

„Amen“ soll das letzte Wiener Vortrags-Wort Karl Mays gewesen sein. In der Tat, da war sein Leben vollendet. Ein letzter schöner Triumph, das Bad in der Menge, und etwas wie Liebe, endlich, oder auch, noch einmal, eine ordentliche Portion davon. Die folgenreiche Erkältung folgte auf dem Fuße. Einer jener Zufälle, an die auch er nicht glaubte.

 


FRAU POLLMER

Man liest gelegentlich, auffallenderweise eher von Personen weiblichen Geschlechts, die Pollmer-Studie sage mehr über Karl May aus als über seine erste Frau. Bei solch etwas einseitig anmutender Betrachtungsweise kann man sich manchmal, wie es so schön heißt, 'des Eindrucks nicht erwehren', daß Fälle falschverstandener Solidarität mit dem eigenen Geschlecht, vielleicht mehr um der grundsätzlichen Solidarität als um wirklich angemessener, nachvollziehbarer Gründe willen, vorliegen ...

Karl May und seine erste Frau passten einfach nicht zusammen, die Basis für ihr Zusammenleben wird ursprünglich eine beiderseitige heftige Sinnlichkeit gewesen sein, das kann ein paar Jahre gut gehen, aber dann ist, mehr oder weniger, 'Schluß mit Lustig'. Und in einem Fall, wo die beiden Menschen so erkennbar überhaupt nicht zueinander passen und gleichsam auf verschiedenen Planeten sitzen, ist dann das Geschrei groß bzw. die Reu’ lang. Die Liebe geht, die Ehe bleibt, sagt der Volksmund, und da ist wohl etwas dran, seltene, schöne Fälle, die anders aussehen, bleiben halt die Ausnahme ...

Die beiden passten also einfach nicht zueinander, und das hat nichts mit 'Schuld' oder dergleichen zu tun. Emma Pollmer war ebenso wenig 'schuld' daran, dass sie offenbar eine geistige Null und ein Ausbund von Dummheit und Primitivität war, wie Karl May 'schuld' daran war, dass er in ihren Augen ein Bücherwurm, ein Versager, eine Lusche und was sonst noch alles gewesen sein wird. Beide hätten ihnen gemäßere Partner finden können und wären vielleicht froh und glücklich mit ihnen geworden. Jeder nach seiner Facon, und wer wertet, irrt.

 

Zunächst teilweise recht komisch …

Einige Kostproben in Sachen Humor, Ironie, Sarkasmus (usw.):

„Und von der Schwester der Frau Münchmeyer erzählten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen, daß sie sich des Abends vor dem Schlafengehen bei Licht die Filzläuse von den dicken Beinen gelesen habe; man hatte sie von den gegenüberliegenden Fenstern aus beobachtet. Und diese Schwester sollte ich heiraten ! Ich wurde des Abends zum Essen geladen. Dann gingen die Alten fort und die Tür zur Kammer mit den Filzläusen wurde geöffnet.“

„Ihr Großvater hatte nicht zuviel gesagt; sie war schön, sogar sehr schön ! Dabei so still und schweigsam ! Ich hasse belfernde Frauen und ahnte nicht, dass die Mühle nur meinetwegen stand, sonst aber immer während klapperte. […] Daher auch ihr stilles, nachdenkliches, behutsames Wesen. Sie fürchtete, dass ihr Gedächtnis falsche Sprünge machen und sie verraten werde.“

„Die Briefe, welche sie mir nach Dresden schrieb, waren so genau das Echo der meinigen, dass jeder andere angenommen hätte, sie selbst könne gar keine schreiben; ich aber hielt das, was einfach geistige Armut war, für seelische Harmonie und jubelte innerlich weiter.“ Da ist unübersehbar auch Selbstironie dabei, die man ihm ja gern abzusprechen pflegt ...

Über eine spiritistische Sitzung, in der er 'zur Ordnung gerufen' werden sollte:

„So wohnte also die ganze, liebe Familie ‚im Himmelreich’ und heut waren diese vier Engel von da droben herabgestiegen, um den verblendeten Mann ihres noch auf der Erde weilenden Kindes in das Gebet zu nehmen und ihm den Kopf zurecht zu setzen. […] Sie wurde von diesen on dit –Geistern als Engel hingestellt“ …

„Kaum waren wir da eingezogen, so stellte sich Münchmeyer als Hausfreund ein. Er brachte seine Violine mit; er war nämlich früher auch Dorfmusikant gewesen und hatte zum Tanze aufgespielt; nun gich und geigte er bei mir, und ich hatte die Ehre, ihn auf dem Piano begleiten zu dürfen. Meiner Frau aber drangen all die süßen Walzer, Rutscher und Hüppelschottische in das Herz.“

Mal ist die Ironie bitter und gallig, hier ist sie fast ein wenig liebevoll ...

„Ich zog in die Stadt herein, nach der Prinzenstraße, wo ich ein Parterre mit zwei Gärten mietete. Aber kaum war ich dort eingezogen, so kam Herr Heinrich Münchmeyer mit seiner Geige nach und das Essen und Trinken, Geigen, Liebeln und Hofieren begann von neuem.“

Man spürt, daß er Münchmeyer nach wie vor mag, eigentlich Verständnis für ihn hat, auch wenn er es vielleicht nicht zeigen will ...

Der zu Rate gezogene Hauswirt „tat mir den Gefallen, persönlich mit ihnen zusammenzukrachen und den verliebten, zudringlichen Heinrich hinauszuärgern.“
Humor, kaum 'negative' Emotion.

Er erwähnt einen Münchmeyerschen Kontoristen,

„der infolge seines Eheglücks in einer Trinkerheilanstalt untergebracht werden musste.“

„Ihr Ideal war ein immer während offenes Haus, ein Starenkasten für schwatzhafte Meisen und lockere Vögel allerlei Art, besonders aber jener Gattung, die weder arbeiten noch spinnen, und euer himmlischer Vater, nämlich ich, ernähret sie doch !“

„Sie aber hat mir nur alte, geifernde Weiber, alte, giftige Jungfern und liebestolle Personen dritten Geschlechtes in das Haus gezogen.“

Der Humor ist mal mehr, mal weniger bös' ...

Über ein anderes Ehepaar:

„Er gab ihr wegen der Ausgeprägtheit ihres Begattungstriebes den Kosenamen Kaninchen. ... Er starb vor Liebe, war aber noch lange nicht todt, so verkehrte sie hinter seinem Rücken schon mit Andern. Dann heirathete sie wieder. Auch der zweite Mann starb vor Liebe. Der dritte, den sie jetzt hat, kann nicht an dieser Ursache zu Grunde gehen, weil sie inzwischen arg verfettet ist und also dem bekannten Karnikel nicht mehr gleicht.“ Sehr böse. Und durchaus witzig.

(Zitiert nach: GW Band 85 / Internet)

 

Daß ihn in der Studie der Humor verlassen habe, liest man leider immer wieder, von Heinz Stolte bis Gabriele Wolff, auch das ist ganz falsch beobachtet. Über seine bitterbösen, originellen, ironisch-witzigen Formulierungen kann man sich köstlich amüsieren.

 

*

„Die falsche Schreibweise des Namens Nscho-Tschi illustriert Mays Aufgewühltheit beim Verfassen der Studie“ steht da in GW Band 85 in einer Fußnote auf S. 73. Nicht doch. May hat auch z.B. in Winnetou IV den Namen Sander durchgehend falsch geschrieben oder in anderen Werken dem Hobble Frank verschiedene Namensschreibweisen verpasst, das ist Unachtsamkeit, Gschlampertheit, weiter nichts. Sicher nicht 'Aufgewühltheit'.

Er nennt die Dinge beim Namen, schonungslos, auch sich selber gegenüber. Er werde als ein „grauenhafter Waschlappen“ hingestellt, schreibt er … (S. 90)

Die Darlegungen von Emmas „krankhafter“ Sexualität machen auch vor dem Thema Toilettensex nicht halt (S. 110).

Daß er die Studie „nur für mich allein“ geschrieben habe, kann man ihm nicht abnehmen, Dinge wie z.B. „Ich war damals Redacteur bei Münchmeyer gewesen“ oder „Ich hatte auf dem Jagdweg gewohnt“ muß er sich selber ja wohl kaum erzählen …

Die Darlegungen zum Spiritismus sind eigenartig, Tenor: eigentlich alles Unfug, alles nur Frau Pollmer, aber der werden dann wiederum durchaus dämonische, übernatürliche Kräfte nachgesagt …

Sehr gut der Hinweis, daß es sich um die „Gedanken des eigenen Innern“ handelt, bei dem, was da bei spiritistischen Zusammenkünften zutage tritt. (S. 103)

Eine Ehe-Hölle … wenn das mit dem „Krabbel-Brief“ so war, wie er es schildert, kann man ihm die Härte der Ausführungen durchaus nachsehen …

Seine Frau habe seinen Tod beabsichtigt und geplant, kommt mehrmals ungeschminkt zum Ausdruck. (S. 108 / 114)

Ganz arg die Zitate auf S. 116 / 117.

In Sachen Selbstmitleid ist es manchmal „einer zuviel“, das fiel schon in „Mein Leben und Streben“ gelegentlich auf, ein gewisser Hang zur Weinerlichkeit und zum Mitleidheischen. Z.B. S. 123 ff.

Seine Ehefrau mit einem „Wurm im Darm“ (S. 126) zu vergleichen, zeugt von beträchtlichem Haß … Ebenso wie „Grad ebenso verzehrt sich dieses perverse Weib nach innen ganz von selbst, wenn sie nicht stinken und nicht treiben und martern kann“ (S. 135)

„So oft ich an eine Scheidung gedacht hatte, war es stets mein erster und mein Hauptgedanke gewesen, nie wieder eine Frau, niemals !“ (S. 127)

Auf S. 141 bittet er aparterweise seinen späteren Biographen um Bearbeitung des Textes …

 

FREUDEN UND LEIDEN EINES VIELGELESENEN

Diese „Freuden und Leiden“ liegen innerhalb der „Gesammelten Werke“ in Band 79 erst seit 1997 in der Originalfassung vor, vorher gab es über Jahrzehnte nur eine stark bearbeitete Fassung unter dem Titel „Old Shatterhand a.D.“ in Band 48 zu lesen. In der Vorbemerkung zum Text in Band 79 heißt es, Absicht der Bearbeiter sei damals gewesen, den Eindruck zu zerstreuen, Karl May sei „ein pathologischer Lügner und notorischer Betrüger gewesen“. Die Darstellung sollte „zu mehr Wahrhaftigkeit“ zurückgeführt werden, und die Beweggründe für die Bearbeitung verdienten noch immer „Respekt und Anerkennung“. Jenun ...

Daß die Begebenheiten, die Karl May schildert, in ähnlicher Weise stattgefunden haben, kann man sich durchaus vorstellen. Die gedankenlos-anmaßenden Verhaltensweisen der Besucher, die nicht begreifen, dass das Objekt ihrer Neugierde auch einfach ein ganz normaler Mensch ist, der seine Ruhe haben will, und nicht ein zu bestaunender oder anzugaffender exotischer bunter Vogel, das ist so realistisch wie allgemein üblich, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Erst wenn Robert Kraft von Lindsay spricht, wird es etwas unrealistisch, und bei der Sache mit dem den Schülern vorenthaltenen Foto und der Beterei wird es dann allerdings richtig peinlich.


Über Schreiben und Stil:

„Ich habe keine Zeit, zu entwerfen, ein Konzept anzufertigen, zu feilen, zu streichen, zu verbessern und dann eine Reinschrift anzufertigen. Ich setze mich des Abends an den Tisch und schreibe, schreibe in einem fort, lege Blatt zu Blatt und stecke am andern Tage die Blätter, ohne sie wieder anzusehen, in ein Kouvert, welches mit der nächsten Post fortgeht. An den Stil denke ich dabei gar nicht. Gerade das mag wohl das richtige sein. Ich lasse das Herz sprechen und schreiben und bin stets der Meinung gewesen, daß das, was aus dem Herzen kommt, viel klüger ist als das, was der spitzfindige Verstand erst auszuklügeln hat. Weil ich meist Selbsterlebtes erzähle und Selbstgesehenes beschreibe, brauche ich mir nichts auszusinnen; das fließt so willig aus der Feder, und ich denke, daß das Feilen und Hobeln mehr verderben als bessern würde. Also, aufrichtig gesagt: Wer eine einfache, anspruchslose ungekünstelte Schreibweise kennen lernen will, der mag ein Buch von mir lesen; mehr will ich gar nicht bieten, und ich habe auch nie darnach getrachtet, ein Stilkünstler zu werden. Ich lösche lieber meinen Durst am frischen, natürlichen Quell, als aus einer Sodawasser- oder Brauselimonadenflasche.“

In „Im Lande des Mahdi I“ hat er es mal so ausgedrückt:

"Wir haben in Deutschland eine Redensart, welche lautet: Rede, wie dir der Schnabel gewachsen ist! Verstehst du das?" - "Ja. Man soll offen und natürlich sprechen." - "Gerade so schreibe ich."

Putzig das „seit wir Ihre Werke gelesen haben, sind wir keine Sozialdemokraten mehr“ aus einem Leserbrief, seltsam der Vergleich „Wenn ich vorhin gesagt habe, daß ich an einer Oper arbeite, so will ich jetzt noch eine zweite Indiskretion begehen, indem ich verrate, daß ich die Absicht habe, Winnetou auf die Bühne zu bringen. Eine gewagte Idee? O nein! Der Farbe wegen? Hat nicht Shakspeare seinen Othello geschrieben, der ein vollständig schwarzer Mensch gewesen ist? Wie? Ich sei noch lange kein Shakspeare? Gewiß; das weiß ich wohl; aber dafür ist mein Winnetou auch viel heller als sein Mohr!“

Und schließlich endet der Text, der augenzwinkernd-kalauernd begann, knochentrocken-pathetisch mit dem „Ave Maria“, auch das ist mal wieder so ganz Karl May, Albernheiten gingen bei ihm mit Tiefernstem Hand in Hand, und eine Neigung, in beiden Richtungen gelegentlich auch zu übertreiben, ist ihm auch nicht abzusprechen.

Noch einmal zurück zur Vorbemerkung in Band 79, dort heißt es zunächst, Karl May meine diesen Text „nicht ernst und wörtlich“. Einige Zeilen später heißt es, glücklicher formuliert: „… herrschen ein allgemein humoristischer Plauderton, eine Freude am satirischen Überzeichnen und ein Spiel mit Dichtung und Wahrheit vor“. Das trifft die Sache schon besser, und das gilt nicht nur für diesen Text, sondern mehr oder weniger auch für das gesamte Werk
.

 

HERR RUDOLF LEBIUS, SEIN SYPHILISBLATT UND SEIN INDIANER

Karl May konnte auch noch im Alter erfrischend grob, unfreundlich und menschenverachtend daherkommen, einige der Formulierungen in diesem Text können einem wirklich auf der Zunge zergehen, insbesondere, wenn man sie mit Indianer-Spektakeln zeitgenössischer Art in Verbindung bringt:

„dieser Indianer aber leider weiter nichts als ein herumziehender Schaubuden- respektive Schautruppentänzer ist“

„den auf allen Schaustellungen herumtanzenden und mit 'blutrünstigen' Revolvern herumknallenden Roten“

„In allen diesen Wild-West-Shows wurden die niederträchtigsten Schufte von Indianern dargestellt. Sie gaben das, was sie mimten, für Wahrheit aus. Es war unsere Pflicht, es ihnen zu glauben, und der Ungebildete glaubte es ihnen auch wirklich.… Ich kenne ehrenhafte Indianer, die sich lieber erschießen als für Geld sehen lassen würden. Diese hier aber sind wiederholt durch ganz Europa gezogen und haben überall da, wohin sie kamen, die Ehre ihres eigenen Stammes, ihrer eigenen Rasse mit Füßen getreten und uns Erinnerungen hinterlassen, für die ich nicht die richtigen bezeichnenden Worte setzen will.“

„Die Väter und Mütter schmunzelten! Ahnten diese Eltern denn nicht, dass die Seelen ihrer Kinder soeben für immer vergiftet wurden ?“

„Arme historische Gesellschaft von Ontario ! Dein Präsident tanzt für Geld auf deutschen Völker- und Vogelwiesen herum“

„Wie wir uns faulende Wurst und verdorbenen Schinken von da drüben verbitten, so müssen wir unsere Grenzen auch allen jenen verdorbenen Völkerabfällen verschließen, die uns Gift anstatt Belehrung bringen und dafür auch noch bewundert und belohnt sein wollen !“

Stellen wir uns Karl May z.B. auf dem nach ihm benannten Fest in Radebeul vor, wo sich Indianer vor Hinz und Kunz mit Kind und Kegel folkloristisch präsentieren. Doch besser, stellen wir es uns nicht vor.

 

HOCHGEEHRTER HERR REDACTEUR!

In diesem Brief geht es einmal mehr um das Thema Münchmeyer-Romane und deren angebliche Änderung durch Dritte.

"Ich bin es, aber ich bin es doch auch wieder nicht!" äußert sich May zu der Frage, ob er der Verfasser jener Werke sei, und zeigt sich damit wieder einmal recht beliebig, was indes der Realität gelegentlich durchaus angemessen ist.

Der Satz "Man treibt Maskerade mit mir selbst!" ist auch nicht übel.

Von Trivialität und Obscönität habe er sich immer ferngehalten, was die Originale der veränderten Münchmeyer-Texte betrifft, die "bestimmt waren und auch noch heut bestimmt sind, in meine "Gesammelten Werke" aufgenommen zu werden".

Diese Mitteilung wird gegen Ende des längeren Briefes noch einmal wiederholt:

"Diese "ureigensten" Werke, nämlich meine Originale, werden nach ausgekämpften Prozesse in einer Reihe von Bänden in meinen "Gesammelten Reiseerzählungen" erscheinen und genau so sittlich reinen Inhaltes wie die bisherigen sein."

Es steht also zu befürchten, daß, wenn May Zeit, Lust und Kraft gehabt hätte, die entsprechende "Rückbearbeitung" noch selber vorzunehmen, die Bände auch unter seiner Hand in Richtung gefällige Harmlosigkeit zurechtfrisiert worden wären, wie das dann später durch Andere geschah. Schade wär's gewesen; das ein wenig Chaotische, Ungezügelte, frei fließende, das ihn in hohem Maße ausmachte, kam gerade in der ursprünglichen Form zur Geltung und sorgt nicht unwesentlich für den speziellen Reiz dieser Schriften.

Und daß er "Deutsche Herzen, deutsche Helden" geschrieben habe, um "den Einfluß der deutschen Volksseele auf die Seelen anderer Völker nachzuweisen", wird er selbst nicht geglaubt haben ...

 

IST CARDAUNS REHABILITIERT?

Das ist einer jener eher unerfreulichen Texte, die der alte Mann in seinem letzten Lebensjahrzehnt als Gegenwehr gegen Angriffe aus Presse und Öffentlichkeit meinte, schreiben zu müssen. Gekränkte Eitelkeit, gekränkter Stolz, beleidigte Leberwurst und störrischer Esel, all das spricht aus diesem Text und vielen ganz ähnlicher Art, mit den Einzelheiten der Argumentation mag man sich gar nicht befassen. Und daß er seinen Gegner gebetsmühlenartig auf engstem Raum mehrmals hintereinander auffordert, doch die Originalmanuskripte der Münchmeyer-Texte vorzulegen, ist regelrecht albern, freilich hat Karl May zu diesem Zeitpunkt längst gewußt, daß es die nicht mehr gab.

 

KARL MAY UND SEINE GEGNER

Dieser Text, den Karl May offenbar selber unter dem Namen seines Freundes Plöhn geschrieben hat, ist zumindest in den Passagen, in denen der vermeintliche Plöhn einen Brief Karl Mays an ihn zitiert (in anderen eher nicht), teilweise hochinteressant und sehr schön. Einige Kostproben:

Ich schreibe nicht für die Schul-, sondern für die geistige Jugend, für die Herzen, welche nie alt werden

Unter Styl versteht man die Scheuleder und Aufsatzzügel des Autorenschimmels. Styl ist die Allerweltssauce, welche man in gewissen Speisehäusern in allen Fleisch- und Gemüsearten, ebenso zu Rindsfilet und Rebhuhn, wie auch zu Kalbsbraten und Ente bekommt.

Wie es aus denn Herzen kommt, so fliegt es aufs Papier, und geht von da wieder zum Herzen. Es ist das eine direkte Sprache von Gemüt zu Gemüt, durch keinen Styl um ihre Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit und Herzlichkeit gebracht. Ich lese keine Manuskripte noch einmal durch; ich ändere kein Wort; ich schicke es fort, wie es aus der Feder kam, und ganz genau so muß es gedruckt werden. Jede redaktionelle Änderung zerschneidet den Faden zwischen mir und dem Leser, und wenn der hochweise Herr ihn auch wieder zusammenknüpft, es entsteht ein Knoten, den ich nicht dulden kann, weil er die direkte Wirkung hemmt und stört. Hierin aber auch ganz allein hierin liegt das Geheimnis meiner bisherigen und wahrscheinlich auch späteren Erfolge. Ich künstele und feile nicht; mein Styl ist Natur. Darum wird mich jeder natürlich fühlende und natürlich denkende Leser lieb gewinnen, während die Angehörigen des alternden Federtums und alle anderen sonstigen Pedanten mich zu ihren Antipoden verweisen werden, wohin ich allerdings auch gehöre. Ich weiß, ja ich habe es sogar auch beabsichtigt, daß meine Erzählungsweise ein ganz neues Literatur-Genre bildet.

Man wird noch ganz andern und noch viel größern Unsinn über mich schreiben und auch drucken; das weiß ich schon jetzt,

Auf diese Art der Kritik, welche meine Werke verurteilt, ohne die Hauptsache für den Kritiker, nämlich ihre Vorbedingungen zu kennen, freue ich mich zwar nicht, aber ich habe auch nicht den mindesten Grund, mich vor ihr zu fürchten. Wo der Grund und Boden fehlt, fällt der Bau von selbst zusammen. Da es ihr unmöglich ist, den Inhalt zu erfassen, wird sie sich höchst wichtig mit den Nebendingen, den Äußerlichkeiten befassen, sie wird den Styl tadeln. Na, diesen Genuß gönne ich ihr sehr gern, wenn sie nur auch selber Styl im Tadel hat. Da sie meine Einleitung nicht kennt, wird sie nicht wissen, in welches Fach und da wieder in welche Büchse die Werke Mays gehören. Im großen literarischen Krämerladen muß doch Ordnung herrschen, damit, wenn der Bauer Tabak oder der Backfisch Bonbons verlangt, die Kritik in ihrer "Bücherschau" nur nach den betreffenden Kästen zu zeigen braucht. Wo nun da hin mit mir? Natürlich "Jugendschriftsteller", "Indianergeschichten"! Wie falsch, wie grundfalsch!

*

Das alles hat leider nur kaum jemand begriffen.

Erwähnens- und beachtenswert außerdem die Hervorhebung der Bedeutung der in der Tat wesentlichen 'Geographischen Predigten' sowie die Rolle des Autors May, wie er sich selber sieht, als eine Art pädagogischer Hakawati (GW 85 S. 151).

 

LEBIUS, DER 'EHRENMANN'

Teilweise waren sie sich gar nicht so unähnlich, dieser Lebius und Karl May. Auch Karl May hat sein Fähnchen gern nach dem Winde gehängt, hat sein Schreiben sehr wandlungsfähig an Verlegerwünsche anpassen können. Und sich, wie auch sein Gegner es offenbar propagierte, jenseits gängiger Moralbegriffe bewegt.

Diese Schrift ist auch alles andere als irgendwie überzeugend, kleinkariert und eng wirkt sie, so gar nicht zu Karl May passend. Die Auseinandersetzung bewegte sich ja streckenweise auf einem Niveau, dass es fast schon lächerlich ist, und kindisch und bizarr wirkt.

Am Ende, nach seitenlangem unerfreulichen Gerede, dem man gelegentlich kaum noch folgen mag, behauptet er, ihm fehlten nun die Worte, und setzt plakativ „Ich schweige !“ als Schlusswort. Na endlich, mag man fast ausrufen nach alledem.

 

MEIN GLAUBENSBEKENNTNIS

Karl May glaubt, konfessionsübergreifend, an Gott, „den allmächtigen und allweisen Schöpfer aller Himmel und aller Erden. Er thront von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er ist der Herr aller Gesetze und Kräfte und der Vater aller fühlenden Wesen!“

Er glaubt „an die himmlische Liebe, die zu uns niederkam, für die Sterblichen den Gottesgedanken zu gebären. Indem sie dieses tat, wurde sie für uns zur Gottesmutter. Sie lebt und wirkt, gleichviel, ob wir sie verehren oder nicht. Sie ist die Reine, die Unbefleckte, die Jungfrau, die Madonna!“

„Gott ist die Liebe“ heißt es auch, unvermittelt, an einer Stelle im „Verlornen Sohn“. Und diese Liebe gebiert den Gottesgedanken, d.h., Gott ist ein Bild, eine Idee, eine Abstraktion (wie es auch die Reine, die Unbefleckte, die Jungfrau, die Madonna sind), von der Liebe erschaffen, für die Sterblichen. (Die brauchen halt etwas einigermaßen Konkretes, an das sie sich halten können.)

“Ich glaube an den von ihr Geborenen, den Sohn des Vaters. Nur dadurch, daß er Mensch wurde, konnte er uns den Vater offenbaren. Und je tiefer er sich in die Menschheitsqual versenkte, um so überzeugender mußte diese Offenbarung sein.“ Anders ausgedrückt, Gott ist in uns, und je tiefer wir leiden, sinken, gucken oder graben, desto näher können wir ihm kommen.

“Ich glaube an die göttliche Gnade, die diesen Heiland nun auch in unserem Innern geboren werden läßt, um uns wie ihn durch Leid und Tod zur Auferstehung und zur Himmelfahrt zu führen. Sie wird ausgegossen über alle Welt und spricht in allen Zungen. Sie ist der heilige Geist!“ Vgl. etwa "Ich fragte zu den Sternen". Entsprechende Erlebnisse hat der eine oder andere vielleicht auch schon gehabt.

“Ich glaube an die einzige, alles umfassende katholische Gemeinde der Gläubigen, zu der ein Jeder gehört, der den Pfad des Erlösers wandelt. Das ist die christliche Kirche!“

Stören wir uns hier nicht an „katholisch“ und „christlich“ bzw. halten diese Begriffe [wie May] für relativ frei interpretierbar.

“Und ich glaube an das Gute im Menschen, an die Kraft der Nächstenliebe, an die Verbrüderung der Nationen, an die Zukunft des Menschengeschlechtes. Das ist das irdische Paradies, nach dem wir streben sollen, und in diesem Streben beginnt schon hier auf Erden die uns für dort verheißene Seligkeit!“

An das „Gute“ (neben dem „Schlechten“) im Menschen glauben, bzw. darum wissen, in Ordnung, ebenso in gewisser Weise an (um) die Kraft der Nächstenliebe (im Sinne echter, konstruktiver Anteilnahme) als vorhandene Möglichkeit, nicht aber an die Verbrüderung der Nationen und die Zukunft des Menschengeschlechtes („Edelmenschen“ gibt es nicht, gab es nicht und wird es nicht geben, das Wort ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich, der Mensch lebt halt in der Polarität), allenfalls als Idee, als Ideal, letzten Endes unerreichbar, und die Sätze um Paradies und Streben scheinen eben dies auszudrücken (der Weg ist das Ziel und letzteres eben nicht wirklich erreichbar). – (Ganz irdisch bodenständig: Es ist schön wenn der SV Meppen immer so spielt und sein Bestes gibt als gelte es, in die Bundesliga zu kommen, auch wenn er das niemals erreichen wird, er möge auch eingedenk dessen immer strebend sich bemühen, so kann Fußball richtig schön sein, und beeindruckend gute Schwingungen können durchaus auch aus dem Emsland kommen.)

 

MEIN LEBEN UND STREBEN

Interessant ist, zu lesen, was Karl May zu diesem Text an seinen damaligen Verleger Fehsenfeld geschrieben hat (nachzulesen in „Der geschliffene Diamant“, S. 74/75):

„Ich will an diesem Werk Etwas verdienen. Es wird keine Broschüre zum Hinauswerfen, sondern das wichtigste und ernsteste Buch welches ich jemals geschrieben habe. Ich denke Steif brochirt. Preis 2 Mark. Das Exemplar soll mir 50 Pfennige einbringen.“

und

„Darum habe ich das Buch nicht so geschrieben, dass es mir den Lesepleps wiederbringt, sondern so, dass es mir die Prozesse gewinnen hilft. Es hat nur diesen einen Zweck, weiter keinen, trotz des hohen biographischen und psychologischen Werthes, den es besitzt.“

„Zwischen unverhohlenem Gewinnstreben und hohen moralischen und hehren literarischen Zielen den wahren Charakter Karl Mays finden zu können, ist alles andere als einfach zu nennen“ schreibt Lothar Schmid durchaus zutreffend auf S. 76.

Das eine schließt das andere ja auch keineswegs aus. Karl May wollte Geld verdienen, seine Prozesse gewinnen, und ein wichtiges und ernstes Buch schreiben, mit hohem biographischen und psychologischen Wert. Es gibt immer mehrere Seiten einer Medaille, gleichzeitig und gleich wertig.

Der Text steht u.a. in Band 34 der Gesammelten Werke, „Ich“, sowie im Weltbild-Band.

„Mein Leben und Streben“ beginnt zunächst mit dem beeindruckenden „Märchen von Sitara“, in dem Sätze stehen, die man May so vielleicht gar nicht zugetraut hätte. Im weiteren Verlauf des Buches kommt allerdings des öfteren so etwas wie ein Hang zu Kitsch und Weinerlichkeit durch.

 

Im Einzelnen:

1. Kapitel – Das Märchen von Sitara

„Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden Weges nach der Sonne geht“, geht, wohlgemerkt. Die Reiseerzählungen spielen in Deutschland und das Märchen von Sitara auf dieser Erde ...

Ardistan ist „die Heimat der niedrigen, selbstsüchtigen Daseinsformen“, während wir es in Dschinnistan, „im Kusse des Sonnenstrahles“, mit „geistigen und seelischen Aufwärtssteigen“ zu tun haben. Den „Edelmenschen“, weil gern falsch verstanden, wollen wir hier vernachlässigen. Übersetzen wir uns Ardistan und Dschinnistan [einmal] als Unbewußtheit und Bewußtheit.

„Also in Dschinnistan Glück und Sonnenschein, dagegen in Ardistan ringsum eine tiefe, seelische Finsternis und der heimliche weil verbotene Jammer nach Befreiung aus dem Elende dieser Hölle! Ist es da ein Wunder, daß da unten im Tieflande eine immer größer werdende Sehnsucht nach dem Hochlande entstand? Daß die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen sich aus der Finsternis zu befreien und zu erlösen suchen? Millionen und Abermillionen fühlen sich in den Sümpfen von Ardistan wohl. Sie sind die Miasmen gewohnt. Sie wollen es nicht anders haben. Sie würden in der reinen Luft von Dschinnistan nicht existieren können.“

Es ist schwer, von Ardistan nach Dschinnistan zu kommen, und wird auch gern verhindert, „Alles Sträuben und Aufbäumen hilft nichts; der Arme ist dem Untergange geweiht. Und selbst wenn es ihm gelänge, aus Ardistan zu entkommen, so würde er doch in Märdistan ergriffen und nach der Geisterschmiede geschleppt, um so lange gefoltert und gequält zu werden, bis er den letzten Rest von Mut verliert, zu widerstreben.“

„Nur selten ist die Himmelskraft, die einer solchen nach Ardistan geschleuderten Seele mitgegeben wurde, so groß und so unerschöpflich, daß sie selbst die stärkste Pein der Geisterschmiede erträgt und dem Schmiede und seinen Gesellen 'aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag ruhig dankbar froh entgegenlächelt'. Einer solchen Himmelstochter kann selbst dieser größte Schmerz nichts anhaben, sie ist gefeit; sie ist gerettet. Sie wird nicht vom Feuer vernichtet, sondern geläutert und gestählt. Und sind alle Schlacken von ihr abgesprungen, so hat der Schmied von ihr zu lassen, denn es ist nichts mehr an ihr, was nach Ardistan gehört. Darum kann weder Mensch noch Teufel sie mehr hindern, unter dem Zorngeschrei des ganzen Tieflandes nach Dschinnistan emporzusteigen“.

 

2. Kapitel – Meine Kindheit

„Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers.“

„Ueberhaupt ist Weihnacht für mich und die Meinen sehr oft keine frohe, sondern eine verhängnisvolle Zeit gewesen.“ Das soll noch heute vielen ganz ähnlich ergehen, Wohlstand, gedeckte Tische, aber – Elend ...

„Meine Mutter war eine Märtyrerin, eine Heilige, immer still, unendlich fleißig, trotz unserer eigenen Armut stets opferbereit für andere, vielleicht noch ärmere Leute. Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem Mund gehört.“ In aller Deutlichkeit: das glaube wer mag ...

„Mein Vater war ein Mensch mit zwei Seelen.“ So wie wir alle ...

„Da waren wir in steter Angst, ihn zu erzürnen. Dann wehe uns! Am Webstuhl hing ein dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte 'birkene Hans', vor dem wir Kinder uns besonders scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Züchtigung im großen 'Ofentopfe' einzuweichen, um ihn elastischer und also eindringlicher zu machen. Uebrigens, wenn die zehn Stunden vorüber waren, so hatten wir nichts mehr zu befürchten; wir atmeten alle auf, und Vaters andere Seele lächelte uns an. Er konnte dann geradezu herzgewinnend sein, doch hatten wir selbst in den heitersten und friedlichsten Augenblicken das Gefühl, daß wir auf vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment einen Ausbruch erwarten konnten.“ Schon Hermann Wohlgschaft hat darauf hingewiesen: ein Abbild des „Alten Dessauers“ (wie May ihn schildert) ...

„Ich schreibe dieses Buch nicht etwa um meiner Gegner willen, etwa um ihnen zu antworten oder mich gegen sie zu verteidigen, sondern ich bin der Meinung, daß durch die Art und Weise, in der man mich umstürmt, jede Antwort und jede Verteidigung ausgeschlossen wird. Ich schreibe dieses Buch auch nicht für meine Freunde, denn die kennen, verstehen und begreifen mich, so daß ich nicht erst nötig habe, ihnen Aufklärung über mich zu geben. Ich schreibe es vielmehr nur  u m  m e i n e r  s e l b s t  w i l l e n, um über mich klar zu werden und mir über das, was ich bisher tat und ferner noch zu tun gedenke, Rechenschaft abzulegen. Ich schreibe also, um zu beichten. Aber ich beichte nicht etwa den Menschen, denen es ja auch gar nicht einfällt, mir ihre Sünden einzugestehen, sondern ich beichte meinem Herrgott und mir selbst, und was diese beiden sagen, wenn ich geendet habe, wird für mich maßgebend sein.“ Alles schön und gut, aber an Fehsenfeld schrieb er in einem Brief: „Babel und Bibel war weiter nichts als nur ein Knüppel zwischen die Beine meiner Gegner“ ...

„Das Karl May-Problem ist das Menschheitsproblem, aus dem großen, alles umfassenden Plural in den Singular, in die einzelne Individualität transponiert.“ Das ist schon richtig, vielleicht etwas anders, als es gemeinhin verstanden wird. Denken wir an Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, der probierte die Mittel an sich selber aus, um sie beurteilen zu können ... Karl May sah allerhand in sich selbst, war sehr bewußt, und verstand daher auch die anderen recht gut ...

„Die christliche Kirche nennt ihn 'Erbsünde'. Die Vorväter und Vormütter kennen, heißt, die Kinder und Enkel begreifen“ ...

„Im zweiten Stock schliefen wir mit einer Kolonie von Mäusen und einigen größeren Nagetieren, die eigentlich im Taubenschlage wohnten und des Nachts nur kamen, uns zu besuchen.“

Während andere Kinder Frösche zu quälen pflegen, wurden sie bei den Mays gehätschelt, gepflegt und beim Namen genannt, bis der Bezirksarzt diesem Treiben Einhalt gebot, „Der Tümpel wurde so weit ausgeschöpft, daß wir die Frösche fassen konnten. Sie wurden in den großen Deckelkorb getan und dann hinaus hinter das Schießhaus nach dem großen Zechenteich getragen, Großmutter voran, wir hinterher. Dort wurde jeder einzeln herausgenommen, geliebkost, gestreichelt und in das Wasser gelassen. Wieviel Seufzer dabei laut geworden, wieviel Tränen dabei geflossen und wieviel vernichtende Urteile dabei gegen den sogenannten Bezirksarzt gefällt worden sind, das ist jetzt, nach über sechzig Jahren, wohl kaum mehr festzustellen.“

Von der frühkindlichen Blindheit wissen wir; daß die Meinungen darüber heutzutage auseinandergehen und letzte Klarheit wohl nie herrschen wird, ebenfalls.

Mit der Thematik „Sein und Schein“ wurde bereits der frühe May konfrontiert: „Vater hatte zwei Paar sehr teure 'Blaustriche' gekauft. Er brachte sie heim und zeigte sie uns. Er hoffte, wenigstens drei Taler an ihnen zu verdienen. Einige Tage später lagen die blauen Federn am Boden: sie waren nicht echt, sondern nur angeklebt gewesen. Die kostbaren 'Blaustriche' entpuppten sich als ganz wertlose Feldweißlinge. Vater erwarb einen sehr schönen, jungen, grauen Trommeltäuberich für einen Taler fünfzehn gute Groschen. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, daß der Täuberich altersblind war. Er ging nicht aus dem Schlage; sein Wert war gleich Null.“

„Bei einer der Schwestern hatte sich der Blatternkranke Kopf in einen unförmigen Klumpen verwandelt. Stirn, Ohren, Augen, Nase, Mund und Kinn waren vollständig verschwunden. Der Arzt mußte durch Messerschnitte nach den Lippen suchen, um der Kranken wenigstens ein wenig Milch einflößen zu können.“ Das kennen wir aus dem „Verlornen Sohn“.

„Man hatte die Bücher nahe schon zwanzigmal durch, fing aber immer wieder von vorn an, weil sich dann immer neue Gedanken fanden, die besser, schöner und auch richtiger zu sein schienen als die früheren.“ So kann es einem noch heute mit den Büchern von Karl May gehen.

„Man sieht, daß es an Heimsuchungen, oder sagen wir Prüfungen, bei uns nicht fehlte.“

„Es darf nicht meine Absicht sein, das Häßliche schön zu malen.“ Leider hat man aber gelegentlich eben diesen Eindruck ...

Die scheintote Großmutter ... „Wie sie nur scheintot gewesen war, so hielt sie von nun an auch den sogenannten wirklichen Tod nur für Schein und suchte jahrelang nach dem richtigen Gedanken, dies zu erklären und zu beweisen. Ihr und diesem ihrem Scheintode habe ich es zu verdanken, daß ich überhaupt nur an das Leben glaube, nicht aber an den Tod.“

„Er starb und hinterließ ihr alles, was er besessen hatte, die Armut und den Ruf eines braven, fleißigen Mannes.“ Selbst in eher ein wenig pathetisch anmutenden Texten mag er gelegentlich unterschwellig auf eine Prise seines ganz eigenen Humors nicht verzichten.

„Großmutter erzählte eigentlich nicht, sondern sie schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte. Jeder, auch der widerstrebendste Stoff gewann Gestalt und Kolorit auf ihren Lippen.“ So sollte es auch sein. „Und wenn zwanzig ihr zuhörten, so hatte jeder einzelne von den zwanzig den Eindruck, daß sie das, was sie erzählte, ganz nur für ihn allein erzählte. Und das haftete; das blieb.“ Und so ist es auch bei Karl May. "Mochte sie aus der Bibel oder aus ihrer reichen Märchenwelt berichten, stets ergab sich am Schluß [...] die Mahnung, daß Alles auf Erden nur ein Gleichnis sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im niedrigen sondern nur im höheren Leben liege.“  „Großmutter war eine arme, ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von Gottes Gnaden und darum eine Märchenerzählerin, die aus der Fülle dessen, was sie erzählte, Gestalten schuf, die nicht nur im Märchen, sondern auch in Wahrheit lebten.“ Ganz wie der Enkel.

„Es gab für mich nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben, auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf den heutigen Tag. Das ist der Unterschied zwischen mir und anderen. Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern.“

„Ich blieb ein Kind für alle Zeit, ein um so größeres Kind, je größer ich wurde, und zwar ein Kind, in dem die Seele derart die Oberhand besaß und noch heute besitzt, daß keine Rücksicht auf die Außenwelt und auf das materielle Leben mich jemals bestimmen kann, etwas zu unterlassen, was ich für seelisch richtig befunden habe.“

„Kam Einer, den man nicht wollte, so machte man keinen 'Summs'; der wurde fortgeprügelt und kehrte gewiß nicht wieder. Ich aber kam nicht, und ich bat auch nicht, sondern ich wurde geholt, obgleich ich erst fünf Jahre alt war, die Andern aber dreizehn und vierzehn Jahre. Welch eine Ehre! So etwas war noch niemals dagewesen!“ Er kann es nicht lassen ... Old Shatterhand als Fünfjähriger ...

„Leider aber muß ich, ohne der Zukunft vorzugreifen, sagen, daß meine 'Kindheit' jetzt, mit dem fünften Jahre, zu Ende war. Sie starb in dem Augenblick, an dem ich die Augen zum Sehen öffnete. Was diese armen Augen von da an bis heut zu sehen bekamen, war nichts als Arbeit und Arbeit, Sorge und Sorge, Leid und Leid, bis zur heutigen Qual am Marterpfahl, an dem man mich schier ohne Ende peinigt. - - -“ Oben sprach er doch noch, einsichtig, von „Prüfungen“ ... ob er den Satz gekannt hat „Lerne leiden ohne zu klagen“ ?

 

3. Kapitel – Keine Jugend

Die Überschrift kann man, wenn man sie früh im Leben liest, für einen Druckfehler halten, um erst wenn es einem dann selber in Sachen Jugend durchaus ähnlich geht richtig zu verstehen, was 'der Dichter uns damit sagen' wollte ...

Weinerlich kommt er daher zu Beginn dieses Kapitels, mitleidheischend ...

Über Volkes sehr wandelbare Meinung in Sachen Politik hat unser Autor treffliche Beobachtungen gemacht und schildert sie überzeugend. Wie ernst man das alles nehmen und selber Stellung beziehen muß ([vorsichtshalber:] will sagen: nämlich eben nicht ...), kommt auch recht deutlich herüber ... ('Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist' ...)

„Niemand hatte das Bedürfnis, von Frau und Kindern besonders Abschied zu nehmen.“ Sie können gelegentlich fast ein bißchen weh tun, diese humorig-trockenen kleinen Bemerkungen ...

Nachdem er die miltärischen Operationen der Kleinstädter in etwa so beschrieben hat wie die in Ardistan, beim Wekil von Kbilli oder die groteske Zeremonie im „Scout“-Teil von Winnetou II, läßt er den Herrn Kantor Strauch sagen „Es ist doch etwas Großes, etwas Edles um solche Begeisterung für Gott, für König und Vaterland!“ ...

„Also Gott, König und Vaterland, in diesen Worten liegt das wahre Glück; das wollte und mußte ich mir merken! Später hat dann das Leben an diesen drei Worten herumgemodelt und herumgemeißelt; aber mögen sich die Formen verändert haben, das innere Wesen ist geblieben.“ Das verkauft er dann tatsächlich noch so, daß es sicher Leute genug gibt, die es [auch auf der vordergründigen Leseebene noch] ernst nehmen können ... auch wenn im nächsten Satz steht „Von allen, die heut ausgezogen waren, um große Heldentaten zu verrichten, kam zuerst der geliehene Gaul zurück.“

„Warum ich das alles so ausführlich erzähle? Des tiefen Eindruckes wegen, den es auf mich machte. Ich habe die Quellen nachzuweisen, aus denen die Ursachen meines Schicksals zusammengeflossen sind. Daß ich trotz allem, was später geschah, niemals auch nur einen einzigen Augenblick im Gottesglauben wankte und selbst dann, wenn das Schicksal mich gegen die harten Tafeln der Gesetze schleuderte, nichts von der Achtung vor diesen Gesetzen verlor, das wurzelt teils in mir selbst, teils aber auch in diesen kleinen Ereignissen der frühen Jugend, die alle mehr oder weniger bestimmend auf mich wirkten.“ Er hat von Anfang an die Welt gebrochen wahrgenommen, in ironischer aber auch in noch anderen Brechungen ... das Ernste im Heiteren und umgekehrt ... die Abgründe unter harmlos wirkender Fassade, die Harmonie im Leid ... ein weites Feld.

„Sie öffnete keines seiner Bücher, und seine vielen Kompositionen verschwanden, sobald sie vollendet waren, tief in den staubigen Kisten, die unter dem Dache standen. Als er gestorben war, hat sie das alles als Makulatur an die Papiermühle verkauft, ohne daß ich dies verhindern konnte, denn ich war nicht daheim.“ Siehe „In der Heimath“.

„Ich [...] schwebte mit meinen kleinen, warmen, kindlich-seelischen Bedürfnissen in der Luft.“ Fein beobachtet und formuliert.

„Jeder erwachsene Mensch und noch viel mehr jedes Kind will festen Boden unter den Füßen haben, den es ja nicht verlieren darf. Mir aber war dieser Boden entzogen. Das, was man als 'Jugend' bezeichnet, habe ich nie gehabt. Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund ist mir nie beschieden gewesen. Die allereinfachste Folge davon ist, daß ich selbst noch heut, im hohen Alter, in meiner Heimat fremd bin, ja fremder noch als fremd. Man kennt mich dort nicht; man hat mich dort nie verstanden“. Betrachten wir doch für einen Moment unsere Erde als die Heimat, um die es in diesen Sätzen geht, nicht Hohenstein-Ernstthal.

„Was hatte ich da alles durchzumachen! Alte Gebetbücher, Rechenbücher, Naturgeschichten, gelehrte Abhandlungen, von denen ich kein Wort verstand. Eine Geographie Deutschlands aus dem Jahre 1802, über 500 Seiten stark, mußte ich ganz abschreiben, um mir die Ziffern leichter einzuprägen. Die stimmten natürlich längst nicht mehr! Ich saß ganze Tage und halbe Nächte lang, um mir dieses wüste, unnötige Zeug in den Kopf zu packen. Es war eine Verfütterung und Ueberfütterung sondergleichen.“ Reines sinnfreies Faktenwissen ist halt sozusagen 'vergebene Liebesmüh'' ... Nur hat das bis heute der oder die eine oder andere immer noch nicht wirklich begriffen.

Puppentheater, Dialog mit der Großmutter: "Von diesem Holzkreuze, gehen die Fäden hernieder, die an die Glieder der Puppen befestigt sind. Sie bewegen sich, sobald man oben das Kreuz bewegt." - "Aber sie sprechen doch!" - "Nein, sondern die Person, die das Kreuz in den Händen hält, spricht. Es ist genauso, wie im wirklichen Leben." - "Wie meinst du das?" - "Das verstehst du jetzt noch nicht; du wirst es aber verstehen lernen."

Das Puppenspiel vom Doktor Faust: „ein direkt aus der tiefsten Tiefe der Volksseele heraus zum Himmel klingender Schrei um Erlösung aus der Qual und Angst des Erdenlebens. Ich hörte, ich fühlte diesen Schrei, und ich schrie ihn mit, obgleich ich nur ein armer, unwissender Knabe war, damals wohl kaum neun Jahre alt.“

„Der Göthesche Faust hätte mir, dem Kinde, gar nichts sagen können; er sagt mir, aufrichtig gestanden, selbst heut noch nicht, was er der Menschheit wahrscheinlich hat sagen wollen und sollen; aber diese Puppen sprachen laut, fast überlaut, und was sie sagten, das war groß, unendlich groß, weil es so einfach, so unendlich einfach war: Ein Teufel, der nur dann zu Gott zurückkehren darf, wenn er den Menschen mit sich bringt! Und die Fäden, diese Fäden; die alle nach oben gehen, mitten in den Himmel hinein! Und alles, alles, was sich da unten bewegt, das hängt am Kreuz, am Schmerz, an der Qual, am Erdenleid.“

„Ich mußte als Kurrendaner Sonn- und Feiertags zweimal in die Kirche, und ich tat dies gern. Ich kann mich nicht besinnen, jemals einen dieser Gottesdienste versäumt zu haben. Aber ich bin aufrichtig genug, zu sagen, daß ich trotz aller Erbauung, die ich da fand, niemals einen so unbeschreiblich tiefen Eindruck aus der Kirche mit nach Hause genommen habe wie damals aus dem Puppentheater.“

Der kleine May will von und für wirkliche Menschen schreiben, aber der weise Kantor sagt „Fange es an, wie du willst, mein Junge, so werden es doch meist nur Puppen sein, denen du deine Arbeit und dein Dasein opferst.“

„Gott, Mensch und Teufel sind meine Lieblingsthemata gewesen und geblieben, und der Gedanke, daß die meisten Menschen nur Puppen seien, die sich nicht von selbst bewegen, sondern bewegt werden, steht bei allem, was ich tue, im nahen Hintergrunde. Ob Gott, ob der Teufel oder ob ein Mensch, ein Fürst des Geistes oder ein Fürst der Waffen, das Kreuz, von dem die Fäden herunterhängen, in den Händen hält, um das Volk der Menschen zu beeinflussen, das ist niemals sofort, sondern immer nur erst später an den Folgen zu ersehen.“

Theaterauftritt, „Da wurde ich von der Frau Direktorin strahlenden Angesichtes empfangen, denn der Zuschauerraum war schon jetzt derart gefüllt, daß schnell ganz vorn noch einige 'Logen' eingerichtet wurden mit dem Preise von zehn Neugroschen pro Platz. Auch die waren rasch verkauft. Vater, Mutter und Großmutter hatten Freiplätze bekommen. Ich war eben an diesem Tage ein höchst wertvolles Menschenkind.“ Wenn das in den Augen der nahen Verwandtschaft (Vater, Mutter, Großmutter) abhängig ist von äußeren Erfolgen, von der Betrachtungsweise anderer, dann ist es schlecht ...

„In den Stücken, die ich da besuchte, forschte ich nach dem Kreuz und nach den Fäden, an denen die Puppen hangen. Ich war zu jung, sie zu finden. Das blieb einer späteren Zeit vorbehalten. Auch wollte es mir nicht gelingen, den Gott, den Teufel und den Menschen herauszufinden. Das passiert mir sogar noch heut sehr häufig, obwohl diese drei Faktoren nicht nur die bedeutendsten, sondern sogar die einzigen sind, aus deren Zusammenwirken sich ein Drama aufzubauen hat.“

In Sachen unerschütterlicher Glaube: „Wer nicht gewöhnt ist, tiefer zu blicken, der wird jetzt wahrscheinlich sagen, daß ich auch hier wieder auf einen der Punkte gestoßen sei, an denen mir ein fester Halt nach dem andern unter den Füßen hinweggenommen wurde, so daß ich schließlich seelisch ganz nur in der Luft zu schweben hatte. Es ist aber grad das Gegenteil der Fall. Es wurde mir nichts genommen, sondern viel, sehr viel gegeben, zwar kein Halt und kein Unterschlupf in der Richtung nach der Erde zu, dafür aber ein Tau, stark und fest genug, mich an ihm emporzuretten, wenn unter mir der Abgrund sich öffnen sollte“.

Wahllose Lektüre ist von verderblichem Einfluss, „In der Bibliothek des einen lernte ich Humboldt, Bonpland und alle jene 'Großen' kennen, welche der Wissenschaft mehr als der Religion vertrauen, und in der Bibliothek des zweiten alle jene andern 'Großen', denen die religiöse Offenbarung himmelhoch über jedem wissenschaftlichen Ergebnisse steht. Und dabei war ich nicht etwa ein Erwachsener, sondern ein dummer, ein ganz dummer Junge; aber noch viel törichter als ich waren die, welche mich in diese Konflikte fallen und sinken ließen, ohne zu wissen, was sie taten. Alles, was in diesen so verschiedenen Büchern stand, konnte gut, ja konnte vortrefflich sein; mir aber mußte es zum Gifte werden.“ Möglicherweise ist hier die Erkenntnis angedeutet, daß zu allem halt auch immer das Gegenteil wahr ist, wenn man so will ... es gibt eine Wahrheit und viele Meinungen.

Die Schankwirtschaft, die Leihbibliothek, es ist eine 'böse Welt' ... Stellenweise ist die Klageattitüde der Angelegenheit wenig ansprechend. Eines hat Karl May offenbar nie wirklich begriffen: daß es unangemessen ist, die 'Schuld' immer nur im Außen zu suchen ...

„Was da alles in mir zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen“, das kann sehr lehrreich und befreiend sein, wenn Maßstäbe und Weltbilder zusammenbrechen, man des-illusioniert wird ...

„Hierzu kam die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze.“ Ein ehrliches Wort. Wobei man das nicht falsch verstehen möge. Blitzgescheitheit, auch Durchtriebenheit, Berechnungs- und Einschätzungsvermögen und – Naivität schließen sich eben nicht aus ... Wie hieß es doch, nicht Einzelwesen, Drama ist der Mensch.

„Alles Positive geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen gut und bös wird immer unzuverlässiger!“ Ja, so ist das. Aber nicht unbedingt durch die Lektüre von Kolportageromanen ...

„Der Herr Kaufmann Friedrich Wilhelm Layritz, mit dem Herrn Stadtrichter gleichen Namens, aber nicht mit ihm verwandt, war ein sehr reicher und sehr frommer Mann“ und erinnert an Herrn Seidelmann aus dem „Verlornen Sohn“.

 

4. Kapitel – Seminar- und Lehrerzeit

„Keine Pflanze zieht das, was sie in ihren Zellen und in ihren Früchten aufzuspeichern hat, aus sich selbst heraus, sondern aus dem Boden, dem sie entsprossen ist, und aus der Atmosphäre, in der sie atmet. Pflanze ist in dieser Beziehung auch der Mensch. Körperlich ist er freilich nicht angewachsen, aber geistig und seelisch wurzelt er, und zwar tief, sehr tief, tiefer als mancher Baumriese in kalifornischer Erde. Darum ist kein Mensch für das, was er in seiner Entwicklungszeit tut, in vollem Maße verantwortlich zu machen. Ihm alle seine Fehler vollauf anzurechnen, würde ebenso falsch sein wie die Behauptung, daß er alle seine Vorzüge nur allein sich selbst verdanke.“

Heimatort: „Niemals in meinem Leben habe ich so viel geistige Anspruchslosigkeit beisammen gesehen wie damals.“ Nein ? Wirklich nicht ? [Hohenstein-Ernstthal ist überall ...]

„Schnaps war überall dabei; man mochte ihn nicht entbehren. Man betrachtete ihn als den einzigen Sorgenbrecher und nahm seine schlimmen Wirkungen hin, als ob sich das so ganz von selbst verstände.“ Die Thematik Alkoholmißbrauch begegnet uns ja des öfteren im Gesamtwerk, insbesondere eine eindringliche Stelle im dritten Band von „Im Lande des Mahdi“ ist in dem Zusammenhang erwähnenswert.

„Freilich gab es auch sogenannte bessere Familien, über die der Alkohol keine Macht besaß, aber die waren in ganz geringer Zahl.“

„Man kam dadurch zur immerwährenden, aber stillen Hechelei [Heuchelei], zur niedrigen Ironie, zu einem scheinbar gutmütigen Sarkasmus, welcher aber nichts Reelles an sich hatte.“ Davon frei ist das Werk Karl Mays keineswegs ... [aber ganz arg in der Richtung, wesentlich ärger als May, treibt es Thomas Mann, das kann richtig unangenehm sein, wenn man es denn bemerkt ...]

Ernstthal gleichsam als eine Art Sündenbabel ... die Welt im Kleinen ...

„Die Jugend aber, die das alles mit ansah und mit anhörte, mußte den Eindruck gewinnen, daß diese Betrügereien bewundernswerte und sehr gut lohnende Taten seien, und so ein Eindruck wird nie wieder verwischt. Mir wurde einst von einem Juristen gesagt, ich sei in einem Sumpf geboren worden. Ob dieser Herr wohl recht gehabt hat oder nicht?“ Ernstthal ist die Welt, und geändert hat sich nichts.

Batzendorf und Lügenschmiede, ebenfalls Abbilder dieser unserer Welt, wenn man so will ... wer diese 'Einrichtungen' nur als Vorbild oder Inspiration für lustige Volksfeste o.ä. benutzt, hat vermutlich nichts begriffen ...

„Der Herr Pastor war noch älter und glaubte von allem das Beste. Er sagte immer: 'Nur nicht übertreiben, nur nicht übertreiben!' Damit glaubte er, seiner Pflicht genügt zu haben.“ Nachvollziehbar ...

Der Kantor erkennt „Was man da treibt, ist alles weiter nichts als Persiflage, Ironie, Verhöhnung und Verspottung von Dingen, an deren Heiligkeit ja niemand rühren soll! Und zumal Kinder sollen so etwas nie zu sehen noch zu hören bekommen!"

„Dieses 'Batzendorf' [...] hat eine ganze Reihe von Jahren bestanden und manche stille, heimliche, doch um so bösere Wirkung gehabt. Da lockerten sich 'die Bande frommer Scheu'. [...] Wir Kinder verfolgten die Albernheiten der Erwachsenen mit riesigem Interesse und höhnten und persiflierten mit, freilich ohne uns dessen bewußt zu werden. [...] Es war eine Versumpfung, in welche nicht nur die Alten gestiegen sind, sondern wir Jungen wurden auch mit hinein geführt und haben sehr viel von unserer Kindlichkeit drin stecken lassen müssen. Dem Unbegabten schadet das weniger; in dem Begabten aber wirkt es fort und nimmt in seinem Innern Dimensionen an, die später, wenn sie zutage treten, nicht mehr einzudämmen sind.“ Das Gesamtwerk spricht beredte Bände.

„Auch die Herren von der Behörde verkehrten sehr gern in der Lügenschmiede, doch nur zu Zeiten, in denen sie sich dort allein und unbeobachtet wußten. Sie ließen sich auch einen Ulk gefallen, und oft hatte der Lügenschmied es nur ihrem Einflusse zu verdanken, daß seine oft zu weitgehenden Witze ohne unangenehme Folgen blieben.“

„Was ich über jene Falschspielergesellschaft, über 'Batzendorf' und über die 'Lügenschmiede' zu berichten hatte, sind nur einige kurze Einblicke in die damaligen Verhältnisse meiner Vaterstadt. Ich könnte diese Einblicke noch überaus erweitern und vertiefen, um nachzuweisen, daß es wirklich und wahrhaft ein sehr verseuchter Boden gewesen ist, in den meine Seele gezwungen war, ihre Wurzeln zu schlagen“. Noch einmal: Batzendorf, Lügenschmiede und Ernstthal sind überall und zu allen Zeiten. [Und noch einmal der Hinweis auf Thomas Mann, der das ebenfalls bemerkt hat ...]

„Meine Reise nach Spanien dauerte nur einen Tag. [...] Vater wußte, nach welcher Richtung hin Spanien liegt. [...] Er, der jähzornige, leicht überhitzige Mann, verhielt sich ganz anders als gewöhnlich. Seine Augen waren feucht. Er sagte mir kein einziges Wort des Zornes. Er drückte mich an sich und sagte: 'Mach so Etwas niemals wieder, niemals!' Dann ging er nach kurzem Ausruhen mit mir fort - - wieder heim.“ Diese Geschichte ist entweder wahr oder hübsch erfunden. Nachvollziehbar ist sie, authentisch wirkend, insofern kommt es nicht darauf an, ob es nun tatsächlich so war ....

„Als dann die Zeit gekommen war, stellte sich die nötige Hilfe ein, ohne aus dem Lande der Kastanien geholt werden zu müssen.“ Schön, solche Sätze, in ihrer Mischung aus (u.a. ...) Weisheit, Abgeklärtheit, Ironie, Ernst und Humor ...

„Jetzt bist du noch in Ardistan; du sollst aber hinauf nach Dschinnistan. Dieser Weg wird heut beginnen. Du hast zu steigen. Kehre dich niemals an die, welche dich zurückhalten wollen!“ soll die Großmutter gesagt haben. "Und die Geisterschmiede? Muß ich da hinein?" - "Bist du es wert, so kannst du sie nicht umgehen. Bist du es aber nicht wert, so wird dein Leben ohne Kampf und ohne Qual verlaufen.“

„Die Ueberzeugung, daß es einen Gott gebe, der auch über mich wachen und mich nie verlassen werde, ist, sozusagen, zu jeder Zeit eine feste, unveräußerliche Ingredienz meiner Persönlichkeit gewesen, und ich kann es mir also keineswegs als ein Verdienst anrechnen, daß ich diesem meinem lichten, schönen Kinderglauben niemals untreu geworden bin.“ Sehr schön und nachvollziehbar.

Aber: „Die Religionsstunden waren diejenigen Stunden, für welche man sich am allerwenigsten zu erwärmen vermochte.“ Glaube ist das eine, unverständiges theoretisches Gerede darüber das andere. „Das ging wie eine alte Kuckucksuhr; das klang alles so sehr nach Holz, und das sah alles so aus wie gemacht, wie fabriziert. Jeder einzelne Gedanke gehörte in sein bestimmtes Dutzend und durfte sich beileibe nicht an einer andern Stelle sehen lassen. Das ließ keine Spur von Wärme aufkommen; das tötete innerlich ab.“ Es gibt gewisse Jahrbücher u.a., die lesen sich teilweise ganz ähnlich.

„Dieses Seminarchristentum kam mir ebenso seelenlos wie streitbar vor. Es befriedigte nicht und behauptete trotzdem, die einzige reine, wahre Lehre zu sein. Wie arm und wie gottverlassen man sich da fühlte! Die Andern nahmen das gar nicht etwa als ein Unglück hin; sie waren gleichgültig; ich aber mit meiner religiösen Liebesbedürftigkeit fühlte mich erkältet und zog mich in mich selbst zurück. Ich vereinsamte auch hier, und zwar mehr, viel mehr als daheim. Und ich wurde hier noch klassenfremder, als ich es dort gewesen war. Das lag teils in den Verhältnissen, teils aber auch an mir selbst.“

„Man gab uns lauter Knochen; daher die geradezu schmerzende Trockenheit des Unterrichts. Aber aus diesen Knochen fügte man die Skelette der einzelnen Wissenschaften zusammen, deren Fleisch dann später hinzuzufügen war. Bei mir aber hatte sich bisher grad das Umgekehrte ereignet: Ich hatte mir zwar eine Unmasse von Fleisch zusammengeschleppt, aber keinen einzigen tragenden, stützenden Knochen dazu. In meinem Wissen fehlte das feste Gerippe. Ich war in Beziehung auf das, was ich geistig besaß, eine Qualle, die weder innerlich noch äußerlich einen Halt besaß und darum auch keinen Ort, an dem sie sich daheim zu fühlen vermochte.“

„Ich fand für die Skelette, die uns geboten wurden, damit wir sie beleben möchten, kein gesundes Fleisch in mir. [...] keiner von ihnen hätte mich verstanden“.

Im Zusammenhang mit dem Kerzendiebstahl, der hier sozusagen zum Entsorgen von Talgresten schrumpft, fällt das Wort vom "infernalischen Charakter", die Kerzen werden nicht der einzige Grund gewesen sein, daß überforderte Lehrkräfte den ihnen zurecht unheimlichen (nicht weil er per se „unheimlich“ wäre, aber für sie, die überforderten, so wirken mußte ...) so nannten. [Und damit nicht so Unrecht hatten ...]

„Ich lernte zwischen Christentum und seinen Bekennern unterscheiden. Ich hatte Christen kennengelernt, die unchristlicher gegen mich verfahren waren, als Juden, Türken und Heiden verfahren würden.“

Diese unselige Uhrengeschichte ... warum kann er denn nicht sagen „Ja, ich wußte, daß das falsch war, und nahm sie dennoch mit“ ... Aber auch so, wie die Geschichte vorgetragen wird, ist sie interessant und möglich: ein Unschuldiger wird schuldig. „Ich hatte das Gefühl, als habe mich jemand mit einer Keule auf den Kopf geschlagen.“ Davon wurden wir dann noch des öfteren im Gesamtwerk Zeuge.

„Ich beging den Wahnsinn, den Besitz der Uhr in Abrede zu stellen; sie wurde aber, als man nach ihr suchte, gefunden.“

„Ich wurde nach Chemnitz vor den Untersuchungsrichter geschafft, brachte die Weihnachtsfeiertage anstatt bei den Eltern hinter Schloß und Riegel zu und wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.“ Ein Trauma, eines von vielen. [Auch Gartow war eines.]

„Aber plötzlich stand er vor mir, mein Wohnungsgenosse, der Buchhalter.“ Ein wenig wie in einem Bild von Sascha Schneider, „Ein Wiedersehen“ ...

„Die Abgründe lagen ganz im Gegenteile nicht hinter mir, sondern vor mir. Und das Große, was ich zu lernen und zu leisten hatte, war, in diese Abgründe zu stürzen, ohne zu zerschmettern, und jenseits frei hinaufzusteigen, ohne jemals wieder zurückzufallen. Dies ist die schwerste Aufgabe, die es für einen Sterblichen gibt, und ich glaube, ich habe sie gelöst.“ Wohl wahr.

 

5. Kapitel - Im Abgrunde

Noch einmal: „Die im letzten Kapitel erzählte Begebenheit hatte wie ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag über den Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht. Und ich brach zusammen! Ich stand zwar wieder auf, doch nur äußerlich; innerlich blieb ich in dumpfer Betäubung liegen; wochenlang, ja monatelang.“

„Ich verließ die Zelle nach Beendigung meiner Haft mit derselben Empfindungslosigkeit, in der ich sie betreten hatte.“

„Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank.“

„Es bildete sich bei mir das Bewußtsein heraus, daß ich kein Ganzes mehr sei, sondern eine gespaltene Persönlichkeit, ganz dem neuen Lehrsatze entsprechend, nicht Einzelwesen, sondern Drama ist der Mensch. In diesem Drama gab es verschiedene, handelnde Persönlichkeiten, die sich bald gar nicht, bald aber auch sehr genau voneinander unterschieden.“ Das ist ja so, bei jedem, nur ist es nicht jedem bewußt ...

Das Ich: „Es besaß große Aehnlichkeit mit meinem Vater und hatte alle seine Fehler.“

„Ardistan gegen Dschinnistan“ im eigenen Innern, das ist doch gar nichts Besonderes ... „Bei mir aber hatten diese Gedanken und Regungen sich zu sichtbaren und hörbaren Gestalten verdichtet. Ich sah sie bei geschlossenen Augen, und ich hörte sie, bei Tag und bei Nacht; sie störten mich aus der Arbeit; sie weckten mich aus dem Schlafe.“

„Denn für mich ist es sicher und gewiß, daß ich ganz unmöglich bei klarem Bewußtsein gehandelt haben kann“ über eine frühe Straftat, hier muß man ihm nicht folgen, ihm nicht glauben Er bemüht sozusagen Himmel und Hölle und allerhand Dämonen, sehen wir das alles besser denn doch sozusagen ein wenig tiefer hängend.

Lobende Worte über Strafvollzug und Richter, jenun ... Mit der Unglaubwürdigkeit der davor liegenden Absätze gleichsam noch im Gepäck, kommt das nicht unbedingt ganz überzeugend herüber ... „Es gab Beamte, die ich herzlich lieb gewann, und ich bin vollständig überzeugt, daß ihre Erwiderung dieser meiner Zuneigung nicht etwa nur vorgetäuscht, sondern ehrlich und aufrichtig war.“ Das mag so gewesen sein, aber es wird auch andere gegeben haben.

Es wird dann in Sachen Strafrecht sehr konkret und sehr persönlich (die Sache mit dem „geborenen Verbrecher“ u.a.), unter dem Deckmantel des scheinbaren Verallgemeinerns; das sind Passagen, die allzu sehr aus der subjektiven Perspektive des persönlich Betroffenen daherkommen und insofern wenig überzeugend wirken.

Im Folgenden kommt er in einer Weise spießig-kleinkariert wirkend daher, die gar nicht zu ihm paßt, sodaß davon auszugehen ist, daß er das aus taktischen Gründen so geschrieben hat, „Wer höflich ist, sich den Hausgesetzen fügt und nicht dummer Weise immerfort seine Unschuld beteuert, wird nie über Härte zu klagen haben. [...] Man kann hieraus ersehen, wie fürsorglich die Verhältnisse der Gefangenen von der Direktion berücksichtigt werden. [...] Man gab mir andere Arbeit, und zwar die anständigste Handarbeit, die man hatte. [...] Diese drei Mitarbeiter waren liebe, gute Menschen. Sie arbeiteten schon seit längerer Zeit zusammen, standen bei den Vorgesetzten in gutem Ansehen [...] Nie ist ein unschönes oder gar verbotenes Wort zwischen uns gefallen. [...] Jeder einzelne war unausgesetzt bemüht, einen möglichst guten Eindruck auf seine Vorgesetzten und Mitgefangenen zu machen.“ Das ist doch nicht unser guter alter Charly, der hier spricht bzw. schreibt ... (womit nicht die Inhalte gemeint sind. Das mag ja alles so gewesen sein bzw. wäre möglich. Aber der Stil, die Art. Suspekt.)

„Meine Aufgabe war, die statistischen Ziffern zu ermitteln, sie auf ihre Zuverlässigkeit zu untersuchen, sie zusammenzustellen, zu vergleichen und dann die Resultate aus ihnen zu ziehen. Das war an und für sich eine sehr schwere, anstrengende und scheinbar langweilige Beschäftigung mit leblosem Ziffernwerk; aber diese Ziffern zu Gestalten zusammenzusetzen und diesen Gestalten Leben und Seele einzuhauchen, ihnen Sprache zu verleihen, das war im höchsten Grade interessant, und ich darf wohl sagen, daß ich da viel, sehr viel gelernt habe und daß mich diese Arbeiten in stiller, einsamer Zelle in Beziehung auf Menschheitspsychologie viel weiter vorwärts gebracht haben, als ich ohne diese Gefangenschaft jemals gekommen wäre. [...] Es sind mir da ganz eigenartige Lichter aufgegangen. Ich habe da in die tiefsten Tiefen des Menschenlebens geschaut und Dinge gesehen, die andere niemals sehen werden, weil sie keine Augen dafür haben.“

Lob des Lesens. Kuriosa; „Ein sozialdemokratischer Klempnermeister war einer langen Reihe von Erbauungsbüchern zum Opfer gefallen.“

„Sind nur die Bewohner der Strafanstalten detiniert? Ist nicht eigentlich jeder Mensch ein Gefangener? Stecken nicht Millionen von Menschen hinter Mauern, die man zwar nicht mit den Augen sieht, die aber doch nur allzu fühlbar vorhanden sind?“ Interessante Gedanken, zwischen allerhand mit Verlaub nach Schönrednerei klingendem ...

„Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemäß behaupten, daß Alles, was ich erzähle, Selbsterlebtes und Miterlebtes sei. Aber ich mußte diese Sujets hinaus in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen“ ...

„Das Märchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen, ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe dringt.“

„Darum werden viele meine Werke entweder nicht oder falsch verstehen, aber das soll mich ja nicht hindern, zu tun, was ich mir vorgenommen habe.“

„Wie nun, wenn man diese Imagination nicht verstand und dieses "Ich" also nicht begriff? Wenn man glaubte, ich meine mich selbst?“ Lieber Karl May, Du meintest schon Dich selbst, es ist nicht zu leugnen ...

„Wie ich stets, seitdem ich lebte, abgesondert und einsam gestanden hatte, so war ich schon damals überzeugt, daß auch mein Weg als Literat ein einsamer sein und bleiben werde, so weit mein Leben reiche. Was ich suchte, fand sich nicht im alltäglichen Leben. Was ich wollte, war etwas dem gewöhnlichen Menschen vollständig Fernliegendes.“

„Für alle Fälle aber hielt mich mein Ideal fest, am Abende meines Lebens, nach vollendeter Reife, ein großes, schönes Dichterwerk zu schaffen, eine Symphonie erlösender Gedanken, in der ich mich erkühne, Licht aus meiner Finsternis zu schöpfen, Glück aus meinem Unglück, Freude aus meiner Qual.“

„Von der Lungwitzer Höhe aus schaute ich über das Städtchen hin. Da schlängelten sich vor meinen Augen die Wege, die ich damals so oft gegangen war“ ... In der einen oder anderen der „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ finden wir dies wieder.

Die Großmutter „war nicht eigentlich krank gewesen; sie war nur so hingeschwunden, vor Gram und Leid um - - - mich!“ Auch hier, es kann einem passieren daß man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, kreist er noch um sich selbst ...

„Wenn ich etwas Gewöhnliches schrieb, stellte sich nicht die geringste Hinderung ein. Sobald ich mir aber ein höheres Thema stellte, eine geistig, religiös oder ethisch wertvollere Aufgabe, wurden Gewalten in mir rege, die sich dagegen empörten und mich dadurch hinderten, meine Arbeit zustande zu bringen, daß sie mir, wahrend ich schrieb, die trivialsten, blödesten oder gar verbotensten Gedanken dazwischenwarfen.“

Hinweis auf Probleme mit Alkohol; kein Vertrauen seitens der Mutter.

„Ich war allein und griff mir mit beiden Händen nach dem Kopfe. Ich fühlte da ganz deutlich die dicke Lehm- und Häckselschicht. Dieser Mensch, der da stand, war doch nicht etwa ich? An den die eigene Mutter nicht mehr glaubte?“

"Ich betone hier ein für allemal, daß es für mich keinen Zufall gibt. Das weiß ein jeder meiner Leser. Für mich gibt es nur eine Fügung.“

Dankbarkeit für Kochta.

 

Sechstes Kapitel – Bei der Kolportage

„Es war ausgestanden. Ich kehrte heim“ usw., es klingt allerhand allzu gefällig. Und unglaubwürdig. Er beschönigt Dinge ganz bewußt.

Der Beginn bei Münchmeyer ... Es klingt alles so recht nach dem Geschmack kleiner Geister ... für die ist es offenbar auch so geschrieben. May kann auch ganz anders, und das ist auch gut so.

Daß er auf Emma Pollmer hereinfiel, wird kräftig „überhöht“, „Sie erschien mir von ihren Freundinnen ganz verschieden. Hinter den Gestalten der Letzteren sah ich keine Spur von Geist und nur einen Hauch von Seele. Hinter der Pollmer aber lag psychologisches Land, ob Hoch- oder Niederland, ob Wüste oder Fruchtbarkeit, das konnte ich nicht unterscheiden, aber Land war da; das sah ich deutlich, und es entstand der Wunsch in mir, dieses Land kennen zu lernen.“

„Ich frage nicht, ob ich mich durch diese Aufrichtigkeit blamiere; meine Pflicht ist, die Wahrheit zu sagen, weiter nichts.“ Er blamiert sich indes durch Unaufrichtigkeit ... Ob Vorstrafen, Eheschließung, Kolportagezeit,was immer es sei, grundsätzlich ist er ganz unschuldig da hineingeschlittert, 'schuld' waren immer die 'bösen Anderen' ... Das mißfällt.

„Ich hatte einsehen müssen, daß es für mich kein anderes Glück im Leben gab, als nur das, welches aus der Arbeit fließt“ vermag indes wieder zu überzeugen. „Dieser ruhelose Fleiß ermöglichte es mir, zu vergessen, daß ich mich in meinem Lebensglück geirrt hatte und noch viel, viel einsamer lebte, als es vorher jemals der Fall gewesen war.“

 

Siebtes Kapitel – Meine Werke

„Der Schah ist aber Gott [...] Uebrigens ist der Ustad kein Anderer als Karl May [...] Ich erzähle also rein deutsche Begebenheiten im persischen Gewande“. So ist es. „Wer guten Willens ist und nicht mit unbedingt feindlicher Absicht an das Lesen meiner Bücher geht, wird ohne Weiteres finden, daß ihr Inhalt fast nur aus Gleichnissen besteht.“ Das findet nicht jeder „ohne Weiteres“, aber es ist so.

„Und dieser Hadschi ist meine eigene Anima, jawohl, die Anima von Karl May! Indem ich alle Fehler des Hadschi beschreibe, schildere ich meine eigenen und lege also eine Beichte ab, wie sie so umfassend und so aufrichtig wohl noch von keinem Schriftsteller abgelegt worden ist.“ Auch das ist so. In diesem Kapitel ist Karl May [zunächst] wesentlich näher an der Wahrheit als im vorangegangenen.

„Denn dieses Karl-May-Problem ist auch ein Gleichnis. Es ist nichts Anderes, als jenes große, allgemeine Menschheitsproblem, an dessen Lösung schon ungezählte Millionen gearbeitet haben, ohne etwas Greifbares zu erreichen.“

„Wie man bei einem geistig und seelisch so bedeutsamen, ja schweren Inhalte meine Bücher als "Jugendschriften" und mich als "Jugendschriftsteller" bezeichnen kann, würde unbegreiflich sein, wenn man nicht wüßte, daß Alle, die diesen Fehler begehen, sie entweder nicht begriffen oder überhaupt nicht gelesen haben.“

„Früher lobte man mich; jetzt tadelt man mich. Das ist so Mode geworden und wird, wie jede Mode, sich wieder in das Gegenteil verkehren. Aber diese Mode ist nicht nur Mode, sondern Mache!“ So ist es mit allerhand ...

Gegen Pöllmanns Vorwürfe in Sachen Plagiate bemüht er Goethe und andere, laviert herum, anstatt einfach zuzugeben, daß er halt ab und zu plagiiert hat ...

„Schreibt für die große Seele! Schreibt nicht für die kleinen Geisterlein, für die Ihr Eure Kraft verzettelt und verkrümelt, ohne daß sie es Euch danken. Denn gebt Ihr Euch noch so viel Mühe, ihren Beifall zu erringen, so behaupten sie doch, es besser zu können als Ihr, obgleich sie gar nichts können!“

„Die Wahrheit ist, daß ich auf meinen Stil nicht im Geringsten achte. Ich schreibe nieder, was mir aus der Seele kommt, und ich schreibe es so nieder, wie ich es in mir klingen höre. Ich verändere nie, und ich feile nie. Mein Stil ist also meine Seele, und nicht mein "Stil", sondern meine Seele soll zu den Lesern reden. Auch befleißige ich mich keiner sogenannten künstlerischen Form. Mein schriftstellerisches Gewand wurde von keinem Schneider zugeschnitten, genäht und dann gar gebügelt. Es ist Naturtuch. Ich werfe es über und drapiere es nach Bedarf oder nach der Stimmung, in der ich schreibe. Darum wirkt das, was ich schreibe, direkt, nicht aber durch hübsche Aeußerlichkeiten, die keinen innern Wert besitzen. Ich will nicht fesseln, nicht den Leser von außen festhalten, sondern ich will eindringen, will Zutritt nehmen in seine Seele, in sein Herz, in sein Gemüt.“

„Ich habe ein einziges Mal etwas künstlerisches schreiben wollen, mein "Babel und Bibel". Was war die Folge? Es ist als "elendes Machwerk" bezeichnet und derart mit Spott und Hohn überschüttet worden, als ob es von einem Harlekin oder Affen verfaßt worden sei. Da weicht man zurück und wartet auf seine Zeit. Und diese kommt gewiß.“ Nein, sie kommt nicht ... Das hat Sascha Schneider klar und deutlich gesehen, im Gegensatz zu May ... [als er z.B. von „Rindviechern und Idioten“ schrieb, für die May der „Indianer-May“ sei und bleibe, und mit denen sich abzugeben müßig sei. Es gibt kaum andere ...]

 

Achtes Kapitel – Meine Prozesse

„Nicht Einzelwesen, Drama ist der Mensch.“ Ein Kernsatz zu Karl May und seinem Werk ...

„Ich habe Korrekturen und Kürzungen nie geduldet. Der Leser soll mich so kennen lernen, wie ich bin, mit allen Fehlern und Schwächen, nicht aber wie der Redakteur mich zustutzt.“

„Keine helfende Hand, kein warmer Blick, kein aufmunterndes Wort; ich stand innerlich allein, allein, allein, wie stets und allezeit.“ Das ist glaubhaft ... zwischen allerhand anderem, zu dem man das nicht sagen kann.

„Fischer bezeugte mir damals öffentlich in den Zeitungen, daß die unsittlichen Stellen meiner Münchmeyerromane nicht aus meiner Feder stammen, sondern von dritter Hand hineingetragen worden seien.“ Woher soll Fischer das gewußt haben ... Staberow hat kritische Stellen entfernt, nicht hineingeschrieben.

Daß in Bezug auf Lebius zum wiederholten Male die Formulierung „der aus der christlichen Kirche ausgetretene“ auftaucht, macht keinen guten Eindruck ...

„Wer am meisten zahlt, der hat uns!“ Nicht nur eine Maxime des Lebius, auch eine Karl Mays ... Der katholische „Hausschatz“ bekommt Erbauliches, und anschließend der Kolportageverleger über Jahre Mord- und Totschlag in teilweise übelster Manier ...

In Lebius bekam Karl May einen seiner zahlreichen Spiegel vorgehalten ... so wie wir alle im Außen immer uns selber begegnen ... Karl May hat das nur leider offenbar nicht erkannt. Oder [in Bezug auf Lebius] nicht zugegeben.

Das Weitere in diesem unerfreulichen Kapitel mag man bei erneuter Lektüre nur noch überfliegen.

In Sachen Dittrich: „Selbst angenommen, daß die von Lebius angegebenen Punkte alle auf Wahrheit beruhten, so liegt doch wohl für jeden nur einigermaßen gebildeten und nicht verrohten Menschen die Frage nahe, ob die Veröffentlichung solcher Dinge gesetzlich resp. preßmoralisch statthaft sei.“ ...

 

Neuntes Kapitel – Schluß

Der selbstmitleidig-pathetische Beginn des Kapitels sei übergangen. Wer wirklich so tief leidet, der macht nicht so ein Aufhebens davon.

„Das Karl May-Problem ist, wie das Problem jedes andern Sterblichen, ein Menschheitsproblem im Einzelnen.“

„Die Vielen stellen Menschheitsteile, diese Wenigen aber stellen Menschheitsbilder dar. Die Vielen können ihren engen Kreis sauber halten; sie sind Dutzendmenschen; sie können sogar als Mustermenschen erscheinen. Den Wenigen aber ist die Tugend und die Sünde, die Reinheit und der Schmutz der ganzen Menschheit in gleichem Verhältnisse wie dieser zugeteilt; sie können berühmte Feldherren oder rohe Mörder, große Diplomaten oder berüchtigte Schwindler, segensreiche Finanzgenies oder niedrige Taschendiebe, niemals aber Mustermenschen werden. Ihnen ist nicht das wohltuende Glück der unbewußten Mittelmäßigkeit beschieden.“ Das ist sehr klar gesehen.

„Habe ich in diesem Buche einmal zu hart oder scharf gesprochen, bin ich unbillig oder unfügsam gewesen, so war dies keineswegs beabsichtigt oder gewollt, sondern die immer noch nicht ganz überwundene Anima ist es gewesen, die es mir diktierte. So lange sich der Mensch im Niedrigen bewegt, und das mußte ich in dieser meiner Lebensbeschreibung doch mehr als reichlich tun, hat das Niedrige Macht über ihn“, wir haben es bemerkt.

Unter den Gerlach-Zitaten findet man kein nicht zutreffendes ...

Zwischendurch immer mal wieder bemerkenswerte Sätze, „Ich bin vor nun vierzig und fünfzig Jahren unfreiwillig da hinunter gestiegen, wo die Verachteten wohnen, denen es so schwer gemacht wird, sich die ihnen geraubte Achtung zurück zu erwerben. Ich habe sie kennen gelernt, und ich weiß, daß sie nicht weniger wert sind, als alle die, welche nur deshalb niemals stürzten, weil sie entweder niemals hoch standen oder nicht die nötige innere Freiheit besaßen, stürzen zu können.“

„Wir fielen durch uns selbst. Und sehen wir das ein, so können wir uns selbst verzeihen“ ... Warum nur hält er sich in diesem Buch nicht daran ...

„Es sind nur Andeutungen, die ich hier gebe. Wie alles Bisherige, so kann auch dieses einstweilen nur Skizze sein.“

„Das war die Geisterschmiede meines Märchens, in der man auf mich losschlug, daß die Funken durch alle Zeitungen flogen. Sie fliegen sogar noch heut. Doch wird bald Ruhe werden. Die Zeit des Hammers ist vorüber; es kommt nur noch die Feile, und dann ist es gut.“  Warum also lamentieren ...

„Alles, was mich in die Schmiede und dem Schmerze in die Arme getrieben hatte, mußte weichen. An seine Stelle trat, was rein und ehrlich war und mit nach oben strebte, aus Ardistan nach Dschinnistan“ ...

„Zeitungsstürme, Stürme in den Gerichtssälen, Stürme im eigenen Hause und Stürme im eigenen Innern“ hat er hinter sich.

Lob der Klara, „Mit einer solchen Frau an der Seite, die mir eine Quelle alles menschlich Reinen, menschlich Edeln und menschlich Ewigen ist, läßt sich in Beziehung auf das Erdenleid Alles erlangen und in Beziehung auf die noch vor mir liegende Arbeit Alles leisten, was menschenmöglich ist.“

„Ich bin nicht töricht genug, mir zu verheimlichen, daß man mich als einen Ausgestoßenen betrachtet, ausgestoßen aus Kirche, Gesellschaft und Literatur. Der Eine schlägt auf mich los, weil er mich für einen verkappten Katholiken oder gar Jesuiten halt; der Andere greift zum Prügel, weil er meint, ich sei noch immer heimlich Protestant. [...] Daß man mich als gesellschaftlich tot betrachtet, rührt mich nicht. Ich habe nicht den geringsten Grund, partout zu der Gesellschaft gehören zu wollen, die ich in meiner Leidenszeit gezwungen war, kennen zu lernen. Uebrigens haben wir beide alten Leute, meine Herzensfrau und ich, in Beziehung auf das Innenleben aneinander so vollauf genug, daß wir es gar nicht fertig bringen, uns nach "Gesellschaft" zu sehnen.“ Sehr nachvollziehbar ...

„Damals, als ich mich im Gefängnisse befand, da war ich frei. Da lebte ich im Schutze der Mauern. Da meinte es ein Jeder gut und ehrlich, der zu mir in die Zelle trat. Da durfte mich niemand berühren. Da war es keinem erlaubt, den Werdegang meines inneren Menschen zu stören. Kein Schurke hatte Macht über mich. Was ich besaß und was ich erwarb, das war mein sicheres, unantastbares Eigentum, bis ich - - entlassen wurde, länger nicht! Denn mit dieser Entlassung verlor ich meine Freiheit und meine Menschenrechte. Was andere, die nur materiell zu reden wissen, als Freiheit bezeichnen, das ist für mich ein Gefängnis, ein Arbeitshaus, ein Zuchthaus gewesen, in dem ich nun schon sechsunddreißig Jahre lang geschmachtet habe, ohne, außer meiner jetzigen Frau, einen einzigen Menschen zu finden, mit dem ich hätte sprechen können wie damals mit dem unvergeßlichen katholischen Katecheten.“ Eine ebenso ergreifende wie sehr nachvollziehbare Stelle.

„Ich zürne Euch nicht, denn ich weiß, es mußte so sein. Es war meine Aufgabe, alles Schwere zu tragen und alles Bittere durchzukosten, was es hier zu tragen und durchzukosten gibt; ich habe das nun in meiner Arbeit zu verwenden. Ich bin nicht verbittert, denn ich kenne meine Schuld. Und was andere gezwungen an mir taten, das trage ich nicht nach.“ Wenn es so wäre, hätte er dieses Buch anders geschrieben ...

Ein teilweise leider unerfreuliches Werk.

 

 

MEINE BEICHTE

„Ich bin der Sohn blutarmer Webersleute“ –

das ist einer dieser Sätze, die man ggf. nicht mehr vergißt.

Der Satz steht gleich als erster nach der Überschrift „Meine Beichte“. Daß der unvergleichliche Held aus den ersten Orient- und Winnetou-Bänden das so schrieb, kann einen [jungen Menschen noch ohne weitergehende Kenntnisse] erschüttern, wenn man spürt, was dahintersteht, mitschwingt.

Zu einem Satz wie „Es soll mich keine Polizeiaufsicht aus dem zeitlichen Gefängnisse hinüber in die ewige Freiheit begleiten“ ein Zitat von Peter Wapnewski aus anderem Zusammenhang: „Wer (das) ... ohne Erschütterung an sich vorübergehen lassen kann, dem ist nicht zu helfen“.

 

 

OFFENER BRIEF an den Haupt-Redakteur der 'Kölnischen Volkszeitung' Herrn Dr. phil. Hermann Cardauns

Leider erscheint Karl May in der Auseinandersetzung um seine Kolportage-Romane von einer abstoßenden, peinlich wirkenden Verlogenheit.

„Abgrundtief unsittlich“ nannte Hermann Cardauns die Kolportageromane, das ist natürlich eher albern, aber von dieser unglücklichen Formulierung abgesehen hat er ja in einem völlig recht: Karl May zeigte sich – zu gleicher Zeit ! – von zwei gänzlich verschiedenen Seiten, der katholisch-frömmelnde „Hausschatz“ erhielt Erbauliches, der Kolportage-Verleger ‚Sex & Crime‘, Mord- und Totschlag teilweise übelster Art.

Schauen wir uns die Gewalt-Orgien im „Waldröschen“ an, und die (Liebes-) Moral im „Verlornen Sohn“ mal ganz genau, bei Münchmeyer zeigt sich Karl May wirklich von ganz anderem Zuschnitt als in den Reiseerzählungen. Ganz unabhängig von irgendwelcher moralischen Wertung, darum geht es nicht, aber die Haltung des Erzählers in Reiseerzählungen hier und Kolportage dort ist eine gänzlich andere, darum kommt man nicht herum, und da hat Cardauns völlig Recht.

Und so können Karl Mays fadenscheinige Verteidigungsreden hier (und oft auch in anderen Texten) in keiner Weise überzeugen.

 

DIE SCHUND- UND GIFTLITERATUR UND KARL MAY, IHR UNERBITTLICHER GEGNER

Franz Langer galt lange Zeit als Pseudonym Mays, bis man dahinter kam, daß es Langer wirklich gab. Nun gilt der Text als nicht mehr als von May verfasst, was freilich nicht einleuchten muß. Karl May hat ja z.B. auch einen Text unter dem Namen seines Freundes Plöhn veröffentlicht, und selbst wenn man einwendet, dass er dem zweifelsohne näher gestanden habe als dem Herrn Langer: warum soll er denn nicht einfach einen passenden Namen benutzt haben, der sich gewissermaßen anbot. Das ist alles Spekulation und müßig obendrein, schon recht. Schauen wir uns halt den Text an.

Was begegnet einem denn da schon auf den ersten Seiten. Wer schreibt so aggressiv, so bös’, so einseitig parteiisch und undifferenziert. Und wer schreibt so schöne Vergleiche wie den mit dem Selters- und dem Quellwasser ...

Und dann folgen so schöne, so zutreffende Dinge, über die Seele, die des Verfassers und die des Lesers, über Schwingung, über das Unzureichende des Geistes, einem Oberlehrer Franz Langer nicht unbedingt zuzutrauen ...

Karl May (nennen wir den Autor dieses Textes der Einfachheit halber nun so, man möge verzeihen) begeht anschließend den allzu menschlichen Fehler, die simple Tatsache, dass er in der Tat bessere und schönere Kolportage geschrieben hat als so viele andere, als Absicht, als edles Motiv usw. zu verkaufen. Sehen wir es etwas nüchterner. Was er anfasst, wird halt gleichsam vergoldet, und wenn er Kolportage schreibt, auch ganz ohne hehre Motive, dann kommt halt wesentlich Schöneres dabei heraus, als wenn ein anderer das tut.

Was Karl May anschließend über Motive, über „Sinn“ und „Zweck“ seiner Werke schreibt, das glauben ihm einige namhafte Herrschaften heute noch, und er selber glaubte das im Alter zumindest teilweise selber, aber man muß es nicht glauben. Er hat geschrieben, was es ihn drängte aufzuschreiben, und da war von Profanstem bis zu letzten, heiligen Dingen alles dabei. Vielleicht ganz ohne Sinn und Zweck.

Am Ende werden zwanzig neue May-Bände angekündigt, zehn von Winnetou und zehn von Kara Ben Halef, dem Scheik der Haddedihn. Über Karl Mays Pläne scheint Oberlehrer Franz Langer außerordentlich gut informiert gewesen zu sein.

*

Nach erneuter Lektüre des Artikels von Hermesmeier und Schmatz in den "Karl-May-Welten": es spricht doch allerhand dafür, Langer als Autor anzunehmen, und es liegt wirklich nahe. Einen wirklichen Beweis gibt es letzten Endes nicht.

 

ZEUGENAUSSAGE FÜR KLARA MAY

Enthält noch einmal die aus dem "Lebius"-Text sattsam bekannten Einzelheiten zum Waschen schmutziger Wäsche, mehr oder weniger nur umformuliert und der Gemahlin in den Mund gelegt. Das konnte May ganz gut, mal so, mal so schreiben. Er konnte sich nicht nur an Verlegerwünsche bestens anpassen, sondern sich auch in verschiedenen Arten von Sprach-Gestus mitteilen.

 

ZUR ABWEHR

Unerfreuliches und in keiner Weise überzeugendes Manuskript, für die Münchmeyer-Prozesse vorgesehen. Zum x-ten Mal geht es um das Thema der Veränderung der Kolportageromane durch Dritte, sowie unterbliebene Honorarzahlungen.

Gebetsmühlenartig weist Karl May immer wieder, in diesem wie zahllosen anderen Texten, auf die „sittlich reinen“ dreißig Bände Reiseerzählungen hin, als Argument dafür, er habe in dieser Hinsicht stets über allen Zweifel erhaben geschrieben. Daß das auch in nicht unerheblichem Maße auf Wunsch seiner Verleger geschah, hat er dabei vergessen zu erwähnen. Mit den Schlüpfrigkeiten, die er vermutlich auch gerne gelegentlich mal von sich gegeben hätte (wie er es in der Kolportage ja auch tat) hätte er beim „Deutschen Hausschatz“ oder auch anderen Marienkalender-Herausgebern halt kein Bein auf die Erde gekriegt.